Von Otto Rühle.

Das Kapital ist erbarmungslos. Es schont nicht Alte noch Junge. In den Knochenmühlen der modernen Fronarbeit zerstampft es die Glieder der Männer; in den Schwitzhöllen der Hausindustrie dörrt es die Leiber und Seelen der Frauen aus; in den Schnitzerstuben und Griffelhütten, hinter Webstühlen und Arbeitsmaschinen aller Art, auf den Rübenäckern und Viehtriften verbreitet es körperliches Siechtum und moralische Verderbnis in den Reihen der Unmündigen. Wo es nicht mit jähem Ruck zu Boden streckt, erdrosselt es in langsamer, qualvoller Würgearbeit mit des Elends tausendfingrigen Händen, und damit den Hekatomben seiner Opfer keines fehle, gibt es Tausenden von Kindesbeinen an die schwache Brust, die hüstelnde Lunge, den siechen Körper als Erbteil der Not schon mit auf den meist ach so kurzen Lebensweg. Während die Kinder der Reichen in Sonne und Sättigung zu Schönheit und Kraft gedeihen, sind die Kinder der Armut, die welken, dürftigen Pflanzen aus dem dunklen Lande der Proletarierjugend, Stiefkinder der Entwicklung.

Seit Jahrzehnten haben Mediziner und Pädagogen an Schulkindern bemerkenswerte Untersuchungen vorgenommen, um die Wachstumsverhältnisse während der Schuljahre festzustellen. Die Untersuchungen haben überraschende Aufschlüsse darüber gegeben, in wie hohem Maße die proletarische Jugend hinsichtlich ihrer körperlichen Entwicklung unter der Ungunst der sozialen Verhältnisse zu leiden hat.

Zu Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stellte der schwedische Physiologe Axel Key im Auftrage einer Kommission im großen Umfange schulhygienische Untersuchungen an, um die Frage zu klären: ob und in welchem Maße durch geistige Ueberanstrengung der Schüler eine schädliche Einwirkung auf deren physische und psychische Gesundheit ausgeübt werde. In einem umfangreichen Werke von bahnbrechender Bedeutung hat er die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlicht. Er behandelt darin u. a. auch die Frage, wie sich das Körperwachstum nach Länge und Gewicht von Kindern ärmerer Klassen zu dem von Kindern bessersituierter Eltern während der Zeit des Schulbesuchs verhält. Da führt er wörtlich aus: „Daß die Kinder ärmerer Klassen in Länge und Gewicht geringer sind, als die gleichaltrigen vermöglicher, ist erwiesen. Auch die dänische Kommission hat solche Resultate erhalten. Es war von Interesse, dieses Verhalten bei uns ebenfalls zu prüfen ... Die Hauptsache war, zu sehen, ob die Volksschulkinder kürzer und leichter seien, als die gleichaltrigen der höheren Schulen. Dies findet in der Tat statt, sowohl für Länge als Gewicht, sowohl bei Knaben als Mädchen und für alle Lebensjahre ... Ueberall ist der Unterschied zu Gunsten der Bessersituierten vorhanden. Das Resultat des Vergleichs ist also im ganzen vollkommen übereinstimmend mit dem an anderen Orten gefundenen und beweist neuerdings in auffallender Weise den großen Einfluß, den die Lebensumstände auf Zunahme und Entwicklung des Kindes ausüben.“ Aus beigegebenen Tabellen sind im einzelnen die Unterschiede in der Körperkonstitution zwischen Bourgeoisie und Proletarierkindern klar ersichtlich. Bei den Knaben betrug der Längenunterschied vom 8. bis 10. Lebensjahre bis zu 6 cm, vom 11. bis 15. bis zu 5 cm, bei den Mädchen bis zu 3 cm. Der Gewichtsunterschied belief sich bei den Knaben vom 8. bis 10. Jahre bis zu 3 kg, vom 11. bis 15. Jahre bis zu 5 kg, bei den Mädchen bis zu 3 kg.

Die Konstatierungen Axel Keys erregten großes Aufsehen, obwohl sie auf dem in Rede stehenden Gebiete eigentlich nicht viel Neues enthielten. Key selbst hatte sich ja auf Untersuchungen älteren Datums berufen. In der Tat hatte bereits mehrere Jahrzehnte vor ihm der belgische Statistiker Quetelet ähnliche Untersuchungen angestellt, weiter hatte Florence Keller in Amerika, ferner 1877 Bordisch in Boston 24 000 Kinder mit Unterscheidung der Nationalität und des Standes der Eltern gemessen und gewogen. Um dieselbe Zeit hatte in England Ch. Roberts an 22 000 Erwachsenen und Knaben und zwei Jahre später in Italien Paglieni an 2000 Personen im Alter von 3 bis 19 Jahren eingehende und sorgfältige Messungen unter Berücksichtigung der sozialen Bedingungen, unter denen die betreffenden Personen lebten, vorgenommen. Auch ein Deutscher, Kotelmann in Hamburg, war Axel Key vorangegangen. Größer aber als die Zahl der Vorläufer war die der Nachfolger: Michailow-Erismann in Zentralrußland, Kosmorski in Warschau, Landsberger in Posen, Carstädt in Breslau, Schmidt in Saalfeld, Schmid-Monnard in Halle usw. Alle Beobachter stimmten ausnahmslos darin überein, daß ein zuweilen recht beträchtlicher Unterschied in der Köperentwicklung zu Ungunsten der ärmeren Bevölkerung besteht.

Im Jahre 1886 nahmen Medizinalrat Dr. Geißler und Kandidat Uhlitzsch im Schulinspektionsbezirk Freiberg i. Sa. umfangreiche Messungen der Größenverhältnisse der Schulkinder vor. In dem hierüber erstatteten Bericht (Zeitschrift des kgl. sächs. Stat.-Bureaus, Jahrgang 34) findet sich eine Tabelle: Zahl und Größe der Kinder aus dem Bergmannsstande und der Bürgerschüler Freibergs nach den einzelnen Altersgruppen, aus der ersichtlich ist, daß die armen Bergmannskinder durchgängig mangelhafter entwickelt waren als die Kinder des bessersituierten Bürgertums. Die Knaben der ersteren Gruppe waren im 10. Jahre durchschnittlich 5,1 cm, im 14. Jahre 4,7 cm, in den anderen Jahren mindestens 2,3 cm kleiner als die der letzteren; ebenso die Mädchen bis zu 5,1 cm kleiner als die Bürgerstöchter. Der Bericht sagt darüber: „Es dürfte zu ersehen sein, welchen Einfluß die Lebensverhältnisse, in denen die Kinder aufwachsen, auf die Entwicklung des Körpers auszuüben im stande sind. Die Kinder aus dem Bergmannsstande sind durchweg kleiner als die die Bürgerschulen besuchenden Kinder; sie zeigen selbst geringere Maße, als sie für die Gesamtheit der gemessenen Kinder gefunden wurden, während die Kinder aus den Bürgerschulen weit über dem allgemeinen Durchschnitt stehen. Es bestätigt sich auch hier wieder die Aeußerung des französischen Statistikers und Arztes Villermé, daß nämlich der Mensch um so größer wird und sein Wachstum um so schneller seine Vollendung erreicht, je reicher unter übrigens gleichen Umständen das Land, je allgemeiner der Wohlstand ist, je besser die Kleidung, die Wohnung, besonders aber die Nahrung und je geringer die Not, die Anstrengungen, die Entbehrungen sind, die man in der Kindheit und in der Jugend erfährt.

Eine zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von dem früheren Leipziger Abgeordneten Prof. Hasse aufgenommene Statistik über die Wachstumsverhältnisse von Volksschülern in Leipzig-Gohlis bietet leider zu Vergleichen zwischen Proletarierkindern und den Kindern bürgerlicher Familien des gleichen Ortes keine Anhaltspunkte, da sich die Statistik lediglich auf Volksschüler, also auf Kinder armer und ärmster Klassen, bezieht. Wohl aber lassen sich Vergleiche ziehen zwischen Volksschülern in Gohlis und solchen anderer Orte. An Körperlänge stehen die Gohliser Volksschüler denen von Halle und Saalfeld etwa gleich, den Berlinern um etwa ein halbes Jahreswachstum nach und den Freibergern um ein solches voran. Dagegen bleibt ein Gohliser hinter einem Berliner Bourgeoissohn durchgängig um zwei Jahreswachstume zurück. An Gewicht ist der Gohliser im allgemeinen etwas schwerer als der Berliner, Hallenser, Saalfelder und Freiberger Volksschüler, aber nicht so schwer wie ein Sprößling einer Familie aus Berlin W.

In jüngster Zeit hat einen sehr wertvollen Beitrag zur Frage der Schülermessungen der Dresdener Lehrer Graupner geliefert, der über die Ergebnisse seiner Arbeiten auf diesem Gebiete anläßlich der Tagung des Kongresses für Schulhygiene in Nürnberg 1904 Bericht erstattete. Danach besuchten in Dresden 13 000 wohlhabende Kinder die Bürger- und 44 000 minderbemittelte die Bezirksschulen. Die durchschnittliche Größe ist für das erste Schuljahr: in der Bürgerschule Knaben 117,4, Mädchen 116,2 cm, in der Bezirksschule Knaben 112,7, Mädchen 112,3 cm; im achten Schuljahr: in der Bürgerschule Knaben 150, Mädchen 153,7 cm, in der Bezirksschule Knaben 147, Mädchen 150,5 cm. Im allgemeinen sind die Bürgerschulen den Bezirksschulen um ein Jahreswachstum voraus; handelt es sich um Stadtteile von großen sozialen Unterschieden, so beträgt der Vorsprung gar zwei Jahreswachstume. Die Bezirksschüler erreichen erst im dritten Schuljahr die Größe, die die Bürgerschüler beim Eintritt in die Schule hatten. Damit ist der Parallelismus von sozialer Lage und Körperentwicklung der Kinder auch bei dieser Untersuchung unanfechtbar nachgewiesen.

Nun noch eine Publikation über die Entwicklungs- und Wachstumsverhältnisse bei Berliner Schulkindern. Dr. Rietz hat darüber eine sehr gründliche, beachtenswerte Arbeit veröffentlicht (Archiv für Anthropologie Bd. 29 I). Er untersuchte 5134 Kinder vom vollendeten 6. bis zum 14. beziehungsweise 19. Lebensjahre, die sich aus drei Gymnasien, vier Gemeindeschulen und einer höheren Töchterschule rekrutierten, und zwar beschränkte er sich nicht auf die Bestimmung der Länge und des Gewichts, sondern stellte auch — als etwas Neues — genaue Messungen des Brustumfanges der Kinder an. Da er sich auf Grund eingehenden Studiums der einschlägigen Literatur über die Verschiedenartigkeit der Befunde bei bürgerlichen und proletarischen Kindern von vornherein klar war, verrechnete er die von Kindern wohlhabender Eltern herrührenden Untersuchungsergebnisse gesondert von denen ärmerer Kinder. Vergleiche der Ergebnisse lassen auf den ersten Blick große Unterschiede in der Körperentwicklung zu Gunsten der Kinder Bessersituierter erkennen. „Knaben wie Mädchen der höheren Schulen sind durchschnittlich um 5 bis 6 cm größer und 3 bis 5 kg schwerer als ihre Altersgenossen in den Gemeindeschulen.“ In einzelnen Fällen beträgt der Längenunterschied bei den Knaben bis zu 9,4 cm, bei den Mädchen bis zu 7,1 cm. „Die Kinder der wohlhabenden Kreise sind ungleichmäßig schwerer als die der ärmeren, zweifellos infolge besserer Ernährung. Es ergibt sich, daß die Kinder wohlhabender Eltern sich mehr durch das Gewicht auszeichnen, die Kinder ärmerer Eltern dagegen durch eine geringere Länge sich bemerkbar machen.“ Bezüglich der Brustmessungen stellt sich heraus, daß der mittlere Brustumfang bei Kindern ärmerer Klassen absolut um etwa 3 cm enger ist. Auch in dem Verhältnis zwischen Gewicht und Länge „spricht sich deutlich die Verzögerung in der Entwicklung ärmerer Kinder aus; es ist, als ob ihre Zahlenkolonne (in der Statistik) um ein Jahr nach abwärts verschoben wäre“. Auch hier findet sich somit die Wahrnehmung bestätigt, daß die Armen den Reichen um mindestens ein Jahreswachstum nachstehen.

... Es ist ein langer Leidenszug, der an unserem geistigen Auge sich vorüberquält, ein Heer von Engbrüstigen, Zwerghaften, Siechen, Krüppeln ... ein Teil der Jugend des Proletariats. Die grausame Hand des Elends und der Not, des Hungers und der Armut hat sie alle gezeichnet. Das Kapital ist erbarmungslos.


Fuente: Otto Rühle, «Proletarierkinder», Hamburger Echo, 19. Jg., Nr. 152, 2. Juli 1905, Erste Beilage, S. 5 (OR1905-22). Transcripción desde la imagen de la página digitalizada por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (Deutsches Zeitungsportal / pic.sub.uni-hamburg.de), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor como apoyo; el artículo ocupa las dos primeras columnas. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Se conservan las grafías del impreso («Köperentwicklung», «ungleichmäßig» [quizá por «ungleich mehr»], la comilla final que falta en la cita del informe de Freiberg).