Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose.

(Zur Dynamik und Therapie der Neurosen.)

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

I. Tatsachen des psychischen Hermaphroditismus.

Von den Autoren, die der Frage des Hermaphroditismus beim Menschen nachgingen, hat fast jeder die Tatsache gestreift oder hervorgehoben, daß unter den abgeleiteten Geschlechtscharakteren sich häufig oder regelmäßig Charakterzüge und psychische Eigenschaften des anderen Geschlechtes vorfinden. So Krafft-Ebing, Dessoir, Halban, Fließ, Freud, Hirschfeld und andere. Unter ihnen hat Freud die Erscheinun-gen der Inversion in der Neurose besonders studiert und hat festgestellt, daß in keinem Fall von Neurose invertierte Züge fehlen. Seither hat sich diese Beobachtung reichlich feststellen lassen. Ich habe in einer kleinen Arbeit1 auf den Zusammenhang von Prostitution und Homosexualität hingewiesen, Fließ meinte schon früher, daß der männliche Neurotiker an der Unterdrückung seiner weiblichen, der weibliche an der Verdrängung seiner männlichen Züge erkranke. — Ähnlich Sadger.

Eine eingehende Untersuchung der Neurosen in bezug auf hermaphroditische Züge ergibt folgende Resultate:

  1. Körperliche Erscheinungen des gegensätzlichen Geschlechts finden sich auffallend häufig. So weiblicher Habitus bei männlichen Neurotikern, männlicher bei weiblichen. Ebenso gegensätzliche sekundäre Geschlechtscharaktere, insbesondere aber Minderwertigkeitserscheinungen an den Genitalien, wie Hypospadie, paraurethrale Gänge, kleiner Penis, kleine Hoden, Kryptorchismus usw., andererseits große Labia minora, große Klitoris, Infantilismus des Sexualapparates2 u. a. m., zu denen sich in der Regel Minderwertigkeitserscheinungen an anderen Organen hinzugesellen.

Ob diese körperlichen Erscheinungen von vorne herein in irgend einem genetischen Zusammenhange mit einer gegengeschlechtlichen Psyche ihres Trägers stehen, wie Fließ annimmt und wie Krafft-Ebing ausführte, so daß beim Manne die weibliche Psyche, beim Weib die männliche stärker entwickelt wäre, läßt sich derzeit nicht erweisen. Es läßt sich aber zeigen, daß Motilität und körperliche Entwicklung solcher Kinder mit minderwertigen Organen, Organ- und Drüsensystemen oft von der Norm Abweichungen zeigen, daß ihr Wachstum und ihre Funktionstüchtigkeit Mängel aufweisen, daß Krankheiten und Schwächlichkeit gerade am Beginn ihrer Entwicklung hervortreten, die später allerdings oft einer robusten Gesundheit und Kraft weichen. —

Diese objektiven Erscheinungen geben vielfach Anlaß zu einem subjektiven Gefühl der Minderwertigkeit, hindern dadurch die Selbständigkeit des Kindes, steigern sein Anlehnungs- und Zärtlichkeitsbedürfnis und charakterisieren eine Person oft bis ins späteste Alter. — Schwächlichkeit, Plumpheit, linkisches Benehmen, Kränklichkeit, Kinderfehler wie Enuresis, Incontinentia alvi, Flatulenz, Stottern, Kurzatmigkeit, Höhenschwindel, Insuffizienzen des Seh- und Hörapparates, angeborene und früherworbene Verunstaltungen, auffallende Häßlichkeit3 usw. sind imstande, das Gefühl der Inferiorität gegenüber den Stärkeren, insbesondere gegenüber dem Vater, tief zu begründen und fürs Leben, selbst über das Grab des Vaters hinaus, dauernd festzulegen. Bedeutsame Züge von Gehorsam, Unterwürfigkeit und hingebungsvolle Liebe gerade dem Vater gegenüber zeichnen alle Kinder, insbesondere aber die zur Neurose neigenden aus.4 Und sie werden dadurch in eine Rolle gerückt, die ihnen als unmännlich erscheint. Alle Neurotiker haben eine Kindheit hinter sich, in der sich der Zweifel in ihnen regte, ob sie zur vollen Männlichkeit gelangen könnten.

Der Verzicht auf die Männlichkeit aber scheint für das Kind gleichbedeutend mit Weiblichkeit5, und damit ist ein reicher Kreis ursprünglich kindlicher Werturteile gegeben, nach welchen jede Form der ungehemmten Aggression, der Aktivität, des Könnens, der Macht, mutig, frei, reich, angreifend sadistisch als männlich, alle Hemmungen und Mängel (auch Feigheit, Gehorsam, Armut usw.) als weiblich aufgefaßt werden können.6 Man kann nun leicht erkennen, daß das Kind eine Doppelrolle spielt, daß es einerseits Tendenzen zeigt, die seine Unterwerfung unter die Eltern, Lehrer und Erzieher verraten, andererseits Wünsche, Phantasien und Handlungen, die sein Streben nach Selbständigkeit, freiem Willen und Geltung („der kleine Gernegroß“) zum Ausdruck bringen. Da von dem einen mehr die Mädchen und Frauen, von letzterem mehr die Knaben und Männer zur Schau tragen7, so kann es nicht wundernehmen, daß die Weltanschauung des Kindes zu Werturteilen gelangt, wie sie von den Werturteilen der Erwachsenen gar nicht so sehr abweichen: die Hemmungen der Aggression als weiblich, die Aggression selbst als männlich anzusehen.

Dieser innere Zwiespalt in der Kinderseele, Vorbild und Grundlage der wichtigsten psychischen Phänomene zumal der Neurose, der Spaltung des Bewußtseins und des Zweifels8, kann mannigfache Ausgänge im späteren Leben erfahren. In der Regel wird man Einstellungen des Individuums bald mehr nach der femininen, bald mehr nach der maskulinen Richtung finden, daneben aber vielleicht immer Versuche und Bestrebungen, die Einheitlichkeit des Bildes aus dem Innern heraus zu stören; das männliche Material hindert eben ein völliges Aufgehen in einer weiblichen Rolle, das weibliche erweist sich als Hindernis, sich ganz männlich zu gebärden. Dadurch wird ein Kompromiß eingeleitet: weibliches Gebaren mit männlichen Mitteln (z. B. männliche Schüchternheit und Unterwerfung, männlicher Masochismus usw.), männliche Rolle mit weiblichen Mitteln (Emanzipationstendenzen der Frauen, Polyandrie u. a.). Oder man findet ein scheinbar regelloses Nebeneinander von männlichen und weiblichen Charakterzügen.

In der Neurose, wo es sich stets um Inkongruenzen solcher oft maßlos verstärkten Charakterzüge handelt, gelingt die Sichtung und Reduktion all dieser Tendenzen und die Aufdeckung des psychischen Hermaphroditismus stets mit den Mitteln der Psychoanalyse. Als Vorbedingung hat allerdings zu gelten, daß der Arzt nicht sein eigenes Werturteil über männliche und weibliche Züge in die Analyse hineinträgt, sondern sich dem gefühlsmäßigen Empfinden des Patienten anpaßt, demselben nachspürt.

II. Über Verstärkungen des psychischen Hermaphroditismus. Der männliche Protest als Endziel.9

Wir haben oben als Ausgangspunkt für die weiblichen Tendenzen des Kindes sein Schwächegefühl gegenüber den Erwachsenen hingestellt, aus dem ein Anlehnungsbedürfnis, ein Verlangen nach Zärtlichkeit erwächst, eine physiologische Unselbständigkeit und Unterordnung. Auch darauf wurde oben bereits hingewiesen, wie diese Züge bei frühzeitig und subjektiv empfundener Organminderwertigkeit (motorische Schwäche, Ungeschicklichkeit, Kränklichkeit, Kinderfehler, verlangsamte Entwicklung usw.) intensiver zum Ausdruck kommen; wie dadurch die Unselbständigkeit wächst, wie dieses verstärkt empfundene Gefühl der eigenen Kleinheit und Schwäche (Wurzel des Kleinheitswahns) zur Aggressionshemmung und damit zur Erscheinung der Angst führt, wie die Unsicherheit in das eigene Können den Zweifel auslöst, ein Schwanken einleitet, das bald mehr von den weiblichen Tendenzen (Angst und verwandte Erscheinungen) bald mehr von den männlichen (Aggression, Zwangserscheinungen) beeinflußt wird, läßt sich analytisch von diesem Gesichtspunkt aus leicht nachweisen. Die Struktur der Neurosen (Neurasthenie, Hysterie, Phobie, Zwangsneurose, Paranoia) zeigt uns, am schönsten die Zwangsneurose, die vielfach verschlungenen Linien der weiblichen Tendenzen, sorgsam verdeckt und überbaut durch hypertrophisch männliche Wünsche und Bestrebungen. Dieser männliche Protest erfolgt zwangsmäßig, als Überkompensation, weil die „weibliche“ Tendenz vom kindlichen Urteil etwa wie ein Kinderfehler abfällig gewertet und nur in sublimierter Form und wegen äußerer Vorteile (Liebe der Angehörigen, Straffreiheit, Belobung des Gehorsams, der Unterordnung usw.) festgehalten wird. Jede Form von innerem Zwang bei Normalen und Neurotikern ist aus diesem Versuch eines männlichen Protestes abzuleiten. Wo er sich durchzusetzen vermag, verstärkt er natürlich die männlichen Tendenzen ganz ungemein, steckt sich die höchsten, oft unerreichbaren Ziele, entwickelt eine Gier nach Befriedigung und Triumph, peitscht alle Fähigkeiten und egoistischen Triebe, steigert den Neid, den Geiz, den Ehrgeiz und führt eine innere Unruhe herbei, die jede Unbefriedigung, Herabsetzung und Beeinträchtigung als unerträglich empfinden läßt. Trotz, Rachsucht, Nachträglichkeit sind seine steten Begleiter, und durch maßlose Steigerung der Empfindlichkeit führt er zu fortwährenden Konflikten. Normale und krankhafte Größenphantasien und Tagträume werden von solchem überstarken männlichen Protest erzwungen und als Surrogate der Triebbefriedigung empfunden. Aber auch das Traumleben gerät ganz unter die Herrschaft dieses männlichen Protestes, und jeder Traum zeigt uns bei seiner Analyse, die Tendenz von der weiblichen Linie zur männlichen abzurücken.

Sieht sich der Patient von jedem persönlichen Erfolg abgeschnitten, ist ihm die Befriedigung seines meist zu weit gehenden männlichen Protestes10 auf einer Hauptlinie, die immer auch vom Sexualtrieb konstituiert wird, mißlungen, dann kommt es zum Ausbruch der längst vorbereiteten Neurose. Dann versucht er die Befriedigung seines männlichen Ehrgeizes auf Nebenlinien, durch Verschiebung auf andere Personen, andere Ziele. Oder die Hemmung und Sperrung wirkt intensiver, und es kommt zu jenen Verwandlungen des Aggressionstriebes, die ich in der Arbeit über den „Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“ (l. c.) beschrieben habe. Für die Struktur der Neurose gewinnen alle diese Variationen große Bedeutung, die (im Sinne des Patienten) weibliche, masochistische Tendenz schlägt vor und schafft das weibliche, masochistische Bild der Neurose, während gleichzeitig der Patient mit der äußersten Empfindlichkeit gegen jedes Versinken in die „Weiblichkeit“, gegen jede Herabsetzung, Unterdrückung, Beeinträchtigung, Beschmutzung ausgestattet wird. Der schwache Punkt, das Gefühl der Minderwertigkeit, die weiblichen Linien werden verdeckt oder durch Kompromißbildung maskiert oder durch Sublimierung und Symbolisierung unkenntlich gemacht, gewinnen aber an Breite und Intensität, dauernd oder anfallsweise, und präsentieren sich in der Aboulie, in der Verstimmung, in der Depression, in der Angst, in den Schmerzen, im Gefühl der bangen Erwartung, im Zweifel, in Lähmungen, Impotenz, Insuffizienz usw.

Das Gefühl der Minderwertigkeit peitscht also das Triebleben, steigert die Wünsche ins Ungemessene, ruft die Überempfindlichkeit hervor und erzeugt eine Gier nach Befriedigung, die keine Anspannung verträgt und in ein dauerndes überhitztes Gefühl der Erwartung und Erwartungsangst ausmündet. In dieser hypertrophischen Gier, der Sucht nach Erfolg, in dem sich tollgebärdenden männlichen Protest liegt der Keim des Mißerfolges, allerdings auch die Prädestination zu den genialen und künstlerischen Leistungen. Die Neurose setzt nun ein durch das Scheitern des männlichen Protestes auf einer Hauptlinie. Die weiblichen Züge erhalten das Übergewicht, allerdings nur unter fortwährenden Steigerungen des männlichen Protestes und unter krankhaften Versuchen eines Durchbruchs auf männlichen Nebenlinien. Das Schicksal dieser Versuche ist verschieden. Entweder gelingen sie, ohne daß eine rechte Befriedigung und Harmonie eintritt, oder sie mißlingen gleichfalls, wie oft in der Neurose, und drängen den Patienten immer weiter in die weibliche Rolle, in die Apathie, in die Angst, in die geistige, körperliche, sexuelle Insuffizienz usw.

Die Psycho-Analyse der fertigen Neurose wird demnach stets folgende Züge aufdecken und ihre dynamische Wertigkeit feststellen müssen.

A Weibliche Züge.
B Hypertrophischer männlicher Protest.
C Kompromißbildung zwischen A und B.

Das Scheitern des männlichen Protestes bei psychischem Hermaphroditismus wird durch folgende Faktoren begünstigt, ja geradezu herbeigeführt:

  1. Durch die Überspannung des Protestes. Das Ziel ist im allgemeinen oder für die Kräfte des Patienten unerreichbar.

  2. Durch die Überschätzung des Zieles. Diese Überschätzung (Don Quixoterie z. B.) geschieht unbewußt tendenziös, um die Heldenrolle des Patienten nicht zu stören. Auf diesem Wege ergeben sich Enttäuschungen von selbst.

  3. Die weiblichen Tendenzen schlagen vor und hemmen die Aggression. Oft im wichtigsten Moment oder vor der beabsichtigten Leistung erwacht das weibliche Gefühl im Sinne eines übertriebenen Autoritätsglaubens, des Zweifels, der Angst und führt zur Demütigung und Unterwerfung unter andauernder Protestbildung.

  4. Ein aus der Kindheit überkommenes, reges, leicht verschiebliches Schuldgefühl11 protegiert die weiblichen Züge und schreckt den Patienten mit möglichen Folgen seiner Tat. (Hamletnaturen).

Ich muß nun noch weiterer Verstärkungen der weiblichen Linien beim Kinde gedenken, die mehr oder weniger über das physiologische Maß hinausgehen und die regelmäßigen Veranlassungen darstellen, um den männlichen Protest in der geschilderten Weise zu übertreiben. Ein nicht unbeträchtliches, sorgfältig analysiertes Material von männlichen und weiblichen Neurotikern ließ mich regelmäßig diese Ursprünge und den gleichen Mechanismus erkennen, so daß ich wohl von einer allgemeinen Geltung dieser Befunde sprechen darf, um so mehr als durch Aufdeckung derselben die Heilung der Neurose eingeleitet wird.

Zur Verstärkung der weiblichen Züge, damit aber auch zum sekundären, verstärkten männlichen Protest tragen folgende Momente bei:

  1. Furcht vor Strafe. Als begünstigend wirken besondere Wehleidigkeit und Hauthyperästhesien, Strenge der Erzieher, Prügelstrafe. Als männliche Reaktion ist zu verstehen: Gleichgültigkeit gegen Strafe, trotzige Gleichgültigkeit, Ertragen von Schmerzen, oft Aufsuchen von Qualen (scheinbarer Masochismus), und demonstrativer Hinweis des Patienten, wie viel er vertragen könne. Erektion und aktive Sexualbetätigung, wenn Strafe droht.

  2. Aufsuchen des Mitleids durch Demonstration der eigenen Schwäche, des eigenen Leidens. Männlicher Protest: Größenideen (zur Kompensation des weiblichen Kleinheitswahns), Empörung gegen das Mitleid der anderen, Lachen statt Weinen usw. — („Sich lustig machen über sich selbst“). Mischbildungen treten regelmäßig auf. — Kinderfehler wie Enuresis, Stottern, aber auch Kränklichkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit usw. können durch Spekulation auf das Mitleid fixiert werden. Fast regelmäßig kommt es aber zur Kompromißbildung. Die männliche Reaktion verwendet die Schwäche zum Ärgernis der Eltern, und trotzt mit Beibehaltung des Fehlers, um nicht nachgeben zu müssen. Deutlich geht dies aus der Festhaltung der Enuresis hervor. Jeder enuretische Traum zeigt den Versuch des oder der Träumenden, sich wie ein Mann zu gebärden. (Stehend zu urinieren, männliches Pissoir, großer Bogen des Urinstrahls, Ziffern in den Sand urinieren.) — Gleichzeitig als männliche Reaktion gegen 1.

  3. Falsche Auffassung der Sexualrollen, Unkenntnis des Unterschieds zwischen Mann und Frau, Gedanken über die Möglichkeit einer Verwandlung der Knaben in Mädchen und umgekehrt bei Kindern. Häufig besteht ein mehr oder weniger dunkles Gefühl, ein Zwitter zu sein. Körperliche Eigenschaften, Erziehungsfehler, mißverstandene Äußerungen der Umgebung (Mädchenkleider bei Knaben, lange Haare bei Knaben, kurze bei Mädchen, Bäder in Gemeinschaft mit dem anderen Geschlecht, Unzufriedenheit der Eltern mit dem Geschlecht des Kindes usw) wecken oder steigern den Zweifel des Kindes, solange ihm der Sexualunterschied unklar ist. In gleicher Weise rufen Märchen über die Geburt der Kinder oder falsche Vorstellungen davon (Geburt durch den After, Empfängnis durch den Mund, infolge eines Kusses, durch Gift oder durch Berührung) Verwirrung hervor. Perverse Sexualerfahrungen oder Phantasien, bei denen der Mund oder After die Rolle des Sexualorgans spielt, helfen den Unterschied zwischen Mann und Frau verwischen und können zur Fixierung gelangen.

  4. Unzweifelhaft tragen Kitzel- und Lustgefühle am Anus und im Munde, Zeichen einer Organminderwertigkeit mit gesteigerter Empfindlichkeit dazu bei, perverse Wünsche aufkommen zu lassen und die weiblichen Linien zu verstärken. Die männliche Gegenwehr bei Mädchen wie Knaben fällt dann umso stärker aus. Anamnestisch findet man fast regelmäßig Würmer, Fissura ani, Prolaps, Hämorrhoiden, den Mund betreffend Erbrechen. Als Kinderfehler kommen Lutschen, Decessus involuntarii, Flatulenz, Kotschmieren in Betracht. Häufige Irrigationen begünstigen die Fixierung. Zusammenhänge von Mund-, Anus- und Riechfunktion spielen oft eine große Rolle (so bei Asthma nervosum.)

Die Homosexualität geht aus vom Versuch des Wechsels der Geschlechtsrolle. Homosexuelle Männer hatten in der Kindheit die Gabe, sich in eine Mädchenrolle hineinzudenken. Erfolgt, wie immer der männliche Protest, so geht die Verwandlung in den aktiven Homosexuellen vor sich.

Überhaupt kann das Verständnis nur erlangt werden, wenn man den männlichen Protestversuchen nachgeht. So beim Onaniezwang, der wie jeder Zwang den Versuch, sich männlich zu gebärden, bedeutet. Die gleiche Tendenz findet sich bei Pollutionen und bei der Ejaculatio praecox. Die Hast, sowie die begleitenden Erscheinungen (mangelhafte Erektion, zuweilen homosexuelle Träume) verraten uns den dahinter verborgenen schwachen Punkt. Bei der Analyse von Träumen achte man auf Alpträume, auf Träume von Gehemmtsein und Angstträume, die der weiblichen Linie angehören; dabei bricht doch fast regelmäßig die männliche Tendenz durch (Schreien, Flucht, Aufwachen).

Exhibitionistische Züge werden begünstigt durch die Tendenz, sich als Mann zu zeigen. Bei Mädchen und Frauen scheint für diesen Zweck die Lossagung vom weiblichen Schamgefühl, die Ablehnung von weiblichen Kleidungsstücken zu genügen. Die gleiche Tendenz charakterisiert den Narcissismus. Im Fetischismus kommt regelmäßig die weibliche Linie zur Geltung (Vorliebe für Dessous, Blousen, Schürzen, Schmuck, Zöpfen usw.), aber stets gefolgt von der männlichen Tendenz. Dem Schuhfetischismus liegt eine autoerotische Überschätzung der großen Zehe zugrunde, die sich von dem kindlichen Lutschen an der großen Zehe herschreibt. Ursprünglich Ausdruck des Hermaphroditismus wie jeder Autoerotismus richtet sich der Schuhfetischismus als Überrest auf die Umhüllung und gewinnt durch seine Distanz von der männlichen Tendenz sein weibliches, masochistisches Gepräge.

Ursprünglich masochistische Züge, ebenso Hypochondrie und übertriebene Schmerzempfindlichkeit liegen im Bereiche der weiblichen Züge. Wie jede psychische Erscheinung entbehren sie nie weiterer Nebendeterminationen.

Es ist leicht begreiflich, daß sich das Kind zur Darstellung seiner weiblichen Tendenzen der Züge der Mutter bedient, zur Darstellung der männlichen der Züge des Vaters („Vom Vater hab' ich die Statur“ usw.) Der männliche Protest peitscht die Wünsche des Kindes auf, es sucht den Vater in jeder Hinsicht zu übertreffen, gerät in Konflikte mit ihm, und so kommen sekundär jene Züge zustande, die auf die Mutter gerichteten Begehrungsvorstellungen entsprechen. (Oedipusmotiv.)

Sache der Pädagogik und der Neurosentherapie ist es, diese Dynamik aufzudecken und bewußt zu machen. Damit verschwindet die Hypertrophie der „weiblichen und männlichen Züge“, die kindliche Wertung macht einer gereifteren Weltanschauung Platz12. Die Überempfindlichkeit weicht, und der Patient lernt die Anspannungen der Außenwelt ertragen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Er, der früher „ein Spielball dunkler, unbewußter Regungen war, wird zum bewußten Beherrscher oder Dulder seiner Gefühle“.13


Fuente: transcripción a partir del número completo de Fortschritte der Medizin 28 (1910), Nr. 16 (21 de abril de 1910), digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal), págs. 486-493; el OCR se cotejó línea a línea con las imágenes de las ocho páginas (págs. 7-14 del PDF). Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva y la negrita de «dynamische Wertigkeit» en negrita. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa. El autorresumen de la ponencia de Núremberg (1910) y la versión revisada de Heilen und Bilden (1914, págs. 74-83) son textos distintos.

  1. Adler, Träume einer Prostituierten. Zeitschr. f. Sexualwissenschaft 1908. ↩

  2. Siehe Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & Schwarzenberg. Berlin und Wien 1907. ↩

  3. Siehe Adler, Die Disposition zur Neurose — zugleich ein Beitrag zur Ätiologie und Auswahl der Neurosen. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 2. Bd., 1909. ↩

  4. Siehe C. G. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 1. Bd., 1909. ↩

  5. Übrigens nicht allein für das Kind, sondern für den größeren Teil unseres Kulturbewußtseins. ↩

  6. Siehe Adler, Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. Fortschritte der Medizin, 1908. ↩

  7. „Schlimm sein“ bedeutet für das Kind: männlich sein. ↩

  8. Siehe Adler, Die Disposition zur Neurose. l. c. ↩

  9. Siehe Schiller, Männerwürde: „Ich bin ein Mann“ usw. ↩

  10. Gilt natürlich in gleicher Weise für weibliche wie männliche Personen. Der männliche Protest des Weibes geht nur meist verdeckt und verwandelt und sucht den Triumph mit weiblichen Mitteln. Sehr häufig findet man in der Analyse den Wunsch, sich in einen Mann zu verwandeln, keine weiblichen Genitalien zu besitzen. Vaginismus, sexuelle Anästhesie und viele bekannte neurotische Erscheinungen stammen aus dieser Tendenz. — Dem folgenden vorgreifend erwähne ich hier Globus, Stimmritzenkrampf, Sphinkterkrampf (Obstipation) usw. als von der männlichen Tendenz beherrscht, Lähmungen, Schlafzwang, als Erscheinungen auf der weiblichen Linie, Stottern, Asthma, Onaniezwang als Kompromißbildungen. Folgt man der von mir hier angeregten „dynamischen Betrachtungsweise“, so wird man bald erkennen, daß allen diesen Erscheinungen das Streben gemeinsam ist, sich von der weiblichen Linie irgendwie zu entfernen, um die männliche zu gewinnen, so daß man als psychische Lokalisationsquelle der neurotischen Symptome bald mehr die weibliche, bald mehr die männliche Seite erkennen kann. Demnach stellt jedes neurotische Symptom einen Hermaphroditen vor. Der neurotische Zwang zeigt den männlichen Protest, dem Zwang erliegen, ist weiblich. — Beim Zwangserröten (Erythrophobie) reagierte der Patient mit (männlicher) Wut und Unmut auf gefühlte oder befürchtete Herabsetzungen. Aber die Reaktion geschieht mit weiblichen Mitteln, mit Erröten oder Furcht vor Erröten. Und der Sinn des Anfalles ist: „Ich bin ein Weib und will ein Mann sein.“ ↩

  11. Siehe Adler, Die Disposition zur Neurose l. c. ↩

  12. Ebenso hören die dissoziativen Prozesse, die Bewußtseinsspaltung, das double vie auf. ↩

  13. Siehe Adler, Analysen von Zahleneinfällen und einer Zahlenphobie. Psychiatr.-neurol. Wochenschrift, 1905. ↩