Feuilleton.
Das empfohlene Treiberlein.
Wer hätte ahnen können, daß das schlichte Haus in der abgelegenen Gasse so rasch zu einer Sehenswürdigkeit heranwachsen werde? Kam doch kein Fremder mehr in die Stadt, dem man nicht die Besichtigung der kleinen Krankenanstalt als lohnend empfahl.
Vor Jahren freilich dachte kein Mensch an die Charité. Da war sie ein schlecht besuchtes Krankenhaus, an das man sich nur erinnerte, wenn man sich einen Zahn ziehen lassen wollte. Oder es kamen kleine Kinder hin, wenn sie Verstopfung oder rothe Augen hatten. Und alles war jetzt anders geworden. Ja, der neue Direktor, der wußte, wie man's anpacken müsse. Vor allem verlangte er die Restaurirung des Gebäudes. Dazu hatte man kein Geld. Lange zerbrach sich Direktor Schliefmann den Kopf — endlich hatte er das richtige Mittel gefunden. In einer feierlichen Generalversammlung saßen die Vorstände der Krankenabtheilungen und ließen sich die Idee des Herrn Direktors auseinandersetzen. Der Redner sprach von Bittschriften an bekannte Wohlthäter aus der bürgerlichen und Adelswelt. „Nun, man kann's versuchen,“ dachten die Kollegen. Dann sprach er von dem dürftigen und unscheinbaren Aussehen des Krankenhauses. „Wo will er denn hinaus?“ flüsterte man sich zu. Jetzt aber kam's. Zum Dank sollten an der Vorderfront des Hauses Büsten der edlen Spender in künstlerischer Ausführung angebracht werden. Man horchte gespannt hin. „Damit,“ fuhr der Redner fort, „ist in mehrfacher Hinsicht eine Besserung angebahnt. Unser Heim gewinnt an Schönheit, der leichte und neue Reiz wirkt auf die Wohlthäter von Stadt und Land, und unsere Beziehungen zur reichen Klientel werden bessere.“ Einstimmiger, würdevoll applizirter Beifall, und die Idee wird zum Beschluß.
Die erste Serie von Briefen blieb erfolglos. Es kam zwar eine Geldsendung von 500 Mark, aber von einem „ungenannt sein wollenden“ Wohlthäter. „Wenn wir nur die erste Büste droben haben,“ sagte der neue Direktor und sah sinnend in die Ferne. Die Kollegen verloren sichtlich den Respekt, gute Freunde hohnlächelten ganz offen.
Zum Glück fiel ihm der eitle Graf T. ein. Dem entdeckte sich der Direktor. T. willigte im Interesse der guten Sache ein. „Wie gesagt, betrachten Sie meine Zustimmung als ein Opfer, nur als ein Opfer,“ rief er dem freudig Davonstürmenden nach. Jetzt wurde fleißig gearbeitet, und nach einigen Wochen stand die erste Büste oberhalb eines Fensters im Erdgeschoß. Graf T.'s Büste war von erschütternder Aehnlichkeit. Die Zeitungen sprachen von dem bekannten Wohlthäter Grafen T. und lobten den Künstler, der sich bereit erklärt hatte, die erste Büste unentgeltlich anzufertigen.
Jetzt kamen auf einmal Spenden. Mit jeder neuen Spende stieg der Direktor in der Achtung seiner Kollegen. Der war jetzt den ganzen Tag beschäftigt, den Wohlthätern den Dank der Charité abzustatten. Nirgends wollte man noch von den Büsten gehört haben; nur den dringenden Bitten des geschätzten Primarius und Direktors gab man nach und versprach, den reizenden Plan nicht zu stören.
Bald waren alle möglichen Plätzchen und Eckchen des Erdgeschosses durch die kleinen Büsten wohlthätiger Zeitgenossen eingenommen. Der Herr Direktor lenkte seine Blicke zum ersten Stockwerk und seinen Fenstern. Zwei Büsten waren schon wieder der Vollendung nahe, des Grafen Dirmir und des Bankiers Deinesmeines. Nächster Tage sollten sie die zwei ersten Fenster des ersten Stockwerks zieren.
„Ich höre,“ wendete sich Süßwasser, Primar der Nasenabtheilung, an den Direktor, „daß nächstens Graf Dirmir neben dem Emporkömmling Deinesmeines seinen Platz bekommen soll. Ich kann das nicht zugeben. Anläßlich der Behandlung seines Leibkutschers machte ich voriges Jahr die Bekanntschaft des hochgebildeten Herrn Grafen, der mich in seine Ansichten ein wenig Einblick nehmen ließ. Wie gesagt, wir könnten da Unannehmlichkeiten haben. Zudem besitzt Graf Dirmir das Ohr der Regierung.“ „So? Meinen Sie? Aber das muß ja rasch in Ordnung gebracht werden!“ Und der Herr Direktor ging grübelnd nach Hause.
Nächsten Tages fand sich bald der geschäftige Süßwasser wieder ein. „Nun, Herr Kollega, was ist zu thun?“ „Aber ganz einfach, lieber Süßwasser, Deinesmeines bleibt auf seinem Platze, Graf Dirmir, da er doch das Ohr der Regierung besitzt, bekommt den Ehrenplatz oberhalb des Portals.“ Triumphirend lächelte der Direktor und ging zur Ordination in seine Abtheilung. Etwas kläglich blickte ihm Kollege Süßwasser nach. — So kam Graf Dirmir zu seiner Sonderstellung.
Nun besaß der Graf neben dem Ohr der Regierung auch noch eine Portion Weltklugheit. Und da er selbst von strotzender Gesundheit war, zudem den Doktoren abhold, suchte er unter seinem Gesinde, wen er wohl zur Behandlung in die Charité schicken könnte. Da war nun auf dem Gute des Grafen ein altes Treiberlein, dem vor langer Zeit eine Schrotladung ins linke Auge geschossen worden war. Er war in Folge der Jahre schon krumm und gebrechlich und klagte gern über allerhand Beschwerden. So peinigte ihn seine Nase, sein Kropf, den er schon zwei Menschenalter trug, und wenn er den alten Weibern des Gutes seine Leiden klagte, vergaß er nie, sein erblindetes Auge wild herumzuwerfen, was das Mitleid mit dem armen Josef immer beträchtlich steigerte. Diesen Mann beschloß der Graf als Unterpfand seiner Freundschaft an die Charité zu schicken, und Josef machte sich trotz seiner sechzig Jahre auf den Weg, um vielleicht durch eine kleine Operation seine Leiden zu bessern.
Mit großem Behagen nahm Schliefmann den Brief des Grafen entgegen. Nachdem er erst den Inhalt durchgeflogen hatte, las er den Unterärzten und den wartenden Patienten das Schreiben „unseres hochgeehrten Gönners“ vor. Der Graf schrieb: „Geschätzter Herr Primarius! Ueberbringer dieses ist vor zwanzig Jahren durch des Schicksals Fügung um sein linkes Auge gekommen. Ich setze in Ihre Kunst ein so unbegrenztes Vertrauen, daß ich hoffe, es werde Ihnen gelingen, den Mann von seinen übrigens geringen Beschwerden zu befreien. Zu besonderem Danke würden Sie mich verpflichten, wenn Sie wegen des gleichfalls geringfügigen Nasen- und Kropfleidens die mir bestens bekannten Vorstände Ihrer Nasen- und Kropfabtheilung mit dem Mann bekanntmachten. Mit vorzüglicher Hochachtung Dirmir.“
„Ein schwieriger Fall, meine Herren,“ sprach Schliefmann nach sorgfältiger Untersuchung. „Sie kennen meinen Grundsatz, in solchen Fällen nicht zu operiren. Hier aber juckt es Einen ordentlich in den Fingern, hier möcht' ich wohl von einer Operation das Beste erwarten. Der Mann ist für seine Jahre noch ganz kräftig“ — alles sah bei diesen Worten auf das gebrechliche Treiberlein, dem gar kläglich zu Muthe war — „übrigens warten wir noch das Urtheil der anderen Herren Kollegen ab.“ Und der Brief des Grafen sammt dem Patienten wanderte zu Süßwasser, dem Primar der Nasenabtheilung, sodann zum Chirurgen.
Die Sache lag ganz einfach. Auch die beiden anderen Aerzte fühlten sich durch das Vertrauen des hochgeschätzten Gönners sehr geehrt. Auch sie ließen solche Fälle lieber unangetastet, waren aber gern bereit, dem Protektor der Charité zuliebe durch eine eingreifendere Operation das warmempfohlene Treiberlein von seinen Leiden zu kuriren. Der Chirurg wollte am liebsten heute gleich beginnen.
Aber das Treiberlein wollte nicht. Medizin, ja, so viel's nur wäre, aber vor dem Messer hätte er ein bischen Respekt. Alle Ermahnungen waren umsonst, und endlich sah man sich gezwungen, den Mann mit einem Schreiben an den hochverehrten Gönner zu entlassen. In diesem Briefe stand, das Treiberlein sei ein gar messerscheues Individuum und wolle sich nicht fügen, und man bedauere ungemein, sich dem Protektoé [sic] der Charité nicht dankbar erweisen zu können. Mit dem Ausdruck der tiefsten Verbeugung schloß der Brief.
Der Graf nahm diese schriftliche Erklärung mit stillem Lächeln zur Kenntniß. Dann wendete er sich freundlich an sein altes Treiberlein. „Wie ihm das Krankenhaus gefallen habe, und ob ihm nichts Besonderes aufgefallen sei.“ — „Ei ja,“ begann Josef zu erzählen, „das Krankenhaus sei ein großes, schönes Gebäude, über und über mit einer höllischen Menge von Köpfen geziert. Und über dem Thor habe er den gnädigen Herrn Grafen selber erblickt, schöner und größer als alle anderen. Ganz oben sei in goldenen Buchstaben das Wort Charité zu lesen, was das bedeute, wisse er aber nicht.“
Da klopfte der Graf seinem Diener mitleidig auf die Schulter und erklärte ihm, die Charité sei die große Wohlthäterin der Stadt, und reine Menschenliebe erwarte dort die armen Kranken.
Aladin.1
Fuente: transcripción a partir de la Arbeiter-Zeitung (Viena), edición de la mañana, año 9, n.º 228 (19-8-1897), folletín al pie de las págs. 4 (tres columnas) y 5 (primera columna), digitalizada en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek). Se partió del OCR de Fraktur propio y del OCR del portal (en el primero las columnas aparecen mezcladas con las noticias de la página) y se cotejó todo el texto con las imágenes de las páginas. Ortografía original de 1897; el espaciado de la firma se da en cursiva. Se respeta la errata «Protektoé» (por «Protektor»). Firmado con el seudónimo «Aladin»; la atribución a Adler (R. Schiferer, 1995) se acepta con cierta reserva. Los comentarios S. n marcan el comienzo de cada página impresa.
Sobre la atribución: «Aladin» es un seudónimo, y ninguna de estas piezas lleva el nombre de Adler. La atribución la propuso Reinhard Schiferer (1995) y la han aceptado las ediciones de referencia: el tomo 7 de la Alfred Adler Studienausgabe recoge «Das empfohlene Treiberlein» (1897) como su texto más temprano conocido, junto con «Eine Lehrkanzel für soziale Medizin» (Ärztliche Standeszeitung, 1902, también firmado «Aladin»), que figura asimismo en las Collected Clinical Works. Habla también a favor la afinidad de los temas con lo que Adler firmaba con su nombre en esos años: medicina social, alimentación obrera, mortalidad infantil y crítica de la medicina de beneficencia. No conocemos, en cambio, ninguna prueba documental (una carta, un registro de colaboradores de la redacción) que la confirme; por eso se acepta aquí con reserva. ↩