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Title: Karl Marx als Mensch
Description: Das Tage-Buch (Berlin), 9. Jg., Heft 20, 19. Mai 1928, S. 838–842. Vorabdruck aus Otto Rühles Buch „Karl Marx. Leben und Werk“ (Hellerau: Avalun-Verlag, 1928): gekürzter Auszug über Marx’ Verhältnis zu Lassalle.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1928-05-19%20Karl%20Marx%20als%20Mensch
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<!-- S. 838 -->

OTTO RÜHLE

# KARL MARX ALS MENSCH

<!-- Omitido: entradilla de la redacción de Das Tage-Buch (sin firma), que presenta la biografía de Rühle «Karl Marx, Leben und Werke» (sic), recién publicada por el Avalun-Verlag, y anuncia que se reproduce de ella un fragmento sobre la relación de Marx con Lassalle. -->

Lassalle hatte bis 1855 in zahlreichen Briefen an Marx versucht, durch einen lebhaften Gedankenaustausch mit diesem in engere persönliche Fühlung zu kommen. Immer wieder hatte er, voller Ehrerbietung und unter Versicherung freundschaftlichster Gefühle, an Marx über die politische Lage in Deutschland, seine Auffassungen, Erlebnisse und Projekte, seine literarischen Arbeiten usw. berichtet. Er war nicht müde geworden, an Marx die literarhistorische Gelehrsamkeit, das durchdringende Verständnis der ökonomischen Kategorien und den revolutionären Elan zu bewundern; er hatte an Frau Marx beinahe schwärmerische Briefe geschrieben, hatte sich bei Diplomaten um Informationen für Marx bemüht, hatte einen Verleger besorgt, Geld geschickt (Neujahr 1855 sogar 200 Taler), Verbindungen mit der Presse für Marx angebahnt, sich mit Gefälligkeiten und Beweisen seiner Freundschaft geradezu überboten. Und immer hatte ihn Marx mit frostiger Distanz, unwirscher Gebärde und provokatorischer Überlegenheitsgeste behandelt. Entweder hatte er die Briefe Lassalles überhaupt nicht beantwortet, oder wenn schon, so äußerst kurz, kühl, mit gereizter Uninteressiertheit. Oft hatte er sich nicht einmal der leichten Mühe unterzogen, die verletzende Nichtachtung unter ein paar verbindlichen Worten zu verbergen . . . .

Den Grund für die abweisende Frostigkeit hat Marx nie offen ausgesprochen. Wenigstens in dieser Zeit noch nicht. Lassalle war ihm in jeder Beziehung unsympathisch. Die menschliche Seele reagiert auf Mitmenschen, von denen sie sich Förderung und Gewinn verspricht, mit Sympathie, auf andere, von <!-- S. 839 -->denen sie Bedrohung und Gefahr befürchtet, mit Antipathie. Es liegt nahe, daß Marx in Lassalle einen gefährlichen Rivalen auf dem gemeinsamen Felde der politischen Theorie, der Arbeiterbewegung und der Revolution sah. Und da Lassalle nicht der Mann war, sich — wie Engels — völlig in die Hand von Marx zu begeben, sondern stracks auf seine Heldenrolle in der europäischen Revolution zuschritt, mußte Marx in seiner Auffassung bestärkt werden . . . .

Der fatale Umstand, daß Marx für das ihm von Lassalle übersandte Exemplar seines Heraklit Strafporto zahlen mußte, und dafür seine letzten zwei Schillinge ausgab, „sicherten ihm einen schlechten Empfang“. Und das Werk selbst, mit seiner monströsen Gelehrsamkeit, fand bei Marx statt der erwarteten Bewunderung nur verächtlichen Spott. Lassalle bewege sich, so schrieb er an Engels, in seinem philosophischen Flitterstaate mit der Grazie eines Kerls, der zum ersten Male einen eleganten Anzug trage. Und bei Lassalle bedankte er sich für die Übersendung nur mit zwei Zeilen „kurz und kühl“. Lassalle war betroffen, ließ sich aber die Verwundung seines Herzens und seiner Eitelkeit nicht merken, sondern warb mit Artigkeit und Ausdauer weiter um die Freundschaft des mißtrauischen und mürrischen Partners. Er erbot sich, einen Verleger für das ökonomische Werk zu suchen, das Marx ihm angekündigt hatte, bearbeitete seinen Verleger Franz Duncker, bis er dessen Zusage hatte, und erwirkte für Marx ein Honorar, das weit über die sonst von Duncker gezahlten Sätze hinausging. Marx nahm all diese Freundschaftsbeweise ohne besonderen Dank, wie ihm als selbstverständlich zu leistende Tribute, entgegen und ließ fast ein Jahr, trotz vieler Mahnungen, mit der Übersendung des Manuskripts warten, ohne sich auch nur ein einziges Mal bei Lassalle, der aus der Verzögerung viel Verdruß hatte, zu entschuldigen. Ja, als darauf der Verleger mit der Drucklegung ein paar Monate warten ließ, überhäufte Marx den daran ganz unschuldigen Lassalle mit häßlichen Beschuldigungen, verdächtigte ihn, seinen Erfolg zu hintertreiben, und zog damit den letzten Schleier von seiner durch Argwohn, Eifersucht und Rivalitätskampf zerfressenen und vergifteten Seele . . . .

Zu einer mit großer Bitterkeit und Heftigkeit geführten Kontroverse zwischen Marx und Lassalle kam es in der Affäre Vogt. Lassalle sah in Blind einen infamen Lügner, der Verdächtigungen beweislos ausstreue und dann kneife, in Liebknecht einen üblen Schmock, der als Revolutionär für reaktionäre Blätter schreibe, und in Marx einen unüberlegten Angreifer, der sich weigere, eine Ehrenerklärung abzugeben, nachdem sich seine Vorwürfe als unhaltbar herausgestellt hätten. In langen Briefen voll „redlichster, herzlichster Freundschaft“ legte er Marx seine Auffassung dar. Was aber tat Marx? Nicht nur, daß er sich in Briefen an Engels in ordinärsten und rohesten Schimpfereien über <!-- S. 840 -->Lassalle erging; 
er griff auch die „scheußlichsten, wahrhaft odiösesten Erfindungen“ eines schmutzigen Subjektes auf, das sich an Lassalle rächte, weil es ihm nicht gelungen war, genügend Geld aus ihm herauszupressen, und er schleuderte sie als Anklagen gegen Lassalle. Es gehörte Seelengröße dazu, angesichts solcher Erfahrungen das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Lassalle tat mehr: er rechtfertigte sich, wies in aller Ruhe die Angriffe als bösartige Verleumdungen nach, korrespondierte weiter mit Marx, als ob nichts geschehen wäre, unterstützte Marx in seinem Prozeß gegen die Nationalzeitung, brachte Geld für den Druck der Broschüre gegen Vogt auf und benahm sich in allen Stücken wie ein echter Freund.

Lassalle trug sich um diese Zeit mit großen Projekten . . . . Er hatte sich politisch von der bürgerlichen Demokratie abgelöst und rechnete auf das Erwachen einer Arbeiterbewegung auf breiter Basis . . . . Als Marx in Berlin war, brachte Lassalle auch sein Zeitungsprojekt zur Sprache. „Es wäre ganz zeitgemäß,“ berichtete darüber Marx an Engels, „wenn wir nächstes Jahr eine Zeitung in Berlin herausgeben könnten, so widrig mir persönlich der Platz ist . . . . Lassalle, geblendet durch das Ansehen, das er in gewissen Gelehrtenkreisen . . . . und in einem andern Kreise von Schmarotzern durch guten Wein und Küche hat, weiß natürlich nicht, daß er im großen Publikum verrufen ist. Außerdem seine Rechthaberei; sein Stecken im ‚spekulativen Begriff‘ (der Kerl träumt sogar von einer neuen Hegelschen Philosophie auf der zweiten Potenz, die er schreiben will), seine Infektion mit altem französischen Liberalismus, seine breitspurige Feder, Zudringlichkeit, Taktlosigkeit usw. Lassalle könnte als einer der Redakteure, unter strenger Disziplin, Dienste leisten. Sonst nur blamieren . . . .“ . . . .

1862 war Lassalle . . . . in London und — unter peinlichsten Begleitumständen — Gast im Hause von Marx. Da er als Grandseigneur auftrat . . . ., fühlte sich Marx, durch die Widerwärtigkeit seiner häuslichen Misere blamiert und bis aufs Blut gereizt, so in die Unterlegenheit gedrängt, daß er seinem Herzen in bissigsten Ausfällen Luft machte . . . .

Lassalle stieg in die politische Arena hinab und stellte sich an die Spitze der Arbeiterbewegung, die er durch zündende Weckrufe aus dem Boden zauberte. Den Leipziger Arbeitern schickte er das Offene Antwortschreiben. Die Öffentlichkeit rüttelte er auf durch seine Verfassungsrede und eine Agitationstour, die einem Triumphzuge glich. Und der Arbeiterschaft gab er die erste politische Organisation, den ersten Zusammenschluß zur Avantgarde des Klassenkampfes. Marx stand all diesen Leistungen, bei denen es sich um nichts weniger handelte als um die Erweckung des Proletariats für die Aufgaben der sozialen Revolution, mit kühlster Reserve und nur mühsam verhaltenem Groll <!-- S. 841 -->
gegenüber. Er sah in Lassalle den erfolgreichen Rivalen, der ihm zuvorzukommen drohte, den „Kerl, der offenbar denkt, er sei der Mann, um unser Inventarium anzutreten“. Ohne die leisteste Bereitschaft zu einer Anerkennung wenigstens der guten Absicht, ohne den geringsten Versuch zu einer Würdigung der von Lassalle aufgewandten Tatkraft, ohne die Spur einer freudigen Genugtuung gegenüber der weltgeschichtlichen Tatsache, daß in die Mauer der politischen Passivität des Proletariats endlich Bresche gelegt wurde, hackte Marx in seinen Briefen an Engels unausgesetzt und voll neidischer, gehässiger Bosheit auf die Person und das Werk Lassalles. „Dieser Mensch . . . dieser Renommist . . . diese Gemeinplätze . . . diese abgeborgten Phrasen . . . diese baumhohe Dreistigkeit . . . diese lächerliche Gelehrt- und Wichtigtuerei . . . diese breitspurige Waschweiberei . . . dieses Machwerk eines Schülers, der sich als grundgelehrten Mann und selbständigen Forscher herausmarktschreien will“ — das ist der Ton, in dem Marx seine Urteile fällte. „Ich habe mich seit Anfang dieses Jahres nicht entschließen können, dem Menschen zu schreiben. Kritisiere ich sein Zeug, so wäre das Zeitverlust; außerdem eignet er sich jedes Wort als Entdeckung an. Auf seine Plagiate ihn mit der Nase zu stoßen, wäre lächerlich, da ich ihm unsere Sachen in der Form, wie er sie verschmiert hat, nicht abnehmen will. Anerkennen diese Renommagen und Taktlosigkeiten, geht auch nicht. Er würde das gleich benützen. Bleibt also nichts übrig, als abzuwarten, bis endlich sein Zorn ausbricht . . . .“ . . . .

Der Haß gegen den Konkurrenten machte Marx, diesen ein ganzen Leben lang um Höchstleistung, Erfolg und Anerkennung fieberhaft ringenden Menschen, wahrhaft blind und toll. Es ging ihm nicht mehr um die gemeinsame Sendung, die geschichtliche Aufgabe, die revolutionäre Leistung. Es ging ihm nur noch um die Priorität, das Recht der Erstgeburt, den Triumph der Einzigkeit, den Ruhm der Alleingeltung, die Diktatur des Siegers. In vergiftenden Ausbrüchen entlud sich die Hysterie des Machtkampfes. Kein Zweifel, daß Marx befreit aufatmete, als Lassalle einen plötzlichen Tod im Duell fand. Aus der saloppen Herzlosigkeit und Frivolität seiner Zeilen an Engels spricht keine Trauer, kein Verlust. „Es ist schwierig, zu glauben, daß ein so geräuschvoller, stirring pushing Mensch nun mausetot ist und altogether das Maul halten muß.“ So konnte nur tiefe Feindseligkeit von dem als Feind gehaßten Mitkämpfer sprechen. Später, als der Haß durch den Tod gemildert war, konnte Marx sich’s leisten, den Mann und das Werk, wenn auch nicht weniger kritisch, so doch mit sachlich fundierter Kritik zu beurteilen . . . .

Der geniale Blick des Marxschen Geistes versagte in der Erprobung, sobald er irritiert wurde durch affektive Erschütterungen, die das Auftauchen ebenbürtiger Rivalen in seiner Seele <!-- S. 842 -->auslöste . . . . Marx war kein Ensemblespieler. Kein Kameradschaftsmensch, dem Kräfte aus dem Gefühl des lebendigen Verbundenseins mit andern wuchsen. Kein Kämpfer in Reih und Glied.

Er konnte nur schaffen als Erster. Nur kämpfen als Generalissimus. Nur siegen in der Heldenrolle. Ein einsamer Adler auf eisigem Felsgipfel.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Karl Marx als Mensch», *Das Tage-Buch* (Berlín), 9.º año, cuaderno 20, 19 de mayo de 1928, págs. 838-842. Transcrito desde las imágenes de página de ANNO / Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP_dtb19280120, imágenes 18-22; copia local en materiales/ruhle/1928/1928-05_Karl-Marx_Das-Tage-Buch__ANNO/, pagina_018-022.jpg), con el OCR de la ÖNB solo de apoyo; la fecha del cuaderno, según la cabecera de su primera página («Berlin, 19. Mai 1928, Heft 20»). Se omite la entradilla sin firma de la redacción, que presenta el libro («Karl Marx, Leben und Werke», sic) como recién aparecido en el Avalun-Verlag y anuncia el fragmento sobre la relación de Marx con Lassalle. El texto es un extracto abreviado del capítulo «Erprobung» de *Karl Marx. Leben und Werk* (Hellerau, Avalun-Verlag, 1928, págs. 273-286; publicado en este archivo como «1928 Karl Marx. Leben und Werk», OR1928-03): los cortes van marcados en el impreso con « . . . . », que se conservan, y hay pequeñas variantes de redacción respecto al libro («Ehrerbietung» por «Ehrerbietigkeit», «mit großer Bitterkeit» por «mit noch größerer Bitterkeit», «abzugeben», «das Gleichgewicht» sin «innere», etc.). Se conservan las erratas del impreso «leisteste» (por *leiseste*) y «ein ganzen Leben lang» (el libro: «ein ganzes Leben lang»).
