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Title: Das proletarische Mädchen
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie, 3. Jg., Heft 6 (November-Dezember 1925), S. 328-332. Auszug aus Rühles Buch «Die Seele des proletarischen Kindes» (1925).
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1925-11%20Das%20proletarische%20M%C3%A4dchen
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# Das proletarische Mädchen[^1]

Von Dr. Otto Rühle (Dresden)

Als eine Organminderwertigkeit im übertragenen Sinne kann man beim proletarischen Mädchen seine Geschlechtszugehörigkeit ansprechen. Die maskulin gefärbte Auffassung aller menschlichen und kulturellen Beziehungen stempelt das Weibsein zu einem Makel, der oft fast so bewertet wird wie ein angeborener körperlicher oder seelischer Schaden. Die offen gezeigte Enttäuschung der Eltern, wenn das Neugeborene ein Mädchen ist, die takt- und herzlosen Hinweise von Eltern und Erziehern auf die als minderwertig beurteilte Geschlechtszugehörigkeit sind geeignet, sehr bald im kleinen Kinde die Vorstellung zu erzeugen, daß seine natürliche und unabänderliche Geschlechtsrolle ein Verhängnis sei. Das Mädchen fühlt sich von Natur benachteiligt, nur weil es Mädchen ist. Der Vergleich seiner Geschlechtsorgane mit denen der Brüder läßt in ihm die Vorstellung aufkommen, daß es um etwas verkürzt sei, daß man ihm etwas vorenthalten oder gar — wie es aus scherzhaften Anspiegelungen zu verstehen glaubt — „abgeschnitten“ habe. Selbst wenn diese taktischen Fehler, die die eindrucksfähige Kinderseele so tief beeinflussen, von den Eltern und der nächsten Umgebung nicht begangen werden, selbst wenn — und wie selten ist dies der Fall — in der Erziehung und Behandlung das Mädchen dem Knaben gleichgestellt wird, auch dann sorgt der völlig männliche Aufbau aller sozialen und kulturellen Erscheinungen unvermeidlich dafür, das Mädchen in das Gefühl des Zurückgesetztseins, Geringerseins hineinzudrängen. Behaftet mit allen körperlichen Schwächen und allen Mängeln seines Klassenmilieus, gleich dem Knaben zu allen Minderwertigkeitsgefühlen prädisponiert, vertieft sich beim proletarischen Mädchen dieses Gefühl noch durch die Einflüsse eines allgemein männlichen Kulturmilieus, in dem auch der Aufgeklärte, sogar der revolutionäre Proletarier in der Familie Autorität ist, eine Autorität, die er einzig und allein seinem Mannsein verdankt.

Die Benachteiligung, die dem proletarischen Mädchen aus seiner Geschlechtszugehörigkeit erwächst, hat es zwar gemein mit seinen Geschlechtsgenossinnen aus bürgerlichen Kreisen. Aber wenn hier alle Vorteile der Gesundheitspflege, der Erziehung und sozialen Versorgheit imstande sind, jenen Nachteil zu vermindern, tritt er im proletarischen Milieu als erschwerendes Moment zu allen übrigen Nachteilen auf; er macht aus dem proletarischen Mädchen das hilfloseste und schwächlichste Geschöpf unter allen hilflosen und schwachen Geschöpfen.

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Bei Mädchen äußert sich der männliche Protest erklärlicherweise besonders in Versuchen, die Rolle der Knaben und jungen Burschen zu spielen. In Ausgelassenheit und Wildheit wird das männliche Geschlecht zu übertreffen gesucht; die Bemerkung: „Du bist ja ein richtiger Junge!“ wird mit Genugtuung als Anerkennung und Erhöhung gebucht; sogenannte männliche Freiheiten zu genießen, die unter das übliche „das schickt sich nicht“ fallen, gilt als höchste Errungenschaft. Darum ist auch bei Mädchen das Zigarettenrauchen, der Bubikopf, der Männersport beliebt. Dies gilt allerdings mehr nur für Mädchen aus bürgerlichem Milieu. Das proletarische Mädchen, das in seiner psychischen Entwicklung im allgemeinen um so viel hinter dem bürgerlichen Mädchen zurücksteht, als der proletarische Knabe dem bürgerlichen Mädchen voraus ist, sucht sich das Übergewicht mehr dadurch zu verschaffen, daß es die Hausmutter spielt, mitverdient, kleine Geschwister betreut oder tyrannisiert. Überhaupt ist durch das enge Zusammenleben, Zusammenarbeiten, Zusammenschlafen in proletarischen Kreisen keine so scharfe Abgrenzung der Ge-<!-- S. 329 -->schlechtssphären und darum auch kein so dringender Anlaß zu einer spezifischen Frauenemanzipation gegeben. Die bürgerliche Frauenemanzipation ist, psychologisch gesehen, ein männlicher Protest großen Stils, durchgeführt mit den Mitteln der direkten Aggression, pädagogisch ausgedrückt, eine Trotzhandlung des weiblichen Geschlechtes gegen die maskuline Kultur, eine Auflehnung kulturell Benachteiligter, mit Minderwertigkeitsgefühlen Behafteter gegen das gesellschaftliche Übergewicht und Vorrecht der Männer. Die proletarische Frauenbewegung ist — solidarisch der Männerbewegung — gegen die Unterdrückung der Klasse gerichtet.

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Die Verwahrlosung ist eine schicksalsläufige Erscheinung großer Schichten der proletarischen Jugend. Kein gelegentlicher Einzelfall, sondern ein soziales Phänomen von breiter Ausladung. Daher begegnet das proletarische Kind, erst abwegig geworden, auf Schritt und Tritt anderen, die dem gleichen Schicksal verfallen sind. Es hat Leidensbrüder und in ihnen bald Bundesgenossen, ist rasch Mitglied eines Konviviums, einer Bande. Die Bandenbildung ist in der Tat die nächste Etappe der Verwahrlosung, und als Glied der Bande, vielleicht sogar als ihr Anführer, findet das Kind seine neue Betätigung.

Wir sehen es in Trupps oder Rudeln in halbdunkeln Torfahrten, in der Nähe von Bahnhöfen, wo sich Gelegenheit zu zufälligem Verdienst, kleinen Diebereien und interessanten Erlebnissen bietet, vor Kinos, die eine wahre Hochschule der List, Geschicklichkeit, Tollkühnheit, Verwegenheit bilden, auf Rummelplätzen, in üblen Großstadtwinkeln. „Es findet sich immer der eine oder andere, der sich am besten zum Anführer eignet, und die Konkurrenz der Ehrgeizigen stellt sich ein. Jeder hat einen Einfall, was man machen könnte. Entsprechend den Formen der Großen, haben sie eine Berufsehre der Verwahrlosten. Sie strengen sich an, Taten zu ersinnen und mit Meisterschaft und zum Ruhme vor ihren verwahrlosten Kameraden aufzuführen, immer jedoch mit List und Hinterlist, da sie sich — eine Folge ihrer Feigheit — offenes Vorgehen nicht zutrauen. Kommt einmal einer auf diese Bahn, dann geht es weiter und weiter. Zuweilen geraten geistig Minderwertige in die Bande. Die werden verspottet und gehänselt, ihr Stolz wird dadurch erst recht angeeifert und sie entschließen sich zu besonderen Taten. Oder sie sind von Haus aus an eine besondere Dressur gewöhnt, sie sind auf Folgsamkeit dressiert. Ihnen wird diktiert, sie führen es aus. Es kommt oft vor, daß der eine die Untat ersinnt, der Jüngere, Unerfahrene, Minderwertige sie unternimmt.“ (Adler.) Ihrer seelischen Struktur nach sind die Verwahrlosten gekennzeichnet durch einen charakteristischen Zug, der bei ihnen stärker hervortritt, als dies bei Menschen sonst der Fall zu sein pflegt: ihr Machtstreben ist infolge einer erlittenen Herabsetzung oder Enttäuschung, die ein starkes Minderwertigkeitsgefühl auslöste, ungewöhnlich übersteigert; darunter hat ihr Zusammengehörigkeitsgefühl so sehr gelitten, daß sie den Kontakt mit der Mitwelt verloren haben. Gewiß machen sie wieder Versuche zu einer Gemeinschaftsbildung, aber ihre Banden sind doch nur ein armseliger und ganz unproduktiver Ersatz. So geraten sie immer mehr in die Isolierung, sehen sich immer mehr außerhalb der Gemeinschaft gestellt; und je mehr sie durch Krampfakte, Bravourstücke usw. ihre Geltung zu forcieren suchen, desto tiefer wird die Kluft zwischen ihnen und der Gesellschaft. Die Verzweiflung des Ausgeschlossenseins, der Vereinsamung, macht sie schließlich zu Verbrechern.

Bei Mädchen hat die Verwahrlosung einen ähnlichen Anfang. Das Scheitern an irgendeinem Punkte des Schulunterrichtes hat unregelmäßigen Schulbesuch, Auskneifen vor Aufgaben, Herumtreiben, liederlichen Lebenswandel zur Folge. Verführung und Diebstähle folgen; das Ende ist die Prostitution.

In der gegenwärtigen Gesellschaft ist die einzige moralische Legitimation der Sexualität gegeben in der monogamischen Ehe, d. h. in „dem Besitz eines menschlichen Wesens für lebenslängliche, ausschließlich geschlechtliche Dienstbarkeit zur <!-- S. 330 -->Erzeugung erbberechtigter Nachkommenschaft“. Diese Ehe ist als soziale Institution gesichert durch materielle, rechtliche und moralische Verantwortlichkeiten, die dem generativen, sozialökonomischen und ideologischen Interesse der Gesellschaft jeweilig entsprechen und damit ihren Bestand sichern helfen.

Sexualität außerhalb der Ehe ist verpönt, besonders für die Frau, weil hier die Gefahr generativer Fehlleistung infolge ungenügender materieller Versorgung von Mutter und Kind durch den zu nichts verpflichteten Vater praktisch realisiert wird. Erfolgt die Übertretung der gesellschaftlichen Sexualmoral weiblicherseits aus Fahrlässigkeit, Leichtsinn, mangelndem Verantwortungsgefühl, so straft die Gesellschaft die uneheliche Mutter — wie wir schon gesehen haben — durch Achtung und Verruf. Erfolgt sie als notgedrungener Ausweg angesichts der Unstimmigkeiten, die sich aus den Funktionen der sexual-ethischen Zwangsmechanismen ergeben, und wird sie zu einer Sache des Erwerbes, so entsteht die Prostitution. Ihr gegenüber nimmt die Gesellschaft eine Doppelhaltung ein. Sie muß die Prostitution ächten, weil diese die offizielle Sexualmoral verletzt; sie muß sie aber auch tolerieren, weil sie ein unvermeidliches Abzugsventil ist für Spannungen, denen die Form der Ehe keine Auslösung verschafft. Im Grunde ist zwischen bürgerlicher Ehe und Prostitution kein eigentlicher Unterschied. Ist die Ehe die Überlassung des Frauenleibes an einen Mann für lebenslängliche Benutzung gegen einmalige Pauschalbürgschaftsleistung, so ist die Prostitution die Überlassung des Frauenleibes an den jeweiligen Mann gegen Bezahlung für jede Einzelbenützung. Im Grunde beidemal dasselbe, nur mit dem Unterschied, daß bei der Ehe die Haftbarkeit des Mannes sich über den Sexualakt hinaus erstreckt, bei der Prostitution nicht. Das ist der springende Punkt. Denn nicht die Vergütung des Sexualaktes, sondern die Haftbarkeit für die Sexualaktsfolgen stehen im gesellschaftlich-generativen Interesse obenan. So ist die Prostitution zwar ein Übel, aber ein notwendiges Übel, ein Laster zwar, jedoch ein gesellschaftlich geduldetes, behördlich geordnetes, bei Männern beliebtes Laster — eine süße Sünde.

Wir haben hier nur Weiberprostitution im Auge. Ganz abgesehen von physiologischen Erwägungen, wird es in einer Gesellschaft mit maskuliner Kultur immer nur Weiber-, nie Männerprostitution geben, weil die Ehre des herrschenden Geschlechtes der Männer eine solche Entwürdigung und Erniedrigung — und so wird die Prostitution heute ja auch vom weiblichen Geschlecht empfunden — nie zulassen würde. Der Mann ist nur Nutznießer der Prostitution, das Weib dagegen Repräsentantin und Opfer. In ihren Tiefen, ganz „unten“, landet schließlich das der Verwahrlosung verfallene Mädchen.

Daß schulpflichtige Mädchen, Kinder also, Erwerbsunzucht treiben, wie es in der Sprache des Gesetzgebers heißt, ist heute keine Seltenheit mehr. In allen Statistiken, Fürsorgeanstalten, Kliniken treffen wir solche Fälle an. Und ungleich größer ist sicher die Zahl der Fälle, die nie ans Tageslicht kommen und von keiner Statistik erfaßt werden.

Die soziologische Betrachtung des Problems der Prostitution hat uns gelehrt, daß die Prostitution eine Klassenerscheinung ist, deren historische Silhouette sich immer abhebt von dem Hintergrunde einer Welt des Besitzes und der Besitzlosigkeit, daß ihr Aufschwung zusammenfällt mit der Geldwirtschaft, die nachgerade alles in Ware verwandelt hat, und daß Armut, Hunger, soziales Elend, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus den Nährboden bilden, auf dem die Prostitution neben anderen sozialen Übeln am üppigsten gedeiht. Insofern ist das proletarische Mädchen relativ stark gefährdet, und die Tatsachen beweisen ja zur Genüge, daß das Heer der Prostituierten sich vorwiegend aus den sozial am ungenügendsten gesicherten Schichten — in erster Reihe Dienstmädchen — rekrutiert. Über die seelischen Vorgänge aber, die sich im Mädchen abspielen, wenn es sich der Prostitution zuwendet und über die Frage, warum in gewissen Fällen die seelischen Prozesse zu diesem <!-- S. 331 -->Entschlusse führen, in anderen nicht, kann nur psychologische Betrachtung Aufschluß geben.

Es wurde schon darauf hingewiesen, daß das proletarische Mädchen im Rahmen der heutigen Kultur dreifach benachteiligt ist: als Proletarierin der Bourgeoisie gegenüber, als Kind den Erwachsenen gegenüber und als Mädchen dem männlichen Geschlecht gegenüber. Es leidet unter dem stärksten Grade sozialer Benachteiligung, den es heute überhaupt gibt. Was Wunder, daß Minderwertigkeitsgefühle bei ihm in besonderem Umfange und Ausmaße Platz greifen, sein seelisches Leben beeinflussen und sein Handeln bestimmen. Das Machtstreben wird aufs heftigste angestachelt. Der Wunsch, selbständig, frei, vollwertig wie ein Mann zu sein, gibt der Leitlinie des Lebensplanes die alles beherrschende Note.

Nun ist die Frau im Bereiche unserer maskulinen Kultur von den allermeisten Betätigungsmöglichkeiten abgedrängt und ausgeschlossen. Nur selten und in bescheidenem Maße kann sie unter besonders günstigen Umständen, meist erst nach langem, zähem Kampfe, auf wirtschaftlichem, politischem, wissenschaftlichem, künstlerischem Gebiete zur Geltung kommen. Sie sieht sich auf ihre Rolle als Geschlechtswesen, auf die unveräußerliche Funktion des Weibes beschränkt. Obwohl sie daran schwer trägt, weil sie alle Konsequenzen der Sexualität auf sich zu nehmen hat, macht sie doch aus der Not eine Tugend: in dem Umstande, daß die Frau jederzeit zum Geschlechtsumgange fähig ist, jederzeitig Genuß spenden kann, unbeschadet ihres eigenen Genusses, entdeckt sie ein Machtmittel, eine Überlegenheit, deren sie sich im Geltungskampfe gegenüber dem Manne bedient. Sie wird ausgesprochenes Geschlechtswesen, erhebt ihre natürliche Beschaffenheit zu einem Vorzuge, setzt an dem Punkte an, wo sie dem Manne überlegen ist und entfaltet dort alle jene verdrängten Freiheits- und Herrschaftstriebe, für die sie einen Schauplatz nicht zugebilligt bekommen hat. Die Vagina wird ihre Waffe zur Behauptung im Kampfe um die Macht.

Passiert es nun dem Mädchen, daß es sich in früher Jugend schon vielleicht in einer verderbten und verseuchten Atmosphäre, irgendwann und irgendwie besonders stark als Opfer männlicher Überlegenheit zu fühlen hatte — dies kann bei einer Verführung, Sexualattacke, Vergewaltigung, aber auch schon bei kindlichen Späßen und Spielen im Umgange mit Brüdern und Kameraden usw. der Fall sein — so fängt es an, gegen seine weibliche Rolle zu revoltieren. Es empfindet seine Weiblichkeit als Zurücksetzung, Benachteiligung, nährt immer stärker die Begierde, sich wie ein Knabe benehmen zu dürfen, es dem Manne gleichtun zu können, mißachtet immer ostentativer die weibliche Haltung, Sittsamkeit, Schicklichkeit, wird durch Konflikte, in die es dabei mit verständnislosen Eltern und Erziehern gerät und bei denen es schlecht abschneidet, zu weiterer Forcierung seines Widerstandes gereizt. Das Warten auf den Mann, das Sichwerbenlassen, die Heirat, die Mutterschaft, das ganze Los der Hausfrau — alles erscheint ihm als Schwäche, Unwürdigkeit, Unterwerfung, Gefangenschaft, Schmach. Dagegen ist ihm begehrenswert, selbst als Werber aufzutreten, sich nach Gutdünken den Mann auszusuchen, um ihn wegzuschicken, wenn man seiner überdrüssig ist, den Mann zu entwerten, auszunutzen, zu verachten, an ihm alle Erniedrigung zu rächen, die man von ihm und seinem Geschlecht ertragen mußte. Das einzige Mittel, den Mann unterzukriegen und über ihn zu triumphieren, ist ihm die Sexualität. Also macht das Mädchen seine Sexualität zur Kampfwelle, zum Lebenszweck, zum Erwerb, zum Organ seines täglichen Triumphes. Die Prostituierte benimmt sich wie ein aktiver Mann. Sie wirbt, nützt den Besucher materiell aus, entwertet sein Lusterlebnis durch Frigidität, ist Verdienerin für den Zuhälter, dessen sie sich nach Belieben für ihre Sexualbedürfnisse bedient, hat ein Verhältnis mit Mädchen, fühlt sich erhaben über die Moralgebote der Gesellschaft und blickt mit Verachtung und Feindschaft auf die bürgerliche Frau herab, die in ihren Augen das Urbild schmachvollster weiblicher Schwäche darstellt.

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Die Prostituierte hat eine männliche Freiheit gewonnen, aber ohne den sozialen Schutz und die Rechte der Männlichkeit. Sie hat ihre Freiheit erkaufen müssen mit der Ausstoßung aus der Gemeinschaft. Sie ist gesellschaftlich isoliert, abseits gestellt, erledigt. Die drei Töchter einer armen Frau, von denen eine ins Kloster ging, die andere sich der Prostitution zuwandte, die dritte Selbstmord verübte, hatten im Grunde ein und dasselbe Schicksal: unter dem Drucke schlimmer Familienszenen, bei denen die Mutter dem brutalen Vater unterlag, flüchteten alle drei vor der weiblichen Rolle aus der Welt; und alle drei waren damit für die Gesellschaft erledigt.

Im Zusammenhange mit der Prostitution muß der Zuhälter genannt werden, der sich aus den Kreisen der Verwahrlosten rekrutiert. Von der Gemeinschaft abgelöst, auf der Suche nach neuer Geltungsmöglichkeit, nach billigen Erfolgen, nach müheloser Befriedigung von Herrschaftsgelüsten ist er an die Dirne geraten, die ihm entgegenkam, weil sie ihn sexuell ebenso brauchte wie er sie materiell. Sie ist sein Ernährer, er ihr Beschützer. Sie ist die sozial überlegene und gestattet ihm die Rolle des Kavaliers; er beweist ihr seine Männlichkeit in Sexualakten und erspart ihr die Rolle der abhängigen Bürgersfrau. So kompensieren sich beide durch die Umkehrung des bürgerlichen Eheverhältnisses wechselseitig, verbunden durch das gleiche Milieu, die gleiche Feindschaft gegen die Sozialordnung, die gleiche Distanz gegenüber der Gesellschaft. Für den Halbstarken, der in die Verwahrlosung gerät, ist das Zuhältertum eine scheinbare Hebung des Persönlichkeitsgefühls, scheinbar deshalb, weil sie ohne die Resonanz der Gesellschaft erfolgt, ja immer mehr von den gesellschaftlichen Zusammenhängen wegführt und ganz in der Tiefe enden läßt. Aber doch zunächst eine Hebung, und das genügt ihm.

[^1]: Aus dem ausgezeichneten Buche Otto Rühles: Die Seele des proletarischen Kindes, Verlag Am anderen Ufer, Dresden (Buchholz-Friedewald).

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*Fuente:* Otto Rühle, «Das proletarische Mädchen», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie*, 3. Jg., Heft 6 (noviembre-diciembre de 1925), págs. 328-332, transcrito del ejemplar digitalizado en archive.org (izi-3-6; copia local: materiales/1925, PDF del número completo, págs. 62-66 del PDF), a partir de la capa de texto del PDF corregida sobre las imágenes de página. La nota de asterisco, de la redacción, indica que el texto es un extracto del libro de Rühle *Die Seele des proletarischen Kindes* (1925); se conserva porque forma parte de la página impresa. El texto no lleva subtítulos; los asteriscos separadores son del original. Se ha corregido la errata «an einem Mann» (pág. 330); se conservan «Achtung und Verruf» (por *Ächtung*), «Kampfwelle» (probablemente por *Kampfwaffe*) y el pasaje, de lógica dudosa, «als der proletarische Knabe dem bürgerlichen Mädchen voraus ist» (pág. 328). Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. Le sigue en la revista «Salvaging Mankind by Psychology», de Adler.
