Zur Kinderfreundebewegung

Von Gustav Schweitzer (Brünn)

Es ist ein erfreuliches Zeichen für die Entwicklung der Kinderfreundebewegung, daß ihre Tätigkeit sich nicht auf die Alltagsarbeit in den Organisationen beschränkt, sondern darüber hinaus auf geistige Vertiefung, vor allem auf ununterbrochene Weiterbildung der Amtswalter gerichtet ist. Dieser Wille spiegelte sich besonders scharf in dem im vergangenen Sommer in Schloß Kleßheim bei Salzburg durchgeführten Kurs. Er war von rund vierzig Funktionären der Kinderfreundebewegung besucht. Außer Österreichern waren vier Vertreter aus den deutschen Gebieten der Tschechoslowakei, zwei Reichsdeutsche und zwei Holländer anwesend. Als Kursleiter fungierte Genosse Dr. O. F. Kanitz (Wien), als Lehrer Genosse Dr. Alfred Adler (Wien), Genosse Dr. J. L. Stern (Teplitz-Schönau) und Genossin Kuhe (Wien).

Genosse Dr. Alfred Adler erläuterte in sechs Vorträgen die große Bedeutung der

Psychologie des Kindes

für die Tätigkeit des Erziehers.

Die Art und Weise, wie kindliche Vergehen gewöhnlich behandelt werden, ist grundsätzlich abzulehnen. Hat das Kind einen Fehler begangen, so wird es ermahnt, häufig auch ausgescholten oder bestraft. Ist damit der Fall erledigt? Daß Sittensprüchlein und Ermahnungen in aller Regel danebengehen, ist bekannt, eigentlich selbstverständlich. Das Kind weiß ja, womit es gefehlt hat; die Moralpredigt sagt ihm nichts Neues, hilft ihm nicht. Und die Strafe? In den meisten Fällen wird ganz unvernünftig gestraft. Die Durchschnittserzieher sind noch immer pädagogische Kurpfuscher, die alle Defekte der kindlichen Seele mit Prügeln heilen wollen. Aber auch wenn die Strafe, wie es sein soll, vom Kinde als natürliche Folge seines Vergehens erkannt wird, bleibt damit die Angelegenheit unerledigt. Der wahre Erzieher muß dem Übel auf den Grund gehen, muß die Ursachen beseitigen, aus denen der Fehltritt hervorgegangen ist. Ja, noch mehr! Wer wirklich erziehen will, muß vorzubeugen wissen, muß nach Möglichkeit verhüten, daß Fehler geschehen. Das setzt freilich voraus, daß der Erzieher den Seelenzustand des Kindes, die Umgebung, in der es lebt, die Situationen, die ihm gefährlich werden können — kurz, alle Faktoren genau kennt, die das Handeln des Kindes bestimmen.

Wie diese Einsicht im Einzelfall gewonnen werden kann, ergibt sich aus dem individuell-psychologischen Fragebogen, den Dr. Adler zur Grundlage seiner Vorträge machte. Jede Frage ist das Ergebnis jahrelanger praktischer Arbeit, jede Antwort gibt wichtige Aufschlüsse über das Seelenleben des Kindes. Der Fragebogen wurde angewendet auf typische Fälle, die der Referent erörterte, aber auch auf bestimmte Einzelfälle, die von den anwesenden Hortleitern zur Diskussion gestellt wurden. Er erwies sich ausnahmslos als verläßlicher Wegweiser und Berater. Besonders lehrreich war die originelle Charakteristik bestimmter Kindertypen. Im Grunde genommen lauter alte Bekannte. Nur daß man sie diesmal nicht wie gewöhnlich als fertige Einzelwesen, sondern in ihrer Entwicklung, in ihren Beziehungen zur Umwelt kennenlernte. Dabei wurden vielfach Zusammenhänge offenbar, die man sonst leicht übersieht und die gerade für den Erzieher von größter Bedeutung sind. Da ist beispielsweise der trotzige, ja tückische Junge, der nicht „parieren“ will, obwohl er doch zu Hause so strenge gehalten wird. Obwohl? Vielleicht eben deshalb. Es gibt nichts Unerträglicheres für die kindliche Seele als andauernde Unterdrückung. Wer sie übt, darf sich nicht wundern, wenn das Kind rebelliert und in dem ungleichen Kampf gegen seine Umgebung zu Mitteln greift, die uns mißfallen. — Da ist weiter das begabte, aber faule Kind. Das heißt: Die nächsten Anverwandten preisen die Begabung, die übrigen Menschen merken gewöhnlich nur die Faulheit. Adler meint, daß die Trägheit solcher Kinder mindestens teilweise der Angst entspringt, ein Mißerfolg könnte den Nimbus der Genialität zerstören. Sicher ist, daß Kinder lieber für faul als für dumm gelten. — Da ist schließlich, um nur noch

einen Fall herauszugreifen, das ungeschickte Kind. Selten nur findet sich ein Erzieher, der nach der Ursache des Übels forscht. Sogar ein so leicht festzustellender Mangel wie die Linkshändigkeit wird in vielen Fällen übersehen. Man tadelt, spöttelt, aber man hilft dem Kinde nicht! Dieses verliert das Vertrauen zu sich selbst, fürchtet den Spott der Kameraden, zieht sich von ihnen zurück und wird in der Regel ein verbitterter, unglücklicher Mensch. In ähnlicher Weise analysiert Adler den Fall des einzigen, des jüngsten, des körperlich mißgestalteten, des geistig zurückgebliebenen Kindes und anderes mehr. Immer geht er aus von dem Einzelschicksal, forscht nach den typischen Erscheinungen und sucht schließlich nach allgemein geltenden Gesetzen. Als Ergebnis der letzten Art sei vor allem festgestellt, daß sich die Verfehlungen der Kinder in aller Regel auf die gleiche Wurzel zurückführen lassen, aus der auch alle Übel der kapitalistischen Gesellschaft stammen. Es sind in beiden Fällen die Laster einer Gemeinschaft, in der es Herrschende und Unterdrückte gibt, in der die einen nach Macht und Geltung streben, die anderen entmutigt beiseitestehen und einfach alles über sich ergehen lassen. Wer den Sozialismus will, darf keine Diktatoren, aber auch keine Sklavennaturen großziehen.

Wo sich Ansätze von Herrschsucht, Selbstüberhebung, Eitelkeit, von Unterwürfigkeit, Unselbständigkeit, Entmutigung zeigen, hat der Erzieher einzugreifen. Bei richtiger Behandlung wird der Erfolg nicht ausbleiben. Keinesfalls dürfen wir uns durch den Hinweis auf Vererbung, Milieu etc. entmutigen lassen. Es gibt keinen Fall, in dem die Vererbung seelischer Eigenschaften erwiesen wäre; die Ähnlichkeit im Charakter von Kindern und Eltern ist in aller Regel auf Nachahmung zurückzuführen. Erziehung kann die gegebenen Anlagen im guten oder im bösen Sinne beeinflussen, die Wirkung des Milieus abschwächen, in krassen Fällen ändern.


Fuente: Bildungsarbeit. Blätter für sozialistisches Bildungswesen (Viena), 1924, n.º 3/4, pp. 21-22, sección «Das proletarische Kind»; informe firmado por Gustav Schweitzer (Brno) sobre el curso de formación de monitores de los Kinderfreunde celebrado en el castillo de Kleßheim, cerca de Salzburgo, en el verano de 1923 («im vergangenen Sommer»). Transcripción hecha sobre la imagen de las páginas (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek), cotejada con el OCR de la ÖNB (letra romana, de buena calidad). Se transcriben la entradilla y el apartado entero sobre las conferencias de Adler; los demás apartados del informe, que tratan de otros profesores del curso, se omiten y se señalan en comentarios. Las palabras espaciadas se dan en cursiva.