Hugo Friedmann, Bewusstsein und bewusstseinsverwandte Erscheinungen. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 139. Bd. S. 34—57.

Der Verf. gibt zunächst einen kurzen Überblick über die in der heutigen Wissenschaft vertretenen charakteristischesten Auffassungen über das Verhältnis des Bewussten zum Unbewussten. Wundt stellte dem Gebiet des konzentrierten Bewusstseins, der Apperzeption, die Perzeption gegenüber, die er aber auch unzweideutig zum Bewusstsein rechne. Seine Auffassung habe den doppelten Mangel, dass sie in das Chaos der unter „Perzeption“ zusammengefassten Vorgänge keine Ordnung bringe und dass sie der insbesondere den praktischen Psychologen immer wieder sich aufdrängenden Tatsache, dass es psychisch und doch ohne Mitwirkung des Bewusstseins determinierte Erscheinungen gebe, keine Rechnung trage. Diesem Bedürfnis der Praktiker suche Forel gerecht zu werden, wenn er dem Oberbewusstsein (physiologisch geknüpft an die Stelle des jeweiligen Arbeitsmaximums unserer Grosshirnrinde) verschiedene Gebiete des Unterbewusstseins gegenüberstelle. So komme er zu dem paradoxen Ergebnis, dass das Unbewusste bewusst sei (in einem Unterbewusstsein). Dieser Schwierigeit entgehe Jodl dadurch, dass er alle unbewussten Vorgänge für rein physiologisch erkläre, also z. B. auch die erstaunlichsten Leistungen von Hysterischen. Lipps wieder erkenne ein Psychisch-Unbewusstes zwar an, erkläre es aber für gänzlich wesensverschieden vom Bewussten.

Um in diesem Gewirr der Meinungen zur Klarheit zu kommen, will Verf. eine reinliche Phänomenologie der hieher gehörigen Tatsachen geben. Er geht dabei von Introspektion aus und verteidigt diese oft angegriffene Methode mit dem Hinweis darauf, dass man ihren Wert erst dann ermessen könne, wenn man an die Stelle der gewöhnlich betriebenen naturwüchsigen Selbstbeobachtung eine systematisch durchgebildete setze. (Psychoanalytische Methode.) Es folgt dann eine Beschreibung von drei Gruppen bewusstseinsverwandter Erscheinungen.

Die Perzeptionen, d. h. Wahrnehmungen, die mit Rücksicht auf die Enge des Bewusstseins vom Zentralpunkt ausgeschlossen bleiben und die Bereitsschaftsvorstellungen (das Vorbewusste), d. h. die ganze Menge der Vorstellungen, die durch die im Bewusstsein momentan vorhandenen Elemente assoziativ erregt werden, haben das Gemeinsame, dass sie, ohne aktuell im Bewusstsein zu sein, jederzeit ins Bewusstsein treten können, dass von ihrem Vorhandensein oft ein dunkles Gefühl Kenntnis gebe und dass sie das Bewusstsein bei der psychischen Arbeit wesentlich unterstützen, ja in hohem Masse die eigentlich produktiven Leistungen vollbringen. Diese Erscheinungen seien also zweifellos nicht bewusst, der Ausdruck unbewusst aber werde ihrer innigen Beziehung znm Bewusstsein nicht gerecht, wodurch sich eben der neue Terminus „bewusstseinsverwandt“ rechtfertige. Als dritte Gruppe führt Verf. dann die unterdrückten und verdrängten Vorstellungen (im Sinne Freuds) an. Diesen bewusstseinsverwandten Erscheinungen stellt er dann die wirklich unbewussten gegenüber, d. h. solche Gehirnvorgänge, die von keinerlei psychischen Vorgängen begleitet sind.

Es ist einleuchtend, wodurch Verf. sich bestimmen liess, für die verdrängten Vorstellungen den Ausdruck „bewusstseinsverwandt“ an Stelle von „unbewusst“ vorzuschlagen. Er will sie dadurch von jener anderen, zuletzt besprochenen Gruppe „unbewusster“ Vorgänge scharf trennen, will nicht etwas psychisch äusserst Wirksames mit demselben Namen bezeichnen wie etwas psychisch Unwirksames. Tatsächlich verhalten sich ja die beiden Arten des Unbewussten etwa wie eine Null und wie eine negative Zahl von bedeutendem Stellenwert. Demgegenüber ist aber zu betonen, dass das gemeinsame negative Merkmal der beiden Erscheinungsgruppen, die Nichtauffindbarkeit im Bewusstsein auch bei konzentrierter Aufmerksamkeit, für die verdrängten Vorstellungen gerade das Entscheidende, ihre Wirksamkeit Ermöglichende ist. Und die scharfe Scheidung zwischen den beiden Arten des Unbewussten bringt gerade den Vorteil, dass der gemeinsame Name nicht zu Verwechslungen führen kann. Wollte man aber die terminologische Scheidung schon vornehmen, so müsste man konsequenterweise die Scheidung auch aufs Vorbewusste ausdehnen und auch dort die Vorstellungen, die wegen zu geringer Energiebesetzung nicht bewusst werden, von denen sondern, die gerade wegen ihrer hohen Energiebesetzung von der Zensur zurückgehalten werden. Was endlich den Ausdruck „bewusstseinsverwandt“ betrifft, so ist er theoretisch gewiss einwandfrei, würde aber praktisch jenen, die das Unbewusste in ein Schwachbewusstes umzuinterpretieren suchen, gewiss zu willkommenen Missverständnissen Anlass geben. So werden die interessanten und anregenden Ausführungen Friedmanns den Psychoanalytikern doch wohl keinen Anlass zur Änderung ihrer Terminologie geben.

Dr. Carl Furtmüller.

Dr. Ludwig Kemmer, Gymnasialprofessor in München: „Grundschäden des Gymnasiums und Vorschläge zu ihrer Heilung.“ Verlag der ärztlichen Rundschau. München 1910, 60 S. Mark 1.40.

Der Verfasser geht aus von den Ergebnissen einer aus dem preussischen Kriegsministerium stammenden Monographie, die die Körperbeschaffenheit der zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst berechtigten Jünglinge Deutschlands als leider sehr minderwertig darlegt. Den Grund dieser traurigen Erscheinung sucht er in der Überbürdung unserer Mittelschüler und in der Vernachlässigung der körperlichen Ausbildung durch die Schule. Mit Recht betont er, dass eine Vermehrung der körperlichen Schulübungen bei Beibehaltung des ganzen wissenschaftlichen Lehrstoffes das Übel nur verschlimmern könnte und er fordert daher mutige und energische Einschränkung des Lehrplanes. Dabei scheint er mir allerdings nicht genugsam zu beachten, dass Überbürdung etwas Relatives ist und dass die rechtzeitige Entfernung ungeeigneter Schüler die ganze Frage sofort verschieben würde. So radikal die Einleitung klingt, so bescheiden sind dann die praktischen Vorschläge des Schlusses. Einschränkung des altsprachlichen Unterrichts, in zweiter Linie auch der Mathematik, und Ersetzung des jetzt geltenden Kanons der klassischen Lektüre durch eine Art von germanischem Ahnenbilderbuch, das aus den griechischen und römischen Historikern zusammengestellt werden soll — eine geradezu groteske Idee.

Trotz der vielen Einwendungen und Vorbehalte, die man zu machen hat, liest man die Schrift voll Interesse zu Ende, denn aus ihr spricht mit seltener Wärme wirkliche Freundschaft für die Jugend. Diese innere Anteilnahme lässt den Verfasser besonders über den Einfluss der Schule auf die sexuelle Entwicklung Dinge sehen und sagen, die über das Mass der Schulschablone hinausragen. Zeigt er auch auf diesem schwierigen Gebiet keinen neuen Weg, so sieht er doch die Probleme. Er wirft der Schule vor, dass sie, statt den erwachten Sexualtrieb für die Erziehung fruchtbar zu machen, ihn einfach ignoriert und jede durch ihn verursachte Störung der Lernfähigkeit und der Aufmerksamkeit erbarmungslos ahndet. Auch erkenne die Schule die Bedeutung der Pubertätsepoche als Zeit der Vorbilderwahl nicht und beschäftige in dieser wichtigen und fruchtbaren Epoche den Knaben mit Menschen und Dingen, die ihm innerlich nichts geben.

Dr. Carl Furtmüller.

Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung, Langensalza, Hermann Beyer und Söhne. Heft 54: Dr. phil. Theodor Heller: Psychopathische Mittelschüler. 26 S. — — Heft 70: Dr. med. Eugen Neter: Der Selbstmord im kindlichen und jugendlichen Alter. 22 S. — Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. I. Heft: Über den Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord. J. F. Bergmann, Wiesbaden. 1910.

Seit Jahrzehnten reisst die Frage der Schülerselbstmorde von Zeit zu Zeit das öffentliche Interesse an sich und, seit die Schulreformer aus den Schülerselbstmorden eine Angriffswaffe gegen das bestehende Schulsystem geschmiedet haben, hat sich Umfang und Heftigkeit der Diskussion beträchtlich erhöht, nicht zum Nutzen der Sache, da es meist beiden Streitteilen an der nötigen Voraussetzungslosigkeit gebrach. Allerdings fehlt es auch nicht an beachtenswerten rein wissenschaftlichen Bearbeitungen des Problems, doch haben auch diese unsere Erkenntnis nicht wesentlich vertieft. Dieser Misserfolg ist nur zu begreiflich: Die Angaben der Statistik sind unsicher, unvollständig und verworren. Und auch wo man versucht, durch amtliche Erhebungen und persönliche Nachfragen bei der Umgebung des Selbstmörders zu grösserer Klarheit zu gelangen, schlüpft gerade in den wichtigsten Fällen dem Forscher das Rätsel zwischen den Händen durch. Schon der klaffende Widerspruch zwischen dem scheinbaren Anlass und der Schwere der Tat weist ja in vielen Fällen darauf hin, dass in der Seele des Unglücklichen verborgene Komponenten wirksam gewesen sein müssen; diese Geheimnisse aus den Überlebenden herausfragen zu wollen, ist natürlich ein von vornherein aussichtsloses Bemühen. Und wie sollten sich dann aus einem Material, in dem eigentlich kein einziger Fall völlig durchleuchtet ist, allgemeine Erkenntnisse von wirklicher Tragweite ableiten lassen? Der Praktiker kann natürlich mit seiner Kritik und seinen Vorschlägen nicht warten, bis die Theorie das Problem gelöst hat. Aber wir werden darauf gefasst sein müssen, dass die Rückständigkeit der Theorie seinen Äusserungen etwas Tastendes, Unsicheres und Unvollständiges gibt.

In den „Beiträgen für Kinderforschung und Heilerziehung“ sind zwei Aufsätze erschienen, von denen der eine mehrere in Wien vorgekommene Schülerselbstmorde und die Diskussion, die sie hervorgerufen hatten zum Ausgangspunkt nimmt, der andere ausdrücklich vom Selbstmord im kindlichen und jugendlichen Alter handelt. Dr. Heller macht gegenüber den Angriffen auf die Schule darauf aufmerksam, dass die Einflüsse des Elternhauses gewiss noch wichtiger seien, am wichtigsten wohl die angeborenen Entwicklungsdispositionen. Er gibt dann eine gedrängte Charakteristik der wichtigsten Typen psychisch abnormaler Kinder. Psychasthenie, Hysterie und leichte Fälle von Epilepsie würden oft nicht rechtzeitig erkannt, ja die erkannte Krankheit werde oft von den Eltern absichtlich verheimlicht. Deshalb fordert der Verf. Anstellung psychiatrisch geübter Schulärzte, Entfernung der als krank Erkannten aus der allgemeinen Schule und Unterbringung in Schulsanatorien. In leichten Fällen könne allerdings der Schulbesuch fortgesetzt werden und sogar wohltätig wirken. Im allgemeinen aber sei die Schule für die Gesunden da. Diese Massnahmen würden auch die Zahl der Schülerselbstmorde herabmindern, da Psychastheniker und Hysteriker hier ein bedeutendes Kontingent stellten. Man kann diesen Vorschlägen gewiss zustimmen; aber dabei ist Verf. an der pädagogisch schwierigsten Seite des Problems vorübergegangen: Wie sind psychopathisch disponierte Kinder, wie solche zu behandeln, die an der Grenzlinie zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit stehen? Eine Individualisierung in dieser Richtung wird dem Lehrer immer unmöglich sein, aber die Schule wird es lernen müssen, in ihrer ganzen Wirkungsweise dem Umstande Rechnung zu tragen, dass derartige Schüler keineswegs selten sind.

Auch Eugen Neter ist der Ansicht, dass man mit Unrecht die Schule, deren Reformbedürftigkeit er übrigens anerkennt, in erster Linie für die Schülerselbstmorde verantwortlich mache. Die Ursachen seien allgemeinerer Natur; wo Erziehungsfehler in Betracht kämen, lägen sie weit mehr auf Seite der Familie. Selbst in den häufigen Fällen, wo schlechte Schulerfolge oder Schulstrafen das auslösende Moment bilden, sei das Wichtigste doch, welche Behandlung den Schüler zu Hause erwarte. Auch die Überbürdung des Schülers sie meist mehr durch das Elternhaus als durch die Schule veranlasst. Ebenso schreibt er die nervöse Belastung so vieler Kinder weniger der Vererbung, als den persönlichen Einflüssen nervöser Eltern zu. Als die hervorstechendsten Mängel unserer Erziehung betrachtet Neter die sinkende Achtung vor der Autorität, hervorgegangen daraus, dass Kinder und Jugend sich zu sehr im Mittelpunkt des Interesses der Erwachsenen fühlten, wobei er dem Umsichgreifen des Ein- und Zweikindersystems eine Hauptschuld beimisst, in der zunehmenden Verweichlichung der Jugend, in der Erzeugung intellektueller Frühreife bei mangelnder Ausbildung des Willens. Unsere Kinder müssten wieder gehorchen lernen, allerdings nicht im früheren absolutischen Sinn, sondern in Befolgung eines sozial-sittlichen Gebotes. Aus dem Gehorsam ergebe sich Selbstüberwindung, die unentbehrlich sei zur Aufrechterhaltung eines gesunden Nervensystems und einer gesund äquilibrierten Seele. Wir halten diese Forderung in dieser Form für äusserst gefährlich, denn in der Praxis würde der feine Unterschied zwischen altem und neuem Gehorsam sich bald verwischen und der alte Erziehungsabsolutismus könnte wieder Einzug halten. Überhaupt scheint es uns verfehlt, bei Erziehung des Willens immer in erster Linie an Herstellung von Hemmungen zu denken. Freilich ist konsequentes Wollen und Handeln ohne Hemmungen undenkbar. Aber das Wichtige ist, die kraftvolle Zielstrebigkeit des Individuums zu entwickeln und ihm Ziele zu zeigen, dann entwickelt sich der Hemmungsapparat allmählich aus der Kraft der Tatsachen; mit den Hemmungen anfangen, das heisst den Willen brechen, nicht ihn erziehen.

Der Verf. erwähnt noch manche andere Momente, die bei Selbstmorden Jugendlicher sich geltend machen können; so falsche Behandlung durch den Lehrer, wenn er die Individualität des Schülers nicht richtig erkennt, das mangelnde Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern und — ganz beiläufig — auch Einflüsse des Liebeslebens.

Im ganzen ist Neters Arbeit eine Schrift, die mancherlei Erziehungsprobleme anregend behandelt, aber dabei ohne tieferen Zusammenhang von einem zum anderen übergeht, weil ihm der rote Faden fehlt — ein wirklicher Einblick in die Kausalität des Selbstmords Jugendlicher. Es ist sein Verdienst, diesen Mangel klar erkannt zu haben. Seite 7 spricht er über die Unzulänglichkeit der statistischen Methode und Seite 20 sagt er: „Es ist unmöglich, auch nur annähernd die den Schülerselbstmorden zugrunde liegenden Ursachen zu erkennen. Es sei nur darauf hingewiesen, dass in ungefähr einem Drittel aller Fälle die Akten ein „aus unbekannten Ursachen“ verzeichnen. Zumeist handelt es sich bei den angegebenen Motiven um die die Katastrophe auslösende Gelegenheitsursache; die tiefer liegenden Beweggründe entziehen sich sehr oft der Erkenntnis. Dazu kommt weiterhin, dass es für die Erforschung der Kindesseele und deren Regungen noch viele dunkle Gebiete gibt, deren Aufhellung auch über die Vorgänge bei dem Schülerselbstmord uns in Zukunft besseres Verständnis bringen wird. Die Tatsache allein schon, dass so manches bei dem kindlichen Selbstmord ausschlaggebende Motiv uns so klein, so unbedeutend erscheint, zeigt, dass wir noch lernen müssen, die Vorgänge in einer Kindesseele, die in nicht ganz gesundem Gleichgewicht ist, richtig zu erfassen“.

Dieses ungeheuer wichtige Problem der Lösung näher zu bringen, haben die Mitglieder des Wiener psychoanalytischen Vereins unternommen. Sie glauben keineswegs, mit ihrer Broschüre „Über den Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord“ etwas Abschliessendes zu geben. Das geht schon daraus hervor, dass sie in der Form der Diskussion vor die Öffentlichkeit treten, widerstreitende Ansichten nebeneinander setzend, und überdies spricht es Professor Freud in seinem Schlussworte ausdrücklich aus, dass die Erörterung wertvolles Material, aber keine Entscheidung gebracht habe. Aber in dieser Materie, in der noch alles zu leisten ist, handelt es sich ja überhaupt nicht ums Abschliessen, sondern ums Anfangen. Und neue Minengänge, die dem Geheimnis näher führen, sind hier jedenfalls gelegt worden.

Vor allem bringen die Teilnehmer an der Diskussion eine neue Methode an das Problem heran. Gegenüber den Misserfolgen der bisherigen extensiven Untersuchung beschränken sie sich auf die Fälle, wo sie das psychische Leben eines Selbstmörders von früher her genau kennen oder wo sich die Psyche eines geretteten Selbstmordkandidaten ihrer Erforschung erschliesst. Andererseits erweitern sie den Kreis der Untersuchung dadurch, dass sie auch das Studium der unausgeführt gebliebenen Selbstmordimpulse der Neurotiker verwerten. Die gemeinsame Arbeitsweise bringt es natürlich mit sich, dass die zum Wort gelangenden Psychoanalytiker über die Tatsachen des Seelenlebens, die die Psychoanalyse enthüllt, einig sind. Erst ihrer in Wertung, ihrer dynamischen Einschätzung und kausalen Verknüpfung zeigen sich dann individuelle Formulierungen.

Dr. Rudolf Reitler untersucht jene Fälle, in denen tatsächlich die Angst vor der Schule, vor der Prüfung, das im Bewusstsein treibende Selbstmordmotiv ist. Diese Verknüpfung von Angst und Schule sei aber etwas Sekundäres. Starke Sexualverdrängung, etwa plötzliches Aufgeben der Masturbation, erzeuge zunächst objektlose Angst. Da diese grundlose Angst besonders quälend sei, suche das Individuum nach einem Objekt für sie; als solches böten sich zunächst die Schädigungen der Masturbation dar. Dränge das Individuum auch von diesen Vorstellungen fort, so biete sich der Schul- und Prüfungskomplex als — aus mehreren Gründen — besonders geeignet zur Besetzung mit Angst dar. Werde diese Verknüpfung dauernd festgehalten, so führe sie zur Flucht vor der Schule (zwanghaftes Schwänzen) und da der Selbstmord die radikalste Flucht darstelle, zu Selbstmordimpulsen, eventuell zur wirklichen Ausführung der Tat.

Für Dr. J. Sadger ist jeder Selbstmord verursacht durch schwere und scheinbar endgültige Enttäuschung des Liebesbedürfnisses; nur müsse man sich dabei vor Augen halten, dass auch beim normalen Menschen homosexuelle Regungen neben den heterosexuellen einhergehen. In den Pubertätsjahren sei nun das Liebesbedürfnis besonders gesteigert, gleichzeitig aber trete im Verhältnis zu den ersten Liebesobjekten, den Eltern, eine schwere Krise ein. Der Knabe versuche trotzdem immer wieder Annäherung an den Vater; werde er von diesem nicht verstanden oder abgewiesen, so suche er ein Ersatzobjekt im Lehrer. Sein weiteres Schicksal werde nun zum grossen Teil davon abhängen, ob hier sein Liebesbedürfnis Befriedigung finde oder nicht. Hier liege die einzige, aber schwere Schuld der Mittelschule an den Schülerselbstmorden: sie gebe den Kindern zu wenig Liebe.

Dr. Wilhelm Stekel erinnert an die mehrfache Determination psychischer Probleme und zeigt daher mannigfaltige Motive, die sich in der Psyche des Selbstmörders gewöhnlich vereinigten. Jeder Selbstmord sei eine Talion, niemand gebe sich den Tod, der ihn nicht vorher einem anderen (Vater, Lehrer) gewünscht habe. Zugleich aber solle der Selbstmord auch eine Rache sein, solle eben jenen anderen bestrafen. Sadgers Erklärung müsse dahin ergänzt werden, dass es Menschen gäbe, die unfähig seien, Libido ohne Schuldbewusstsein zu empfinden. Hier sei eine wichtige Wurzel des Selbstmords; daher auch die grosse Bedeutung der Inzestgedanken und der Onanie für Selbstmordimpulse.

Während diese Forscher die Ursachen des Selbstmordimpulses in gewissen spezifischen Momenten des Seelenlebens suchen, entspringt er für Dr. Alfred Adler der ganzen psychischen Struktur des betreffenden Individuums. Die Disposition zum Selbstmord wachse auf demselben Boden wie die Disposition zur Neurose. Jedes Kind werde zu einer Doppelrolle gezwungen, die sich durch die Schlagworte Schwächegefühl — Grossmannssucht kennzeichnen lässt. Die Neurotiker, die Genialen und auch die Selbstmörder seien nun solche, die in den Anfängen ihrer Kindheit ein besonders vertieftes Gefühl der Minderwertigkeit besässen. Dieses löse dann einen stürmischen Versuch der Überkompensation aus und so steigere sich die intrapsychische Spannung auf das äusserste. Noch verschärft aber würde diese durch den psychischen Hermaphroditismus, durch die Tatsache, dass die Kinder bei anderen und bei sich Züge der Unterwerfung als weiblich, Züge der Bewältigung als männlich beurteilen. So nehme die Reaktion gegen das Gefühl der Minderwertigkeit die Form des männlichen Protestes an, der alles, selbst die Schwächen des Kindes, zu Machtmitteln gestalten will. So kann ein Kind aus dem Unbewussten heraus sich selbst Krankheit, ja Tod wünschen, nur um sich an den Eltern zu rächen und ihnen seinen Wert zum Bewusstsein zu bringen. Dies sei der Boden, dem die Selbstmordimpulse entwüchsen. In späteren Jahren trete dann freilich der Lehrer, die Gesellschaft, die Welt an Stelle der Eltern.

In seinem Schlusswort hat Professor Freud den Gegensatz der Anschauungen, der in der Diskussion — in der noch Dr. J. K. Friedjung von einem interessanten Einzelfalle berichtete — zutage traten, scharf formuliert. Es handle sich darum, ob der Lebenstrieb einzig und allein mit Hilfe der enttäuschten Libido überwunden werden, oder ob das Ich aus eigenen Ichmotiven auf seine Behauptung verzichten könne. Als Vorarbeit für die endgültige Lösung dieser Frage verweist er auf die psychoanalytische Erforschung der Melancholie und des Affektes des Trauerns.

Aber nicht nur Ärzte gelangen zum Wort, auch der Pädagoge darf bei der Behandlung dieses Themas nicht fehlen, ja es ist sogar ein Schulmann, Unus multorum, zeichnend, der die Frage vor das Forum des Vereins bringt. Er gibt einen gedrängten Überblick über das vorliegende historische und statistische Material und sucht bei der psychologischen Forschung Schutz gegen die oberflächlichen und gedankenlosen Angriffe, die aus Anlass der Schülerselbstmorde so oft gegen die Lehrerschaft gerichtet würden. Am Schlusse der Diskussion sucht dann Dr. phil. Karl Molitor die gewonnenen psychologischen Einsichten pädagogisch zu verwerten; er untersucht, inwiefern die Mittelschule in ihrer heutigen Gestalt psychisch belastend wirke und wie weit sie die Heiltendenzen, die im Wesen der Schulgemeinschaft selbst lägen, auszunützen verstehe.

c f.


Fuente: transcripción a partir del cuaderno doble del Zentralblatt für Psychoanalyse 1 (1910/11), H. 5/6 (marzo de 1911), digitalizado en Internet Archive (zb1191156), sección «Referate und Kritiken»: reseña de Friedmann, págs. 256-257, firmada «Dr. Carl Furtmüller» (CF1911-01); reseña de Kemmer, pág. 259, firmada «Dr. Carl Furtmüller» (CF1911-02); reseña colectiva de Heller, Neter y el cuaderno de discusiones de la Sociedad Psicoanalítica de Viena, págs. 259-263, firmada solo «c f.» (CF1911-03). La atribución de esta última a Furtmüller se basa en las iniciales, en que resume con especial conocimiento la contribución de «Karl Molitor» (su seudónimo) y en que las demás reseñas de la sección van firmadas con el nombre o el apellido del autor (las dos anteriores de Furtmüller, con su nombre completo); es, por tanto, de atribución probable. Las correcciones del inventario de Adler (al dar de baja AA1910-08, otra reseña de Heller, firmada «Dr. Friedjung», en el H. 3) la asignan también a Furtmüller. La capa de texto del PDF se cotejó con las imágenes de todas las páginas. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.