Von Otto Rühle.
Im Oktober 1905 erkrankte in einer Volksschule Meißens ein 13jähriges Mädchen unter eigenartigen Umständen: es zitterte am ganzen Körper und klagte über ziehende, reißende Schmerzen. Der herbeigezogene Arzt erklärte, die Sache sei nicht schlimm, daher setzte das Mädchen den Schulbesuch fort. Bald verfielen mehrere Kinder dem Zittern und im Januar 1906 mußten 66 Erkrankte vom Schulbesuch ausgeschlossen werden. In den besonders stark gelichteten Mädchenklassen fiel der Unterricht ganz aus. Der Arzt, der den vereinzelten Kranheitsfall als ungefährlich angesehen, hatte sich getäuscht; wäre ihm die Geschichte der hysterischen Schulepidemien gegenwärtig gewesen, hätte er sicher eine andere Haltung beobachtet. Nun war nichts mehr zu ändern und zu retten: Meißen hatte seine hysterische Epidemie. Bis gegen Ende Februar 1906 waren 134 Kinder als krank gemeldet, so daß 24 Schulklassen auf drei Wochen geschlossen werden mußten. Darauf ließ die Verbreitung der Krankheit etwas nach, um jedoch nach Wiederaufnahme des Unterrichts sofort von neuem um sich zu greifen. 78 Rückfälle traten ein, so daß verschiedene Klassen abermals auf 8 Tage nach Hause geschickt werden mußten. Diese Maßregel genügte aber nicht; im März hatte die Zahl der Erkrankten die Höhe von 237 erreicht. Dann erst trat ein stetiger Rückgang ein bis auf 5 Fälle am 17. Mai. Hierauf hat die Epidemie über ein halbes Jahr geruht; im Januar 1907 kam es zu 35 Erkrankungen, die sich aber nach und nach verloren haben. Seitdem ist die Zitterkrankheit in Meißen erloschen.
Das Krankheitsbild, das die sonderbare Epidemie bot, war, wenn auch nicht neu, so doch eigenartig. Nach Mittheilungen des Meißener Lehrers Dix (Ueber die hyst. Epidemien an deutschen Schulen, Beyer u. Sohn, Langensalza) wurde bei allen Kindern ein kurzschlagiges Zittern beobachtet, das in einzelnen Fällen den ganzen Körper — auch die Muskulatur des Rumpfes — in vielen anderen Arme und Beine, in einer großen Anzahl nur den rechten Arm befiel. In einem Falle trat das Zittern so heftig auf, daß das Kind, ein vierzehnjähriges Mädchen, vor Schmerzen weinte. Sehr häufig trat das Zittern ohne Schmerzen ein; in anderen Fällen klagten die Kinder über vorausgehende Schmerzen, namentlich der Beine, in einer größeren Zahl von Fällen auch der Augen. Teilweise wurden veitstanzähnliche Zuckungen der Gesichtsmuskulatur beobachtet. Die Dauer der Anfälle war verschieden. Etliche währten minutenlang, andere auch einige Stunden. Bei etlichen Kindern traten täglich mehrere auf, bei anderen fanden während der Woche ein bis zwei Anfälle statt. Besondere Beachtung verdient, daß die Anfälle sich regelmäßig in der Schule einstellten. Kinder, die zu Hause nicht mehr zitterten, fingen sofort wieder an, sobald sie in die Schule kamen. Die Epidemie war demnach zweifellos auch ihren Ursachen nach, von denen noch die Rede sein wird, eine Schulepidemie. Das Zittern befiel Kinder aus allen Lebenskreisen, starke und schwächliche, vom 7. bis 14. Lebensjahre, vorwiegend Mädchen.
Die Auslösung der Anfälle wurde durch mancherlei Momente bewirkt, in der Hauptsache waren dies: der Anblick einer zitternden Mitschülerin, Angst, Schreck, Anstrengung im Turnen, Schreiben, Zeichnen und bei den Handarbeiten. Daß tatsächlich der Anblick eines zitternden Kindes eine sofortige Infektion zur Folge hatte, bewies ein Fall in Fischergasse bei Meißen, wo ein Knabe, der auf einem Besorgungsgange ein zitterndes Mädchen beobachtet hatte, sogleich nach seiner Rückkehr ins Elternhaus ebenfalls zu zittern begann. Man isolierte ihn sofort und der Ausbruch der Epidemie an der Schule in Fischergasse wurde dadurch verhindert.
Leider war die Zweckmäßigkeit der Isolierung als heilender und vorbeugender Maßnahme in Meißen nicht rechtzeitig genug erkannt worden, obwohl die psychiatrische Erfahrung in dieser Hinsicht äußerst wertvolle Materialien an die Hand gibt. Allein die Geschichte der hysterischen Schulepidemien ist lehrreich genug, reicht sie doch mit zuverlässigen Einzel-Angaben über die große Anzahl der Fälle bis ins 13. Jahrhundert zurück. Wie Weygand (Beitrag zur Lehre von den psychischen Epidemien, Marhold, Halle a. S.) berichtet, erkrankten bereits 1237 in Erfurt 100 Kinder psychisch, 1278 in Utrecht etwa 200, 1374 herrschte in Aachen und 1518 in Straßburg eine Tanzwutepidemie; die Kranken schickte man nach Zabern zu einer dem heil. Vitus geweihten Kapelle, wonach der Name Veitstanz gebildet worden ist. Vom Jahre 1670 wird aus dem Waisenhause zu Horn von einer psychischen Epidemie berichtet. Hölschers Annalen von 1839 verzeichnen ebensolche Erkrankungen in den Waisenhäusern zu Emden, Eisenach, Neuhütten bei Weinsberg, in einer Schule im Regierungsbezirk Minden ꝛc., wobei es sich um 3 bis 14 Fälle handelte. Im Armenhause zu Haarlem, im Waisenhause zu Mailand und in einer Erziehungsanstalt in Schottland wurden ähnliche Erkrankungsfälle beobachtet. Immer waren Mädchen die Opfer der Epidemien. 1870 stellte Magnau in der Mädchenschule in Gentilly eine Epidemie fest und 1887 trat eine solche in Schwanheim bei Höchst a. M. auf. Aus neuerer Zeit datieren noch genauere Angaben. 1891 erkrankten in der kleinen Baseler Mädchensekundarschule 62 Kinder an hysterischer Choren (Veitstanz); die Epidemie erlosch erst 1894, um zehn Jahre später wiederzukehren; diesmal wurden 27 Schülerinnen vom Zittern befallen, innerhalb vier Wochen aber durch rein pädagogische Behandlung geheilt. 1892 beobachtete man in der Römerschule in Stuttgart eine ähnliche Erkrankung von 25 Mädchen, die ebenfalls infolge psychischer Einwirkung in kurzer Zeit wieder gesundeten. Auch in der Volksschule in Biberach erkrankten 1891 rasch nacheinander 13 Mädchen, in Groß-Tinz bei Liegnitz stellte sich 1892 in der Volksschule die Zitterkrankheit ein, von der 20 Mädchen befallen wurden, im Dorfe Wildbad übertrug sich der Veitstanz in kurzer Zeit auf 26 Mädchen; teilweise war das Zittern und Muskelzucken mit Krämpfen und Schlafzuständen, vereinzelt auch mit Verlust des Gedächtnisses verbunden. Ferner sind psychische Epidemien beobachtet worden in Schulen zu Neuwied, Zürich, Wien, Braunschweig, wo 42 Mädchen erkrankten, usw. Die zahllosen Tanz-, Kloster-, Prediger-, Geißler- und Besessenheitsepidemien, von denen nicht bloß größere Kreise von Menschen, sondern sogar ganze Dörfer und Distrikte befallen worden sind, sollen hier unerwähnt bleiben, da sie aus dem Rahmen des Behandlungsthemas fallen würden, wenn sie auch sachlich in diesen Zusammenhang gehören. Nach der Meißener Zitterkrankheit ist noch eine hysterische Epidemie in leichter Erscheinungsform in einer Leipziger Volksschule konstatiert, durch rasches und zielsicheres Eingreifen aber im Keime erstickt worden.
Der Umstand, daß die Zitterkrankheit und die ihr verwandten Epidemien auf dem Wege suggestiver Einwirkung zu heilen sind, ist für die Ausfindung und Konstatierung der Krankheitsursachen von entscheidender Bedeutung. Durch ernsten, festen Zuspruch kann, wie Beispiele beweisen, der Wille des Kindes so gestärkt werden, daß sich das Zittern verliert. Auch die Ueberrumpelungsmethode und die Methode zweckmäßiger Vernachlässigung führen oft rasch zum Ziele. Der strenge Befehl, sofort mit der Dummheit aufzuhören, hatte bei einem Knaben auf der Stelle die Beendigung des Zitteranfalles zur Folge. Ein anderer stellte das Zittern ein, als er sah, daß er damit bei Lehrern wie Mitschülern keine Beachtung fand. In allen Fällen, bei denen durch Fremd- oder gesteigerte Autosuggestion in zweckmäßiger Weise auf erkrankte Kinder eingewirkt wurde, ergaben sich rasche und sichere Heilerfolge. Diese Suggestibilität ist ein Hauptmerkmal der Hysterie; die Krankheit charakterisiert sich demnach als hysterisches Zittern, hysterische Chorea. Dr. Ammer-Basel hat ihr den wissenschaftlichen Namen Tremor hystericus gegeben.
Für die Entstehung der Krankheit kommen offenbar zwei Arten von Ursachen in Betracht: grundlegende und auslösende. Erstere sind zu suchen in erblicher neuropathischer Belastung, vor allem aber in schlechten Ernährungsverhältnissen, ungünstigen sozialen Lebensbedingungen der Kinder und daraus resultierender Blutarmut, schwächlicher Körperkonstitution und Tuberkulose. Kinder proletarischer Eltern, „die mit den Bedürfnissen des menschlichen Lebens, zum Teil mit der Not schon früh Bekanntschaft gemacht haben“, werden sonach für psychische Epidemien besonders disponiert sein, in erhöhtem Maße noch im Rausch erzeugte, mit krankhaft gesteigerter Phantasie begabte und frühzeitig sexuell erregte Kinder, dabei immer mehr Mädchen als Knaben.
Die auslösenden Ursachen liegen im Affektleben der Kinder und ergeben sich vorzugsweise aus den mannigfachen starken und nachhaltigen Einflüssen, die das Schulleben auf die Psyche des Kindes ausübt. Die psychischen Kinderepidemien sind daher fast ausschließlich Schulepidemien, und die Zitterkrankheit ist eine Schulkrankheit, genau so, wie die Rückgratverkrümmung und die Kurzsichtigkeit, das nervöse Stottern und der Veitstanz. Der Unterricht mit seiner Ueberbürdung des kindlichen Gehirns zu einer Zeit, in der dieses noch gar nicht zur Reife gediehen ist, das geisttötende Auswendiglernen und die öde Drillerei der Lernschule, die einseitige Inanspruchnahme des Intellekts und gänzliche Vernachlässigung der motorischen Bedürfnisse des Kindes, die sinnlose Religionspaukerei und Eintrichterung unverständlicher und unverdaulicher Vorstellungen und Begriffe, der Unteroffizierston zahlreicher Schuldespoten im Verkehr mit den Kindern, die Hausaufgabenplackerei, die straffe Schuldisziplin, die in stundenlanger körperlicher Unbeweglichkeit und Passivität die erste Vorbedingung einer gedeihlichen Erziehung erblickt, schaffen die Gelegenheitsursachen für psychische Schulepidemien. „Uebereifrige Lehrer oder Lehrerinnen“, sagt Prof. Binswanger, „haben nicht selten den Ehrgeiz, geistig geringer begabte, bald geistig schwerfällige, bald auffallend zerstreute Kinder durch vermehrte Anspannung ihrer Kräfte (Nachhülfestunden, gehäufte Hausaufgaben) anzutreiben, um mit aller Gewalt bessere Leistungen zu erzielen. Außer dem gegenteiligen Effekt, nämlich dem der Dauerermüdung und dem hieraus entspringenden Sinken der intellektuellen Leistungsfähigkeit werden nur allzuoft schlummernde oder nur gering entwickelte krankhafte Vorgänge auf affektivem Gebiete wachgerufen und verstärkt.“
Wer sich seiner eigenen Schulzeit noch genau erinnert oder das Schulleben seiner Kinder sorgfältig beobachtet, wird wissen, welche große Rolle Schreck, Angst, Furcht vor dem Lehrer, Verwirrung, nervöse Reizbarkeit usw. im Leben des Kindes spielen. „Wenn ich an das Schulleben der Kinder denke,“ äußert sich der Meißner Lehrer Dix, „muß ich davor warnen, Kinder auf irgend eine Art zu erschrecken. Das heftige Schlagen mit Stock oder Lineal aufs Pult, um die Kinder zur Ruhe oder Aufmerksamkeit zu bringen, ist höchst gefährlich. Auch sollte man träumerische Kinder nicht durch plötzliches scharfes Anrufen zu ‚wecken‘ suchen. Die Weckung ist aus physiologischen Gründen eine viel stärkere, als vermutet wird.“ Andere Seiten des kindlichen Gemüts- und Affektlebens berührt Oppenheim, indem er schreibt: „Wieviel Zustände der Verwirrung, Angst und Furcht vor dem Lehrer macht doch das Kind während der Schulzeit durch! Das Zusammenleben der Kinder führt oft zu ganz ausgeprägten Fällen von Neid auf Kameraden, der sich zum heftigsten Zorn und Haß steigern kann. Nervöse Kinder besonders zeigen Stimmungsanomalien und abnorme Gemütsreaktionen, die sich in der krankhaft gesteigerten Intensität und starken Labilität der Stimmung erkennen lassen.“ Nicht minder beachtenswert ist die Wirkung, die der gekränkte Ehrgeiz oder das falsch geleitete Ehrgefühl in der Psyche des Kindes auszulösen vermag, ganz zu schweigen von der oft geradezu schändlichen Roheit der Schulprügelei, die in der „Erziehung“ der Proletarierkinder — eine Schmach für die Pädagogik unserer Zeit — noch immer eine dominierende Stellung behauptet. Alle Autoritäten sind sich einig darin, daß rauhe und taktlose Behandlung der Kinder, unvernünftige Strenge, körperliche Züchtigung und ähnliche verderbliche Erziehungspraktiken als auslösende Ursachen der Zitterkrankheit wie der hysterischen Schulepidemien überhaupt anzusprechen sind, am sichersten dort, wo schlecht genährte Proletarierkinder der hysterischen Infektion keinen oder nur geringen Widerstand entgegenzusetzen vermochten.
Aus dem Erkenntnis ergibt sich das Rezept für die Heilbehandlung der erkrankten Kinder: Isolierung, Entbindung vom Schulbesuch, Ruhe und Schonung, kräftigende Kost (in Meißen erzielte man bei den im Krankenhause untergebrachten Kindern durch sachverständige Behandlung und kräftige Kost schnelle Heilung), vor allen Dingen aber milde Verkehrs- und Umgangsformen, Schaffung heiterer Stimmung („Erzeugung des positiven Gefühlstons“), Bewahrung vor Affekten, anregende, nicht ermüdende körperliche Beschäftigung und — worauf Dr. Schütte in seiner Untersuchung der Meißener Zitterkrankheit nachdrückliches Gewicht legt — lebhafte Bewegung im Freien, sowie geordnete gymnastische Uebungen. In einer wirklichen Erziehungsschule, die den wissenschaftlichen Unterricht mit Spiel, Gymnastik und körperlicher Arbeit verbinden würde und im Selbsterleben und Selbstschaffen des Kindes den Angelpunkt aller erziehlichen Wirksamkeit erblickte, wäre eine hysterische Schulepidemie vom Charakter der Meißener Zitterkrankheit von vornherein eine unmögliche Erscheinung gewesen.
Fuente: Hamburger Echo, 22. Jg., Nr. 58, domingo 8 de marzo de 1908, Zweite Beilage, pág. 9 del número, columnas 1-3. Firmado «Von Otto Rühle». OCR del Deutsches Zeitungsportal (Deutsche Digitale Bibliothek, item RG6TZECKM4WIWUC5QQPPW7BOTA3R5UF6) cotejado íntegro con el facsímil de la pág. 9 (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19080308/2000/0/00000009.jpg). El cotejo fijó los 66 excluidos de enero de 1906 (el OCR leía «06»), «Neuhütten», la división en párrafos y los numerosos espaciados, que se dan en cursiva. Se conservan las grafías y erratas del impreso: «Mittheilungen», «kurzschlagiges», «Kranheitsfall», «Choren» (por Chorea), «Magnau» (por Magnan) y «Ammer» (por Eugen Aemmer, que describió la epidemia de Basilea de 1893 como Tremor hystericus). Sin marcas de página: el artículo ocupa solo la pág. 9.