CARL FURTMUELLER:

Staatsbuergerliche Erziehung im neuen Oesterreich

Vor mehr als einem Jahr hat das Austrian Labor Committee ein Schulprogramm veröffentlicht, das sich die Aufgabe stellte, den Männern und Frauen, die für den Wiederaufbau des österreichischen Schulwesens verantwortlich sein würden, als Behelf und Ratgeber in der ersten Periode des Uebergangs dienen zu können. Der Entwurf betonte ausdrücklich, dass der völlig veränderten sozialen und wirtschaftlichen Lage in der Nachkriegswelt sicher auch grundsätzliche Neuerungen im Schulwesen werden Rechnung getragen müssen, dass aber eine fruchtbare Bearbeitung dieses Problems erst nach der Befreiung des Landes im Lande selbst möglich sein wird.

Es mag auffallend erscheinen — und in privaten Erörterungen hörte ich diese Frage gelegentlich diskutieren —, dass der Entwurf zwar im Allgemeinen den Methoden, wie das Erziehungswesen an der geistigen Befreiung der Jugend vom Gifte des Nazismus mitwirken könne, grosse Aufmerksamkeit schenkt, dass er aber das Gebiet der eigentlichen staatsbürgerlichen Erziehung, das ist der Erziehung der Jugend zum Bewusstsein ihrer Aufgaben als Bürger Oesterreichs, gar nicht eigens erörtert. Wer aber an die konkrete Behandlung der Aufgabe herangeht, der merkt bald, dass hier gegenüber allen anderen Problemen des Erziehungswesens ein merkwürdige Verschiebung eintritt. Es hat keine Schwierigkeit, zu einem Programm österreichischer staatsbürgerlicher Erziehung auf weitere Sicht zu gelangen. Drei Punkte sind für denjenigen, der die Grundauffassungen akzeptiert, aus denen unser Schulprogramm hervorgegangen ist, von vornherein gegeben:

Die staatliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit Oesterreichs ist die gegebene Grundlage für den Neuaufbau.

Dieses neue Oesterreich muss ein Staat der politischen und sozialen Demokratie sein.

Das Bewusstsein der Eigenstaatlichkeit darf nicht zu nationalistischer oder pseudonationalistischer Abschliessung führen, sondern muss mit der Bereitschaft zu immer wirksamerer internationaler Kooperation in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten verbunden sein.

Die Methoden aber, wie man unmittelbar nach dem Zusammenbruch Hitlers darangehen soll, die österreichische Jugend mit Verständnis für die Aufgaben des neuen Staates und für ihre Pflichten als Staatsbürger zu erfüllen, können nicht nur nicht gefunden, sondern nicht einmal vernünftigerweise gesucht werden, wenn man den Wirbel umwälzender Ereignisse, durch den die österreichische Jugend jetzt hindurchgeht und bis zum Tag der Befreiung noch hindurchgehen wird, nicht selbst unmittelbar miterlebt. Wir können eine Kombination von drei wirksamen Faktoren annehmen:

Die Wirkung der jahrelangen systematischen nazistischen Beeinflussung durch Schule und Jugendorganisation;

die Wirkung der mit dem Fortgang des Krieges im ganzen Dritten Reiche mehr und mehr wachsenden Opposition gegen den Nazismus;

und die Wirkung des spezifisch österreichischen Widerstands gegen die hochmütige Bevormundung durch reichsdeutsche Machthaber in Amt und Wirtschaft, ein Widerstand, der sicher seit langem auch von österreichischen Mitgliedern der Nazipartei geteilt wird.

Jede dieser Haupttendenzen wird wieder in den mannigfaltigsten Schattierungen auftreten. Wer, ohne im Lande zu leben, da ausrechnen wollte, welche Resultierenden sich in den Köpfen der Jugend ergeben werden, könnte sich vielleicht als begabter Dichter bewähren, aber seine Phantasieleistung könnte kaum als Grundlage eines paedagogischen Programms dienen. Hier werden also nur Improvisationen platzgreifen können, Improvisationen, die für die Menschen im Lande selbst nicht schwierig sein werden, weil ja die Stimmung der Jugend mit der Stimmung des Volkes als Ganzem in Wechselwirkung steht.

Für die Ausarbeitung eines endgültigen Programms staatsbürgerlicher Erziehung werden nicht nur die allgemeinen Grundsätze leicht aufzustellen sein, sie werden auch auf Gedankengänge zurückgreifen können, die schon in der ersten österreichischen Republik entwickelt wurden. Der von mir verfasste Aufsatz, den ich in diesem Zusammenhang zitieren muss, sollte nicht eine persönliche, sondern eine Gruppenmeinung zum Ausdruck bringen.

Im Jahre 1933 erliess das österreichische Unterrichtsministerium einen Erlass über “vaterländische Erziehung”, der die Aenderungen in der geistigen Haltung des österreichischen Schulwesens und insbesondere in der Führung des Geschichtsunterrichts herbeiführen sollte, die durch die Machtergreifung der Nazi in Deutschland notwendig geworden waren. Hinter den absichtlich verschwommenen Wendungen des Erlasses verbarg sich die Absicht, die Gelegenheit dazu zu benützen, um das Schulwesen in die Bahnen des Austrofaschismus zu lenken, der gerade daran war, den gewaltsamen Umsturz vorzubereiten. Eine Mischung aus Barock-Kultur, Schnadahüpfeln und Radetzky-Marsch sollte dazu dienen, Heimatliebe, religiöse Gefühle und örtliche Traditionen zu Bahnbrechern politischer und sozialer Reaktion zu machen und die “vaterländische Erziehung” in eine Erziehung für die Vaterländische Front umzufälschen. Mir fiel die Aufgabe zu, diesen dunkeln Absichten den sozialdemokratischen Standpunkt gegenüberzustellen. Das geschah in einem Aufsatz “Vaterländische Erziehung”, der im Februarheft 1934 der “Schulreform” erschien, der letzten Nummer vor Einstellung dieses Organs der österreichischen Schulreform durch die Dollfuss-Diktatur. Die politischen Verhältnisse hatten es notwendig gemacht, für meine Darlegung die Form einer Anweisung an die Lehrer über die — beste Art der Durchführung des Ministerialerlasses zu wählen. Es war aber auch in dieser Form möglich, die

Auffassung der sozialdemokratischen Erzieher klar und uneingeschränkt zum Ausdruck zu bringen.

Einige Zitate aus dem Aufsatz mögen zeigen, dass, was die sozialistischen Lehrer in der letzten Phase der Ersten Republik über vaterländische Erziehung dachten, auch in der Zweiten Republik unmittelbar anwendbar ist.

Der Aufsatz geht davon aus, dass die politische Umwälzung in Deutschland nicht nur die Beziehungen Oesterreichs zu Deutschland, sondern auch die innere Haltung der österreichischen Schule grundlegend ändern müsse. Bisher habe das Schulwesen der Republik unter dem Einfluss einer Art “geistigen Anschlusses” gestanden, nun müsse der staatlichen Selbständigkeit auch selbständiger geistiger Inhalt gegeben werden. Die sich ergebenden Probleme würden natürlich am deutlichsten im Geschichtsunterricht. “In der Geschichte drängt das vaterländische Moment dahin, aus dem Rückblick in die Vergangenheit Richtlinien abzuleiten, die in die Zukunft weisen. ... Gewiss kann auch der junge Oesterreicher aus der Erkenntnis der grossen und schweren Schicksale seiner Vorfahren gesundes Selbstgefühl und Ansporn zu eigener Bewährung in schwerer Zeit schöpfen. Aber es ist nicht leicht möglich, den jungen Menschen eine Vergangenheit zu zeigen, an deren Tradition sie geradlinig anknüpfen könnten. Denn aus der Vergangenheit her können wir Oesterreich nur zeigen entweder als einen Bestandteil des Deutschen Reiches oder als führendes Glied eines mächtigen Nationalitätenstaates. ... Der Umstand, dass wir in der ferneren Vergangenheit unseres Landes keine Periode finden, die sich mit unserer gegenwärtigen Lage und unsern nächsten Zukunftsaufgaben unmittelbar decken würde, weist deutlich auf die Notwendigkeit hin, im vaterländischen Unterricht gerade der jüngsten Geschichte Oesterreichs, der Geschichte der österreichischen Republik, einen bevorzugten Platz anzuweisen. Insbesondere der Moment der Gründung unserer Republik, als durch das einmütige Zusammenwirken aller Bevölkerungsschichten dem drohenden Chaos Halt geboten wurde, eigne sich als Tragpfeiler der vaterländischen Erziehung.” Die Auswahl des Stoffes, so sagte der Aufsatz, werde im übrigen nicht “Momente besonderen äusseren Glanzes und einzelne Ereignisse” in den Vordergrund stellen, sondern “zeigen, wie gerade der österreichische Volksstamm durch die Besonderheit seiner geographischen Lage immer wieder unter äusserst schwierigen Verhältnissen vor Probleme des Zusammenlebens und Zusammenwirkens mit andern Völkern gestellt war, und wie sich dieser Stamm trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge immer wieder in die Höhe gearbeitet hat. Unter diesem Gesichtspunkt wird sich die österreichische Geschichte aus als Ausgangspunkt für fast alle Probleme der gesamteuropäischen und damit der Weltgeschichte heranziehen lassen”.

Im Gegensatz zu der so in den Grundlinien angedeuteten Auffassung österreichischer Geschichte und österreichischer vaterländischer Erziehung drohte die dem Austrofaschismus vorschwebende Art der Pflege des “Heimatlichen” zu einer Verarmung und Verengung des Gesichtskreises der Jugend zu führen. Gegen solche Gefahren richtete sich ein anderer Teil des Aufsatzes: “Gewarnt muss auch vor dem nicht seltenen Missverständnis werden, das Heimatliche vor allem in dem Altväterischen sehen zu wollen, das heisst in dem, was weder als Geschichte noch als Gegenwart Bedeutung hat, sondern was als Rest der Vergangenheit ein vielleicht freundliches und sympathisches, aber für die Gesamtentwicklung nicht mehr charakteristisches Leben weiterspinnt. Gerade in einem Staat, dessen kulturelles Ansehen und dessen wirtschaftliche Geltung in der Welt doch zu einem sehr entscheidenden Teil auf der Grossstadt beruhen, die sein Zentrum bildet, würde eine derartige Verkennung des Heimatlichen geradezu hindern, das Vaterland in seiner wahren Bedeutung kennen zu lernen. Nicht nur die schönen alten Kirchen und Paläste, sondern auch die modernen Wasserleitungen und Kraftwerke, die künstlerischen, kulturellen und sozialen Schöpfungen und Einrichtungen des modernen Wien, nicht nur ein schöner Volkstanz und eine alte Tracht, sondern auch das Spullerseewerk gehören zur Heimat.”

Der Hinweis auf diese Veröffentlichung des Jahres 1934 wollte zeigen, dass die sozialistischen Lehrer Oesterreichs den Aufgaben, die ihrer in der Zweiten Republik harren, nicht unvorbereitet gegenüberstehen. Er schien mir aber auch aus einem allgemeineren Grunde zweckmässig. Die programmatische Auffassung, die in jenem Aufsatz zum Ausdruck kam, erwuchs ja aus der Verbindung der sozialistischen Lehrer mit dem Fühlen und Denken der Gesamtpartei. Und so ist die damalige Einstellung der sozialistischen Lehrer ein Beweis dafür, wie schnell und gründlich die österreichische Sozialdemokratie die Folgerungen aus der tragischen geschichtlichen Wendung gezogen hat, die durch die Machtergreifung des deutschen Nationalsozialismus herbeigeführt worden war.


Fuente: transcripción a partir del facsímil de Austrian Labor Information (Nueva York, Austrian Labor Committee), n.º 36, 1 de abril de 1945, págs. 7-8, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ali, 1945; imágenes 7-8), hecha con el OCR de la ÖNB como apoyo y cotejada con la imagen. Firmado «Carl Furtmueller» en el encabezamiento; en el sumario de la portada, «Carl Furtmüller». La fecha consta en la portada («April 1, 1945»). Ortografía del impreso (ss por ß, «Oe», «Ae», «Ue», «paedagogischen») y sus erratas («ein merkwürdige Verschiebung», «Geschichte aus als»). Los pasajes en espaciado van en cursiva. Se omite el artículo siguiente («Die erste deutsche Gewerkschaft gegruendet», pág. 8). Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.