Soziale Einflüsse in der Kinderstube.

Von Alfred Adler in Wien.

Alle erzieherische Beeinflussung hat mit dem Einzelwesen zu rechnen. Nur was im vorliegenden Falle zum Ausdruck kommt, wie es wirkt, was zu tun ist, um hier zu ändern, dort zu unterstützen, Art und Stärke der geistigen Beeinflussung, lenken die Aufmerksamkeit und das Wirken des Erziehers.

Nicht anders handeln der Arzt, die Eltern, der Lehrer, sobald Fragen der körperlichen Tüchtigkeit auftauchen. Bald ist eine allgemeine Schwäche zu beheben, bald verlangen Mängel einzelner Sinnesorgane eine verschieden abgestufte Berücksichtigung, hier gilt es, ein Leiden zu verhüten, dort zu beseitigen, — immer wird die Erwägung auf den Einzelfall gerichtet sein und ein Einzelschicksal zu beeinflussen versuchen.

Aber die Denk- und Arbeitsökonomie drängt dazu, die erzieherischen Maßnahmen gesetzmäßig zu erfassen und anzuwenden. Solange eine Kultur, eine Sprache, eine Erziehung besteht, rechnet sie bewußt oder unbewußt mit der Voraussetzung der „gesellschaftlichen Brauchbarkeit“, ist durch dieses Ziel erst gewachsen und hat durch dasselbe ihre Linie des Aufschwungs, des ewigen Fortschreitens erhalten.

Es ist also offenbar eine wesentlich verschiedene Leistung: die gesellschaftliche Einfügung eines Kindes oder eines Erwachsenen abzumessen oder gar zu verstärken — und Gesetze anzugeben oder zu erdenken, von denen erwartet wird, daß sie das Individuum für das Leben brauchbar machen. Beiderlei Tätigkeiten fallen in das Arbeitsgebiet der Erziehungslehre, und, soweit krankhafte Ausartungen in Betracht kommen, in den Bereich der Psychotherapie; beide nehmen auch die gleiche gesellschaftliche Brauchbarkeit zum Ziel ihres Wirkens oder als Vergleichungspunkt. Aber im ersten Falle fragen wir vor allem nach einem Resultat oder versuchen einen Mangel zu beheben, indem wir an einer uns vorschwebenden idealen Voraussetzung messen; im zweiten Falle versuchen wir die Wege anzugeben, auf denen wir dieses vorausgesetzte Ideal zu erreichen hoffen. In jenem Fall wird vom Erzieher und Seelenforscher im weitesten Sinne des Wortes eine vorwiegend künstlerische Arbeit entfaltet, für deren günstige Erledigung ihm die schöpferische Gestaltungskraft zur Verfügung sein muß; im zweiten wird versucht, in wissenschaftlicher Tätigkeit allgemeine Leitsätze und Maximen aus der Erfahrung und aus überkommenen Lehren abzuleiten, um einem Durchschnitt den Entwicklungsgang zu weisen.

Wir würden einen großen Fehler begehen, wenn wir eine solche Einteilung und Abschätzung von Fähigkeiten oder Tätigkeiten streng bis zu Ende durchführten. Denn es erweist sich wie immer bei der Betrachtung des seelischen Mechanismus, daß wir nur mit größter Vorsicht und nur zu Einteilungszwecken, und auch dann nur beiläufig, das Ganze des Seelenlebens teilen dürfen. Es ist wie im Gebiet des Körperlichen auch: jeder Teil steht mit dem Ganzen in Zusammenhang, und wir verstehen den Teil erst dann, wenn wir das Ganze begriffen haben. Das seelische Ganze des Menschen aber zu verstehen, heißt ihn im Gefüge seiner gesellschaftlichen Stellung erfassen; und in diesem Ausblick erscheint uns auch jeder Teil seiner seelischen Bewegungen ganz anders, als wenn wir ihn aus der Gemeinschaft herausheben, um ihn als Einzelwesen zu begreifen oder zu beeinflussen.

Und so dürfen wir wohl behaupten, daß der Pädagoge als Künstler wie als Wissenschaftler seine Ausbildung erfahren haben muß; nicht anders als wir verlangen müssen, daß die Einzelbeobachtung einer Menschenseele nie vom sozialen Boden losgelöst werde. Vor allem ist es die Vieldeutigkeit einer herausgerissenen seelischen Erscheinung, die eine isolierte Betrachtung unmöglich macht. Ich will versuchen, dies an einem Beispiel eines faulen Kindes anzudeuten.

Sobald wir das „Laster“ der Faulheit und zur Not auch dessen Ursachen, was schon schwieriger ist, erkannt haben und sobald wir Mittel zur Beseitigung in Bewegung setzen, handeln wir nicht mehr voraussetzungslos, geschweige denn aus ästhetischen Rücksichten, sondern wir sind bewußt oder unbewußt durch die Rücksicht auf das Gemeinwohl und auf das Fortkommen des Kindes innerhalb der ihm zugedachten künftigen Gesellschaft geleitet. Noch mehr, unsere Aufmerksamkeit wäre lange nicht so sehr durch die Erscheinung der Lässigkeit eines Schülers in Anspruch genommen, hätten wir nicht aus dem Gesellschaftsleben ein Idealbild eines Schülers mitgebracht, nach dem wir bewußt oder unbewußt unsere Forderungen einrichten. So zeigt sich durch diese kleine Überlegung, daß jede Erziehung sich gewisse Gesetze aus der Betrachtung des Gesellschaftslebens oder ein Ergebnis dieser Betrachtung darstellt. Ganz bescheiden aber sei behufs Überprüfung dieser Einstellung die Frage aufgeworfen: auf welche Gesellschaft hin soll das Leitbild des Lehrers gerichtet sein?

Andererseits ist auch eine Erscheinung wie Schülerfaulheit nicht ohne weiteres aus dem isolierten Seelenleben zu begreifen. Die Voraussetzung der Arbeitsbereitschaft liegt so deutlich in der Art unseres Lebens zutage, daß wir im gegenteiligen Falle mit Recht an eine tiefgehende Revolte des kindlichen Seelenlebens denken werden, die zum Arrangement dieser fehlerhaften Haltung Anlaß gegeben hat. Daß diese Haltung letzter Linie auf eine bestimmte vorauskonstruierte Linie künftigen Lebens hinzielt, und durch eine Erwartung wie: andere müßten die Sorge für des Lässigen Wohlergehen übernehmen, — festgehalten wird, ist nicht schwer zu verstehen. Für unsere Betrachtung ist aber von Wichtigkeit, daß die Konstruktion von Faulheit mit irgend einer Art meist mißverstandenen künftigen gesellschaftlichen Lebens rechnet, um es zu bekämpfen. Der Erzieher muß soviel vom kindlichen Seelenleben verstehen, daß er mit Hilfe eines Fachmannes oder allein diese fehlerhafte Entwicklung erfassen und bessern kann. Man soll sich in solchen Fällen nicht auf eine angeblich allgemeine menschliche Neigung ausreden. Denn man wird sich in jedem Falle von viel tiefer liegenden seelischen Beweggründen überrascht sehen. Es ist nach meiner Überzeugung heute noch verfrüht, ein allgemeines Schema solcher seelischen Verwicklungen aufzustellen. Ich begnüge mich mit dem Hinweis auf häufig zu findende Tatsachen, wie: daß die Faulheit als ein Zeichen der Resignation häufig bei Kindern von brennendem Ehrgeiz auftritt, die sich einem als Kampf vorgestellten künftigen Leben gleichwohl nicht gewachsen glauben. Sie streben nicht mehr, verzichten auf die Entwicklung ihrer Selbständigkeit, — und doch haftet das Bild des Lebens als eines Kampfes weiter als Voraussetzung in ihrer Seele. Sie geben nur den geradlinigen Kampf auf, ihre oft unbeugsame Faulheit stellt ihnen den Kampf aber wieder her, aus dem ihnen keine Niederlage zu drohen scheint. Wer es versteht, sich in die Haltung eines solchen Kindes einzufühlen, wie es die Ohnmacht der Eltern, des Lehrers genießt, oft freilich Strafen einheimst, daneben aber auch mit Aufmerksamkeiten überhäuft wird, die es früher entbehren mußte, wird sich leicht ein plastisches Bild machen können, das Bild eines Kindes etwa, das mit angezogenen Armen in einer Ecke steht und zusieht, wie die andern ihm zur Tätigkeit zureden oder behilflich sind. Einen solchen Fall will ich beispielsweise anführen:

Ein neunjähriger Knabe kam in der Schule nicht weiter. Im Hause fiel er seit langem dadurch auf, daß er sich jeder eigenen Tätigkeit entschlug und alle seine kleinen Verrichtungen, wie Waschen, Ankleiden, seine Schulaufgaben, immer von anderen besorgen lassen wollte. Er war träge in seinen Bewegungen, gab sich keinerlei Mühe bei körperlicher Tätigkeit und bot das Bild eines körperlich und geistig unbefähigten Jungen, der mindestens um zwei Jahre unentwickelter schien. Strafen und Zureden blieben ergebnislos, und in dem wohlhabenden Hause kam es bald so weit, daß der Knabe drei Personen ständig beschäftigte. Er kam wegen sexueller Unarten in Behandlung. Da zeigte sich sofort, daß er mit diesen Manipulationen die ständige Aufmerksamkeit seiner Mutter von den jüngeren Geschwistern weg und auf sich lenkte. Weitere Einblicke ergaben, daß der Ehrgeiz des Knaben dahinging, ein Schlaraffenland für sich zu errichten, alle Menschen zu seinem Dienst heranzuziehen, und daß er dieses Ziel am ehesten zu erreichen hoffte, wenn er kein Glied für sich rührte. Sein Ehrgeiz zeigte sich bereits in seinem Begehren nach der ausschließlichen Aufmerksamkeit der Mutter. Noch deutlicher konnte man in seiner auffallenden Sucht, Märchen und Kinozauberstücke zu verschlingen, wahrnehmen, wie seine Haltung mit seiner leitenden Idee des Einzugs ins Schlaraffenland zusammenhing. Auch wer deutlichere Beweise des Ehrgeizes eines sonst faulen Kindes wünschte, konnte sie in seiner Neigung finden, fast ununterbrochen Zigarrenspitzen im Munde zu haben oder die Hüte erwachsener Personen sich anzueignen. Auch diese Züge der Großmannssucht und der angedeuteten Neigung zum Eigentumsdelikt sind bemerkenswert, denn sie weisen wie seine Faulheit eindeutig darauf hin, daß dieses Kind sich bereits eingerichtet hatte, eine Methode des Lebens zu wählen, bei der andere für ihn Dienste leisten oder die Resonanz abgeben sollten.

Die Erwartung und Berechnung der zukünftigen Welt als einer feindlichen und gefahrdrohenden ist dermaßen greifbar herauszufühlen, daß ein weiterer Beweis erübrigt. In diesem Falle gelang es leicht, die Quellen seiner Voraussetzung zu finden: sein Vater war ein jähzorniger, herrschsüchtiger Mann, der die Kämpfe seines Berufes in das Familienleben übertrug und so dem Kinde eine falsche Richtung gab, indem er ihm seine kindliche Schwäche in übertriebener Weise vor die Seele stellte und ihm den Impuls aufdrängte, sich eine ähnliche Herrscherstellung durch den Kunstgriff einer praktikablen Faulheit zu verschaffen.

Wie sehr darunter die Entwicklung der kindlichen Fähigkeiten litt, ist kaum zu berechnen. Dieser Knabe war nicht minder durch die mißbräuchliche Anschauung vom Wesen der Faulheit als durch die bedenkliche Rechnung mit dem Faktor der Begabung gefährdet. Was letzteren Punkt anlangt, so will ich die geringe Verwendbarkeit des Begriffs der „Begabung“ in der Erziehung, sofern es sich nicht um tief begründete konstitutionelle Organminderwertigkeiten handelt, ganz besonders betonen. Ich wenigstens habe noch nie ein Kind oder einen Erwachsenen gesehen, deren Begabung aus anderen Erscheinungen erschlossen wurde als aus Leistungen oder Ansätzen zu solchen. Wenn dem so ist, dann bringen wir aber durch das Hineintragen eines derart unklaren, mystischen Begriffs in die Erziehung in den günstig gelegenen Fällen ein Gefühl der Unverantwortlichkeit, oft auch eine Unterschätzung der selbständigen Arbeit zustande, während die Unbegabten im Gefühle dieser selben Unverantwortlichkeit allzu leicht resignieren oder untätig ihr Schicksal beklagen, oft auch den Vorwand für ihre Untätigkeit mit somnambuler Sicherheit in ihrer mangelnden Begabung finden.

Was man außerdem aus ähnlichen Fällen lernen kann, ist ein höchst wichtiger Grundsatz für die Erziehung: mag uns das Leben, der Erwerb, unsere soziale Rolle als Mann oder Frau noch so schwierig werden, in der Kinderstube ist es der schwerste Fehler, den Glauben des Kindes an deren Überwindbarkeit zu erschüttern, indem man des Kindes Kräfte als unzulänglich hinstellt oder die Schrecknisse des Lebens allzu greulich ausmalt.

Freilich ergibt sich dieser Fehler oder geschieht häufiger unbewußt und unbemerkt, als daß man ihn bewußt übt. So insbesondere in der Mädchenerziehung, bei der oft Geschöpfe resultieren, die eine Haltung wie ein gehetztes Reh einnehmen und dem Leben und dem Manne gegenüber stets die Erwartung einer Niederlage oder ihrer Vernichtung haben. Daraus ergeben sich dann, wie ich gezeigt habe, die schwersten Formen der Nervosität und der Psychosen als ein beredter Protest gegen ein Leben, das fälschlich als schmachvoll und erniedrigend angesehen wird. Davon noch später.

Überhaupt findet sich bei näherer Betrachtung, daß die Voraussetzung vom Leben als einem unerbittlichen, ja mörderischen Kampf den Erzieher viel zu stark beeinflussen kann, aber auch das Seelenleben des Kindes leitet und verfälscht. Mißtrauen, Schüchternheit und Angst ergeben sich mit Notwendigkeit, wenn das Kind erst mit dieser Perspektive ans Leben herantritt. Ich kann an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, daß das Kind sehr häufig die Genugtuung hat, Bestätigungen zu erleben und seine kämpferische Haltung zu vertiefen. Denn der Zusammenstoß mit Personen, die in der gleichen Kampfstellung herangewachsen sind, bleibt auch im Rahmen der Familie selten aus. Nur daß das Kind die Bedeutung seiner näheren Umgebung für das Leben maßlos überschätzt und daß es fast nie dazu kommt, aus eigener Kraft eine fehlerhafte Haltung zu verbessern, die es bei anderen als feindlich empfindet, — viel mehr geneigt ist, die gleiche fehlerhafte Konsequenz zu ziehen wie die meisten andern. Dies kommt wohl daher, daß wir alle im Aberglauben herangewachsen sind, unser gesellschaftliches Leben müsse unter allen Umständen zum Beweise unserer Überlegenheit führen. Ein drei Tage währendes Erlebnis mit einem achtjährigen Mädchen kann diese Schwierigkeit erläutern und abermals zeigen, wie man in der Beurteilung der „Begabung“ irre gehen kann.

Eine Mutter, die in einer kurzen freudlosen Ehe viel Mißgeschick zu ertragen gehabt hatte, bis sie sich von ihrem Manne trennte, hatte ihr wenige Monate altes Kind zu Landleuten in die Pflege gegeben, um in der Großstadt einen selbständigen Erwerb zu begründen. Nach langer Mühe war dies der tapferen Frau gelungen, und nun entschloß sie sich, ihr Kind zu sich zu nehmen und es zu einem guten, tauglichen Menschen zu erziehen. Ihr hat wohl ihr eigenes Mißgeschick vorgeschwebt, als sie voll Bangen und in innerer Unsicherheit recht strenge zu sein beschloß, damit es ihre Tochter einst weiter bringe als sie selbst. Nach einer kurzen Zeit des ersten freudigen Wiedersehens kamen die ersten Schläge und die ersten Tränen. Kurz nachher erklärte die Klassenlehrerin, das Kind sei völlig unbegabt und man könne mit ihm nichts anfangen. Erneute Ermahnungen, erneute Schläge. Das Kind saß meist still und verweint in einem Winkel des Hauses, die Mutter, die nie ein Kind erzogen hatte, verlor den Mut und wurde ratlos. Ich traf sie beide eines Tages in Tränen aufgelöst. Das gemeinsame Leid und die sympathischen Züge des kleinen Mädchens, ferner die verständige und wohlwollende Haltung der Frau ließen mich an einen beiderseitigen Irrtum denken. Eine kurze Überlegung sagte mir, das kleine Mädchen müsse sich von ihrer Heimkehr zur Mutter Wunderdinge versprochen haben. Meine Fragen bezogen sich deshalb auf die Behandlung seitens der Pflegeeltern, und ich erfuhr, daß sie dort nicht gerade schlecht gehalten war, aber es fehlte an Schlägen und heftigen Zurechtweisungen nicht. Auch daß sie bestimmt erwartet habe, bei der Mutter nur Geduld und Liebe zu finden, teilte mir die Kleine mit. Während also das Kind von Liebe träumte und nur bei der Mutter, nicht aber bei Fremden Liebe erwartete, die Herzlosigkeit fernstehender Personen also wahrscheinlich in übertriebener Weise einschätzte und empfand, hatte die Mutter, um ihr Kind abzuhärten im Kampfe ums Dasein, den sie wieder aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus mißverstand, einen Plan ersonnen, der geeignet war, des Kindes stärkste Hoffnung zunichte zu machen. Daß dem Kinde da auch die Schule und die Lehrerin kein wärmeres Interesse einflößen konnten, lag nahe genug. Ich besprach mit der Mutter, was ich von der Haltung des Kindes zu verstehen glaubte, und es gelang mir, die Mutter auf meine Seite zu bringen. Ich legte ihr den Verzicht auf das Ungetüm der mütterlichen Autorität nahe und bewog sie, dem Kinde in freundlichen Worten den Sachverhalt und den mütterlichen Irrtum eines gescheiterten Erziehungsplanes auseinanderzusetzen. Es half. Nach drei Tagen schon erzählte mir die Mutter, wie sie beide gute Freunde geworden seien, und das freudestrahlende Gesicht der Kleinen bestätigte es mir. Das Wunder fand seine Fortsetzung in der Schule: die Kleine soll seither die beste und fähigste Schülerin der Klasse geworden sein.

Man mag noch so lange mit schwierigen Erziehungsfragen gerungen haben, allgemeine Regeln zu geben wäre ohne Gewinn. Jeder Fall drängt einem andere Erwägungen und andere Wege auf. Für den Erzieher und Psychotherapeuten bleibt als einzige einheitliche Forderung bestehen, sein künstlerisches Feingefühl für das fremde Seelenleben zu üben und auszubilden, die Haltung des Individuums zur Umgebung und in der Haltung seine Voraussetzungen zu erkennen, seinen Zielpunkt zu erraten und in schwierigen Fällen nach erprobten Erfahrungen der Individualpsychologie tastend vorzugehen. So gelingt es auch, dem Aberglauben betreffs angeborener krimineller und sexuell perverser „Triebe“ beizukommen und an seiner statt das Verständnis einzuführen, daß diese krankhaften Haltungen Produkte eines Erziehungsfehlers sind. Ebenso läßt sich die Trotzeinstellung solcher Kinder nachweisen. So kommt man allmählich ihrem Kampf gegen die Umwelt und ihren Irrtümern von der Unüberwindlichkeit äußerer Hindernisse und ihrem eigenen Minderwertigkeitsgefühl auf die Spur. Nicht gerade selten endet der Druck elterlicher Autorität mit der Unterwerfung und mit bedingungslosem Gehorsam des Kindes, aber wie zur Rache treten Erscheinungen auf, die auf einen stillen, jedoch heftigen Kampf des Wachsenden gegen seine Einfügung in das gesellschaftliche Leben gerichtet sind. Von besonderer Wichtigkeit ist diese Frage anläßlich der Berufswahl, die man nie einseitig beeinflussen sollte. Ich kann von Fällen berichten, bei denen jeder Schritt zu einem schlechten Ende führte, bis man sich entschloß, dem Individuum freie Bahn zu geben. Gewöhnlich erwies sich, daß sich die auftauchenden Mißgeschicke wie ein Schicksal einstellten, während sie in Wirklichkeit zustande kamen, weil sich einem krankhaften Ehrgeiz ein Zweifel an der eigenen Kraft verbunden hatte. Daraus erwuchs dann regelmäßig die Furcht vor Entscheidungen im Leben, eine zögernde Haltung, ferner ein krankhafter Hang zu Vorwänden und Machinationen aller Art, bis Zeit und Gelegenheit versäumt waren.

Ziehen wir aus diesen herausgegriffenen Anmerkungen die Summe, so ergibt sich der Schluß, daß dem Erzieher sowohl wie dem Kinde bei allen ihren Schritten ein Leitbild vorschwebt, das in irgend einer Weise der Zukunft und vor allem dem künftigen sozialen Leben des Kindes angepaßt ist. Mit dieser Behauptung sagen wir demnach, daß die seelische Entwicklung des Kindes ununterbrochen aus dem gesellschaftlichen Leben seiner Zeit Direktiven und Richtungslinien empfängt. Gleichzeitig wollen wir hinzufügen, daß uns der ganze Umfang dieser Beeinflussungen durchaus noch nicht bekannt scheint, sowie daß das zu bearbeitende Material unerschöpflich ist.

In einer bestimmten Beziehung allerdings läßt die Beeinflussung der Kinderstube durch soziale Erscheinungen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Dort, wo durch die Verelendung großer Volksschichten angeborene Schwäche, Krankheitsbereitschaften und hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit zutage tritt, ist der Zusammenhang seit langem bekannt. Auch wo die luetische Seuche ins Leben der Kinder eingreift oder wo eine unwissende Bevölkerung ihr Elend im Alkohol zu ersäufen trachtet, fehlen uns diese Belege nicht. Undeutlicher, aber noch immer greifbar, findet sich der Zusammenhang bei Völkern und Klassen, die einem politischen oder sozialen Druck zu erliegen drohen. Deren Kinder werden zumeist die Kunstgriffe des Schwachen aufweisen, seine Laster und seine Tugenden. Und sie werden oft in eine Trotzeinstellung geraten, die manchmal die Erlösung bringen kann, zumeist aber festgehalten wird, weil die Kampfposition es zu verlangen scheint und weil sogar die soziale Minderwertigkeit einen guten Vorwand abgeben kann, falls der Glaube an die eigene Kraft fehlt. — Auch die künstliche Beschränkung der Kinderzahl, ihre Vorteile und ihre Nachteile für die Gesellschaft und für die Familie sollten zur Sprache kommen, da auch diese Frage von sozialen Einflüssen beherrscht ist. Und alle diese Erörterungen würden zeigen, wie die kleine Welt der Familie, wie das Gedeihen des Kindes immer im Zusammenhang steht mit dem Leben und Treiben in der Gesellschaft.

So wird sich bei jeder Frage des seelischen Wachstums zeigen lassen, wie sie ganz im Banne eines sozialen Zielpunktes zu betrachten ist.

Wir erhalten demnach als Ergebnis unserer Untersuchungen folgendes Bild: Kind und Erzieher tragen ihre unbewußten und bewußten leitenden Gedanken entsprechend ihrem Verhalten zu einem Schema der Gesellschaft nahezu unabänderlich in sich. Dieses Schema, das sich beiden unmerklich aufgedrängt hat, besitzt nur teilweise Wirklichkeitswert, setzt sich vielmehr recht oft aus mangelhaften Erkenntnissen und tendenziösen Einschätzungen zusammen. Die Voraussetzung des gesellschaftlichen Lebens und der Zukunft ist individuell verschieden und steht vor dem Kinde und dem Erzieher wie eine stete Frage etwa der Art: „wie wirst du dich bei gewissen Schwierigkeiten des Lebens verhalten?“ Und in der Haltung beider, in den Lebenslinien, die sie verfolgen, geben sie die Antwort. Was immer wir nun finden, — ein geradliniges Vorwärtsschreiten, Charakterzüge, Affekte, „Triebe“, auch Kniffe und Kunstgriffe der Seele, Temperament, Zögern und Zweifel, optimistische oder pessimistische Grundstimmung, élan vital oder Tendenzen der Rückwärtsbewegung — stammt aus dem Zwang zur Einheit der Persönlichkeit, ist Versuch und Vorbereitung zu einem Ziel des Geltenwollens und der Überlegenheit. In der Kindheit und in der Erziehung liegt demnach die Gefahr einer falschen Perspektive fürs Leben, die schwierig zu erkennen und schwer abzuändern ist. Das Familienleben und die Kinderstube, die erst für das wirkliche Leben zugänglich gemacht werden müssen, zeigen sich schlecht geeignet zur Förderung des Gemeinsinns, der meist erst in der Schule seine Ausbildung erfährt. Sie ergeben viel häufiger infolge der Enge ihres Horizontes, auch aus natürlichen Schwierigkeiten heraus, starre Richtungslinien für ein eingebildetes Leben des Kampfes und der Gefahren und beeinträchtigen die Tauglichkeit fürs wirkliche Leben, die Lebensbereitschaft. Sie führen oft zu fast unveränderlichen Fertigkeiten des Mißtrauens, der Angst und des Zweifels und erfüllen die Seele des wachsenden Kindes mit einer unersättlichen Gier nach Triumphen aller Art.

Es wäre, wie gesagt, eine Vermessenheit, bei der Buntheit dieser Verhältnisse und bei der Fülle noch unklarer Beziehungen, allgemeine Regeln geben zu wollen. Glücklicherweise gelingt vielen Kindern die Ausmerzung oder die Abschleifung solcher fehlerhafter Voraussetzungen und Vorurteile, sobald sie in die Schule kommen oder ins Leben treten. Bei den übrigen ist die Revision ihres fehlerhaften Lebensplanes meist durch eine individualpsychologische Untersuchung möglich, am besten in einem frühen Stadium, solange nicht erworbene Schäden als faits accomplis die Abänderung fehlerhafter Methoden des Lebens erschweren. Ich will auf die wichtigste der von unserer Schule aufgedeckten Tatsachen hinweisen: immer wird ein Minderwertigkeitsgefühl durch seelische Kunstgriffe überbaut erscheinen, bis in einer Lebenslüge der Halt, freilich auch die seelische Krankheit gefunden ist.

Meine Erörterungen wären recht unvollständig, wenn sie nicht in der vielleicht wichtigsten Frage unserer Gesellschaft, in der Frauenfrage, ihre Bedeutung nachweisen könnten. Unser auf Arbeit und Erwerb gestelltes Leben bringt es mit sich, daß in der Sprache der Ziffern ausgedrückt, der Mann einen höheren Wert beansprucht und zugewiesen erhält als die Frau. Dieses ökonomische Verhältnis drückt sich in den meisten Köpfen in der Form aus, als wäre die Frau des Mannes wegen auf der Welt und zu seinen Diensten. Eine derartig unnatürliche Voraussetzung, künstliche Teilung des natürlichen Zusammenhangs der Geschlechter, ein Vorurteil, das gerne an gelegentliche Verhinderungen der Frau anknüpft, wird von Frauen wie von Männern meist durchs ganze Leben getragen. Nicht in Worten und bewußten Gedanken muß man diese Wertung suchen, sondern in der Haltung. Die niedrige Selbsteinschätzung der Frau bringt es dann mit sich, daß sie leicht vor den Prüfungen und Entscheidungen des Lebens zurückweicht, weil sie den Glauben an sich verloren hat. Ihre Kraftanstrengungen erlahmen meist zu früh oder verraten den Mangel der Zuversicht durch den Charakter der Exaltation. Der Hang zu selbständigem Handeln verlischt meist schon in der Kindheit, und ein überaus großes Anlehnungsbedürfnis, das selten Befriedigung finden kann, gibt ihren Leistungen den Zug der Minderwertigkeit. Die Waffen des Schwachen, Umwege zu überaus hohen Zielen und Züge einer Unterwerfung tauchen auf, die anfänglich übertrieben erscheinen, bald jedoch in die Linien der Herrschsucht umbiegen. Der natürliche Sinn des Körpers und seiner Organe wird verfälscht, alle Regungen werden verändert und vergiftet durch das erwünschte und zugleich unerwünschte Ziel und durch den Zwang der Ehe. Denn die Züge der natürlichen Weiblichkeit sind der Entwertung anheimgefallen und lassen sich nur bedingungsweise wiederherstellen. Was hochgelehrte Autoren als „angeborene weibliche“ Züge im schlechten Sinne des Wortes gefunden zu haben glauben oder als weibliche Artung, die zur dauernden Minderwertigkeit verdamme, ist nichts anderes als dieses eben geschilderte Notprodukt, das zustande kommen muß, weil das kleine Mädchen einen männlichen Aberglauben von der Aussichtslosigkeit ihres geistigen Strebens in sich aufgenommen hat und nun dauernd mit einer männlichen Stimme zu reden versucht. Aber alle Protestversuche, eingeleitet, um den Glauben an sich wieder zu finden, der ihnen in der Kinderstube schon geraubt wurde, beeinträchtigen nur die Unbefangenheit des Erlebens. Wenn ein Knabe in seinen Leistungen Schwierigkeiten findet, hilft er sich zunächst mit der Anerkennung einer allgemeinen Unannehmlichkeit, bleibt in seelischem Gleichgewicht und kann ruhig weiter arbeiten. Ein Mädchen hört in solchen Fällen von allen Seiten und auch aus der Unruhe ihres eigenen Herzens nichts anderes als: „weil ich nur ein Mädchen bin!“ — und gibt die Mühe leicht verloren. Die menschliche Seele kann aber in einer solchen Selbstentwertung keinen Ruhepunkt finden. Der Schluß ist eine meist verborgene, aber leicht zu entziffernde, sonderbare Feindseligkeit gegen den scheinbar bevorzugten Mann.

Dieser hinwiederum, seit seiner Kindheit bereits mit der Verpflichtung belastet, seine Überlegenheit gegenüber der Frau zu beweisen, erwidert das heimliche feindselige Wesen des weiblichen Geschlechts durch gesteigertes Mißtrauen und womöglich durch Tyrannei. Bei der selbstverständlichen Gleichwertigkeit „alles dessen, was Menschenantlitz trägt“, ist es begreiflich, daß beiden Geschlechtern aus ihrer unnatürlichen, aber schier unausweichlichen Haltung ein ewiger Kampf erwächst und in dessen Gefolge auch die unausbleiblichen Rüstungen, Sicherungen und Spiegelfechtereien im Dienste eines überflüssigen Prestiges, daß ferner beide Geschlechter mit überaus störender Vorsicht und gesteigerter Angst, feindlich einander trotzend und beide ihre Niederlage fürchtend, einander gegenüberstehen.

Es wäre ein Unfug dieser Betrachtung gegenüber, die der tiefsten Krankheit unseres gesellschaftlichen Organismus nachspürt und fehlerhafte Perspektiven der Kindheit als Vollstrecker eines tragischen Geschicks aufweist, auf die Lebenslüge der Verfeinerung unserer Empfindungen hinzuweisen, die aus dem Kampf der Geschlechter entspringen. Wer weiterspüren will, sei darauf hingewiesen, daß Überlegenheitsbeweise in den Beziehungen von Mann und Frau fast immer nur Scheinbeweise sind und das „Höhersein“ wenig fördern. Und auch, daß dieser Schein gerne mit verbotenen Kunstgriffen der List und Vorstellung erreicht wird, sei noch hinzugefügt. —

Was die Schule mit Recht vom Nervenarzt fordern darf, ist: einen Wegweiser zu erhalten, der es ermöglicht, ein auf Abwege geratenes Seelenleben zu erkennen und zum mindesten nicht zu verschlimmern. Es verdient immer wieder hervorgehoben zu werden, daß die Forderung nach Erleichterungen des Lehrstoffes noch keine genügende Gewähr bieten, dem geistigen Mißwuchs oder der Nervosität unter der Schuljugend zu steuern. Eine kameradschaftliche Beziehung des Lehrers, bewußt geübt und wohl vorbereitet, leistet sicherlich mehr als alle Milderungen administrativer Art. Eine angespannte Herrschsucht des Lehrers dagegen, wie sie oft unbewußt und ungeprüft in den Unterricht einfließt, wird stets den nervösen Widerstand der seelisch kränkelnden Kinder wachrufen. Ich habe unter meinen jüngeren nervösen Patienten fast regelmäßig erlebt, daß sie, um einen Kampfstandpunkt mir gegenüber zu finden, gerne eine Haltung einnahmen, als ob ich ein bestimmter Lehrer wäre. Den aber hatten sie als feindliches Symbol erfaßt und erwarteten immer wieder, einen ähnlichen Druck auch außerhalb der Schule zu erfahren, wie sie ihn dort gefühlt hatten. Wie weit der Aufbau einer derartigen kampfbereiten Gefühlslage zurückreicht, mag die Tatsache erweisen, daß oft auch der Lehrer nur — und dies trotz aller gegenteiligen Züge — im Geiste des Schülers so empfangen wird, als wäre seine Absicht, den gleichen Druck auszuüben wie etwa der Vater, die Mutter oder ein älterer Bruder. Einem unbefangenen Streben des Schülers und oft auch seinen Erfolgen steht dann ein aus der Kinderstube herübergetragenes Vorurteil im Wege. In diesem Falle wäre die wichtigste Forderung, diese erworbene Perspektive, sobald sie sich störend erweist, aufzudecken, verdächtig zu machen und zu zerstören.

Wie tief die Eindrücke der Lehrpersonen haften können, läßt sich auch daraus erschließen, daß nicht selten erwachsene Personen von mißliebigen Lehrern und Prüfungen träumen, wenn sie nach einer bewährten Taktik in einer schwierigen Lebenslage suchen, als ob sie eine bekannte Widerwärtigkeit befürchteten. Im wachen Zustand fehlt ihnen dann die Unbefangenheit, sie nehmen zuweilen eine unpassende, verkehrte Haltung ein und machen den Eindruck, wie wenn sie auf der Schulbank säßen.

Eine Charakteristik des nervösen Schülers würde Bände füllen1. Es ist unumgänglich nötig, auch in den höheren Altersstufen des Schülers dessen meist verschleierte Voreingenommenheit zu erkennen, seine Stellung zur Gesellschaft, zu den Kameraden, zum Lehrer, zum Beruf und zum andern Geschlecht herauszufühlen. Man kann sich dabei eines Durchschnittsmaßes zum Vergleich bedienen: eines Schülers etwa, der sich als guter Mitspieler erweist. Jede stärkere Abweichung darf uns mißtrauisch stimmen. Denn auch in der Schule wird das seelische Profil des Kindes daraufhin zugeschnitten sein, wie weit sein Wille zur sozialen Anpassung entwickelt ist, und ob sein Ziel sich dem Rahmen des gesellschaftlichen Lebens einfügt.

Als Kennzeichen von schwankendem Werte sozial schlecht angepaßter und gesellschaftlich unvorbereiteter Kinder dürfen wir — anfangs nur vermutungsweise — alle auffallenden Fehler und Mängel auffallender Art betrachten, weil sie oft die Ursache einer verfehlten seelischen Entwicklung und einer schiefen Stellung zur Welt abgeben. Ohne weiter auf diesen Punkt einzugehen2, sei nur hervorgehoben, daß das Schicksal solcher Kinder von der Bedeutung abhängt, die ihre Fehler für sie gewinnen. So kommt es dann auch wohl vor, daß körperlich gutgeartete Kinder in die gleiche falsche Stellung geraten können, wenn sie verleitet wurden, dem Zauber ihrer Persönlichkeit allzuviel zuzutrauen. Gerade diese Schüler kommen bisweilen bei Mißerfolgen ganz aus dem Gefüge und verfallen in völlige Untätigkeit und Faulheit, verraten aber ihre sorgsam verborgene Empfindlichkeit durch jähe Ausbrüche und gelegentliche Selbstmordversuche.

Man wird die gleichen Schwierigkeiten erwarten dürfen, sobald man eine zu strenge oder verzärtelnde häusliche Erziehung wahrgenommen hat. So nahe aber auch in diesen Fällen die Vermutung liegt, die Stellung des Schülers zur Umgebung sei auf diese Weise hervorragend ungünstig beeinflußt worden, wird man doch noch mit einem bereits erfolgten Ausgleich zu rechnen haben.

Als Zeichen erster Ordnung — und diese fallen bei unserer vorbauenden Erwägung vor allem ins Gewicht — kann nur die gegenwärtige Haltung des Schülers gegenüber den gesellschaftlich durchschnittlichen Erwartungen der Schule und der Umgebung gelten. An dieser Haltung, die sich im Blick, im Gang, in der Kopf- und Körperhaltung, in der Aufmerksamkeit, im Fleiß, im Streben und im Temperament zum Ausdruck bringt, läßt sich die größere oder geringere Schwierigkeit einer Erziehung ungefähr abschätzen. Insbesondere in den höheren Klassen treten die Abweichungen von einem Durchschnitt deutlicher hervor, sobald die Distanz zum öffentlichen Leben geringer wird. Allerdings darf man in dieser Altersklasse nicht allein die auffälligsten Störungen erwarten; der gänzlich mißratene Nachwuchs fällt ja bereits in den untersten Jahrgängen fort. Nichtsdestoweniger treten gegen Schluß des Jahres oder vor den Reifeprüfungen die Zeichen der Lebensfeigheit in den mannigfachsten Formen gesteigerter Nervosität hervor.

Auch bei diesem älteren Schülermaterial ergibt sich die fehlerhafte Haltung aus ihrer dem Familienleben entstammenden Perspektive und aus ihrer voreingenommenen Stellungnahme zum Leben. Gelegentliche oder in veralteten Lehrplänen gelegene Schwierigkeiten werden von diesen Schülern als Signale ihrer eigenen Insuffizienz überschätzt. Und sie dürfen niemals als Ausgangspunkt oder als „Ursache“ der Krise gelten; vielmehr kommt in Betracht, wie weit der Schüler von ihnen erfaßt wird. Und es wird sich in allen Fällen bei eingehender Untersuchung zeigen, daß nicht wegen einer Ursache, sondern wegen erwarteter und befürchteter Folgen von seelisch unausgeglichenen Kindern eine fatale Wendung zu erwarten ist. Man könnte die Zeitpunkte bestimmen, an denen das seelisch nicht intakte Schülermaterial vermehrten Trotz, erhöhte Nachlässigkeit und Neigung zu Streichen aller Art zeigen wird. Oft handelt es sich gar nicht um wirkliche, vielmehr um vermeintliche Schwierigkeiten. Fehlt dem Schüler in solchen Zeitläuften der Glaube an sich selbst, dann wird er kaum je — und dies müssen wir dann unserer gesamten Erziehungskunst zur Last legen — die Verantwortung glatt übernehmen. Er wird eher Vorwände suchen. Ja, er wird sie schaffen, und dies in so unauffälliger Weise, so sehr seiner eigenen Kritik entrückt, daß alles, was jetzt eintritt, nicht wie eine anrechenbare Schuld, sondern vielmehr wie ein unausweichliches Schicksal erscheinen wird. In diesen schwierigeren Zeitläuften wird das seelische Porträt des Schülers stärker und deutlicher als sonst hervortreten. Etwa wie nach Art einer Karikatur. Die einen werden auf angeborene Schwächen, Mängel, Unzulänglichkeiten hinweisen, nicht ohne daß dabei ihre eigene Verantwortlichkeit außer Frage kommt! Alles, was bei solchen Anlässen zur Sprache kommt, weist vielmehr auf ein Schicksal, auf Heredität, auf Erziehungsfehler der Eltern, der Lehrer hin — als ob jemand dadurch zur Unfähigkeit verpflichtet wäre! Mit Vorliebe wird die Stockung im Vorwärtsschreiten als ein Rätsel empfunden und hingestellt. Oder Krankheitserscheinungen geben den Anlaß und werden als Legitimation auf den Tisch gelegt. Ein anderer Typus wirft nach kürzerem oder längerem Kampfe die Flinte ins Korn und wechselt den Ort seiner Tätigkeit.

Das Bild, das ich nun zum Schlusse zu zeichnen versuchen will, hat eine frappante Ähnlichkeit mit dem eines Deserteurs oder eines vom Heimweh Erfaßten. Die Bewegungen und Fortschritte des Schülers werden langsamer und ungenügend, oder er kommt in ein auffälliges Hasten, das ihn auch nicht vorwärts bringt. Manche kommen zu allem zu spät, sitzen oft träumend in der Schule, ducken sich, werden ängstlich, erröten und erschrecken, wenn der Lehrer sie ruft. Andere verfallen in völlige Indolenz oder versäumen häufig die Schule. Dann hört man zuweilen, daß sie sich im Freien herumtreiben, nicht selten in unpassender Gesellschaft, oder daß sie ununterbrochen zuhause sitzen und sich mit Dingen beschäftigen, die sich kaum in die angestrengte Zeit ihres Studiums einfügen lassen. Es ist oft nur eine sympathischere Nuance desselben Typus, der sich knapp vor der Reifeprüfung verliebt, Musik, Philosophie oder Literaturgeschichte betreibt. Man kann nicht behaupten, daß alle diese Schüler Besorgnisse erwecken müßten. Aber sie werden kaum je aus eigener Kraft ihre Furcht vor dem Leben verlieren.

Die schwersten Fälle unter ihnen, die zuweilen noch deutliche Kinderfehler bis über die Pubertät hinaus mit sich tragen, bedürfen der ärztlichen Hilfe, sobald sie nicht vorwärts zu bringen sind. Andernfalls erlebt man die schwersten Formen regressiver Entwicklung: geistigen Verfall (Dementia präcox) oder Selbstmord. Bei genauer Kenntnis des Einzelfalles wird es sich stets zeigen, daß man jene Kinder wieder vor sich hat, die schon in jungen Jahren den Glauben an sich verloren hatten und den Fragen des Lebens mit Angst und Bangen gegenüber standen. Und immer wieder sind es die Fragen der Gesellschaft und deren Erwartungen, denen gegenüber sie versagen. Es schreckt sie die Prüfung, der Beruf, die Sexualfrage, die eigene Verantwortung und die Einfügung in die Gesellschaft. Mit der revoltierenden Geste der Nervosität lehnen sie alle Forderungen der Gemeinschaft ab.


Fuente: Alfred Adler, «Soziale Einflüsse in der Kinderstube», Pädagogisches Archiv 56 (1914), S. 473-487 (el fascículo se abre con un «Geleitwort» de la redacción escrito al estallar la guerra, en el verano de 1914). Transcripción a partir del ejemplar de la University of Toronto digitalizado en Internet Archive (pdagogischesar56leipuoft; páginas extraídas, PDF 493-507), con OCR propio (Tesseract) cotejado con el OCR de Internet Archive y corregido sobre las imágenes de las páginas; el espaciado de la tipografía se reproduce en cursiva. El texto procede de una conferencia de Adler en Viena reseñada por el Neues Wiener Journal el 14 de febrero de 1914. Los comentarios S. n del código marcan el comienzo de cada página impresa.

  1. Adler, „Über den nervösen Charakter“, Wiesbaden 1912, Bergmann, und „Zeitschrift für Individualpsychologie“, München, Reinhardt. ↩

  2. Adler, „Studie über Minderwertigkeit von Organen“, Wien 1907. ↩