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Title: Nochmals: Der autoritäre Mensch und die Revolution
Description: Die Aktion, 15. Jg., Heft 21/22, 1925, Sp. 598-606 (Antwort auf die Kritik von Oskar Kanehl, Ernst Broh und Franz Pfemfert; Sperrungen von Pfemfert).
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1925%20Nochmals%20-%20Der%20autorit%C3%A4re%20Mensch%20und%20die%20Revolution
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<!-- Sp. 598 -->

# Nochmals: Der autoritäre Mensch und die Revolution

(Eine Antwort)

Die Wissenschaft hat *nicht* die Aufgabe, absolute Wahrheiten zu ergründen.

Als Teilstück des gesamten Kulturbestandes ist sie immer nur ein Orientierungsmittel im Dienste der gesellschaftlichen Sicherungsinteressen, das entsprechend den Bedürfnissen des jeweilig maßgebenden Sicherungszwecks funktioniert.

In einer Klassengesellschaft ist der Sicherungszweck nicht einheitlich. Die herrschende Klasse hat ein anderes Sicherungsziel als die beherrschte.

Aus der Vergangenheit her verfügt die bürgerliche Klasse über das Kulturmonopol; damit hat sie auch das Monopol der Wissenschaft in der Hand.

In der Zeit des historischen Umbruchs jedoch, wo die laufende Epoche sich mit der künftigen berührt, wird ihr das Monopol streitig gemacht durch die proletarische Klasse. Als Marxisten wissen wir, daß jede Wissenschaft bedingt und eingebettet ist in der sozialökonomischen Situation ihrer Zeit. In Perioden der Einheitlichkeit, Festigkeit und Geschlossenheit eines Systems liegt der marxistisch gesehene Zusammenhang zwischen materieller Basis und ideologischem Überbau klar zu Tage. In diesem Sinne spricht man mit voller Berechtigung von bürgerlicher Wissenschaft, denn es handelt sich bei ihr ausschließlich darum, unmittelbarer Ausdruck der materiellen und sozialen Tendenzen der Bourgeoisie zu sein.

In Zeiten der Umwälzung aber, wo der Klassenkampf immer stärker die Bestände der bürgerlichen Kultur in Frage stellt, verliert die Wissenschaft mehr und mehr diese Eindeutigkeit. Es entstehen zwei wissenschaftliche Lager.

Auf der einen Seite stehen die *Apologeten*[^1], die an die Existenzbedingungen ihrer Klasse gebundenen Forscher, die nur noch Rechtfertiger und Verteidiger des bedrohten Systems sind. Auf der andern Seite melden sich vereinzelt diejenigen, die — gewollt oder ungewollt — infolge ihrer wissenschaftlichen Konsequenz zu Feinden des bestehenden Systems werden. Dabei kann zwischen ihrer persönlichen Einstellung und ihrer sachlichen Wirkung ein Zwiespalt bestehen. Es kommt, um mit Marx zu reden, nicht darauf an, was dieser oder jener Wissenschaftler sich einstweilen als Ziel vorstellt, sondern darauf, was dieses Ziel ist und was er diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Zwischen den mehr geschlossenen Systemen liegen chaotische Übergangszeiten, wie wir deren eine heute durchleben. Der ideologische Überbau ist in solchen Zwischenstadien seiner Herkunft nach verwurzelt im Alten, seinem Ziele nach ragt er ins Neue hinein. Die Betrachtungsweise, mit der wir dies erkennen, ist nicht mehr bloß die von der rein bürgerlichen Wissenschaft angewandte Kausalität. Diese wird ergänzt und erweitert durch die Finalität. Es ergiebt sich daraus die *kausal-finale* Betrachtungsweise, die sowohl auf Ursache wie auf Endziel gerichtet ist.

Marx war der erste, der die *kausal-finale* Methode bei Betrachtung sozialökonomischer Phänomene anwandte. Aber auch Alfred Adler bedient sich ihrer mit derselben Konsequenz und Bewußtheit bei Betrachtung psychologischer Phänomene. Beide Forscher brechen also grundsätzlich mit der typischen bürgerlichen Denkmethode und handhaben, unabhängig voneinander, eine neue, und zwar dieselbe Methode.

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Wir haben für die so geübte Wissenschaft der Übergangszeit keine andere Bezeichnung als die der proletarischen Wissenschaft, was nicht bedeutet, daß sie von Proletariern geschaffen, angewandt oder repräsentiert werde, sondern nur, daß sie zwischen bürgerlicher und sozialistischer Welt steht.

Kanehl, Broh und Pfemfert sind davon durchdrungen, daß der Marxismus die einzige und ausschließliche proletarische Wissenschaft sei. Sie fühlen sich *in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt*, wenn man (in Konsequenz der marxistischen Betrachtungsweise) auch für andere wissenschaftliche Diszipline die Existenzberechtigung als proletarische Wissenschaft gelten läßt. Vielleicht sind sie auch, als *echte Autoritätsmenschen, nur ärgerlich darüber, daß nicht sie selbst die Entdecker dieser Wissenschaft waren*.

Das ist der *Kardinalfehler* ihrer Einstellung. Sie wollen *marxistischer sein als Marx*. Wollen die marxistische Denk- und Betrachtungsweise nicht auf den Marxismus angewandt wissen. Sie huldigen damit einer gefährlichen, weil *entwicklungsfeindlichen Orthodoxie* und betreiben einen ganz *bürgerlich-autoritären Heroenkult*, der dem Marxismus absolut zuwiderläuft und den sich Marx aufs entschiedenste verbitten würde.

Bei Marx geht alle Wissenschaft auf die „umwälzende Praxis“ hinaus. Man macht die Probe auf die revolutionäre Brauchbarkeit einer Wissenschaft, indem man untersucht, ob sie geeignet ist, zum Abbau der herrschenden Ideologie, zur Überwindung des geltenden und zum Aufbau des künftigen Systems beizutragen. Dabei ist völlig gleichgültig, ob ihr Begründer und Urheber sich des revolutionären Charakters seiner Wissenschaft bewußt ist oder nicht, ob er ihre revolutionäre Auswertung will oder nicht, ob er einer Klassenkampf-Organisation angehört oder nicht. Hegel war ein ausgesprochener Reaktionär, seine Dialektik aber war eine revolutionäre Leistung, und Marx hat keine Minute gezögert, diese Dialektik zu übernehmen, nach seinem Bedarf zu formen und für seine Wissenschaft nutzbar zu machen. Ebenso verfuhr er mit Adam Smith, Ricardo, Condorcet u. a.

Ob nun die Individualpsychologie eine revolutionäre Wissenschaft ist, hängt ganz und gar nicht davon ab, wie ihr Begründer Alfred Adler zur Arbeiterbewegung steht. Er könnte ihr größter Gegner und doch ein wissenschaftlicher Revolutionär sein, der wider Willen dem Kampfe für den Sozialismus wertvolle Waffen lieferte. So hat er nur ein Mitgliedsbuch der österreichischen Sozialdemokratie in der Tasche. Aber auch das ist höchst gleichgültig. Es kommt lediglich darauf an, welches die Konsequenzen seiner Lehre sind.

Diese Lehre freilich sollte man kennen, bevor man sich ein Urteil über sie erlaubt.

Kanehl, Broh und Pfemfert haben eingestanden oder durch ihre Polemik bewiesen, daß ihnen *jede*, auch die bescheidenste *Kenntnis dieser Lehre* abgeht. Pfemfert hat sich *grotesker Weise*, um die *Individualpsychologie* abfällig beurteilen zu können, *auf die Psychoanalyse berufen*. Und Broh verbricht einen so *greulichen Gallimathias*, aus dem klar ersichtlich ist, daß er nicht einmal diese verstanden hat.

So handelt ein *Bürger*, der, um den Sozialismus ablehnen zu können, sich auf seine Kenntnis des Kapitalismus beruft.

Natürlich ist es nicht zufällig, daß alle drei das Studium dieser Lehre *wie das heiße Eisen* scheuen. Die Ursache der Hemmungen aufzudecken, wäre für geschulte Individualpsychologen ebenso reizvoll, wie es <!-- Sp. 600 --> *für die drei demaskierend* wäre. Doch diese Analyse gehört *schließlich* nicht hierher.

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„Erst die Erkenntnis, daß die geschichtliche Mission des Proletariats außerhalb der bürgerlichen Ideologie liegt, löst die Arbeiter als Klasse von der Bourgeoisie ab,“ sagt Pfemfert in seiner Polemik gegen mich.

Er stellt sich damit in erfreulichen Gegensatz zu Kanehl und Broh und hätte gar keinen Grund, gegen mich zu polemisieren, weil ich seinen Standpunkt teile. Welches aber ist die Konsequenz daraus? Doch wohl nur die: daß als wichtigster Bestandteil des Klassenkampfes wie als wichtigste Voraussetzung für den Sieg der Revolution der Abbruch der bürgerlichen Ideologie zu gelten hat.

Unter der Klasse, die den Klassenkampf führt und zur Revolution steigert, versteht Marx die Gesamtheit der Menschen, die durch die „Dieselbigkeit ihrer Interessen im Produktionsprozeß“ zu gemeinsamem Handeln veranlaßt werden.

Außerhalb einer Klasse ist heut kein Mensch denkbar. Daß er aber soziologisch zu einer Klasse gehört, ist noch nicht dasselbe, wie, daß er bewußt Schicksal und Verpflichtung seiner Klasse auf sich nimmt. Erst das Durchdrungensein von der geschichtsnotwendigen Sendung des Proletariats und die Bereitschaft zu entsprechendem Handeln machen das proletarische Klassenbewußtsein aus.

Es kann gar keine Rede davon sein, einzelne Proletarier von außen durch die Erziehung für die revolutionäre Aufgabe der proletarischen Klasse vorbereiten und gewinnen zu wollen. Wie sollte dann dieser revolutionäre Privatunterricht möglich sein? Diese *heiteren Marxisten* denken sich die proletarische Klasse wie eine Schulklasse, auf die man sich auch durch Privatstunden vorbereiten kann und in die man nach erfolgreicher Vorbereitung und abgelegtem Examen als geprüfter Klassenkämpfer und Revolutionär eintritt. Oder glauben sie, daß ich mir so wunderliche Vorstellungen von der Beschaffenheit der proletarischen Klasse mache?

Gewiß gibt es noch viele Proletarier, die in sich die Spaltung in bürgerlichen Privatmenschen und proletarischen Klassenmenschen tragen. Diese leidige Zwieschlächtigkeit, die das ärgste Hemmnis der Revolution ist, findet aber in Kanehl und Pfemfert ihre theoretischen *Verteidiger*. Beide, die gegen einen angeblichen Dualismus in meiner Auffassung aufs heftigste zu Felde ziehen und dabei natürlich gegen Windmühlen kämpfen, weil meine Auffassung ja gerade auf die Überwindung des Dualismus hinausläuft, führen hier selbst einen Dualismus ein, der die gefährlichste Spezies seiner Gattung ist. Pfemfert, der von widerlicher Zudringlichkeit spricht, die sich in das Privatleben des Einzelnen einmischt, und Kanehl, der ebenso den Privatmenschen völlig ungeschoren lassen will, halten sich für gute Marxisten, wenn sie glauben, daß sich auf der Privatseite der bürgerliche Mensch bis zum Tage nach dem Siege erhalten könne, während auf der Klassenseite die proletarische Selbstbewußtseinsentwicklung sich vollziehe. Welch eine *pseudomarxistische Zweiseelentheorie!*

Was man heute für Klassenbewußtsein hält, ist im Grunde nur die soziologisch bedingte Klassengebundenheit, die an sich *nichts* besagt und sich keineswegs revolutionär auszuwirken braucht. Daher ja auch das völlige Versagen des Proletariats von heute in der Bekundung seines Klassenbewußtseins durch konsequentes revolutionäres Handeln. Dieses Versagen ist es, was zur Neuorientierung drängt.

Pfemfert bestreitet zwar, daß es in der AAU ein Versagen, eine Entmutigung, einen Indifferentismus, eine <!-- Sp. 601 --> Kampfunfähigkeit gäbe. Nun denn — hat sich die AAU seit 1919 vorwärts oder rückwärts entwickelt, ist sie größer oder kleiner geworden, hat ihre revolutionäre Energie zu- oder abgenommen? Welches Bild bietet ihr Zustand dar? Man erspare jedem *Kundigen*, Zahlen zu nennen oder Tatsachen anzuführen! Hier hilft es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und sich durch einen Optimismus zu belügen, der an Blindheit oder *Gewissenlosigkeit* grenzt.

Die Realität der proletarischen Klassenkampfbewegung ist heute überall deprimierend. Wie kommen wir zu revolutionärem Handeln?

Nach Kanehl, indem man „im Betrieb sein Klassenbewußtsein kämpfend erweist und durch solches Beispiel werbend proletarisches Selbstbewußtsein in seinen Klassengenossen entwickelt“. Nach Broh, indem man die Fehler und Hemmnisse der Revolution „durch Wissen und Erkenntnis“ überwindet. Nach Pfemfert, indem man „die zum Klassenbewußtsein Erwachten und zum Zertrümmern der alten Ordnung Gewillten sammelt“.

Alles schön und gut! Nur ein kleiner Haken ist dabei: die „Erwachten“ und „Gewillten“ sind nicht da, die „kämpfende Erweisung des Klassenbewußtseins“ bleibt aus, das „werbende Beispiel“ hat keinen Erfolg, die „Entwicklung des Selbstbewußtseins“ steht nur auf dem Papier als schöne Parole.

Das ist ja gerade das *schreckliche Fiasko* der proletarischen Bewegung, *auch der AAU*. Hier, meine Freunde, liegt *der Hase im Pfeffer*.

Warum aber ermangelt es an Mut, an Bereitschaft, an Solidarität, an Kampfentschlossenheit? Warum kommt das Proletariat nicht dazu, die durch Propaganda und Erfahrung gewonnenen Einsichten und Erkenntnisse in die revolutionäre Tat umzusetzen?

Nun — Mut, Opferwilligkeit, Solidarität, Kampfwille sind Angelegenheiten des *menschlichen Charakters*. Es muß also in der Verfassung und Funktion des *Charakters* etwas nicht stimmen, wodurch das *Proletariat* verhindert wird, entsprechend seiner durch „Wissen und Erkenntnis“ gewonnenen geistigen Orientierung zu handeln.

Wenn dieser Annahme nachgegangen wird, so nicht, wie Pfemfert argwöhnisch behauptet, um vom Klassenkampfe abzulenken, ihn zu verwischen, zu verdunkeln, zu verunreinigen. Wozu dem Andersdenkenden nach schlechter *Politikantenmanier* von vornherein unsaubere Motive unterschieben? Niemand sucht den andern hinter dem Busch, hinter dem er nicht selbst schon gesessen! Und wozu nach dem üblen Vorbilde des Ekki-Briefes vom hohen Piedestal der revolutionären Unvergleichlichkeit herab („Rühle schreibt Sätze nieder, die auch wir — WIR — nicht anders formulieren könnten!“) jeden niederdonnern, der es wagt, eine vom „*Aktions“-Normalschema* abweichende Meinung zu haben? Wäre Pfemfert *auch nur ein wenig* mit Individualpsychologie vertraut, würde er tief beschämt *sein müssen angesichts der peinlichen Aufschlüsse*, die sein forcierter Aufwand von Pathos und Lungenkraft über den Grad seiner eigenen *revolutionären Unsicherheit* gibt. Überflüssig zu sagen, daß es keinem Menschen einfällt, durch Erziehungskünste revolutionäre Idealmenschen oder sozialistische Engel erziehen zu wollen. Hat man wirklich nötig, sich gegen solche Unterstellungen zu wehren, die man heute selbst in Kreisen skrupelloser bürgerlicher Gegner als *platte Demagogie* empfindet?

*Es kann vielleicht nicht ausbleiben*, daß Proletarier, deren scheinbarer Mut nur ein ganz hohler Überbau über tiefster Entmutigung war, das *naive Zutrauen zu ihrer revolutionären Courage verlieren*, sobald man den Dingen so kritisch ins <!-- Sp. 602 --> Auge schaut, wie es *mein* Artikel getan hat. Aber wenn sie diese Krise überwunden haben, werden sie um so fester und zuverlässiger sein, denn sie haben *dann* die Probe auf die Antiautorität bestanden. Für einen, der verloren geht, werden zehn neue gewonnen werden, wenn *wir* sie nur vor der Entgleisung und Entmutigung, vor dem Ausweichen sozusagen *in flagranti* erfassen.

Auf das Erfassen, das Packen kommt es an. Es muß ihnen gezeigt werden, daß sie gar nicht nötig haben, entmutigt zu sein und auszuweichen. Gegen den *Verlust des Glaubens an ihr individuelles Können* tauschen sie ja ein das Vertrauen zu der viel größeren Energie der Klasse, in die sie sich *nur* einzugliedern brauchen, um stark zu sein.

Wo aber ist die Klasse? *Wer* erfaßt die Flüchtigen? Und wie erfaßt man sie?

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Broh meint, daß die Erkenntnis der Klassenlage, die *wir* jetzt dem Proletariat beibringen, für die Aufgaben der Revolution vollständig genüge.

Sie genügt eben nicht. Die alte sozialdemokratische Pauke: Agitation! Agitation! Agitation! hat ein Loch.

Es fehlt im Proletariat überall der Mut, der Erkenntnis gemäß zu handeln.

Diesen Mut kann man nicht so ohne weiteres der Klasse beibringen. Man muß sich an den Klassenangehörigen halten. Und man muß *dort* einsetzen, wo beim Klassenangehörigen *der Privatmensch und der Klassenmensch sich schneiden*. Das Bemühen muß darauf hinauslaufen, den Privatmenschen im Klassenmenschen aufgehen zu lassen, die Konflikte zwischen beiden — die die Quelle der Entmutigung sind — zu vermeiden und die gesamte Energie, die heute in tausend kleinen Konflikten verpufft, dem Klassenmenschen und damit dem Klassenkampfe zuzuführen. Kanehl, Broh und Pfemfert *ziehen die Sache falsch auf*, wenn sie so tun, als ob der *Privatmensch nicht existierte*. Damit geben sie ihm jede Freiheit der Entfaltung, um dem *Klassenmenschen* jederzeit in den Rücken fallen zu können. Das Ende ist dann immer das Versagen des Klassenangehörigen als Klassenkämpfer.

Kanehl, Broh und Pfemfert müssen trotz ihrer Polemik gegen mich zugeben, daß es im Proletariat an revolutionärem Kampfwillen und an Solidarität fehlt.

Und was sagt Alfred Adler? — „Es fehlt den Menschen an Mut und Gemeinschaftsgefühl“.

*Hie Marx*: revolutionärer Kampfwille und Solidarität — *hie Adler*: Mut und Gemeinschaftsgefühl. Man sieht, die Übereinstimmung ist verblüffend. Um was streiten wir uns?

Ob Kampfwille und Solidarität oder Mut und Gemeinschaftsgefühl — immer handelt sich's um psychische Verhaltungsweisen, Eigenschaften und Qualitäten. Da meine *ich* nun und glaube die Logik auf meiner Seite zu haben, daß man an psychische Gegebenheiten nur mit psychischen Mitteln herankommen kann. Die Methode aber, die hierfür in Betracht kommt, als die Methode planvoller Beeinflussung und Behandlung der menschlichen Psyche, heißt *Erziehung*.

Erziehung ist keine bürgerliche Erfindung, wie Kanehl meint, der entweder Erziehung mit Schule verwechselt oder dabei nur an die offizielle Kindererziehung im heutigen Staate denkt. Man kann ihm beipflichten, wenn er die Schule als bürgerliche Einrichtung verwirft. Aber vielleicht ist ihm nicht eingefallen, daß der Betrieb, den er als ideale Erziehungsstätte preist, schließlich auch eine bürgerliche, von Kapitalisten nur um ihres Profits willen geschaffene Einrichtung ist. Oder etwa nicht? Lieber Kanehl, man darf sich die Ableh<!-- Sp. 603 -->nung einer anderen Meinung nicht so leicht machen, daß man ganz *mechanisch mit Schlagworten operiert*; man gerät sonst in eine Sackgasse und verfängt sich in den Schlingen seiner eigenen Argumentation.

Es geht auch nicht an, als Bekämpfer des Naturrechts-Sozialismus in den Fehler zu verfallen, daß man nach dem bequemen Schema des Naturgesetzlichkeits-Fatalismus erklärt: Proletarische Erziehung ist Selbstbewußtseinsentwicklung! Bei Marx gibt es kein „ist“ und „Sein“, sondern nur ein „werden“, eine „Bewegung“. Also bitte, wie vollzieht sich diese Bewußtseinsentwicklung? Wer vollzieht sie? Nach welcher Methode? Nach welchem Ziel?

Bei dem ganzen Komplex der hier in Rede stehenden Dinge: Planmäßigkeit, Methode, Einflußnahme, Zielsetzung usw., immer in Hinsicht auf die zu vollziehende Selbstbewußtseinsentwicklung, handelt es sich doch — wer wollte das leugnen? — um psychische Prozesse, um *seelische* Vorgänge und Verhaltungsweisen.

Mit *psychischen* Prozessen aber beschäftigt sich nicht die Soziologie (also auch nicht der Marxismus), sondern die Psychologie.

Es liegt hier das Mißverständnis vor, als ob ich die psychischen Einflüsse, wie sie durch Diskussionen, Reibungen im Betrieb, Kämpfe usw. erfolgen, ersetzen wollte durch eine Kleinkinderschule und einen Unterrichts- oder Bildungsdrill.

Ganz irrig! Ich erkenne die Erziehungsleistung durch den Betrieb im vollen Umfange an. Aber ich meine darüber hinaus: was im Betriebe nur zufällig, gelegentlich, planlos und viel zu spät an erzieherischer Arbeit geleistet wird, soll vom Proletariat bewußt und mit voller Planmäßigkeit auf breitester Basis ohne Unterschied des Betriebslokals, des Alters, des Geschlechts, der Situation betrieben werden. Und zwar soll diese erzieherische Einflußnahme so rationell, zeit- und energiesparend als möglich, mit größter Aussicht auf Erfolg vor sich gehen. Das kann aber *nur* geschehen, wenn *schon im frühesten Kindesalter* damit eingesetzt wird, denn dies ist die wichtigste Periode der Charakterbildung; *hier* schon entscheidet sich's in den meisten Fällen, ob der Mensch *später* ein Kämpfer oder ein Drückeberger, ein autoritärer Machtmensch oder ein zur Einordnung fähiger Genosse wird.

Wenn Broh mit Gewichtigkeit die Frage aufwirft: Wer soll erziehen? etwa die Alten? die so völlig verdorbene Generation der Erwachsenen? — so antworte ich: allerdings zunächst die Alten. Und das ist, wenn wir die Zusammenhänge erst dialektisch zu sehen gelernt haben, gar kein Grund zur Mutlosigkeit. Jeder, der andere erziehen will, muß, ob er dazu Lust hat oder nicht, mit der Erziehung zuerst immer bei sich selbst anfangen. Diese *List* der Vernunft macht aus der Kindererziehung zugleich eine Erwachsenenerziehung.

Hier ist nur noch nötig zu wissen, worauf es bei einer proletarisch-revolutionären Erziehung zum Mut, zur Solidarität, zum Kampfwillen, zur Verantwortungsbereitschaft ankommt.

Das sagt uns die Individual-Psychologie.

Es bedarf einer kurzen Darlegung, warum ich die Individual-Psychologie als einzige unter vielen psychologischen Theorien für tauglich halte zur revolutionären *Charakterbildung*. (Eine ausführliche, gründliche Darlegung wird in einem besonderen Buche über „Marxismus und Individual-Psychologie“ gegeben werden.)

Die Individual-Psychologie ist die psychologische Methode, die den *Fetischcharakter* der Vererbung, der Anlage, der Zwangsgebundenheit des Willens wissenschaftlich aufdeckt und als Stützpunkt bürgerlicher Ideologie entlarven hilft. Im Gegensatz zu allen bisherigen <!-- Sp. 604 --> Auffassungen lehrt sie die natürliche Gleichwertigkeit der Individuen, die sich nur durch verschiedene Gliederung entsprechend ihren verschieden gerichteten Sicherungsinteressen modifizieren. Sie liefert damit die bisher fehlende psychologische Grundlage für die praktische Verwirklichungsmöglichkeit der Gemeinschaftsforderung, also des Sozialismus.

Weiter zeigt die Individual-Psychologie, daß der *geistige Vorsprung* (*Genie, Talent, Begabung*), womit die herrschende Klasse ihre Privilegien zu rechtfertigen und zu verteidigen pflegt, im Grunde *nur das Resultat ersparter Hemmungen und Daseinsschwierigkeiten*, besserer Lebens-Chancen usw. darstellt. Sie befreit den Menschen von der *Last seiner Ahnen*, seiner tausendfältigen Bedingungen, unter denen er seelisch reagiert, seiner Minderwertigkeitsgefühle, stellt ihn seelisch nach vorwärts gerichtet ein, macht seine unfruchtbaren Proteste sozial fruchtbar und gibt ihm das höchste Vertrauen in seine eigene *schöpferische Kraft*, die sich in der Gemeinschaft entfaltet.

Alles dies hier nur andeutungsweise. Die notgedrungene Unzulänglichkeit der Darlegung auf diesem engen Raume läßt nicht ahnen, welche Vertiefung und Bestätigung der Marxismus durch die Individual-Psychologie erfährt. Alle von Kanehl, Broh und Pfemfert gegen die Individual-Psychologie gemachten Einwendungen zeugen von *grotesker Ahnungslosigkeit*. Keiner hat sich die Mühe genommen, ehe er ein Urteil fällte, die Lehre erst zu studieren. Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht!

Ihr Verhalten bietet mehr noch als ein beschämendes ein lächerliches Schauspiel insofern, als ihr *pseudomarxistischer* Übereifer im Angriff gegen Adler sie *zu Verbündeten der Bourgeoise macht*, die wohl Freud, den ungefährlichen, verehrt und lobpreist, dagegen Adler aus dem sicheren *Instinkt ihres Bedrohtsein heraus boykottiert* und bekämpft. Gewiß ist auch die Individual-Psychologie nicht sicher vor Versuchen, sie der Reparatur der bürgerlichen Ordnung dienstbar zu machen. Aber sie ist ihrer ganzen Natur nach hierfür äußerst ungeeignet und muß alle auf reaktionäre Ziele gerichteten Hoffnungen enttäuschen.

Sie ist, wie der Marxismus, im Wesenskern und in all ihren Auswirkungen *eine proletarische Wissenschaft*. Darum gehört sie in das geistige Arsenal der proletarischen Revolution und als Waffe, wie der Marxismus, in die Hand jedes Revolutionärs.

Und darum hat sich die AAU, als die Vorhut der proletarischen Revolution, mit ihr zu beschäftigen.

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Wenn in der alten SPD, gewöhnlich in der Zeit der Parteitage, Meinungsverschiedenheiten und Auffassungsdifferenzen in hitzigen Debatten ausgetragen wurden, so sahen die Mitglieder darin Literatengezänk und Intellektuellenkrakeel und nahmen kaum Notiz davon.

Wenn heute in der KPD Richtungskämpfe zwischen feindlichen Lagern ausgefochten werden, so erscheinen diese den Arbeitern als Katzbalgereien rivalisierender Führercliquen, die sie nur unwillig ertragen und über die sie so rasch als möglich zur Tagesordnung übergehen.

Insoweit bei der vorliegenden Auseinandersetzung die *schmutzige Art* der Polemik Brohs mich der versteckten Feigheit bezichtigt und die *brüske Art* der Polemik Pfemferts mich als Konterrevolutionär niederbrüllt, tun die Genossen der AAU recht daran, dies mit einem Gefühl der *Beschämung*, des *Ekels* oder der *Abgebrühtheit* als üble Reste einer *parteipolitischen Vergangenheit* auf sich beruhen zu lassen.

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Ich selbst bin als *Individual-Psychologe* in der glücklichen Lage, die seelischen Hintergründe solcher Methoden zu durchschauen und sie als das zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind: als die Versuche autoritärer *Machtmenschen*, sich und der Öffentlichkeit ihre revolutionäre Unübertrefflichkeit zu beweisen, sei es selbst durch die *Infamie* der Entwertung der gegnerischen Motive und die Ächtung der gegnerischen Person.

Die Genossen von der Gegenseite haben damit *die schlechtesten Züge im Bilde von Marx* kopiert oder noch übertroffen, der sich im Kampfe gegen Bakunin derselben *schändlichen Praktiken* bediente; freilich mit dem Erfolg, daß der *Makel der Illoyalität für ewige Zeit auf seinem Namen haften* bleibt.

*Als Individual-Psychologe* habe ich schließlich auch gelernt, daß *Privatkonflikte* und *persönliche Ressentiments* die durch die geschichtliche Situation gebotene grundsätzliche Haltung des Menschen im Klassenkampfe nicht berühren oder beeinflussen dürfen. Deshalb *verzichte ich* nicht nur *darauf*, mich über die *polemischen Unarten* meiner Partner zu entrüsten, sondern auch darauf, ihnen *das Unrecht*, das sie mir angetan, mit *gleicher* Waffe heimzuzahlen.

Aber, weil sich immer herausgestellt hat, daß hinter dem *Literatengezänk* und *Intellektuellenstreit* doch ernsthafte und sachliche Fragen und Probleme verborgen waren, die nach Beantwortung drängten und zur Stellungnahme nötigten, und weil ich der Überzeugung bin, daß es sich auch in dieser Auseinandersetzung nicht um eine persönliche Differenz oder eine müßige Diskussion wissenschaftlicher Spitzfindigkeiten, sondern um eine bedeutsame, ja lebenswichtige Angelegenheit der AAU-Bewegung handelt, richte ich an die AAU folgende Fragen:

Ist es richtig, wenn Pfemfert behauptet, daß in der AAU keinerlei Bedürfnis nach Neuorientierung vorhanden sei? Sagt Pfemfert die Wahrheit, wenn er erklärt, die AAU sei nicht geschwächt, nicht entmutigt, nicht korrumpiert, nicht revolutionär kampfunfähig?

*Haben Pfemfert, Broh und Kanehl das Mandat*, im Namen der AAU zu sprechen, wenn sie gegen mich polemisieren? Darf sich im besonderen Pfemfert als *Sinowjew der AAU* aufspielen, ohne *von dieser öffentlich zur Ordnung gerufen zu werden?*

Soll in der AAU die Taktik geübt werden, daß die Arbeiter, die so stolz darauf sind, auf eigenen Füßen zu stehen und der geistigen Leitung durch *bezahlte Intellektuelle entraten zu können*, ihre Diskussionen über Grund- und Lebensfragen ihrer Organisation, ihrer Taktik oder ihres Programms *ausschließlich von Intellektuellen* bestreiten zu lassen?

Und soll es in der AAU Brauch werden, daß jede Anregung, jeder Vorschlag zur Verbesserung des Klassenkampfes, jede *neue Idee* von einem *ehrgeizigen Klüngel dieser Intellektuellen*, die sich (eingestandenermaßen!) nicht einmal die Mühe einer sachlichen Information nehmen, einfach niedergedonnert oder als konterrevolutionär gebrandmarkt wird?

Ich habe einen durch meine *politische Vergangenheit* erworbenen Anspruch darauf, als Revolutionär ebenso ernst genommen zu werden wie die Vertreter der Gegenseite.

Ich kann und darf darauf bestehen, daß *meine* Vorschläge und *Forderungen* an die AAU als Ausdruck eines ehrlichen revolutionären Kampfwillens und einer anständigen revolutionären Gesinnung gewürdigt werden.

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Ich kann, darf und muß verlangen, daß die AAU *zu meiner Sache Stellung* nimmt.

Es wird sich herausstellen, ob sie hierzu den Willen und die Kraft hat und ob sie darüber hinaus für die Aufgaben, die *ich* ihrer revolutionären Rolle in der gegenwärtigen Situation *zugewiesen wissen möchte*, Verständnis und Energie genug aufbringt, um sie zu vollbringen.

Ich bin überzeugt, daß die AAU *vor einem entscheidenden Wendepunkte* steht, an dem sich ihre *revolutionäre Bewährung* erweisen muß. Die Entscheidung wird eine *Lebensfrage* für die AAU sein.

Sie *muß* den Mut zu dieser Entscheidung haben!

Otto Rühle

[^1]: Alle in diesem Artikel gesperrt gesetzten Dinge habe *ich* unterstrichen und nicht der Verfasser. F. P.

<!-- Le siguen en la misma col. 606 «Ein Brief» de Oskar Kanehl y el comienzo de «Der Fall Rühle», réplicas que no se transcriben. -->

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*Fuente:* Otto Rühle, «Nochmals: Der autoritäre Mensch und die Revolution (Eine Antwort)», *Die Aktion*, 15. Jg., Heft 21/22, 1925, col. 598-606. Transcripción hecha a partir de las imágenes del volumen digitalizado por Google (ejemplar de la University of California) en archive.org (die-aktion-15.1925, págs. PDF 329-333), con el OCR del Internet Archive solo como apoyo. Es la respuesta de Rühle a las críticas que su artículo «Der autoritäre Mensch und die Revolution» (*Die Aktion*, 1925, publicado también en este archivo) recibió de Oskar Kanehl, Ernst Broh y Franz Pfemfert; la preceden en la sección «Zur Diskussion» las réplicas de R. Stahl y Erich Ausmeier, y la siguen una carta de Kanehl y el artículo anónimo «Der Fall Rühle», que no se transcriben. Según la nota de Pfemfert (reproducida como nota 1), el espaciado que aparece en el artículo no es del autor sino del editor; se reproduce, como de costumbre, en cursiva. Se conservan la ortografía y las erratas del original («ergiebt», «Diszipline», «Bourgeoise», «aus dem sicheren Instinkt ihres Bedrohtsein heraus»); se corrigen sin indicarlo letras rotas o mal impresas («Kulturmonopol», «Wissenschaft», «maßgebenden», «micht» por «mich», «dle» por «die»). Los comentarios `Sp. n` del código marcan el comienzo de cada columna impresa.
