Feuilleton.

Leben und Schicksal der Säuglinge.

Gerade in diesen Tagen windet sich der Riesenkörper unserer Gesellschaft wieder in den Krämpfen der Krise. Er hat sich wieder einmal überfressen und ringt und müht sich, seinen Fraß von sich zu geben. Das ist nicht die Zeit, wo frische Säfte nach allen Seiten strömen und allen Organen Kräfte spenden. Es ist die Zeit, wo der Nahrungsstrom sich vermindert, ins Stocken kommt oder gar sich umwendet und stromaufwärts fließt. Es ist die Zeit, wo dem kampfgewohnten, arbeitsfrohen Proletarier um seinen Erwerb bange wird oder er müßig gehen muß. In mancherlei Gestalt umfängt ihn da die Noth und zwingt ihn, seinen letzten Heller herbeizutragen und mitzuhelfen, die Dyspepsie (Verdauungsstörung) des Marktes zu beenden. Und die er erhalten muß, sein Weib und seine Kinder, seine kranken, seine arbeitsunfähigen Eltern, der Säugling, dessen Auffütterung nicht stocken darf — wie finden sie alle sich zurecht in der schweren Zeit der Noth, wie ertragen sie die Verminderung des Nahrungszuflusses?

Unter allen den Genannten, denen jede Einengung der Ernährung eine Lebens- und Gesundheitsfrage wird, befindet sich der Säugling wohl in der traurigsten Lage. Er gleicht so recht einer Bevölkerung, die stumm und widerstandslos den Bitternissen des Massenelends anheimfällt oder in unverständigem und unverstandenem Schreien Linderung sucht. Die Großen sind bald abgestumpft gegen den Lärm — das übrige thut ein schmutziger Lappen, den man dem Hungernden in den Mund stopft, um ihn über Hunger oder Schmerz hinwegzutäuschen.

In jenen Jahren, wo es dem Volk an den Kragen geht, in Jahren der Kriegsnoth, während einer Epidemie, bei Mißernte, bei wirthschaftlichen Krisen, ist allgemein ein Sinken der Geburtsziffer beobachtet. Gleichzeitig tritt überall eine Erhöhung der Säuglingssterblichkeit ein. Bürgerliche Nationalökonomen, ja sogar Lassalle noch, hielten diese Verminderung des Nachwuchses für bedeutend genug, daß sie die zur Zeit der Krise gesunkenen Arbeitslöhne wieder in die Höhe treiben könnte. Diese Auffassung ist aber, wie uns Marx gezeigt hat, eine irrthümliche, und die Bedeutung dieser Nachwuchsverminderung liegt weniger in ihren Folgen als in ihrem Wesen selbst. Denn sie zeigt uns, wie die Verschlechterung der materiellen Lage Leben und Lebensglück jedes Einzelnen beeinträchtigt und wie sie Tod und Verderben unter die Kleinsten und Hilflosesten trägt. Da stirbt mit dem Sprößling eine Hoffnung der Eltern, und ein Theil ihrer mühevoll erworbenen Werthe zerrinnt in nichts. Viel schlimmer aber ist, daß dieses Sterben der Kleinsten kein ruhiges Hinüberschlummern, daß es vielmehr das Ende einer oft langdauernden Qual und entsetzlicher Schmerzen ist. Hätten diese Kleinsten nur Verstand genug und Sprache, ihren erschütternden Anklagen hielte die heutige Welt nicht Stand. So aber verhallt ihr Schreien, ihre Schmerzen erstickt der Erlöser Tod, noch eine Weile, dann sind sie vergessen.

Nur die Statistik nimmt von ihnen Notiz. Aus ihr lernen wir, daß sich die Zahl der Geburten in Europa in mäßiger Weise verringert. Derzeit fallen auf 1000 Personen jährlich ungefähr 33 Geburten. Rußland, Ungarn, Oesterreich, Deutschland produziren mehr, England, Schweden, Schweiz und vor allem Frankreich weniger. Man hat vielfach dieses Herabgehen der Geburtenziffer als eine Art von Kultur ausgeben wollen, ja einer der größten Lehrer der Bourgeoisie, Malthus, hat es versucht, Sinn in diesen Unsinn zu bringen, um „das Bestreben der Volksmenge, sich über das Maß der vorhandenen Nahrungsmittel zu vermehren“, einzudämmen. Durch die sozialistische Kritik wurde die Lehre von diesem vermeintlichen Mißverhältniß als vollkommen haltlos nachgewiesen, und wenn heute noch einzelne Gelehrte und Politiker von den Gefahren einer Volksvermehrung schwätzen, Gefahren, die selbst bei gleichbleibenden Produktionsverhältnissen erst in tausenden von Jahren zur Geltung kommen könnten, so ist das nur ein Beleg dafür, auf welch billige Weise man das Volk noch täuschen zu können glaubt. Auf der anderen Seite wieder, zumal aus dem Lager der Nationalen und der Militärfreunde, werden Stimmen laut, denen das Herabgleiten der Geburtenziffer nicht behagt. Doch alle Versuche, durch Junggesellensteuer, Steuerbegünstigung bei stärkerer Nachkommenschaft, Befreiung waffenpflichtiger Väter vom Heeresdienst zur Gründung größerer Familien anzuspornen, sind gescheitert, so daß die Annahme gerechtfertigt erscheint, die Zahl der Geburten sei überall mit ihren Schwankungen auf ziemlich enge Grenzen verwiesen, die durch unsere gesellschaftlichen Einrichtungen gesteckt sind. Innerhalb dieser Grenzen haben die Schwierigkeit des Erwerbslebens und die wachsende Einsicht in diese Schwierigkeit wohl die stärksten Wirkungen.

In dieser Richtung ist also für Schwärmer und Reformer wenig Ehre und Ruhm zu holen. Anders im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit. Nicht als ob man über die großen Worte erheblich hinausgekommen wäre, aber Ursachen und Wirkungen liegen hier offener zu Tage und sind leichter zu beeinflussen, die nöthigen Reformen liegen auf dem leuchtenden Pfade, den die Menschheit willig oder widerwillig geht, auf dem Wege, der zur Beseitigung des Privatkapitals führt. Heute freilich und soweit man die Zahlen zurückverfolgt, bildet die Säuglingssterblichkeit das düsterste Kapitel der Statistik. Starben doch1 am Ende des vorigen Jahrhunderts von 1000 Lebendgeborenen in Europa innerhalb des ersten Lebensjahres über 186, gegen 191 aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Rußland, Deutschland und Oesterreich erheben sich mit ihrer Säuglingsmortalität hoch über diese Durchschnittsziffer, während Frankreich, England, die Schweiz, besonders aber Schweden und Norwegen unter ihr verharren. Die Säuglingssterblichkeit ist geradezu ein Gradmesser für die Lebenshaltung eines Volkes und für die Wirksamkeit oder besser Mangelhaftigkeit sozialer Reformen. Bis heute wenigstens ist es nicht gelungen, trotz aller Fortschritte der Wissenschaft, der Technik, des Verkehrs, der staatlichen Fürsorge, trotz Hygiene und Heilkunst, trotz aller verbesserten Methoden, die Sterblichkeit nennenswerth zu vermindern. Nur ein winziger Lichtblick zeigte sich in der Düsterkeit dieses Schreckensbildes, die Verminderung der Sterblichkeit, die den Arbeiterschutzgesetzen folgte. Daß diese Besserung gering war und gering geblieben ist, zeugt für die Unzulänglichkeit dieser Gesetze; daß sie aber allein steht im langen Lauf der Jahre, daß sie so prompt erfolgte, ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der kämpfenden Sozialdemokratie, die mit ungestümem Drängen ihren Gegnern das bischen Arbeiterschutz entriß.

Das Morden der Säuglinge im Proletariat nimmt aber seinen Fortgang. Allerorten zeigt sich dieselbe riesenhafte Zahl der Säuglingssterblichkeit und wächst noch gewaltig an in Bezirken, wo die unteren Volksschichten zu Hause, wo die niedersten Steuern, die wenigsten Dienstboten, die schlechtesten und billigsten Wohnungen zu finden sind. Während aus fürstlichen und gräflichen Familien 57 vom Tausend der Kinder bis zum fünften Jahre starben, traf dieses Schicksal 357 vom Tausend von Berliner Proletarierkindern der gleichen Altersstufe. Einer Erfurter Tabelle entnehmen wir, daß von je 100 Kindern im ersten Lebensjahre 35·2 uneheliche, 30·5 Proletarierkinder, 17·3 aus dem Mittelstande, 8·9 aus höheren Ständen starben. Die Sterblichkeit der Säuglinge an Ernährungskrankheiten stellt sich beim Mittel- und Arbeiterstand zwei- bis dreimal so hoch, beim Nachwuchs alleinstehender Mütter siebeneinhalbmal so hoch als bei den höheren Ständen.

Jede Form der niederen Lebenshaltung spiegelt sich in der Säuglingssterblichkeit wieder. Wo die Mutter ihren Lebensunterhalt erwerben muß, droht ihrem Kinde ein früher Tod. Eine Berechnung aus den ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts ergibt, daß die Hälfte der Kinder von Kaufleuten, Fabrikanten, Maschinendirektoren das 29. Jahr erreichten, während die Kinder von Textilindustriearbeitern, die einen besonders hohen Perzentsatz von Arbeiterinnen aufweisen, schon vor dem zweiten Lebensjahre gestorben waren. Die gleiche Trostlosigkeit zeigt sich bei den Kindern der Landarbeiterinnen. Die kapitalistisch betriebene Ammenindustrie führt zu einem großen Säuglingssterben in den Ammengegenden. Wo die gesunkene Lebenshaltung zu mangelhafter Bildung und Unverständniß führt, wo sich Aberglaube und Unsitten in die Säuglingspflege einnisten, wo der Rath einer Dürrkräutlerin oder Wunderdoktorin höher eingeschätzt wird als die Hilfe eines kundigen Arztes, überall dort können wir sicher sein, auf hohe Sterblichkeitszahlen zu stoßen. Vollends die höhere Wohnungsdichtigkeit erweist sich als vollkommen identisch mit höherer Mortalität. In Leipzig beispielsweise starben von je 1000 Lebendgeborenen 101·1 Kinder dort, wo höchstens ein Bewohner auf ein heizbares Zimmer kommt, dagegen 330·6 Kinder, wo höchstens drei Bewohner, und 418·9 Kinder, wo mehr als drei Personen ein heizbares Zimmer bewohnen. In Wien, wo jährlich zirka 52.000 Kinder zur Welt kommen, das ist 32 auf 1000 Einwohner, von denen jährlich zirka 10.000 innerhalb des ersten Lebensjahres sterben, finden wir die niedrigste Kindersterblichkeit, 141 bis 232 vom Tausend, in den Bezirken I, VII und IX neben der Besetzung eines Zimmers mit 0·83 bis 1·32 Personen, die höchste Sterblichkeit, 406 bis 429 vom Tausend, in den Bezirken X, XI und XVI neben einer Bewohnung durch 1·94 bis 2·10 Leute.

Weniger deutlich tritt die wahre Ursache der ungeheuren Säuglingssterblichkeit, das ungeheure Massenelend, hervor, wenn man die Zahlen nach anderen Gesichtspunkten gruppirt. Es liegen nämlich zahlreiche Untersuchungen vor, nach denen in den Monaten Juni, Juli, August und September ungleich mehr Kinder sterben als in den anderen Monaten. Keineswegs soll hier die durch die Hitze gesteigerte Verschlechterung der Nahrung oder der schädliche Einfluß übergroßer Hitze geleugnet werden. Aber daß dieser Einfluß sich hauptsächlich auf künstlich genährte Kinder erstreckt, daß auch die Sommersterblichkeit jenen Nachwuchs niederreißt, der sich auf magerem Boden, meist bei mangelnder Pflege fortgefristet hat, zeigt wieder die mörderische Hand der ökonomischen Kräfte.

Aehnlich verhält es sich mit dem Unterschied in der Sterblichkeit natürlich und künstlich genährter Säuglinge überhaupt. Die Mutterbrust ist jeder anderen Ernährungsweise so sehr überlegen, daß sie unter allen Umständen den Vorzug verdient. Es ist gewiß leichter, ein schwächliches Kind mit Muttermilch zu ernähren als mit dem besten Surrogat derselben, mit entsprechend verdünnter Kuhmilch. Nur schade, daß gerade dort wieder, wo die kraftloseren Sprößlinge unterernährter Eltern das Licht der Welt erblicken, dieses Licht meist nur spärlich aus düsteren Hofräumen und dunklen Lichthöfen durch niedere Fensterscheiben zu ihnen dringt, daß die Luft in ihrer Behausung oft verpestet ist, daß Pflege und Wartung alles zu wünschen übrig lassen, und daß auch die Brust der abgerackerten Mutter versagt. Wenn dann solche Säuglinge mit der wohlfeilen Kuhmilch aufgezogen werden sollen, die vielleicht irgendein spekulativer Produzent auf den Markt wirft, dann wird es uns völlig klar, warum die künstliche Ernährung mit einer so hohen Sterblichkeit verknüpft ist. Es sterben nämlich fast viermal so viel Kuhmilchkinder als Brustkinder. In Wien ist dieses Verhältniß etwas günstiger geworden, es stellt sich wie 5 : 2.

Wir sind am Schluß dieser traurigen Betrachtung, der gegenüber es Pflicht eines jeden ist, die Augen zu öffnen und Abhilfe zu fordern. Mit größter Klarheit, wie nicht immer in anderen Fällen, liegt hier die Wurzel des Uebels bloß, das durch die privatkapitalistische Produktionsweise bedingte Massenelend. Und aus den riesigen Zahlen der Säuglingssterblichkeit steigt riesenhaft und unwiderstehlich die Anklage empor: Die privatkapitalistische Wirthschaft ist das Massengrab der Säuglinge. Die Wissenschaft, parteilose Aerzte und Statistiker, bestätigen diesen Satz. Das Urtheil aber zu vollziehen, ist die Aufgabe der schwerst Betroffenen, ist Sache der Besitzlosen und ihrer scharfblickenden Avantgarde, der Sozialdemokratie.

Alladin.2


Fuente: Arbeiter-Zeitung (Wien), Morgenblatt, Nr. 46, 16. Februar 1902, S. 1-2 (sección Feuilleton, bajo la raya). Transcripción a partir de las imágenes de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, aze/19020216/1-2), con ayuda de un OCR Fraktur propio; todo el texto, las cifras y los nombres se han cotejado con la imagen (en la pág. 1 el margen izquierdo de la columna está recortado en el escaneo; las letras iniciales perdidas se restituyen sin dificultad). Ortografía original de 1902; la ſ larga se transcribe como s; el texto espaciado va en cursiva; los decimales conservan el punto alto del original. La firma está impresa «Alladin», errata por «Aladin», seudónimo atribuido a Adler (R. Schiferer, 1995).

  1. Die Zahlen sind zumeist aus Biedert, „Kinderernährung“, genommen. ↩

  2. Sobre la atribución: «Aladin» es un seudónimo, y ninguna de estas piezas lleva el nombre de Adler. La atribución la propuso Reinhard Schiferer (1995) y la han aceptado las ediciones de referencia: el tomo 7 de la Alfred Adler Studienausgabe recoge «Das empfohlene Treiberlein» (1897) como su texto más temprano conocido, junto con «Eine Lehrkanzel für soziale Medizin» (Ärztliche Standeszeitung, 1902, también firmado «Aladin»), que figura asimismo en las Collected Clinical Works. Habla también a favor la afinidad de los temas con lo que Adler firmaba con su nombre en esos años: medicina social, alimentación obrera, mortalidad infantil y crítica de la medicina de beneficencia. No conocemos, en cambio, ninguna prueba documental (una carta, un registro de colaboradores de la redacción) que la confirme; por eso se acepta aquí con reserva. ↩