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Title: Baumgarten
Description: Der Sonntag. Beilage des Prager Tagblatt, 59. Jg., Nr. 111, 13. Mai 1934, S. 11. Gezeichnet: Ping.
Author: Otto Rühle («Ping»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1934-05-13%20Baumgarten
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<!-- S. 11 -->

Ping:

# Baumgarten

Wenn man vor der Ausstellungshalle die Straßenbahn verläßt, kommt man erst durch einen Papierwald. Straßenbahnbilletts, Butterbrotpapier, Zigarettenreste liegen in Menge herum. Man hat vergessen, ein paar große, sichtbare Papierkörbe für das liebe Publikum aufzustellen. Doch wahrscheinlich würde das liebe Publikum seine Papierabfälle gar nicht hineinwerfen. „Du sollst doch“, rüffelt Frau A. ihren Mann, „das Butterbrotpapier nicht auf die Erde schmeißen!“ — „Warum soll ich das nicht?“ fragt er erstaunt. „Papier gehört in den Wald! .. In Krč und in der Sarka macht man das auch so!“

Unter blühenden Kastanien und Fliederbüschen eine Reihe Bänke. Alle schon am frühen Vormittag besetzt. Pensionäre, die einmal Menschen gewesen sind, und Kinder, die erst Menschen werden wollen. Dazwischen Frauen, die die Sorgen des Alltags mit ins Grüne genommen haben. Erste Bank: „… Du sollst mich in Ruhe lassen! Spiele mit deiner Schaufel weiter! .. Wie kann ich mich denn um dich kümmern, wo ich noch den ganzen Berg Strümpfe zu stopfen habe?“ Zweite Bank: „… Da habe ich ihr gesagt, das gibt’s bei mir nicht! … Was Sie zerschlagen, müssen Sie bezahlen! .. Dritte Bank: „Das war doch eine famose Idee von mir … Jetzt, bei dem herrlichen Wetter, gehen wir jeden Nachmittag hier heraus … und spielen unsre Bridgepartie im Freien.“

Eine Kavalkade von Reitern und Reiterinnen saust vorbei. Geschmeidige Körper wippen elastisch in den Sätteln empor und biegen sich rhythmisch nach vorn. Alle selbstverständlich im Herrensattel. Wieso selbstverständlich? Ihr jungen Leute wißt nicht, daß dies für Damen einmal sehr shoking war. Aestheten, Moralisten und Hygieniker erklärten sich mit der ganzen Macht ihrer Autorität dagegen. Und heute? Dem Troß der Jungen, der hinter blühenden Hecken verschwindet, folgt eine würdige alte Dame, sehr vornehm, mit der steifen Grandezza von damals, im Damensattel. Welch ein Bild! Mir ist, als blätterte ich im Wartezimmer meines Zahnarztes in einem zerlesenen Jahrgang des „Světozor“, einem uralten Bande aus uralter Zeit … ich glaube … aus dem Jahre 1912 …

Ein junges Amselküken hat das Nest vorzeitig verlassen. Mit gelbem Flaum an den Schnabelrändern und noch ganz ohne Schwanz hüpft es piepend auf dem Platze herum. Die Amselmutter folgt ihm besorgt von fern, flattert ab und zu, pickt Futter und steckt es dem kleinen Tolpatsch in den Schnabel. Eine Mutter, den Kinderwagen vor sich schaukelnd, wirft ihnen Krümchen zu. Andere Mütter, ihre Kinder an den Händen, treten vorsichtig und leise heran und schauen auf den ängstlichen Piepmatz. Alle haben andächtige Gesichter. Alle sind von zärtlichen Gefühlen bewegt. Alle möchten für Mutter und Kind etwas Liebes tun … Muttertag …

Links und rechts vom Wege huschen Eichhörnchen durch Gras und Laub. Sie sind so zutraulich, daß sie dargereichte Nüsse aus der Hand nehmen. Abseits sitzt der Mann, der die Nüsse verkauft. Sein bauchiger Korb enthält viele Tüten und für alle Fälle hat er sich als Vorrat einen ganzen Sack voll Nüsse mitgebracht. „Ein gutes Geschäft?“ frage ich ihn. Er nickt. „Ostern war gut, auch Himmelfahrt … und die Eichhörnchen, die haben gefuttert … wenn zu Pfingsten der Baumgarten auch so gut besucht ist, da haben die Eichhörnchen bis 1936 ausgesorgt.“

Die Wiese liegt im Goldglanz von Millionen Löwenzahnblüten. Aus dem saftigen Grün des waldigen Hintergrundes tritt monumental eine blutrote Buche hervor. Weiden lassen ihre langen Schleier im Winde wehen. Flieder, Rhododendron, Quitte, weiße Büsche aller Art wetteifern in der Pracht ihrer Farben. Alles ist zauberhaft. Da erscheint mit Rattern und Dröhnen hoch im Himmelsblau eine Staffel von Flugzeugen. Und sofort verblaßt die süße Romantik der Landschaft vor dem Grauen der politischen Wirklichkeit. Giftgas, Brandbomben, Bakterienkrieg, Chaos … Aber noch siegt der Lebenswille. Trink dich satt an den Wundern dieses Frühlings! .. Wer weiß, ob es nicht dein letzter ist! …

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*Fuente:* «Ping», «Baumgarten», *Der Sonntag*, suplemento dominical del *Prager Tagblatt*, 59. Jg., n.º 111, 13 de mayo de 1934, pág. 11, columna derecha. Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340513, imagen 10); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Se conservan las grafías y la puntuación del original («shoking», puntos suspensivos de dos puntos, comillas sin cerrar tras «bezahlen!»). Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).
