Umfragen.
Erotische Kinderspiele.
Eine Umfrage von Dr. Alfred Adler, Wien.
Vielleicht als der wichtigste Gesichtpunkt in der Psychologie des Kindes fällt die deutliche Tendenz an Kindern auf, es den Großen gleich zu tun. Seine eigene unsichere Situation sowie der ständige Gegensatz zu den Erwachsenen bilden für das Kind den immanenten Antrieb zu Gedanken, Handlungen, Träumen und Spiel. Was das letztere anlangt, so ergeben sich folgende Möglichkeiten: Entweder beschränkt sich das Kind auf solche Spiele, die ihm von außen aufgenötigt werden oder die es fertig vorfindet und mit kleineren oder größeren Abänderungen übt. Oder seine Phantasie arbeitet im vorhandenen Material mit den vorhandenen Mitteln. Auffallend ist die große Gleichartigkeit der Kinderspiele in aller Welt. Sie wird nur verständlich, wenn man die fast gleichartigen Mittel des Kindes und die eherne Tendenz in Betracht zieht, sich wie die Großen zu gebärden, von ihnen also Züge zu entlehnen.
Es ist nun eine durchgreifende Erscheinung, daß sich an allen Orten Kinderspiele finden, die einen deutlichen erotischen Charakter tragen. Ebenso daß harmlos scheinende Spiele zuweilen eine Fortsetzung ins Erotische erfahren. Wer seine eigene Kinderzeit überprüft, wird sich leicht daran erinnern. Auch Lehrern und Pädagogen sowie Ärzten sind diese Tatsachen häufig bekannt. Die psychoanalytische Durchforschung des Seelenlebens ergibt sehr oft halb vergessene oder später erinnerte Kinderspiele, die einen sexuellen Charakter tragen. Fast allgemein verbreitet sind erotische Umgestaltungen des „Vater und Mutter“spielens, des Doktorspiels, und gewisse Urin-, Masturbation- und Kotspiele. Letztere dienen fast ausnahmlos einem übertriebenen Hang zur Großmannsucht oder der Herabsetzung eines Kameraden. Recht häufig spielt das Kind mit mehr oder weniger Geschicklichkeit eine Berufrolle. Agiert den Arzt, den Feuerwehrmann, die Hebamme, den Fleischhauer usw.
Diese Spiele verraten jedesmal verborgene Tendenzen der Kinder, vor allem die Größentendenz, die besonders leicht mit dem Sexualtrieb eine Verknüpfung eingeht, sich dessen bedient. Dem Kind gilt ja die Betätigung des Sexualtriebes nicht bloß als verboten, sondern vor allem als das Vorrecht der Großen, in erster Linie des Mannes.
Es wäre recht wünschenswert, wenn Volkkundige in der Lage wären, das Material dieser Spiele zu sammeln und ausführlich zu berichten. Die Eltern und Erzieher würden so ihre Kenntnisse bereichern und der ihnen oft verschlossenen Gedankenwelt der Kinder größere Aufmerksamkeit schenken. Die Psychologie und psychoanalytische Wissenschaft hätte so ein gut fundiertes Material zur Verfügung, das bei den Schlüssen über den Sexualtrieb und seine Rolle im kindlichen Leben in Betracht käme.
Die typischen sexuellen Kinderspiele scheinen folgende zu sein:
Vater und Mutter spielen. Dabei kommen Berührungen der Genitalien vor. Ebenso beim Heiraten spielen.
Doktor spielen. Der „Doktor“ untersucht, entblößt, betastet den „Patienten“. Dabei wird den Genitalien besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zuweilen stopft der Doktor dem Mädchen irgendwelche Gegenstände in die Vulva oder in den Anus.
Pfänderspielen. Bekannt sind die Auslösungen der verlorenen Pfänder durch Küsse, aber auch durch sexuelle „Strafen“, in der Regel in einem abgesonderten, zuweilen verdunkelten Raum.
Menagerie-Spiel. Entblößungspiel. Zuweilen werden dabei Vogelfedern in den Anus gesteckt.
Kühemelken. Ein Knabe kauert auf allen Vieren. Seine Genitalien gelten als Euter der Kühe.
Robinson-Spiel. Nackt-Spiele.
Feuerwehr-Spiel. Unter großer Erregung wird ein supponiertes oder wirklich entflammtes Feuer durch Urinieren zu löschen versucht.
Kot- und Urinspiele, bei denen eines der Kinder beschmutzt oder herabgesetzt werden soll. Variante des „Blindekuh“-Spiels. Einem Knaben werden die Augen verbunden. Ein anderer uriniert in dessen Tasche, oder er wird von den im Kreise herumstehenden bespritzt. — Oder der „blinden Kuh“ wird ein Stück Kot gereicht.
Wett-Spiele. Wer höher urinieren, schneller masturbieren kann.
Sehr oft können scheinbar harmlose Spiele zum Anlaß für erotische Absichten dienen. So wenn beim Versteckenspiel erwachsene weibliche Personen kleine Kinder unter ihren Röcken verbergen. Oder wenn das Versteckenspiel dazu benutzt wird, den hockenden Mädchen unter die Röcke zu schauen.
Einen großen Platz nehmen auch die sadistischen Spiele im Leben der Kinder ein. Sie können hier nur kurz erwähnt werden. Auch bei diesen Spielen tritt der sexuelle Einschlag oft deutlich hervor.
Vielleicht gelingt es durch eine Sammelforschung unsere Kenntnisse über diese frühzeitigen Sexualbetätigungen des Kindes zu erweitern. Der Blick des Pädagogen wird dadurch namhaft geschärft werden.
Fuente: transcripción a partir de las páginas digitalizadas de Anthropophyteia 8 (1911), págs. 256-258 (Internet Archive, PDF de tres páginas y su OCR), cotejadas íntegramente con las imágenes. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.