Kritische Erwägungen über den Sinn des Lebens1

Von Dr. Alfred Adler (Wien)

Verstünden wir den Sinn des Lebens, so wäre der zielbewußte Aufschwung des Menschengeschlechtes nicht mehr aufzuhalten. Wir hätten ein gemeinsames Ziel und alle würden ihre gesamte Kraft in den Dienst der Aufgabe stellen, diesen Sinn zu erfüllen. Wir wüßten auch um den Weg, wenn auch nicht mit unumstößlicher Sicherheit. Aber selbst die vielen Irrtümer, die uns dabei unterliefen, wären alle getragen von dem Streben, einer absoluten Wahrheit näherzukommen, einer Wahrheit, von der wir wissen, daß sie eine „unendliche Aufgabe“ ist, ewig unerreichbar, aber ewig lockend. Unser Gefühl für den Irrtum in unserem Leben würde sich steigern und schärfen und aus unserer Betrachtung eines waltenden Zusammenhanges von Weltall, Erde, Ich und Du ergäbe sich leichter und früher die Möglichkeit einer Korrektur. Der Sinn unseres Lebens wäre der Kompaß für unser Streben. Die kurzatmige Teleologie, die uns heute noch auf nächstliegende Ziele weist, wiche einer von ferne wirkenden, unsere Fahrt beeinflussenden Leuchte und die Scheinwerte unserer Tage, kurz und rasch verblühend, brächen zusammen vor dem sicher wägenden Urteil unseres gesteigerten Selbstbewußtseins.

Solange wir dieses Sinnes nicht habhaft sind, erscheinen uns die Vielheiten des Sinnes unserer Tage, weniger dem Verstande als dem Gefühle, schwankend und leicht austauschbar. Wir wechseln unsere Tracht, unsere Gesinnung, unseren Beruf, unsere Männer und Frauen, unsere Freunde und suchen Werte in ihnen, die wir ein andermal selbst verwerfen. Hat die Menschheit diesen Sinn des Lebens einmal verstanden? Ist er ihr später abhanden gekommen? Können wir ihn einmal wenigstens beiläufig erraten?

Das Tier, noch mehr die Pflanze, haben ihre „Formel“. Wenn wir „Hase“ sagen, so kennen wir die meisten der seelischen und körperlichen Bewegungsgesetze dieses Wesens. Aber auch dem Tiere ist schon eine gewisse Wahlfreiheit in seinen Bewegungen gegeben und ich kannte einmal einen mutigen Hasen, der der Schreck seiner Umgebung war. Man könnte annehmen, daß die „natürliche Auslese“ im Tierreich auf einen inneren Widerspruch zwischen Lebewesen und Daseinsbedingungen hinweist, daß die Entstehung der Arten einen Fehlschlag, einen Irrtum entlarvt, der der Zeit und den Veränderungen auf der Erde nicht standhalten kann. Vielleicht ist der Fortschritt in jeglicher Richtung durch diesen Irrtum gegeben und führt über die Gegenwart hinaus zu einem Menschengeschlecht, das dem Bezugssystem Mensch—Erde besser angepaßt ist als das heutige.

Vielleicht haben wir damit mehr als einer Phantasie Raum gegeben. Vielleicht türmen sich die Schwierigkeiten unserer Tage so riesengroß, weil wir die „absolute Wahrheit“ allzusehr verfehlen. Vielleicht sind der Einzelne und ganze Massen vielmehr von der Ausrottung bedroht, als wir es wissen wollen, und dies, weil sie den Sinn des Lebens nicht kennen und in die Irre gehen.

Ergibt sich da nicht wieder die oft gesehene Perspektive, die einmal Nemesis, dann aber Kausalität, Vergeltung, Gott heißt und ihre Warnungen, ihre Drohungen und Strafverheißungen wie unverwüstliche Wegweiser vor uns hinstellt? Wegweiser in der Unendlichkeit von Raum und Zeit, im Chaos des Lebens, als wüßten sie etwas von der Ordnung im Weltall, vom Sinn des Lebens, der uns noch verschlossen ist.

In der Verschlungenheit unserer Gegenwart setzt sich das Laissez faire mit solcher Inbrunst durch, als müßten wir im Gefühl unserer Schwäche und Minderwertigkeit auf eine bewußte Führung des Lebens endgültig verzichten. Unser Gegenwartsbewußtsein glaubt sich nicht fähig, hält uns für zu schwach, das Bezugssystem Mensch—Natur zu verstehen und zu meistern. Es macht aus der Not eine Tugend, überläßt Gott, dem Zufall oder dem Kampf aller gegen alle die Führung der Menschheitsgeschichte. Unter größeren Opfern und Verheerungen, durch Ausrottung Einzelner und ganzer Gemeinschaften dürfte zustande kommen, was die Logik des menschlichen Zusammenlebens erfordert. Der Sinn des Lebens setzt sich durch und schleudert Menschen und Einrichtungen in den Orkus, sobald sie ihm widersprechen. Uralte Ahnungen der Menschheit begleiten uns auf diesem Martergang, aber unser Verstand hält sich an die einzelnen aufeinanderfolgenden Takte, begreift noch nicht die ganze Melodie.

Unser Zeitalter war nicht so wie vergangene, primitive Epochen imstande, das Weltgeschehen im Zusammenhang zu sehen. Deshalb gab es seit Kant und außerhalb Marx’ keine Möglichkeit einheitlicher Leitlinien. Unsere ethischen und ästhetischen Formeln entstammen längstvergangenen Zeiten und stehen fast ausschließlich im Dienste des persönlichen Machtstrebens. Die Entwicklung der Wissenschaft und der Technik nimmt meist ihren Lauf in der Richtung des Eigennutzes Einzelner und der Habsucht einflußreicher Gruppen und stört die Harmonie des Zusammenlebens oft mehr als sie sie fördert. Meist fehlen die großen Gesichtspunkte; der Augenblickserfolg und einseitige Nutznießung, nicht Hebung des Lebensniveaus sind die landläufigen Resultate. Dem allem entspricht eine lächerliche, mit viel Geschrei und wenig Berechtigung durchgeführte Anpreisung selten weittragender Betrachtungen des irdischen Geschehens, die sich rasch hintereinander ablösen und von Cliquen und Koterien lebhaft bejubelt werden.

Aber die Unruhe, mit der heute mehr wie je die menschliche Gesellschaft nach einer Zusammenhangsbetrachtung drängt, um sich den Sinn des Lebens klarzumachen, das Haschen nach jedem Rettungsbalken und die Begeisterung, die aufflammt, wenn irgendein neues Wort gesprochen wird, zeigen deutlicher als alles andere, daß noch immer jede befriedigende Lösung fehlt. Es wäre Vermessenheit, Endgültiges sagen zu wollen. Nur Winke und bescheidene Hinweise, wie sie sich aus einer reichen individualpsychologischen Erfahrung ergeben, sind am Platze.

Aus guten Gründen vermeidet es die Individualpsychologie, den isolierten Menschen zu studieren. Sie sieht ihn immer nur im kosmischen und sozialen Zusammenhang. Arg bedrängt von der Natur und erheblichen körperlichen Schwächen unterworfen, weist ihn sein denkendes Gehirn auf den Zusammenschluß. Dieser Prozeß einer Vereinigung, selbst wieder eine Folge der persönlichen Schwäche und Unsicherheit, zeigt auf eine Voraussetzung hin, deren Erfüllung in jeder Betrachtung gesichert sein muß, ebenso wie der Wille zum Leben, ja das Leben selbst stillschweigend angenommen werden muß: der Mensch als soziales Wesen. Anders ausgedrückt: Der Mensch und alle seine Fähigkeiten und Ausdrucksformen sind untrennbar verknüpft mit der Existenz anderer Menschen, so wie er verknüpft ist mit den kosmischen Tatsachen und mit den Bedingungen der Erde.

Solange die obigen Voraussetzungen gelten, ergeben sich Richtungslinien für die Daseinsform des Menschen. Er sorgt in mehr oder weniger zweckmäßiger Weise für die richtige Instandhaltung seiner körperlichen Bestände. So zwingen ihn zum Beispiel der Wandel von Tag und Nacht, die Schwerkraft, die atmosphärischen Verhältnisse zu bestimmten Lebensbetätigungen, deren Richtigkeit oder Mangelhaftigkeit durch das Bezugssystem Mensch—Erde vorausbestimmt ist. Vorausbestimmt ist auch die Abänderung der körperlichen und seelischen Entwicklung des Menschen durch diese Anspannung, und jeder Fortschritt, der so als zwangsläufig erscheint, weil er eine Anpassung an dieses Bezugssystem bedeutet und weil seine Verhinderung zur Erschwerung des Lebens, zu erhöhten Lasten und Mühen, zur Ausrottung führt, ist nur eine notwendig gewordene Korrektur vorhandener Fehler. Auch die Abstammung der Arten, die Natural selection, vollzieht sich unter dem Druck, der in dem Bezugssystem Lebewesen—Erde herrscht.

Aus dieser Gebundenheit, die eine absolut richtige Lösung als „unendliche Aufgabe“ stellt, wird sich eine der Richtungslinien aufbauen müssen, die zum Sinn des Lebens hinüberleitet. Eine zweite Gebundenheit liegt in der Zweigeschlechtlichkeit.

Der Zusammenhang beider Bezugssysteme ist leicht zu verstehen. Faßt man größere Zeiträume ins Auge, so ist die letzte Variation der Lebewesen der kleinste Irrtum. Und auch hier gilt wieder: Die Zweigeschlechtlichkeit steht als Aufgabe vor dem Menschen, deren Lösung im Einklang mit den anderen grundlegenden Faktoren des menschlichen Lebens zu erfolgen hat. Beide Gebundenheiten, irdisch-menschliches Bezugssystem und Zweigeschlechtlichkeit, grenzen die vielen Möglichkeiten der Lebensführung ab und geben dem Leben Sinn und Richtung. Der Sinn des Lebens kann nunmehr nicht aus Kausalitäten hergeleitet werden, schon gar nicht aus phantastischen Privateinfällen, sondern, ähnlich wie bei einer Rechenaufgabe, aus dem Verfolgen eines Zieles, aus dem Suchen nach einer Lösung, die in der Rechnung kraft ihrer Bedingungen drinnensteckt. Das Finale des menschlichen Werdens wird so zur treibenden Ursache.

Eine dritte, tief determinierende Gebundenheit liegt im Gruppen- und Gemeinschaftsleben der Menschen. Und wieder beobachten wir die innige Durchdringung des so geschaffenen Bezugssystems mit den Ergebnissen der vorher abgeleiteten Spannungen. Nur diese Erde konnte den homo sapiens erzeugen, nur die von ihr für ihn geforderte Zweigeschlechtlichkeit konnte ihm infolge der konstanten, durch die Inzestscheu weiter geförderten Blutmischung Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit versprechen. Seine soziale Abgestimmtheit ist solange bedroht, als die Gleichwertigkeit des Einzelnen in Frage gestellt wird, solange eine Unterwertung des „Niederen“, eine Minderwertigkeit der Frau dogmatisch erzwungen wird. Aber der Mensch in seiner körperlichen und seelischen Eigenart liegt ewig verhaftet in sozialer Gebundenheit und in der Lösung der Frage einer suffizienten Einrichtung der Gemeinschaft gipfelt die Schicksalsfrage des Menschengeschlechtes.

Derart eingespannt in mindestens drei Verknüpfungen bewegt sich das Menschengeschlecht von Irrtum zu immer kleinerem Irrtum reisend, der Lösung einer uns gegebenen, ewig unverstandenen aber ewig pochenden und drängenden Aufgabe zu. In dieser Aufgabe liegt eine absolute Wahrheit verborgen. Was von ihr stärker abweicht, ist von der Ausrottung bedroht. Das Suchen des Einzelnen ist durchströmt von dem unverstandenen Willen der Gesamtheit, ist ein winziger Bruchteil der treibenden Kraft der Menschheit. Es fällt nicht ins Gewicht, was er von diesem Strom des Lebens, den auch er treibt oder hemmt, zu verstehen glaubt. Nur seine Leistung kommt in Rechnung.

Das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit ist immer ein Zielen in die Zukunft. Unsere Gegenwart, ein Durchschnittspunkt in der ewigen Entwicklung, trägt Lasten und Mühen eines unfertigen, noch allzusehr irrtümlichen Versuches einer Anpassung. Der Mensch als Mittelpunkt des irdischen Geschehens ist unrettbar. Wir sind die Antwortenden und der Sinn unseres Lebens liegt innerhalb unserer Gebundenheit und deren Antwort heischenden Folgen.


Fuente: transcripción a partir de la reimpresión en la Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 3. Jg., Nr. 2, Wien, Februar 1925, S. 93-96 (cuaderno digitalizado en Internet Archive), con el OCR de archive.org cotejado con las imágenes de las páginas. Según la nota del propio texto, se publicó primero en Der Leuchter (Darmstadt, Otto Reichl), el anuario de la «Schule der Weisheit» del conde Hermann Keyserling, cuyo t. 5 (1924) contiene la colaboración de Adler (AA1924-04 del inventario); esa primera edición no se ha visto. Ortografía original. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa de la reimpresión.

  1. Zuerst erschienen im „Leuchter“, Verlag Reichl, Darmstadt. ↩