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Title: Warum bleiben die Massen in der Partei?
Description: Die Aktion, 14. Jg., Nr. 24 (2. Dezember-Heft), Ende Dezember 1924, Sp. 693-697.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1924-12%20Warum%20bleiben%20die%20Massen%20in%20der%20Partei
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<!-- Sp. 693 (portada del número, sin numeración de columnas impresa) -->

# Warum bleiben die Massen in der Partei?

*Von Otto Rühle*

Krieg und Revolution haben die Arbeiterparteien als Organe der Gegenrevolution entlarvt.

Es gibt in den letztverflossenen zehn Jahren keinen Akt bürgerlich-kapitalistischer Politik, der nicht die Unterstützung der Sozialdemokratischen Partei gefunden hätte. Von der Proklamierung des Burgfriedens an bis zur Beseitigung des Achtstundentags.

Für die Verständigungspolitik, die mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages begann und mit dem Dawes-Gutachten endete, hat sich am leidenschaftlichsten die USP eingesetzt.

Und unter dem schändlichsten Dokument der ganzen Periode, dem Bielefelder Abkommen, steht als Unterzeichner neben anderen der Genosse Braß als offizieller Vertreter der KPD.

Keine zeitweilige revolutionäre Gebärde der einen oder anderen Partei setzt die konterrevolutionäre Beweiskraft dieser historischen Tatsachen außer Geltung.

Und tausend weitere Tatsachen ließen sich anführen.

Mit Mord und Gewalt, Verrat und Tücke, List und Betrug haben die Parteien ihr konterrevolutionäres Werk an der Seite der Bourgeoisie vollbracht. Ob sie sich mit Erzberger oder Rathenau, mit Lüttwitz oder Watter, mit Cuno oder Schlageter verbanden — sie waren immer die gleichen. Ihr Ziel war: Wiederaufbau, Ruhe und Ordnung, Mitgenuß am kapitalistischen System.

So haben sie die arbeitenden Massen in die alte Sklaverei zurückgeführt und in Abgründe des Elends, der Knechtschaft, der Verzweiflung gestürzt.

Und die Massen? — *Bleiben in der Partei.*

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Wir haben vom ersten Tage des Krieges an die Massen auf die Rolle der Partei aufmerksam gemacht. Haben gezeigt, daß die Sozialdemokratie die Verantwortung trägt für die lange Dauer des Krieges, die Massenopfer, die Hungerkatastrophe, die Wahnsinnspolitik der Heeresleitung, das Ende mit Schrecken.

Wir haben vom ersten Tage der Revolution an den Massen die Partei als Verräterin, als Verbündete der Bourgeoisie, als Werkzeug der Konterrevolution denunziert. Haben in Wort und Schrift dargetan, wie die Partei — eben als Partei, als autoritär-zentralistische, dem bürgerlichen Wesen verwandte, dem bürgerlichen Interesse unvermeidlich dienstbare Organisation — zur Helferin gegenrevolutionärer Politik werden muß.

In unzähligen Artikeln, Flugblättern, Broschüren haben wir den arbeiterfeindlichen Charakter der Partei beleuchtet. In unzähligen Versammlungen die ganze Schande der verräterischen Parteipolitik aufgedeckt. Wir haben Zustimmung gefunden, begeisterte Zustimmung.

In Werkstatt und Betrieb, Arbeitssaal und Kantine, auf dem Wege zur Arbeit, während der Essenspausen, nach Feierabend — vieltausendfach, millionenfach hat das Sündenregister der Parteien den Gegenstand von Kritiken, Polemiken, Debatten gebildet.

Das Vertrauen wurde erschüttert. Der Unmut nahm zu. Es kam zu Wutausbrüchen und offener Empörung. <!-- Sp. 694 --> Der Ekel würgte im Halse. Pfui Teufel! hieß es, und mancher zerriß das Mitgliedsbuch und warf die Fetzen mit einem Fluche in die Ecke.

Aber die Massen? — *Blieben in der Partei.*

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Es gibt eine Parallele:

Seit Menschengedenken ist die *Kirche* als Herrschaftsinstrument der besitzenden Klasse erkannt. Und seit Jahrzehnten ist eine Freidenkerbewegung mit allen Kräften bemüht, ihr die Gefolgschaft, besonders in Arbeiterkreisen, zu entziehen.

Das wichtigste Kampfmittel war die Aufklärung. Man zerstörte das Legendenwerk der Bibel durch die Aufschlüsse der naturwissenschaftlichen Forschung. Man ging den Dogmen zuleibe mit den Argumenten des Rationalismus. Man appellierte an den menschlichen Intellekt.

Vor dieser Instanz war Mystik und Wunderglaube nicht zu halten. Die Überlieferung der Heiligen Geschichte löste sich bei nüchterner Nachprüfung in blauen Dunst auf. Das Werk der Pfaffen entpuppte sich als blöder Betrug.

Einige Tausende traten daraufhin aus der Kirche aus. Teils zufolge ihrer neugewonnenen Überzeugung, teils aus Ärger darüber, daß man sie gefoppt hatte. Manche kehrten früher oder später wieder in den Schoß der Kirche zurück. Auch Aufgeklärte.

Die Massen aber sind — trotz der Aufklärung — *in der Kirche verblieben*.

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Es war ein Irrtum, zu glauben, Religion sei eine Sache der Dummheit. Deshalb war es ein Fehlschluß, zu glauben, daß sich der Religion durch Aufklärung beikommen lasse.

Religion hat mit menschlichem Verstande nichts oder nur sehr wenig zu tun. Sie ist keine Angelegenheit des Intellekts, sondern des Charakters. Ihre Voraussetzung ist nicht Unverstand und mangelndes Denkvermögen, sondern das Gefühl der Unsicherheit und Schwäche, das Bedürfnis nach Schutz und Zuflucht, die Scheu vor der Verantwortung.

Der Mensch, der sich vor den Schwierigkeiten des Lebens fürchtet, mit ihnen nicht fertig wird, immer Angst hat vor stärkeren Schicksalsmächten, sich selbst nichts zutraut, der Verantwortung aus dem Wege geht — dieser Mensch, ob aufgeklärt oder nicht, wird stets für die Religion disponiert sein. Im Gebet ruft er Gott zum Beistand an, im Gottesdienst verschafft er sich die Suggestion der Geborgenheit, durch die Beichte entzieht er sich der Verantwortung, im Abendmahl versichert er sich des Rückhaltes bei stärkeren Mächten. Was ihm immer begegnen mag — er legt alles in Gottes Hand, in Gottes unerforschlichen Ratschluß.

Um seinem Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühl nicht ganz zum Opfer zu fallen, um einen sicheren seelischen Halt gegenüber den Schwierigkeiten, Nöten und Gefahren des Lebens zu haben, gegen die kraftvoll anzukämpfen er nicht den Mut und das Zeug hat, braucht er eine höhere Instanz, die ihm hilft, eine Stelle, <!-- Sp. 695 --> zu der er flüchten kann, eine Autorität, die ihm die Verantwortung abnimmt.

Wenigstens in der Einbildung. Es handelt sich ja immer nur um seelische Vorgänge. Um Prozesse, in die erst neuere psychologische Forschung einiges Licht geworfen hat. Besonders die Forschungsarbeit Alfred Adlers.

Seitdem man weiß, daß Religion ein Resultat menschlicher Charakterschwäche, Mutlosigkeit, Lebensuntüchtigkeit ist, hat man, um die Menschen aus dem Banne von Religion und Kirche zu befreien, die naturwissenschaftlich-rationalistische Aufklärung in zweite Linie, dafür aber die Erziehung zur Selbständigkeit, Lebenstüchtigkeit, Daseinsbejahung in erste Linie gerückt.

Nur wenn der Mensch an sich selbst, seine Kraft, sein Können glauben gelernt hat, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen gewillt und die Verantwortung für sein Leben zu tragen bereit ist — nur dann braucht er keine Götter, keine Hilfe aus einer jenseitigen Welt mehr.

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Kehren wir aus der Religion zur Politik zurück.

Hier wie dort dieselben Massen. Hier wie dort dieselbe Unsicherheit, Lebensangst, Schwäche, dasselbe Gefühl der Unzulänglichkeit, Ohnmacht, Minderwertigkeit.

In der Familie hat man dem Kinde gesagt: Du bist klein, schwach, dumm, ungeschickt, unbrauchbar.

In der Schule: Stillsitzen! Stumm sein! Abwarten, bis man gefragt wird! Lernen, was aufgegeben ist! Nur das ist richtig, gut, wertvoll, brauchbar, was der Lehrer so befindet!

In der Lehre: Aufpassen! Nachmachen! Nicht auf eigene Faust arbeiten wollen! Sich unterordnen! Maul halten! Lehrlinge müssen Prügel haben!

In der Partei: Die Masse ist dumm, blind, gläubig, ein großes Kind. Der Führer muß für sie denken.

<!-- Bajo esta columna, un grabado de Grete Rühle con el pie «Der „revolutionäre Parlamentarier“ marschiert». -->

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Er vertritt sie. Er verhandelt für sie. Er besorgt ihre Geschäfte. Er hat ihr Mandat. Er treibt Politik für sie. Denn die Masse ist dumm, blind, gläubig, ein großes Kind ...

So ist der Proletarier schließlich geworden, was man ihm zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang tagtäglich ins Gesicht gesagt hat: schwach, dumm, ungeschickt, unbrauchbar, minderwertig.

Er hat kein Vertrauen zu sich. Hält sich für untüchtiger als er ist. Wird mit den Schwierigkeiten des Lebens nicht fertig. Er braucht eine Zuflucht, eine Geborgenheit, einen Führer. Er muß jemand haben, der ihm die Aufgabe und die Verantwortung abnimmt.

Wo die größten Massen sind, glaubt er sich am besten geborgen, am zuverlässigsten gesichert.

Die Massen sind in der Kirche — also bleibt er in der Kirche.

*Die Massen sind in der Partei — also bleibt er in der Partei.*

Der Kirchengläubige wendet sich an den Pfaffen. Der Parteigläubige an den Führer.

Und wie der Pfaffe ins Allerheilige aufsteigt, um Fürsprache mit Gott zu halten, so steigt der Parteiführer ins Parlament, in die Regierung auf, um dort die höchsten politischen Offenbarungen zu empfangen.

Der Kirchengläubige kniet, betet, opfert.

Der Parteigläubige zahlt, pariert, wählt.

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*Die Massen bleiben in der Partei als Produkte und Opfer einer Erziehung*, die sie in Familie, Schule, Fabrik, Kaserne, Partei und Staat erhalten haben.

*Eine Erziehung zum Gehorsam, zum Respekt vor der Autorität, zur Unselbständigkeit, zum Minderwertigkeitsgefühl, zur Angst vor der Verantwortung.*

Solange wir diese Erziehung haben, wird es Kirchen und Parteien geben, werden Pfaffentum und Parteibonzentum nicht auszurotten sein.

Denn solange werden die verängstigten, lebensuntüchtigen, unselbständigen, Massen nach einem Führer schreien, nach einer Geborgenheit im Schoße der Mehrheit verlangen, nach einer Zuflucht trachten, nach einer Instanz sich sehnen, die ihnen die Verantwortung abnimmt. Ja, sie werden sich eine Revolution nur unter Führung militärischer Strategen und einen sozialistischen Aufbau nur unter Führung der bürgerlichen Intelligenz denken können.

*Die proletarische Revolution beginnt mit der Neuorientierung der menschlichen Seele. Mit der Umwälzung nicht nur der Denk- und Gefühlswelt, vor allem des Willens, des Charakters, der Bereitschaft zur Tat.*

Die Aufklärung allein schafft es nicht, es muß die Erziehung hinzutreten.

Und die Erziehung muß ausgehen von der Weckung und Entwicklung des *proletarischen Selbstbewußtseins*. Das ist der Angelpunkt.

Ausgangsbasis dieser Erziehung ist für die Erwachsenen der Betrieb. Er wird es in Zukunft auch für die Jugend sein.

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*Die AAU war von Anfang an auf dem richtigen Wege, indem sie die Betriebsorganisation zur Grundlage des organisatorischen, die Selbstbewußtseinsentwicklung zur Grundlage des ideologischen und psychologischen Aufbaus machte.*

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Mit der äußeren Natur des Menschen, der sozialen Umwelt, muß sich die innere Natur des Menschen, seine seelische Orientierung, von Grund aus ändern.

Die gesamte Lebenshaltung des Menschen, sein ganzer seelischer Lebensstil, der Charakter all seiner Beziehungen und Beziehungsfähigkeiten gegenüber Welt, Menschen und Dingen muß grundsätzlich anders werden.

Sebstvertrauend, tatbereit, optimistisch, vom Gefühl der Vollwertigkeit getragen, kameradschaftlich verbunden, mit dem Willen zur Verantwortung — so steht der neue Mensch vor uns.

Der Mensch ohne Religion und Kirche. *Ohne Partei und Parlamentswahlen.* Ohne Pfaffen und Parteiführertum.

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Der neue Mensch wird Gemeinschaftsmensch sein. Mitarbeiter und Mitmensch.

Der *sozialistische* Mensch.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Warum bleiben die Massen in der Partei?», *Die Aktion*, 14. Jg., Nr. 24 (2. Dezember-Heft), finales de diciembre de 1924, col. 693-697. Transcripción hecha a partir de las imágenes del volumen digitalizado por Google (ejemplar de la University of California) en archive.org (die-aktion-14.1924, págs. PDF 383-385), con el OCR del Internet Archive solo como apoyo. El artículo abre el número; la portada no lleva numeración de columnas. Se conservan la ortografía y la puntuación del original («Sebstvertrauend», «unselbständigen, Massen», «ins Allerheilige»). Los asteriscos separan, como en el original, los apartados. Las cursivas reproducen el espaciado. Los comentarios `Sp. n` del código marcan el comienzo de cada columna impresa.
