Theophil Becker: „Zur Diagnose paranoischer Zustände.“ (Münchner med. Wft. 1914, Nr. 12.)
Der Autor betont die verschiedene Abgrenzung dieses Krankheitsbildes und das Bestreben, der Annahme einer rein intellektuellen Störung gegenwärtig Beweise einer besonderen Affektivität anzufügen. Gegenüber dem „Irrtum“ hält er die paranoische Wahnidee genügend charakterisiert durch den Mangel der Korrigierbarkeit und durch die unabänderliche Beziehung zum Leben des Kranken. Die Kraepelinsche chronische Paranoia wird wie keine andere Psychose durch die zentrale Wahnvorstellung beherrscht. — Die prägnante Darstellung des erfahreren Autors gestattet uns, unsere Anschauung der Psychosen an seinen Fällen zu demonstrieren. Wir haben nicht die Empfindung, daß der Wert der Beckerschen Publikation dadurch beeinträchtigt wird.
Die verkappte Aggression im 1. Fall gegen den Mann, das Ressentiment gegen die Unterwerfung sowie gegen das Kinderkriegen (5 Kinder, 39 Jahre) ist nicht zu verkennen. — Die Psychose steht hier als Symptom und Mittel des Kampfes, gemildert durch die Unverantwortlichkeit, — die Schuld des andern als paranoische Voraussetzung, seine Bestrafung durch Treubruch sind klar zu erkennen. — Ebenso die leitende Kaiseridee. — Auch das Sprechen und Denken sind in den Zustand der Unverantwortlichkeit gebracht. Die hierher gehörigen Störungen der Sprache und des Denkens sind als Revolte gegen ihren sozialen Charakter zu verstehen. Der Irrtum ist korrigierbar; denn er ist ein Ergebnis, ein Epiphänomen. Der Wahn aber ist ein planvolles Mittel. Deshalb auch geht die Beziehung des Wahns zum Leben soweit als nötig. Dissimulation und freie Denkmöglichkeit herrschen ebenfalls, soweit die Konstellation sie erfordert.
Der Mischtypus der Psychosen (1. Fall zeigt Praecox- und Manie-Haltung nebenbei) wird von Becker mit Recht betont. Reine Typen sind in der Psychose selten. Meist sind wenigstens Übergangserscheinungen nachweisbar, was die Abgrenzungsschwierigkeiten begreiflich macht.
Der 2. Fall bietet Gelegenheit, das Wesen der „Unkorrigierbarkeit“ kurz zu beleuchten. Soweit der Patient, ein Querulant, rechtbehalten will, ist er nach den Darlegungen Beckers im Irrtum. Aber gerade dieses Ziel des Rechthabens steht von vorneherein fest. Becker selbst konstatiert, daß sich die Paranoia querulatoria meist bei Menschen finde, „in deren Charakteranlage ein gewisser querulatorischer und rechthaberischer Zug schon stets vorhanden war“. Nun ist aber die Voraussetzung dieses sich von selbst ergebenden Zuges ein Ziel der Überlegenheit, das durch Aggression gegen andere zu erreichen gesucht wird. In einem Stadium des Sinkens aber — und Patient stand vor einem völligen Zusammenbruch — treten leitende Idee und Richtungslinien schärfer hervor. Da ihn das Ziel gefangen hält, hypnotisiert, ergeben sich seine Bewegungen von selbst, und in letzteren ist kein Fehler, sie sind schlechterdings planvoll und zweckmäßig, deshalb unkorrigierbar. Wie bei der Neurose auch. Was diesen Patienten zum Paranoiker macht, ist: daß er sich in einen Zustand der Unverantwortlichkeit bringt, um vor sich sein Prestige zu retten. Wir finden demnach auch in diesem Falle: Aggression, Tendenz zur Unverantwortlichkeit, Hervortreten der alten Leitlinie und den männlichen Protest („weil ich ein Ausländer, ein Jude bin!“).
- Fall: zeigt neben allerlei oberflächlichen Erscheinungen das allmähliche Durchdringen der Kaiseridee, die schon früher in Wendungen wie: „Frieden diktieren“ schwächlich angeklungen war. Das markante Symptom des „Stimmenhörens“ zeigt deutlich die Bereitschaft des Paranoikers zur Entwertung der Realität.
Ein 4. Fall beleuchtet die Schwierigkeit einer Untersuchung von Paranoia und weitgehender, aber berechtigter Abwehr. Was für uns den Fall ganz im Sinne Beckers entscheiden ließe, ist allein schon im Mangel einer hervortretenden Leitlinie ausgedrückt. Das mangelnde Krankheitsgefühl bei Paranoia ergibt sich mit Notwendigkeit aus der viel dringenderen Aufgabe, das hochangesetzte, fiktive Persönlichkeitsideal festzuhalten und dies auf dem Wege der Aggression, indem die Schuld anderen gegeben wird. Wo Krankheitsgefühl auftritt, liegt zumindest ein hypochondrischer Einschlag, die Richtung zur Melancholie, wenn nicht der Typus der Neurose vor. — Die vorzügliche Darstellung Beckers wird jeden Psychologen fesseln.
A.
Fuente: reseña firmada «A.» en la sección «Referate» de la Zeitschrift für Individualpsychologie, I. Band, 2. Heft, mayo de 1914, págs. 62-63 (fichero local 1914/1914-05_Zeitschrift-Individualpsychologie_Bd1-H2_Lebensluege-und-Verantwortlichkeit__archive.pdf, págs. 32-33 del PDF; ejemplar digitalizado publicado en Internet Archive). OCR de archive.org corregido sobre las imágenes de las páginas. La reseña sigue a una noticia sobre el Archiv für Frauenkunde y precede inmediatamente a la de «Petersburger Träume», también firmada «A.» y ya publicada en el archivo (AA1914-10). La atribución a Adler se apoya en la firma «A.» en la revista que él dirigía y en el vocabulario y las tesis, idénticos a los de «Melancholie und Paranoia» (1914) y «Lebenslüge und Verantwortlichkeit in der Neurose und Psychose» (en este mismo cuaderno): la psicosis como medio de lucha, la tendencia a la irresponsabilidad, la línea directriz, la idea de grandeza, el ideal de la personalidad ficticio y la protesta masculina. El artículo reseñado es Theophil Becker, «Zur Diagnose paranoischer Zustände», Münchener medizinische Wochenschrift 61 (1914), n.º 12. Se respeta la grafía impresa «erfahreren» (por erfahrenen). Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.