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Title: Die gute Nummer
Description: Der Sonntag. Beilage des Prager Tagblatt, 59. Jg., Nr. 35, 11. Feber 1934, S. [I]–II. Gezeichnet: Ping.
Author: Otto Rühle («Ping»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1934-02-11%20Die%20gute%20Nummer
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<!-- S. [I] -->

Ping:

# Die gute Nummer

Endlich haben wir eine Wohnung. Seit Monaten wurde sie ersehnt, treppauf-treppab laufend gesucht, in Träumen geschaut, in Wunschphantasien möbliert und ausgestattet. Und schließlich zogen wir ein. Die übliche Prozession der Maler, Tischler, Schlosser, Installateure, Tapezierer, Möbelträger und Scheuerfrauen. Am Morgen nach der ersten Nacht stellen sich wie von selbst Milch und Brötchen ein. Der Zeitungbote schiebt das „Tagblatt“ durch die Türspalte. Der Briefträger bringt die Post. Dann kommt ein Mann, die Gasuhr abzulesen. Ein zweiter macht sich an der Dampfheizung zu schaffen. Der Hausbesorger erledigt die polizeiliche Anmeldung. Alles verläuft in bester Ordnung. Nur das Telephon fehlt noch. Man sagt uns, daß dies eine langwierige Geschichte sei. Darüber würden Wochen vergehen. Das stimmt uns traurig, denn grade auf das Telephon haben wir uns besonders gefreut. Schon wollen wir uns ins Unvermeidliche ergeben — da erscheint ein Mann vor der Tür: er bringe das Telephon. Und stellt zum Beweis sogleich den Apparat auf den Vorsaaltisch. Hinter ihm tauchen noch zwei Männer auf, die sich mit Hämmern, Meißeln, Bohrern sofort an die Bearbeitung der Wände, Türen, Fußböden machen. Nicht lange — kling, kling! — und auch der schönste Traum wird Wirklichkeit. Wir sind kindisch vor Vergnügen. Rufen sogleich sämtliche Freunde und Freundinnen an. „Ja, ja, da staunt Ihr!… Wir haben seit heute Telephon!… Bitte notiert Euch unsere Nummer!… 60 9 06… Gut zu merken! Eine gute Nummer!“ Eine gute Nummer, wahrhaftig! Das kommt uns jetzt erst zum Bewußtsein. So symmetrisch gebaut, mit richtiger Gewichtverteilung, mit Architektur, wie ein an- und abschwellender Akkord. Sie erinnert an einen Witz von Radek, der einmal gefragt wurde, warum die Sowjetrepublik RSFSR. (russische sozialistische föderative Sowjetrepublik) firmiere. Damit es die Christen von vorn und die Juden von hinten lesen können, meinte Radek. Ausgezeichnet! 60 9 06… das gleiche Schema. Jedenfalls eine gute Nummer für das Ohr und für das Gedächtnis! Hallo, das Telephon!… Schon ein Anruf. Wer kann das sein? Wir stürzen zum Apparat. „Wie? Was wollen Sie? Nein, ein Irrtum. Ist nicht hier. Falsch verbunden!“ Irgendein fremder Mensch. Will die <!-- S. II --> Auskunftstelle des Bahnhofs haben. Nach zehn Minuten: Kling, kling! — Wieder fliegen wir zum Apparat. „Bitte, wer spricht? — Ich verstehe nicht… Wann der erste Zug nach Königgrätz geht? Sie sind falsch verbunden!“ Scheint derselbe zu sein, der schon einmal anrief. Solch ein Unsinn… Nach einer Stunde: Kling, kling! — Wir eilen zum Apparat. „Um was handelt es sich? — Ob hier die Auskunft- und Beschwerdestelle ist? — Aber so hören Sie doch: nein!… Lassen Sie uns zufrieden!“ Wieder eine Verwechslung! Was das für Leute sind!… Nach einer weiteren Stunde: Kling, kling!… Wir gehen mißtrauisch zum Apparat. Natürlich wieder falsch verbunden. „Das können Sie hier nicht erfahren, wo die Schwellenauktion stattfindet. — Hier ist nicht der Bahnhof. — Schauen Sie sich doch die Nummer richtig an! — Schluß!“ — Schafskopf! Noch am selben Vormittag: „Wann der neue Fahrplan erscheint? — Interessiert mich nicht. — Welche Nummer wünschen Sie denn? — Hier ist nicht 60960, sondern 60906…“ Das ist doch zum Teufelholen! So geht das fort. Den ganzen Tag, die halbe Nacht. Zehnmal, zwölfmal falsch verbunden. Um 2 Uhr nachts: — Ich taumle schlaftrunken aus dem Bett und erfasse den Hörer. „Was wollen Sie?… Ob man über Eger auch den Expreßzug erreicht, der um 9 Uhr abends in Paris ist? Sie sind fasch verbunden! — Machen Sie die Augen richtig auf!“

Am Morgen rufen wir die Zentrale an. Es stellt sich heraus, daß die Auskunft- und Beschwerdestelle des Bahnhofs die Nummer 60960 hat. Eine gute Nummer, in der Tat. Mit schöner Symmetrie und Architektur. Fast so schön wie 60906. Und gut zu merken wie diese. Doch die Flüchtigkeit des Blicks stellt der Mnemotechnik ein Bein. Darum wird 60906 dutzendmal am Tage mit 60960 verwechselt. Wir stampfen wütend zum Apparat und schreien in die Muschel: Sie sind falsch verbunden! Wir möchten am liebsten den Apparat zerhauen und den Hörer an die Wand werfen. Haben wir uns das Vergnügen, ein Telephon zu haben, so gedacht? Spielt uns das Schicksal einen Schabernack? Soll das denn in Ewigkeit so weitergehen? Wir stellen den Antrag, uns eine andre Nummer zu geben. Eine Nummer, die weniger symmetrisch gebaut ist und eine schlechte Architektur haben kann. Ja, je schlechter die Architektur, desto besser. Doch das Amt lehnt unsern Antrag ab. Verwechslungen würden immer wieder vorkommen. Und wären nicht wir die Betroffenen, so irgendein andrer. Wir protestieren, verlangen die Direktion zu sprechen, führen lange Verhandlungen hin und her. Darüber vergeht der Tag. Die nächsten Tage sind ausgefüllt mit einem lustigen Spiel. Bald werden wir von irgendjemand als Auskunft- und Beschwerdestelle des Bahnhofs angerufen, bald rufen wir selbst die Auskunft- und Beschwerdestelle des Fernsprechamts an. Bald schreien wir wütend in den Apparat hinein: „Lassen Sie uns zufrieden!“, bald hören wir aus dem Apparat den an uns gerichteten ärgerlichen Zuruf: „Lassen Sie uns zufrieden!“ Und alle Beteiligten sind unzufrieden: jene, die sich an uns um Auskunft wenden und keine erhalten; wir, die wir durch die Fehlverbindungen ewig gestört und in Wut versetzt werden; und das Fernsprechamt, dem wir mit unserer Forderung nach einer andern Nummer schon schwer auf die Nerven gehen. Vor allem aber sind unsre Freunde und Bekannten mit uns unzufrieden, denn seit wir ein Telephon haben, hören sie von uns überhaupt nichts mehr.

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*Fuente:* «Ping», «Die gute Nummer», *Der Sonntag*, suplemento dominical del *Prager Tagblatt*, 59. Jg., n.º 35, 11 de febrero (*Feber*) de 1934, primera página del suplemento (sin número impreso, columna derecha) y pág. II (columnas 1 y 2, arriba), donde continúa sin aviso tras «Will die». Transcrito desde las imágenes de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ptb19340211, imágenes 7 y 8); el OCR de ANNO, inservible para la Fraktur, se ha descartado. Atribución del seudónimo «Ping» a Otto Rühle según Stecklina (2002, secc. 2.1.1). Se conservan las grafías del impreso (*Zeitungbote*, *Gewichtverteilung*, *er bringe*, *RSFSR.*) y la errata «fasch verbunden».
