Unerziehbarkeit des Kindes oder Unbelehrbarkeit der Theorie?

Bemerkungen zum Falle Hug von Dr. Alfred Adler. (Nach einem Vortrag im Volksheim gestern abend.)

Ich will, ganz abgesehen von Personen und vom wissenschaftlichen Standpunkt, auf einge Aeußerungen zurückkommen, die in diesem Prozeß gefallen sind. Ich will nur erwähnen, daß sich da einer geäußert hat: „Der Knabe war nicht mehr zu retten.“ Wir wären sehr neugierig, zu erfahren, wo die Rettbarkeit eines Menschen anfängt und wo sie aufhört und warum dieser Knabe nicht zu retten wäre. Ich will darauf hinweisen, wie schwer es in manchen Familien fällt, ein solches Mißgeschick innerhalb ihrer Familie jemand anzuvertrauen, und wie sehr man bestrebt ist, ein Geheimnis daraus zu machen. Dieses Geheimnis aber wird dann riesengroß, denn es ist sozusagen ein Vorteil des Fehlgehenden. Es mag sein, daß in einer Familie, in der die Pädagogik zu Hause ist, auch das Geheimnistun in einem solchen Falle noch viel größer ist als sonst. Es ist natürlich ein besonderer Schaden in diesem Falle, daß man einen erzieherischen Fehlschlag in der erzieherischen Umgebung nicht gern an die große Glocke hängt. Aber man sieht, was daraus geworden ist. Denn es gehen Leute herum und wissen schon, daß da nichts mehr zu retten ist. Wäre nicht doch ein größeres Unglück zu verhüten gewesen?

Seit Jahren gilt es als größte Schädigung in der Kindererziehung, einem Kinde auf den Kopf zu sagen, daß es unrettbar ist. Diese Sicherheit kann dem Kinde nicht verborgen geblieben sein und wenn es diese Worte nicht hundertmal gehört hat, so hat sie es doch gespürt. Es gibt nichts Schädlicheres, als einem Kinde die Hoffnung für die Zukunft nehmen und keine schädlichere Form in der dies geschehen könnte, als indem man ihm sagt: „Du bist ein Lump und wirst im Kriminal enden“ usw. Wenn es auch derjenige, der es ausspricht, sicherlich nicht ernst meint, so wirkt es doch zerstörend auf den Glauben des Kindes an sich selbst. Betrachten wir die Tätlichkeitsverbrecher, so würde man unter den Verbrechern nur solche Menschen finden, die den Mut verloren haben, sich im normalen Leben aufrecht zu halten. Es ist also geradezu ein Spiel mit dem Feuer, wenn man einem Kinde seine Zukunft in der Verbrecherlaufbahn zeigt.

Wenn ich auf dem Standpunkt stehe, daß ein Kind nicht zu retten ist, so ist das nicht nur ein persönlicher Standpunkt, sondern er wirkt über mich hinaus auf die Umgebung. Wenn man ein Unglück da voraussagt, so ist es gerade so, als wenn man es provoziert hätte. Aeußerungen, „jemand ist nicht zu retten“, müssen wir von vornherein abweisen, weil wir da keinen Unterscheidungsgrund sehen können, weil wir nicht an angeborne Verbrecherneigungen glauben, sondern ganz deutlich darauf verweisen können, wie alle Kennzeichen eines solchen Fehlschlages aus einem Irrtum entstehen, auf dem wir den Finger legen können. Ich muß auch noch erwähnen, daß zum Beispiel eine Aeußerung wie, daß der Mensch beim fünften Lebensjahr fertig ist, mit den Anschauungen der Individualpsychologie nicht übereinstimmt. Wir gehen sogar weiter, indem wir sagen: Er ist mit dem zweiten Lebensjahr fertig, aber nicht unabänderlich, sondern er hat im zweiten Lebensjahr entsprechend der Situation, in der er aufwächst, Gestalt und Form bekommen, aber es ist unstatthaft, aus der Tatsache, daß es so frühzeitig schon eine Einheit der Person gibt, zu folgern, daß dieser Keim des Bösen weiterwuchern müßte. Und es ist ein böser Irrtum, wenn gesagt wird, daß es hier kein Erziehen gab, sondern nur ein Heilen. Wir hätten nichts dagegen, wenn der Junge statt erzogen, geheilt worden wäre.

Wir hören auch weiter, daß wohl einiges geschehen sein soll. Nämlich es wurden dem Hug Vorhalte gemacht, er ist aber trotzdem höflich und kühl geblieben und hat weiter gestohlen. Diese Methode ist seit Jahren beliebt und keine neue Erfindung. Man kann sich hier nicht darauf berufen, daß hier ein unwandelbares Unglück vorliegt, denn es hat weder die Familie richtig eingegriffen, noch die Gesellschaft, noch der Staat dadurch, daß er für derartige Mißerfolge der Familienerziehung eine Rettung schafft. Eine weitere Aeußerung, die sich den andern eigentlich anschließt, war die, daß Hug zum Hauen nicht geeignet war. Es ist nicht ganz leicht, sich davon ein Bild zu machen. Vielleicht könnte man es am ehesten verstehen, daß er sich nicht hätte gefallen lassen, gehauen zu werden, obgleich er selber sagt, er wäre glücklich gewesen, wenn man ihn einmal durchgehauen hätte. Wir halten trotzdem von der Prügelstrafe nichts, auch wenn er sich sie so sehnlich wünscht. Denn manche Verbrecher haben behauptet, daß sie ihre Untaten leichter begangen hätten, wenn sie gegen einen Widerstand gestoßen wären; auch der große Seelenforscher Balzac sagt einmal, der Mörder wünscht, daß sich das Opfer wehrt, damit er eine Rechtfertigung für seine Untat finde. Wir können also verstehen, daß er gern gehauen worden wäre, weil er dann hätte darauf hinweisen können, aber dies wäre überflüssig gewesen, denn er hat es auch ohne Prügel getroffen und wahrscheinlich mit Prügel noch viel leichter. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich bemerke, daß alle diese Aeußerungen des Vormundes nicht neue wissenschaftliche Anschauungen enthalten, sondern aus den ältesten Kammern genommen geworden sind. Sie enthalten keine neuen Erkenntnisse, sondern sprechen nur die eigene Unsicherheit aus, in einer Organisation der Schutzmittel gegen solche Uebel ein wirkliches Heilmittel zu finden. Daß vielleicht gar keine Lehre imstande ist, unter mangelhaften Voraussetzungen Uebel größerer Art zu beseitigen, ist ja selbstverständlich. Aber man sollte die Stimme erheben, und nicht zuschauen, wie jemand dem Abgrund entgegeneilt. Man sollte sich darauf besinnen, daß es sich nicht darum handelt, unter schlechten Bedingungen zu arbeiten, sondern auch, daß es das Notwendigste wäre, durch Errichtung eines Erziehungsinstituts für soziale Kinder zu verhüten, daß diese kriminell werden, vielmehr eine richtig geleitete Erziehung bekommen. Und vor allem sollte man den Gedanken ausschalten, als ob irgend jemand unrettbar verloren sei.


Fuente: Arbeiter-Zeitung (Wien), Nr. 63, 5. März 1925, S. 6, columna derecha («nach einem Vortrag im Volksheim gestern abend», es decir, el 4 de marzo de 1925). El OCR de esta página es defectuoso (impresión borrosa, «requiere transcripción manual»): el texto se ha transcrito íntegramente de la imagen de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, aze/19250305/6), con el OCR de ANNO y el OCR Fraktur propio solo como ayuda. Algunas palabras de la parte final, muy desvaídas en el escaneo («dies», «ohne», «noch», «enthalten», «diese kriminell werden, vielmehr eine»), se leen con seguridad razonable por el contexto y los rasgos visibles. Se respetan las erratas o particularidades del impreso («einge», «für soziale Kinder», «genommen geworden»). La referencia a una publicación en la Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 3 (1925) no se ha confirmado (el texto no figura en el número 4). Ortografía original; el texto espaciado va en cursiva.