KARL SCHRATT:
Ist die Hitlerjugend uns verloren?
Wenn wir in der Emigration an die gegenwärtigen Leiden und die künftigen Kämpfe der Heimat denken, erfüllt uns nichts mit so banger Sorge wie das Schicksal der heranwachsenden Jugend. Bei allen anderen Altersschichten, bei allen Berufsgruppen können wir uns wenigstens ungefähr ein Bild ihrer gegenwärtigen Verfassung machen, überall können wir, möge der Terror und die Propaganda des Gegners auch viele für den Augenblick einschüchtern oder schwankend machen, mit einem festen Kern rechnen, der bewusst und zäh geblieben ist, was er war; und wir wissen, an welche Elemente politischer Erziehung, an welche organisatorische Vergangenheit wir anzuknüpfen haben werden, um aus den jetzt Passiven wieder politische Kämpfer zu machen, die nicht momentanen Affekten, sondern einer klaren Zielstellung folgen. Für die Generation aber, die um 1925 herum geboren ist, tappen wir im Dunkeln. Ihre geistige Entwicklung begann, als unsere Organisationen ins Dunkel der Illegalität untertauchen mussten, über ihre jetzige Verfassung haben wir nur ganz unzusammenhängende Nachrichten, wir wissen nur, dass sie der Propaganda des Nazismus ausgesetzt sind, ohne dass jemals eine dauerhafte, von uns ausgehende Beeinflussung sie gegen dieses Gift hätte immunisieren können. Sicher ist, dass wir alle Schlimmes befürchten. Bei der ausserordentlichen Bedeutung, die die Entwicklung dieser Jugend für das Schicksal unserer Bewegung haben muss, mag es angesichts des Mangels ausreichender Nachrichten vielleicht nützlich sein, wenn wir auf Grund jugendkundlicher und psychologischer Einsichten allgemeiner Art zu etwas genauer fundierten Vorstellungen über ihre augenblickliche seelische Verfassung und über die Chancen künftiger Entwicklung zu gelangen suchen.
Dass die Jugend an und für sich für den Nazismus anfälliger ist als andere Altersstufen — dies ist eindrucksvoll festgehalten in dem Gegensatz der Wahlaltersgrenzen bei Schuschniggs und bei Hitlers Plebiszit — ist nach der Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung leicht zu verstehen. Gehörte doch zu den wichtigsten Quellen, aus denen die junge Bewegung Menschenzustrom, Gefühlsschwingungen, Vorstellungsmassen bezog, neben den sehr realistischen „Männerbünden“ der Baltikumsoldaten die idealistische bürgerliche Jugendbewegung, die „bündische“ Jugend.
Diese Jugendbewegung, im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts entstanden, war wegen ihrer zeitweise stürmischen Formen ängstlichen bürgerlichen Gemütern revolutionär erschienen. Daran war nur das eine richtig, dass für sie, wie für alle Emanzipationsbestrebungen jener Epoche, das Beispiel des Freiheitskampfes der Arbeiterklasse die unbewusste geistige Voraussetzung bildete. Aber die stürmisch sich kreuzenden Gedankenströme vermochten die Klasseninstinkte der bürgerlichen Jugend so wenig zu erschüttern, dass in der Nachkriegszeit die Bewegung fast zur Gänze zur äussersten Rechten hinüberglitt und Stephan George im Namen dieser „bewegten“ Jugend in einem berühmten oder berüchtigten Gedicht Jahre vor der Machtergreifung enthusiastisch den Führer feiern konnte, der „das neue Zeichen an die alte Fahne“ heftet.
Die psychologische Wurzel der Bewegung war der Protest gegen den Autoritätsdruck in Elternhaus und Schule, gegen die Ueberwertung des Altersunterschiedes, der geradezu zu einer sozialen Niveaudifferenz gemacht wurde. Es ist der Jugendbewegung aber nicht gelungen, diesen Gegensatz zu überwinden oder abzuschwächen, sondern sie hat ihn mit entgegengesetztem Vorzeichen fixiert. Die „jungen Menschen“ traten den Erwachsenen wie Wesen ganz anderer Art gegenüber und wurden ihm gegenüber das Gefühl der
Unsicherheit doch nicht los. Deshalb der Wunsch nach einem Leben, losgelöst von dem der Erwachsenen, in eigenen „Jugendbereichen“. Und kaum hatte man die Zwangsautorität von Eltern und Lehrern negiert, so suchte man nach anderen Erwachsenen, denen man sich in überschwänglichem Vertrauen und blinder Gefolgschaft anschloss. Hat das „Führerprinzip“ eine Wurzel in den Bandenchefs der Baltikumleute, so die andere in dem Führertum der Jugendbewegung. Die Schnellebigkeit und Unstetheit der Bewegung hatte allerdings einen raschen Wechsel der Führerpersönlichkeiten im Gefolge. Ueber den Uebertreibungen und Auswüchsen der Bewegung, von denen leicht zu zeigen wäre, wie sie mit ihrem spezifisch bürgerlichen Charakter zusammenhängen, darf man aber nicht übersehen, in welch hohem Masse in ihr psychologische Erscheinungen und Bedürfnisse, die der Reifezeit naturgemäss sind, ihren Ausdruck gefunden haben. Der Gegensatz zu den Erwachsenen ist bis zu einem gewissen Grad ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil des Reifungsvorganges, des Uebergangs vom Kind, das geführt werden muss, zum Erwachsenen, der selbstständig sein soll. Das Heranrücken einer Fülle von Aufgaben im persönlichen, im Berufs- und öffentlichen Leben, für die man noch nicht völlig gerüstet und in denen man noch nicht erprobt ist, muss ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen, dem das Verweilen im Jugendbereich, wo man sich nur mit Gleichen zu messen hat, Milderung verschafft. Das Gefühl wachsender Kraft, die noch nicht für reale Aufgaben eingesetzt werden kann, führt zur Begeisterung für hochgesteckte, wenn auch zunächst unklare Ziele. Dem Charakter des Versuchs und der Vorbereitung, der diese Lebensstufe auszeichnet, entspricht der rasche Wechsel und der starke Verbrauch an Personen.
Fragen wir uns nun, was die Jugend von dem, was sie in der Jugendbewegung gesucht hat, im Nationalsozialismus wiederfinden kann, so muss man sagen, dass da von Bewegung eigentlich nur mehr in dem körperlichen Sinn des Marschierens und des Dauerlaufs gesprochen werden kann, im übrigen ist an ihre Stelle Erstarrung und feste Regelung getreten. Statt des Führers, den man persönlich erkoren hatte und von dem man sich jederzeit wieder abwenden oder den man stürzen konnte, mit dem man in unmittelbarer und warmer menschlicher Beziehung stand, der „Führer“ schlechtweg, in den Wolken des Mythos und der Propaganda verschwimmend, für den einzelnen unnahbar. An Stelle persönlicher Berührung Anhören einer Rundfunkrede oder Anstarren eines vorbeiflitzenden Autos und dann endlos wiederholte Sprechchöre: „Wir danken unserm Führer“ oder „Wir haben den Führer gesehen“. Und der „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach ist sicherlich nicht die Persönlichkeit, um Aufgaben einer Jugendführung im Sinne einer Jugendbewegung erfüllen zu können. Sein gespreiztes Bonzentum — „Die Aufgabe der religiösen Erziehung der deutschen Jugend übertrage ich hiemit den einzelnen Kirchen“, hat er in einer seiner Reden gesagt und die Wiener evangelischen Pfarrämter haben diesen Ausspruch hochbefriedigt, als Legitimierung ihrer Tätigkeit, an den Kirchentüren angeschlagen — ist so „unjugendlich“ wie nur möglich und so wird er insbesondere unter der österreichischen Jugend wohl nur durch seinen ulkigen Namen populär werden können. Alles was dann kommt, bis herab zum bescheidensten Unterfunktionär, ist auf Grund des „Führerprinzips“ von eben [¿oben?] her ernannt, nirgends besteht die leiseste Möglichkeit für die Jugend, selbst zu entscheiden. So ist aus dem „Jugendführer“ einfach eine neue Art bürokratischer Vorgesetzter geworden. Wollte früher die Jugendorganisation dem jungen Menschen den Weg in die Freiheit eröffnen, so vertauscht er jetzt in ihr einfach die Disziplin der Schule mit der des Kasernenhofs. An die Stelle der Romantik des freien Wanderlebens ist das militärische Exerzieren und Marschieren getreten, ein öder, in seinen Uebertreibungen die Jugend auch physisch gefährdender Drill, so dass schliesslich die Generale der Wehrmacht sich gegen die ärgsten Auswüchse dieses Feldwebeltums wenden mussten. Seit die Hitlerjugend Zwangsorganisation geworden ist, ist der Mitarbeit jeder Rest persönlicher Initiative genommen und die Kriegsverhältnisse werden immer häufiger und ausgiebiger dazu führen, dass die Jugendorganisation einfach dazu benützt wird, um die Jugend bequemer in das ungeheure System der Zwangsarbeit eingliedern zu können. Das beste Symbol für die geistlose Mechanisierung dieses Jugend-„Betriebs“ ist der Trommelwirbel und der eintönig abgehackte Sing-Sang, der an die Stelle der beschwingten Lieder der freien Jugendorganisationen aller Richtungen getreten ist. Bei den Mädchen, auf die der militärische Drill ja auch übergreift, aber doch nicht ganz im gleichen Mass, mögen die Dinge um eine Kleinigkeit besser liegen.
Aber gegenüber all diesen Momenten, die früher oder später von der Jugend als negativ, wenn nicht erkannt, so doch gefühlt werden müssen, gibt es viele und starke, die geeignet sind, die Jugend zu fesseln und zu verführen. Da ist der Nimbus der Uniform, da ist der Besitz des „Fahrtenmessers“ oder die Anwartschaft darauf, da ist die Hebung des Selbstgefühls, die das Aufmarschieren „in rauhen Massen“ verleiht. Da sind aber noch weiter und tiefer reichende Dinge, die die Stellung der Jugend heben und ihrem Selbstbewusstsein Halt geben. Die Zugehörigkeit zu einer grossen machtvollen Organisation wirkt schon an sich in diesem Sinne, sie führt aber insbesondere dazu, durch Berufung auf sie und ihre Anforderungen dem Jugendlichen eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber Schule und Elternhaus zu verschaffen. Und tatsächlich spielen sich ja zwischen Lehrern und Eltern auf der einen, Hitlerjugend auf der andern Seite ständige Kämpfe ab. Den Widerständen, die vom Elternhaus kommen, hat man jetzt im Krieg dadurch Rechnung getragen, dass zwei Samstage und zwei Sonntage im Monat für die Hitlerjugend dienstfrei bleiben sollen. Es bleibt abzuwarten, wie diese Anordnung auf die Dauer durchgeführt wird; Kompromisse und Konkordate haben ja in Hitlerdeutschland ihr eigenes Schicksal. Jedenfalls ist es diese Beanspruchung der Jugend, bei der sich der Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime bisher am deutlichsten hervorgewagt hat; es gibt Mütter genug, die schon der blosse Anblick einer Gruppe Vierzehnjähriger mit dem Hitlerdolch in Erregung versetzt. Leider liegt gerade hier für die Proletarierfamilie eine Gefahr schweren Missverständnisses zwischen Kindern und Eltern. Der Vater und die Mutter, die ihrer politischen Gegnerschaft gegen diese Art der Jugendführung nicht Ausdruck zu geben wagen, machen ihrem Unmut dadurch Luft, dass sie über die Ausserlichkeiten des Betriebs murren: „Man sieht den Buben ja überhaupt nicht mehr.“ „Gestern ist er wieder mitten in der Nacht nach Haus
gekommen.“ „Wär’ gescheiter, er säss’ über seinen Schulbüchern.“ So hält der Sohn für elterlichen Eigensinn und Autoritätsdünkel, was der getarnte Ausdruck proletarischer Ablehnung der Hitlerei ist und wird um so fester in die Netze dieses Menschenfangs verstrickt.
Aber im Nazismus liegt noch mehr, was das Selbstgefühl der Jugend ansprechen kann. Hier ist ja alles „jung“: Die nationalsozialistische Bewegung selbst ist „jung“, Katholizismus, Liberalismus, Marxismus sind dagegen „alt“. Die Deutschen sind ein junges Volk im Gegensatz zu den vergreisten Engländern und Franzosen. Die jungen Faschismen stellen sich den marastischen Demokratien gegenüber. Und tatsächlich hat noch nie in einer politischen Bewegung die Jugend, auch die jüngste Jugend, eine solche Rolle gespielt wie im aufsteigenden Nationalsozialismus. In Oesterreich wirken selbstverständlich die Erlebnisse der „Verbotszeit“ noch nach, in der die damalige Regierung den Halbwüchsigen ihre politische Bedeutung dadurch bescheinigte, dass sie gegen Mittel- und Fachschüler mit schweren Strafen und gegen ihre Eltern mit drakonischen wirtschaftlichen Druckmitteln vorging. Und tatsächlich wurden die kühnsten dieser Jungen zu gefährlichen und verantwortungsvollen Aufgaben, zur Mitwirkung bei Bombenanschlägen und Eisenbahnsprengungen herangezogen, unter Umständen — Ausdruck der Versöhnung zwischen Schule und Jugendbewegung — zusammen mit ihren Lehrern. Und beim „Umbruch“ wurde einzelnen von ihnen ein Glück zuteil, an das sich frühere Gymnasiastengenerationen nicht einmal in Wunschträumen herangewagt hatten: sie durften ihren eigenen Direktor verhaften. Aber ganz allgemein erlangten im Augenblick des Umbruchs selbst die Zwölf- bis Vierzehnjährigen, die „illegale“ Nazi gewesen waren, sowohl in der Schule als in der Bewegung geradezu eine soziale Position. Und immer wieder, bei den Synagogenverbrennungen, bei der Strafexpedition gegen das erzbischöfliche Palais, bei Hausdurchsuchungen und Razzien fand diese Jugend Gelegenheit zu einer Betätigung, die nicht nur von ihr selbst, sondern auch von den massgebenden Erwachsenen als „politischer Einsatz“ gewertet wurde. Von dieser ganz eigenartigen Mischung von Erziehung, Verwahrlosung und Kriminalität führt uns wieder ins Normale zurück die Verlockung, die für Ehrgeizige die Aussicht darstellen muss, es in dieser gewaltigen, von Staat und Partei mit Autorität ausgestatteten Jugendorganisation zu einer gehobenen, später vielleicht sogar zu einer führenden Stellung zu bringen. Und von hier ist es nicht weit zu freilich recht „unjugendlichen“ Erwägungen und Hoffnungen: Bewährung in der Hitlerjugend verspricht ja bei der Entscheidung über die weitere Schulbahn, sie verspricht aber auch für das spätere Leben des Erwachsenen die mannigfachsten Vorteile; und noch unmittelbarer gewiss ist es, dass bei einem Fernhalten des Jugendlichen praktische Nachteile drohen. Das ist natürlich auch für viele Eltern ein Anlass, ihre Einstellung zur Jugendorganisation zu revidieren. Im weiteren Verlauf müsste freilich gerade die Jugendfrische der Bewegung die jetzt heranwachsende Generation in eine schlimme Lage bringen: überall, in Staat und Partei, in Wehrmacht und Wirtschaft sind viele Kommandostellen, sind aber vor allem die mittleren Funktionen fast ausschliesslich von jungen, zum Teil von sehr jungen Leuten besetzt, so dass bei Weiterbestehen des politischen Systems eine gewisse Erstarrung des leitenden Apparats auf allen Gebieten unvermeidlich wäre und die Nachrückenden alle guten Plätze besetzt fänden. Es würde sich also gerade in dieser so betont „jungen“ Bewegung mit unerhörter Schärfe ein Generationenproblem auftun, das wir in milderem Masse schon anderswo haben studieren können. Aber die Geschichte wird den Nazismus der Lösung dieses Problems entheben.
Dass die nationalsozialistische Ideologie auf Jugendliche besondere Anziehungskraft auszuüben vermag, kann nicht wundernehmen. Trägt doch die Weltanschauung des Nazismus und seine Rassenwissenschaft ausgesprochenen Pubertätscharakter. Leute wie Göbbels und Rosenberg gehören zum Typus des frühreifen Gymnasiasten, der auf dieser Entwicklungsstufe steckengeblieben ist. Was als rasch vorübergleitendes Durchgangsstadium in der Entwicklung des Individuums natürlich und unschädlich erscheint, ist hier fixiert und zu einer geistlosen Fratze erstarrt. Dem widerspruchsvollen Charakter der Pubertätszeit, die vor der Welt der Erwachsenen zurückschreckt und doch zu ihr hinstrebt, entspricht das Nebeneinander von zersetzender Kritik und von Neigung zur schwärmerischen Hingabe an Personen und an Ideen; das führt zu einem Weltbild in Schwarzweisstechnik voll schärfster Kontraste. Dass gerade der begabte Halbwüchsige sich oft an geistige Aufgaben heranwagt, denen er zunächst nicht gewachsen ist, dass dann ein wunderliches Gemisch entsteht von unkritisch übernommenen Massen überlieferten Wissens und sprunghaften eigenen Einfällen, dass die Nachahmung der äusseren Gesten der Wissenschaft mit wirklicher wissenschaftlicher Arbeit verwechselt wird, daraus ist dem Heranwachsenden kein Vorwurf zu machen, wenn es auch eine Gefahr für ihn werden kann. Ebendiese Züge aber sind charakteristisch für die wissenschaftlichen und weltanschaulichen Schöpfungen des Nationalsozialismus in ihrem eigenartigem Gemisch von dilettantischem Autodidaktentum und frivolem Feuilletonismus. Der Jugendliche findet also hier lebendige Seiten seines eigenen Wesens anklingen, wenn auch gerade die minder wertvollen und zu überwindenden. Als Objekt glühender persönlicher Hingabe ist das Idealbild des „Führers“ vielleicht schon zu klischeemässig und zu abgebraucht, zündend aber bleibt die Begeisterung für das eigene, das auserwählte Volk und für die auserwählte, die Edelrasse. Der zersetzenden und herabwürdigenden Kritik ist nicht nur der ganze Rest der Welt preisgegeben: die Juden, die Neger und Mongolen, die Slaven und Romanen, die Feindvölker im Krieg, sondern auch im eigenen Volke alles, was sich dem Nazismus entgegenstellt; und nicht nur in der Gegenwart, sondern im ganzen Raum der Geschichte von den Politikern der deutschen Republik angefangen bis zurück zu Karl dem Grossen. Dabei kann aber jeder Verurteilte bei einem Wechsel der Betrachtungsweise oder der Situation kaleidoskopartig aus dem schwarzen in den weissen Sektor rücken, eine Elastizität der Stellungnahme, die dem Versuchscharakter des jugendlichen Seelenlebens wieder sehr entgegenkommt. Nun darf man nicht übersehen, dass durch die Tatsache des Krieges diese Art, die Welt anzusehen, an Anziehungskraft für die Jugend noch gewinnen muss. Die Gefühlswirkung ist natürlich viel stärker, wenn die „Feinde“ in dieser Schwarzweisswelt nicht mehr bloss metaphorische, sondern wirkliche Feinde sind. Der Hochmut gegenüber andern
Völkern und Rassen wird verstärkt, wenn der Propagandadienst tagtäglich von tatsächlicher Unterwerfung und Vernichtung der Schwachen und wenigstens von „heroischen“ Abenteuern zu Wasser und in der Luft im Kampf mit den Starken zu melden weiss. Und das Ideal künftiger Grösse des deutschen Volkes wirkt zündender, wenn seine Verwirklichung nicht mehr in nebelhafter Ferne schwebt, sondern an das Ende dieses Krieges gerückt scheint. In dem „Heute gehört uns Deutschland — morgen die ganze Welt“ ist das „Morgen“ kein Verweis auf eine unbestimmte Zukunft mehr, sondern das Aufleuchten dieses Morgen scheint sich durch die Röte des Horizonts nicht nur im Osten, sondern in allen Weltgegenden anzukündigen. Darin liegt der Zauber der nationalsozialistischen Erfolge, dass sie den Tagträumen der Pubertät zu einer, wenn auch nur vorübergehenden und trügerischen Realisierung verhelfen. Und wieder erhöht sich die Zugkraft dieses hysterischen Ideals durch eine sehr realistische Komponente: wenn ein so ungeheurer Kuchen zur Verteilung gelangt, dann darf der Einzelne wohl auch für sich selbst ein ansehnliches Stück mit recht viel Rosinen drin erwarten.
Die Kriegsbegeisterung des Jugendlichen stösst begreiflicherweise eher auf innere Hemmungen, wenn der Tag näher rückt, an dem er selbst zum ersten Mal zur Musterung wird antreten müssen. Es zeugt von dem Raffinement der deutschen Propaganda, dass die deutsche Jugend seit Kriegsbeginn nicht nur durch Rundfunkansprachen und Zeitung, sondern auch durch eine jetzt durch umfangreiche Vorschriften geregelte unablässige Beeinflussung in der Schule immer wieder auf Flugwesen und Luftkampf hingewiesen wird. So vergisst sie, dass sie zum weitaus grössten Teil das unromantische und höchst dreckige Los des Infanteristen wird tragen müssen, und jeder sieht sich als Kampfflieger, der über Scapa Flow, London und Paris wahre Wunder verrichtet. Wie der Ufafilm dem kleinen Angestellten vortäuscht, dass er eines Tages im Nu sein Proletenlos gegen alle Herrlichkeit der Welt eintauschen kann, so sollen hier die künftigen Krieger durch künstliche Fixierung infantiler Berufsphantasien im Unklaren darüber gehalten bleiben, dass der übergrossen Mehrzahl von ihnen als Soldaten ein Proletenlos harrt.
Gefährlicher aber als die Ideologie und die Propaganda, mit denen der Nazismus auf die Jugend einwirkt, sind wohl die Lebensformen, in die er sie hineinstellt und deren Wertungen sie unwillkürlich übernimmt, ist das Negative, die Vorenthaltung von Werten, die man schon als einen endgültigen Erwerb der Menschheit betrachtet hatte. Gefährlich ist die Barbarei, die kein eigenberechtigtes persönliches Leben mehr kennt, sondern die im Knaben vor allem den künftigen Soldaten und im Mädchen die künftige Produzentin von Soldaten sieht, die Barbarei, die alle geistigen Leistungen in Technik, Wissenschaft und Kunst nur so weit anerkennt, als sie den Zwecken nazistischer Politik dienen und sie daher meistens verachten muss — ja, wenn die Wissenschaft eine tüchtige Kuh wäre, die die deutsche Wirtschaft mit Butter versorgt! —, die Barbarei, die sich über die Idee der Humanität nicht nur hinwegsetzt, sondern sie ausdrücklich und brutal verleugnet. Nie hat vor dem Nationalsozialismus eine Erziehung, von welcher Seite immer sie kam, es versucht, auf die Ideen des Menschenrechts und der Menschenwürde — nicht im politischen, sondern im ethischen Sinne — zu verzichten. Reaktionäre, volksfeindliche Richtungen haben diese Begriffe heuchlerisch und phrasenhaft verwendet; aber dadurch, dass sie von ihnen sprachen, gaben sie der inneren Entwicklung des jungen Menschen oder der von aussen kommenden Aufklärung Gelegenheit, daran anzuknüpfen und anstelle der schönen Phrase den Ernst der Tat zu verlangen. Nie auch war ein reaktionäres Gewaltregime im Besitz einer solchen Fülle technischer Mittel, die Jugend von der Berührung mit Gedankenkreisen, die dem System missliebig sind, fernzuhalten.
Wir haben bei diesem Bild, das wir uns von der Lage der Jugend in Oesterreich machen, nichts verstecken und nichts schönfärben wollen. So düster es auch ist, so glauben wir doch nicht, dass es zu pessimistischen Schlussfolgerungen führt. Wir haben gesehen, wie geschickt der Nazismus gewisse problematische Seiten der jugendlichen Entwicklung auszunützen versteht, um sich der Jugend zu bemächtigen. Wir haben aber auch gesehen, wieviel von dem, was die Jugend, wenn sie den natürlichen Bedürfnissen ihres Wachstums folgen kann, für sich in Anspruch nimmt, er ihr versagt. Statt freier Kameradschaft und Freundschaft Gleichgesinnter eine unterschiedslose Zwangsgemeinschaft. Statt freier Wahl und freiem Wechsel der Interessen, denen man nachgehen will, wie es dem Versuchscharakter dieser Lebensstufe entspricht, starre und einseitige Ausrichtung auf die vormilitärische Erziehung; dazu gelegentlich Heranziehen zu geringgeachteter Zwangsarbeit, was die Minderwertigkeitsgefühle des Heranwachsenden verstärken muss. Das jugendliche Bedürfnis, von der Zukunft zu träumen, für sie zu planen, Luftschlösser zu bauen, hat nicht mehr Ruhe und Musse, um sich individuell in hundertfältiger Abtönung auszuleben, sondern es muss für alle gleichmässig durch die Massenausspeisung mit dem ideologischen Eintopfgericht nationalsozialistischer Weltmachtsphantasien befriedigt werden.
Hier wird eine Generation um ihre Jugend betrogen. Wichtige Nährstoffe für ihr geistiges und Gemütsleben sind ihr entzogen und sie ist dem Druck einer Zwangsorganisation unterworfen, die, ohne die Wärme des Elternhauses und mit einer Härte, wie sie die strengste Schule nicht kennt, auf den jungen Menschen lastet. Wir wissen, wie solcher Druck zu ungeheurer Verstärkung des Minderwertigkeitsgefühls und in notwendiger Gegenwirkung zu krampfhafter innerer Auflehnung führen muss. Dazu kommt, dass, so sehr auch die Hitlerjugend mit ihren spartanischen Lebensformen sich bemüht, die Klassengegensätze zu vertuschen, im Fortschreiten des Krieges die Klasseninstinkte der proletarischen Jugend notwendigerweise belebt werden. Einmal werden immer mehr Mitglieder der Familie dem Los des Proletariers in Hitlerdeutschland, Zwangsarbeiter zu werden, verfallen. Und dann wissen wir aus der Krisenzeit, dass der Gegensatz von Ueberfluss auf der einen Seite, bescheiden-ausreichender Bedürfnisbefriedigung auf der andern Seite noch lange nicht so aufreizend und aufwühlend wirkt wie das Nebeneinander verschiedener Abstufungen des Mangels. Deswegen braucht sich an dem äusseren Bild, das die Jugend bietet, zunächst nichts zu ändern; sie wird weiter stramm, wenn auch gelangweilten, müden Gesichtes, hinter den Hakenkreuzfahnen herziehen. Dass solche seelische Entwicklungen sich tief unterirdisch abspielen, nimmt ihnen
nichts von ihrer Bedeutung. Aber wenn erst in Deutschland die innere Entwicklung in Fluss kommen wird, dann wird auch das Brodeln und Gären in der Jugend plötzlich sichtbar werden, alle Enttäuschungen, alle Kränkungen werden laut werden, mancher aufgespeicherte Groll wird nach Rache rufen, manche ungestillte Sehnsucht wird anklagen in dem Augenblick, da der grose Glaube zusammenbricht, der bisher all dem als Beschwichtigung hatte dienen müssen. Wenn der Simson der Revolution am Tempel des Hitlertums rüttelt, wird sich zeigen, dass die Säule der Jugend schon längst brüchig war.
In diesem Momente werden wir, wie überhaupt, so insbesondere der Jugend gegenüber vor ungeheuren Aufgaben stehen. Die Befreiung der Jugend vom Zwang des „Dienstes“ und vom Wahnglauben an die nazistische Ideologie schenkt ihr zunächst ja nur eine rein negative Freiheit, die sie zugleich der Stützen beraubt, die ihr bisher wenigstens äusserlichen Halt gaben. Bleibt sie sich selbst überlassen, so droht sie in sturer Gleichgültigkeit zu versumpfen, in ausweglose Verzweiflung zu versinken oder in offene Kriminalität hinabzugleiten. Wir werden um diese Jugend zu ringen, sie für uns zu erobern und ihr dabei einen neuen Lebensinhalt zu geben haben. In doppelter Weise werden wir dabei gegensätzlich an das Erbe des Hitlertums anknüpfen können und müssen. Diese Jugend ist organisationsgewohnt; so wird es uns leichter werden, sie unsererseits zu erfassen und in veränderten äusseren Formen und in völlig verändertem Geiste zusammenzuschliessen, indem wir der freien Erörterung und der Initiative des Einzelnen und der Gruppe Raum geben und den stummen Gehorsam durch den Grundsatz der Selbstbestimmung oder Mitbestimmung ersetzen. Und diese Jugend ist gewohnt, dass man ihr grosse Ziele zeigt und von ihr fordert, dass sie für diese Ziele in den Kampf trete. Die Elastizität der Jugend und das stürmische Tempo einer wildbewegten Zeit werden sie rasch lernen lassen, wenn wir der inneren Hohlheit ihrer alten Ideale unsere eigenen mit allem Schwung gegenüberstellen und sie für diese zum energischen Kampf aufrufen. Mit halben Zielen und mit halben Mitteln wird diese Jugend nicht zu gewinnen sein. Möge ihr das Wort gelten, das Otto Bauer schon einer früheren zugedacht hatte: die „Generation der Vollendung“!
Fuente: transcripción a partir del facsímil de Der sozialistische Kampf / La lutte socialiste (París, «Begründet von Otto Bauer»), n.º 8, 20 de abril de 1940, págs. 179-183, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=dsk, 19400420; imágenes 15-19 del documento IIIF ANNOP_dsk19400108, más la portada con el sumario), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo. Firmado «Karl Schratt», seudónimo de Carl Furtmüller en el exilio de París (según la bibliografía de psyalpha, Zaufarek 2010, que cita este título). Se respeta la ortografía del impreso (ss por ß, Ae/Oe/Ue en mayúscula) y sus formas («Stephan George», «Göbbels», «Schnellebigkeit», «in ihrem eigenartigem Gemisch», «der grose Glaube») y el anacoluto del párrafo «Gefährlicher aber als die Ideologie…»; «von eben her» es probablemente errata por «von oben her». La cursiva de «Jugendbewegung» es del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.