Schwer erziehbare Kinder und nervöse Erwachsene
Von Dr. Alfred Adler (Wien)
Am Ausgangspunkt unserer Individualpsychologie standen Versuche zu einer wissenschaftlichen Begründung der Menschenkenntnis und zu einer Erforschung des Kinderseelenlebens. Unsere damaligen Feststellungen über die grundlegende Bedeutung der Organminderwertigkeit, des Minderwertigkeitsgefühls, der seelischen Kompensation und Überkompensation, über das Schicksal des Gemeinschaftsgefühls, über die richtunggebende Wirkung des Leitideals sind heute eherner Bestand und wurden offen von allen psychologischen und psychiatrischen Schulen, manchmal mit wenig geänderter Terminologie, übernommen.
Manchen freilich unserer stillen Anhänger blieben diese Fundamente einer Seelenlehre tönendes Erz und klingende Schelle. Sie vermeinten gelegentlich, in ihnen Vorarbeiten zu sehen, während sie doch noch eine lange Strecke bis zum Verständnis der tieferen Zusammenhänge zurückzulegen gehabt hätten, und kamen über den Aberglauben einer kausalen Organbedingtheit nicht hinaus. Für andere mußten sie den Zierat abgeben, um obsolet gewordene Anschauungen zu verschönern, für manche die Sicherung, um wankende Theorien zu stützen.
Nur den Konsequenten und Intransigenten unserer Mitarbeiter ergaben sich die wertvollsten Erkenntnisse wie die Formen des irregeleiteten Geltungsstrebens, die besonderen Ausdrucksweisen der Entmutigung, der Fluch des Aberglaubens von einer angeborenen Begabung und der tröstende Hymnus des unversiegbaren Gemeinschaftsgefühls. Sie erkannten die Bedeutung nie rastender Schulung für die Lösung der naturgegebenen Aufgaben der Menschheit und fanden den Mut, den irrtümlich gesunkenen Mut anderer aufzurichten.
Ihnen erwuchs in ganz anderem Maße wie andern das Verständnis für mangelhafte Vorbereitungen des Kindes fürs Leben, und sie sahen in hellstem Lichte den Zusammenhang von offenen oder verschleierten Schwierigkeiten der Kindheit mit nervösen und anderen Verirrungen im späteren Alter. Die Tatsache des „omnia ad opinionem pertinent“ enthüllte sich ihnen, die grundlegende Wirkung der Weltanschauung1 und vor allem die mangelhafte, irrtümliche Vorbereitung des Individuums bei schwer erziehbaren Kindern und Nervösen.
So verschmolz uns die seelische Dynamik beider, schwer erziehbarer Kinder und Nervöser, in eine einheitliche Lebenslinie, aus allzu niedriger Selbsteinschätzung gestaltete sich ein in die Irre gehender Geltungstrieb, und wir erblickten bei beiden Lebensformen statt geradliniger Aktivität und einer gesellschaftlich nützlichen Lösung der Lebensfragen eine ausweichende, zögernde Attitude, die egozentrisch mildernde Umstände suchte, um das Geheimnis eines vermeintlichen Unwertes zu verschleiern.
So verschmolz uns aber auch die Neurosenforschung mit Menschenkenntnis und Pädagogik. Die Individualpsychologie schmiedet das Band zwischen Psychiatrie und Pädagogik, zwischen Arzt und Lehrer fester, als es je zuvor geschehen ist. Unsere Vorlesungen und Schriften über Menschenkenntnis, unsere Erziehungsberatungsstellen liefern beiden ein Studienmaterial und eine nie zuvor gegebene Gelegenheit zur Prophylaxe der Verwahrlosung und psychischer Erkrankungen.
Das vorliegende Heft, ein kleiner Bruchteil individualpsychologischer Arbeit, gibt einen Einblick in die Zusammenarbeit und über die in weitesten Kreisen reifenden Früchte unserer Schule.
Mitteilungen aus Erziehungsberatungsstellen
I. Erziehungsberatungsstelle
Leiter: Dr. Alfred Adler
1. Vierzehnjähriges, kleines Mädchen, das sich unberechtigterweise für auffallend schön hält, seit dem dritten Jahre die größte Filmschauspielerin werden will, ihre Mutter bedrängt, sie möge ihr Bild in die Zeitungen bringen. In der Schule mangelhafte Fortschritte, zänkisch, herrschsüchtig. Hat frühzeitig den Vater verloren. Die zweite von drei Schwestern.
Starkes, auf Äußerlichkeiten drängendes Geltungsbestreben (zweite Schwester), sucht den Weg des geringsten Widerstandes, oft mit Verfälschung der Realität, durch die Phantasie. Große Gefahr bei einer Niederlage.
Beratung: Kein brüskes Ablehnen ihrer Berufswahl, aber vorsichtiges Hinlenken auf die (freilich nicht unüberwindlichen) Schwierigkeiten, Hinweis auf die Bedeutung der Arbeit und des Studiums im Schauspielerberuf und auf die geringere Rolle der Schönheit. Aufforderung unter Hinweis auf die Notwendigkeit einer höheren Bildung beim Schauspielerberuf zur Fortsetzung des Lernens und dringende Empfehlung, falls in drei Jahren noch immer die Absicht, zum Film zu gehen, besteht, eine gute Schauspielschule zu besuchen.
2. Vierzehnjähriges, gut entwickeltes Mädchen, über die geklagt wird, daß sie mit Jungen und Mädchen sich herumtreibe, daß sie spät nach Hause komme; auch in der Schule mangelhafte Leistungen. Benimmt sich so, als ob sie mehr wäre wie die Schulkolleginnen. Vater — zänkisch, pessimistisch — fürchtet, das Mädchen werde nicht mehr in die Schule gehen wollen.
Da die Leistungen in der Schule dürftig sind, sucht sie Eigenbefriedigungen auf gesellschaftlichem Wege und versucht, die Schule auszuschalten. Infolgedessen auch stärkeres Streben nach der erotischen Seite.
Notwendigkeit einer besseren Fundierung in der Schule und ermutigenden Hinweis auf die Notwendigkeit einer besseren Bildung auch für alle anderen Lebensbeziehungen.
3. Dreizehnjähriger Junge, 2. Bürgerschulklasse: Arbeitet gar nichts, ist aber sehr zufrieden mit sich und seinen Leistungen; belästigt die Lehrer ständig durch Fragen und Anbieten von unbrauchbaren Gegenständen. Zu Mädchen roh und zudringlich. Ständige Feindschaft mit den Eltern, nach jedem Streit Bettnässen. Muskelzuckungen im Gesicht. Sehr ängstlich, sehr unruhig, klein, schmächtig. Durch allzu energische Mutter entmutigt, jeder Entschlußkraft beraubt. Lehrer veranlaßt ihn mit Erfolg, sich im Turnen auszubilden. Seither kleine Besserung. Aufklärung des Jungen und seiner Eltern in betreff der schlechtwirkenden Situation.
4. Fünfzehnjähriges Mädchen, 3. Bürgerschulklasse. Schulerfolg normal bis zum Selbstmord des Vaters im vorigen Jahre. Von da an rapide Verschlimmerung, tut nicht mehr mit. Bestürmt Lehrerin mit Briefen, die Selbstmordabsichten enthalten. („Ich“ immer groß geschrieben.) Droht, bei Verständigung der Familie den Selbstmord sofort auszuführen. Starke Verachtungstendenz gegen Umgebung, besonders gegen den Bruder, der mit ihrer Freundin flirtet. Fühlt sich von Vater und Bruder verlassen, herabgesetzt. Versucht, diese Einbuße wettzumachen, indem sie Lehrerin beherrscht und in Schrecken erhält.
5. Mädchen von 9 Jahren, 3. Förderklasse. Kräftig, hübsch, gut gehalten. Knochentuberkulose, leichtes Hinken. Wut- und Zerstörungsanfälle von höchster Intensität. So jähzornig seit dem Aufenthalt in einer Kolonie, wo sie, da sie durch Unachtsamkeit eine Kameradin in das Wasser gestoßen hatte, durch Ausschluß von gemeinsamen Spaziergängen bestraft worden war. Fühlt sich weiterhin ausgeschlossen, wünscht anderen körperlichen Schaden, sucht sich für ihre „Minderwertigkeit“ zu rächen. Wird entsprechend aufgeklärt.
6. Mädchen von 10 Jahren, 4. Volksschulklasse. Sehr schwach und elend, sieht aus wie ein sechsjähriges Kind. Hatte mit sechs Jahren schon Grippe, als Kind Fraisen. Daher ständig Gegenstand der Aufmerksamkeit. Sucht auch weiterhin durch schlechtes Essen, schlechtes Aussehen, durch Angst und durch Schreien bei Nacht die stärkste Aufmerksamkeit zu erzwingen. Gibt auf Befragen zu, das Schreien auch bei Tag als Mittel gebraucht zu haben, um Mutter festzuhalten.
7. 14½jähriges Mädchen, besucht die Bürgerschule, stört den Unterricht durch ständiges Fragen, stiftet Unfrieden in der Klasse, verwechselt Worte, zittert, gibt auf Befragen zu, daß ihr Zittern eigentlich Ausflucht vor Leistungen sei, gibt es auch nach einer Aussprache auf. Mutter ist in hochgradiger, ständiger Erregung und leidet an Platzangst. Vater streng. Sichtlich zu starker Anschluß an die Mutter, daher ängstlich und bei Toleranz der anderen vordringlich. Belehrung.
8. I. St., 13 Jahre, 2. Bürgerschulklasse. Klage: Schlechte Rechnerin, steht vor dem Durchfall, fängt vieles mit Feuereifer an, um es bald wieder fallen zu lassen, neigt zu Prahlerei und richtet Tratschereien an. Trotzig.
Aus ihrer Persönlichkeit hervorzuheben: Redegewandt, macht gute Aufsätze, hat Führerneigung und -fähigkeit, ist bei Tadel niedergebrochen, bei Lob maßlos angeeifert. Beginnende Neigung, die Schule zu schwänzen.
Vorgeschichte: Stammt aus einer Familie, die bessere Tage gesehen hat. Liebling des Vaters; schlechte Ehe. Hat bis zu 2½ Jahren nicht sprechen können (s. o. gute Rednerin). Hat wahllos alles in den Mund gesteckt (Mundmensch).
Wichtigster Gesichtspunkt: Teilweise (für die Schule) entmutigte Kämpfernatur, die nach Anerkennung dürstet. Aus manchen Details ersichtliche Entwicklungslinie für den Schauspielerberuf. Erfährt sie eine offensichtliche Niederlage in der Schule (Durchfall), so wird sie noch stärker entmutigt und noch mehr ausweichen. Ein Hinweis darauf, daß sie im Rechnen sicher auch mitkommen kann, dringend. Ebenso (demnach knapp vor Schulschluß), daß man sie in die nächste Klasse nehme, weil man dessen sicher sei. (Dabei Nachhilfe während der Ferien.) Der Einwand, die anderen Schülerinnen könnten dieses Vorgehen als ungerechtfertigte Benachteiligung ansehen, gibt eine Anleitung, den Mitschülern den Sachverhalt ebenfalls klarzu-machen und ihnen als ihre Pflicht zu zeigen, daß sie irrenden Kameraden beistehen müßten.
9. Junge von 13½ Jahren, freiwillig wegen Versagens aus dem Gymnasium ausgetreten, jetzt Bürgerschule. Arbeitet gut, solange die Aufmerksamkeit des Lehrers ihm folgt. Tut nicht mehr mit, wird trotzig, boshaft, wenn man aufhört, sich mit ihm zu beschäftigen. Biedert sich den Kameraden aufdringlich an, prahlt, zeigt bei Abweisung Haß und Zorn. Wurde von einem älteren Mann mißbraucht und dafür bezahlt. Sichtlich durch Mutter verzärtelt. Großer Ehrgeiz. Kann er sich nicht durch Leistungen hervortun, dann eben durch Verwahrlosung. Es wird ihm nahegelegt, sich das Bluffen abzugewöhnen und mehr Ausdauer an die tatsächliche Leistung zu wenden. Sein jetziges Verhalten zeigt, daß er nichts von sich halte. Im gleichen ermunternden Sinn wird auf den Vater eingewirkt, insbesondere dahin, daß der Junge sein Ziel, Bauingenieur zu werden, erreichen kann.
Fuente: transcripción a partir del número digitalizado en Internet Archive (Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 3. Jg., Nr. 4, Wien, Juni 1925; págs. 145-146 y 201-203), con el OCR de archive.org y el texto extraído del PDF cotejados con las imágenes de las páginas. Las notas de casos de la sección «Mitteilungen aus Erziehungsberatungsstellen» aparecen bajo la rúbrica del consultorio que dirigía Adler, sin firma; no consta quién las redactó. Ortografía original de 1925; los números de los casos y los espaciados (aquí en cursiva) siguen el original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.
Siehe Wexberg: „Zur Psychopathologie der Weltanschauung“. Zft. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie. Bd. XCVI, Heft 1/3. ↩