Das Seelenleben des Proletariats. Im Rahmen des vom Gewerkschaftskartell veranstalteten Vortragszyklus sprach vergangenen Montag Genosse Dr. Alfred Adler über obiges Thema. Hat der rohe, ungeschliffene, robuste Arbeiter eine Seele? Es gibt Menschen von der besitzenden Klasse, die dem Arbeiter ein Seelenleben absprechen, die in dem Arbeiter nur das Arbeitstier sehen und ihn als solches bewerten. Das Proletariat aber müsse sich über sein eigenes Wollen und über seine Weltanschauung Klarheit verschaffen. Der Sinn des Lebens ist für den Arbeiter die Arbeit. Er ist der Träger der Produktion, der Schaffer aller Werte und der Träger der Kultur. Und doch wird er von den herrschenden Klassen von allem Lebensgenuß ausgeschaltet. Die Gemeinsamkeit der Interessen aller Arbeitenden fördern das Gemeinschaftsgefühl und die Zusammengehörigkeit aller Arbeitenden. Den Arbeiter trennt kein Interessengegensatz von seinem Arbeitsbruder. Auch in der Familie des Arbeiters gibt es keinen Interessenstreit und schon frühzeitig lernt das Kind des Proletariers den Wert der Gemeinschaft kennen. Das Streben der Arbeiterklasse nach Macht und Einfluß entspringt nicht der Befriedigung der egoistischen Bedürfnisse der eigenen Klasse. Davor ist die Arbeiterschfat in ihrem Kampfe gefreit, da hinter ihr keine Klasse mehr ist, die sie unterdrücken kann. Die Befreiung der Arbeiterschaft bedingt die Befreiung der Menschheit. Anders das Bürgertum, das sich nur im Kampfe aller gegen alle behaupten kann. Der Egoismus, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ohne Rücksichtnahme auf die anderen, ist vielleicht manchmal auch unbewußt, oberster Grundsatz der Erziehung, das Streben nach persönlicher Macht läßt kein Gemeinschaftsgefühl aufkommen, höchstens dort, wo das Interesse der Klasse, die Erhaltung der Macht es verlangt. Es ist aber auch möglich, daß das Streben nach Macht und Ueberlegenheit übergreift auf einzelne Individuen des Proletariats. Diese Menschen verfallen leicht, wenn sie nicht durchdringen, der Kritisiererei der anderen, in Nörgelei. Dieses Streben hängt auch zusammen mit dem Nehmenwollen. Die herrschende Klasse ist immer bereit zu nehmen, während es die historische Aufgabe des Proletariats ist, zu geben und nicht für den einzelnen, sondern im Interesse der Allgemeinheit.

Vielen Proletariern haftet von ihrer Kindheit ein derartiger Pessimismus an, ein Mangel jeder Selbständigkeit, daß sie bei der geringsten auftauchenden Schwierigkeit an dem Erfolg, an dem Fortschritt verzweifeln. Unsere Aufgabe ist die Aufrüttelung und Aufrichtung dieser Menschen. Hier müssen wir bis in die Kindheit zurückgreifen und unsere Kinder so erziehen, daß sie nicht den Glauben verlieren, wir müssen ihnen ihre Selbständigkeit frei entwickeln lassen und zum Gemeinschaftsgefühl erziehen. Unsere Kinder sollen wir auch nicht mit Schlägen erziehen. So manchmal entspringen die Schläge, die ein Vater seinem Kinde gibt, nur der eigenen Ungeduld. Man darf nicht selbst in Machtgier verfallen und den Herrn im Hause spielen. Wenn wir bei den Kindern das Gemeinschaftsgefühl entfalten, wenn wir ihnen die Verwerflichkeit des Strebens nach Macht und Ueberlegenheit über die anderen zugunsten der eigenen Person zeigen, dann bilden wir uns selbst weiter. Was wir an Wille zur Macht besitzen, das soll nicht verwendet werden dazu, daß wir sie gegen den Mitmenschen, gegen den Bruder verwenden, sondern im Interesse des gesamten Proletariats. Jeden Mißratenen müssen wir als einen Irregeleiteten betrachten, der sich auf Kosten der anderen über die anderen erheben will und wir müssen ihn durch Ueberzeugung wieder für uns gewinnen.

Der Vortrag, dessen Inhalt wir nur ganz kurz wiedergeben, war sehr lehrreich und fand bei den sehr zahlreich erschienenen Genossen reges Verständnis und lebhaften Beifall.


Fuente: Gleichheit (Wiener Neustadt), año 27, n.º 61, viernes 13 de agosto de 1920, p. 2, en la sección local; crónica sin firma. Transcripción hecha sobre la imagen de la página (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek), cotejada con el OCR de la ÖNB, con un OCR propio de Fraktur y con la reimpresión. Ortografía original; las palabras espaciadas se dan en cursiva. Se respetan las erratas «Arbeiterschfat» y «gefreit» (la reimpresión corrige en «Arbeiterschaft» y «gefeit», que es sin duda lo que se quiso decir) y la concordancia «Die Gemeinsamkeit ... fördern». La crónica se reimprimió casi sin cambios, como pieza miscelánea de la sección «Verschiedenes», en el Neues Zentral-Organ der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten (Viena), 1 de enero de 1921, p. 4 (ANNO), con estas variantes: «sprach kürzlich» (por «vergangenen Montag»), «fördert», «gefeit», «an dem Erfolg verzweifeln» (sin «an dem Fortschritt»), «wir müssen sie ihre Selbständigkeit», «an Willen zur Macht», y sin espaciados en varios pasajes. La conferencia, «Das Seelenleben des Proletariats», se había anunciado para el lunes 9 de agosto de 1920 (Gleichheit, 30-7-1920, p. 3).