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Title: Filmzauber
Description: Der Sonntag. Beilage des Prager Tagblatt, 59. Jg., Nr. 163, 15. Juli 1934, S. 11. Gezeichnet: Ping.
Author: Otto Rühle («Ping»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1934-07-15%20Filmzauber
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<!-- S. 11 -->

Ping:

# Filmzauber

Draußen vor der Stadt, eine Autostunde Wegs, wurde gefilmt. Schon am frühen Vormittag war das ganze Ensemble aufgebrochen. Der Hochwald, der den Höhenrücken bis zum Horizont bedeckte, barg in seinem Innern eine wilde und malerische Romantik. Hier wurden ganze Serien von Großaufnahmen, Gruppen und Episoden gedreht. Die Autos standen auf schattigen Waldwegen und die Chauffeure lagen Zigaretten rauchend herum. Die Lastautos mit Apparaten, Requisiten, Filmkassetten und Reflektoren waren in eine Waldschneise eingebogen, um bei den Operationen näher zur Hand zu sein. Eine Waldlichtung bildete zuerst den Schauplatz. Hier spielte sich viel ab. Eine erste Begegnung … ein Liebesidyll im Grün … ein Picknick … ein Elfenreigen. Immer mit Wiesenflächen, Sommerblumen, Gebüsch und waldigem Hintergrund. Eine reizvolle Landschaft. Eigentlich spielte der Film in Schweden. Aber warum erst nach Schweden fahren, um Rasen und Wiesenblumen, Birken und Tannen vor die Kamera zu bekommen? Das hat man in der Tschechoslowakei ebensoschön. Was an Lokalkolorit und bodenständigem Interieur nötig war, lieferten Atelierkunst und Architektur. Zur Not würde man noch ein paar Aufnahmen in Lübeck, Wismar oder Stralsund machen und später an passender Stelle einfügen. Jetzt wurden Wald und Wiese gebraucht, und die standen so echt wie schwedisches Original zur Verfügung.

Die Arbeit ging flott vonstatten. Das Licht war gut und die Schauspieler legten ihre Rollen sauber hin. Nur einmal trat eine Störung ein. Beim Picknick lagerte sich der ganze Chorus um eine leckere Schwedenplatte, die im Nu verzehrt war. Das gab eine prächtige Aufnahme, ganz realistisch, ungekünstelt, lebensecht. Plötzlich kriegte einer der Darsteller im letzten Moment einen unprogrammäßigen Hustenanfall, so daß ihm Fischsülze, Krabben und Hummersalat aus Nase und Ohren flogen. Es gab ein Donnerwetter und die Szene mußte wiederholt werden. Aber da war keine Schwedenplatte mehr da. Ein Picknick ohne Schwedenplatte — das ging auf keinen Fall. Also mußte ein Auto mit 90-Kilometer-Geschwindigkeit in die Stadt jagen und eine neue Schwedenplatte holen. Zum Glück blieb diesmal der Hustenanfall aus.

Nun sollte noch eine Autofahrt folgen. Und zwar auf der Landstraße nach Dagensholm, die von der Chaussee nach Nybörk abbiegt. So hatte sich das der Verfasser des Drehbuchs gedacht. Im Film mußte der Chauffeur, so lautete die Anweisung des Regisseurs, vor dem Wegweiser ein wenig stoppen, um sich zu vergewissern, daß die Straße auch wirklich nach Dagensholm führte. Es war also ein Wegweiser erforderlich, der an der Gabelung der Straße zu stehen hatte. Da man jedoch in der Tschechoslowakei keine schwedischen Wegweiser hat, war in weiser Voraussicht des Requisiteurs ein solcher mitgebracht worden. Er wurde eingepflanzt und die Szene sollte gedreht werden. Da ließ plötzlich das Licht nach, ein Gewitter zog herauf, jäher Sturm fiel in die Wipfel der Bäume und trieb zum raschen Aufbruch. „Also morgen früh weiter!“ brüllte der Regisseur und alles stürzte davon.

Zurück blieb, ganz allein und verlassen, der schwedische Wegweiser in den Landesfarben, frisch gemalt und eingegraben; an seinen ausgestreckten Armen, die wie hilfeflehend in die Luft ragten: Dagensholm 6 Kilometer — Nybörk 9 Kilometer. Erst morgen würde er im Verlauf der Filmszenen an die Reihe kommen. Bis dahin würde er allein im Walde stehen und warten müssen. Ganz traurig stand er da.

Plötzlich flitzte ein Auto heran. Ein Prager Auto, wie das Rückschild auswies. Der Chauffeur stutzte, der Wagen ruckte … Eine Sekunde schien es, als ob er halten wollte. Doch die Fahrt ging weiter …

Dann ein zweites Auto. Der Chauffeur verlangsamte das Tempo, hielt an, beugte sich zum Fenster heraus, starrte den Wegweiser an, schüttelte den Kopf … und fuhr nachdenklich weiter. Komisch, dieser Wegweiser … mochte er sich sagen. Und schon war er davon.

Ihm folgte ein deutscher Wagen. Er fuhr dicht an den Wegweiser heran und machte halt. Der Chauffeur öffnete und trat heraus. Beguckte den Wegweiser von allen Seiten und erstattete durch das offene Fenster Bericht. Im nächsten Augenblick sprang ein Herr heraus, eine blonde Dame und ein unverfälschtes Gretchen mit Zöpfen folgten. Alle drei unterwarfen den Wegweiser einer gründlichen und ernsten Prüfung. Dabei tauschten sie laut und nachdrücklich ihre Meinungen aus. Schließlich holten sie die Autostraßenkarte heraus, breiteten sie aus und suchten sich in der Gegend zu orientieren. Es gab ein umständliches Hin und Her. Endlich verstauten sie sich wieder im Wagen und fuhren davon. „Bei uns …“, hörte man noch, dann entzog sie die Staubwolke dem Blick.

Der nächste Wagen war ein Autobus, der täglich viermal diese Strecke fährt. Der Chauffeur reckte den Hals schon von weitem und der Wagen stand wie vom Donner gerührt. Mit gleichen Beinen sprang der Chauffeur herunter und wie entgeistert glotzte er den Wegweiser an. Er nahm die Mütze ab, kratzte sich den Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Was ist denn das?“ fragte er aufs höchste erstaunt. „Ist denn da der Teufel im Spiel?“ Er buchstabierte, sah sich verlegen um, machte einige Kreise um das Wunder, das vor ihm stand, und begann dann mit den Insassen des Autobusses, die verwundert ihre Köpfe heraussteckten, eine erregte Diskussion. Schließlich lief er querfeldein, um bei ein paar Bauern zu fragen, die dort arbeiteten …

Etwas abseits im Tannengebüsch, dem Blick der Straße entzogen, lag der Requisiteur der Filmgesellschaft, der der Urheber dieser Aufregungen war. Er war zurückgeblieben, um den Wald noch etwas zu genießen, und wurde so zufällig Zeuge der ergötzlichen Szenen, die sich vor dem Wegweiser abspielten. Er lachte sich halb tot und war am nächsten Morgen nicht müde, der Filmgesellschaft auf dem Wege zum Walde seine Erlebnisse zu erzählen. Das war ein Heidenspaß und alle wollten sich ausschütten vor Vergnügen.

Aber als sie an Ort und Stelle kamen, verging ihnen das Lachen. Wohl stand der Wegweiser noch an seinem Platz, wohl ragten seine Arme noch in die Luft. Aber wo lag Dagensholm? Wo Nybörk? Ueber Nacht hatten fremde, witzige Hände mit dickem Pinsel die Namen überstrichen und auf den neuen Farbgrund neue Namen gesetzt: Babice 6 Kilometer — Kocourkov 9 Kilometer. Der Spaßmacher hatte seinen Meister gefunden.

Erst als ein Auto in rasender Fahrt aus der Stadt Farbtopf und Pinsel geholt hatte, um den Wegweiser auf Schwedisch herzurichten, konnte der Film zu Ende gedreht werden.

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*Fuente:* «Ping», «Filmzauber», *Der Sonntag*, suplemento dominical del *Prager Tagblatt*, 59. Jg., n.º 163, 15 de julio de 1934, pág. 11, columna izquierda y comienzo de la segunda. Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340715, imagen 8); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).
