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Title: Das verwahrloste Kind
Description: Dresden (Buchholz-Friedewald): Verlag Am andern Ufer, 1926 (Schwer erziehbare Kinder. Eine Schriftenfolge, Heft 9), 35 S.; Text Rühles S. 9-35.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1926%20Das%20verwahrloste%20Kind
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<!-- Umschlag: «Schwer erziehbare Kinder · Otto Rühle · Das verwahrloste Kind · Verlag Am andern Ufer · Dresden (Buchholz-Friedewald)». S. 2: Verzeichnis der Schriftenfolge «Schwer erziehbare Kinder. Herausgeber: Otto und Alice Rühle» (nicht wiedergegeben). S. 3: Titelblatt. S. 4: «Copyright 1926 by Otto Rühle, Buchholz-Friedewald bei Dresden». S. 5-8: «Vorwort» der Herausgeber zur Schriftenfolge, in allen Heften gleich (eigene Nummer im Werkverzeichnis, OR1926-14; hier nicht wiedergegeben). -->

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# Das verwahrloste Kind

Der Begriff der Verwahrlosung kennzeichnet einen von der Regel abweichenden Zustand, der sich als Resultat der Vernachlässigung, Verkümmerung oder Verderbnis darstellt.

Als körperlich verwahrlost bezeichnen wir einen Menschen, wenn er schmutzig, ungepflegt, mit Ungeziefer, Gebrechen oder Krankheiten behaftet ist; jedoch nur dann, wenn wir den Eindruck haben, daß sein Zustand das Ergebnis der Unterlassung von Pflichten bildet, die der Mensch seinem Körper und seiner Gesundheit gegenüber hat.

Als moralisch verwahrlost erscheint uns ein Mensch ohne sittliche Grundsätze, ohne ernste, geregelte Lebensführung, ohne den inneren Halt, der ihn zu einem wertvollen Mitgliede der Ge<!-- S. 10 -->sellschaft machen würde, wenn er — durch fremde oder eigene Schuld — nicht in Vernachlässigung oder Verfall geraten wäre.

Als geistig verwahrlost stellen wir uns einen Menschen mit unentwickelten Verstandeskräften, mangelhaftem Denk- und Urteilsvermögen, mehr oder weniger leistungsunfähig gewordener Intelligenz vor, wobei wir aber berücksichtigen, daß dieser Mensch das Opfer einer Entwicklungshemmung, Pflichtvergessenheit oder Verantwortungslosigkeit geworden ist.

Die Verwahrlosung erscheint also immer als Resultat eines Mangels, einer Hemmung oder Fehlleistung, eines Verschuldens. Genau besehen charakterisiert sie sich als eine Störung des Verhältnisses zwischen Einzelmensch und Gemeinschaft, als eine Beziehungsanomalie.

Wir sprechen von einer gut ausgebildeten und gut funktionierenden Beziehungsfähigkeit des Menschen, wenn es ihm gelingt, das richtige Verhältnis zu sich selbst, zu seinem Berufe, zum andern Geschlecht und zu seiner Umwelt herzustellen. Und das Verhältnis erscheint uns als richtig, wenn in ihm der Mensch aufs freudigste, reibungsloseste und erfolgreichste die Aufgaben er<!-- S. 11 -->füllen kann, die ihm das Leben im Interesse seiner eigenen und der allgemeinen Sicherung stellt.

Der Ablauf des Lebens ist durchsetzt von vielen Schwierigkeiten, Hemmnissen, Nöten und Gefahren. Es gelingt, sie alle zu überwinden, wenn der Mensch — unter sonst günstigen Umständen — über die richtige Beziehungsfähigkeit verfügt. Denn durch sie wird er Glied einer Gemeinschaft und damit Nutznießer aller Sicherungsvorteile, wie sie die Gemeinschaft gewährt. Die lebendigste und fruchtbarste Beziehungsfähigkeit ergibt sich also aus dem stärksten und entwickeltsten Gemeinschaftsgefühl.

Ist dieses Gemeinschaftsgefühl verschüttet, verkümmert, verlorengegangen, so kommt im Menschen keine Beziehungsfähigkeit zustande. Die Folge ist, daß er nicht das richtige Verhältnis zur Arbeit, zum andern Geschlecht, zur menschlichen Umwelt findet. Er bleibt isoliert und muß als einzelner den Kampf mit dem Leben aufnehmen. Die Aussichten auf Behauptung und Sieg sind naturgemäß um so geringer, je weniger er auf Hilfe durch die Gemeinschaft rechnen darf. So erleidet er, je einsamer er ist, Niederlagen über Niederlagen. Das Ende ist der Verzicht, die Kapitulation, die Flucht oder der Untergang.

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Die Frage eines erfolgreichen oder erfolglosen, lebbaren oder unlebbaren, glücklichen oder unglücklichen Lebens ist also die Frage einer ausgebildeten oder verlorengegangenen Beziehungsfähigkeit, eines lebendigen oder erstorbenen Gemeinschaftsgefühls.

In der Klassengesellschaft ist das Leben der Menschen beherrscht vom Machtstreben, weil der Besitz von Macht die beste Voraussetzung der Existenzsicherung zu sein scheint. Jeder Mensch will Macht ausüben, Geltung gewinnen, herrschen. Zum mindesten nicht niedriger gewertet werden als die andern. Bei diesem allgemeinen Streben nach Macht und Geltung geraten aber alle Menschen gegeneinander. Das Ergebnis ist ein allgemeiner Rivalitätskampf. Der siegreiche Konkurrent, der sich als Letzter behauptet, hat die höchsten Vorteile der Sicherung. Aber er muß sie erkaufen durch die Verfeindung mit allen. So ist er der Einsamste, der Isolierteste, der von allen mitmenschlichen Beziehungen Abgeschnittene. Im Grunde deshalb der Unglücklichste. Daher die Vereinsamung, Verbitterung, Verzweiflung der erfolgreichen Lebenskämpfer in der heutigen Kultur.

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Gleichwohl ist jeder Mensch, will er sich in diesem allgemeinen Wettbewerb um die besten Lebenschancen behaupten, auf den Kampf aller gegen alle angewiesen. Dabei ist er relativ am günstigsten daran, wenn er sein Geltungsstreben mit dem Geltungsstreben der Gesellschaft irgendwie in Einklang und Übereinstimmung zu bringen versteht. Dagegen gerät er sofort in Schwierigkeit, sobald sich sein Geltungsdrang auf einer Linie bewegt, die dem gesellschaftlichen Geltungsdrange zuwiderläuft.

In diese schiefe Situation gerät der Mensch, der aus Niederlagen, Verkürzungen, Mißerfolgen und Blamagen im Lebenskampfe bei Beurteilung seiner selbst den Schluß zieht, daß er sich durch besondere Schwäche, Leistungsunfähigkeit und Minderwertigkeit vor anderen unrühmlich auszeichne. Der Mensch also, der mit einem Minderwertigkeitsgefühl behaftet ist. Sei es, weil er Körperfehler und Organdefekte aufweist, die ihn im Wettbewerb benachteiligen, sei es, weil er besonderer sozialer Ächtung unterliegt, sei es, weil er infolge demütigender und entmutigender Behandlung durch Eltern und Erzieher das Vertrauen in seine Kraft und den Glauben an seinen Erfolg verloren hat.

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Dieser unter dem Drucke von Minderwertigkeitsgefühlen stehende Mensch schätzt sich immer zu tief und andere zu hoch ein, übersteigert das Gefühl seiner Ohnmacht wie die Größe der ihm gestellten Aufgabe, mißtraut jeder neuen Situation, weil er von ihr neue Erprobungen und neue Niederlagen befürchtet, geht schließlich voll Angst jeder Gelegenheit aus dem Wege, in der er sich mit seinen Leistungen bewähren soll. Weil die Arbeit einmal mißlang, zittert er vor der nächsten Arbeit, die, weil er ohne Selbstvertrauen an sie heranging, wieder mißlingt und in ihm nun den niederschmetternden Eindruck hinterläßt, daß die Arbeit ihm niemals wieder gelingen wird. Er quält und ängstigt sich, überhäuft sich mit Vorwürfen, unternimmt neue Anläufe, um sofort entmutigt umzukehren, weiß sich keinen Rat. Aber das Leben fackelt nicht, sondern stellt ihn vor neue Aufgaben. Soll er's riskieren? Eine weitere Blamage einheimsen? Nein, niemals! ruft ihm sein gereiztes Geltungsstreben, sein übersteigertes Ehrgefühl zu. Da bleibt ihm nur die Flucht. Wo Mut fehlt, ist Feigheit — und der Lebensfeigling aus Minderwertigkeitsgefühl weicht aus, schlägt sich in die Büsche, sucht einen Nebenkriegsschauplatz auf.

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Da stehen wir an der Schwelle der Verwahrlosung.

Alle Beobachtungen, Untersuchungen und Feststellungen, die an verwahrlosten Kindern gemacht wurden, stimmen darin überein, daß die Verwahrlosung der Kinder mit Herumtreiben beginnt. Dieses Herumtreiben wiederum ist die Maßnahme, zu der das Kind unter Angstgefühlen seine Zuflucht nimmt, um einer ihm drohenden Schwierigkeit oder Gefahr zu entgehen. Befragen wir die jugendlichen Vagabunden, wovor sie sich fürchteten und was sie in die Flucht trieb, so erhalten wir in den allermeisten Fällen die erschütternde Antwort: Ich sollte Prügel bekommen! Die Angst vor Schlägen ist in der Tat die häufigste Verwahrlosungsursache.

Unsere Erziehung, noch völlig auf die autoritäre Methode eingestellt, wirkt sich fast ausnahmslos in Haus und Schule als ein rohes, vergewaltigendes, einschüchterndes und demütigendes Abrichtungsverfahren aus. Oben, groß, vorbildlich, selbstbewußt, herrisch und eitel der Erzieher, unten, klein, geduckt, gestoßen und getreten, zum Nichts herabgesetzt der Schüler. Am unerträglichsten und widerlichsten, wenn dieses Verhältnis in die Phrase des Wohlwollens, der sittlichen <!-- S. 16 --> Tat, der Liebe eingekleidet ist. Das Opfer dieser Erziehung ist der verprügelte Mensch.

Das Kind, an dem sich diese Prügelpädagogik erprobt (und die eine Prügelpädagogik bleibt, auch wenn sie weder Stock noch Rute kennt), kann gegen die ihm angetane Gewalt auf dreifache Weise reagieren: es kann sich dagegen auflehnen — dann wird aus ihm das trotzige Kind, der rebellische Mensch; es kann sich ihr unterwerfen — dann wird aus ihm das gehorsame Kind, der brave Untertan; es kann vor ihr flüchten — dann wird aus ihm das abwegige Kind, der Lebensdrückeberger.

Das Flüchten setzt immer große Ratlosigkeit, mangelnde Sicherheit, quälende Angst, äußerste Verzweiflung voraus. „Wenn jemand glaubt,“ sagt Alfred Adler, „daß es leicht sei, ein verwahrlostes Kind zu werden, so irrt er sich sehr! Es ist eine außerordentlich schwierige Leistung, da muß man eine ganze Kette von Unannehmlichkeiten und Qualen durchmachen, es darf ein solches Kind niemals Herr über sich sein, es muß verzweifelt seiner Zukunft gegenüberstehen!“ Je geringer das Maß an Lebenskraft ist, das der kleine Mensch mitbringt, je stürmischer die Daseinsnöte vom ersten Lebenstage seine Existenz <!-- S. 17 --> bedrohen und in Frage stellen, je weniger sich unter der Wucht dieser verängstigenden und deprimierenden Einflüsse die Beziehungsfähigkeit der kindlichen Seele zu entwickeln vermag, desto unsicherer steht später das Kind im Lebenskampfe da und desto leichter wird es von den Schwierigkeiten und Nöten, die sein Minderwertigkeitsgefühl in riesig übersteigertem Format erblickt, in die Flucht geschlagen. Das arme Kind, das elternlose Kind, das in zerrütteten Familien, unter widrigen Lebensverhältnissen, in drückender Abhängigkeit aufwachsende Kind, das verprügelte Kind — das, mit einem Worte gesagt: proletarische Kind wird im allgemeinen die stärksten Dispositionen mitbringen für einen Lebensplan, der sein letztes Heil in der Flucht sucht, für eine Verhaltungsweise, die in die Verwahrlosung einmündet.

Die Bourgeoisie klagt heute in beweglichen Tönen darüber, daß die Verwahrlosung der Jugend in hoher Zunahme begriffen sei. Kein Wunder! Hat nicht der Weltkrieg mit seinen Folgen die ganze Gesellschaft erschüttert, alte Bestände aufgelöst, unzählige Existenzen vernichtet, alle Menschen in ein Gefühl quälender Unsicherheit und gesteigerter Lebensangst versetzt? Hat <!-- S. 18 --> nicht jahrelanger Hunger die Körper der Armen geschwächt, die Kinder schon im Mutterleibe mit dem Male geschwächter Lebenstüchtigkeit gezeichnet, das ganze Volk in eine Horde raufender und raubender Bestien verwandelt? Wird nicht täglich und stündlich dem Proletariat durch die Schrecken der Arbeitslosigkeit, der Lebensverteuerung, des Steuerdrucks, der Lohnprellerei, der politischen Entrechtung, der polizeilichen und gerichtlichen Verfolgung, der allgemeinen Ächtung und Drangsalierung die letzte Courage und das letzte Selbstvertrauen geradezu aus den Knochen gepreßt? Diese Zeit mit ihren gehäuften Schwierigkeiten der Existenzsicherung, ihrer allgemeinen Unsicherheit des öffentlichen Lebens, ihrer größeren Beladenheit an Sorgen, Mühseligkeiten und Lasten muß ein Geschlecht erzeugen, das früher oder später an der Grenze seiner Kraft und seines Vertrauens anlangt und, aller Hoffnung bar, den Kampf mit der Flucht vertauscht. Wie die Kapitalisten vor der Revolution in ein anderes Land, die Enttäuschten vor dem Zusammenbruch in eine andere Ideologie, so flüchten die Armen und Geschwächten, denen die krachende und berstende Ordnung der Gesellschaft keine Siche<!-- S. 19 -->rung mehr zu bieten scheint und denen zum Kampfe die Energie ermangelt, in ein anderes Milieu.

In die Verwahrlosung.

Wenn nicht schon das Haus, so stellt die Schule die Bewährungsfähigkeit des Kindes auf die Probe. Die zahlreichsten Anlässe der Verwahrlosung ergeben sich in der Tat aus dem Schulleben. Hier sieht sich das Kind von vornherein der beamteten, offiziellen Überlegenheit des Lehrers ausgeliefert, hier wird ihm seine Kleinheit und Minderwertigkeit schonungslos zum Bewußtsein gebracht, hier sorgt ein raffiniertes Lohn- und Strafsystem für die Offenhaltung der ewig schmerzhaften Wunde des unbefriedigten Geltungsdranges.

Als Lernschule rechnet die Schule mit Kenntnissen, die sich als Quantitäten bewerten lassen, mit einem Mechanismus, der das nüchterne Geschäft der raschen Stoffaufnahme besorgt, und einem Gedächtnis, das in der Aufspeicherung des Wissensballastes trainiert ist. Nur wer hierzu disponiert ist, kann vor den Anforderungen der Lernschule bestehen. Der rezeptive und sensorische Typ ist glücklicher daran als der produktive und motorische Typ. Die allermeisten Kinder <!-- S. 20 --> versagen, weil sie als Kinder mehr den letzteren Typ repräsentieren. Sie vermögen den Lernstoff nicht zu bewältigen, haben auf Verlangen nicht die Vokabeln und Geschichtszahlen parat, finden sich in dem Wust des einverleibten Bildungskitsches nicht zurecht. So geraten sie, ehe sie sich dessen versehen, in eine Konfliktsituation. Das autoritäre System, gegen das sie sich auflehnen, nimmt sie immer fester und provokatorischer in seine Zangen. Ihre Lage wird schrittweise bedrohlicher. Mit Trotz und Lüge, Ausreden und Verstellungen, Tränen und offener Revolte wird der Kampf gegen den Lehrer geführt. Aber schließlich ist der Lehrer der Stärkere, denn er verkörpert das System der Gesellschaft, die als gewaltige Rückendeckung hinter ihm steht. So bleibt dem Kinde als dem Schwächeren nur die Flucht.

Die herkömmliche Statistik behauptet, daß sich das Heer der Verwahrlosten in hohem Maße aus Anormalen, Schwachsinnigen, Psychopathen rekrutiere, deren Charakterveranlagung sie auf die Bahn der Verwahrlosung triebe, und daß ein anderer hoher Prozentsatz unter dem Fluche erblicher Belastung für Abwegigkeit und Verwahrlosung ebenfalls vorausbestimmt sei.

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Von diesen Angaben ist nur stichhaltig die Tatsache, daß geschwächte Lebenskraft, Krankheit, Gebrechen und körperliche Mängel imstande sind, die seelische Entmutigung des Kindes zu wecken oder zu steigern; ein Zwang zur Entmutigung aber und damit eine zwangsläufige Verwahrlosung ergibt sich daraus keineswegs. Denn schließlich kommen nicht alle „erblich Belasteten“ zur Verwahrlosung; uns interessiert aber gerade die Frage, unter welchen Umständen der Mensch, und dazu gehört auch der „erblich Belastete“, in die Verwahrlosung gerät. Die letzte Ursache, die zur Verwahrlosung führt, kann nicht in der erblichen Belastung liegen, sondern muß sich aus einem seelischen Prozeß ergeben.

Auch hinter die Theorie von der angeborenen Charakteranlage setzen wir ein großes Fragezeichen. Es ist so bequem für unsere Zeit, die die elementarsten Gebote der Fürsorge und Pflege menschlichen Lebens mit erschreckender Herzenskälte ignoriert, alle Verantwortung für die Folgen des Mangels mitmenschlicher Wirksamkeit auf eine Theorie abzuschieben und aus dem Dunkel ihrer fragwürdigen Erkenntnisse eine Art Rechtfertigung und Absolution zu beziehen. Wer beobachtet hat, wie es eine bestimmte Er<!-- S. 22 -->ziehung fertig bringt, jedes Kind in die Verwahrlosung zu treiben, und wer weiter weiß, wie ein und dasselbe Kind unter verschiedenen Bedingungen auf das gleiche Erlebnis verschieden reagiert, der glaubt nicht mehr an die ein-für-allemalige Gegebenheit des Charakters. Vielmehr erscheint die seelische Beziehungsfähigkeit, die wir Charakter nennen, durchaus als Resultat der von frühester Kindheit an geübten und erprobten Verhaltungsweisen, die für das ganze fernere Leben die grundlegende und einheitliche Orientierung aller Handlungen bilden.

Es gibt also keine geborenen Schuleschwänzer; erst infolge von Niederlagen und Enttäuschungen, aus Angst vor neuen Blamagen oder Strafen ergreift das Kind, das den Glauben an sich verloren hat, die Flucht. Bei 64,8 Prozent der in der Erziehungsanstalt Flehingen (Baden) untergebrachten Knaben hatte die Verwahrlosung mit Schuleschwänzen und Herumtreiben eingesetzt. Die Stadt Offenbach sah sich 1917 veranlaßt, ein besonderes Fürsorgeheim mit einer Schuleschwänzer-Abteilung einzurichten. In Köln stellte Dr. Langenberg fest, daß 1919 mehr als 58 Prozent, 1920 mehr als 54 Prozent der Volksschulbesucher dem Unterricht unentschuldigt fern<!-- S. 23 -->blieben, so daß 1919 bei 69 Prozent, 1920 bei 79 Prozent der Fälle Bestrafungen erfolgen mußten.

Die Flucht aus der Schule zieht eine Reihe von Sicherungsmaßnahmen nach sich, die der Flüchtling treffen muß: Lügen, Unterschlagung von Mitteilungen des Lehrers an das Elternhaus, Fälschungen von Entschuldigungszetteln, Täuschungen aller Art. Die Rückkehr wird je länger je mehr verbaut durch die Furcht vor der Entdeckung. Immer weiter muß das Gewebe der Lüge und Täuschung ausgesponnen werden. Es folgen Rückfragen der Schule, die Eltern werden stutzig, schließlich greifen die Behörden ein. Mit allem Raffinement muß der Schuleschwänzer seine Entdeckung hinausschieben, seine Überführung vereiteln. So wird er nach und nach vertraut mit dem ganzen Mechanismus, dessen sich die Menschen zu bedienen pflegen, die sich in einer feindseligen Haltung gegenüber der Gesellschaft („in Feindesland“) befinden und in einem aufreibenden und verzweifelten Einzelkampfe ihre Position zu verteidigen und zu retten suchen.

Die Mehrzahl der Verwahrlosten, die so ihre Laufbahn beginnen, stammt von Eltern ab, die in Gewerbe, Industrie, Handel, Lohnarbeit tätig <!-- S. 24 --> sind, also von kleinen Leuten und Proletariern. Das haben Mischler für Steiermark und Rupprecht für Bayern nachgewiesen, Plauner und Zingerle haben dies an der Hand von Feststellungen in der Fürsorgeanstalt Waltendorf bestätigt. Von den Vätern der Flehinger Verwahrlosten waren 78 Prozent in ihrem Beruf unselbständig, 38,4 Prozent waren Tagelöhner. Der Anteil der unehelichen Kinder an der Verwahrlosung ist drei- bis fünfmal größer als bei den ehelichen. Seifert konstatierte, daß 86 Prozent der schulpflichtigen Fürsorgemädchen der Provinz Sachsen 1912 aus einem abnorm schlechten Milieu stammten. Fast in allen Fällen läßt sich nachweisen, daß äußere Not, Hunger, Wohnungselend, Mangel an Geld, zerrüttete Familienverhältnisse, kurz alle Formen und Möglichkeiten des sozialen Elends irgendwie dazu beitrugen, die Entmutigung im Kinde zu steigern. Die Flucht in die Verwahrlosung war fast immer der letzte Akt der ganz Entmutigten.

Bei dem hohen Prozentsatze der Flüchtigen ist es verständlich, daß der Schuleschwänzer, sobald er den Weg um die Schule herum gefunden hat, sehr schnell auf Leidensgefährten und Kumpane stößt. Sein Schicksal ist kein Einzelfall, <!-- S. 25 --> keine Seltenheit, sondern eine soziale Erscheinung von breiter Ausladung. In der Verwahrlosung enden starke Ströme von Menschen aus allen Lagern und Schichten des Proletariats und versinkenden Kleinbürgertums. Flüchtend vor der Welt, in der sie sich nicht zu bewähren und zu behaupten vermochten, treffen sie sich auf einem neuen Schauplatze.

Aber auch hier gilt die Spielregel der Rivalität. Das Recht des Stärkeren setzt sich auch auf diesem Nebengebiete des Lebens durch. Jedoch ein Vorteil ist dabei: jeder ist neu, darf sich als unbelastet fühlen, kann von vorn anfangen. Alle haben gleichen Start.

Der im Elternhause geduckt und verprügelt war, kann hier Führer einer kleinen Gemeinschaft, einer Rotte oder Bande werden; der in der Schule kläglich versagte, hat hier Gelegenheit und Spielraum genug, sich als Held zu bewähren. Nur nicht mit den Mitteln und in dem Sinne der Welt, der man entlief. Die neue Atmosphäre bietet und stellt neue Bedingungen der Behauptung.

Wer am besten Bescheid weiß, die größte Findigkeit entwickelt, mit allen Künsten der Überlistung vertraut ist, vor keiner Verwegenheit zurückschreckt, die größte Bravour an den Tag legt <!-- S. 26 --> — der ist obenauf. Die Rudel der Straßenjungen, die Rotten der entlaufenen Fürsorgezöglinge, die Banden der jugendlichen Vagabonden, sie alle haben ihre besondere Ehre, ihr eigenes Heldentum, ihre spezifischen Formen der Kompensation des Minderwertigkeitsgefühls, das jeden einzelnen ihrer Angehörigen mit diabolischer Macht beherrscht. Ja, die Kompensationen treten fast immer als Übersteigerungen, oft mit lächerlichem Einschlag, auf, was nur die ungewöhnliche Tiefe des Minderwertigkeitsgefühls und die ebenso ungewöhnliche Stärke des Machtstrebens beweist. Tätowierungen, starke Bewaffnung, Verständigung durch Rotwelsch und ein Räuber-Komment gehören zu dem üblichen Requisit der Überkompensation im Lager der Verwahrlosten. Leonhard Franks „Räuberbande“ gibt die anschaulichste Schilderung der phantastischen und abenteuerlichen Romantik dieses Milieus. Zugleich auch der Armseligkeit des Gemeinschaftslebens, das als notdürftiger Ersatz über die unerträgliche Isoliertheit der Isolierten hinwegtäuschen soll.

Die Gesellschaft verfolgt die Bildung von Gemeinschaften außerhalb des Rahmens, der ihrer Initiative entspringt und ihre Sanktion hat, immer <!-- S. 27 --> mit Besorgnis und Mißtrauen, denn sie befürchtet von jeder geschlossenen Macht eine Schmälerung und Bedrohung ihrer eigenen Machtstellung. Um wieviel mehr muß sie gegen die Bandenbildung und Zusammenrottung von Verwahrlosten, die alle in Gegnerschaft zur Autorität der Gesellschaft und ihrer Organe stehen, auf der Hut sein. Sie geht denn auch rücksichtslos gegen Verwahrloste vor. Entsprechend ihrer Maxime, die Ursachen unbeachtet zu lassen, wohl aber die Symptome zu beseitigen, sucht sie — nicht die Verwahrlosung, sondern — die Verwahrlosten auszurotten, und zwar mit Mitteln, die meist nur den schrecklichen Erfolg haben, die abwegig Gewordenen noch tiefer in die Verirrung, Verbitterung und Verzweiflung hineinzutreiben, so daß als letzter Ausweg bloß noch das Verbrechen bleibt.

Beim Mädchen endet die Laufbahn der Verwahrlosung nur zu oft in der Prostitution.

Sie beginnt in der Regel auch bei ihm in Haus oder Schule mit einem Versagen, einer Enttäuschung und Entmutigung. Der nächste Schritt ist das Entweichen, Schuleschwänzen, Herumtreiben. In liederlicher Gesellschaft werden die noch vorhandenen Hemmungen gelockert und beseitigt. Die Proteste erfahren eine Steigerung <!-- S. 28 --> nach der anderen; die Distanz zur Gesellschaft wird immer größer, die Basis der Selbstbehauptung immer schmäler. Rasch geht es dann abwärts. Die letzte Station heißt Bordell.

Eine in Laienkreisen vielfach verbreitete Auffassung meint, daß man es bei Prostituierten mit Mädchen zu tun habe, die durch einen ungewöhnlich starken Geschlechtstrieb und aus Mangel an sittlicher Zucht auf den Weg des Lasters geraten seien. Dem widersprechen die Tatsachen, daß die Prostituierten zumeist frigid (d. h. geschlechtlich gefühlskalt) sind und sodann, daß ihr starker Drang nach sexueller Freiheit fast durchweg die Antwort auf eine sehr strenge Zucht ist, der sie ehedem unterworfen waren. Eine andere, besonders in Proletarierkreisen vertretene Auffassung sieht in den Prostituierten lediglich Opfer sozialer Not. Zugegeben, daß sich das Heer der Prostituierten vorwiegend aus den Schichten der sozial schlechtestgestellten Kategorien (Dienstmädchen, Angestellten usw.) rekrutiert — so bleibt doch die Tatsache auffällig, daß auch Mädchen ohne Not zur Dirne werden und andererseits Mädchen in allerschrecklichster Not leben, ohne sich deshalb der Prostitution zu ergeben. Die Notlage schafft nur eine günstigere <!-- S. 29 --> Disposition für das Abgleiten in die Prostitution; das Abgleiten selbst läßt sich nur psychologisch erklären. Und zwar stellt sich die Situation etwa so dar:

Ein Mädchen hat im Hause oder in der Schule durch eine harte, lieblose Erziehung schwere Demütigungen und Benachteiligungen erlebt. Vielleicht ist es auch nur Knaben gegenüber offensichtlich mißachtet oder hintangesetzt worden. Oder es ist Zeuge einer unglücklichen Ehe gewesen und hat mit Schrecken gesehen, welch roher Behandlung die Mutter ausgesetzt war und welch bedauernswerte Rolle sie als Lasttier des Hauses spielte. So oder so — das Mädchen hat aus seinem Erlebnis heraus ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl bezogen, das an seine weibliche Rolle fixiert ist. Mit Angst hat es an die Zukunft und an das Schicksal gedacht, das es einst als eine dem Manne ausgelieferte Ehefrau haben würde. Aus dem Grauen ist der Entschluß gereift, dieser unwürdigen Rolle zu entfliehen. Ihr schwacher Lebensmut und starker Lebensdrang gaben ihr den Rat, den geraden Weg, der über Hindernisse, Schwierigkeiten und Nöte hinwegführt, zu vermeiden und dafür einen Umweg einzuschlagen. Der Umweg wurde beherrscht von der Parole: <!-- S. 30 --> ich will ein Mann sein, frei und selbständig leben wie ein Mann, herrschen und kommandieren dürfen, von Liebesabenteuer zu Liebesabenteuer schweifen, das andere Geschlecht nach Bedarf benutzen und abschieben können — ganz wie ein Mann. Bei dieser seelischen Einstellung gerät das Mädchen natürlich bald mit Eltern, Lehrer, Umgebung in Konflikt. Und diese Konflikte mit verständnislosen Erwachsenen, die immer nur auf ihre Autorität, Erfahrung und bessere Einsicht pochen, treiben das Mädchen noch stärker in den Protest. Das Warten auf den Mann, das Verheiratetwerden, die Mutterschaft, die Hauswirtschaft, die zweite Rolle an der Seite des Mannes — alles dies erscheint dem Mädchen als ein unwürdiges, schmachvolles Los, als ein Sklavendasein, dem man entfliehen muß. Es benutzt deshalb die erstbeste Gelegenheit zur Flucht — schwänzt die Schule, verläßt die elterliche Wohnung, entläuft der Dienststelle und gerät in die Verwahrlosung.

Die durch die Flucht gewonnene Ungebundenheit der Arbeit, den Lebensaufgaben gegenüber setzt sich bald um in sexuelle Ungebundenheit. Das Mädchen tritt als Werber, als Verführer, als <!-- S. 31 --> Don Juan — als Mann — auf. Es ist ihm eine Genugtuung, Männer zu erobern, auszunutzen, zu entwerten, nach Belieben wieder abzuschieben. Es fühlt sich frei. Seine Sexualität, das einzige Gebiet, auf dem an Leistungsfähigkeit der Mann nicht mit ihm konkurrieren kann, wird ihm zum Mittel der Herrschaft, der Selbstherrlichkeit. Freilich, die Herrschaftsrolle ist trügerisch. Die Gesellschaft gestattet den Geschlechtsverkehr nur innerhalb der Ehe, weil da die relativ günstigsten Voraussetzungen für die Aufzucht des Nachwuchses gegeben sind. Sexualität außerhalb der Ehe schließt immer die Gefahr ein, daß der versorgungspflichtige Vater unauffindbar bleibt oder sich der Leistung entzieht; deshalb ist sie im Kodex der herrschenden Sexualmoral verboten. Uneheliche Mütter und Dirnen, die diese Satzung übertreten, werden durch Verachtung oder nach dem Gesetz bestraft. Wenn die Behörden gleichwohl die Prostitution im beschränkten Umfange gestatten, so deshalb, weil die Sexualität der Männer in der Ehe, die keine biologische, sondern eine wirtschaftliche Paarung ist, nicht immer oder nicht völlig auf ihre Rechnung kommt. Auf die Sexualität der <!-- S. 32 --> Frau wird keine Rücksicht genommen, weil die männliche Freiheit in der Hand der Frau die Sprengung der Ehe bedeuten würde.

Einzig die Prostituierte genießt diese Freiheit. Aber sie muß sie teuer bezahlen mit der völligen Vernichtung ihrer gesellschaftlichen Achtung. Und obendrein wird der Genuß ihr verleidet durch den Umstand, daß die Freiheit völlig des Schutzes, der Rechte und des Rückhaltes entbehrt, dessen sich die Freiheit des männlichen Geschlechts erfreut. Im Rahmen der Männerkultur als Frau mit weiblichen Mitteln die herrschende Männerrolle spielen zu wollen — dieses frevelhafte Beginnen wird schwer gerächt.

In die soziale und sexuelle Verwahrlosung der Prostituierten gliedert sich folgerichtig die Figur des Zuhälters ein. Er wird, wie die bürgerliche Ehefrau vom Mann, von der Dirne materiell versorgt, ohne Rechte über die Dirne zu haben; und er steht, wie die bürgerliche Ehefrau dem Manne, der Dirne sexuell zur Verfügung, um dafür materiell erhalten zu werden. Die Prostituierte wahrt also ihm gegenüber durchaus ihre männliche Rolle. Sie ist die sozial Überlegene und gestattet ihm die Pose des Kavaliers; er beweist <!-- S. 33 --> ihr seine Männlichkeit in der Sexualität und erspart ihr die Erniedrigung als bürgerliche Ehefrau. So kompensieren sie sich wechselseitig beide im gleichen Milieu und in der gleichen Feindschaft gegen die gesellschaftliche Ordnung, der sie als äußerste Exponenten sozialer und moralischer Verwahrlosung erscheinen.

Wenn das Abgleiten in die Verwahrlosung die Folgewirkung eines seelischen Prozesses ist, muß es möglich sein, das Kind durch eine zweckentsprechende Behandlung, also durch richtige Erziehung, vor der Verwahrlosung zu bewahren.

Wie muß diese richtige Erziehung beschaffen sein?

Die Tatsache, daß es immer entmutigte, verängstigte, sich minderwertig fühlende Kinder sind, die der Verwahrlosung verfallen, indem sie flüchten, zeigt uns den Weg.

Wir müssen alles vermeiden, was als Autorität, Zwang, Herrschaft, Gewalt auf das Kind drückt. Wir müssen verhüten, daß das Kind in einen Zustand der Entmutigung, des Unzulänglichkeitsgefühls gerät. Wir müssen darüber wachen, daß wir das Kind nicht durch unsere Überlegenheit, durch herrische Behandlung, Drohung und Strafe in Proteste treiben, in die Flucht jagen.

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Wer ein Kind zum Gehorsam zwingt, schilt und prügelt, der lenkt es auf die Bahn, die in der Verwahrlosung enden kann.

Wer einem Kinde sagt: „Aus dir wird nichts!“, „An dir werden wir nur Schande erleben!“, „Dich sehen wir noch im Zuchthause!“, der zerstört im Kinde das Selbstvertrauen, raubt ihm den Glauben an sich, macht es hoffnungslos und stößt es in die Verwahrlosung.

Es gibt kein größeres Verbrechen am Kinde, sagt Alfred Adler, als ihm unter Hinweis auf seine Unzulänglichkeit seine Zukunft abzusprechen.

Alle wahre Erziehung soll Ermutigung sein. Ihre Aufgabe ist: Vertrauen zu wecken, Hemmungen zu beseitigen, den Glauben an sich zu kräftigen, das Selbstbewußtsein zu steigern.

Wir werden Erzieher in diesem Sinne durch das Mittel der Kameradschaftlichkeit, des Gemeinschaftsgefühls, der gegenseitigen Hilfe.

Und wir werden die besten Erzieher in diesem Sinne, je mehr wir die Jugend freigeben, mit unserm Einflusse und unserer Geltung zurücktreten, der Proklamierung des Rechtes der Jugend auf sich selbst keinen Widerstand, keine gekränkte Eitelkeit entgegensetzen.

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Daß wir zugleich dafür zu sorgen haben, die von der ökonomischen und sozialen Sphäre her unausgesetzt im Leben des Kindes sich geltend machenden Dispositionen für die Entmutigung zu überwinden und zu beseitigen, versteht sich von selbst.

Die Erziehung ist nicht abgelöst von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Welt, die die Bedingungen erzeugt, unter denen sie wirken kann.

Die Befreiung des Kindes von dem Gefühl der Entmutigung und Minderwertigkeit bedeutet letzten Endes die Befreiung der proletarischen Klasse von der Herrschaft der mit allen Überlegenheiten ausgestatteten und ausgerüsteten Bourgeoisie.

Und die Erziehung zu Mut und Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Verantwortlichkeit wird ihrer letzten Erfolge nur sicher werden, wenn in gleichem Maße das Selbstbewußtsein der entmutigten Klasse wächst und die Quelle aller Über- und Unterwertigkeiten, die Klassengesellschaft, ihr Ende findet.

<!-- Danach vier unpaginierte Seiten Verlagsanzeigen («Literatur zum Studium der Individualpsychologie»; Otto Rühle, «Die Seele des proletarischen Kindes» und «Umgang mit Kindern»; Alice Rühle-Gerstel, «Freud und Adler»), nicht wiedergegeben. -->

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*Fuente:* transcripción del ejemplar de la Deutsche Nationalbibliothek (DNB, bookviewer 1034882732): Otto Rühle, *Das verwahrloste Kind*, Dresden (Buchholz-Friedewald), Verlag Am andern Ufer, 1926 (Schwer erziehbare Kinder. Eine Schriftenfolge, Heft 9), 35 págs.; el texto de Rühle ocupa las págs. 9-35. Transcrito desde las imágenes de página, con un OCR propio (tesseract) de apoyo, que no leyó las págs. 10, 19 y 25. Se omiten la lista de la serie, el «Vorwort» de los editores común a todos los cuadernos (registrado aparte, OR1926-14) y los anuncios finales. Las marcas de lápiz de un lector en el ejemplar (subrayados) no se reproducen. Hubo una 2.ª edición en 1929 (no cotejada) y una traducción serbocroata en 1933. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
