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Title: Fahrt in die Baumblüte
Description: Prager Tagblatt, 59. Jg., Nr. 97, 26. April 1934, S. 3. Gezeichnet: Ping.
Author: Otto Rühle («Ping»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1934-04-26%20Fahrt%20in%20die%20Baumbl%C3%BCte
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<!-- S. 3 -->

Ping:

# Fahrt in die Baumblüte

Wir beschlossen, einen Sonntagsausflug ins Elbtal zu machen, um die Baumblüte zu genießen. Natürlich per Auto. Da wir aber selbst keins besitzen, klapperten wir die Liste unserer Freunde und Bekannten ab, die glückliche Besitzer eines Wagens sind. Habt Ihr nicht Lust? Es wäre so schön! … Ueberlegt Euch das … Es gelang uns schließlich, einen Freund zu finden, der der Unwiderstehlichkeit unseres in allen Tonarten geflöteten Wunsches erlag.

Um acht Uhr sollte die Fahrt losgehen. Um halb neun Uhr war unser Freund noch nicht zu sehen. Wir riefen bei ihm an, erhielten aber keine Antwort. Also war er bereits unterwegs. Nach neun Uhr erschien er. Er habe, so berichtete er, in der Garage noch eine kleine Reparatur besorgt. Nun aber sei alles in bester Ordnung.

Wir erreichten bald den Rand des Kessels, in dem die Stadt liegt. Wundervolle Sonne. Ein frischer Wind. Ein weiter Horizont. Wie wohl das tat! Das Beste ist die Straße! rief unser Freund aus. Eine richtige Autostraße!

Wir rasten dahin. Der Zeiger stand immer auf siebzig, achtzig, neunzig. Jeder Wagen vor uns wurde mit Hohngelächter überholt. Radfahrer und Fußgänger mußten mit einem ganz schmalen Streifen am äußersten Rand der Straße fürlieb nehmen. Daß da auch schon blühende Bäume standen, sahen wir kaum.

Hinter Weltrus begann der Wagen zu trudeln und zu bocken. Was ist los? riefen alle erschrocken. Wir hielten, stiegen aus und beguckten den Wagen von allen Seiten. Das liegt an der Kuppelung, sagte unser Freund, zog den Rock aus, krempelte die Hemdärmel auf und machte sich ans Werk. Wir benutzten die Pause zu einem angenehmen Picknick im Grünen. Gesprächsstoff: die erste Panne.

Dann ging es weiter. Durch die engen Tore und Gänge der alten Festung Theresienstadt schlängelten wir uns mit Eleganz hindurch. Aber ein Motorfahrer kriegte an einer scharfen Kurve den Bogen nicht heraus. Er knallte auf einen unserer Kotflügel los, brachte ihm einige Schrammen und Beulen bei und riß das Trittbrett ab. Wir waren mächtig erschrocken, stiegen aus und sahen uns die Bescherung an. Das ist nicht schlimm! sagte unser Freund. So was kann jedem passieren! Eigentlich ist das erst der richtige Reiz einer Autofahrt!

Bis Lobositz hatten wir dann glatte Fahrt. Natürlich sprachen wir nur von dem Unfall. Dörfer, Menschen und blühende Bäume flogen vorüber. Wir sahen sie nicht. Auf einmal begann der Wagen zu schleppen und zu puffen. Wir wurden unruhig, aber unser Freund beruhigte uns. Was kann das sein? meinte er gleichmütig. Sicher ist da etwas an der Gaszuleitung nicht in Ordnung. Also stiegen wir aus, untersuchten das Innere des Wagens und stellten fest: die Diagnose stimmt. Unser Freund machte sich an dem Kasten zu schaffen, stocherte drin herum, beschmierte sich köstlich und sagte dann befriedigt: Das hätten wir! Also stiegen wir wieder ein und fuhren von neuem los.

In Salesel Hunderte von Autos und Tausende von Menschen. Wir parkten ziemlich weit draußen am Ufer der Elbe und saßen eine Stunde im Restaurationsgarten. Unser Freund musterte die Autos wie auf einem Korso. Er kannte jede Marke, wußte von jedem Zylinderzahl, Kilometerleistung und Benzinverbrauch, war über alle ihre Vorzüge und Nachteile orientiert. Sein Auto war natürlich von allen das beste. Dann stiegen wir zum Dubitzer Kirchlein hinauf und sahen das breite Silberband der Elbe. Das sollte eine Autostraße sein! rief unser Freund aus, so breit, so eben, so glatt! Als wir aufbrechen wollten und uns dem Wagen näherten, stellte sich heraus, daß in der Sonnenglut ein Reifen geplatzt war. Zum Glück hatten wir einen Reservereifen. Es dauerte lange, bis wir die Fahrt fortsetzen konnten. Unser Freund wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: Noch ein solches Malheur — und wir haben keinen Reifen weiter! Wir kletterten ganz kleinlaut in den Wagen.

In Aussig fuhren wir über die komische Brücke, die wie eine Mausefalle aussieht und deren Zu- und Abfahrtswege zwei genial erdachte Verkehrshindernisse bilden. Wir wollten auf der andern Elbseite die Heimfahrt antreten. Da riefen Leute hinter uns her, zeigten auf den Wagen und ein Wachmann winkte. Wir stiegen aufgeregt aus und sahen, daß der Stoßdämpfer abgebrochen war und an einem Draht wie ein Hündchen unter dem Wagen hinter uns drein hüpfte. Unser Freund sagte gelassen, während alle lachten: Das werden wir gleich haben! Dann kniete er in den Staub, kroch unter den Wagen, zog Bindfaden aus der Tasche und befestigte den Ausreißer. Dann ging die Fahrt weiter und der Wachmann legte vergnügt die Hand an den Helm.

Als wir in Leitmeritz über den schönen Markt fuhren, hatte es eine Henne, die vor leeren Jahrmarktbuden herumpickte, sehr eilig, noch auf die andere Straßenseite zu kommen. Dabei geriet sie unter die Räder. Wir bemerkten es nicht. Erst als uns ein paar Weiber nachschrien, ahnten wir, was passiert war. Unser Freund ging zurück und als er wiederkam, steckte er die Geldbörse in die Tasche. Wir fragten, waren nervös … aber schon schnaubte der Wagen wieder davon.

Vor einer Weinwirtschaft machten wir Halt. Ein so erlebnisreicher Tag mußte begossen werden. Und er wurde gehörig begossen. Als wir schließlich die Heimreise definitiv antreten wollten, machten wir die Entdeckung: was wir zu viel hatten, das hatte der Benzintank zu wenig. Wir mußten tanken. Und dann hatten wir nicht Geld genug, um das Benzin zu bezahlen. Hätte unser Freund nicht unter den Gästen einen Kollegen aus Prag getroffen, der ihm fünfzig Kronen borgte, wer weiß — wir säßen vielleicht heute noch dort.

Spät kamen wir schließlich heim. Unser Freund setzte uns an der Straßenecke ab und brachte den Wagen in die Garage. Dann riefen wir ihn noch einmal an. Und da erfuhren wir, daß er bis zur Garage noch eine regelrechte Panne gehabt hatte. Wir rechneten zusammen: Sechs Pannen, vier Reparaturen, ein ramponierter Kotflügel, ein abgebrochenes Trittbrett, ein geplatzter Reifen, ein kaputer Stoßfänger, eine tote Henne, ein gepumptes Benzin … genug Erlebnisse für einen Tag! Und Baumblüte? Ja, Baumblüte soll es auch noch gegeben haben.

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*Fuente:* «Ping», «Fahrt in die Baumblüte», *Prager Tagblatt*, 59. Jg., n.º 97, 26 de abril de 1934, pág. 3, columnas segunda a cuarta (debajo de la necrológica de Ernst Rychnovsky y de la fotografía del Carolinum). Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340426, imagen 3); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Se conservan las grafías del original («Kuppelung», «kaputer»). Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).
