In der Lehrerberatungsstelle.
Im großen Zeichensaal der Bürgerschule in der Brigittenau sind hundert junge Lehrer und Lehrerinnen versammelt, um die Ausführungen Dr. Alfred Adlers zu hören, der an praktischen Beispielen auseinandersetzt, wie leicht alle sogenannten schlimmen Kinder zur Einordnung in die Schulgesetze und zur richtigen Aufnahmefähigkeit in den Lehrfächern zu bringen sind, wenn man nur erst gelernt hat, den Gründen ihres Versagens richtig nachzuforschen. Wie diese Gründe immer in einer Erschütterung ihres Machtbewußtseins liegen und welch unerwartet günstige Resultate eintreten, wenn man in der Seele des Kindes das gestörte Gleichgewicht wiederherstellt.
Alle diese Kinder haben durch unglückliche, ungeschickte Erziehung eine falsche Einstellung zum Leben gewonnen. Sie haben nicht gelernt, sich in ein soziales Gefüge, wie es die Schule ist, einzugliedern, und sie würden sich auch im späteren Leben nie zu einer sozialen Tätigkeit tauglich erweisen, wenn sie sich in der alten Richtung weiter entwickelten. Allen diesen Kindern aber wird geholfen, wenn man sie aus der Sackgasse, in die sie sich verrannt haben, herausführt. Die Tätigkeit der Beratungsstelle besteht darin, den Eltern und den Erziehern die Wege zu weisen, wie hier zu helfen ist, besonders dem Kinde selbst zu helfen, denn ein außerhalb der Gemeinschaft Lebender ist ein Unglücklicher.
Ein sechsjähriger Knabe, der in der Schule absolut nicht mitkommt, hauptsächlich darum, weil er nicht ordentlich sprechen kann. Er spricht wie ein dreijähriges Kind, er hat einen Sprachfehler. Der Arzt untersucht ihn, findet keinen organischen Fehler. Er beginnt ihn und die Mutter auszufragen. Es stellt sich heraus, daß der Junge als kleines Kind von der Mutter maßlos verwöhnt worden ist. Jetzt ist das nicht mehr möglich, weil die Mutter arbeiten muß, um das für die inzwischen dazugekommenen Kinder nicht mehr ausreichende Einkommen des Mannes zu ergänzen. Es stellt sich auch heraus, daß der Junge seine zwei kleinen Geschwister nicht leiden kann und immer wieder feindlich gegen sie vorgeht. Auf Grund einer großen Erfahrung wird dem Arzte klar, daß sich der Junge in seine allerfrüheste Kindheit zurücksehnt, wo die Mutter sich nur mit ihm beschäftigt hat. Jetzt widmet sie, was ihr an Zeit bleibt, den kleinen Geschwistern, also will er auch klein sein. Er versucht das durch die Sprechweise der Allerkleinsten zu erreichen und erreicht es auch wirklich. Denn er kommt dadurch in der Schule nicht nach, zwingt seine Mutter, sich mit seinen Mißerfolgen, also mit ihm, zu beschäftigen und ihre Aufmerksamkeit doch wieder ihm zuzuwenden. Aber er bezahlt diesen Erfolg zu hoch. Denn die Mutter ist böse mit ihm, der Lehrer ist böse, seine Kameraden lachen ihn aus. Und es ist höchst interessant, zu sehen, wie dieser kleine Junge, als man ihn in für sein Alter faßbarer Weise darüber aufklärte, wie unzweckmäßig dieses sein Vorgehen sei, wie dieses kleine Kind seine fehlerhafte Methode aufgab. Besonders dann, als die Mutter, der man den Rat gab, ihn im Hause zu kleinen Dienstleistungen heranzuziehen, ihm kleine Funktionen übertrug, ihm also eine Machtstelle einräumte, die es überflüssig machte, durch Kniffe Macht erobern zu wollen. Er ist heute von den Ungenügend zu den Gut gelangt und spricht ganz deutlich.
Ein zweiter Junge, dreizehnjährig. Er lernt gar nichts, macht nie eine Aufgabe, stört den Unterricht ständig durch nicht dazu gehörige Fragen, belästigt alle Lehrer durch Anbieten von völlig unbrauchbaren Gegenständen. Zu Mädchen ist er zudringlich und roh. Sein Klassenlehrer berichtet dies alles und erzählt auch, daß sich der Junge mit seinen Eltern absolut nicht verträgt. Dann kommen die Eltern und das Kind zu dem leitenden Berater. Die Mutter erzählt ungemein gesprächig, was sie alles für das Kind tut, sie meint, besser könne man gar nicht aufpassen, zu allem und jedem halte sie ihn an und auch mit Ohrfeigen werde gar nicht gespart. Es entwickelt sich vor dem Zuhörer aus diesem Bericht der Mutter das Bild eines Kindes, dem man zu Hause jede Selbständigkeit genommen und das man durch unzweckmäßige Strafen, wie die reichlichen Ohrfeigen, vollkommen abgestumpft hat. Die Mutter, die ein kleines Geschäft führt und sich nur in den Pausen um das Kind kümmern kann, will das dadurch wettmachen, daß sie in der ihr verbleibenden Zeit besonders konzentriert erzieht. Sie kommandiert unaufhörlich mit dem Buben herum, nimmt ihm dadurch jeden Trieb, selbst etwas zu machen, bestraft aufs energischeste jede Widersetzlichkeit und bringt das Kind dadurch in eine Trotzstellung. Der Bub hat das Gefühl, er wäre sowieso zu gar nichts nutz, ist dadurch für die Schule, also für den Hauptschauplatz seiner Tätigkeit, entmutigt, versucht es gar nicht mehr, ordentlich zu lernen, da er aber doch wie jeder eine Machtstellung anstrebt, so versucht er, sie auf Nebenschauplätzen zu erreichen. Er ist besonders mutig im Anführen zu schlechten Streichen, besonders vordringlich und frech zu den Lehrern. Auch dieses Kind wurde auf das Unzweckmäßige seiner Lebensführung aufmerksam gemacht. Außerdem bot ihm der sehr verständnisvolle Lehrer eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen; er hatte seine Vorliebe für Turnen bemerkt; durch entsprechende Aufmunterung bildete sich der Junge zu einem vorbildlichen Turner aus, sein Selbstgefühl wurde dadurch gestärkt, und er hat es nunmehr nicht mehr so nötig, sich unbedingt und mit allen Mitteln auffällig zu machen. Außerdem wurde die Mutter gebeten, ihn kameradschaftlicher zu behandeln, in ihrer Erziehung Atempausen eintreten zu lassen und die Ohrfeigen ganz zu vermeiden. So konnte sich das ständig niedergetretene Selbstgefühl wieder aufrichten. Auf Grund vieler analoger Fälle darf man hoffen, daß es auch mit diesem Jungen aufwärts gehen wird.
Jetzt kommt ein bildhübsches, sehr gut gehaltenes neunjähriges Mäderl der dritten Volksschulklasse. Man sieht ihr an, daß sie in liebevoller und achtsamer Umgebung lebt, und trotzdem klagt die Lehrerin über absolute seelische Verwilderung. Das Kind stört durch Wutanfälle von höchster Intensität den gesamten Unterricht. Besitzt ein andres Kind einen Gegenstand, der Interesse für sie hat, so nimmt sie ihn einfach mit Gewalt weg. Durch nichts ist sie zu bewegen, einem andern Kinde einen Gefallen zu erweisen. In den Unterrichtsfächern versagt sie völlig. Das war aber nicht immer so, erst nach der Rückkehr aus einer Sommerkolonie sei sie so geworden. Der Arzt konstatiert einen Hüftgelenkschaden, der ein leichtes Hinken zur Folge hat. Durch Befragen erfährt man, daß die Kleine eben beim Aufenthalt in der Kolonie folgendes erlebt hat: Bei einem gemeinsamen Spaziergang, der unter Führung und Aufsicht einer Schwester stattfand, stieß unsere Kleine eine Gefährtin aus Unachtsamkeit ins Wasser. Die Aufsichtsperson beantwortete den Vorfall damit, daß sie das Kind von den gemeinsamen Spaziergängen ausschloß. Man kann sich leicht in dessen Gemütsverfassung denken, als es so allein bei schönstem Sommerwetter zu Hause eingeschlossen wurde. Diese Art zu strafen ist ein Vorbild dessen, was Strafe nie sein darf. Isolierung, Abdrängen von der Gemeinschaft, das muß immer schaden. Gebessert wird nur, wer den Weg zur Gemeinschaft zurückfindet. Hier hatte die sinnlose Art der Strafe zur Folge, daß sich das Kind für seine Isolierung rächte und daß es so wurde, wie es jetzt ist. Dieser Fall ist besonders schwer, weil schon der vorhandene körperliche Schaden ein Gefühl der Ausgeschlossenheit, der Minderwertigkeit hervorruft. Solche Kinder neigen schon deshalb zu einer feindlichen Einstellung gegen die Gemeinschaft, weil sie sich dort als benachteiligt empfinden gegenüber den ganz Gesunden. Sie geraten dadurch auf die erstaunlichsten Nebenwege, wenn nicht jemand da ist, der ihnen die Zusammenhänge weist. Der Kleinen wurde erklärt, wie es gar nicht darauf ankomme, ob man gerade recht oder unrecht habe, einen Erfolg oder eine Niederlage erlebe. Man sprach ihr ermunternd zu, und sie schien zu begreifen, was man ihr sagte, sie begriff auch, daß man trotz des Hüftschadens und trotz der erlittenen Ungerechtigkeit ein sehr geachtetes Mitglied der dritten Klasse (also ihrer Gemeinschaft) sein könne, auch wenn man dort nicht durch Faustrecht zu herrschen suche. Und wenn sie es begriffen hat, dann wird sie von ihrer Methode sicher abgehen.
Der letzte Fall ist wohl der traurigste. Ein großes kräftiges Mädel von vierzehn Jahren, man könnte sie für achtzehn halten. Gegenstand der Beratung sind immer wiederholte Eigentumsdelikte. Sprechen will sie nicht, Fragen beantwortet sie nicht. Durch unermüdliche Geduld und Erfindungsgabe bringt der leitende Berater sie doch zum Sprechen. Es kommt stockend und widerwillig endlich folgende Lebensgeschichte zutage: Uneheliches Kind, bei Pflegeeltern aufgewachsen. Die Pflegemutter erzählt ihr immer wieder, wie dankbar sie ihr sein müsse. Die eigene Mutter, diese schlechte Person, kümmere sich nicht um sie, und sie, eine Fremde, die gar keine Verpflichtung gegen sie habe, erweise ihr so große Wohltat. Kurz, sie tut mit großem Fleiß alles, was geeignet ist, in der Seele dieses Kindes eine völlige Verwüstung anzurichten. Die selbstverständlichen schlimmsten Folgen traten ein, mußten eintreten. Das Kind fühlte sich aufs tiefste gedemütigt, fühlte sich ihren Kolleginnen gegenüber im ärgsten Nachteil und fühlte statt Dankbarkeit nur Trotz gegen ihre Pflegemutter. Was tat sie nun, um ihre Stellung zu verbessern? Sie geriet auf den unglückseligsten Gedanken, ihre sozialen Nachteile durch materielle ausgleichen zu wollen. Hatten die andern eine ordentliche Mutter, so hatte sie dafür das schönere Federpennal, den feinsten Tintenwischer, die reichlichsten Näschereien und ähnliches. Und da sie kein Geld hatte, da aber diese Dinge für ihre irregegangene Psyche unentbehrlich waren, so bestahl sie ihre Pflegemutter. Sie tat das um so unbedenklicher, als ja nicht das kleinste Gefühl für die in ihrem Herzen lebte. Sie kam in ein andres Haus, wo sie als vollwertiges, gleichgestelltes Mitglied behandelt wurde, die Diebstähle haben aufgehört.
Aus allen diesen Fällen ersehen wir, wie wünschenswert es ist, daß Pädagogen sich mit den Grundsätzen, die Dr. Alfred Adler in seiner Individualpsychologie niedergelegt hat, [¿vertraut machen?]. [ilegible]
Fuente: Arbeiter-Zeitung (Viena), n.º 127, sábado 9 de mayo de 1925, p. 11, en la página «Erziehung und Unterricht»; reportaje firmado con unas iniciales que no se leen. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek), cotejada con el OCR de la ÖNB y con un OCR propio de Fraktur. Ortografía original. Las últimas palabras («vertraut machen») y las iniciales de la firma están borrosas en la imagen; las primeras se leen por conjetura. El reportaje empieza en la segunda columna de la página y ocupa toda la tercera.