Der triumphierende Besiegte.
Ein Vortrag Dr. Adlers über Sadismus und Masochismus.
Es bedarf eines Einzelfalles, um einen Zustand zu charakterisieren, ein Schicksal muß auf die Tribüne gestellt werden, damit man dem Schicksal Zahlloser Beachtung schenkt.
Wir haben es noch immer nicht gelernt, bei Schuld und Schicksal mehr zu sehen als die Endsumme, die Verirrung, das Verbrechen an sich.
Wer von uns hat Einsicht, Geduld und Menschenliebe genug, diese Endsumme in einzelne Posten aufzuteilen, den Weg zurückzutasten, den jene gingen, deren Ziel uns so unbegreiflich, so finster, so rätselhaft erscheint?
Ach, wir sind an allen Schuldigen schuldig geworden und unsere Ungeduld, unsere Ignoranz und unser unmenschliches Pharisäertum sind schlimmer als das schlimmste Vergehen, grausamer als die grausamste Schuld.
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Der „Sadisten-Prozeß“, der sich vor kurzem hinter den gut besetzten Schlüssellöchern eines geheimen Verfahrens abspielte, hat es vermocht, die Öffentlichkeit im guten und im schlechten Sinne aufzurütteln. Und das Publikum, dem dieser Sensations-Abfall serviert wurde, war schnell bereit, sich aus den verzerrten und lückenhaften Berichten ein Urteil zu bilden, um damit das Urteil, das jeder medizinischen und psychologischen Erfahrung ins Gesicht schlägt, zu bestätigen.
Man machte aus der krankhaften Veranlagung an sich — nicht aus ihrer wiederholt angezweifelten und nur einseitig bestätigten materiellen Verwertung — ein strafbares Delikt und reihte dieses Vergehen zum ersten Male in eine Kategorie ein, deren Umfang bisher ein engbegrenzter und durchaus eindeutiger war.
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Über diese Verirrungen — und nur über sie, völlig losgelöst von den Personen des Prozesses und seiner Auffassung durch das Gericht — sprach vor kurzem im Rahmen eines Vortrages der Individualpsychologe Dr. Alfred Adler. Er berichtete über einen Fall von Masochismus und Sadismus, den er an einem etwa dreißigjährigen Patienten beobachtet hatte.
Der Patient ist das einzige Kind sehr vermögender Eltern. Der Vater ist ein weichherziger, nachgiebiger, leicht beeinflußbarer Mensch, der es nie übers Herz brachte, die oft gierigen und zügellosen Wünsche des Einzigen zu wehren. Das Kind sah sehr früh ein, daß es leicht möglich war, den Vater zu beherrschen. Dieser Milde gegenüber stand die große Energie der Mutter, die aus einer Familie stammt, die immer den Frauen das Regiment zu führen überließ.
Diese Frau war von eiserner Konsequenz und Strenge, die sie gelegentlich mit körperlichen Strafen verband. Sie war außerdem sehr ehrgeizig und forderte ebenso wie von sich selbst, auch von ihrem Sohn Höchstleistungen, die weit über die Fähigkeiten des zarten Knaben hinausgingen.
Das Kind lernte gut, faßte rasch auf und zählte zu den erfolgreichsten Schülern. Nach ihrem Wunsche aber sollte er der Beste sein und jede Nachfrage in der Schule, jede Klassifizierung gab Ursache zu den heftigsten Vorwürfen.
Diese Unterdrückung und Beherrschung des Kindes nahm mit den Jünglingsjahren nicht ab und erhielt sich bis auf den heutigen Tag. Während des Krieges, den der junge Mann in sehr exponierten Stellen mitmachte, war jede Urlaubsreise die Ursache heftiger Zusammenstöße. Das erste Wort, das die Mutter für den Heimkehrenden hatte, war jedesmal die Frage nach einer Auszeichnung. Und das vorwurfsvolle: „Warum hast du noch keine Tapferkeitsmedaille?“ vergällte ihm die ganze Urlaubszeit.
Die erotische Empfindung trat bei dem Patienten außerordentlich früh in Erscheinung. Und von allem Anbeginn war es das Gefühl der Angst, der Erniedrigung, des Sinkens, das ihn geschlechtlich erregte.
Das Kind hatte nun zweierlei Erfahrungen gewonnen: Daß es möglich war, durch Energie, durch maßloses und dezidiertes Fordern zu herrschen (dem Vater gegenüber) und daß es weiters möglich war, sich durch Erniedrigung, durch Selbstverkleinerung, durch Bitten, durch Weinen, der Härte der Mutter einerseits zu entziehen, anderseits aber aus diesen Gefühlen sexuelle Erregung zu gewinnen. Der Knabe trug eine Mischung beider Charaktere in sich, vor allem aber verzerrt, zur Karikatur geworden, das Bild der Mutter.
Das Minderwertigkeitsgefühl, das durch die fortwährende Herabsetzung der Leistung und die Überspannung der Forderungen in dem Kinde und dem Jüngling ausgebildet worden war, und das durch Äußerlichkeiten, durch seine schwächliche Konstitution, durch einen leichten Sprachfehler noch verstärkt wurde, ergriff nun gleichermaßen die Stellung des Patienten zur Umwelt: zur Gesellschaft, zur Arbeit und zur Frau.
Er fühlte sich, obwohl dies durch seine Fähigkeiten und seine gute Bildung absolut nicht begründet war, unfähig, irgend einen Beruf auszufüllen. Er zog sich völlig von der Gesellschaft zurück, hatte keinerlei Frauenbekanntschaften, keine Freunde.
Es ist nun selbstverständlich, daß die ungezähmte Sexualität, von der der Patient beherrscht wurde, in irgend einer Weise Befriedigung forderte. Der Weg zur Frau, vor der er sich einerseits fürchtete und die er anderseits beherrschen wollte, war durch die Spannung gegenüber der Mutter völlig zerstört worden. Nach wie vor brauchte er, um in sexuelle Erregung zu kommen, das Gefühl der Erniedrigung, die Vorstellung von Leiden, seiner Leiden und der Leiden anderer, die er auf sich transponierte.
Die ganzen Erfahrungen seines Lebens vermochten nicht, den Eindruck der Mutter zu verwischen, der gegenüber er noch immer der Erniedrigste, Gezüchtigte, vor der er noch das Kind war. Seine Mutter war groß, er klein, sie war Mutter, er Kind, und aus diesem Kindsein kamen seine Leiden, die, nur ihm offenbar, einen süßen Kern in sich trugen.
Um sich nun in das Gefühl des Leidens hineinzuversetzen, das er zu seiner erotischen Befriedigung brauchte, mußte er als Kind leiden — oder, eine Ausflucht der Feigheit —, sich die Leiden anderer Kinder vorstellen.
Ein Bild, das er in früher Kindheit sah — der Moloch, der Kinder verschlingt, blieb ihm unvergeßlich, bis auf den heutigen Tag.
Es war aber durchaus nicht seine Tendenz, sich ohneweiters und endgültig zu unterwerfen.
Er schuf sich einen Gemütszustand, in dem er für alle Zukunft als Endabsicht festsetzte, sein erotisches Problem umzuwandeln, der scheinbar Unterlegene und Leidende, in Wirklichkeit aber durch die Gefühle, die er bei diesem Leiden empfand, der Überlegene und Sieger zu sein.
Ein Sieg auf geradem Wege — ob nun in geistiger, moralischer oder sexueller Hinsicht — war seiner Schwäche unmöglich geworden. So half er sich mit einer Verfälschung, einer unbewußten List. Er verachtete die Gesellschaft, die ihn zu einer bescheidenen Stellung verurteilt hätte, mied sie und schaffte sich durch diese Distanz eine scheinbare Überlegenheit. Er mied die Frau, vor der er sich unsicher fühlte, mied die Arbeit, in der er versagt hätte, und war nun der Triumphierende aus der Entfernung.
Aus dieser Welt der Einbildung, in der der junge Mann lebte, war es zur Wirklichkeit nicht mehr weit.
Der Zufall führte ihm eine ähnlich geartete, herrische, geistig hochstehende, außerordentlich mütterliche Frau in den Weg, in der er sofort die Mutter sah, diese Mutter, vor der er sich erniedrigen mußte, um sie zu beherrschen. Sein scheinbarer Masochismus war nichts anderes als Sadismus, denn die Leiden, die er selbst fühlte und bei anderen kraft seines unerhörten Trainings mitfühlte, litt er ja eigentlich nicht selbst. Er spielte in Demütigung, mit Bitten und Weinen jene Rolle, die er seiner Mutter vorgespielt hatte und die ihn für den Augenblick ihrer Macht entzog und das Gefühl des Triumphes verlieh.
Er glaubte durch den verfälschten Sieg über diese Frau, die er durch seine scheinbare Schwäche immer dorthin brachte, wo er sie haben will, seine Mutter zu überwinden.
Der Patient hat als äußeres Charakteristikum eine seltsame, auffallende Art zu gehen. Er taucht bei jedem Schritt unter, um plötzlich in die Höhe zu stoßen. Noch auffälliger ist seine Handbewegung, mit der er alles, Menschen, Bücher, Ereignisse, abtut — eine rasche, heftige Bewegung, die Verachtung ausdrückt und einem Peitschenhiebe gleicht.
Die Formel, auf die er sein ganzes Leben gebracht hat, ist in wenigen Worten auszudrücken: „Weil ich so schwach bin, muß ich durch List trachten, der Stärkste zu sein.“
Dr. Adler schloß seine Ausführungen über diesen Fall, einen unter hundert, mit den Worten:
„Die Öffentlichkeit glaubt sich durch den heutigen Stand der Gesetze berechtigt, solche Menschen als Verbrecher zu sehen und sich vor ihnen abzuschließen. Sie sind in Wirklichkeit sehr arme Menschen, ewig Flüchtige, Fremdlinge, die das Unglück hatten, das wichtigste und wertvollste Gut zu verlieren — den Kontakt mit der Umwelt, der ihnen im Gefängnis völlig verloren geht.“
Ej.
Fuente: Der Tag (Viena), n.º 564, martes 24 de junio de 1924, p. 3; crónica firmada «Ej.» (sin identificar), que ocupa la mitad inferior de las tres columnas de la derecha y sigue en lo alto de la última; en la primera columna lleva una caricatura de Adler dibujada y firmada, sin pie. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_tag19240624, imagen 3, descargada mediante el manifiesto IIIF público el 21-10-2026), cotejada con un OCR propio de Fraktur (tesseract frk+deu); no había texto local previo. Ortografía original; el espaciado se da en cursiva y los pasajes en negrita del original, en negrita. Erratas de imprenta corregidas: «Frauenbekanrtschaften» (Frauenbekanntschaften), «ir irgend» (in irgend), «evniedrigen» (erniedrigen), «himdert» (hundert); se conserva «wo er sie haben will». La crónica no da la fecha ni el lugar de la conferencia («vor kurzem im Rahmen eines Vortrages»); el «Sadisten-Prozeß» es, según la propia crónica, un juicio celebrado poco antes a puerta cerrada. Fila 8 del inventario de crónicas (AA1924-05 de la bibliografía).