Denkpsychologie und Individualpsychologie.
Von Dr. Carl Furtmüller.
Die folgenden Ausführungen beabsichtigen, die prinzipiellen Ergebnisse der Denkpsychologie, jener eigenartigen und hochbedeutsamen Richtung der modernen Psychologie, die in Külpes Würzburger Seminar ihren Ausgang genommen hat und deren wichtigste Vertreter Karl Marbe, Narziß Ach, H. J. Watt, August Messer, Karl Bühler und K. Koffka sind, in ihren Hauptlinien darzustellen und die Gesichtspunkte unserer individualpsychologischen Methode an sie heranzubringen. Sie wollen der Denkpsychologie also keineswegs durch alle Phasen ihrer Entwicklung und in die reichen Verzweigungen ihrer Einzelergebnisse folgen. Noch weniger gedenken sie in eine Kritik ihrer Grundlagen und ihres Verfahrens einzutreten und die schwierigen Probleme aufzunehmen, die sich da vom experimentellen und phänomenologischen Standpunkt aus erheben. Aber durch dieses Aneinanderhalten der beiden Methoden hoffen wir größere Klarheit zu bekommen über die Richtung, in der sich die Arbeit der Denkpsychologie bewegt; wir werden dann auch ermessen können, wie weit sie in dieser Richtung fortgeschritten ist und wo sie haltgemacht hat. So muß uns die Ausführung unserer Absicht freilich auch die Möglichkeit einer kritischen Würdigung der Denkpsychologie bringen.
Der Ausgangspunkt der Denkpsychologie ist die experimentelle Psychologie der Wundtschen Schule. Ihre Eigenart beruht sowohl auf ihrem Problem als auf ihrer Methode. Hatte bisher die experimentelle Psychologie ihre Hauptarbeit auf die Untersuchung der Empfindungen, Vorstellungen und Gefühle konzentriert, so stehen bei den Forschungen der neuen Richtung von allem Anfang an die intellektuellen Prozesse im Mittelpunkt; die Reihe ihrer Publikationen setzt bezeichnenderweise ein mit Marbes Untersuchungen über das Urteil (1901). Und hatte man ursprünglich den Wert psychologischer Reaktionsversuche in den objektiven Versuchsergebnissen gesehen, war dann allmählich mehr und mehr die Selbstbeobachtung der Versuchspersonen ergänzend herangezogen worden, so wurde diese Selbstbeobachtung jetzt zum Grundpfeiler des ganzen Verfahrens. Die Versuchsanordnung kann dabei die mannigfaltigste sein, die der Versuchsperson gestellten Aufgaben wechseln nach dem speziellen Versuchszweck. Bald gilt es, die Vorstellung anzugeben, die sich an ein zugerufenes oder gelesenes Wort unmittelbar anschließt, bald Reime auf sinnlose Silben zu bilden, bald über zwei Persönlichkeiten vergleichende Werturteile zu fällen. Das charakteristisch Gemeinsame ist immer, daß sofort nach erfolgter Reaktion — in der „Nachperiode“ — die Versuchsperson das in der Vor- und der Hauptperiode Erlebte aus unmittelbarer Erinnerung aufs genaueste zu Protokoll gibt. Die Versuche müssen unwissentlich sein, d. h. die Versuchsperson darf nicht wissen, auf welche Seite ihrer Angaben es dem Versuchsleiter ankommt; dieser muß durch vorsichtige, jede Suggestion vermeidende Fragen die Vollständigkeit und sprachliche Eindeutigkeit des Berichts sichern. Dies ist die Methode der systematischen experimentellen Selbstbeobachtung. Mit der Bedeutung der Wendung, die sich hier vollzogen hat, werden wir uns noch zu beschäftigen haben.
Das erste tiefgreifende Ergebnis der Denkpsychologie war nun die scharfe Trennung zwischen der Anschaulichkeit und der Bewußtheit eines psychischen Inhalts. Für die Assoziationspsychologie war das gesamte Inventar des geistigen Lebens in Empfindungen, Reproduktionen von Empfindungen und in die mannigfaltigsten Kombinationen dieser Elemente zerfallen. Die Versuche der Denkpsychologie zeigen uns immer wieder, wie die Versuchspersonen ein Wissen aussagen, ohne daß phänomenologische Bestandteile wie visuelle, akustische, kinästhetische Empfindungen oder Erinnerungsbilder von solchen nachzuweisen wären1. Dieses Gegenwärtigsein eines unanschaulich gegebenen Wissens hat Ach als Bewußtheit bezeichnet. Aber noch mehr. Auch wo anschauliche Elemente gegeben sind, ist mit ihrer Angabe der jeweilige Bewußtseinsinhalt durchaus nicht erschöpft. Wir können beispielsweise an anschaulichen Gegebenheiten keineswegs entnehmen, ob eine Vorstellung als Individual- oder als Allgemeinvorstellung gemeint ist. Es kann sich unter Umständen herausstellen, daß die an Anschauungselementen ärmere Vorstellung eine Individualvorstellung, die an Anschauungselementen reichere eine allgemeine Vorstellung ist. Die anschaulichen Inhalte sind also nicht die Vorstellung selbst, sondern sie sind das Material, dessen wir uns zur Repräsentation des von uns Gemeinten bedienen. Der gleiche Gedanke kann durch verschiedenes Material ausgedrückt werden, das gleiche Material zum Ausdruck verschiedener Gedanken dienen. In dieser Auffassung des psychisch Gegebenen als eines Materials, das psychische Verwendung findet und erst durch die Art dieser Verwendung seine Bedeutung erhält, fühlt der Kenner unserer individualpsychologischen Bestrebungen verwandte Saiten anklingen. Was hier die Denkpsychologie für bestimmte Bewußtseinselemente nachzuweisen sucht, hat Alfred Adler für bestimmte Komplexionen (z. B. von Erinnerungen) nachzuweisen sich bemüht. Aber der eine Schritt drängt zu einem weiteren. Fasse ich so die anschaulichen Inhalte als (funktional) abhängig von Gedanken, die sich in ihnen darstellen, so schwindet jede Hoffnung, ihr Auftauchen im Bewußtsein und ihr Verschwinden kausal, etwa durch Angabe von Assoziationsgesetzen zu begreifen. Denn, wenn etwas auch durch Assoziation dargeboten wird, so muß es deshalb noch nicht verwendet werden. Dafür wird eine andere Frage sich einstellen, die Frage nämlich, welches denn die Gedanken sind, die in ihnen sich darstellen, die Frage nach dem Sinn, der sich in ihnen ausdrückt2. Mit einem Worte, die Frage nach dem Warum? wird ersetzt werden müssen durch das Wozu? So gewinnen wir also schon beim flüchtigsten Nähertreten den Eindruck, daß die Denkpsychologie auf eine teleologische Auffassung der psychischen Zusammenhänge hindränge, ein Eindruck, der sich um so mehr befestigt, je tiefer man in dieses Gebiet eindringt.
Unter den Ergebnissen jeder bahnbrechenden Untersuchung befinden sich solche, und es sind durchaus nicht die wertlosesten, die man auch vorher hätte sehen können, die man aber konsequent übersehen oder nicht beachtet hat. So ist es auch hier. Denn eigentlich hätte es von vornherein klar sein müssen, daß ein wirkliches Verstehen der Vorgänge bei einem psychologischen Reaktionsexperiment ohne das Hereinziehen eines teleologischen Moments gar nicht denkbar ist. Denn bei jedem solchen Experiment, auch dem einfachsten, wird ja der Versuchsperson eine Aufgabe gestellt, wird ihr ein Ziel gesteckt. Das Geheimnis liegt nun eben darin, wie die Psyche den Weg findet, um sich dem in seiner Konkretheit unbekannten Ziel zu nähern. Dieses teleologische Moment könnte ich dann ausschalten, wenn ich vor einem völlig ahnungslosen Menschen ein Wort ausspräche und das erste Wort notierte, das er hernach sagt. Aber da hätte ich auch zunächst nichts gegeben als einen rein äußerlichen, zeitlichen Zusammenhang und wollte ich mich durch Befragen der Versuchsperson über den inneren Zusammenhang unterrichten, so würde ich auf die kompliziertesten, von mannigfachen unvorhersehbaren Umständen abhängigen Verhältnisse stoßen. Geben wir der Versuchsperson vorher den Auftrag zu reagieren, so haben wir die Verhältnisse freilich sehr vereinfacht, aber wir können nicht verhindern, daß die Versuchsperson eben jetzt nach einer Reaktionsvorstellung sucht. Die Protokolle der Denkpsychologen zeigen uns die Wirkungen dieses Umstands in überraschender Eindringlichkeit. So erhalten beispielsweise Versuchspersonen die Instruktion, ein zugerufenes Wort ganz passiv ohne irgendwelche Erwartung anzuhören und die Vorstellung anzugeben, die sich in unmittelbarem Anschluß daran bei ihnen einstelle. Sei diese Vorstellung keine Wortvorstellung, so sollten sie den Versuch mit dem Worte „Ja“ beenden. Aus den Protokollen ergibt sich nun, daß in den meisten Fällen die Reaktionsvorstellung keineswegs die erste auftauchende Vorstellung ist. Es erscheinen also hier wiederum die Vorstellungen als Material, aus dem die zur Reaktionsvorstellung geeignet erscheinende ausgewählt wird. Da in unserem Fall durch die Instruktion an die Reaktionsvorstellung keinerlei spezifische Anforderungen gestellt werden, so ergibt sich daraus übrigens auch, daß die Versuchspersonen die ihnen gestellte Aufgabe spezialisieren, ein Umstand, der uns später noch beschäftigen wird. Ein Einzelfall möge verdeutlichen, wie kompliziert sich scheinbar ganz einfache Fälle in Wirklichkeit verhalten können. Auf das Reizwort „Pille“ erfolgt einmal die Reaktion „Medizin“. Von außen gesehen, scheint da einer der allerbanalsten und geläufigsten Fälle von Assoziation vorzuliegen. Die Aussagen der Versuchsperson aber ergeben, daß sie immer auf ein genaues Verständnis des Reizwortes ausgeht. Wo sich dieses nicht sofort einstellt, schreitet sie dazu, zu definieren, und erst auf dem Umweg über die Definition erfolgt die Reaktion „Medizin“.
Haben wir bisher unser Augenmerk vor allem darauf gerichtet, wie die auftretenden Bewußtseinsinhalte im Sinne der Aufgabe verwendet werden, so kann man andererseits auch sehen, daß es von der Aufgabe abhängt, welche Inhalte überhaupt ins Bewußtsein treten. Hat eine Versuchsperson die Instruktion erhalten, mit zwei auf dem Kartenwechsler erscheinenden Zahlen eine der vier Grundrechnungsoperationen vorzunehmen, so wird es von ihrem speziellen Vorsatz, im nächsten Fall zu addieren, zu subtrahieren usw. abhängen, ob nach Erscheinen der Ziffern 6/2 die Zahlen 8, 4, 12 oder 3 in ihr Bewußtsein treten. Und zwar vollzieht sich diese Reaktion, ohne daß dabei der Gedanke an die Aufgabe neuerlich ins Bewußtsein träte. Die Bewußtseinserscheinungen folgen einander also im Sinne der Aufgabe, die Aufgabe selbst ist aber in diesem Augenblicke unbewußt (= nicht bewußt). Nur in besonderen Fällen, vor allem, wenn sich Schwierigkeiten einstellen, tritt der Gedanke an die Aufgabe neuerlich ins Bewußtsein.
Diese Einsichten in die von der Aufgabe ausgehenden Wirkungen hat nun Narziß Ach zu dem Begriff der determinierenden Tendenz verdichtet. „Unter den determinierenden Tendenzen sind Wirkungen zu verstehen, welche von einem eigenartigen Vorstellungsinhalte der Zielvorstellung ausgehen und eine Determinierung im Sinne oder gemäß der Bedeutung dieser Zielvorstellung nach sich ziehen3.“ „Von diesen Tendenzen geht die eigentümliche Wirkung aus, daß sie eine Determinierung des Ablaufs des geistigen Geschehens im Sinne der Zielvorstellung nach sich ziehen4.“ „Diese im Unbewußten wirkenden, von der Bedeutung der Zielvorstellung ausgehenden, auf die kommende Bezugsvorstellung gerichteten Einstellungen, welche ein spontanes Auftreten der determinierten Vorstellung nach sich ziehen, bezeichnen wir als determinierenden Tendenzen5.“
Mit der Erwähnung der „determinierenden Tendenzen“ haben wir uns unserer eigentlichen Aufgabe, dem Gegeneinanderhalten der Denkpsychologie und des von uns vertretenen individualpsychologischen Standpunktes ganz von selbst genähert. Denn die Analogien, die zwischen diesem Begriff und dem Adlerschen der „Leitlinie“ bestehen, drängen sich unmittelbar auf. Aber auch sehr wesentliche Unterschiede werden sofort klar und diese müssen uns als Wegweiser für den ferneren Gang unserer Untersuchung dienen. Diese Unterschiede wurzeln vor allen in den gänzlich verschiedenen Methoden. Geht unser Streben auf das Erfassen des Gesamtverhaltens eines Menschen während seines ganzen Lebens, so stellt sich die Denkpsychologie, zunächst wenigstens, auf das sorgfältigste Detailstudium der psychischen Vorgänge in engbegrenzten Zeitabschnitten ein, während welcher eine konkrete Aufgabe wirksam ist. So kommt es, daß die „Zielvorstellung“, an die man bei der „determinierenden Tendenz“ denkt, eine außerordentlich viel speziellere ist als die, die wir bei der Leitlinie im Sinne haben. Und als die „eigentümliche Wirkung“ der Leitlinie fassen wir nicht nur eine Determinierung „des Ablaufs des geistigen Geschehens“ auf, sondern des Gesamtverhaltens des Individuums. Aber da jedes Ziel Mittel erfordert, die selbst wieder Ziele zweiter Ordnung werden können, so ist uns ja das Aufzeigen untergeordneter, spezieller Leitlinien etwas Gewohntes. Und so stände logisch nichts im Wege, selbst so außerordentlich spezialisierte und konkretisierte determinierende Tendenzen, wie sie bei den Versuchen der Denkpsychologie in Frage kommen, unter den Begriff der Leitlinie zu beziehen, wenn wir auch in unserer bisherigen Praxis den Begriff in solcher Spezifikation nicht verwendet haben.
Ein anderer Unterschied scheint auf den ersten Blick viel prinzipieller zu sein. Die determinierenden Tendenzen, die von den Aufgaben ausgehen, verdanken ihr Entstehen ja einem eigenen Willensentschluß; wenn auch ihre Wirkung im Unbewußten verläuft, so nehmen sie doch vom Bewußtsein ihren Ausgang und beziehen sich auf eine bewußte, wenn auch noch nicht konkretisierte Zielvorstellung. Gerade hier aber hat die Denkpsychologie einen weiteren wichtigen Schritt getan. Koffka hat den Begriff der „latenten Einstellung“ geprägt und sie als unwillkürliche, ohne auslösende Bewußtheit zustande gekommene determinierende Tendenz definiert6. So hat bei Versuchen mit der oben wiedergegebenen Instruktion eine Versuchsperson auffallenderweise nur Wortreaktionen gebracht und sich von den andern durch wesentlich kürzere Reaktionszeiten unterschieden. Koffka schließt daraus, sie sei unter der latenten Einstellung gestanden, „so schnell als möglich zu reagieren“. Die durch das Experiment geschaffenen besonderen Bedingungen bringen es freilich mit sich, daß die von Koffka beobachteten latenten Einstellungen immer den von der Aufgabe ausgehenden determinierenden Tendenzen untergeordnet sind. Das tut aber dem grundsätzlichen Wert der Erkenntnis, daß Bewußtheit zum Entstehen einer determinierenden Tendenz nicht notwendig ist, keinen Abbruch. Bei der latenten Einstellung erregen übrigens noch zwei Momente unser besonderes Interesse. Die latenten Einstellungen haben nach Koffka die Funktion, die Lösung der Aufgabe zu erleichtern; sie bilden sich nur dort aus, wo sie nützen, und sie kommen dadurch in eine eigentümliche Parallele mit „bewußten Handgriffen“, deren sich die Versuchspersonen manchmal bedienen. Die Analogie mit den unbewußten psychischen Kunstgriffen, von deren Aufzeigung Adlers Schriften durchsetzt sind, liegt klar zutage. Dann aber scheint es Koffka wahrscheinlich, daß diese Funktion der latenten Einstellung sich als der Spezialfall eines allgemeineren, von Ach aufgestellten Gesetzes auffassen lasse: speziellere Aufgaben seien nämlich unter sonst gleichen Umständen leichter zu lösen als allgemeine, und so bilde sich eine Tendenz zur Spezialisierung aus. Natürlich kann eine solche Spezialisierung unter Umständen zu einer Fehlerquelle werden. Auch da fühlen wir bekannte Saiten anklingen. Die Individualpsychologie hat eine parallele Beobachtung sozusagen auf größerer Stufenleiter gemacht. Wir haben wiederholt zeigen können, wie im psychischen Leben eine Tendenz besteht, die allgemeinere Leitlinie durch eine speziellere zu ersetzen, weil dadurch die Orientierung erleichtert, weil eigentlich durch eine solche Beschränkung das Handeln erst möglich wird. Wir konnten aber auch an der gefährlichen und oft verhängnisvollen Kehrseite dieser Erscheinung nicht vorübergehen; ein starres Festhalten an einer solchen zu sehr spezialisierten Leitlinie setzt die Anpassungsfähigkeit herab, schließt das Individuum von wichtigen Möglichkeiten aus.
Je deutlicher aber diese Analogien in der Auffassung der Funktionsweise der Psyche hervortreten, desto befremdender muß der Gegensatz der beiden Methoden werden. Wir können der Frage nach ihrem Verhältnis zueinander nicht mehr ausweichen. Können sie gleichberechtigt nebeneinander bestehen? Oder muß die eine der anderen sich unterordnen oder muß sie vielleicht gar ihr völlig das Feld räumen?
Es ist sehr zu vermuten, daß die Stellung der meisten Vertreter der Denkpsychologie zu diesen Fragen intransigent sein wird. Es liegt in der Natur der Sache, daß Vertreter einer experimentellen Methode unter Hinweis auf die Exaktheit der durch das Experiment ermittelten Tatsachen leicht dazu neigen, andere wissenschaftliche Richtungen nicht für voll zu nehmen und Unwissenschaftlichkeit und Willkürlichkeit bei ihnen zu vermuten. So hat Narziß Ach einmal der Überzeugung Ausdruck gegeben, es werde „mehr und mehr die Erkenntnis Platz greifen, daß Psychologie und experimentelle Psychologie zusammenfallen7“. Und in einer interessanten Diskussion mit Selz hat er sich sogar auf den Standpunkt gestellt, auch das Recht der Kritik stehe nur dem zu, der die Resultate seiner Versuche durch andere Versuche widerlege. Aber eine solche überscharfe Zuspitzung des experimentellen Prinzips muß schon innerhalb der Denkpsychologie selbst auf Schwierigkeiten stoßen. Tatsächlich hat auch Ach über die Denkversuche Bühlers gesagt, daß bei ihnen von „Experimenten im eigentlichen Sinne des Wortes nicht gesprochen werden kann8“. Ein gewisses Abflauen des streng experimentellen Standpunktes in der Denkpsychologie wird schon durch einen äußeren Umstand dokumentiert. Während Ach die Zeiten mit dem Hippschen Chronoskop auf Sigma genau bestimmt, begnügt sich eine ganze Reihe anderer Forscher mit der Fünftelsekundenuhr. Und so wichtig exakt gemessene Reaktionszeiten vom Standpunkt der experimentellen Methode aus sind, da sie ja einen objektiven Faktor darstellen, so wenig kann man finden, daß sie für die Ergebnisse der denkpsychologischen Forschungen eine zentrale Bedeutung haben.
Doch solche Feststellungen können höchstens auf gewisse Tendenzen in einer wissenschaftlichen Richtung hinweisen und sie blieben wertlos, wenn es nicht gelänge, diese Tendenzen klar aufzuzeigen. Das Entscheidende scheint mir zu sein, daß durch die Einführung des Begriffs der determinierenden Tendenz in die Denkpsychologie ein Faktor Eingang gefunden hat, der der Methode der systematischen experimentellen Selbstbeobachtung zumindest die Alleinherrschaft unmöglich macht. Diese Behauptung erfordert allerdings eine etwas weiter ausgreifende Begründung.
Ich habe gleich anfangs auf das teleologische Moment hingewiesen, das im Begriff der determinierenden Tendenz liegt. Die methodologische Bedeutung dieses Umstandes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn das Wozu? ist ebenso wie das Warum? keine Frage, die vereinzelt bleiben kann; sie schreiben vielmehr beide die weitere Fragerichtung vor. Wie jedes Warum? ein weiteres Warum?, so erfordert jedes Wozu? ein weiteres Wozu? So kommt es, daß es ganz unmöglich ist, den determinierenden Tendenzen einen abgegrenzten Platz im Psychischen zuzuweisen, sondern sobald man sie einläßt, bemächtigen sie sich des ganzen Gebiets. Dem entspricht es vollkommen, wenn die Denkpsychologie uns zeigt, wie einerseits ein Gedankenprozeß ohne determinierende Tendenzen unmöglich ist und wie es andrerseits einen Vorstellungsverlauf ohne gedankliches Moment nicht gibt, wie ein „Sinn“ sich immer einstellt. Hierher gehört es auch, daß sich den Denkpsychologen der Begriffe der „Aufgabe“ so außerordentlich ausweitet. Der Musiker, der die einzelnen Noten im Sinne des vorausgesetzten Notenschlüssels auffaßt, der mehrerer Sprachen Kundige, der sich einer bestimmten Sprache bedient und dem „von selbst“ nur Wörter dieser Sprache zuströmen, sie handeln, „als ob“ sie bei ihrem Tun von dieser oder jener „Aufgabe“ beherrscht wären9. Und wenn die früheren Experimentalpsychologen auf Grund der Versuchsresultate rein deskriptiv eine Anzahl von Reaktionstypen aufgestellt haben, so glaubt Narziß Ach in diese verwickelten Verhältnisse dadurch Licht bringen zu können, daß er die typischen Verschiedenheiten der Reaktionsweise als abhängig auffaßt von der Aufgabe, die sich die Versuchsperson stellt, und, kurz gesprochen, von dem „Material“, das ihr zur Lösung dieser Aufgabe zur Verfügung steht. „So erklären sich die verschiedenen Typen durch die verschiedenen Aufgabestellungen und durch das verschiedene Verhalten, mit dem die einzelnen Personen auf Grund ihrer Gewohnheit, Veranlagung und Auffassung der Instruktion diesen Aufgaben gegenübertreten10“.
Hat man aber erst diese Ubiquität der determinierenden Tendenzen erkannt, dann muß sich auch notwendig ihr psychologischer Primat ergeben. Die einzelnen Bewußtseinselemente sind das kaleidoskopartig Wechselnde, die determinierenden Tendenzen das wenigstens vergleichsweise Dauernde; jene sind das an sich Zusammenhanglose, diese konstituieren den Zusammenhang. Es kann keinen Wert für mich bieten, die einzelnen Teile in der Hand zu haben, solange ich nicht das geistige Band kenne, das sie zusammenhält. Nur durch Erfassung der determinierenden Tendenzen kann ich also psychische Vorgänge verstehen. Und so muß ihre Erforschung die wesentlichste, die eigentliche Aufgabe jeder Psychologie darstellen.
Die Arbeitsweise der Denkpsychologie erweist sich uns somit als außerordentlich wertvoll insofern, als sie einen Weg darstellt, der zu dieser Erkenntnis führt. Besitzen wir aber einmal diese Kenntnis, so wird ihre fernere Einschätzung davon abhängen, inwieweit sich die Methode der systematischen experimentellen Selbstbeobachtung als Werkzeug dieser obersten psychologischen Aufgabe bewährt. Eines scheint sich mir da sofort unzweideutig herauszustellen: einen Anspruch auf Alleinherrschaft wird sie nicht geltend machen können. Auch sie ist ja selbstverständlich nicht in der Lage, die determinierenden Tendenzen direkt zu erfassen, auch sie ist darauf angewiesen, sie erst aus noch so genau zu Protokoll gegebenen Bewußtseinsvorgängen zu erschließen. Und es zeigt sich gleich, daß für dieses Erschließen die Kenntnis aller im Bewußtsein auftretenden Zwischenglieder zumindest nicht immer nötig ist. Es wäre gewiß in vielen Fällen möglich, wenn uns von einer Versuchsreihe nichts gegeben ist als die Reizvorstellungen und die Reaktionsvorstellungen, aus ihrer Vergleichung die gestellte Aufgabe zu erschließen, das heißt also die determinierenden Tendenzen festzustellen. Die Denkpsychologie selbst ist ja auf diesen Weg angewiesen, wenn es sich darum handelt, solche latente Einstellungen, die keinerlei Bewußtseinsrepräsentation gefunden haben, zu erfassen. So wird die Denkpsychologie gewissermaßen zwangsläufig dazu gedrängt, wenn auch zögernd und tastend und ohne sich dessen bewußt zu sein, eine Bahn zu betreten, auf der wir mit vollem Bewußtsein wandeln. Neben die Methode der systematischen experimentellen Selbstbeobachtung stellt sich eine andere, die die Anfangspunkte und die Endpunkte einer Reihe von Verhaltungsweisen des Individuums — seien es nun Bewußtseinserscheinungen oder im weitesten Sinn äußere Handlungen — ins Auge faßt, in den Relationen zwischen Ausgangspunkt und Ziel das Gemeinsame heraushebt und von hier aus auf die herrschende Tendenz schließt. Diese Methode mag weniger elegant sein, sie mag weniger „wissenschaftlich“ sein im sozusagen ästhetischen Sinn dieses Wortes als die ihre Exaktheit durch einen umfänglichen Apparat unterstreichende Methode der experimentellen Selbstbeobachtung, jedenfalls geht sie zielbewußt auf die Erforschung der determinierenden Tendenzen aus und bietet auch den Vorteil, daß sie nicht auf die Erlebnisse einzelner Versuchspersonen während einer engbegrenzten Zeitdauer beschränkt ist, sondern daß das gesamte Verhalten des Individuums ihrer Bearbeitung unterliegt.
Dies ist keineswegs etwas bloß Äußerliches oder rein Quantitatives, sondern die Frage nach den determinierenden Tendenzen drängt notwendigerweise über den engen Rahmen hinaus, in dem sich das Experiment seiner Natur nach bewegen muß. Denn jede determinierende Tendenz weist ja wieder auf eine andere zurück. Beim Experiment entspringt die determinierende Tendenz der Aufgabe, aber daß die Aufgabe übernommen wurde, setzt ja auch wiederum eine determinierende Tendenz voraus usw. Ach hat in jedem seiner beiden Bücher folgenden Satz geschrieben: „Die Teilerscheinung eines psychischen Vorgangs ist .... bei der wechselseitigen Beeinflussung der geistigen Phänomene nur verständlich in ihrer Beziehung zum gesamten Erlebnis. Losgelöst aus diesem Zusammenhang verliert sie ihre Bedeutung11“. Dieser Satz kehrt sich jetzt in gewissem Sinn gegen die Experimentalpsychologie selbst. Nun kann freilich keine Psychologie dieses Loslösen von Teilerscheinungen ganz vermeiden. Aber bei der Methode der Denkpsychologie ist dieses Moment ganz besonders betont. Ich denke dabei nicht einmal so sehr daran, daß sie geradezu darauf ausgeht, psychische Vorgänge von kurzer Dauer mit bestimmt hervortretenden Anfangs- und Endpunkt hervorzurufen, sondern ich lege viel mehr Gewicht darauf, daß sie nicht in der Lage ist, auch nur einen solchen Vorgang in seiner Gesamtheit zu erfassen. Der Denkpsychologe stellt z. B. fest, daß eine Versuchsperson die gestellte Aufgabe individuell modifiziert. So wird ihm das Problem der Persönlichkeit aufgegeben, aber er kann es nicht lösen. Er stellt latente Einstellungen fest, aber er kann nicht finden, wo sie anzuschließen sind. Zu den Voraussetzungen des Versuchs gehört die Persönlichkeit der Versuchsperson in ihrem ganzen Umfang, er aber kennt nur die Instruktion, die er ihr vorgelesen hat. So entgeht ihm die persönliche Nuance jedes Versuchs, die Bedeutung, die er im psychischen Leben der Versuchsperson einnimmt. Und damit kommt in die Forschung der Denkpsychologie trotz alles Strebens nach konkreter Spezifizierung mit Notwendigkeit ein abstrakter Zug.
Wenn sich uns nun die Aufgabe der Psychologie genauer dahin bestimmt, die determinierenden Tendenzen des Individuums in ihrem Zusammenhange zu erforschen, so liegen logisch zwei Möglichkeiten vor uns: Diese determinierenden Tendenzen können sich wie eine Kette aneinanderreihen, so daß eine die andere immer ablöst, oder es können sich die spezielleren Tendenzen als von übergeordneten und allgemeineren bestimmt erweisen. Es ist nicht schwer einzusehen, daß nur die zweite Möglichkeit plausibel ist. Nur so ist ja zu verstehen, daß das Verhalten des Individuums nicht ein richtungsloses Zickzack darstellt, sondern bei aller wechselnden Mannigfaltigkeit des Einzelverhaltens doch jenen Eindruck der Geschlossenheit und Einheitlichkeit macht, der zum Begriff der Persönlichkeit führt. Beruht für die Assoziationspsychologie die Individualität vor allem auf der vergleichsweisen Konstanz der aufgespeicherten Assoziationen, so ruht sie für unseren Standpunkt auf der Konstanz herrschender Leitlinien. Von den determinierenden Tendenzen, die im psychischen Einzelvorgang walten, aufzusteigen zur Entdeckung der das ganze Leben beherrschenden Leitlinien, diese Leitlinien wieder in ihre Spezifikationen rückzuverfolgen, den Wandel dieser Spezifikationen zu studieren, das ständige Wechselspiel zwischen Aufgabe und Material zu ergründen, muß also das Programm unserer Psychologie sein.
Meine Ausführungen haben ihren Zweck gänzlich verfehlt, wenn sie nicht haben erkennen lassen, wie hoch ich die Bedeutung der Denkpsychologie einschätze und mit welchem Respekt ich dem gegenüberstehe, was eine Reihe hochbegabter Forscher in jahrelanger Arbeit hier geschaffen hat. Aber wenn wir auch in gewissem Sinne Partei sind, werden wir doch nicht davor zurückschrecken dürfen, aus dem Entwickelten die Schlußfolgerung zu ziehen. Ich glaube, der Streit der Methoden muß im Sinn der Individualpsychologie entschieden werden. Die Methode der systematischen experimentellen Selbstbeobachtung scheint mir einen prinzipiellen Fortschritt über das bisher Erreichte hinaus nur insofern zu versprechen, als sie sich den leitenden Gesichtspunkten der Individualpsychologie unterordnen kann. Darin liegt keinerlei Überhebung unsererseits. Meinen wir doch dabei unter Individualpsychologie keineswegs das von uns bisher Geleistete, dessen Unvollständigkeit und Verbesserungsbedürftigkeit wir selbst am allerbesten kennen, sondern wir meinen Individualpsychologie als Aufgabe, eine Individualpsychologie allerdings, die orientiert ist an der Idee der Leitlinie.
Fuente: transcripción a partir del ejemplar digitalizado en Internet Archive (zi-1914-1-3): Carl Furtmüller, «Denkpsychologie und Individualpsychologie», Zeitschrift für Individualpsychologie I, cuaderno 3 (junio de 1914), págs. 80-91. El OCR del portal (con las notas casi ilegibles y sin la última página) se cotejó con las imágenes de todas las páginas. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.
Cf. z. B. Ach, die Willenstätigkeit und das Denken, besonders S. 210 ff. ↩
Zu dem Problem des „Sinns“ vergl. Königswald, Prinzipien der Denkpsychologie. (Kantstudien 1913.) ↩
W. u. D., S. 187. ↩
W. u. D., S. 224. ↩
W. u. D., S. 229. ↩
Koffka, Zur Analyse der Vorstellungen und ihrer Gesetze, S. 319. ↩
W. u. D., S. 21. ↩
Willensakt und Temperament, S. 16. ↩
Cf. Messer, Untersuchungen über das Denken. Archiv f. die ges. Psychologie, 8. Bd., S. 109. ↩
W. u. D., S. 23. ↩
W. u. D., S. 19; W. u. T., S. 11. ↩