Etwas vom Dichten und von Dichtern
Liebe Kritzelkinder, Ihr schickt mir immer so viele Sachen ein, daß ich schon gar keinen Platz habe, um auch mal wieder mit Euch zu sprechen. Das möchte ich aber gern, und da nehme ich mir halt einfach mal die erste Seite ganz für mich allein und fange an. Unter Euren Einsendungen sind hauptsächlich Rätsel, viele Bilder, Witze, Geschichten. Sehr beliebt sind manche Dauerrubriken, wie die Abteilung „Wie man spricht und wie es aussehen würde“, auch die „Geschichten zum Nachdenken“ erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Am meisten aber melden sich die Dichter zu Worte. Die Dichter? Was ist denn das? Ihr meint, das sind die Kritzelkinder, die Gedichte machen. Ja, die meine ich wirklich.
Da steht beispielsweise ein Gedicht in der „Kinderwiese“. Die Kinder lesen es und denken sich: so gut kann ich's auch. Ich werde mal gleich ein Gedicht machen. Das schicke ich der „Kinderwiese“ ein, werde gedruckt und bin ein Dichter. Wie macht man schnell ein Gedicht? Nun, es muß sich reimen. Muß es wirklich? Es gibt wunderschöne Gedichte, die sich nicht reimen! Unsere Kritzler aber fangen meist beim Reim an. Also reimen muß es sich. Was noch? Es muß einen Inhalt haben. Jetzt ist Frühling, also dichten wir über den Frühling. Jetzt ist Ostern, also dichten wir über den Osterhasen. Da ist es kein Wunder, daß dann die Gedichte einander so ähnlich sind. Ich greife mal in meine „Frühlingsmappe“ und schreibe Euch aufs geratewohl und ohne die Namen der Dichter zu nennen einige Anfänge von Gedichten auf:
„Juchhei, juchhei, der Frühling ist hier! Die Freude nimmt kein Ende schier!“
„Ei, du schöne Frühlingszeit, Ei, wie blühst du weit und breit!“
„Der Himmel ist so klar und blau, Und draußen auf der grünen Au Da singen wir und springen, Der Frühling wird Blumen bringen.“
„Frühling ist gekommen, Winter hat Reißaus genommen.“
„Nun ist der Frühling wieder hier, Da freun sich alle, Mensch und Tier.“
„Der Frühling kommt, es blühen die Bäume, Und Jubel durchzieht alle Räume.“
„Nun endlich zieht der Frühling ein Mit seinem hellen Sonnenschein.“
„Der Frühling zieht ein überall, Der Winter flieht über Berg und Tal.“
Und dann kommt immer wieder, daß die Sonne lacht, daß die Knospen springen, daß das Wasser rieselt und die Kinder lustig spielen, ab und zu wird auch noch von Schmetterlingen, Blumen, Vögeln geredet . . . Und mit Recht, denn all das kommt im Frühling vor! Aber das zu sagen, heißt noch nicht, ein Gedicht gemacht haben, auch wenn es sich reimt! Warum nicht? Ein Gedicht, ein wirkliches Gedicht, muß diese altbekannten Dinge so ausdrücken, daß es dem Leser vorkommt, als sähe man sie zum allererstenmal! Das zu können, ist eine Gabe. Man kann sie, ja man soll sie üben. Aber nur wenigen gelingt es, ein wirklich schönes Gedicht zu machen. Wer sich vornimmt: jetzt mache ich ein Gedicht — der ist kein Dichter, sondern ein Reimschmied. Das ist auch nichts Schlechtes. Es kann ja nicht jeder ein Dichter sein . . . bloß, wenn er nicht versteht, ein altbekanntes Thema neu und fesselnd zu „bedichten“ — so hat der Leser kein Interesse an seiner Reimerei. Also heißt das, daß Ihr nicht mehr dichten sollt? O nein! Dichtet nur ruhig weiter, oder reimt, wie Ihr's eben könnt. Aber es ist dann besser, sich ein solches Thema auszusuchen, das auch ohne Reime, als Erzählung, interessant wäre. Und solche Gedichte bekomme ich sehr wenig. Zum Beispiel lustige Gedichte fehlen mir sehr! Das ist an die unter Euch gerichtet, die sich hinsetzen und „ein Gedicht machen wollen“. Die andern, die dichten, weil etwas in ihnen singt und klingt und heraus will, die können auch über den Frühling dichten — so ein schöner Frühlingstag ist ja des Dichtens wert! Und dies alles habe ich Euch geschrieben, damit Ihr versteht, warum ich im Winter Eure vielen Wintergedichte und im Frühling Eure vielen Frühlingsgedichte nicht abgedruckt habe! (Das „verkehrte Gedicht“ in der Nummer von voriger Woche, das ich verbrochen habe, ist natürlich auch kein Gedicht, sondern bloß ein Gereime. Aber das war ja auch bloß zum Jux!) Und ich muß Euch doch nicht extra versichern, daß Ihr mir alle gleich lieb seid, die Dichter und die Reimer, und auch die, die weder das eine noch das andere sind, sondern ganz einfach und bescheiden in Prosa schreiben?
Und nun zum Schluß einen guten Frühlingsgruß
Eure Lizzi Kritzel.
Fuente: transcripción a partir de las imágenes del Prager Tagblatt, viernes 1 de mayo de 1936, suplemento infantil «Die Kinderwiese», n.º 18, págs. 1-2 (págs. 13-14 en ANNO), Österreichische Nationalbibliothek (aid=ptb, datum=19360501), cotejadas con el OCR de la ÖNB. Firmado «Eure Lizzi Kritzel», seudónimo de Alice Rühle-Gerstel. La bibliografía del archivo registraba esta pieza como «Frühlingsgruß» y «despedida antes de partir a México (presumiblemente)»; el título impreso es «Etwas vom Dichten und von Dichtern» y el texto no alude a ninguna despedida: «Frühlingsgruß» son solo las palabras de cierre. El orden de los inicios de poemas sigue el de la página (dos columnas).