Von Otto Rühle.

Auf der Tagesordnung des Essener Parteitages steht u. a. die Alkoholfrage, von der zu erwarten ist, daß sie zu anregenden Erörterungen und Debatten Anlaß geben wird. Hoffentlich zu Nutz und Frommen der alkoholgegnerischen Bestrebungen, denn es kann gar nicht oft und deutlich genug geschrieben und gesprochen, vor Augen geführt und zur Erkenntnis gebracht werden, daß der Alkoholismus einer der schlimmsten Schädiger der Volksgesundheit ist. Noch immer beherrscht der Alkohol ein weitbegrenztes Feld, auf dem er jahraus jahrein die furchtbarsten Verwüstungen anrichtet. Er vernichtet Existenzen von Tausenden und zerstört das Lebensglück von Hunderttausenden, er füllt die Armen-, Kranken-, Irren- und Zuchthäuser, Hekatomben von Kraft und Vermögen werden ihm dargebracht, in allen Kreisen und Schichten des Volkes, in Höhen und Tiefen, unter Alten wie Jungen greift er um sich mit den Händen des Würgers. Er ist ein Volksfeind, ein Lebenszerstörer, ein Kulturvernichter von unheimlicher Größe und Gewalt. Die Arbeiterklasse kennt ihn; der nach vorwärts, nach Höherentwicklung drängende Teil in ihr kennt auch seine lähmenden, schwächenden, verderbnisvollen Wirkungen. Um wieviel größer könnte das Heer des kämpfenden klassenbewußten Proletariats sein, wenn nicht über so unendlich viele Köpfe und Sinne der Schnapsteufel noch unerschütterliche Macht besäße! Die Hoffnung auf die Zukunft der Arbeiterklasse beruht auf der Revolutionierung der Gehirne. Darum ist ihr größter Feind, wer diese Gehirne verdirbt, wer sie beeinträchtigt in ihrer Funktionsfähigkeit. Das aber tut der Alkchol, darum fort mit ihm!

Es wird die Aufgabe des Parteitages sein, über die zweckmäßigste Form und den Umfang der Bekämpfung des Alkoholismus allgemeingültige Gesichtspunkte zu gewinnen und Normen aufzustellen, die dem Interesse der Partei entsprechen und der Beachtung durch die Parteigenossen sicher sein dürfen. In einer Hinsicht darf von vornherein auf allseitige Klarheit und Uebereinstimmung gerechnet werden, nämlich: daß unter allen Umständen der Alkoholgenuß von Kindern in unnachsichtlicher Weise bekämpft werden muß.

Es ist, wie man sich täglich überzeugen kann, fast ganz allgemein noch die Unsitte verbreitet, Kindern zur Löschung ihres Durstes alkoholische Getränke zu verabreichen. Viele Eltern halten es für völlig unbedenklich, ja für etwas ganz Selbstverständliches, daß die Kinder, wenn sie zu trinken verlangen, aus dem Glase des Vaters oder der Mutter „einmal mittrinken“; sie sind höchlichst verwundert, wenn sie hören, daß Alkohol selbst in den kleinsten Mengen für Kinder Gift sei. Manche, die ihren Sprößlingen äußerst liebevolle und besorgte Pfleger sind, halten doch an dem gefährlichen Aberglauben noch fest, daß der Mensch, wenn er ein „tüchtiger Kerl“ werden wolle, vor allem „tüchtig trinken“ müsse, und sie glauben, sich über das Ansinnen, ihren Kindern den Alkoholgenuß zu versagen, durch ein paar Witze oder durch Raisonnements über die Zimperlichkeit der heutigen Kindererziehung hinwegsetzen zu können. Und doch sind sie im Unrecht, denn die Mahnung, Kindern keinen Alkohol zu verabreichen, ist in jeder Hinsicht berechtigt und wird, da sie lediglich das Kind vor mehr oder weniger schweren gesundheitlichen Störungen und Benachteiligungen zu bewahren trachtet, von der allerwohlmeinendsten Absicht diktiert. Es ist eine von Medizinern wie Pädagogen tausendfach bewiesene und bestätigte, über allem Zweifel erhabene Tatsache, daß Alkohol in jedweder Form für den kindlichen Organismus ein höchst ungeeignetes, weil in körperlicher und geistiger Hinsicht nachteilig wirkendes Genußmittel ist. Nicht ein einziger der hierfür in Betracht kommenden Forscher und Gelehrten ist hierüber anderer Meinung. Es ist eine verderbliche Mode, sagt Prof. Kollmann-Basel, den Kindern Alkohol zu reichen. Man glaubt damit den heranwachsenden Organismus zu kräftigen. Aber das gerade Gegenteil ist der Fall; alle Organe werden geschwächt. Für die Entwicklung der Intelligenz brauchen wir ihn erst recht nicht, denn für das Gehirn ist er Gift, vor allem für das des Kindes. Durch den Alkohol, äußert sich der Jenenser Professor Binswanger, werden die Kinder widerstandsloser gegen alle physischen und körperlichen Reize, die Ermüdbarkeit und Erregbarkeit werden gesteigert, und das Ende vom Liede ist immer die Züchtung von Neurasthenikern, Alkoholisten und Morphinisten. Noch drastischer drückt sich Prof. Krepelin aus: Wir wissen kein besseres Mittel, Idioten zu erzeugen, als die dauernde Verabreichung von Alkohol. Dr. Carl-München schreibt: Kinder, welche Alkohol genießen, zeigen eine auffallende Neigung zum Jähzorn und Eigensinn, so daß Ungezogenheit im vollen Sinne des Wortes nirgends mehr anzutreffen ist, als bei Kindern, welche Alkohol genießen. Und der bekannte hygienische Schriftsteller Siegert behauptet, daß zu der weiten Verbreitung der Onanie unter den Kindern in erster Linie der Alkoholgenuß beitrage. In ähnlicher Weise wie die genannten Autoritäten sprechen sich die Kinderärzte Dr. Hürlimann, Prof. Dr. Thomas, Prof. Kassowitz, Dr. Craemer u. a. aus; der bekannte Alkoholgegner Dr. Bode hat ein Buch herausgegeben, in dem nicht weniger als 70 Gutachten der angesehensten Aerzte und Erzieher gesammelt sind, die sich ausnahmslos in der entschiedensten Weise gegen den Alkoholgenuß der Kinder wenden. In einem anderen Buche wird über eine Befragung des Deutschen Vereins abstinenter Lehrer berichtet, die das Ergebnis hatte, daß die „alkoholfreien“ Kinder in den Schulen durchgängig die besseren und besten Schüler waren, eine Wahrnehmung, die durch zahlreiche andere Umfragen bestätigt worden ist.

Die erste, grundlegende dieser Umfragen veranstaltete der Wiener Schuldirektor Bayr, der damit den Nachweis lieferte, daß diejenigen Kinder, die alkoholische Getränke gar nicht oder nur ausnahmsweise genießen, die besten Zensuren bekommen, dagegen diejenigen, die regelmäßig eine oder mehrere Male des Tages Alkohol genießen, sich in der Schule schlecht bewähren. Das Ergebnis seiner Umfrage läßt sich kurz so zusammenfassen:

Es haben die Zensur:gutgenügendungenügend
Die nie alkoholische Getränke genossen41,8 pZt.49,2 pZt.9 pZt.
Die nur gelegentlich alkoholische Getränke genossen34,1 „56,6 „9,5 „
Die täglich einmal Bier oder Wein bekamen27,8 „58,4 „13,7 „
Die täglich zweimal Bier oder Wein bekamen29,9 „57,7 „13,8 „
Die täglich dreimal Bier oder Wein bekamen—33,3 „66,6 „

In Leipziger Schulen wurde vor Jahren festgestellt, daß von 134 Schülern, die (von 591) keinen Alkohol genossen hatten, 44,5 pZt. die erste, 48,5 pZt. die dritte und nur 7 pZt. die fünfte Schulklasse bis zur Schulentlassung erreichten. Von 164 Kindern, die ausnahmsweise Alkohol bekamen, stiegen nur 35 pZt. bis zur ersten Klasse auf, dagegen blieben 55 pZt. bei der dritten und 9 pZt. bei der fünften Klasse stehen. Bei 219 Kindern, die regelmäßig Bier erhielten, waren die Verhältniszahlen noch ungünstiger, nämlich 27 pZt. für die erste, 59 pZt. für die dritte und 13 pZt. für die fünfte Klasse. Und schließlich bei 71 Kindern, die täglich zweimal Bier erhielten, war das Verhältnis am ungünstigsten, nämlich nur 24 pZt. für die erste, dagegen 57 pZt. für die dritte und 18 pZt. für die fünfte Klasse.

In Braunschweig wurde auf Antrag des Gesundheitsamts ein sorgfältig aufgestellter Fragebogen in sämtlichen Bürgerschulen verteilt. Dabei kamen in Betracht 4047 Knaben und 3014 Mädchen der mittleren, 10 051 Schüler der unteren Bürgerschulen und 246 schwachbefähigte Hülfsschüler. Gefragt wurde nach dem gelegentlichen und täglichen Genuß der einzelnen Arten alkoholischer Getränke, ferner wie viele Kinder schon vor Schulbeginn Alkohol genießen, wie viele es bei den Mittags- und Abendmahlzeiten und wie viele es gerne tun. Es ergab sich, daß an den unteren Volksschulen nicht weniger als 47 Kinder täglich Wein tranken, 880 Bier, 55 Branntwein und 122 Kognak, Rum und ähnliche Schnäpse. Vor dem Unterricht nahmen 65 Kinder Alkohol zu sich, 2340 (fast ein Viertel) tranken regelmäßig zu den Mittags- und Abendmahlzeiten und 3989 Kinder erklärten, daß sie gern Alkohol trinken, darunter besonders die Schwachsinnigen. Bezüglich des Verhaltens und der Leistungen der Kinder wurde konstatiert, daß der Fleiß und die Aufmerksamkeit der Kinder, die Alkohol genießen, nach dem Zeugnis der Lehrer viel zu wünschen übrig ließen. Mit wenig Ausnahmen gehörten diese Kinder zu den nervösesten und zerstreutesten der Klasse; sie nahmen die untersten Plätze ein und nicht selten machte sich bei ihnen moralische Minderwertigkeit bemerkbar. Gegen das Ende der Unterrichtsstunden ließ bei ihnen die Spannkraft auffällig nach, ihre Ermüdbarkeit war eine besonders große. Auch war bei ihnen das Nachlassen der geistigen Spannkraft am Schlusse des Schuljahres besonders bemerkbar. Auffassungsvermögen und Gedächtnis der kleinen Alkoholiker zeigten sich äußerst mangelhaft, die Besserbefähigten wiesen sehr unregelmäßige Leistungen auf. So war der intellektuelle wie auch der moralische Habitus der alkoholischen Kinder mit Mängeln und Störungen behaftet, die zweifellos das Produkt des Genusses alkoholischer Getränke waren.

Zu ähnlichen Resultaten führten die Erhebungen, die Rudolf Hecker in Münchener Schulen anstellte. Von jedem der 4652 Kinder wurde, zunächst ohne sein Verhalten zu geistigen Getränken zu prüfen, eine Zählkarte ausgefüllt, in dem einerseits seine körperlichen Eigenschaften (Körperlänge, Gewicht usw.), anderseits sein sittliches Verhalten und seine Klassenleistungen genau bezeichnet und beurteilt waren. Dann erschien die Frage: Was bekommt der Schüler als regelmäßiges Getränk? Wann und in welcher Menge? Da ergab sich denn nun, daß die Zahl der völlig enthaltsamen Kinder in der Bierstadt München besonders gering ist, sie beträgt nur 13,7 pZt. Mehr als die Hälfte aller Schüler genießt regelmäßig Spirituosen, viele sogar Schnaps, und 4,5 pZt. sind schon ausgemachte Trinker. Am nachsichtigsten gegen ihre Kinder in der Duldung des Alkoholgenusses sind regelmäßig die Gastwirte, Weinhändler, Metzger, Kutscher und unteren Beamten, während die strengere Aufsicht besonders durch Lehrer, Geistliche, Schriftsteller, Gelehrte, höhere Beamte usw. vertreten wird. Bis zum Alter von etwa 11½ Jahren zeigt sich bei den nicht enthaltsamen Schülern der schädliche Einfluß der geistigen Getränke in einem geringeren Längenwachstum, schlimmer ist jedoch die Wirkung auf die geistige Entwicklung. Die Statistik ergab unverkennbar, daß durchschnittlich mit der Steigerung des Alkoholverbrauchs eine Verschlechterung der den Kindern erteilten Schulzensuren Hand in Hand ging. Meistens, wenn auch nicht in allen Fällen, waren daneben auch der Fleiß und das Auffassungsvermögen der trinkenden Schüler herabgesetzt. Jedenfalls erwies sich der Alkohol für das Kind als Schädling, der bekämpft zu werden unbedingt verdient.

Weitere ähnliche Erhebungen mit denselben Resultaten sind in Berlin, Gera, Ulm usw. angestellt worden; sie alle predigen die eindringliche Mahnung: Fort mit dem Alkohol aus dem Leben des Kindes!

Diese Mahnung findet ihre Begründung nun nicht bloß in den Hemmungen und Schädigungen der intellektuellen und moralischen Entwicklung durch Alkohol, nein, auch auf anderen Gebieten noch ist der Alkohol des Kindes und damit des Volkes Feind. Ziehen wir noch in Betracht, daß der Alkoholgenuß im Kindesalter zu verfrühter geschlechtlicher Entwicklung führt, daß er Verirrungen in sittlicher Beziehung bewirkt, daß schwere soziale und rassehygienische Schädigungen durch ihn bedingt werden, daß er Kinder auf die Anklagebank und in die Gefängnisse bringt, so ergibt sich daraus eine nachdrückliche Bestärkung in der Verpflichtung, das Kind unter allen Umständen vor dem Genuß alkoholischer Getränke zu bewahren.

Gewiß bewirkt die Enthaltsamkeit allein noch lange nicht alles Heil. Da sind es die jammervollen Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse, die frühzeitige körperliche Ausbeutung, die physische und psychische Degeneration, die ungeregelte Lebensweise und die zahllosen sonstigen Erscheinungen sozialen Elends, die — auch bei der Jugend schon — den Alkoholgenuß bedingen und die in erster Linie bekämpft werden müssen. Aber die Erziehung zur Enthaltsamkeit ist ein wichtiges Glied mit in der Kette, und weil auf diesem Gebiete bisher noch immer unerhört viel gesündigt worden ist, läßt sich dort durch Belehrung, Aufklärung und Selbstzucht viel bessern und zum Guten gewinnen. Wer einen Erwachsenen vom Trunke bekehrt, hat der Kultur einen Kämpfer gewonnen, aber wer ein Kind rettet, der rettet ein ganzes Geschlecht.


Fuente: Otto Rühle, «Jugend und Alkohol», Hamburger Echo, 21. Jahrgang, Nr. 186, Hamburgo, 11 de agosto de 1907, Zweite Beilage, pág. 9 del número (columnas 1-3). Transcripción cotejada línea a línea con el facsímil de la página (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19070811/2000/0/00000009.jpg, vía Deutsches Zeitungsportal, item HMOGXWPDPDUP4NEQFSRMMBIDYPUFJ2DL); la primera versión se había hecho solo desde el OCR del proveedor. El facsímil confirma la tabla de Bayr tal como se había recompuesto (29,9 incluido; las filas de la tabla del impreso no siempre suman 100) y las cifras de Leipzig (134; 44,5); corregidos sobre la imagen: 55 % en la tercera clase (no 56), 55 niños que bebían aguardiente (no 56), 3989 niños a los que les gusta beber (ilegible en el OCR), la división en párrafos, la puntuación del primer párrafo («… Anlaß geben wird. Hoffentlich …»), «mit in der Kette» y el alcance de las cursivas (espaciado). Grafías del impreso conservadas: «Krepelin» (por Kraepelin), «Alkchol», «in dem einerseits».