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Title: Die lärmfreie Wohnung
Description: Prager Tagblatt, 59. Jg., Nr. 64, 17. März 1934, S. 3. Gezeichnet: Ping.
Author: Otto Rühle («Ping»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1934-03-17%20Die%20l%C3%A4rmfreie%20Wohnung
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<!-- S. 3 -->

Ping:

# Die lärmfreie Wohnung

Max ist Lärmgegner. Nach langem Suchen fand er eine Wohnung in einer grabesstillen Straße. Sie lag fern des Hauptverkehrs. Keine Eisen- oder Straßenbahn, keine Fabrik, keine Garage, kein Rummel- oder Spielplatz waren in der Nähe. Doch bevor er mietete, vergewisserte er sich absoluter Lärmfreiheit. Der Fahrstuhl ging unhörbar. Die Dampfheizung hämmerte nicht. Das Badewasser floß dezent ab. Die Spülung im Klo war ein Muster von Wohlerzogenheit. In der Nachbarschaft oben und unten, links und rechts gab es kein Grammophon, kein Radio, kein Klavier, keine Geige, keine Ziehharmonika. Auch Hunde wurden im Hause nicht gehalten. Nicht einmal Säuglinge waren zu ermitteln oder — wie die Hausmeisterin versicherte — in absehbarer Zeit zu erwarten. Alle Garantien der Ruhe schienen gegeben. Wenn man aus dem Fenster schaute, erblickte man einen schönen, grünen, von Bäumen umrahmten Platz. Er war den Augen ein Genuß und den Ohren ein Labsal. Endlich das Gewünschte. An dem Tag jedoch, an dem Max die neue Wohnung bezog, machte er eine niederschmetternde Entdeckung. Auf dem Platz gegenüber erschien eine Kolonne Männer mit Schaufeln, Spitzhacken, Schubkarren. Der Führer der Kolonne versammelte die Leute um sich, zog ein Notizbuch aus der Tasche und gab ein paar Anweisungen. Dann machten sie sich an die Arbeit. Sie begannen das Erdreich auszuschachten — der schöne, grüne Platz verwandelte sich in einen Bauplatz. Die Erde wurde abgetragen. In den darunter liegenden Felsen wurden Eisenkeile getrieben. Die abgesprengten Steine füllten mit Gepolter die Schubkarren. Dann erschienen schwere, klappernde Fuhrwerke mit dicken, schwerfälligen Pferden und schreienden, peitschenschwingenden Kutschern. Der Abtransport der Erd- und Steinmassen begann. Von Tag zu Tag grub, schaufelte, wühlte und sprengte sich die Kolonne tiefer in die Erde hinein. Die Umrisse des Quadrats der Baustelle zeichneten sich immer deutlicher ab. In langer Reihe standen die Fuhrwerke auf der Straße und eins nach dem andern wurde auf den Bauplatz geschoben. Die Kutscher faßten die Pferde beim Zügel, dicht am Maule, drängten sie rückwärts und bugsierten den Wagen an die gewünschte Stelle. Alles war von lauten Rufen und Schreien, von Fluchen und Peitschenknallen, hundertfachem „Hüüüh!“ und „Hottl“ begleitet. Doch das war noch nichts gegen den Lärm der Abfahrt. Je tiefer die Ausschachtung ging, desto ärger wurde die Plackerei, um den beladenen Wagen aus dem Loch herauszukriegen. Was sich da abspielte, war schon kein Lärm mehr; es war eine Hochflut tollsten Spektakels, eine regelrechte Krawallorgie. Anfangs hatten zwei Pferde für die Abfuhr genügt. Später mußten vier eingeschirrt werden. Zuletzt waren sechs notwendig. Und bei jedem Wagen, der von der Sohle des Platzes auf der schrägen, zerstampften und verschlammten Fahrbahn herausgeschleppt wurde, wiederholte sich der typische Vorgang: die Kutscher rissen an den Zügeln, schwangen die Peitsche und schrien aus Leibeskräften „Hüüüh!“ und „Hoooh!“. Max war außer sich. Wäre er stocktaub gewesen, er hätte den Lärmorkan hören müssen. Jeder Schrei, jeder Peitschenknall, jedes „Hüüüh!“ und „Hoooh!“ stach ihm wie ein Dolch ins Ohr, knallte ihm wie ein Schlag auf den Schädel. Nach zwei langen und qualvollen Wochen beschloß er, zu dem Bauführer hinunter zu gehen und ihm begreiflich zu machen, daß dieser Lärm ein Ende haben müsse, daß es so nicht weitergehen könne, daß sich die Arbeit auch in Ruhe, ohne Aufregung, ohne Tierquälerei und ohne Belästigung der Nachbarschaft verrichten ließe. Er wollte ganz sachlich und vernünftig mit dem Mann reden. Und richtig, der Mann war zugänglich und hörte freundlich, mit Interesse und Höflichkeit zu. „Ich meine“, erklärte Max, „diese Art der Abfuhr ist doch ein ganz veraltetes Verfahren. In der Zeit der Technik hat man dazu doch Maschinen. Hier ließe sich mit Leichtigkeit ein laufendes Band einrichten. Oder ein einziger Traktor würde genügen, um die Wagen in aller Ruhe aus dem Loch zu ziehen.“ — „Mag sein“, antwortete der Mann, „aber wozu haben wir denn die Pferde?“ — „Ist es nicht schrecklich“, fuhr Max fort, „daß sich Tiere und Menschen so sinnlos schinden müssen?“ — „Ach“, wandte der Mann ein, „das sind Pferde und Menschen gewöhnt.“ — „Und welch ein Zeitverlust ist mit dieser altmodischen Arbeitsweise verbunden!“ — „Gewiß … da haben Sie recht“, gab der Mann zu, „aber wir haben ja keine so große Eile.“ — „Vor allem aber“, und hier kam Max in sein Element, hier schnitt er die Frage der Lärmbekämpfung an, „vor allem, mein Bester, welch ein Lärm bei solch einem Bau! Muß denn das sein? Haben die Anwohner nicht ein Recht auf Ruhe? Und wäre es Ihren Nerven nicht auch gut, nicht den ganzen Tag dieses Gebrüll und diesen Radau zu hören?“ Da sah der Mann ihn mit einem Blick an, der wie ein Blick aus einer anderen Welt war. Und mit einer fast traurigen Stimme sagte er: „Nein, mein Herr, da haben Sie nicht recht! … Spektakel muß sein bei einem Bau! Der gehört dazu! Den brauchen den Kutscher wie die Pferde. Und auch die Arbeiter wollen ihn haben. Offen gesagt, mir würde er fehlen wie die Luft zum Atmen! … In Ruhe bauen? … Nein, da macht die ganze Sache ja keinen Spaß mehr! …“

Nun ist Max wieder auf der Suche nach einer absolut lärmfreien Wohnung.

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*Fuente:* «Ping», «Die lärmfreie Wohnung», *Prager Tagblatt*, 59. Jg., n.º 64, 17 de marzo de 1934, pág. 3, columna izquierda. Transcrito desde la imagen de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340317, imagen 3); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Se conservan las grafías del original («Hottl», «Den brauchen den Kutscher»). Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1).
