Der Lehrermangel in den deutschen Volksschulen.

Von Otto Rühle.

Vor dreiunddreißig Jahren unterhielt sich die deutsche Lehrerschaft auf dem Lehrertag in Leipzig über die Misere des Lehrermangels. Man zog dabei gegen die Regierungen so keck und schneidig vom Leder, daß einer der Referenten, der Leipziger Lehrer Wunderlich, vom Rate der berühmten Seestadt gemaßregelt wurde. Für die nächste deutsche Lehrerversammlung, die zu Pfingsten in Dortmund tagen soll, hat der Vorstand des Deutschen Lehrervereins wiederum das Thema „Lehrermangel“ auf die Tagesordnung gesetzt und — damit sich nicht wieder ein Konfliktsfall ereignet — zum Referenten den berüchtigten liberalen Kompromißler Tews bestimmt, der eben erst in der Liegnitzer Affäre an dem Kotau der Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung so lebhaften Anteil genommen hat.

Über Lehrermangel zu reden und zu schreiben, ist heute noch so aktuell wie vor dreiunddreißig Jahren. Und das Thema wird, wenn die Schmach des preußischen Dreiklassenwahlsystems nicht aus der Geschichte der preußisch-deutschen Unkultur ausgetilgt ist, auch in weiteren dreiunddreißig Jahren noch vollen Anspruch auf Aktualität erheben können.

Vor reichlich fünf Jahren veröffentlichte ich in der „Neuen Zeit“ (XXI, 1, Nr. 18) einen Artikel, der den Lehrermangel behandelte. Dieser Artikel könnte heute Wort für Wort wieder abgedruckt werden. Nur die Ziffern wären zu ändern, da der unheilvolle Zustand seitdem noch um einige Grade schlechter geworden ist. Deutschland im Schuljammer in aller Welt voran!

Nach der Volksschulstatistik des Reiches vom Jahre 1901 gab es im ganzen Deutschen Reiche 59 348 öffentliche Volksschulen, in denen von 146 530 Lehrkräften 8 924 779 Kinder unterrichtet wurden. Auf eine Lehrkraft

entfielen durchschnittlich 61 Schüler. Würde man die von einer Lehrkraft zu unterrichtende Schülerzahl auf 30 bemessen — das ist etwa die Forderung der fortgeschritteneren bürgerlichen Pädagogik und entspricht den Verhältnissen in außerdeutschen Staaten —, so wären rund 150 000 weitere Volksschullehrer und -lehrerinnen erforderlich. Das Lehrpersonal müßte also mehr als verdoppelt werden. Die 150 000 Lehrkräfte, die das deutsche Volksschulwesen zu wenig hat, kennzeichnen den Stand des absoluten Lehrermangels.

Die höheren Schulen sind von diesem trostlosen Zustand unberührt. Da macht sich kein Mangel an Lehrkräften bemerkbar, da hat auch kein Lehrer 61 und mehr Schüler in seinen Klassen sitzen. In den höheren Schulen Preußens zum Beispiel unterrichteten 1904/05 10 723 Lehrer 191 446 Schüler, auf eine Lehrkraft entfielen also 17 bis 18, in den Gymnasien sogar nur 15 bis 16 Schüler.

Neben dem absoluten Lehrermangel besteht in der Volksschule noch mit all seinen Unzuträglichkeiten und verderblichen Folgen der Jammer des relativen Lehrermangels. Die preußische Unterrichtsverwaltung gab 1901 an, daß 1828 Lehrerstellen wegen Mangels an verfügbaren Lehrkräften unbesetzt seien. Bis 1906 ist die Zahl dieser Stellen auf 3049 gestiegen. In ähnlich rapider Steigerung hat sich die Zahl der Halbtagsschulen vermehrt. 1882 gab es 2879 dieser unzulänglichen Schuleinrichtungen, die der Kultusminister Falk als Notstandsschulen bezeichnete, „deren Beseitigung im Interesse des Staates gewünscht werden müsse“. 1891 jedoch war ihre Zahl auf 5078 gewachsen, und 1901 gar betrug sie 7873. Das sind genau 4884 Halbtagsschulen mehr als zwanzig Jahre vorher! Eine Verdreifachung dieser Schulnot — auch ein „Fortschritt“ in Preußen! Außerdem wies die Statistik von 1901 nach, daß 1 255 922 Schulkinder in 8815 Schulen und 16 127 Klassen so unterrichtet wurden, daß auf die Klasse in einklassigen Schulen mehr als 80 Kinder, in Halbtagsschulen mehr als 60 und in sonstigen zwei- und mehrklassigen Schulen mehr als 70 Kinder kamen. 22,15 Prozent aller Schulkinder wurden demnach in überfüllten Klassen unterrichtet. Am ungünstigsten stellte sich die Klassenfrequenz im schwarzen Münsterland, wo 47,94 Prozent der Schulkinder in überfüllten Klassen saßen. Ihm folgten die Regierungsbezirke Oppeln mit 44,47 Prozent, Arnsberg mit 40,86 Prozent, Düsseldorf mit 34,30 Prozent usw. In 692 Klassen, die von 97 149 Kindern besucht wurden, stieg die Frequenz über 120, 30 Klassen hatten 161 bis 170, 23 noch 171 bis 180, 11 noch 181 bis 190, 5 bis zu 200, 10 sogar bis zu 210, 4 über 210, nämlich 213, 217, 231, 236 Schüler. Nicht genug damit. 104 082 Schulklassen mußten durch insgesamt 88 346 Lehrkräfte versorgt werden, so daß nicht einmal jede Klasse ihren eigenen Lehrer hatte. 16 000 Lehrkräfte wären nötig gewesen, um die Verhältnisse zu normalen im Sinne der preußischen Schulverwaltung zu machen. Der Prozentsatz der unbesetzten Stellen betrug im Durchschnitt 2,06, für Ostpreußen 2,60, Pommern 2,65, Westpreußen 3,60, Posen 5,26. 3239 Kinder konnten wegen Überfüllung der Klassen (bis zu 236!) überhaupt nicht aufgenommen werden, und 80 365 waren „zeitweilig vom Schulbesuch befreit“ (Hütekinder, Erntehilfen, Rübenverzieher usw.). Die Ziffern der letzten Volksschulstatistik 1906 liegen noch nicht vor. Die Regierungen werden Grund genug haben, mit ihnen möglichst lange zurückzuhalten. Es ist offenes Geheimnis, daß der Lehrer-

mangel im Laufe der letzten Jahre keineswegs abgenommen, sondern im Gegenteil eine beträchtliche Zunahme erfahren hat. Alle zu seiner Beseitigung angewandten Palliativmittelchen haben sich als unzureichend, wenn nicht als verfehlt erwiesen. Vor allen Dingen hat der Zudrang zu den neugegründeten Präparandenschulen und Seminaren nicht entfernt den Erwartungen entsprochen. Viele Klassen waren nur zur Hälfte besetzt, und die Zahl der Abiturienten genügte nicht entfernt, um den Bedarf an Lehrkräften zu decken. Es kamen Lehrstellen auf einen Seminaristen in der Provinz Westpreußen im Jahre 1901 6,32 (1896 5,69), Sachsen 7,44 (6,22), Brandenburg 8,79 (7,45), Schlesien 6,10 (4,93), Hessen-Nassau 8,19 (7,13) und in ganz Preußen durchschnittlich 6,82 gegen 6,20 im Jahre 1896. Von welcher Qualität dabei die neugewonnenen Lehrkräfte sind, läßt sich aus ein paar Prüfungsergebnissen ermessen. Es bestanden die zweite Prüfung in Marienburg 14 von 34, in Langfuhr 11 von 24, in Bunzlau 23 von 45, in Hadersleben 14 von 24, in Segeberg 12 von 23, in Brieg 34 von 47, in Königsberg 13 von 24. Nach den Mitteilungen eines Regierungskommissars sollen zurzeit etwa 3,5 Prozent (gegen 2,06 Prozent im Jahre 1901) der vorhandenen Schulstellen unbesetzt sein. In Wirklichkeit ist aber der Prozentsatz viel höher. Es waren am 1. Oktober vorigen Jahres bei 101 581 Stellen in Preußen etwa 3560 unbesetzt. Läßt man die rund 40 000 städtischen Stellen außer Betracht, da die Städte in nur geringem Maße unter dem Lehrermangel leiden (Berlin zum Beispiel hatte 1901 0,07 Prozent unbesetzte Stellen), so ergibt sich, daß 5,25 Prozent aller Landstellen unbesetzt sind. Das Verhältnis gestaltet sich aber noch ungünstiger, wenn man berücksichtigt, daß einige Provinzen vom Lehrermangel fast gänzlich verschont sind (1901 hatten Hannover 0,75, Schleswig-Holstein 1,18, Brandenburg 1,66 Prozent unbesetzte Stellen); dementsprechend erhöhen sich die Durchschnittszahlen für die anderen Provinzen, so daß man wohl nicht fehlgeht, wenn man behauptet, daß in den Gefilden Ostelbiens 10 Prozent und mehr von allen Landstellen unbesetzt sind.

Die ganze Größe der Schulnot und des Lehrermangels kann freilich erst der schätzen, schreibt A. Günther in der „Pädagogischen Zeitung“, der sich der Mühe unterzieht, die Mitteilungen der Tages- und Fachpresse von Fall zu Fall zu registrieren. Da hören wir, daß die Zahl der unbesetzten Stellen in Oberschlesien auf 973 gestiegen ist; in den Kreisschulinspektionsbezirken Preiskretschem fehlen 44, in Gleiwitz 40, in Tarnowitz 38, in Oberglogau 38, in Rybnik II 34, in Rybnik I 32, in Kreuzberg I 31 Lehrer usw. Die Regierung in Breslau gab in einer Berichtigung bekannt, daß in ihrem Bezirk nicht 200, sondern 123 (!) Lehrer fehlen. Im Regierungsbezirk Wiesbaden fehlen nicht weniger als 100 Lehrer. Im Kreise Meschede waren allein 17 einklassige Schulen unbesetzt. In den Kirchspielen Bart, Marne und Michaelisdonn in Süderdithmarschen, einem sehr engen Gebiet, fehlten zu gleicher Zeit 12 Lehrkräfte. Ähnlich lauten die Nachrichten aus einzelnen Teilen der Provinz Sachsen, Westfalen und Rheinland. Am schlimmsten aber sieht es in Posen aus; der allgemeinen Mißstimmung über die dort bestehenden unwürdigen Verhältnisse hat Freiherr v. Zedlitz gelegentlich einer Etatsdebatte wie folgt Ausdruck gegeben:

„Wir bauen ein großes Königsschloß in Posen, subventionieren Theater in Bromberg und Thorn, machen alle schönen, augenfälligen Dinge. Aber

wir vernachlässigen die Beschulung des deutschen Bauern. Mir liegen die Akten vor, wonach in einer Reihe von Gemeinden seit Jahren die Bauern nicht mehr in der Lage sind, deutschen Schulunterricht zu genießen für ihre Kinder, weil die nötige Anzahl von Lehrern fehlt. Das ist, wie ich höre, nicht vereinzelt, sondern eine Kalamität, die in der Provinz Posen geradezu epidemisch wird. Mir wir bezeugt, daß in einer einzigen Gegend 22 deutsche Bauern Haus und Hof verlassen haben, weil ihre Kinder keinen deutschen Unterricht bekommen konnten.“

Der traurige Ruhm Preußens, die miserabelsten Schulverhältnisse innerhalb der schwarzweißroten Grenzpfähle zu besitzen, scheint für Sachsen, das Musterland der Reaktion, seit Jahren einen Anreiz zur Nacheiferung zu bilden. Daß Sachsen an der Spitze des deutschen Volksschulwesens marschierte, ist schon sehr lange her; das Märchen, Sachsen sei das Land der Schulen, ist besonders durch die Ergebnisse der statistischen Erhebung vom 1. Mai 1906 aufs gründlichste zerstört worden. Danach steht das Volksschulwesen in Sachsen insofern noch unter dem preußischen Schuljammer, als in Sachsen auf eine Lehrkraft 65,69 Schulkinder kommen, gegen 63 in Preußen und 61 im Reiche. Doch auch sonst weist die sächsische Volksschule eine beschämend schlechte Verfassung auf. Die Hauptschuld daran trägt der seit Jahrzehnten andauernde Lehrermangel.

Am 1. Mai 1906 wurden die Volksschulen Sachsens von 780 107 Schülern besucht, 495 368 davon mögen auf die einfachen Volksschulen kommen. Unter 824 Schulen mit nur einem Lehrer waren 415 (50,36 Prozent), die von 80 Schülern und darüber besucht wurden. In diesen 415 Schulen saßen 8,64 Prozent der Schüler aller einfachen Volksschulen, 5,48 Prozent der Volksschüler überhaupt. Diese Zustände werden noch ostelbischer, wenn man sie im einzelnen näher betrachtet. 107 Volksschulen (mit 1 Lehrer) hatten 80 bis 90, 97 Schulen bis 100, 87 bis zu 110, 59 bis 120 Schüler, bei 32 belief sich die Schülerzahl auf 130, bei 24 auf 140, bei 7 auf 150 und 2 erreichten die unerhörte Zahl von 171 und 174 Schülern. Hierzu bemerkt der Chemnitzer Lehrer Winkler, der die Ergebnisse der Statistik für die pädagogische Presse verarbeitet hat: In 65 Schulen mit 8538 Kindern war also die gesetzlich zulässige Höchstzahl für die Klasse (je 60) überschritten, in einer Anzahl sogar ganz bedeutend. In Friedrichsgrün (Bez. Auerbach) hatte ein Lehrer 174, in Obersachsenfeld (Bez. Schwarzenberg) 171, in Lichtenberg (Bez. Zwickau) 145, in Großfrießen (Bez. Plauen) 143, in Mühlbach (Bez. Pirna) 140, in Räckelwitz (Bez. Kamenz) 137 zu unterrichten. Die übrigen Schulen mit einem Lehrer (350) wiesen im Durchschnitt Klassenstärken auf, die die Pädagogik gerade bei den so ungenügend gegliederten zwei- und dreiklassigen Schulen auf keinen Fall als normal bezeichnen kann. Und die Erweiterung der statistischen Aufnahme auf die Schulen mit zwei Lehrern ergibt kein freundlicheres Bild. In 191 solcher Schulen mit 34 355 Schulkindern hatte ein Lehrer im Durchschnitt 89,93 Kinder, in 119 Schulen durchschnittlich 112,29 und in 19 Schulen sogar 125,95 Kinder zu unterrichten. Im Bezirk Zittau gab es zwei Schulen mit 531 Schülern, so daß auf eine Schule 265 Schüler und auf einen Lehrer über 132 Schüler kamen. Faßt man den Stand der vorhandenen 1406 zwei-, drei-, vier- und fünfklassigen Landschulen Sachsens nach der Statistik von 1901 summarisch ins Auge, so ergibt sich: in 384 Schulen auf 1 Lehrer 89,70, auf 1 Klasse 45 Kinder; in 257 Schulen

auf 1 Lehrer 109,06, auf 1 Klasse 54 Kinder; in 84 Schulen auf 1 Lehrer 129,55, auf 1 Klasse 65 Kinder. Diese überfüllten Klassen befinden sich noch dazu gerade dort, wo sie am wenigsten zu finden sein sollten, nämlich wo die Gliederung der Schule sowieso schon nur das Minimum unterrichtlicher Versorgung gewährt. So werden sie zum Unheil für die Schüler und zum Unglück für die Lehrer.

Außer den überfüllten Klassen hat sich Sachsen noch eine andere ostelbische Errungenschaft zugelegt: die vikariatsweise verwalteten und unbesetzten Schulstellen. 1904 mußten 357 Vikare eingestellt werden und 66 Stellen unbesetzt bleiben. Als Vikare verwendete man neben alten, ausgedienten Schulinvaliden besonders junge, unerfahrene, im Erzieherberufe noch überhaupt nicht oder nur äußerst dürftig vorgebildete Lehrseminaristen. Durch diesen Unfug ist die sächsische Volksschule vollends heruntergebracht worden. 1900 waren 394 dieser halbreifen Lückenbüßer als „Erzieher“ tätig, 1902 sogar 496, im Jahre darauf 487, 1903 noch immer 387 und 1904 insgesamt 242. Die sonst zur Beseitigung des Lehrermangels getroffenen Maßnahmen waren die allgemein üblichen: Erweiterung der Fortbildungsgelegenheit, Einstellung von Lehrerinnen usw. Der Erfolg reichte jedoch nicht aus, um den Mangel zu decken. Daß der sächsischen Regierung die Beseitigung des Lehrermangels gelingen wird, daran ist ebensowenig zu denken, wie an ihren ernsthaften Willen zur Bekämpfung dieses gemeinschädlichen Übelstandes zu glauben ist.

In Württemberg hat seit 1901 der Lehrermangel mit ungewohnter Stärke eingesetzt und mit jedem Jahre so zugenommen, daß selbst der Kultusminister Weizsäcker ihn in der Kammer „einen des Staates unwürdigen Zustand“ genannt hat. Um den Wirkungen dieser Kalamität wenigstens etwas entgegenzuwirken, ist in den zahlreichen unter dem Lehrermangel leidenden Schulklassen Abteilungsunterricht eingeführt worden. 1906 betrug die Anzahl dieser Schulklassen 1383, was etwa einem Manko von 5 bis 600 Lehrkräften entspricht. „Die Schulgesetze von 1859 und 1865 bestimmen, daß einklassige Schulen mit mehr als 90 Schülern Abteilungsunterricht erhalten müssen, das heißt sie werden in zwei Abteilungen getrennt unterrichtet, und zwar in wöchentlich mindestens 32 Stunden. Steigt die Schülerzahl dauernd über 120, so ist ein zweiter Lehrer anzustellen. An mehrklassigen Schulen ist eine Höchstzahl bis 130 zulässig (mit Abteilungsunterricht). Diese gewiß mäßigen Forderungen konnten, wie die mitgeteilten Zahlen beweisen, noch nach Jahrzehnten nicht eingehalten werden; ja sie sind bis heute noch nicht überall erfüllt. Im Bezirk Maulbronn zum Beispiel befanden sich 1905/06 zwei ein- und mehrklassige Schulen mit 120 bis 130 Schülern in einer Klasse; in 5 Klassen wurden je 100 bis 120 Schüler unterrichtet, und im Durchschnitt entfielen in diesem Bezirk 82 Schüler auf einen Lehrer. Sechs unständige Stellen waren unbesetzt. Ähnlich lauten die Berichte aus den meisten Bezirken: „überall überfüllte Schulen und unbesetzte Stellen in bedenklicher Zahl“. (Werner-Tübingen.) Die Regierung läßt es angeblich an Maßnahmen nicht fehlen; leider ergreift sie immer nur solche, die dem Übel kein Ende bereiten, sondern es unter Umständen noch verschlimmern.

Auch Hessen, das seine Lehrer verhältnismäßig gut besoldet, hat seine Schulnot, wenngleich in erträglichem Maße und Umfange. Am stärksten tritt der Lehrermangel in der Nähe großer Industrieplätze zutage, wo die Zunahme der Arbeiterschaft fortgesetzt weitere Lehrkräfte erheischt. Nach dem „Schul-

boten für Hessen“ finden sich in der Umgegend von Darmstadt und Mainz Unterklassen mit 85, 89, 92 und 107 Schülern. Ähnliche Zustände herrschen auch in anderen Kreisen. Der Lehrermangel hat dazu geführt, daß zahlreiche Gymnasialabiturienten ohne jede pädagogische Vorbildung in den Schuldienst eingetreten sind; auch wird in der Lehrerschaft die Befürchtung gehegt, daß die auffallende Nachsicht, die man seit Bestehen des Lehrermangels den Seminarabiturienten gegenüber bei den Prüfungen übt, zu bedenklichen Erscheinungen in bezug auf die Qualifikation der Lehrkräfte führen dürfte. Leider enthält die Landesstatistik nichts über die Zahl der überfüllten und unbesetzten Klassen, so daß sich von dem eigentlichen Umfange des Lehrermangels kein klares Bild gewinnen läßt. Die Ursachen des Lehrermangels werden in der zu späten Durchführung der Gehaltsaufbesserung von 1901 und in der durch den Einjährigendienst der Lehrer bedingten Entziehung von Lehrkräften erblickt.

Das „Musterländle“ Baden fehlt natürlich auch nicht in der Reihe, obwohl es wegen seiner Simultan- und Halbtagsschulen 1000 bis 1200 Lehrer weniger nötig hat als andere Staaten von derselben Größe. Schon 1901 konnten, wie Günther-Berlin mitteilt, 83 Gemeinden nicht die verlangten und vom Gesetz vorgeschriebenen Unterlehrer erhalten, obwohl auf jeden ihrer Lehrer mehr als 100 Schüler kamen. Und die „Schulzeitung“ zählt 29 Schulen mit 1 Lehrer, 8 mit 2 Lehrern, 6 mit 3 und 21 mit mehr als 3 Lehrern auf, in denen das gesetzliche Hundert überschritten ist. Die im Widerspruch zu den gesetzlichen Bestimmungen durchgeführte Mehreinstellung von Lehrerinnen hat an der Misere nichts zu ändern vermocht.

Über die Zustände in Braunschweig wird der „Statistischen Beilage der Pädagogischen Zeitung“ geschrieben: So stark wie jetzt scheint der Lehrermangel in unserem Lande noch nicht gewesen zu sein. Mehr als 60 Seminaristen, die ganze zweite Klasse des Wolfenbüttler und beide zweite Klassen des Braunschweiger Seminars sind zur Aushilfe ins Land geschickt. Trotz dieser hohen Zahl, die 1903 erst 39 betrug, sind noch Stellen unbesetzt. Oft war der Lehrermangel so groß, daß auch Schüler der dritten Seminarklasse, die kaum etwas von Pädagogik gehört hatten, monatelang allein die Schulstelle eines großen Dorfes verwalten mußten. Von den 387 Landschulen weisen nur 98 normale Verhältnisse auf, 289 sind überfüllt. In 46 Orten kommen 100 bis 119, in 19 Orten 120 bis 148 Kinder auf einen Lehrer. Sollte es keine Schule mehr geben, die mehr als 80 Kinder für jeden Lehrer hätte, so fehlten 218 Lehrkräfte. Aber selbst wenn die Regierung imstande wäre, sofort 218 Lehrer anzustellen, so würden mindestens noch 131 Schulen im Lande sein, in denen auf jeden Lehrer 60 bis 79 Kinder kämen; der dritte Teil der Landschulen wäre dann immer noch überfüllt. Dazu kommt, daß an den Orten, wo der alleinige Lehrer zwei Klassen hat (Halbtagsschulen) — und das sind 229 Landschulen —, die 5- bis 10jährigen Kinder täglich nur zwei Unterrichtsstunden erhalten. Überhaupt gewährt mehr als die Hälfte der Landschulen den Kleinen eine durchaus ungenügende Zahl von Unterichtsstunden, so daß die geistige Kost die denkbar dürftigste und magerste ist.

Dem neuen braunschweigischen Regenten werden diese Dinge, falls er davon Kenntnis erhalten sollte, nicht besonders fremdartig und ungewöhnlich vorkommen, ist er doch aus seiner Heimat, dem Ochsenkopflande, noch viel stärkeren Tabak gewöhnt. In Mecklenburg-Schwerin fehlten nach einer Ermittlung der „Schulzeitung“ in den letzten Jahren etwa 7 Prozent der

Lehrer, in der Ritterschaft mindestens 10 Prozent. Noch trauriger sieht es in Strelitz aus, wo überdies die Ausbildung der Lehrkräfte so im argen liegt, daß vielfach Seminarbesuch als ganz überflüssig erachtet wird und Krethi und Plethi Schulmeister spielen kann. Auch in Lippe sind von den vorhandenen 279 Stellen 6 Prozent unbesetzt; nach den Ausführungen des Abgeordneten Lehrer Bruns behauptet die Regierung seit zwanzig Jahren, daß der Lehrermangel „in kurzer Zeit überwunden“ sein werde. Ähnlichem Optimismus huldigt man in Oldenburg, wo die Bekämpfung des Lehrermangels, der besonders im Fürstentum Lübeck und in Birkenfeld sehr groß ist, in den Händen des bekannten Pokerministers Ruhstrat liegt. Teilweise geradezu trostlos klingen die Mitteilungen, die aus den thüringischen Staaten kommen. Elende Bezahlung der Lehrerarbeit, überfüllte Klassen, Mangel an Lehrkräften — so lautet überall das alte Lied.

So sicher es ist, daß das Trauerspiel des Lehrermangels nur durch eine bessere Besoldung der Lehrerschaft beendet werden kann, so sicher ist es, daß die Bourgeoisie nicht mehr für die Bildung des Volkes aufwendet, als sie nach ihrer Auffassung notgedrungen aufwenden muß. Je mehr sie die geistigen Kräfte des Proletariats zu fürchten Ursache hat, desto mehr ist sie darauf bedacht, diese Kräfte niederzuhalten, anstatt zu heben. Und je mehr die Lehrer im Interesse der herrschenden Klasse sich zu Prügelmeistern der Proletarierjugend degradieren und bei Wahlen als politische Zutreiber der Volksfeinde und Reaktionäre wirken, desto weniger brauchen sie sich zu wundern, daß sie nicht als Volkserzieher und Kulturträger, sondern als dienstwillige Lakaien der Machthaber bewertet und behandelt werden. Um des Wohles der ihnen anvertrauten Jugend willen hätten sie die Verpflichtung, dem Sozialismus zum Siege über die Barbarei der junkerlich-kapitalistischen Schulreaktion und Kulturfeindschaft zu verhelfen.


Fuente: Otto Rühle, «Der Lehrermangel in den deutschen Volksschulen», Die Neue Zeit, 26. Jahrgang (1907/08), II. Band, Nr. 31 [mayo de 1908], págs. 157-163. Transcripción hecha a partir de las imágenes del facsímil de la Friedrich-Ebert-Stiftung (library.fes.de, Die Neue Zeit digital, 190708b, págs. 157-163), con un OCR Fraktur propio (tesseract) como borrador; todas las cifras se han comprobado en la imagen. La bibliografía de Stecklina (2002) fecha el artículo en 1907 por el año del volumen; el número es de la primavera de 1908 (el artículo anuncia la asamblea de maestros de Dortmund de Pentecostés de 1908, y el artículo que sigue en la p. 163 trata de hechos de finales de marzo de 1908). En la p. 157 precede el final de otro artículo y en la p. 163 sigue «Zur Parteilage in Italien», de Oda Olberg, que no se transcriben. Se respetan la ortografía y las erratas del original («Mir wir bezeugt», «Unterichtsstunden»), así como las cifras de los vicarios sajones tal como se imprimieron (1902: 496; «im Jahre darauf» 487; 1903: 387). La cita de Werner que empieza en «Die Schulgesetze» no tiene en el original comillas de cierre propias (se cierran solo las de la cita interior, «überall … Zahl»); se deja así. Las cursivas reproducen el espaciado del original (en las cifras, el tipo más grueso o espaciado). Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.