Seit Jahrzehnten haben Mediziner und Pädagogen an Schulkindern bemerkenswerte Untersuchungen vorgenommen, um die Wachstumsverhältnisse während der Schuljahre festzustellen. Die Untersuchungen haben überraschende Aufschlüsse darüber gegeben, in wie hohem Maße die proletarische Jugend hinsichtlich ihrer körperlichen Entwicklung unter der Ungunst der sozialen Verhältnisse zu leiden hat.

Im Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stellte der schwedische Physiologe Axel Key im Auftrage einer Kommission im großen Umfange schulhygienische Untersuchungen an, um die Frage zu klären: ob und in welchem Maße durch geistige Ueberanstrengung der Schüler eine schädliche Einwirkung auf deren physische und psychische Gesundheit ausgeübt werde. In einem umfangreichen Werke von bahnbrechender Bedeutung hat er die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlicht. Er behandelt darin u. a. auch die Frage, wie sich das Körperwachstum nach Länge und Gewicht von Kindern ärmerer Klassen zu dem von Kindern bessersituierter Eltern während der Zeit des Schulbesuchs verhält. Da führt er wörtlich aus: „Daß die Kinder ärmerer Klassen in Länge und Gewicht geringer sind, als die gleichalterigen vermöglicher, ist erwiesen. Auch die dänische Kommission hat solche Resultate erhalten. Es war von Interesse, dieses Verhalten bei uns ebenfalls zu prüfen. ... Die Hauptsache war, zu sehen, ob die Volksschulkinder kürzer und leichter seien als die gleichalterigen der höheren Schulen. Dies findet in der Tat statt, sowohl für Länge als Gewicht, sowohl bei Knaben als Mädchen und für alle Lebensjahre ... Ueberall ist der Unterschied zugunsten der besser situierten vorhanden. Das Resultat des Vergleichs ist also im ganzen vollkommen übereinstimmend mit dem an anderen Orten gefundenen und beweist neuerdings in auffallender Weise den großen Einfluß, den die Lebensumstände auf Zunahme und Entwicklung des Kindes ausüben.“ Aus beigegebenen Tabellen sind im einzelnen die Unterschiede in der Körperkonstitution zwischen Bourgeois- und Proletarierkindern klar ersichtlich. Bei den Knaben betrug der Längenunterschied vom 8. bis 10. Lebensjahre bis zu 6 Zentimeter, vom 11. bis 15. Jahre bis zu 5 Zentimeter, bei den Mädchen bis zu 3 Zentimeter. Der Gewichtsunterschied belief sich bei den Knaben vom 8. bis 10. Jahre bis zu 3 Kilogramm, vom 11. bis 15. Jahre bis zu 5 Kilogramm, bei den Mädchen bis zu 3 Kilogramm.

Die Konstatierungen Axel Keys erregten großes Aufsehen, obwohl sie eigentlich nicht viel Neues, wenigstens nicht auf dem in Rede stehenden Gebiete, enthielten. Key selbst hatte sich ja auf Untersuchungen älteren Datums berufen. In der Tat hatte bereits mehrere Jahrzehnte vor ihm der belgische Statistiker Quetelet ähnliche Untersuchungen angestellt, weiter hatte 1877 Bowditch in Boston 24000 Kinder mit Unterscheidung der Nationalität und des Standes der Eltern gemessen und gewogen, um dieselbe Zeit hatte in England Ch. Roberts an 22 000 Erwachsenen und Knaben und zwei Jahre später in Italien Pagliani an 2000 Personen im Alter von 3 bis 19 Jahren eingehende und sorgfältige Messungen unter Berücksichtigung der sozialen Bedingungen, unter denen die betreffenden Personen lebten, vorgenommen. Auch ein Deutscher, Kotelmann in Hamburg, war Axel Key vorangegangen. Größer aber als die Zahl von Keys Vorgängern war die Zahl seiner Nachfolger: Michailow-Erismann in Zentral-Rußland, Kosmowski in Warschau, Landsberger in Posen, Carstädt in Breslau, Schmidt in Saalfeld, Schmid-Monnard in Halle usw. Alle Beobachter, vom ersten bis zum letzten stimmen darin überein, daß ein zuweilen recht beträchtlicher Unterschied in der Körperentwickelung zu Ungunsten der ärmeren Bevölkerung besteht.

Im Jahre 1886 nahmen Medizinalrat Dr. Geißler und Kand. Uhlitzsch im Schulinspektionsbezirk Freiberg umfangreiche Messungen der Größenverhältnisse der Schulkinder vor. In dem hierüber erstatteten Bericht (Zeitschrift des kgl. sächs. Stat.-Bureaus, Jahrg. 34) findet sich eine Tabelle: Zahl und Größe der Kinder aus dem Bergmannsstande und der Bürgerschüler Freibergs nach den einzelnen Altersgruppen, aus der ersichtlich ist, daß die armen Bergmannskinder durchgängig mangelhafter entwickelt waren als die Kinder des bessersituierten Bürgertums. Die Knaben der ersteren Gruppe waren im 10. Jahre durchschnittlich 5,1 Zentimeter, im 14. Jahre 4,7 Zentimeter, in den anderen Jahren mindestens 2,3 Zentimeter kleiner als die der letzteren, ebenso die Mädchen bis zu 5,1 Zentimeter kleiner als die Mädchen der Bürger. Der Bericht sagt darüber: „Es dürfte zu ersehen sein, welchen Einfluß die Lebensverhältnisse, in denen die Kinder aufwachsen, auf die Entwicklung des Körpers auszuüben imstande sind. Die Kinder aus dem Bergmannsstande sind durchweg kleiner als die die Bürgerschulen besuchenden Kinder, sie zeigen selbst geringere Maße, als sie für die Gesamtheit der gemessenen Kinder gefunden wurden, während die Kinder aus den Bürgerschulen weit über dem allgemeinen Durchschnitt stehen. Es bestätigt sich auch hier wieder die Aeußerung des französischen Statistikers und Arztes Villermé, daß nämlich der Mensch um so größer wird und sein Wachstum um so schneller seine Vollendung erreicht, je reicher unter übrigens gleichen Umständen das Land, je allgemeiner der Wohlstand ist, je besser die Kleidung, die Wohnung, besonders aber die Nahrung und je geringer die Not, die Anstrengungen, die Entbehrungen sind, die man in der Kindheit und in der Jugend erfährt.

Eine zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts aufgenommene Statistik über die Wachstumsverhältnisse von Volksschülern in Gohlis (E. Hasse, Beiträge zur Geschichte und Statistik des Volksschulwesens von Gohlis) bietet leider zu Vergleichen zwischen Proletarierkindern und den Kindern bürgerlicher Familien des gleichen Ortes keine Anhaltspunkte, da sich die Statistik lediglich auf Volksschüler, also auf Kinder armer und ärmster Volksschichten bezieht. Wohl aber lassen sich Vergleiche ziehen zwischen Volksschülern in Gohlis und solchen anderer Orte. An Körperlänge stehen die Gohliser Volksschüler denen von Halle und Saalfeld etwa gleich, den Berlinern um ungefähr ein halbes Jahreswachstum nach und den Freibergern um ein halbes Jahreswachstum voran; dagegen bleibt ein Gohliser Volksschüler hinter einem Berliner Bourgeoissohn um zwei Jahreswachstume durchgängig zurück. An Gewicht ist der Gohliser Volksschüler im allgemeinen etwas schwerer als der Berliner, Hallenser, Saalfelder und Freiberger, aber nicht so schwer wie der Nachkomme einer Familie aus Berlin W.

In jüngster Zeit hat einen sehr wertvollen Beitrag zur Frage der Schülermessungen der Dresdner Lehrer Graupner geliefert, der über die Ergebnisse seiner Arbeiten auf diesem Gebiete anläßlich der Tagung des Kongresses für Schulhygiene in Nürnberg 1904 Bericht erstattete. Danach besuchen in Dresden 13 000 wohlhabende Kinder die Bürger- und 44 000 minderbemittelte die Bezirksschulen. Die durchschnittliche Größe ist für das erste Schuljahr: in der Bürgerschule, Knaben 117,4, Mädchen 116,2 Zentimeter, in der Bezirksschule Knaben 112,7, Mädchen 112,3 Zentimeter; im achten Schuljahr: in der Bürgerschule, Knaben 150, Mädchen 153,7 Zentimeter, in der Bezirksschule, Knaben 147, Mädchen 150,5 Zentimeter. Im allgemeinen sind die Bürgerschüler den Bezirksschülern um ein Jahreswachstum voraus, handelt es sich um Stadtteile von großen sozialen Unterschieden, so beträgt der Vorsprung gar zwei Jahreswachstume. Die Bezirksschüler erreichen erst im dritten Schuljahr die Größe, die die Bürgerschüler beim Eintritt in die Schule hatten. Damit ist der Parallelismus von sozialer Lage und Körperentwicklung der Kinder auch bei dieser Untersuchung unanfechtbar nachgewiesen.

Nun noch eine Publikation über die Entwickelungs- und Wachstumsverhältnisse bei Berliner Schulkindern. Dr. Rietz hat darüber eine sehr gründliche, beachtenswerte Arbeit veröffentlicht (Archiv für Anthropologie Bd. 29 I, Braunschweig, Verlag von Vieweg u. Sohn). Er untersuchte 5134 Kinder vom vollendeten 6. bis zum 14. bezw. 19. Lebensjahre, die sich aus drei Gymnasien, vier Gemeindeschulen und einer höheren Töchterschule rekrutierten, und zwar beschränkte er sich nicht auf die Bestimmung der Länge und des Gewichts, sondern stellte auch — als etwas Neues — genaue Messungen des Brustumfanges der Kinder an. Da er sich auf Grund eingehenden Studiums der einschlägigen Literatur über die Verschiedenartigkeit der Befunde bei bürgerlichen und proletarischen Kindern von vornherein klar war, verrechnete er die von Kindern wohlhabender Eltern herrührenden Untersuchungsergebnisse gesondert von denen ärmerer Kinder. Vergleiche der Ergebnisse lassen auf den ersten Blick große Unterschiede in der Körperentwicklung zugunsten der Kinder bessersituierter erkennen. „Knaben wie Mädchen der höheren Schulen sind durchschnittlich um 5 bis 6 Zentimeter größer und 3 bis 5 Kilogramm schwerer als ihre Altersgenossen in den Gemeindeschulen.“ In einzelnen Fällen beträgt, wie die beigegebenen Tabellen zeugen, der Längenunterschied bei den Knaben bis zu 9,4 Zentimeter, bei den Mädchen bis zu 7,1 Zentimeter. „Die Kinder der wohlhabenderen Kreise sind ungleichmäßig schwerer als die der ärmeren; zweifellos infolge besserer Ernährung, die sich in höheren Maximalzahlen zu erkennen gibt. Es ergibt sich, daß die Kinder wohlhabenderer Eltern sich mehr durch das Gewicht auszeichnen, die Kinder der ärmeren Eltern dagegen durch eine geringere Länge sich bemerkbar machen.“ Bezüglich der Brustmessungen stellt sich heraus, daß der mittlere Brustumfang bei Kindern ärmerer Klassen absolut um etwa 3 Zentimeter enger ist. Auch in dem Verhältnis zwischen Gewicht und Länge „spricht sich deutlich die Verzögerung in der Entwicklung ärmerer Kinder aus; es ist, als ob ihre Zahlenkolonne (in der Statistik) um ein Jahr nach abwärts verschoben wäre.“ Auch hier findet sich somit die Wahrnehmung bestätigt, daß die Armen den Reichen um ein Jahreswachstum nachstehen.

O. R.


Fuente: «Proletarierkinder», Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 26, Mittwoch, 1. Februar 1905, Feuilleton-Beilage (sin paginar; imagen 11 del número), firmado «O. R.». Transcripción hecha desde la imagen del número digitalizado por la SLUB Dresden (digital.slub-dresden.de/id394414608-19050201; PDF del número completo descargado de la SLUB, Public Domain Mark), en Fraktur, leída sobre recortes ampliados; ocupa la primera columna de la página bajo un lema de Grillparzer que encabeza la Beilage y no pertenece al artículo, la segunda y el comienzo de la tercera. Se cotejó con la versión ampliada que Rühle publicó con su nombre en el Hamburger Echo del 2 de julio de 1905 (OR1905-22, «1905-07-02 Proletarierkinder»), que añade un párrafo inicial y otro final sobre el capital «despiadado»; las dos versiones difieren además en detalles («Im Anfang» / «Zu Anfang»; «gleichalterigen» / «gleichaltrigen»; aquí «Bowditch», «Pagliani», «Kosmowski», sin la mención de Florence Keller, con la referencia «E. Hasse, Beiträge zur Geschichte und Statistik des Volksschulwesens von Gohlis» y con el pie editorial de Rietz; «die Mädchen der Bürger» por «die Bürgerstöchter»; «um ein Jahreswachstum» por «um mindestens ein Jahreswachstum» al final). Como en el Hamburger Echo, falta la comilla de cierre de la cita del informe de Freiberg; se conservan «ungleichmäßig» (quizá por «ungleich mehr») y las demás grafías del impreso. A la resolución de la imagen no se aprecia ningún espaciado de énfasis, por lo que no se marcan cursivas.