Das Todesproblem in der Neurose.

Von Prof. Dr. ALFRED ADLER (New York).

Es ist wenig darüber bekannt, wie die Erfahrung des Todes auf das Kind im frühen Alter wirkt. Sicherlich läßt sich eine einheitliche Antwort nicht finden. Unseren Befunden gemäß ist es sicher, daß die Fertigstellung des Lebensstils etwa im 3. Lebensjahr einen entscheidenden Unterschied ausmacht. Vor dieser Zeit scheint der Eindruck oder die Haftung einer solchen Erfahrung kaum anders zu sein als das Verschwinden einer mehr oder weniger bekannten Person oder Sache, eine recht häufige Begebenheit im Leben des Kindes, Eindruck machen kann. Vielleicht wirkt sich ein solcher Eindruck derart aus, daß das Kind sich auf die Tatsache des Verschwindens nach seinem eigenen Gutdünken einstellt. Es dürfte mit der Tatsache, daß Personen und Dinge verschwinden können, rechnen lernen.

Anders, wenn es nach dem 3. Jahre etwa in den Hauptlinien seines Lebensstils zu den Problemen der Außenwelt Stellung genommen hat. Da wird eine solche Erfahrung oder der Anblick eines Toten nach diesen Hauptlinien gemessen, perzipiert, assimiliert, verdaut und beantwortet. Der höhere oder geringere Grad des Fertigwerdens mit erledigten Tatsachen wirkt sich dabei wohl aus. So auch bei Erwachsenen. Daß dabei der verzärtelte Lebensstil mit seinem „Alles-oder-Nichts“-Komplex, mit seiner Ichbezogenheit, mit seinem Leiden bei unerfüllten Wünschen und mit seinen aufgepeitschten Gefühlen deutlicher hervortritt, in tausend Varianten, ist individualpsychologisch leicht festzustellen. Daß dieser „verzärtelte Lebensstil“ als ihre eigene Schöpfung fast häufiger bei vernachlässigten oder sich vernachlässigt fühlenden Kindern zustande kommt, habe ich stets betont. Da spielt dann die größere oder geringere Verbundenheit des Kindes mit der verstorbenen Person die Hauptrolle. Es kommt nicht selten vor, daß ungeliebte oder die Verbundenheit des Kindes mit einer anderen Person störende Personen durch ihren Tod keinerlei traurige Empfindung auslösen, gelegentlich sogar Genugtuung. Was das Kind dabei denkt, ein Verschwundensein auf ewig oder eine zeitliche Begrenztheit, ist sicherlich auch in Betracht zu ziehen. Ebenso seine Auffassung von der Größe des Unglücks, das die verstorbene Person und die Umgebung betroffen hat.

Die Allgemeinheit der Tatsache des Sterbens wirkt sich wieder in verschiedener Weise aus, sicherlich immer auch in der Beziehung auf die eigene Person. Zu der Tatsache, daß das Leben beschränkt ist, nimmt jeder in seiner ganzen Haltung zum Leben Stellung. Alle seelischen und automatischen Ausdrucksformen nehmen teil daran. Selbstmord und verschleierte Formen desselben, wie Wahnsinn und Süchtigkeit, sind mehr oder weniger aktive Stellungnahmen gegen vermeintliche Verhinderungen, den Gesetzen des Lebens weiter folgen zu können.

Kein Widerspruch wird sich finden lassen gegen die individualpsychologische Auffassung, daß in der sich mit evolutionärer Kraft durchsetzenden Struktur des Lebens drei Hauptlinien zu erkennen sind. Die eine nach Verewigung menschlichen Lebens strebend, die andere nach erfolgreicher Überwindung äußerer Schwierigkeiten, die dritte nach Stellungnahme zu den Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens. Alle drei Strebungen sind Teile eines untrennbaren Ganzen, der Funktion des Lebens. Die Bedrohung einer derselben, die Blockade einer derselben im Gefühl des Lebenden infolge fehlerhafter Richtung, eines fehlerhaften Endziels, eines fehlerhaften Lebensstils, bedrohen das Ganze, erscheinen als Gefahr für das Leben. Die dabei entstehenden Schockresultate werden im besten Falle überwunden, sonst aber durch die drohende Gefahr einer entscheidenden Niederlage als erleichternde Alibis fixiert (Neurose) oder bei größerer Aktivität durch aktive Fehlschläge (Delinquenz etc.) zum scheinbar erfolgversprechenden Abweg weitergeführt. Der Schock manifestiert sich immer im Ausdruck der Unfähigkeit, ein vorliegendes, notwendiges soziales Problem zu lösen (Minderwertigkeitskomplex), aus dem sich dann in der Ergriffenheit des Körpers und der Psyche der Rückzug vom Problem oder der Aufstieg ergibt, im Falle unterwertigen Gemeinschaftsgefühls der aktive Fehlschlag.

Diese Phase der Erschütterung liegt immer auf dem Wege der Todesfurcht, da die Linie zur erfolgreichen Lösung des vorliegenden Problems vorerst abgeschnitten zu sein scheint. Die erfolgreiche Problemlösung aber ist ein Bestandteil der Lebensmöglichkeit.

Ein 5jähriger Junge erhielt von seiner Tante eine Ohrfeige. Laut weinend rief er aus: „Wie kann ich weiterleben, nachdem du mich so erniedrigt hast?“ In späteren Jahren entwickelte er eine Melancholie, in der er stets den Tod und Selbstmord im Sinne hatte.

Wie wenig andererseits der Tod Kinder berührt, die den verzärtelten Lebensstil besitzen und zugleich — eine der tausend Nuancen — daran gewöhnt sind, daß ihnen die betreuende Person Personen und Sachen entzieht, zeigt der Fall eines 6jährigen Jungen, dem man den Tod seines Vaters mitteilte, worauf er sich an seine Gouvernante wandte und sie fragte: „Kann ich jetzt spielen gehen?“ Ich traf ihn 30 Jahre später, als er finanziell zugrunde ging. Er trug es mit der gleichen Unberührtheit, wie den Tod seines Vaters.

Bei Neurotikern, die, wie ich gezeigt habe, alle den verzärtelten Lebensstil besitzen, wenig Gemeinschaftsgefühl in der Kindheit entwickelt haben und ebensowenig Aktivität, fällt schwer ins Gewicht, sobald sie vor einer Niederlage zu stehen glauben, die ihre Eitelkeit, ihr Prestige zu erschüttern droht, daß sie in ihrem Gefühlsüberschwang einen so schweren Schock erleiden, der ihnen wie der Tod zu Gemüte kommt. Einen Schritt weiter, und sie sehen im Tod die einzige Hoffnung, einen eminenten Prestigeverlust zu vermeiden, wie im Selbstmord oder im Spiel mit einem Todeswunsch. Freud hat schon lange vorher diesen Todeswunsch in den Träumen seiner Patienten nachgewiesen, ihn aber gemäß seiner Auffassung von der Sexuallibido und von dem angeborenen Destruktionstrieb mißverstanden. Er hat trotz meiner Hinweise bisher übersehen, daß der von Kindheit an „potentielle“ Neurotiker zu viel an sich denkt („Warum soll ich meinen Nächsten lieben?“), wegen seines der Wirklichkeit entfremdeten Weltbildes wie in Feindesland lebt, überempfindlich, ungeduldig, überhitzt in seinen Gefühlen und in der Überschätzung seiner eigenen Person unweigerlich zu dem künstlichen Erziehungsfehler des „passiven“ Ressentiments kommt, wie ich im „Aggressionstrieb in der Neurose“, 1908, und in „Über den nervösen Charakter“, 1912, auseinandergesetzt habe. Die mangelhafte Entwicklung seines Gemeinschaftsgefühls und seiner Aktivität macht aus ihm den Erwartungstyp (siehe auch Kräpelin), der das Gemeinschaftsgefühl der andern voraussetzt und ausbeutet, im Gegensatz zum Delinquenten, der den andern als Gegner und Beute betrachtet.

Stets anläßlich eines „exogenen Fakts“, einer sozial zu lösenden Aufgabe, der sich der potentielle Neurotiker nicht gewachsen glaubt und die sein hoch gesteigertes Prestigeverlangen zu vernichten droht, erfolgt der Schock, der körperliche und seelische Irritationen, Symptome, hervorruft. Nun erfolgt die Rettung vor endgültigem Prestigeverlust ähnlich wie in der Kindheit, wenn ein Erfolg verweigert war. Das ganze Interesse des Neurotikers wendet sich den Schockresultaten, den Symptomen, zu. Die mit Prestigeverlust drohende Aufgabe ist nahezu vergessen, der Patient erklärt sich „wegen der Symptome und nur wegen dieser“ unfähig, seine Aufgabe zu lösen, und erwartet deren Lösung von den andern, oder zumindest die Enthebung von allen Forderungen, nicht selten auch nur „mildernde Umstände“. Er hat sein erleichterndes „Alibi“ und fühlt sein Prestige gewahrt. Die dem Lebensprozeß eingebettete Erfolgslinie kann weiter unter Zahlung der Unkosten frei von Unterbrechung bleiben. Das so wichtige Prinzip des Lebens, Streben nach erfolgreicher Lösung eines Problems, ist nicht mehr bedroht, das Todesproblem rückt in die Ferne. Kann aber mehr oder weniger deutlich im Auge behalten werden, je nach dem Lebensstil des Betroffenen, das eine Mal deutlicher, das andre Mal undeutlich, — Freud würde sagen: unterdrückt im Unbewußten. Das Leiden des Patienten ist real, meist zum Schutze vor Prestigeverlust übertrieben. Es ist ein allgemeiner Mißbrauch in der psychiatrischen Literatur, als ob der Patient in die Neurose flüchte, als ob er in seine Symptome verliebt wäre, als ob er seine Symptome nicht aufgeben wollte. Im Gegenteil: er gäbe sie gerne auf, wenn er nicht das scheinbar schwerere Übel riskieren würde: die Todesgefahr im Prestigeverlust.

Törichte Anfänger im Verständnis der Individualpsychologie ziehen den Schluß, als ob wir den Neurotiker verantwortlich machen wollten für sein Leiden. Dies Mißverständnis rührt wohl aus einer Unkenntnis der Unzulänglichkeit unserer Sprache her. Indem wir es begreiflich machen, schließen sie, als ob auch der Patient begreifen könnte. Er ist erst verantwortlich, nachdem er begriffen hat. So auch der Kritiker.

Die Erfassung des obigen Problems eröffnet eine weite Perspektive. Der faktische Tod bedeutet ja gleichfalls das Ende des Strebens nach erfolgreicher Lösung der Lebensprobleme. Die vielfachen Strebungen, den leiblichen Tod in seiner Geltung zu verringern, sind bekannt. Der geistige Tod, wie er besonders dem Neurotiker vorschwebt, hat nicht weniger schreckende Kraft.

Hier ein Beispiel aus der klinischen Praxis:

Eine 30jährige Lehrerin, seit 6 Monaten verheiratet, hat in dem ökonomischen Sturm der letzten Jahre ihre Stellung verloren. Auch ihr Mann wurde stellungslos, und so entschloß sie sich, sehr gegen ihren Willen, eine Stelle als Schreibkraft anzunehmen. Täglich fuhr sie in einer Untergrundbahn zu ihrer Arbeit, als eines Tages sie der Gedanke überfiel, wenn sie nicht sofort von ihrem Stuhl aufstünde, so müßte sie sterben. Sie wurde von Kollegen nach Hause gebracht, wo sie sich von ihrem Schrecken erholte. Aber nun überfiel sie derselbe schreckliche Gedanke an einen plötzlichen Tod jedesmal, wenn sie die Untergrundbahn benützte, so daß eine Weiterarbeit gänzlich ausgeschlossen war.

Die generelle Einsicht in den Fall war nicht schwer. Die Individualpsychologie legt mehr als andere Schulen Gewicht auf die Art der Bewegung und rechnet dieselbe gleich wie die Bewegung des Sprechens zu den deutbaren Ausdruckformen des Individuums. Auch das gedankliche und aussprechbare Material ist durchsetzt von unverstandenen Regungen, wie ich gezeigt habe. Das gleiche gilt für alle andern Arten der Bewegung, die sich im Zusammenhang mit der Außenwelt zeigen. Das Untersuchungsfeld der Individualpsychologie ist, im Gegensatz zum Untersuchungsmaterial anderer Schulen, die in Akten vollzogene Beziehung eines eigenartig stilisierten Individuums zu Fragen der Außenwelt. Die Inhalte und Einzelfunktionen des Seelenlebens (Perzeption, Gedächtnis, Denk- und Fühlsphäre, Instinkte, Libido, Triebe, Reflexe, Ganzheiten etc.) nehmen das Interesse anderer Schulen mehr in Anspruch. Wir sind dankbar für jede Erweiterung unseres Wissens in dieser Richtung, sind aber weit entfernt anzunehmen, daß aus selbst erkannten Inhalten das Rätsel einer einmaligen Persönlichkeit verstanden werden kann. Deshalb befassen wir uns mit dem nahezu Meßbaren, der Bezogenheit des einmaligen Individuums zu den Lebensproblemen. Wer diese Unterschiede im untersuchten Material nicht kennt, wird leicht geneigt sein, jede andere als seine Schule als „unwissenschaftlich“, als „nicht tief genug“ etc. zu verwerfen.

Sehen wir also in unserem Falle vom gedanklichen Inhalt der angstvollen Vorstellung der Patientin ab, der ihr den Tod als drohend vor Augen führt, so finden wir eine Bewegung, die nach unserer Voraussetzung als für die Patientin erfolgreich anzusehen ist. Sie bewegt sich demnach von einem als Niederlage empfundenen Platz zu einer andern Stelle, die irgendwie Schutz verspricht vor der befürchteten Niederlage. Setzen wir nun die Inhalte ein, so muß der Sitz auf jedem Stuhle, und offenbar was damit zusammenhängt, die Arbeit an dieser Stelle, als erniedrigend, als völlige Niederlage ihr erschienen sein. Daraus allein läßt sich vieles über den Lebensstil und das Weltbild dieser Patientin sagen. Sie muß große Eitelkeit besitzen, Eigendünkel, ein wahrscheinlich übertriebenes Selbstbewußtsein, muß einen Mangel an Gemeinschaftsgefühl aufweisen und einen Mangel an Aktivität, eine spezielle Nuance des „verzärtelten Lebensstils“. Es müßten schon starke Argumente ins Treffen zu führen sein, um diese Schlußfolgerungen aufzuheben.

Aber, so sehr wir selbst von unseren Schlüssen überzeugt sein mögen, wir haben die Pflicht, die Patientin zu überzeugen und Lernende zu unterrichten. Daher haben wir aus ihrer genauen Biographie Bestätigungen zu erbringen, auch auf die Gefahr hin, uns selbst korrigieren zu müssen. Aus ihrer Kindheit entnehmen wir, daß sie die zweite Schwester unter drei Kindern war. Das dritte Kind war ein Knabe. Ich habe gezeigt, daß der Zweitgeborene leicht eine Erfolgsmöglichkeit dahin ausarbeitet, dem ersten über den Kopf zu wachsen. So war es auch hier. Die Patientin erzählte, daß ihre Schwester bei dem mürrischen Vater nie etwas durchsetzen konnte, sie immer, und zwar zumeist durch Weinen. Diese als „Wasserkraft“ zu bezeichnende Beziehung zum andern ist die Waffe des Schwachen, des weniger aktiven Menschen, und verspricht Erfolg durch Erweichung des andern. Mit demselben Mittel erreichte sie es auch, jeden Vorteil ihrer Schwester auch für sich in Anspruch zu nehmen. Als erstere anläßlich eines Schlußexamens einen Ring von der Mutter bekam, ließ Patientin mit Bitten und Tränen nicht ab, bis sie denselben Ring erhielt. Der jüngere Bruder war ihr ein starker Rivale. Er war des Vaters Liebling, der sich wenig um Frau und um die Mädchen kümmerte. Auch war die Ehe der Eltern nichts weniger als glücklich, was die Auffassung der Patientin über die Zuverlässigkeit der Männer seit jeher erschüttert hatte. Auf die Frage, ob sie in ihrer Ehe glücklich sei, begann sie heftig zu weinen und erklärte, sie sei die glücklichste Frau. Gefragt, warum sie dann weine, antwortete sie, sie fürchte immer, es könne nicht so bleiben. Alle wirklichen und möglichen Niederlagen erschütterten sie aufs heftigste. Das Endziel, dem sie offensichtlich zustrebte, war, ihre Überlegenheit und Sicherheit dadurch zu festigen, daß sie gewohnheitsmäßig, freilich ohne den Zusammenhang zu verstehen, das Bild einer leicht erschütterbaren Person bot, die auf die Weichheit und Nachgiebigkeit ihrer Umgebung rechnete, demnach, wie alle Neurotiker, dem vorhin geschilderten Typus angehörte, der wenig Interesse am andern hat, ihn eher als Ausbeutungsobjekt betrachtet und wenig Aktivität zeigt.

Zwischen sich und die als erniedrigend empfundene Stelle schob sie das sichernde Todesproblem ein. D. h. es stellte sich von selbst ein, als Patientin sich jeder Erfolgsmöglichkeit beraubt glaubte. In dieser Richtung sind auch ihre Träume von Interesse, in denen stets Bilder von Gestorbenen auftauchten. Wer die individualpsychologische Traumlehre kennt, wird davon nicht überrascht sein, hätte sogar ihre Trauminhalte erraten können. Ihr Lebensstil mußte diese Auswahl treffen, um den Gedanken des Todes nicht verschwinden zu lassen. So kam sie zu Verstärkungen ihrer schreckenden Vorstellung vom Tode, indem sie ein verstärkendes Training im Traume durchführte. Man kann ihre Haltung in der Neurose einfach und kurz dahin ausdrücken, als ob sie sagen wollte: lieber sterben als diese Stelle behalten. Was letzten Endes ja nicht sterben bedeutet, sondern die Stelle aufgeben.

Was ihr in ihrem Falle bekannt war, waren zusammenhangslose Einzelheiten. Was ihr nicht bekannt war, ist der Zusammenhang, der sich aus ihrer Lebensform, ihrem Weltbild und den äußeren Faktoren zusammensetzte. Manche nennen diesen unverstandenen Zusammenhang das Unbewußte. Dann aber ist er auch im Unbewußten aller derer, die diesen Zusammenhang nicht verstehen.

Daß das in der Neurose auftauchende Todesproblem auch weitere Komplikationen zuläßt, und zwar nicht selten und in mannigfachen Übergängen, will ich an folgendem Falle erörtern.

Ein etwa 50jähriger Mann klagte über ein zwangshaft auftretendes Symptom, sich aus dem Fenster zu stürzen, sobald er sich in einem höheren Stockwerk befand. Dieses Symptom habe ihn seit seiner Pubertät stets erschreckt, besonders auch deshalb, weil er in seinem mit großem Erfolg tätigen Beruf gezwungen war, auch Personen in höheren Stockwerken zu besuchen.

Der erste Gedanke, der in mir auftauchte, war, daß dieser Mann doch lebendig vor mir steht. Das heißt wohl, daß er den Todeswunsch siegreich überwunden hatte und noch überwindet. Es schien mir eines jener vielen Spiele zu sein, wie sie Kinder oft heimlich spielen, nicht auf eine Spalte zwischen den Steinen zu treten etc. Auch eine Ähnlichkeit mit gewissen abergläubischen Regungen war nicht von der Hand zu weisen. Er erschien als der Sieger über eine schwere Bedrückung.

Aus seiner Biographie ging hervor, daß er der Jüngste einer kinderreichen Familie war, der verzärtelte Liebling seiner Mutter, und daß er alle die von mir geschilderten Charaktere eines verzärtelten Kindes gehabt hatte. Derzeit aber hat er sie alle größtenteils überwunden. Abermals stand er als Überwinder vor mir.

Eine schöne Bestätigung fand meine Auffassung in dem Sinne einer ältesten Kindheitserinnerung, wie mir ja Interpretationen ältester Erinnerungen als eine der wertvollsten Gaben der Individualpsychologie erscheinen. Er erzählte, daß er mit Schrecken zum ersten Schultag in die Schule kam. Da traf er einen Knaben, der Miene machte, sich auf ihn zu stürzen. Fast wäre er in Ohnmacht gefallen. Dann aber nahm er alle Kräfte zusammen, warf sich auf den Knaben und ging als Sieger aus dieser schrecklichen Lage hervor.

Hier ein Fall, der zeigt, wie die aus einem Schock geborene Todesfurcht zum Antrieb genommen werden kann, sich in deren Überwindung als Sieger zu fühlen. Hätte der Patient diesen Zusammenhang gekannt, dann wäre ihm sein Heroismus als ein kindisches Spiel erschienen. So aber gab ihm sein Beruf eine gehäufte Gelegenheit, sich in fiktiver Weise zu bewähren. Er sah auf die Schockresultate, die Symptome seiner Neurose, ich auf die Folgen. Hätte er sich darüber gefreut, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, er wäre des ihm liebgewordenen Spieles bald überdrüssig geworden. Es hätte den ganzen Wert seiner Erfolgshascherei in Frage gestellt. Sein eitler, selbstgefälliger Lebensstil hatte die Oberhand und diktierte, was er ansehen und was er nicht ansehen sollte.


Fuente: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, XIV. Jahrgang, Heft 1 (Januar/März 1936), S. 1-6 (Wien, Verlag Moritz Perles). Transcripción a partir del OCR del ejemplar digitalizado en Internet Archive, cotejada página por página con las imágenes del facsímil; las cursivas reproducen la cursiva del impreso. Ortografía original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa. En el número le sigue «Die erste Kindheitserinnerung eines Delinquenten», de Lawrence E. Opedal, que no se transcribe.