Feuilleton

Dr. Alfred Adlers Amerikareise

Die Individualpsychologie in Amerika

Aus einem Gespräch mit Dr. Alfred Adler

Der bekannte Psychologe und Begründer der Individualpsychologischen Schule, Dr. Alfred Adler, kam vor wenigen Tagen aus Amerika, wo er mehrere Monate geweilt hatte, nach Wien zurück. Seine Reise gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug durch die Neue Welt; in mehr als 300 Vorlesungen und Kursen in den größten Städten und den bedeutendsten wissenschaftlichen Instituten trug er die individualpsychologische Lehre vor, die überall die allergrößte Anerkennung gefunden hat.

Wenn man von Amerika spricht, so hat man gewöhnlich die Vorstellung von intensivster Arbeit, Tempo, Rastlosigkeit. Nun, der Durchschnittsamerikaner arbeitet vielleicht nicht mehr als der Durchschnittseuropäer. Das gesellschaftliche Leben nimmt viel Zeit in Anspruch, die Mahlzeiten desgleichen, und die große Anzahl der Autos in den Straßen hindert den Verkehr ebenso wie sie ihn belebt.

Die zwei Extreme, zwischen denen die Amerikaner leben, sind ein außerordentlich starker persönlicher Ehrgeiz, andererseits ein starkes Streben zur Gruppenbildung. Diese zwei Extreme bestimmen die Haltung und das Tun der Amerikaner: starkes Auftreten und Hemmungslosigkeit im Geschäfts- und Erwerbsleben und im Streben nach der Erreichung des persönlichen Erfolges, der ganz offen zur Schau getragen wird, andererseits das Zutagetreten starker sozialer Tendenzen, die dort viel intensiver sind und sich in viel stärkerem Maße auswirken als bei uns in Europa. Diese sozialen Tendenzen bestimmen das gesellschaftliche Leben; die Geselligkeit wird viel mehr gepflegt als bei uns. Sie bestimmen ebenso das Erziehungswesen, das durch die zahlreichen Schools und Colleges gekennzeichnet ist, wo die Kinder und die heranwachsende Jugend recht oft gemeinschaftlich, entfernt von den Eltern, erzogen werden. Diese Institutionen, oft Experimentalschulen, wirken allerdings nicht immer segensreich, denn letzten Endes läßt sich die Mutter nicht immer ersetzen, abgesehen davon, daß in den allermeisten Fällen noch nicht die richtige Erziehungsmethode gefunden worden ist und daß die Anstalten zuweilen von ungeeigneten, sachunkundigen Personen geleitet werden. Andere von diesen Schulen stehen auf einer in Europa noch nicht erreichten pädagogischen Höhe.

Besonders stark zeigen sich die sozialen Tendenzen der Amerikaner dann, wenn es ihnen gelungen ist, ihr Persönlichkeitsstreben zu befriedigen; hat der Amerikaner sein Ziel erreicht, ist er zu Geld gekommen, so ruht er nicht, bevor er nicht ein soziales Institut geschaffen hat. Nun gilt es, auch für die Allgemeinheit etwas zu tun, und so gründet oder subventioniert er Wohltätigkeitsanstalten, Spitäler, Universitäten usw.

Interessant ist für den europäischen Beobachter auch die Art, wie Amerika die Frauenfrage zu lösen versucht hat. In Amerika hat eine tiefere Bildung einen viel größeren Kreis von Frauen erfaßt. Im Kulturleben und im gesellschaftlichen Leben Amerikas spielt daher die Frau eine viel bedeutendere Rolle als bei uns. Sie genießt dort auch, zumindest äußerlich, eine höhere Wertschätzung. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß die amerikanischen Frauen stärker und sicherer auftreten als unsere Frauen. Da aber die Frauen praktisch doch nur engere Aktionskreise besitzen, da sie noch nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie die Männer, haben sie einige dieser Aktionskreise vollständig für sich mit Beschlag belegt, so zum Beispiel die ungeheuren Erziehungsbestrebungen, die die amerikanische Oeffentlichkeit beherrschen. Es gibt in Amerika eine vorwiegend von Frauen beherrschte und auf Frauenarbeit eingestellte Organisation: die Mental Hygiene. Es ist dies eine riesenhafte Bewegung, die mit großen Mitteln ausgestattet ist, und die mit zahllosen freiwilligen und bezahlten Kräften arbeitet und in Hunderte von Spezialinstitutionen zerfällt. Alle die Institutionen der Mental Hygiene stehen im Zusammenhang mit der Jugendpflege, den Schulen und der Jugendgerichtsbarkeit, sie spielen im öffentlichen Leben Amerikas eine hervorragende Rolle; und in diesem Punkte ist uns Amerika wirklich überlegen, denn wenn man in Europa etwas Aehnliches sucht, so findet man es nur in unseren individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen und in Institutionen, die diesen nachgeahmt sind. Es ist deshalb kein Wunder, daß dort die Individualpsychologie mit Begeisterung aufgenommen wurde, und nichts hat sie so sehr begeistert wie unsere Beratungsstellen, die ja vielleicht nur innerhalb der Schulreform möglich waren, für die sie ebenfalls sehr interessiert sind und die sie nachzuahmen trachten.

Es gibt in Amerika kaum einen Psychologen und Psychotherapeuten, der die Individualpsychologie nicht kennt und verwendet. Insbesondere die von der Individualpsychologie geschaffene Grundanschauung vom Minderwertigkeitsgefühl ist dort unter dem Namen Inferiority und Superiority Complex allgemein bekannt. Kindern und Erwachsenen sind diese Termini geläufig und verständlich. Es gibt kaum eine Anschauung, die eine solche Verbreitung gewonnen hat, wie die vom Inferiority und Superiority Complex. Daß die Individualpsychologie daher in mehreren hunderten von Vorlesungen und Kursen, die ich dort gehalten habe, die allgemeine Anerkennung gefunden hat, versteht sich von selbst. Sie äußerte sich in erneuerten Einladungen von Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen, wo ich nach Ablauf eines Jahres abermals Vorlesungen zu halten gedenke.

Es hat mich besonders gefreut, festzustellen, daß es wohl kaum eine Stadt der Welt gibt, die sich in Amerika einer solchen Beliebtheit erfreut wie Wien. Natürlich sind den Amerikanern als die Höchstleistungen Wiens die Wiener Musik, das Wiener Kunstgewerbe und die Wiener Psychologie, verkörpert in den Begriffen Psychoanalyse und Individualpsychologie geläufig. Jeder, der nur irgendwie die Möglichkeit hat, will nach Wien kommen; eine Unzahl von Psychologen und Aerzten, Leute, die mit den Bestrebungen der Mentalhygiene in Verbindung stehen, äußerten die Absicht, herzukommen, um die neuen Schulverhältnisse und die individualpsychologischen Beratungsstellen zu sehen und psychologische Kurse zu hören. Auch der am 17. September in Wien tagende Kongreß mit den Hauptthemen „Psychose“ und „Kriminalität“ wird zahlreiche amerikanische Besucher sehen.


Fuente: Wiener Allgemeine Zeitung, miércoles 27 de abril de 1927, pág. 2, sección «Feuilleton»; sin firma. Transcripción manual hecha sobre la imagen de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, waz19270427, imagen 2), con ayuda de un OCR Fraktur propio, muy deficiente porque el folletón, a cinco columnas, se mezcla con otras piezas de la página; texto cotejado íntegramente con la imagen. Tras la entradilla del periódico, el resto reproduce las palabras de Adler sin comillas (en primera persona en los dos últimos párrafos). Los pasajes en espaciado del original van en cursiva.