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Title: Umgang mit Kindern. Grundsätze, Winke, Beispiele
Description: Dresden (Buchholz-Friedewald): Verlag Am anderen Ufer, 1924 (20. bis 40. Tausend; 2., veränderte Auflage), 228 S.; Textauswahl: Rühles eigene Texte, fremde Auszüge nur verzeichnet.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1924%20Umgang%20mit%20Kindern.%20Grunds%C3%A4tze%2C%20Winke%2C%20Beispiele
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<!-- Umschlag (eingebunden): «Otto Rühle · Umgang mit Kindern · Grundsätze · Winke · Beispiele». Titelblatt: «Otto Rühle · Umgang mit Kindern · Grundsätze · Winke · Beispiele · 20. bis 40. Tausend · Verlag Am anderen Ufer · Dresden (Buchholz-Friedewald)». Rückseite: «Copyright 1924 by Otto Rühle, Buchholz-Friedewald (Dresden)». -->

<!-- S. 5 -->

> Geh fleißig um mit deinen Kindern, habe  
> Sie Tag und Nacht um Dich und liebe sie  
> Und laß Dich lieben einzig schöne Jahre…
>
> L. Schefer

<!-- S. 7 -->

## [Vorbemerkung]

Knigge schrieb ein lesenswertes Buch über den Umgang mit Menschen.

Kinder sind auch Menschen — sozusagen, oder wollen doch, wie der Fuchs (in der Fabel) den Wolf belehrt, Menschen werden.

Bei dieser Menschwerdung sollen wir Erwachsenen ihnen behilflich sein. Dazu dient die Erziehung.

Nun ist das Erziehungsgeschäft nach den Worten Kants nicht bloß eins der schwierigsten, sondern auch der verantwortungsvollsten, besonders für den, der mit allem, was er tut, redlich seiner Zeit und darüber hinaus auch der Zukunft dienen will.

Die Zeit, deren Kinder wir sind, wandelt sich und versinkt. Eine neue Zeit meldet sich an unter Gären und Brausen.

Die neue Zeit aber fordert neue Menschen. Sie fordert sie von uns.

<!-- S. 8 -->

Das Erziehungswerk ist heute arg in Verruf. Die Erzieher müssen büßen für viele Sünden, die sie an der Jugend begingen. Da wird so mancher unsicher, findet nicht mehr den richtigen Weg und das richtige Mittel, an die Jugend heranzukommen. Denn neue Jugend will auf neue Art erzogen sein.

Aus dem eigenen Erlebnis am Kinde und aus gelegentlichen Versuchen, anderen mit Ratschlägen, Anleitungen, Beispielen im Umgange mit Kindern zu helfen, ist ein Büchlein entstanden, das auf weitere Kreise anregend, beratend und belehrend wirken will.

Es will nur andeuten, wie die Erziehung der neuen Generation in unsern Händen beschaffen sein möchte. Will kein Schema geben, keine Theorie entwickeln, kein System schaffen. Nur frei machen helfen, Hemmungen beseitigen helfen, zu neuem Geiste verhelfen.

Möge es vielen Eltern nützlich sein!

<!-- S. 9 -->

## Pflege die Gewöhnung

Alle Erziehung beginnt mit Gewöhnung. Sie ist die stumme Sprache, in der die Erziehung zum Kinde redet, solange es die wirkliche Sprache noch nicht versteht. Ein Stück unpersönlicher Erziehung, wird sie doch ganz durch die Persönlichkeit des Erziehers bedingt. Bestimmtheit, Stetigkeit, Konsequenz im Auftreten und im Wandel, Vorbildlichkeit in der gesamten Lebenshaltung sind ihre unerläßlichen Voraussetzungen. Sie umschließt das Kind, das in den Kreis der häuslichen und familiären Ordnung hineingeboren wird, wie ein Ring und hält es wie mit Zangen und Klammern fest. Da hilft dem kleinen Störer und Eigensinn kein Widerstreben: er muß sich eingliedern, anpassen, unterordnen — gewöhnen. Wie Stehen, Gehen, Sprechen, so sind auch Reinlichkeit, Ordnungssinn, Regelmäßigkeit, Pünktlichkeit alles Dinge der Gewöhnung und ihrer Schwester, der Übung. Und mehr noch, auch Denken und Fühlen, all die Vorgänge des inneren Menschenlebens, erhalten ihren Gehalt, ihre Prägung und Klangfarbe zuerst durch die Methode und den Rhythmus der Gewöhnung. Die Sphäre, <!-- S. 10 --> in der dein Geist sich bewegt, frei oder befangen, für alle Aufklärung empfänglich oder in dumpfe Gläubigkeit verstrickt — sie umfließt und umspült auch die Geisteswelt deiner Kinder. Und die Skala deiner Gefühls- und Empfindungswelt, ob klangreicher und modulationsfähiger in den höheren oder tieferen Lagen — sie wirkt auch auf den seelischen Stimmungsgehalt deines Nachwuchses ein. Einem sanften Zwange gleich, dem man sich zunächst ungern, aber mit wachsender Freudigkeit unterwirft und der schließlich unwiderstehlich wirkt, umgibt der erziehliche Einfluß der Gewöhnung das Kind. Seine Früchte reifen langsam, aber sie sind die einzigen, die auch ein langes Leben unverwüstlich zu überdauern vermögen. „Wie man ein Kind gewöhnt, so tut es, wenn es ein Mann ist.“

### Gewöhnung für die Gemeinschaft

[Auszug aus: Clara Zetkin, Parteitag in Mannheim 1907. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 11 --> <!-- S. 12 -->

### Von schlechter Gewöhnung

[Auszug aus: Hermann Weimer, Haus und Leben als Erziehungsmächte (Verlag der C. H. Beckschen Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 13 -->

### Schweinchen und Zottelbären beim Frühkaffee

Der Vater ist von einer Reise zurückgekehrt, die ihn längere Zeit von der Familie fernhielt. Nun hat man ihn wieder und feiert das Wiedersehen wie ein kleines Fest.

Am Morgen wollen alle Kinder mit dem Vater Kaffee trinken. Eins nach dem andern klettert aus dem Bett, stürmt herbei, drückt den Vater ab und setzt sich im Nachtkittel, ungewaschen und ungekämmt, an den Tisch.

Da steht der Vater auf und setzt sich an seinen Schreibtisch.

„O, lieber Vater,“ rufen sie alle bestürzt aus, „bleib doch, lieber Vater! Wir wollen doch mit dir Kaffee trinken.“ Und auch das Kleinste bettelt, den Vater bei der Hand fassend: „Vater, tomm, Taffee tinken.“

„Ja,“ sagt der Vater, „ich habe mich auch darauf gefreut, mit euch am Kaffeetisch zu sitzen; aber mit Schweinchen und Zottelbären — nein, ich danke, das macht mir keine Freude…“

Da sehen die Ungewaschenen und Ungekämmten einander an und eins, zwei, drei, sind sie hinaus.

Nach einer Weile kommen sie wieder — schmuck, sauber, mit aufgestecktem Haar und in den Kleidern.

„Ei, das ist nett!“ ruft der Vater aus und lacht über das ganze Gesicht, „jetzt seid ihr keine Schweinchen und Zot<!-- S. 14 -->telbären mehr! Nun trinken wir alle zusammen Kaffee und machen einen tüchtigen Spaß.“

Sie rücken jubelnd zusammen. Und der Vater — was bringt er da aus seiner Reisetasche hervor? Eine Büchse Honig.

Wer nun verspricht, sich täglich zu waschen und zu kämmen, bevor er an den Frühstückstisch kommt, der soll auf seine Butterbrötchen extra süßen Honig haben.

### Schubfächer

[Auszug aus: F. Gansberg, Streifzüge durch die Welt der Großstadtkinder (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 15 -->

### Vom Kleinen zum Großen

[Auszug aus: Fr. W. Foerster, Jugendlehre (Verlag von Georg Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 16 -->

### Am Morgen

[Auszug aus: O. Kampe, Hamburger Jungs und Deerns (Verlag G. Westermann, Braunschweig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 17 -->

<!-- S. 18 -->

## Biete ein gutes Vorbild

Gute Gewöhnung hat gute Vorbilder zur Voraussetzung. Das vermittelnde Band zwischen beiden knüpft der Nachahmungstrieb des Kindes. Er gehört zu den stärksten Faktoren der Erziehung. Was das Kind beobachtet und erlebt, sucht es nachzuäffen und nachzuahmen. Dabei hat es ein besonders scharfes Auge für Unarten und ein gutes Gedächtnis für Verbotenes. Wie ja immer das Unerlaubte reizvoller ist und lieber getan wird als das Erlaubte. Eines Tages hören wir beim Kinde ein häßliches Wort und bemerken eine garstige Handlung — unwillkürlich fragen wir uns: Woher hat das Kind diese Dinge? Gehen wir der Sache auf den Grund, siehe — da entdecken wir zu unserer Überraschung, daß wir selbst es waren, die dem Kinde ein schlechtes Vorbild geboten hatten. Gottverdammich! sagt der Vater, indem er seiner ärgerlichen Stimmung Luft macht — Gottverdammich! tönt bei nächster Gelegenheit das Echo aus dem Munde des Kindes zurück, und der Vater ist entsetzt. Mit Betrübnis macht eines Tages die Mutter die schmerzliche Erfahrung, daß das Kind, dessen ganzes Vertrauen <!-- S. 19 --> sie zu besitzen glaubte, Heimlichkeiten vor ihr hat; sie denkt aber nicht daran, daß sie selbst — durch ihre Heimlichkeiten dem Gatten gegenüber — das Kind dazu erzog. So wird die Seele des Kindes zu einem Spiegel für uns, der uns mahnt: Erkenne dich selbst! Prüfe die Güte deines erzieherischen Vorbildes! Erziehe dich! Dein eigenes Wesen und Tun ist die stärkste Macht in der Erziehung deiner Kinder. Wenn die Menschen erzogen wären — mit Goethe zu sagen — sie könnten erzogene Kinder gebären.

### Alles … vorleben!

[Auszug aus: Merkblatt Nr. 1 des Zentral-Instituts für Erziehung und Unterricht in Berlin. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 20 -->

### Das gute Beispiel im Alltag

[Auszug aus: O. F. Kanitz, Die sozialistische Erziehung, 4. Jahrgang Nr. 1. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 21 -->

### Wie Nesthäkchen der Vater war

Bei einer befreundeten Familie war ich zu Gaste. Wir waren sechs Personen zu Tische, wodurch die gewohnte Tischordnung verschoben wurde. Auf des Vaters Platze saß Nesthäkchen, ein munterer Guck-in-die-Welt mit Schelmenaugen.

Der Vater, etwas nervös, hatte die Gewohnheit, beim Sprechen immerfort mit dem Kneifer zu hantieren. Bald setzte er ihn auf die Nase, bald nahm er ihn herunter. Dabei zwinkerte er mit dem linken Auge und zog den Mundwinkel nach dem Ohr. Man hätte nicht sagen können, daß sein Gesicht dadurch gewonnen hätte, aber niemand hatte ihn bisher darauf aufmerksam gemacht. Die Gattin nicht, aus Güte und verstehender Rücksicht; die Kinder nicht, weil sie es nicht wagten.

Bei Tische nun fiel mir auf, daß die Kleine plötzlich zu schielen begann, die Augen zusammenkniff und schließlich mit Eifer Gesichter schnitt. Bald traf sie ein verweisender <!-- S. 22 --> Blick der Mutter. Das half nichts; auch ein kurzer halblauter Zuruf war erfolglos.

„Na, was soll das heißen?“ fragte endlich streng die Mutter. „Was sind das für Grimassen bei Tisch?“

Da schaute der kleine Schalk der Mutter keck ins Gesicht und erklärte mit dem Brusttone der Überzeugung: „Ich bin doch heute der Vadder!“

Wir lachten hellauf, die Mutter nicht ohne peinliche Verlegenheit. Auch der Vater besaß Humor genug, die kleine Lektion mit Heiterkeit zu quittieren.

Das Gesichterschneiden hat er sich daraufhin abgewöhnt.

### Ein Universalmittel, den Kindern allerlei Untugenden beizubringen

[Auszug aus: Gotthilf Salzmann, Krebsbüchlein (Reclams Universalbibliothek Nr. 2450). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 23 --> <!-- S. 24 -->

<!-- S. 25 -->

## Habe Geduld beim Erziehen

Erziehung braucht vor allem Ruhe, Nachsicht und Geduld. Wenn irgendwo, so ist hier ein aufgeregtes, nervöses und ungeduldiges Wesen von allergrößtem Uebel. Sieh den Gärtner an, wie er voll Hingabe und Sorgfalt seine Blumen pflegt, wie er sie nachsichtsvoll behandelt und behutsam mit ihnen umgeht, damit sie gedeihen und ihm Blüten schenken. Ein harter, plumper Griff — und seine Hoffnungen wären geknickt; ein zorniges, blindes Drauflosarbeiten — und all seine Mühe wäre vergeblich. Nur die Ruhe kann es bei ihm machen. Du bist auch ein Gärtner, hast Menschenpflanzen unter deinen Händen, die viel Liebe und Nachsicht, viel Sorgfalt und stilles Warten brauchen. Gib ihnen, soviel du kannst, an gutem Erdreich, damit sie Kraft zum Wachstum gewinnen; versage ihnen die Sonne der Liebe und Fröhlichkeit nicht, unter der alles gedeiht, und dann — sei geduldig! Tadle und mäkle nicht in einem fort; rede nicht immerzu auf das Kind ein; glaube nicht, daß du ewig an dem Pflänzchen herumschneiden und herumstochern müßtest. Laß ihm Ruhe und sei nicht ängstlich, wenn es auch einmal Unarten <!-- S. 26 --> begeht. Nicht jede Unart gibt einen verdorbenen Menschen, und nicht jeder dumme Streich braucht in einem verlorenen Leben zu enden. Durch das Auge des Kindes sieht sich die Sache viel harmloser und unschuldiger an als durch das deine. Der Erzieher aber soll lernen, die Dinge auch mit den Augen des Kindes zu betrachten. Wenn der Schößling zu üppig wird, nimmt der Gärtner das Messer und schneidet ihn herunter; — wenn das Kind anfängt, ernstlich ungezogen zu werden, bleiben dir noch immer die Strenge und der Ernst. Aber sei nicht engherzig und beunruhigt vor der Zeit, verliere nicht zu rasch die Fassung und Geduld. Warte still, beobachte, gleiche mit Milde aus, mache ein heiteres Gesicht und sei nachsichtig!

### Das Kind nicht in Frieden zu lassen, …

[Auszug aus: Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes (Verlag von S. Fischer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 27 -->

<!-- S. 28 -->

### Warum es gelang

Seit Wochen mühte sich die kleine Hanne, Schleifen binden zu lernen — Haarbandschleifen, Schuhbandschleifen. Vergeblich. Was Wunder, bei so kleinen, dummen, ungeschickten Fingern!

Und immer fuhr die Mutter ungeduldig zwischen die aussichtslosen Versuche hinein. Korrigierend, vormachend, oft genug auch scheltend. Ungeschickte Hanne, dumme Hanne! Sie lernt es nie!

Aber siehe da, eines Tages gelang’s!

Es gelang ein zweites Mal.

Hanne hatte das Problem erfaßt.

Überglücklich fiel sie der Mutter um den Hals. Und sagte ihr Leises ins Ohr. Ganz Leises, das die Mutter erröten machte.

„Weißt du, warum ich’s gekonnt habe?“

„Weil du heute dabei ganz still gewesen bist.“

### Noch eine solche Mutter

[Auszug aus: Gotthilf Salzmann, Das Krebsbüchlein (Reclams Universalbibliothek Nr. 2450). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 29 -->

<!-- S. 30 -->

## Sei heiter mit den Kindern

Ganz kleine Kinder werden von den meisten Müttern mit unendlicher Liebe gepflegt, mit Zärtlichkeiten überschüttet, mit Küssen überhäuft. Wachsen sie aber heran, so ist es, als ob in der Liebe nach und nach eine Abkühlung einträte. Mäßigere Temperaturen des Gefühlslebens greifen Platz. Zur Heiterkeit gesellt sich immer öfter der Ernst, zwischen Liebkosungen und Herzlichkeiten mischen sich häufiger Unfreundlichkeit, Strenge und Strafe. Manchmal will es gar scheinen, als hätten die Eltern im Verkehr mit den Kindern das Lachen und Frohsein verlernt. Es wird öfter gescholten als gelacht, öfter geweint als gejubelt. Die Zärtlichkeiten beschränken sich meist nur noch auf den Guten-Morgen- und Gute-Nacht-Kuß. Einmal mit den Kindern recht von Herzen fröhlich und kindlich heiter, vielleicht gar ausgelassen und zu Uebermütigkeiten aufgelegt zu sein — wer kann es noch, wem kommt es in den Sinn? Die Väter glauben, daß sie ernst und streng sein müssen, die Mütter „haben keine Zeit“ und kommen vor lauter Trasch und Geschäftigkeit nicht dazu, mit ihren Kindern einmal ein Stündchen <!-- S. 31 --> zu spielen, zu lachen, zu springen und nach Herzenslust vergnügt zu sein. Und doch — wie nötig braucht das Kind die Sonne der Heiterkeit, wie begierig greifen seine Hände nach jedem Sonnenstrahl des Frohsinns und der Liebe! Hebbel schreibt von seinem Vater, die Armut sei an die Stelle seiner Seele getreten; darum habe er an dem Leben seiner Kinder nicht teilnehmen können, ja ihre Freude sei ihm ärgerlich gewesen, und stets habe er versucht, sie ihnen auszutreiben. Es gibt viele Eltern von der Art dieses Mannes. Not und Sorge haben die Lebensfreude gedämpft und den frohen Sinn an Kinderspiel und Kinderlachen ausgelöscht. Rafft euch auf, ihr Einsilbigen, Bekümmerten und Verdüsterten! Werdet fröhlich im Kreise eurer Kinder — ihr ahnt nicht, was ihr ihnen schenkt und was ihr selbst dabei gewinnt! Den schwachen und zagen Naturen unter den Kindern räumt ihr Hemmungen der Entwicklung fort, die sie allein vielleicht nie zu überwinden vermögen; den selbständigen und tatbereiten aber verleiht ihr Flügel, womit sie sich in freiere und höhere Regionen erheben können.

<!-- S. 32 -->

### Vom Mütterchen die Frohnatur …

Grete ist bei einer Geburtstagsfeier gewesen und kommt mit roten Wangen, noch ganz erfüllt von Spiellust und freudiger Erregung, nach Hause.

Eifrig erzählt sie, was sie erlebt und im fremden Hause an neuen Eindrücken gewonnen hat.

Da hält sie inne und schaut ein Weilchen nachdenklich ihre Mutter an, die mit glücklichem Lächeln ihrem Geplauder zuhört.

„Weißt du, Muttchen,“ bricht es dann hervor, „du bist ganz anders wie andere Mütter.“

„Wie meinst du das?“

„Ach — andere Mütter sind mit ihren Kindern so … ich weiß nicht recht … so streng, so ernst — sie spielen nicht mit ihnen, lachen nicht und springen nicht — sie befehlen bloß immer und zanken, manchmal hauen sie sogar …“

„Gewiß, weil die Kinder unfolgsam sind.“

„Auch sonst — nein, Muttchen, da bist du doch anders; du spielst mit mir, tanzt und singst einmal mit mir und bist heiter und froh. Glaubst du, daß ich manchmal ganz vergesse, daß du meine Mutter bist? Ich denke dann, du wärst meine Schwester oder meine liebste Freundin …“

„Und das gefällt dir?“

„O, wie mir das gefällt! Ich möchte keine Mutter haben, die immer so ernst und streng und würdevoll ist — ich dächte dann, ich wäre gar nicht zu Hause. Komm, Muttchen, einen Knackerkuß, und dann wollen wir gleich einmal Ringelrosenkranz singen …“

Ringel, Ringel, Rosenkranz …

<!-- S. 33 -->

### Wenn die Mutter keine Zeit hat …

[Auszug aus: Laura Frost, Aus unseren vier Wänden I (Verlag von B. G. Teubner, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 34 -->

### Auch der Vater hat meist keine Zeit …

[Auszug aus: P. Rosegger, Das Buch von den Kleinen (Verlag von A. Staackmann, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

### Zwischen meinen Kindern und mir

[Auszug aus: Richard Kabisch, Das neue Geschlecht (Verlag von Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 35 -->

<!-- S. 36 -->

## Beobachte dein Kind

Die Seele des Kindes umschließt eine eigene wunderbare Welt, die, von dunklen Trieben und Instinkten getragen, von unkontrollierten und noch ungezügelten Affekten beherrscht, auf tausenderlei Art und Unart sich auslebt und in einer unendlichen Menge von Versuchen und Betätigungen, Wünschen und Sehnsüchten jeweilig Ausdruck und Form findet. Wie durch ein Märchenland schreitet das kleine Kind durch diese Welt, tastend und spielend, sinnenfroh, unbewußt … Dem Erzieher soll die Welt des Kindes bewußt und vertraut, in aller Eigenart bekannt und gegenwärtig sein. Er soll sie kennen in all ihren Schönheiten und Reichtümern, wie in ihren Mängeln und Unausgeglichenheiten. Wie ein aufgeschlagenes Buch soll das Innere des Kindes vor seinen Blicken liegen. Der beste Beobachter und Kenner der Kinderseele wird der beste Erzieher des Kindes sein. Diese Kinderseele erfordert freilich ein ernstes, tiefes, fleißiges Studium. Wie das Kind geistig lebt und arbeitet, wie es spricht, nachdenkt, spielt und schafft … das gilt es zu beobachten, zu vergleichen, zu prüfen, da sind Ursachen zu erforschen, <!-- S. 37 --> Zusammenhänge aufzudecken, Wirkungen zu verfolgen. Alles ist noch im Werden und Wachsen, ein beständiges Keimen und Drängen vollzieht sich, ein buntes spielendes Durcheinander von Fortschritten und Hemmungen, Halbfertigem und Ueberholtem zieht an uns vorüber. Gewiß kein leichtes Studium, solch eine Kinderseele, keine Feierabend-Liebhaberei — aber ein liebenswürdiges, herzerfrischendes Geschäft für jeden, dem Kinder Freude zu bereiten vermögen, eine erzieherische Pflicht, die ihre Beglückung und Belohnung in sich selbst trägt und durch reiche Erfolge jeder Mühe dankt.

### Jedes Kind ist anders

[Auszug aus: Max Brahn, Das Seelenleben des Kindes (Das Buch vom Kinde, Verlag von B. G. Teubner, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 38 -->

### Die Wandlung

„Einen schönen Feierabend könnte ich haben,“ sagte der Vater gedankenvoll und mit verdrießlicher Miene, als er von der Arbeit nach Hause schritt, „wenn nicht Abend für Abend derselbe Ärger wäre …“

Und vor sein Auge trat das häßliche Bild, das sich allabendlich abspielte, sobald er den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte: die Frau in Erregung, die Kinder scheu und angstvoll in den Ecken, dann der Bericht von den zahllosen Unarten, die während des Tages trotz vieler Ermahnungen und Verwarnungen verübt wurden … Der <!-- S. 39 --> Große hat dem Nachbar die Fensterscheibe eingeworfen … Ernst ist übers Staket geklettert, hat dabei die Hose zerrissen und die mühsam gepflegten Gurken zertreten … Gustav ist mit nassen Kleidern, triefend von oben bis unten, nach Hause gekommen … Fritz ist … der Kleine hat …

Jeden Abend derselbe Rapport. Und jeden Abend packte den Vater die Wut; er schalt und tobte, er schnallte den Hosengurt ab und schlug auf die heulende Kinderschar los. Es war fürchterlich. Und jeden Abend, wenn die Feierabendstimmung zu allen Teufeln war, kam dann die Besinnung und das Heer der Vorwürfe: du hättest ruhig bleiben sollen, wozu die Schläge jeden Tag? Dann wurde die seelische Verfassung noch trübseliger und trostloser.

Auch heute hatte er sich nicht getäuscht. Rapport. Exekution. Geschrei und Aufregung. Eine widerlich-quälende Szene. Die Mutter brachte die weinenden Kinder zu Bett und der Vater schritt, noch immer kochend vor Zorn, auf und ab.

„Du hättest sie heute nicht so arg schlagen sollen …“

„Mache du mir noch Vorwürfe!“ fuhr er sie an. „Erst berichtest du tausend Unarten von den Vagabunden, daß ich glauben muß, ich habe die ungeratensten Kinder im ganzen Orte, und dann vertrittst du ihnen die Brücke!“

„Ach, so schlecht sind die Kinder nicht, wie du denkst. Da kann keiner einschlafen, bevor er nicht seine Mutter abgedrückt und ihr einen Kuß gegeben hat.“

Mit starren Blicken bleibt der Vater vor der Mutter stehen.

„Meine Jungen? … Dich abgedrückt? … Und dir einen Kuß gegeben? …“

Die Mutter steht beschämt, denn sie fühlt eine Mitschuld <!-- S. 40 --> daran, daß der Vater so gar keine Ahnung von dem wahren Wesen seiner Kinder hatte. Wie sollte er auch? Früh fort, abends spät nach Hause … Und das bißchen Sonntag …

„Meine Jungen?“ wiederholte der Vater fragend und kopfschüttelnd. „Das sollen diese Rangen, diese Bösewichter tun?“

Er hat eine ganze Nacht darüber nachgedacht und sich mit sehr ernsten und quälenden Gefühlen von einer Seite auf die andere geworfen. Darauf hat er beschlossen, nicht mehr zu schlagen, dafür aber die Kinder, wo und wann er immer konnte, zu beobachten.

Und er beobachtete sie mit wachsendem Erstaunen. Gewiß, sie waren lebhaft, ausgelassen, wild — aber im Grunde des Herzens doch prächtige, kreuzbrave Burschen. Alle Schuld hatte bei ihm gelegen. Wie in ein neu entdecktes Land schaute er in die Herzen seiner Kinder. Solch liebe, muntere, herzige Buben konnte er nicht mehr schlagen!

### Dein Kind — dein Spiegel

Da saß der Matz, der faule Matz, der dicke Matz, als Vorletzter in der Klasse.

Nur der schwachsinnige Adolf machte ihm das Anrecht als Klassenschwanz streitig.

Schwerfälligkeit, Trägheit, Stumpfsinnigkeit — dein Name war Matz.

Er lernte kein Verschen, gab keine Antwort, versagte jegliche Anteilnahme.

Ich versuchte jedes Mittel, ihn zu interessieren, zu gewinnen, in Bewegung zu setzen. Alles vergeblich.

<!-- S. 41 -->

Ich war verzweifelt …

Da ließ ich den Vater kommen.

Wer kam? Der Vater?

Ein Ungeheuer — breit, schwer, träge, keuchend, stumpfsinnig. Ein Elefant. Ein Nilpferd. Ein echter, rechter Matz.

Ich war entsetzt — und begriff den Jungen.

Den armen Matz — den Sohn seines Vaters.

\*

Da war die Jenny. Sie machte mir Not!

Wurde geschwatzt und gekichert … die Jenny.

Gab es Zank und Geheul … die Jenny.

Wer war die Lauteste auf dem Schulhof? Die Unaufmerksamste im Unterricht? Die Unverträglichste unter den Mädchen?

Die Jenny.

Was sollte ich tun? Ermahnungen waren fruchtlos. Strafen blieben unwirksam.

Aber das Kind mußte doch erzogen werden. Was war also zu tun?

Eines Tages kam eine Frau zu mir.

Keifend, gestikulierend, zungenfertig, hochgradig hysterisch … ein abscheuliches Weib. Die Mutter der Jenny.

Ich sah durch die Mutter hindurch und sah das Kind. Bild und Abbild. Alles wurde mir klar …

Jenny besserte sich zusehends, nachdem man sie von der Mutter fortgenommen hatte.

<!-- S. 42 -->

## Beantworte die Fragen der Kinder

Wenn du beim Wandern in eine fremde Gegend kommst, den Weg verlierst und in der Irre gehst — wie dankbar und froh bist du dann, Menschen zu treffen, die auf dein Fragen bereitwillig wohlgemeinte und richtige Antwort geben. Dein Kind steht auch, einem rat- und pfadlosen Wanderer gleich, in einer großen, ihm noch unbekannten Welt. Zaghaft und staunend fragt und tastet es sich vorwärts. Du bist nicht der erste beste, an den es sich um Auskunft wendet. Von dir hat es Speise und Trank, Wartung und Pflege empfangen all die Jahre, hat deine leitende Hand gefühlt und deine Liebe gespürt, — nun sagt ihm der sichere Instinkt seines inneren Wesens, daß du auch sein guter Berater und Pfadweiser sein wirst. Enttäusche die Erwartungen des kleinen irrenden Wanderers nicht! Sei nicht mürrisch und unwirsch, wenn er dich zu unrechter Zeit befragt — er weiß nicht, daß es noch andere, wichtigere Dinge in Menschenköpfen gibt; werde nicht nervös, wenn sein Fragen und Forschen gar kein Ende nehmen will, ach, er hat ja noch so viel zu erfragen und zu lernen, was soll er anfangen mit seiner win<!-- S. 43 -->zigen Handvoll Erfahrungen in dieser großen Welt? Speise ihn auch nicht ab mit kurzem Ja und Nein, noch weniger verbiete ihm den Mund und zwinge ihn, das Fragen einzustellen. Du würdest dein erzieherisches Amt schwer vernachlässigen und mißbrauchen, denn es ist nicht dein guter Wille und eine Gnade, dem Kinde zu antworten, es ist deine erzieherische Pflicht. Sie mag oft schwer zu erfüllen sein, viel Geduld, Takt und Spannkraft erfordern — aber du wirst dafür belohnt durch das Vertrauen, das dir aus dem Herzen des Kindes entgegenwächst. Wem könnte ein suchendes, ratloses, weltfremdes Menschenkind größeres Vertrauen schenken als dem, der ihm allezeit ein sicherer und treuer Berater und Führer war? Es wird dir sein Vertrauen auch später bewahren und deinen Rat, deine Hilfe in Fällen erbitten, in denen du nichts sehnlicher wünschest, als daß du gehört werden möchtest. Und das wird für beide ein rechter Gewinn und eine schöne Beglückung sein.

### Kinderfragen

[Auszug aus: R. Penzig, Ernste Antworten auf Kinderfragen (Verlag von G. Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 44 -->

### Hilf den Unbeholfenen!

[Auszug aus: Merkblatt Nr. 6 des Zentral-Instituts für Erziehung und Unterricht in Berlin. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 45 -->

### Das Fragen des Kindes …

[Auszug aus: W. Preyer, Die Seele des Kindes (Verlag von Th. Grieben, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 46 -->

### Plappermäulchen

[Auszug aus: P. Rosegger, Mein Weltleben (Verlag von L. Staackmann, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 47 --> <!-- S. 48 -->

### Warum?

[Auszug aus: Was Kinder sagen und fragen. Von einer Großmama (R. Piper & Co., Verlag, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 49 -->

### Nur die eine Frage noch

Wir machen einen Spaziergang. Sonnig und froh wie der Tag ist die Landschaft. Sonnig-froh auch unsere Stimmung.

Zwischen Bäumen, Blumen und Ährenfeldern schreiten wir dahin. Die Kinder springen jauchzend vor uns her. Nur das Kleinste bleibt trippelnd an unserer Seite.

Das Kleinste — es ist ein Frauenzimmerchen — kann noch nicht ohne uns sein. Es muß immerzu fragen … fragen … fragen, und da braucht es Vater und Mutter. Die Welt ist so neu, so groß, so bunt, wie findet man sich in dieser Welt zurecht, wenn man ein Neuling, ein Fremdling, ein so kleines, dummes Menschenkind ist? Nun, man fragt … Warum fliegen die Wolken so schnell? Wo haben die Schnecken ihre Beine? Kann ein Stein auch schlafen? Was fressen die Schmetterlinge und wo haben sie ihr Haus? Sind Blumen auch manchmal unartig?

Der Vater antwortet redlich und brav. Gibt hier eine Belehrung, macht da einen Scherz. Rettet sich, so gut er kann, aus den tausend Verlegenheiten, in die der kleine unermüdliche Fragegeist ihn stürzt.

Anfangs macht ihm die Sache Vergnügen. Aber mit der Zeit ermüdet ihn das Frage- und Antwortspiel. So schiebt er die Kleine an die Mutter ab.

Die Mutter hat nicht so viel Geduld. Immer fragen, <!-- S. 50 --> immer antworten! Bald wird ihr die Pflicht sauer und verdrießlich. Ihr schwindelt der Kopf. Aber sie hält aus bis nach Hause.

Nun rasch das Abendbrot nnd dann zu Bett. Mit einem herzlichen Gutenachtkuß wird auch der kleine Fragemund zugeschlossen. Die Mutter atmet auf.

Atmet auf, denn das Fragen hat ein Ende.

O nein! … Da oben im Bettchen müht sich immer noch ein kleines Hirn, ruft immer noch eine Frage nach Antwort. Muttchen, bettelt es leise.

Aber, Liebling, du mußt schlafen! Fest die Guckaugen schließen und ganz still das Mündchen halten! Hübsch schlafen, sonst wird Mutter böse.

Muttchen, liebes Muttchen — bloß noch eine einzige Frage …

Du hast heute so viel gefragt; Mutter weiß schon fast gar nichts mehr … jetzt sollst du still sein und schlafen.

Bitte, liebes Muttchen, bloß das eine Mal noch …

Aber du mußt versprechen, daß du dann schlafen willst …

Ich will, Muttchen … bitte: Wie weit kann ein Schaf spucken? …

<!-- S. 51 -->

## Rede nicht zuviel

Was dem Geistlichen Beruf und Amt ist — Predigten zu halten — soll der Erzieher meiden wie eine Todsünde. Für ihn gilt das Wort: Bilde, Künstler, rede nicht! Du willst Menschen formen, Charaktere bilden: dazu taugt kein Geschwätz und Geplärr, du willst Seelen läutern, Hirne mit Geistesschwungkraft ausstatten und in Herzen den Reichtum edler Menschlichkeit pflanzen: da darfst du keine Wassersuppen kochen. Durch Reden erzieht man ein Geschlecht von Wortemachern und oberflächlichen Besserwissern. Vieles Reden ist seicht und macht seicht. Das gilt für langatmige Strafpredigten, deren Fruchtlosigkeit sprichwörtlich ist, wie für die tausendfachen Nörgeleien und Kommandierereien, die ein Kind zur Verzweiflung treiben können. Gehe langsam! Sitze still! Sei ruhig! Laß das! Es gibt Eltern, die ihren Kindern in jeder Stunde sechzig solcher Befehle und Anweisungen erteilen und sich obendrein wundern, wenn das Kind die Worte überhaupt nicht mehr hört oder durch die ewige Quengelei und Dressiererei so nervös wird, daß es sich durch ausgesuchte Bosheit und Niederträchtigkeit an seinen Peinigern <!-- S. 52 --> rächt. Frage dich stets: Mußt du wirklich befehlen? Liegt ein Zwang, eine Notwendigkeit vor, zu reden? Ob der Junge schnell oder langsam läuft, sitzt oder springt, lacht oder schweigt — hat es einen Sinn, zu befehlen, zu reden? Laß ihn über sich selbst entscheiden! Willst du auf ihn einwirken, so handle. Mache ihm stillschweigend vor, was er tun soll. Durch die Tat erzielt man praktische, rührige und anstellige Menschen. Und mußt du doch reden, so sage kurz und bestimmt, was du willst. Nie zweimal, was mit einem Male gesagt sein kann. Nie lachend und gleichgültig, was ernsthaft gesagt sein will. In deinem Kinde darf nie die Empfindung aufkommen, daß hinter deinen Worten kein Entschluß, keine Tatkraft stehe. Gesagt, getan — ein Mann, ein Wort. Jedes deiner Worte wird um so schwerer wiegen, je sparsamer du damit umgehst.

### Sei sparsam mit dem Wort

[Auszug aus: H. Scharrelmann, Erlebte Pädagogik (Verlag von A. Janssen, Hamburg). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 53 -->

### Warum es nicht gelingt

[Auszug aus: Charl. M. Mason, Erziehung im Hause (Verlag von G. Braun, Karlsruhe). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 54 -->

### Wie sagt das Kind?

Ich machte einen Besuch. Da ich wußte, daß ein Kind im Hause war, nahm ich einen Pfefferkuchen mit. Einen bunten Pfefferkuchen mit weißem Zuckerguß, so recht geschaffen, um ein Kinderherz zu erfreuen. Und doch hat er keine Freude ins Haus gebracht.

Als die kleinen Fäustchen nach der bunten und süßen Herrlichkeit griffen, fuhr die Mutter auf das Kind los.

„Wie sagt das Kind?“

Zwei Hände hielten den Kuchen fest, ein roter Mund labte sich daran.

„Wie sagt das Kind?“ wiederholte heftig die Mutter.

Der kleine Mund blieb stumm. Dafür leuchteten die Augen um so heller, wenn sie über den Kuchen glitten.

„Na, wie sagt das Kind zum Onkel, der ihm etwas schenkt?“

Aergerlich stieß die Mutter diese Worte hervor. Da hatte sie nun ein braves Kind, das sie über alles liebte und auf dessen Bravheit sie so stolz war; nun es aber einmal seine Bravheit zeigen sollte, war es bockbeinig und versagte.

<!-- S. 55 -->

„Ein Kind, das nicht Danke sagt, soll auch keinen Pfefferkuchen haben!“ Damit riß sie dem Kinde den Kuchen aus der Hand.

Zeter und Mordio! … Eine peinliche Szene, die erst ihr Ende erreichte, als das schreiende Kind zur Tür hinausgesteckt war. —

Mußte dieser unerquickliche Abschluß kommen, der dem Kinde wie uns selbst die frohe Stunde verdarb?

„Ich verlange, daß sich das Kind an Höflichkeit gewöhnt!“ erklärte die Mutter, wie zu ihrer Entschuldigung.

Ach — wären Vater und Mutter zueinander so höflich, als sie es vom Kinde verlangen, höflich mit Bitte! und höflich mit Danke! bei all ihren kleinen und großen Handreichungen und Gefälligkeiten, dann brauchten sie die Höflichkeit nicht in das Kind hineinzuschelten und hineinzuprügeln.

<!-- S. 56 -->

## Lerne befehlen

Goethe schrieb einmal seiner Enkelin ins Stammbuch „Lerne gehorchen!“ Auf diese knappe ernste Mahnung pflegen sich Erzieher gern zu berufen, um die Forderung des Gehorsams in der Erziehung zu rechtfertigen. Im Gehorsam des Kindes scheint ihnen das Erziehungswerk verankert zu sein, mit all seinen Leistungen, seinen Erfolgen. Und doch ist für den Erzieher von heute eine andere Mahnung beherzigenswerter. „Lerne befehlen!“ Befehlen ist leichter, gut befehlen schwerer als gehorchen. Vom Charakter des Befehls hängt der des Gehorsams ab. Gilt es, aus den Kindern dienstwillige Ausbeutungsobjekte, Untertanen, Kanonenfutter, Heloten zu machen — wohlan, so mag der strenge tyrannische Befehl wie der blinde, kriechende Gehorsam seine Berechtigung haben. Wer aber in der Freiheit das höchste sittliche Gut erblickt, das Selbstbestimmungsrecht respektiert und sich den Glauben an das Gute im Menschen bewahrt hat, wird nicht wünschen können, daß die Seele des Kindes unter dem Zwange eines stummen und starren Kadavergehorsams verkrüppele und verderbe. Der Gehorsam darf keine Peitsche, keine <!-- S. 57 --> Sklavenkette, kein Hundehalsband sein. Will sich in der Erziehung aus Befehlen und Gehorchen keine Harmonie ergeben, so suche den Fehler nicht zuerst im Ungehorsam des Kindes, sondern in der Mangelhaftigkeit deines Befehlens. Hast du schroffe und kränkende Worte vermieden, die das Kind niederdrücken und verletzen, sein Ehrgefühl berühren und seinen Trotz anstacheln? Hast du nicht hart und herausfordernd deine Ueberlegenheit fühlen lassen oder durch unsinnige Zumutungen den Widerspruch des Kindes provoziert? Hast du auch wohl versucht, das Ziel zu erreichen, indem du den Willen des Kindes anregtest und seine eigene Entschließung wachriefst? Hast du geprüft, ob du klug und bedacht, nötig und ernsthaft, klar und entschieden gefordert und befohlen hast? Solcherlei Fragen und viele mehr bedürfen deiner Rechenschaft, ehe du das Kind des Ungehorsams und der Widersetzlichkeit zeihst. Wenn du, falls du schon befehlen mußt, durch deine Worte neben der Kürze und Bestimmtheit, dem Ernst und der Klarheit auch die Wärme und das Wohlwollen eines freundlichen Herzens hindurchklingen läßt, das nicht demütigen und vergewaltigen, sondern aufrichten und leiten will, und wenn du das Grund<!-- S. 58 -->übel aller schlechten Befehle vermeidest — inkonsequent zu sein — wirst du dich über ungehorsame Kinder kaum zu beklagen haben.

### Die Erziehung zum Gehorsam

hat mit dem zu beginnen, was Herbart die Regierung der Kinder nennt. Darunter versteht er die Eindämmung des natürlichen kindlichen Eigenwillens und Ungestüms durch eine feste Lebensordnung, an der sich alles Widerstreben bricht. Also: im Hause bestehen gewisse Einrichtungen, Gewohnheiten, Formen, die für alle bindend sind und die von den Eltern untereinander wie im Verkehr mit den Kindern respektiert werden. In diese Lebensordnung wird das Kind hineingeboren und wächst darin heran. Es kann sich ihr nicht entziehen. Eine ruhige, aber feste, konsequente und beharrliche Gewöhnung nimmt es in ihre Zangen. Kein rücksichtsloses Erzwingen, kein barbarisches Auslöschen der Individualität — nur ein gutes Vorbild, ein wenig Geduld, eine ruhige und vernünftige Überlegung, etwas Selbstbeherrschung und volle Klarheit darüber, was man will, warum man es will, ob das Gewollte notwendig, zweckmäßig und für die Erziehung nützlich ist.

Diese stille Methode wirkt Wunder, ohne Kommandorufe und ohne Schläge. Der schlimmste Fehler der meisten Erzieher ist, daß sie zuviel reden, zuviel anordnen und befehlen, wo die eigene Erfahrung dem Kinde weit nützlicher wäre, daß sie sich über den Zweck und Erfolg ihrer Maßnahmen nicht klar sind, oder daß sie durch herrisches Auftreten und allzu selbstbewußtes Gebaren den Widerstand <!-- S. 59 --> der Kinder herausfordern. Es ist unglaublich, wie unerzogen oft Erzieher sind, und wie sie sich an Kindern versündigen … Dabei ist gehorchen und gehorchen lernen weder schwer noch schlimm, unter Umständen ist es sogar eine leichte und freudige Sache, eine Selbstverständlichkeit und schöne Tugend. Unsere Kinder würden allesamt viel besser zu gehorchen verstehen, wenn ihre Erzieher besser zu befehlen verstünden.

*Otto Rühle, Grundfragen der Erziehung. (Verlag Am anderen Ufer, Dresden-Buchholz-Fr.)*

### Von einer Mutter, die nicht zu befehlen verstand

In einem Biergarten beobachtete ich eine Mutter. Sie kam über den Kiesweg, einen vierjährigen Knaben an der Hand, setzte sich an einen der Tische unter schattigen Bäumen, bestellte Kaffee und Gebäck und vertiefte sich in eine Handarbeit. Der Bub, sauber und mit hellen Augen, saß ein Weilchen auf dem Stuhl neben ihr. Bald aber bekam er Langeweile. Er kletterte herunter, machte sich am Gartenzaun zu schaffen, jagte die Hühner und las schließlich, als diese entflohen waren, kleine Steinchen zusammen.

Die Mutter blickte nicht auf und hatte weder ein Wort, noch eine Minute Zeit zum Spiel und zur Beschäftigung mit dem Knaben übrig.

Der hatte inzwischen begonnen, ein Loch in die Erde zu graben. Was sollte er tun? Seine Finger und Hände wollten arbeiten, sein Geist drängte nach Betätigung. Also wird er einen Brunnen graben oder ein Bergmann sein.

Da gewahrte die Mutter sein emsiges Spiel und seine Hände, die arg beschmutzt waren. „Was machst du da?“ <!-- S. 60 --> herrschte sie ihn an. „Steh auf!“ Dann häkelte sie weiter.

Der Bub hatte sich, mit Graben innehaltend, aufgerichtet; aber nur einen Augenblick. Da die Mutter sich nicht weiter um ihn kümmerte, setzte er seine Arbeit fort. Bald hatte sein heller Sommeranzug die gelbbraune Farbe des Sandes angenommen. Aber was schadet das? Wenn der Schacht nur bald so tief ist, daß man das Wasser sehen kann!

„Hörst du nicht?“ schrie die Mutter ihn nach einer Weile an. „Du sollst aufhören! Steh auf!“

Er erhob sich. Aber siehe — die Mutter folgte schon wieder ihren Gedanken und schien auf die Befolgung ihres Befehls kein besonderes Gewicht zu legen. Also — sagte sich das Bürschlein — graben wir lustig weiter.

Und er grub, mit dem Körper an der Erde liegend, den Arm tief im Schachte. Eine Lust, solch einen Brunnen zu graben! Nie gab es ein so großes Vergnügen wie dieses! Kommt da nicht schon Wasser? Ist da nicht schon …

Mit einem Satze sprang jetzt die wütende Mutter auf, faßte das Kind beim Kragen, schüttelte es wie toll und ließ einen wahren Hagel von Ohrfeigen und Maulschellen auf den armen Kopf herniedersausen. „Habe ich dir nicht gesagt, daß du aufstehen sollst? Ich will dir helfen, zu gehorchen!“ zeterte sie laut und gebärdete sich wie rasend. „Wie siehst du nun aus, du Ferkel! Ich schlage dich kaput, wenn du nicht folgen lernst! Nichts wie Ärger mit solch einem Kinde!“

… Wie habe ich den armen Jungen bedauert, daß er das Unglück hat, eine so unverständige Mutter als Erzieherin zu haben. Sie hätte all die Strafe selbst verdient.

<!-- S. 61 -->

### „Was ich verbiete, wird erst recht getan“

rief eine Mutter verzweifelt aus, „wie soll ich’s anstellen, um die Kinder zum Gehorsam zu bringen?“

„Nichts verbieten“, war die einfache Antwort. Durch das Verbot wird dem Kinde die Sache erst interessant; der Reiz, Verbotenes zu tun, erfährt eine Steigerung, so daß ihm das Kind meist nicht widerstehen kann. „Soll ich denn, wenn ich nichts mehr verbiete, alle Unarten geschehen lassen?“ — „Keineswegs. Da sind ein paar Beispiele, wie man es machen kann.“

1. „Lege die Schere fort!“ rief die Mutter dem Töchterchen zu. Vergebens. Der Naseweis schnippelte lustig weiter. Schon wollte die erregte Mutter zornig auf das ungehorsame Kind losfahren, da sagte der Vater ruhig: „Gib mir die Schere, bitte“, nahm sie, schnitt ein wenig am Fingernagel und legte sie in den Kasten, den er verschloß.

2. „Wasch’ dir die Hände!“ hieß es bei Tisch, „so schmutzig kommt man nicht zum Essen.“ Der kleine Peter zögerte. „Was wird?“ fragte der Vater kurz und streng. „Laß ihn,“ warf die Mutter ganz ruhig ein; „wer schmutzig ist, muß an der Ofenbank essen und bekommt keine süßen Kirschen zum Nachtisch.“

Hui — wie der schwarze Peter hinaus war und sich Hände, Gesicht, Hals und Ohren scheuerte, schneeweiß und blitzeblank.

3. „Geh’ vom Ofen weg! Du wirst dich verbrennen!“ Wie oft wurde es befohlen, und wie oft war es vergeblich. Da stießen die Augen des Kindes eines Tages im Bil<!-- S. 62 -->derbuche auf ein Bild, das tiefen Eindruck machte. Ein Knabe kam dem Ofen zu nahe, da fingen seine Hosen Feuer; schreiend lief er davon, aber die Flamme folgte ihm nach. „Siehst du“, sagte die Mutter ernst, „so geht es, wenn man am Ofen spielt!“

Sobald sich in Zukunft das Kind am Ofen zu schaffen machte, wandte die Mutter ein Mittel an, das unfehlbaren Erfolg hatte. Sie sang:

> „Pumpernickels Hänschen  
> „Saß am Ofen und schlief,  
> „Da brannten seine Höschen —  
> „Potztausend! wie er lief …“

4. Schließlich sei noch die kleine vierjährige Erna erwähnt, die von ihrer Mutter geschlagen wurde. Da sagte das Kind: „Du brauchst mich gar nicht zu hauen, wenn du es mir richtig sagst, tue ich es auch. Die Tante im Kindergarten schlägt mich auch nie, und ich mache alles, was sie will.“

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## Uebe die Ablenkung

Dein Kind bestürmt dich mit tausend Fragen, die seinen suchenden und tastenden Geist bewegen. Du bist seine Auskunftsstelle. Vater, wie hoch ist der Himmel? Mutter, warum ist das Wasser naß? Weise die kleine Wißbegier nicht ab, wenn dir die Geduld ausgeht oder dein Sinn sich mit anderen Dingen beschäftigen möchte. Du hast kein Recht, ihm die kleine geistige Handreichung zu versagen, auf die es Anspruch hat. Muß es aber sein, so sage nicht: Schweig still! oder Laß die Fragerei! Es gibt ein sanfteres und wirksameres Mittel, dem Frage- und Antwortspiel, sobald es lästig wird, ein Ende zu machen — übe die Ablenkung!...

Dein Kind hat auch sonst mancherlei Wünsche, erfüllbare und solche, deren Erfüllung in den Wolken schwebt. Laß dich's nicht verdrießen, wenn der kleine Mensch in seinen Sehnsüchten Maß und Wirklichkeit verliert. Illusionen vor der Zeit zerstören, bedeutet der Phantasie die Nahrung nehmen. Geh zum Schein auf die Wünsche ein! Hilf der Phantasie die bunten Luftschlösser bauen! Im rechten Augenblick bleibt dir ein Seitensprung — die Ablenkung...

<!-- S. 64 -->Dein Kind hat auch Unarten. Da ist oft rasch das Blut im Gesicht und ein böses Wort auf der Zunge. Herrgottsakra... Ruhe, zügle dich! Wozu die Erregung und das Gepolter, wenn du in aller Friedlichkeit und Sonne mit einem kleinen, feinen Kunstgriff denselben Zweck erreichen kannst. Wie denn? fragst du — Uebe die Ablenkung!

### Von einem Holzhammer, einem zornigen Vater und der Ablenkung

Das Kind hat irgendwo im Hause einen Holzhammer entdeckt und bearbeitet damit aus Leibeskräften den Fußboden. Klopf, klopf! geht es schallend durch das Haus. Ich sitze über einer mühsamen Arbeit, die nur in Stille und Sammlung gedeiht. Da donnern die Hammerschläge los. Ich fahre empor, als ob mein Schädel sie gefühlt hätte. Der in saurem Schweiß aufgerichtete Gedankenbau stürzt zusammen, alle Fäden zerreißen, alle Formen und Bilder lösen sich auf...

„Was fällt dir ein?... Solch ein Höllenspektakel!... Willst du sofort Ruhe halten!“

Schon stehen mir die barschen Worte auf der Zunge. Da — mit raschem Ruck gelingt es mir, die Leidenschaft des Zornes zu zügeln.

Habe ich ein Recht, dem Kinde seine Freude zu stören? Oder meinst du, daß es keine Freude sei, mit dem Hammer zu klopfen, daß die Wände zittern? Sieh doch, wie <!-- S. 65 -->dem Kinde die Augen leuchten, wie sein Antlitz vor Wonne strahlt. Lärm ist ihm Glück!

Hat das Kind nicht ebenso ein Recht auf Lärm, wie ich ein Recht auf Ruhe habe? Sein Lärm, entgegnest du weise, soll meine Ruhe nicht stören. Schön. Aber mein Bedürfnis nach Ruhe soll das Glück des Kindes stören dürfen? Weil ich zufällig der Stärkere bin, soll das Kind still sein? Weil ich es zwingen kann, soll es um meinetwillen seiner Freude verlustig gehen?

Das ist die Logik der Gewalt und Barbarei.

Wäre das Kind vernünftiger, würde ich mich an seine Einsicht wenden. Es würde begreifen, daß es unrecht ist, Freude und Glück auf Kosten anderer zu genießen. Aber die Einsicht fehlt. Soll ich da zum Zwange greifen und blinden Gehorsam fordern?

„Du,“ sage ich, leise nähertretend und mit markierter Wichtigkeit, ohne im geringsten meine innere Erregung ahnen zu lassen, „hast du auch an dein Püppchen gedacht? Es wird aus seinem Schlafe aufwecken, wenn du so laut pochst...“

Ueberrascht sieht das Kind mich an. Erhebt sich vom Boden und trippelt, den Hammer liegen lassend, hinaus. Der Sorge um das Püppchen gehört jetzt Herz und Sinn.

Kein Scheltwort hat unserm Herzen weh getan, kein Schatten ist zwischen uns getreten.

Ich habe meinen Zweck erreicht, und wir sind gute Freunde geblieben.

<!-- S. 66 -->

### Wie Asmus Sempers Vater die Ablenkung übte

[Auszug aus: Otto Ernst, Asmus Sempers Jugendland (Verlag von A. Staackmann, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 67 -->

### Da sind die Kinder ganz kirre geworden

[Auszug aus: Bruno Wille, Das Gefängnis zum Preußischen Adler (Verlag von Eugen Diederichs, Jena). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 68 -->

<!-- S. 69 -->

## Habe Respekt vor den Kindern

Bisher war es immer umgekehrt: Die Erzieher verlangten, daß die Kinder vor ihnen Respekt haben sollten. Sie wachten eifersüchtig und selbstbewußt darüber, daß die Achtung, auf die sie verbrieften Anspruch zu haben glaubten, ihnen erwiesen wurde, auch wenn diese im Grunde durch nichts anderes bedingt war, als allein durch den Umstand, daß sie eben Erzieher waren. Daß es auch untaugliche Erzieher gibt, die keinen Respekt verdienen, daß das Amt des Erziehens noch lange nicht die Achtungswürdigkeit des Erziehers zu bedingen braucht, ja, daß die wahre Achtung ein Produkt der Liebe und des Vertrauens sein muß — das kam ihnen nicht in den Sinn. Sie waren auf das Autoritätsprinzip eingeschworen, nach dem das Kind im Erzieher einen Vertreter der von Gott eingesetzten Obrigkeit zu erblicken und zu ehren hat. Diese Auffassung hat sich im Laufe der Zeit wesentlich gewandelt. Man hat erkannt, daß nicht der Erzieher, sondern das Kind den Mittelpunkt des Erziehungswerkes bildet, und daß der Erzieher um des Kindes willen da ist. In das Wesen des Kindes soll er sich versen<!-- S. 70 -->ken mit Ernst und Verständnis, Freundlichkeit und Liebe; die Eigenart des Kindes soll er verstehen und würdigen lernen; die Gaben und Fähigkeiten des Kindes soll er auslösen, von Hemmnissen befreien und zur Vollendung führen. „Seine Majestät das Kind“ — man braucht das in England geprägte Schlagwort, das den Umschwung in der Stellung des Erziehers zum Kinde drastisch ausdrückt, nicht wörtlich zu nehmen, noch weniger soll man sich zum Sklaven kindlicher Launen und Ungezogenheit erniedrigen — aber man soll auch nie vergessen, daß im Kinde unsere Zukunft heranwächst und daß die Zukunft immer höher steht als die Gegenwart, deren Träger wir sind.

### Mehr Vornehmheit in der Erziehung

[Auszug aus: H. Scharrelmann, Erlebte Pädagogik (Verlag von A. Janssen, Hamburg). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 71 -->

### Der neue Lehrer

In großer Aufregung kam eine Mutter zu mir. „Nein,“ rief sie aus, „es ist unglaublich, was für einen Lehrer wir haben.“

„Lernen die Kinder nichts?“

„O doch, sie lernen sogar viel und sind in allem recht weit — viel weiter als beim alten Kantor, Gott hab' ihn selig!“

„Schlägt er die Kinder?“

„Schlagen? — I wo denn! Die Kinder sind ganz vernarrt in ihn. Das ist's ja eben. Da liegt er wieder — eben bin ich am Schulhause vorübergegangen — während der Pause mit den Kindern im Grase, läßt sich von den Kleinen hochziehen und fortwälzen — und es ist ein Lärm, ein Treiben, und der Lehrer ist von allen der lauteste.“

„Was in aller Welt,“ frage ich die Frau, „ist denn dabei Schlimmes?

„Ja“ — meint sie und sieht mich verdutzt an, „woher soll denn bei solchen Kindern der Respekt kommen?“

Der Respekt — da haben wir's. Dieser Ueberrest alter Knechtseligkeit spukt in dem Kopfe der Mutter. Sie selbst ging durch eine Respektschule, nun meint sie, daß es in alle Ewigkeit solche Schulen geben müsse. Wir werden ihr nicht einreden können, daß die neue Erziehung ihre Berechtigung hat und der neue Lehrer ein ganz famoser Jugenderzieher ist — aber wir freuen uns im stillen, daß die Erde rund ist und sich dreht...

<!-- S. 72 -->

### Der alte Lehrer

[Auszug aus: Gottfried Keller, Der grüne Heinrich (Verlag von G. J. Göschen, Stuttgart). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 73 -->

<!-- S. 74 -->

## Verschmähe auch kleine Mittel nicht

Für den erzieherischen Erfolg ist es oft von größter Bedeutung, daß der Erzieher in der Wahl der anzuwendenden Mittel das richtige Augenmaß bekundet. Man kann sich da, wie auch sonst im Leben, gewaltig vergreifen. Manche Väter meinen, daß der Erfolg durch große Lungenkraft und ein dröhnendes Organ zu erzielen sei, darum hauchen sie selbst bei nichtigen Anlässen ihre Kinder mit der Stentorstimme eines Rekrutenfeldwebels an. Und bei Müttern besonders begegnet man der üblen Gewohnheit, daß sie sich bei jeder Lappalie in endlose Strafpredigten hineinräsonieren. Solche Erziehungsmethoden sind nicht bloß Energieverschwendungen, sie verderben meist auch mehr als sie nützen. Obendrein machen sie den Erzieher lächerlich, denn wer mit Kanonenkugeln nach Spatzen schießt, gibt immer eine komische Figur. Nur wer kein Verständnis für die feineren Schwingungen und Stimmungsnüancen des kindlichen Seelenlebens, kein pädagogisches Taktgefühl, keine Geduld und Selbstzucht besitzt, wird in diesen Erziehungsfehler verfallen. Mache dir zum Grundsatz: stets erst <!-- S. 75 -->die kleineren und feineren Werkzeuge und Messerchen deiner Erziehungswerkstatt zu gebrauchen, ehe du zu Axt und Keule greifst oder gar das gröbste Geschütz auffährst. Ein Blick, eine Geste, ein Wort wirken zuzeiten Wunder. Sie können beglücken und erschüttern, ungeahnte Kräfte auslösen und bis zur tiefsten Demütigung strafen. Schon mancher, bei dem weder ernsteste Ermahnungen noch strengste Zucht, weder Moralpredigten noch Prügel etwas fruchteten, ist durch ein einziges Wort zu einem braven, tüchtigen Menschen geworden. Ein gutes Wort findet immer eine gute Statt.

### Das ganze Geheimnis der Erziehung

[Auszug aus: Ludwig Gurlitt, Erziehung zur Mannhaftigkeit (Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 76 -->

### Ein kleines Mittel und ein großer Erfolg

In der Lateinstunde hatten wir einen Lehrer, bei dem nichts gelernt wurde. Absolut nichts. Statt Latein trieb die ganze Klasse Allotria.

Eines Tages war der Lateinlehrer krank. Darob große Freude in Israel.

Doch was geschah? Der Direktor ließ mitteilen, daß er die Stunde vertretungsweise halten wolle.

Der Direktor? War das möglich? Ein altes, todkrankes Männlein, das sich nur selten einmal von seinem Schmerzenslager erhob — jene graue, gebeugte Gestalt, die, wenn sie einmal durch die Räume schritt, beinahe gespensterhaft wirkte und allen ehrfürchtiges Grauen einflößte — dieser Direktor wollte die Lateinstunde halten.

Er war ein glühender Lateiner, dessen Seele sich in schwungvollen lateinischen Oden auslebte. Wie sollten wir vor ihm bestehen können? Waren wir Taugenichtse überhaupt dieses Opfer wert?

Da schritt er durch die Tür.

Gleich der erste, der übersetzen sollte, versagte. Der zweite radebrechte konfuses Zeug. Der dritte stammelte etwas Unverständliches. Der vierte schwieg sich aus, der fünfte, sechste...

Der Alte versuchte erst, nachzuhelfen. Stellte Hilfsfragen und übersetzte stückweise selbst. Ließ nichts unversucht.

Doch bald wurde ihm klar, daß hier Hopfen und Malz verloren war. Noch heute sehe ich seine bekümmerten Augen und fühle seine Blicke auf uns brennend ruhen. Wir wagten nicht aufzublicken...

<!-- S. 77 -->„Sie haben wohl nicht präpariert?“ fragte seine tonlose Stimme den ersten.

„Nein, Herr Direktor.“

„Und Sie auch nicht?“ zum zweiten.

„Nein.“

Und so fort, den dritten, vierten...

Wieder der lange, traurige Blick aus umflorten Augen. Und im Ton der Worte eine tiefe Milde der Bekümmernis.

Da klappte der Alte sein Buch zu, hüllte seinen dürren Leib in den Mantel, erhob sich und sagte seufzend: „Das ist recht schade. Ich hatte mich so auf die Stunde gefreut.“ Und mit müden Schritten schlürfte er hinaus.

Wir schämten uns, einander ins Gesicht zu sehen. Und jeder schämte sich vor sich selbst.

Von Tag und Stund an war die üble Horde der Flegel und Faulpelze wie umgewandelt. Wehe dem, der in Zukunft sein Lateinpensum nicht präpariert hatte.

### Was eine Handvoll Güte bewirkte

Unter den Zehn- und Elfjährigen, die während der Pause sittsam und artig ihren Kreis auf dem Schulhofe abschritten, marschierte — eines Hauptes länger als alles Volk — Münzner, der Schrecken aller Lehrer. Wie ein Kuckuck unter Grasmücken. Zweimal sitzen geblieben. Von unbesiegbarer Faulheit und zu allen Teufeleien aufgelegt. Es verging kein Tag, wo er nicht seine Ration erhielt und mindestens einer der Lehrer händeringend fragte, was aus solch einem Taugenichts einmal werden sollte...

Als ich über den Schulhof schritt, rief er mir ein häßliches Schimpfwort nach. Ich ließ es ungehört und ging weiter.

<!-- S. 78 -->Aber ein kleiner Petzer kam mir nach und denunzierte. Mich umdrehend, sah ich Münzner ins Gesicht. Er verfärbte sich.

„Höre,“ sagte ich nähertretend, „du könntest heute vier Uhr auf mein Zimmer kommen! Aber nicht vergessen.“

Er wußte, was die Glocke geschlagen hatte.

Aber er kam.

Langsam und scheu schob er sich durch die Tür. Seine Augen, in denen sich Angst und Trotz malten, huschten durch das Zimmer. Voll banger Erwartung blieb er, einen Gruß knurrend, an der Schwelle stehen.

„Setze dich,“ sagte ich freundlich, „ich werde sogleich fertig sein!“

Er setzte sich zögernd.

„Du darfst dir auch ein paar Birnen und Trauben von der Schale nehmen!“

Wie — hatte er recht gehört? Birnen und Trauben nehmen? Sollte er denn nicht jetzt seine Prügel haben? Birnen und Trauben — von demselben Lehrer, den er heute morgen so frech beschimpft hatte? Das galt wohl nicht ihm...?

„Greif nur zu!“ rief ich ermunternd, als ich sein Zögern bemerkte, stand auf und gab ihm eine Handvoll Früchte.

„Und da —“, sagte ich weiter, „möchtest du mir die Hefte nach der Schule bringen. Ich habe dich dazu ausgesucht, weil du der größte bist und weil ich zu dir Vertrauen habe...“

Wie dieser Augenblick den sonst so dreisten und üblen Burschen verwandelte! Puterrot, im Innersten beschämt und doch aufs freudigste überrascht, stand er vor mir, keines Wortes fähig. Nahm die Hefte, steckte die Früchte ein und war zur Tür hinaus.

<!-- S. 79 -->Am nächsten Morgen — Wunder über Wunder! — stand er vor der Schultür, um sich zu entschuldigen, daß er „so frech gewesen sei“...

„Es ist schon gut,“ sagte ich, „tue es nicht wieder, damit wir gute Freunde bleiben...“

Der verprügelte, faule, unverschämte Münzner war von Tag und Stund' an ein anderer Mensch. Nie habe ich solche Wandlung für möglich gehalten. Für mich wäre er jeden Augenblick durchs Feuer gegangen. Alles um einer einzigen Handvoll Güte willen... Wie mag es dem armen Jungen an Liebe gefehlt haben!

<!-- S. 80 -->

## Laß das Kind einen Willen haben

Der Mensch soll einen freien, starken, selbständigen Willen besitzen. Darin liegt der Wert und die Größe seiner Persönlichkeit. Alle Erziehungsarbeit am Menschen gipfelt darum in der Willensbildung. Bisher war Art und Ziel der Willensbildung immer vom Herrschaftsbedürfnis der besitzenden Klasse diktiert. Nun aber das Proletariat zum Klassenbewußtsein erwacht ist und Kämpfe für seine Klasseninteressen führt, wollen wir, daß die Jugend als ein freies, starkes und selbstbewußtes Geschlecht heranwachse, dessen Wille auf das Höchste aller Kulturziele gerichtet ist: die Befreiung der Menschheit aus Armut, Knechtschaft und Finsternis. Wer die Wollenden und Kämpfenden ihrer wichtigsten Waffen in diesem Kampfe — ihres tapferen und entschlossenen Willens — beraubt, begeht ein schweres Verbrechen an der Zukunft, eine Sünde wider den heiligen Geist der Freiheit und des Menschentums. Das möge sich besonders der gesagt sein lassen, der noch an die Allmacht des Gehorsams in der Erziehung glaubt. Gehorsam ist notwendig und nützlich; aber sittliche und pädagogische Berechti<!-- S. 81 -->gung hat er nur dann, wenn er getragen wird von Einsicht und freiwilliger Entschließung. Jeder erzwungene, gewaltsame, mit Widerstreben geleistete Gehorsam beeinträchtigt die Schulung des Willens, gefährdet die Entwicklung der Persönlichkeit, macht den Menschen zu einem willenlosen Kadaver. Darum laß das Kind einen freien, selbständigen Willen haben, damit es ihn durch Gebrauch und Uebung kräftige und schule; verbiete nicht zuviel, enge nicht die Selbstbestimmung des Kindes so unerträglich ein, daß dieses zum Sklaven deiner Befehle und deiner Willkür wird. Ein Kind soll alles tun dürfen, was nicht die Rechte und das Wohlergehen anderer stört und gefährdet. Verhilf ihm aber dazu, die Grenzen seines Willens zu erkennen, und stärke seine Energie, damit es seinen Willen zügele.

### Nicht brechen, sondern biegen

[Auszug aus: R. Penzig, Ernste Antworten auf Kinderfragen (Verlag von G. Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 82 -->

### Die unduldsamen Mütter

[Auszug aus: Hulda Maurenbrecher, Wachstum und Schöpfung (Verlag von E. Reinhard, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 83 -->

### Von den moralischen Gängelbändern

[Auszug aus: Chr. Gotth. Salzmann, Ameisenbüchlein (Verlag von Ph. Reclam, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 84 -->

### Kein Eigenwille und doch Tadel

[Auszug aus: J. Prüfer, Kleinkinderpädagogik (Verlag von Otto Nemnich, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 85 -->

<!-- S. 86 -->

### Der echte Eigensinn

[Auszug aus: John Habberton, Helenes Kinderchen (Verlag von Josef Singer, Straßburg). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 87 -->

<!-- S. 88 -->

## Renommiere nicht mit deinen Kindern

Es gibt eine Liebe zu Kindern, die man Affenliebe nennt. Sie ist eine Uebertreibung der natürlichen Liebe, eine Ausartung des Wohlwollens. Sie überschüttet das Kind mit Zärtlichkeiten, ohne Rücksicht auf die Gefahr der Verweichlichung; sie läßt dem Kinde allen Willen, ohne die Nachteile zu bedenken, die daraus für die Charakterbildung erwachsen; sie frönt der Eitelkeit und der Selbstsucht des Kindes, ohne sich der großen erziehlichen Versündigung, die darin liegt, bewußt zu sein. Alle Tanten und Bekannten müssen erfahren, wie klug und witzig der kleine Gernegroß ist: natürlich werden alle seine Taten in seiner Gegenwart erzählt, doppelt unterstrichen und noch entsprechend phantastisch ausgeschmückt; die Tanten bestaunen und bewundern ihn pflichtschuldigst, und das Wunderkind kommt sich ungeheuer wichtig vor. In Jahren wird bei solcher Erziehung aus ihm ein eitler, selbstgefälliger Tropf werden, der über seine eigene Dummheit stolpert und gar nicht ahnt, wie lächerlich er sich in seiner Einbildung, wie unsympathisch er sich durch seine Anmaßung macht. Oder das Kind <!-- S. 89 -->muß ein Gedicht aufsagen, weil es „so wundervoll“ deklamieren kann, muß ein Lied singen, weil es eine „so herrliche“ Stimme hat, muß seine Zeichenversuche hervorholen, weil es ein „so großartiges“ Talent besitzt, muß seine Zensuren zeigen, weil es „so außerordentlich“ begabt ist. Aus Höflichkeit stimmen Freunde, Verwandte und Nachbarn in die Renommistereien mit ein, die Eltern werden in ihrer Affenliebe und Eitelkeit bestärkt, und das Kind, das alles für bare Münze nimmt, träumt sich in einen Nimbus hinein, der blauer Dunst ist, und hat an Geist und Seele den Schaden davon. Eltern, die so verfahren, verfügen nicht über die Selbstverleugnung und den großen sachlichen Ernst, den die Erziehung fordert; sie verstehen auch nichts vom kindlichen Seelenleben. Dafür sind sie Sklaven ihrer Eigenliebe und Selbstgefälligkeit, willensschwach und töricht; sie bilden sich ein, die besten Eltern zu sein, und sind die schlechtesten, erwarten von ihrer Erziehung Großes und werden nur Mißerfolge ernten, sie wollen aus ihrem Kinde den tüchtigsten, bravsten, liebsten Menschen machen und erziehen einen Schwächling, Gecken, Prahler, Charakterlosen. „Zärtle mit deinem Kinde, so mußt du <!-- S. 90 -->dich hernach vor ihm fürchten!“ Diese Weisheit Sirachs ist in der Erziehung noch alle Tage neu.

### Affenliebe

[Auszug aus: B. A. E. Brehm, Vom Nordpol bis zum Aequator, S. 227. — Hier nicht wiedergegeben.]

### Wie man's nicht machen soll

[Auszug aus: H. Lhotzky, Die Seele deines Kindes (Verlag von Rob. Langewiesche, Königstein i. T.). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 91 -->

### Der ungeratene Sohn

Da war ein armer Briefträger in meinem Heimatdorfe, ein guter, braver Vater, der alles an seinen Sohn wandte. Er aß trocken Brot, gönnte sich kein Vergnügen und keinen Genuß, erniedrigte sich vor den Leuten, um ein Trinkgeld zu erhaschen, und besorgte in seinen freien Stunden allerlei Dienste und Gefälligkeiten, die ihm einen Extraverdienst brachten. Er brauchte das Geld, denn er ließ seinen Sohn Lehrer werden.

Lehrer! — das war sein Stolz und sein Glück.

Er erzählte jedem, der ihm in den Weg kam, wie klug, wie ausnahmsweise gescheit sein Sohn sei, was für Fortschritte er auf der Schule mache, wie er von den Lehrern belobt werde, welche Hoffnungen man auf ihn setze.

Wer den windigen und naseweisen Burschen von Sohn nicht kannte, hätte glauben mögen, es handle sich um eine Art Wundertier.

Er wurde glücklich Lehrer, aber eines Tages war die Herrlichkeit jäh zu Ende.

Der junge Herr hatte über seine Verhältnisse gelebt, Schul<!-- S. 92 -->den gemacht, erst kleine, dann größere Betrügereien verübt, Urkunden gefälscht — das Ende war die Entlassung aus dem Amt und das Gefängnis.

Der Vater brach zusammen und verfluchte den ungeratenen Sohn.

Und doch war der Sohn nur das Abbild des Vaters: ein Renommist wie er, ein Prahlhans, ein Flausenmacher, dem — nicht zuletzt durch die törichten Lobhudeleien und blinden Beweihräucherungen des Vaters — die Großmannssucht zu Kopfe gestiegen war.

Wäre die gefährliche Anlage zur Selbstüberhebung in ihm gezügelt und gedämpft worden, hätte er sicher einen brauchbaren und redlichen Menschen abgegeben.

So ward die Renommisterei und Prahlerei des Vaters ihm zum Verhängnis.

Der ungeratene Sohn war leider nur zu genau nach dem Vorbild geraten.

<!-- S. 93 -->

## Sei wahrhaftig

Soll die Erziehung aus dem Kinde eine charaktervolle Persönlichkeit machen helfen, so ist die Erziehung zur Wahrhaftigkeit ein unerläßliches Erfordernis. Zur Wahrhaftigkeit gelangt das Kind aber nur, wenn es geleitet wird durch die Kraft eines mustergültigen Vorbildes. Hier ist das gute Beispiel alles. Nimm es mit der Wahrheit in allen Stücken peinlich genau, übertreibe nicht, vermeide auch Scherzlügen, die von den Kindern leicht mißverstanden werden können. Suche nicht durch Versprechungen oder Drohungen, die du nicht halten kannst oder deren Verwirklichung außerhalb deiner Macht liegt, etwas bei Kindern zu erreichen. Der schwarze Mann kommt! Knecht Rupprecht ist draußen! Der Polizist wird dich holen! — Damit kannst du das Kind ein paarmal schrecken, aber bald wird es merken, daß es zum besten gehalten wird. Es stumpft ab gegen Wahrheit und Lüge, nimmt es mit Uebertreibungen, Ungenauigkeiten und direkten Unwahrheiten nicht mehr genau, wird schließlich ein Opfer der Lügenhaftigkeit, die Menschen völlig beherrschen kann. Eltern, die sich in Ge<!-- S. 94 -->genwart der Kinder vor Fremden verleugnen lassen, in der Eisenbahn mit Wissen der Kinder ein falsches Alter angeben, auf dem Entschuldigungszettel der Kinder unzutreffende Angaben machen, vor Fremden anders reden als zu Hause und so weiter, sind Erzieher zur Unwahrhaftigkeit. Ihre Kinder wachsen unter dem Eindrucke heran, daß ihre Erzieher unehrlich sind. Das feinere Unterscheidungsvermögen von Wahrheit und Unwahrheit geht ihnen verloren. Bewußte Unwahrheit wird von Kindern meist nur dort gesagt, wo das rechte Vertrauen fehlt und wo zu große Strenge herrscht. Die Lügen der Kinder, sagt Rousseau, sind das Werk der Erzieher. Im einwandfreien Vorbild des Erziehers liegt die beste, um nicht zu sagen die einzige Erziehung zur Wahrhaftigkeit.

### Nicht jede Unwahrheit ist eine Lüge

[Auszug aus: Merkblatt Nr. 7 des Zentral-Instituts für Erziehung und Unterricht in Berlin. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 95 -->

<!-- S. 96 -->

### Der Vater log auch...

[Auszug aus: Loth in Gerh. Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ (S. Fischer, Verlag, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Wie der kleine Max das Lügen lernte

Unter meinem Fenster spielen Kinder, mir wohlbekannt; Nachbarskinder, die gut erzogen sind. Gegen Dunkelwerden öffnet sich ein Fenster oben, und es ruft die Stimme der Mutter hinab: „Kommt nun herauf, Kinder, es wird kühl und dunkel!“ — „Mutter, nur noch ein Weilchen laß uns spielen!“ Aber das Fenster hat sich schon geschlossen. Der kleine Max scheint unentschlossen, ob er dem Gebote folgen soll. Er geht ein paar Schritte nach der Haustüre, sieht prüfend hinauf und bleibt wieder stehen, den munter unter den Bäumen springenden Spielgenossen zusehend. Da kommt das Dienstmädchen aus dem Hause. Sie, die kaum gehorchen gelernt hat, kann noch weniger befehlen. „Komm, Max!“ ruft sie. „Wenn du nicht kommst, so kommt dort gleich der Essenkehrer um die Ecke und nimmt dich mit.“ — Statt sofort auf Erfüllung, auf rasche Erfüllung des Gebots zu dringen, geht auch sie ins Haus zurück. Max sieht nach der drohenden Ecke; kein Essenkehrer kommt, keine drohende Gestalt hindert sein Bleiben. Er lächelt, dreht sich um und spielt weiter, denn er sieht mit Staunen, daß man ihm etwas sagt, was nicht wahr ist. Er merkt auch, daß man es getan hat, um einen Wunsch, einen Willen durchzusetzen. Kinder sehen meist wahr und tiefer, obwohl ganz <!-- S. 98 -->instinktiv, in die Verhältnisse, als mancher Erwachsene meint. Auch Max hat heute viel gelernt, nur nichts Gutes. Max weiß nun, wie man lügen muß.

### Das falsche Argument

Die Tante fährt mit dem vierjährigen Fritzchen in der Eisenbahn. Fritzchen turnt auf der Bank auf und ab, klopft ans Fenster, kräht und ist lustig, kurz, macht die Tante „nervös“. Als Zureden und Schelten nicht hilft, sagt sie schließlich: „Die Mutter sieht dir von Dresden aus zu und kränkt sich über dich!“ — „Ach, Tante,“ meinte der Kleine, „so'ne dicken Augen hat ja Mutti gar nicht, daß sie durch den Zug durchgucken kann!“

*A. Rühle*

### Lüge und Ohrfeige

[Auszug aus: Kuhn-Kelly, Lüge und Ohrfeige (Verlag von Beyer & Söhne, Langensalza). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 99 -->

### Je weniger Prügel, desto weniger Lügen

[Auszug aus: Julian Borchardt, Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen? (Verlag Die neue Gesellschaft, Berlin-Fichtenau). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 100 -->

### Erziehung zur Lüge

[Auszug aus: Zeitschrift für Jugenderziehung. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 101 -->

<!-- S. 102 -->

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## Pflege die Phantasie der Kinder

Keine Zeit hat die Phantasie der Kinder je so kräftig erregt und so reich mit Nahrung versorgt als die des Krieges und der Revolution. Welch eine Fülle neuer Tatsachen und Vorstellungen ist da mit einem Male auf das kindliche Geistesleben eingestürmt! Und welcher Ueberschwang der Gefühle ist entfesselt worden! Für das Phantasieleben der Jugend setzte mit dem Kriege eine wahre Hochkonjunktur ein. Es kam die Aera der Soldatenspiele mit Trommelwirbel und bunten Fahnen, der Ueberfälle hinter Büschen und Zäunen, der tobenden Schlachten mit Hurragebrüll und blutigen Köpfen. Und schließlich kamen die Kriegsgeschichten, aufregend genug und voll wildester Romantik, um die Phantasie der Jugend in Wonne darin schwelgen zu lassen. Es wird den Eltern nicht immer möglich sein, die Kinder von Kriegsspielen und Kriegsbegeisterung fernzuhalten, so wünschenswert dies wäre. Dazu ist der Nachahmungstrieb und die Macht der allgemeinen Suggestion zu stark. Aber sie sollen dann eine wichtige Pflicht nicht versäumen: die Phantasie der Kinder nach Möglichkeit zu <!-- S. 105 -->überwachen und zu pflegen. Pflegen heißt in erster Linie zügeln. Das Phantasieleben der Kinder darf nicht dem Kriege gehören. Im Denk- und Gefühlsleben müssen andere Dinge Platz haben und ihre ruhige Verarbeitung finden. Uebertreibungen und Maßlosigkeiten sind zu bekämpfen und in das Feuer der Ekstase ist öfter ein kühler Wasserstrahl nüchterner Ueberlegung zu schicken. Damit hängt das zweite zusammen: die Phantasie pflegen heißt, sie vor Verirrungen bewahren. Nicht die wilde Freude am Zerstören, das wüste Austoben der Kräfte, das Massakrieren der Feinde dürfen dem Spiel das Gepräge geben, sondern die ernste Pflicht der Verteidigung, die Bekundung persönlichen Mutes, der Schutz der Schwachen und Hilflosen. Und keine hohle Ruhmredigkeit, keine Verhöhnung der Feinde, keine Siegeslümmelei! Die Phantasie pflegen heißt schließlich auch, sie adeln und auf hohe Ziele lenken. Die Jugend soll erfahren, daß im Bewußtsein und in der Wertschätzung der Kulturmenschheit der Friede tausendmal höher steht als der Krieg, daß friedliches Aufbauen segensreicher und rühmlicher ist als kriegerisches Zerstören, daß weit über den feindlichen Gegensatz der Nationen die Verbrüde<!-- S. 106 -->rung aller menschlichen Interessen ragt und daß der Kampfesmut und die Begeisterungsfähigkeit der Menschen ein schönes, erhabenes Ziel finden in dem Ringen um Freiheit, Wohlfahrt und Glück der Menschheit.

### Ein Gespräch vom Krieg

Wieder zehntausend Russen gefangen, Mutter!

Steht das in der Zeitung?

Ein Mann mit Extrablättern hat es ausgerufen. Und Walter Braun sagte, sein Vater hätte gemeint, die müßten alle geschlachtet oder erschossen oder ins Wasser geworfen werden.

Das wäre grausam und schrecklich.

Aber die Russen — weißt du, Mutter — sind doch furchtbar schlimme Kerle. Die wohnen wie wilde Tiere in Erdhöhlen und trinken bloß immer Schnaps... und spießen Kinder auf und stechen den Soldaten die Augen aus, und wenn sie verwundet sind und finden einen deutschen Verwundeten, was machen sie da? Sie beißen ihm die Kehle durch...

Hör' auf, Junge! Das sind ungeheuerliche Geschichten, die längst widerrufen sind. An dem Kinderaufspießen und Augenausstechen ist kein wahres Wort. Da wird auch von dem anderen nicht viel bleiben.

Aber es hat in der Zeitung gestanden.

In der Zeitung steht viel, was nicht wahr ist...

Wenn die Russen in den Krieg gezogen sind, so meinen <!-- S. 107 -->sie auch, daß sie für ihr Vaterland kämpfen müssen. Sie tun ihre Pflicht, genau wie unsere Soldaten. Und jeder hat eine Mutter, die um ihren Sohn weint; viele haben eine Frau, die sich daheim sorgt und ängstigt, und Kinder, die auf ihren Vater warten...

Da sind wohl die Russen ebensolche Menschen wie wir?

Ich kenne Russen, die sehr brave, gesittete und liebe Menschen sind. Für sie ist der Krieg genau so ein großes Unglück wie für uns.

Aber, Mutter, warum machen sie denn Krieg?

Da stützte die Mutter den Kopf in die Hände und tat einen tiefen Seufzer.

Warum machen die Menschen Krieg?

### Hundert Hasen...

Vater, hundert Hasen habe ich heute gesehen!

Hast du sie gezählt?

Gezählt gerade nicht, aber es waren sehr viele. Es müssen hundert gewesen sein.

Vielleicht nur neunundneunzig oder achtundneunzig, um einen oder zwei kann man sich verzählen.

Nun ja, vielleicht fehlten ein paar.

Wenn du es nicht genau weißt, waren es wohl gar nur neunzig oder achtzig...

O nein... ich weiß nicht recht... vielleicht doch... aber achtzig scheint mir zu wenig.

Ich möchte wetten, daß es höchstens siebzig waren.

Wo denkst du hin, Vater, siebzig zum mindesten!

So feilscht und rechnet der Vater, halb scherzhaft und halb <!-- S. 108 -->mit listigem Ernst, im munteren Gespräch hin und her. Dabei handelt er dem Söhnchen einen Hasen nach dem andern ab. Zu guter Letzt bleibt nur noch ein Hase übrig. Da macht der Vater ein sehr ernsthaftes Gesicht.

Also einen Hasen hast du gesehen? Sagst du mir die Wahrheit?

Da wird das Bürschlein ganz kleinmütig und verzagt. Es sieht verlegen zur Seite und stammelt:

Vater — aber soviel ist gewiß — geraschelt hat's im Busch!...

### Kinderspiel

[Auszug aus: B. Goltz, Das Buch der Kindheit. — Hier nicht wiedergegeben.]

### Günther

[Auszug aus: Clara Stern, Psychologie der frühen Kindheit (Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 109 -->

<!-- S. 110 -->

## Laß den Herrgott aus dem Spiel

In der Erziehung ist die Persönlichkeit alles. Je stärker, selbständiger und freier sie ist, desto intensiver und nachhaltiger vermag sie auf das Kind zu wirken. Eine oft ungeahnte und unerklärliche Kraft der Suggestion geht von starken Persönlichkeiten aus. Hier liegen die Geheimnisse einer manchmal Wunder wirkenden Erziehung. Diese wertvollen Quellen des Erfolges geraten aber in Gefahr, wenn über die Autorität des Erziehers noch eine höhere gesetzt wird, die zudem ewig unsichtbar und problematisch bleibt. Das Kind, das alles sinnlich erfassen will, ist außerstande, sich unter dem Herrgott, der angeblich sein Tun und Lassen bewacht und die höchste Instanz seines Daseins ist, eine andere als grobsinnliche und banale, vielleicht gar groteske und lästerliche Figur vorzustellen. Und wie bald wird es aufgeklärt, so daß es den Hinweisen auf Gott mit ungläubigem Lächeln begegnet. Wie stehst du dann da? Das sind peinliche und häßliche Konsequenzen, bei denen der Erzieher viel verliert und das Kind nichts gewinnt. Darum laß den Herrgott aus dem Spiel. Mache aus ihm weder <!-- S. 111 --> eine Kinderwärterin, die jeden Schritt deines Lieblings bewacht, noch einen Popanz, vor dem er sich fürchtet und versteckt. Auch auf die dumpfe und abgeschmackte Mystik der Kindergebete sollst du verzichten. Laß dafür lieber deine menschlichen Kräfte und Gaben im Umgange mit dem Kinde um so froher und freier wirken, bilde deine Persönlichkeit aus und laß sie dem Kinde fördernd und wohltuend zur Geltung kommen.

### Die religiöse Lüge

[Auszug aus: Leo Tolstoi, „Und das Licht scheint in der Finsternis.“ (Verlag Eugen Diederichs, Jena). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 112 -->

### Ein Sonntagsgespräch über Gott

An einem Sonntagvormittag gehen wir hinaus ins Freie, mein Töchterchen und ich. Die Sonne verklärt strahlend die ganze Landschaft. Wir atmen den jungen Tag ein, und je weiter wir aus der Enge der Stadt hinauskommen, desto weiter und freier wird es auch in uns. Wir sind so tief ins Schauen versunken, daß keiner das Schweigen brechen mag.

„Vater,“ meldet sich da leise das Herz der Kleinen, „was ist eigentlich Gott?“

<!-- S. 113 -->

Ich wußte, daß diese Frage eines Tages kommen würde. Und wenn ich darüber nachgedacht, hatte ich mir wohl auch eine gute Antwort darauf zurechtgelegt. Nun aber, als dieser göttliche Morgen die Frage in dem kleinen suchenden Herzen auslöste, überraschte sie mich.

„Was Gott ist – liebes Kind – ist eine schwere Frage. Vielleicht die schwerste überhaupt. Solange es Menschen gibt, hat man sie gestellt. Viele Antworten sind darauf gegeben worden. Und doch sind die meisten Menschen damit nicht zufrieden und einverstanden.“

„Aber wir reden doch in der Schule immer von Gott.“

„Gewiß – man sagt, Gott habe die Welt geschaffen, auch uns und alles, was lebt und ist. Er erhalte uns und sei ein allmächtiges, allwissendes, allgütiges Wesen. Manche stellen sich ihn vor als eine Person, die über den Wolken und Sternen im Himmel lebt. Andere halten ihn für eine Kraft, einen Geist. Wieder andere sagen, daß man sich einen Gott nur einbilde, während es in Wirklichkeit keinen gäbe.“

„Gibt es denn einen Himmel, Vater?“

„Das Blaue, was du siehst, ist nichts als Luft. Darüber hinaus ist noch keiner gekommen. Einen Himmel mit Gott und Engeln hat noch niemand entdeckt. Also denke ich mir, daß es auch keinen gibt.“

„Und was denkst du von Gott, Vater?“

„Daß Gott ein Mann sein soll, der die ganze Welt regiert, kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn er eine Kraft ist, brauche ich sie nicht Gott zu nennen. Ich glaube, daß die Menschen, wenn sie von Gott reden, die innere Stimme meinen, die manchmal in uns spricht...“

<!-- S. 114 -->

„Welche innere Stimme denn?“

„Nun, oft sagen wir ganz leise zu uns selbst: ich will ein guter und braver Mensch werden, will fleißig und wahrhaftig sein, will den Armen und Schwachen helfen – siehst du, diese innere Stimme nennen die Menschen Gott, so denke ich mir.“

„Aber, Vater – dann brauchen wir doch nicht zu sagen: Gott will, daß wir gut sein sollen; lieber sage ich dann: ich selber will ein guter Mensch sein.“

„Da hast du recht, liebes Kind!... Ich selber will... wir wollen... auf uns kommt es an! Das ist das ganze Geheimnis. Gott wohnt in des Menschen Brust selbst. Unser aufrichtiger und starker Wille zum Guten – das ist Gott!“

Zwei Kinderaugen sehen mich dankbar und verständnisvoll an, ein kleines Herz schlägt leichter und befreiter.

Und wir wandern durch die Morgensonne – zwei Gottesleugner mit einem schönen und lebendigen Gott im Herzen...

### Der Herrgott in der Kinderperspektive

[Auszug aus: Meta Schoepp, Mein Junge und ich. (Concordia, Deutsche Verlagsanstalt, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 115 -->

<!-- S. 116 -->

### Beten, beten und wieder beten

[Auszug aus: H. Dickreiter, Vom Waisenhaus bis zur Fabrik. Geschichte einer Proletarierjugend. (Vorwärts-Verlag, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 117 -->

### Knabe und Mutter

[Auszug aus: Leo Tolstoi, „Kinderweisheit“. (Verlag Diederichs, Jena). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 118 -->

<!-- S. 119 -->

## Mache Kinder nicht zu fürchten

Dein kleiner Schreihals quält dich und du weißt dir nicht zu helfen. Da fällt dir ein Mittel ein: „Sei still! Sonst wird der Popanz kommen und dich holen!“ Ein Schreck huscht über das Gesicht des Kindes und eine Furcht befällt es. Vielleicht ist es augenblicklich ruhig, und du bist befriedigt. Aber wie teuer hast du den Erfolg erkauft! Furcht ist eine der schrecklichsten Martern, die es für kindliche Nerven gibt. Kinder in Furcht versetzen, heißt, sie einer Hölle überliefern. Der Erfolg kann die Grausamkeit des Mittels nie rechtfertigen oder auch nur entschuldigen. Ueberhaupt der Erfolg! Wenn nun das Kind trotz deiner Drohung weiterschreit und der Popanz nicht kommt? Deine Wahrheitsliebe, dein erzieherischer Ernst, deine Autorität – wie sehen sie in den Augen des Kindes aus? Auch mit abergläubischen Prophezeiungen und Gespenstergeschichten befasse dich nicht! Das empfindsame Kind wird damit unnütz beunruhigt und gequält, das robuste Kind kommt bald hinter die Geheimnisse – zu deinem Schaden. Aufregende Märchen vermeide nach Möglichkeit. Wenn du aber schon nicht mehr <!-- S. 120 --> mit Hexe oder Popanz drohst, so ersetze sie auch nicht durch den Schutzmann. Da stiefelt dein Wichtlein über den Weg; du befürchtest Gefahr: „Schnell, geh zurück! Der Schutzmann kommt!“ Und der Kleine springt entsetzt zur Seite unter deinen mütterlichen Schutz. Wie töricht für eine Proletariermutter, mit dem Schutzmann zu drohen! Ein Organ, zu unserem Schutze bestellt, für unseren Dienst bestimmt, von unserem Gelde bezahlt – können wir ein Interesse daran haben, es in den Augen unserer Kinder als eine höhere und stärkere Gewalt, als eine Herrschaft über uns erscheinen zu lassen, die uns mit Ehrfurcht, Angst und Schrecken erfüllen muß und vor der wir uns in Gehorsam und Ohnmacht zu beugen haben? Sage deinem Kinde: vor dem Schutzmann brauchst du dich nicht zu fürchten! Wer das Rechte tut, braucht überhaupt keine Furcht zu haben. Und wenn schon einmal Furcht sich meldet, dann nimm alle Kraft zusammen, um sie zu besiegen!

### Furcht im Kinderherzen

[Auszug aus: E. Wulffen, Das Kind. (Verlag von P. Langenscheidt, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 121 -->

### Probates Mittel, Kinder furchtsam zu machen

[Auszug aus: P. Rosegger, Das Buch von den Kleinen. (Verlag von A. Staackmann, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 122 -->

### Das zweite Wort

[Auszug aus: H. Dickreiter, Vom Waisenhaus bis zur Fabrik. Geschichte einer Proletarierjugend (Vorwärts-Verlag, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 123 -->

### Wille statt Angst

[Auszug aus: Fr. W. Foerster, Jugendlehre. (Verlag von W. Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 124 -->

### Von der mystischen Furcht

[Auszug aus: Wladimir Korolenko, Die Geschichte meines Zeitgenossen. (Verlag P. Cassirer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 125 -->

<!-- S. 126 -->

### Aus Goethes Kindheit

[Auszug aus: J. W. v. Goethe, Dichtung und Wahrheit. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 127 -->

## Laß das Kind Erfahrungen sammeln

Durch Beobachtungen und Erfahrungen gewinnt das Kind das Baumaterial, aus dem es seine geistige Welt aufbaut. Was die Sinne erfassen und aufnehmen, die Hände greifen, das Gehirn verarbeitet und das Gedächtnis aufspeichert, formt und rundet sich zu einem Weltbilde, klärt und läutert sich mit der Zeit zu einer Weltanschauung. Je größer der Erfahrungskreis ist, in dem sich das Kind bewegt, und je lebhafter es seine Sinne gebraucht und seine Kräfte übt, um zu den Dingen und Erscheinungen der Welt in ein Verhältnis zu kommen, desto reicher strömt ihm das Material an Vorstellungen und Empfindungen zu. Desto kräftiger und vielseitiger wird sein Verstand entwickelt, desto empfänglicher und tiefer wird sein Gefühlsleben gestaltet, desto wirksamere und nachhaltigere Einflüsse machen sich auf seinen Willen geltend. Alle Seiten seines inneren Menschen ziehen Gewinn aus dem Reichtume seiner Erfahrungen. Wir wollen, daß unser Kind geistig und seelisch wachse, seinen Willen bilde und stärke, zu einem harmonischen Innenleben gelange – also: geben wir ihm Gele<!-- S. 128 -->genheit, zu beobachten, zu erleben, mit vollen Händen Erfahrungen einzuheimsen und aufzuspeichern. Behüten wir es nicht vor jedem Fehltritt und jedem Stoß, halten wir nicht immerfort unsere Hände über sein Tun und Lassen gebreitet, damit ja kein rauher Luftzug es schüttele, keine trübe Erfahrung ihm Schmerz bereite. Das Leben ist aus Freud und Leid gemischt, beides muß der Mensch kennengelernt haben, damit er es verstehen, ertragen und bewerten lerne. Und mit beiden muß der Mensch fertigzuwerden gelernt haben, aus eigenen Kräften, mit eigenen Mitteln. Dann wird ein ganzer Mensch aus ihm werden, ein Mensch, „der in die Welt paßt“.

### Alles selber kennen lernen!

„Du sollst das Messer nicht nehmen!“ verbot der Vater ärgerlich über den Tisch hinweg dem Söhnchen. „Wie leicht kannst du dich in den Finger schneiden!“

Aber kaum hatte er den Rücken gewendet, griff Fritzchen Schnippelgern wieder zum Messer.

Da – au weh! – fuhr es in die Hand. Und das Blut schoß rieselnd hervor. Fritzchen begann zu schreien. Wozu die Aufregung? Die Schelte? Die Ermahnungen? Die Wunde kriegt ihren Verband und der Junge hat seine Erfahrung.

<!-- S. 129 -->

Was sind die Worte des Vaters gegen dieses Erlebnis! Redensarten gegen Tatsachen! Ich meine, daß Fritzchen dabei gewaltig profitiert hat.

Eine Unart – vielleicht; aber sicher eine Quelle der Bereicherung.

Alles probieren, auch wenn's dabei in den Finger geht!

\*

„Geh fort vom Ofen, sonst verbrennst du dich!“ befiehlt die Mutter.

Verbrennen? denkt Kurtchen Folgenicht, wie mag das sein? Ob das sehr weh tut? Oder nur ein bißchen? Etwa wie Zahnschmerz? Daß die Tränen kommen? Oder ob man das aushalten kann? – Probieren wir's, wenn die Mutter aus der Küche hinaus ist.

Das Ofentürchen wird geöffnet... da knackt ein Scheit... und auf die Hand springt ein glühender Funke.

Kurtchen fühlt einen Stich, der bis ans Herz geht. Au – Backe! schreit er und schlägt wie wild um sich.

Laß ihn heulen, Mutter! Ein Tröpfchen Oel macht alles wieder gut.

Der eine Feuerfunke hat ihm mehr gegeben, als alle deine wohlgemeinten Belehrungen zusammengenommen!

\*

„Vorsicht auf der Treppe!“ ermahnt die Großmama. „Du wirst fallen, und dann gibt es ein schlimmes Weh-Weh.“

Aber Hänschen Guckindieluft hört die guten Ratschläge gar nicht.

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Holderdiepolter stürmt er die Treppe hinab. Wie rasch das geht! Bautz, liegt er auf der Nase.

Nasenbluten. Beule am Kopf. Großes Geheul. Großmama eilt herbei.

Hänschen hat seine Erfahrung teuer erkauft.

Aber er hat seine Erfahrung.

Kein Mensch könnte sie ihm geben. Kein König, kein Kaiser. Er selbst mußte sie erwerben, er selbst durch sein Tun, sein Erlebnis.

Und wie arm wäre er, wenn er sie nicht hätte.

### Alles selber tun lassen!

[Auszug aus: Jul. Borchardt, Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen? (Verlag Die neue Gesellschaft, Berlin-Fichtenau). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 131 -->

### Das kletternde Fritzchen

„Fritzchen, laß das Klettern sein!“

Wie oft hatten Vater und Mutter diese wohlgemeinte Ermahnung an ihren Liebling gerichtet.

Vergebens, der kleine Wildfang wußte es besser. Kein Stuhl, kein Tisch, keine Bank waren ihm hoch genug. Auch kein Schelten half. Fritzchen kletterte...

Eines Tages aber fiel er. Ein kleiner Fehltritt seines Fußes – und pardauz, da lag er schreiend, blutend, außer sich vor Schreck und Bestürzung.

Die Mutter eilte herbei. Am liebsten hätte sie ihn noch gezüchtigt, schon hatte sie die Hand zum Schlage erhoben. Als sie aber in die Augen ihres Kindes sah, hielt sie ein...

Die Liebe war hier eine gute Beraterin. Das Kind hatte ganz recht daran getan, zu klettern, seine Kräfte zu üben und allerhand Entdeckungsreisen zu machen. Wie sollte es sonst die Welt und die Natur und das Leben kennen und verstehen lernen? Erfahrungen und Erlebnisse verhelfen zu dem Rüstzeuge, das die spätere Entwicklung vom Menschen verlangt...

Die paar Beulen und blauen Flecke waren bald verschmerzt. Fritzchen wurde vorsichtiger bei seinem Klettersport, denn er war um einige Erfahrungen reicher geworden.

<!-- S. 132 -->

## Gib dem Kinde Beschäftigung

Keiner hat die Natur des Kindes besser erkannt als Fröbel, darum ist kein Erziehungsgrundsatz treffender und glücklicher als der, den er den Eltern und Erziehern gab: Das Kind muß von Anfang an als ein schöpferisches Wesen behandelt werden! Der lebhafte Stoffwechsel, der dem kindlichen Organismus eigen ist, bedingt ein außerordentlich reges Bedürfnis nach Bewegung und Beschäftigung. Ein gesundes Kind kann nicht still, nicht untätig sein. Das kleine Mäulchen muß plappern und fragen, die Augen machen Entdeckungsreisen, die Hände greifen, spielen, formen, schaffen, die Füße trippeln immerzu, – selbst unter dem Tische baumeln die ewig unruhigen Beinchen noch. In diesem frohen Tun und freien Bewegen fühlt sich das Kind am wohlsten und glücklichsten: „Was heiter und selig macht und erhält, ist bloß Tätigkeit.“ Mag uns diese Tätigkeit als Spiel und Tändelei erscheinen, dem Kinde ist sie ernst und wichtig – sieh, wie seine Wangen glühen, seine Augen leuchten; beobachte, wie sein Geist arbeitet: fürwahr, das Kind ist ein schöpferisches Wesen! Was könnte wohl näher liegen als der Gedan<!-- S. 133 -->ke, daß dieser starke schöpferische Trieb in den Mittelpunkt des ganzen Erziehungswerkes gestellt werden muß. Hast du nicht ein weinerliches, übellauniges und unfolgsames Kind, wenn es sich langweilt, wenn es stillsitzen und „artig sein“ soll? Dagegen, wenn es eifrig und angeregt beschäftigt ist, siehst und hörst du von ihm nichts. Du hast über Unarten und lose Streiche zu klagen, die dein Kind verübt – hast du auch dafür gesorgt, daß der Tätigkeitsdrang in richtige Bahnen gelenkt und durch unterhaltsame Beschäftigung befriedigt wurde? Richte im Hof oder Garten einen Sandhaufen her; zeige den Kindern, wie man aus Lehm oder Knetmasse allerhand lustige Dinge formen kann; laß vom Weidenzweig ein Pfeifchen klopfen oder hilf den Knaben, aus Baumrinde ein Schifflein zu schnitzen – du wirst erstaunt sein, welch artige und heitere und anstellige Kinder du hast. Ein festeres und schöneres Band gegenseitiger Wertschätzung und Liebe wird beide Teile umschlingen, und wie durch die Jahrtausende am Menschengeschlecht, wird auch am Wachsen und Werden des Einzelnen die Arbeit ihre beglückenden und erhebenden Segenskräfte offenbaren.

<!-- S. 134 -->

### Wann sind Kinder am glücklichsten?

[Auszug aus: Robert Seidel, Die Handarbeit usw. (Verlag von Orell Füßli, Zürich). — Hier nicht wiedergegeben.]

### Eine Mutter von einiger Vernunft

[Auszug aus: H. Spencer, Die Erziehung. (Alfred Kröner, Verlag, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 135 -->

<!-- S. 136 -->

### Unvergeßliche Seligkeit

[Auszug aus: Carl Spitteler, Meine frühesten Erlebnisse. (Süddeutsche Monatshefte, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 137 -->

### Das natürliche Milieu der Proletarierkinder

[Auszug aus: P. Blonski, Die Arbeits-Schule. (Verlag Die neue Gesellschaft, Berlin-Fichtenau). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 138 -->

## Sorge für Spielgelegenheit

Das Kind will spielen, denn das ist sein Lebenselement. Reinstes und tiefstes Kinderglück offenbart sich im Kinderspiel. Der Erzieher, der einen Zugang zum Innern des Kindes sucht, wird am besten das Kind da zu nehmen haben, wo sich dessen Inneres am willigsten und freudigsten erschließt. Er will die Seele studieren, die Individualität erforschen – wohlan, er sorge für Spielgelegenheit und bald wird er die kleinen Menschen in all ihrer Eigenart und Wesensursprünglichkeit beobachten können. Man muß den Menschen bei seiner Arbeit sehen, sagt eine alte Erfahrung; Spiel ist dem Kinde Arbeit. Der Erzieher will die Selbständigkeit des Kindes entwickeln, den Tätigkeitstrieb auslösen, den Schaffensdrang pflegen – wohlan, er sorge für Spielgelegenheit, denn es gibt kein Mittel, das freischaffende Gestalten kräftiger anzuregen, den schöpferischen Drang im Menschen stärker und erfolgreicher in die Tat umzusetzen als dieses. Das Kind muß von Anfang an als schöpferisches Wesen betrachtet werden, sagte Fröbel und lehrte das Kinderspiel. Der Erzieher will die Phantasie <!-- S. 139 --> des Kindes bilden, die Empfänglichkeit für Schönes wecken, den Kunstsinn schulen – wohlan, er sorge für Spielgelegenheit, da ist für Auge und Hand Uebung in endloser Menge, ist tausendfache Gelegenheit zum Kombinieren, Entwerfen, Erfinden, da ist auch die Genugtuung nach vollbrachter Leistung, die tiefe Beglückung des Gelingens. Der Erzieher will dem Kinde zu sozialen Gefühlen verhelfen, den Gemeinschaftsgedanken einpflanzen, die Solidarität der menschlichen Interessen lebendig machen – wohlan, er sorge für Spielgelegenheit, damit Geselligkeit und Kameradschaft, Freiheitsgenuß und Disziplin, Selbstbestimmung und Unterordnung frühzeitig ihr erzieherisches Werk am Kinde beginnen und durchführen können. Ein Erzieher, der das Spiel mißachtet oder verschmäht, beraubt sich der besten Hilfe und des vortrefflichsten Mittels seiner Absichten und seines Zweckes. Ein Erzieher aber, der das Spiel pflegt, für Spielgelegenheiten sorgt und selbst gern und eifrig mitspielt, wird nicht nur alle Herzen der Kinder gewinnen, er wird auch dadurch in die glückliche Lage versetzt werden, der beste, tüchtigste, erfolgreichste Erzieher zu sein.

<!-- S. 140 -->

### Kinderspiel

[Auszug aus: E. Hörnle (Die Neue Welt). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 141 -->

<!-- S. 142 -->

### Freude am Erfinden

[Auszug aus: H. Scharrelmann, Fröhliche Kinder. (Verlag von A. Janssen, Hamburg). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 143 -->

### Das „einzige“ Kind, das nicht spielen kann

Eine Mutter kommt und beklagt sich über ihren Buben. „Er hat Spielzeug über Spielzeug... Bälle, Baukästen, Pferdestall und Eisenbahnzug, Ausschneidebogen, Schubkarre, Kaufmannsladen... fast ein ganzes Zimmer voll... er hat auch einen Sandhaufen... aber er spielt nicht.“

„Geht er überhaupt nicht an das Spielzeug heran?“

„Doch! Für den ersten Augenblick ist er ganz begeistert. Spielt auch einige Zeit ganz nett. Dann legt er die Sachen weg, wirft alles durcheinander, zerbricht wohl gar mutwillig dies und das und läuft fort.“

„Und was weiter?“

„Gewöhnlich hängt er mir dann an der Schürze und ist launenhaft. Er sagt, er langweilt sich. Manchmal sitzt er mitten zwischen seinem Spielzeug und sagt: Das ist aber langweilig! Ist das nicht sonderbar?“

„Durchaus nicht. Hat er denn keinen Spielkameraden?“

„Er ist unser einziges Kind. Wir haben es sehr lieb und <!-- S. 144 --> möchten nicht, daß es mit all und jedem Kinde verkehrt. Es ist aber zu schwer, einen passenden Gespielen zu finden. Die Kinder untereinander lernen gar zu viele Unarten.“

„Das letzte mag richtig sein. Aber sie lernen auch viel Nützliches. Vor allem lernen sie spielen. Kinder untereinander regen sich lebhaft an, tauschen ihre Erfahrungen und Erfindungen aus, befruchten sich gegenseitig im Spiel, haben jedenfalls nie Langeweile. Und wenn sie nichts anderes zu tun wissen, so zanken und prügeln sie sich. Das ist das Unglück der „einzigen“ Kinder, daß sie, weil sie keine Geschwister haben, auch meist keine Spielkameraden haben und nicht spielen können. Sie werden von Langerweile geplagt und verfallen der Blasiertheit, der ewige Umgang mit Erwachsenen macht sie erst recht frühreif, altklug und blasiert; so hören sie vor der Zeit auf, Kinder zu sein, und sind eigentlich nie rechte Kinder gewesen. Weil sie aber nie richtige Kinder waren, werden sie auch nie rechte Eltern werden.“

„Was ist da zu tun?“

„Spielkameraden schaffen – im Kindergarten, auf der Straße oder wo sonst. Allmählich an den Umgang mit seinesgleichen gewöhnen. Spielplätze und Spielwiesen aufsuchen, in Trupps baden und wandern. Der Einzelmensch muß aus seiner langweiligen Vereinsamung herausgenommen und zum Herdenmenschen gemacht werden. Hat er erst Anschluß gefunden und Verbindungen angeknüpft, wird auch ihm das Spiel seine Reize enthüllen und seine erziehlichen Wirkungen äußern.“

<!-- S. 145 -->

## Beschaffe einen Sandhaufen

Die Rodelbahn war kaum abgetaut, hinter Busch und Zaun schmolzen noch die letzten Schneewehen dahin – da gab sich am ersten sonnenhellen Frühlingstage die Jugend des ganzen Nestes auf dem großen Sandhaufen ihr erstes Stelldichein. Trippelnde und stolpernde Dreikäsehochs, die noch sorgsam am Händchen geführt werden mußten, und lange Schlagetots, denen schon fast der Schnauzbart unter der Nase wuchs, Buben und Mädel: alle ausgerüstet mit Schippen und Schaufeln, Eimern und Schubkarren, um das Graben, Wühlen und Bauen im Sande wieder zu beginnen. Ein buntes Gewimmel und ein vielgeschäftiges Durcheinander, das sich nun alltäglich wiederholt. Da werden Schützengräben ausgeworfen, dort entsteht ein Backofen, vor dem ein kleiner Kuchenbäcker hockt, ein wenig abseits erhebt sich ein hoher Festungsbau aus der Erde. Andere legen Gärten an, bauen Pyramiden, richten Kaufläden ein oder graben so tief, „bis Wasser kommt“. Bald in friedlichem Zusammenwirken, bald gegeneinander kämpfend. Aber immer rastlos, unermüdlich, <!-- S. 146 --> voll unbegrenzter Hingabe. Da kann man studieren, was für ein trefflicher Erzieher solch ein Sandhaufen ist. Nicht bloß, daß beim Spielen in frischer Luft die Gesundheit gestärkt, Lungen-, Herz- und Muskelkraft entwickelt wird, das Kind erfährt durch das Sandspielen auch eine gewaltige Förderung seiner Sinne, besonders des Tastsinns, gelangt zu frischen, unmittelbaren Anschauungen vom Körperlichen, übt Schaffenskraft und Schaffenswillen, entwickelt die Phantasie, macht sich mit dem Praktischen vertraut und führt dem Geiste mühelos eine große Anzahl physikalischer und mathematischer Grundsätze und Tatsachen zu. Ein Reichtum von Gestalten und Formen tut sich auf dem Sandhaufen auf, eine Fülle von Erscheinungen, Wahrheiten und Notwendigkeiten tritt der Vorstellungswelt entgegen. Und wahre Ströme von Glück werden in der Kinderseele lebendig. Ihr könnt euren Kleinen nichts Lieberes tun, als ihnen, wenn die Sonne wieder ins Freie lockt, einen Sandhaufen zu beschaffen. Er ist hundertmal mehr wert als alle Weihnachts- und Geburtstags-Spielzeuge zusammengenommen!

<!-- S. 147 -->

### Sand

[Auszüge aus: Jean Paul, „Levana“, und Otto Ernst, „Appelschnut“. — Hier nicht wiedergegeben.]

### Sand, der größte Pädagoge

[Auszug aus: Hans Dragehjelm, Das Spielen der Kinder im Sande. (Kom.-Verl. bei K. F. Koehler, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 148 -->

<!-- S. 149 -->

<!-- S. 150 -->

### Glückliche Jugend

Zwei Mädchen sitzen am Sandhaufen und bauen – bauen unermüdlich, seit Stunden schon...

Suse hat einen Garten angelegt, der sich grün und bunt am bergigen Gelände hinanzieht; hundert Stufen führen zwischen Hecken und Beeten zur Höhe empor, wo ein Fähnchen im Winde flattert. Man erntet Obst und pflückt Erdbeeren, auch Blumen gedeihen in sommerlicher Pracht.

Auf der andern Seite übt sich Gustel als Zuckerbäckerin; mit rotglühendem Gesicht hantiert sie vor dem geräumigen Backofen. Reihe an Reihe stehen die herrlichsten Torten und Kuchen. Bitte, kaufen! meine Herrschaften! Wo fänden Sie schönere und süßere Sachen?!

Da tritt ein alter Mann vom Wege an den Gartenzaun und schaut den spielenden Kindern zu. Das Bild ist so lieblich, daß sich seine Augen nicht wieder von ihm trennen wollen.

Dann, indem er sich langsam zum Gehen wendet, ruft <!-- S. 151 --> er – wie zur Entschuldigung – der Frau zu, die ihn beobachtet: „Als Kind habe ich auch einmal einen Sandhaufen in meines Vaters Garten gehabt; an das Glück, das ich da erlebte, muß ich immer denken, so oft ich Kinder am Sandhaufen sehe.“

Und der goldene Glanz einer glückseligen Jugenderinnerung huschte über das verwitterte Gesicht des Alten, sein weißer Bart schimmerte wie im Frühlingslichte...

### Wie soll der Sandhaufen beschaffen sein?

Eine einzige Karre Bausand oder Gartenkies ist für die Kinder schon eine Quelle unbeschreiblichen Vergnügens. Sofort geht das Löffeln, Graben und Bauen los. Aber es ist nicht gut, daß sich der Sand mit Erde, Schmutz und Kehricht vermischt. Deshalb soll der Sandhaufen möglichst eine feste Unterlage und einen Holzrahmen haben. Die Unterlage ist am zweckmäßigsten, wenn sie den Ablauf des Regenwassers gestattet, also nach außen etwas geneigt ist. Zwischen Unterlage und Rahmen bleibt dann eine fingerbreite Spalte, durch die alle Feuchtigkeit hindurchsickern kann. Ueber dem Rahmen sind in Höhe von fünfzig bis sechzig Zentimeter Spieltische anzubringen, die am besten um den ganzen Sandhaufen herumgehen, doch müssen gelegentliche Unterbrechungen den Zugang zum Sandhaufen gestatten. Denn der schönste und begehrteste Platz ist doch mitten im Sande selbst.

<!-- S. 152 -->

## Erziehe zu Selbständigkeit und Selbstvertrauen

Unsere Kinder sollen freie, aufrechte, selbständige Menschen werden. Das wünschen und wollen wir von ihnen. Was aber wünschen sie von uns? Daß wir sie zu Selbständigkeit, Selbstverantwortung und Selbstvertrauen erziehen. Nur solche Menschen, die frühzeitig ihren Willen zu gebrauchen, zu erproben, zu meistern gelernt haben, werden imstande sein, ihren Willen zu beherrschen. Nur solche Menschen, die frei über ihren Willen verfügen, können sich der Größe der Verantwortung bewußt werden, die sie mit ihrer Willensbetätigung auf sich nehmen. Und nur solche Menschen, die Wille, Tat und Verantwortung in sichere Uebereinstimmung zu bringen sich gewöhnt haben, werden zu großem und untrüglichem Selbstvertrauen gelangen. Hier liegen die Vorbedingungen für die mutige Hingabe an ein hohes Ziel, für treues Ausharren in schweren und opferreichen Kämpfen, für die sittliche Kraft einer festen Siegeszuversicht. Darum begeht der einen schweren Fehler an seinen Kindern wie an seiner Klasse, der die Kinder zu dauern<!-- S. 153 -->der Abhängigkeit und Unfreiheit zwingt, ihren Willen einengt und ihre selbständige Entschließung lähmt. Vater, darf ich... Mutter, erlaubst du... das ist verboten... das ist gestattet – mit diesen Drahtspalieren und Stachelhalsbändern dressiert und kujoniert man, aber erzieht man nicht. In großen Fragen erwäge mit dem Kinde das Für und Wider, suche seine Einsicht und Ueberzeugung zu gewinnen, verschließe dich aber nicht grundsätzlich seinen Argumenten; die letzte Entscheidung liegt bei dir, und da darfst du auch, wenn es nottut, einmal ein Machtwort sprechen. In kleinen Dingen aber laß dem Kinde völlig freie Hand. Es wird in dieser Selbständigkeit wachsen und eine freie, tapfere, eigene Persönlichkeit werden.

Und noch ein Wichtiges: bedenke, daß die Familie für das Kind die Welt ist, und daß es unbewußt seine Eindrücke vom Tun und Lassen der Menschen im Elternhause, von der Art, wie die Eltern miteinander und mit den Kindern verkehrten, auf alles überträgt, was ihm späterhin begegnet. Das Kind trägt das Bild dieser kleinen Welt dann in die große Welt hinaus, und alles, was es im Leben an Mißerfolgen und Enttäuschungen erlebt, ist größtenteils <!-- S. 154 --> darauf zurückzuführen, daß es mit den Maßstäben der Kinderstube dem Leben entgegentritt. Sei also stets darauf bedacht, dem Kinde Mut einzuflößen, ihm die Ueberzeugung beizubringen, daß es imstande ist, im Leben etwas Rechtes zu leisten, und bewahre es vor der Angst. Die Angst vor dem schwarzen Mann, vor Prügeln, vor Strafen wandelt sich im Kinde unbewußt in Angst vor dem Leben überhaupt; die ganze Welt erscheint ihm späterhin als eine Stube, in der man kummervoll und in Furcht vor Schelte über einer zu schweren Rechenaufgabe sitzt, und alle Menschen, denen es begegnet, sind ihm Wiederholungen des zürnenden Vaters, der mit dem Lineal in der Hand auf jeden Fehler paßt, der mäkelnden Mutter, der man es nie recht machen konnte. Laß im Kinde nicht das Gefühl aufkommen, daß es sich dauernd vor etwas in acht zu nehmen, gegen jemanden zu wehren habe. Präge ihm, mit Takt und unmerklich, die Meinung ein, daß es gar nicht so schwer sei, mit den Menschen gut auszukommen, auch wenn sie stärker, größer, mächtiger sind, und daß das ganze Leben eine Aufgabe sei, mit der man ganz gut fertig werden kann – wenn man sie sich nur zutraut!

<!-- S. 155 -->

### Das verstehst du nicht!

Das verstehst du nicht! Wie unzählige Male sagte es die Mutter, der Vater, der ältere Bruder oder wer sonst. O, wie viele geheimnisvolle Dinge gibt es doch! denkt das Kind. Und zu all dem bin ich zu dumm. Alles verstehe ich nicht. Nun – dann will ich eben dumm sein! – Und draußen im Leben dann blieb der kleine Junge immer das Kind, das nichts versteht. Die Welt schien ihm so voller Rätsel, an deren Lösung er sich gar nicht erst heranwagte – er wich lieber aus. Und kam nie dazu, sich einer Sache, einem Menschen ganz zu nähern und hinzugeben. Ich versteh's ja doch nicht, dachte er ängstlich, und mußte er dann doch einmal heran und zupacken – da mißglückte es sicher, denn immer glaubte er mit übermächtigen Riesen zu kämpfen, und sah nicht, daß es – nur Windmühlen waren.

*A. Rühle*

### Du bist noch zu klein!

Alle Kinder wollen schnell „erwachsen“ sein. Und wenn sie dann erwachsen sind, möchten sie am liebsten wieder Kinder werden. Wie glücklich, sorglos und froh hätten wir unsere Kinderjahre verleben können, wenn wir dieses ewige „du bist noch zu klein“ nicht als eine Tür empfunden hätten, die uns von allen Herrlichkeiten der Welt abschloß. Jetzt – sehen wir, daß die Herrlichkeiten nicht so weit her sind. Aber damals haben wir gedacht: ich bin zu klein? nun, ich werde schon groß werden, nicht nur so wie der Vater, der Lehrer, der Onkel – nein, viel, viel größer, der Größte von allen, ein Mensch, von dem alle mit Bewun<!-- S. 156 -->derung reden werden, der große Taten vollbringen wird. So träumten wir uns aus Widerspruch in eine Heldenrolle hinein, und glaubten sie im Leben dann spielen zu müssen. Aber das Leben will keine Helden, sondern gute Ensemblespieler. Und so war jedes Ereignis, das uns unsern Heldennimbus nahm, eine schwere Kränkung, und wir wollten immer neu auftrumpfen, immer neu unsere Größe erweisen.

Ja, woher kommt das alles? Können denn die Eltern und Erwachsenen das Kind nicht fühlen lassen, daß klein sein nicht dasselbe ist wie geringer, schlechter, weniger wert sein? Ist denn das Kind minderwertig, weil es klein ist? Löst es nicht seine Lebensaufgabe mit seinen kleinen Kräften genau so gut wie wir mit unsern großen? Hat es nicht noch als Ueberfluß die unverbrauchten Sinne, die unenttäuschte Sorglosigkeit, die frische Anteilnahme an allem, was um es herum vorgeht? Aber offenbar war dies häufige „du bist noch zu klein“ mit einem Ton gesagt, den das Kind als Geringschätzung empfand und auf den es innerlich mit einem „nun erst recht“ antwortete, mit einem Trotz erst, mit einer Eroberungsgier und einem Machthunger dann, die ihm das Leben als eine Bühne erscheinen ließen, auf der man eine Heldenrolle spielen muß.

*A. Rühle*

### Keine Tyrannei!

[Auszug aus: Dr. Maria Montessori, Selbsttätige Erziehung. (Verlag von Jul. Hoffmann, Stuttgart). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 157 -->

### Eigenes Leben

[Auszug aus: Ludwig Gurlitt, Der Verkehr mit meinen Kindern. (Verlag Concordia, Hermann Ehbock, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 158 -->

### Die Ungeschickte

Lina hatte einmal ein Glas zerschlagen. Die Eltern schlugen sie nicht, o nein, dazu waren sie viel zu gebildet. Aber was immer nun die kleine Lina in die Hand nahm – „na, ob unsere Ungeschickte das nur nicht fallen läßt!“ tönte es ihr entgegen. „Faß das mal lieber nicht an, du bist ja so ungeschickt!“ Eines Tages kam Lina mit einem Tablett voll Geschirr ins Zimmer. „Sie wird's gleich fallen lassen!“ scholl es. Pardauz – da lag's auch schon in Scherben auf dem Boden. Immer, wenn die Kleine nun etwas in die Hand nahm – war's was Zerbrechliches oder Empfindliches – war's ein Schulbuch in Papier zu schlagen, einen Strumpf zu stopfen, eine Türe aufzuschließen – immer mißlang es, denn das Kind wußte ja schon: es kann nicht glücken, ich bin ja so ungeschickt! Und so blieb die kleine Lina ungeschickt, nicht weil sie plumpere Finger gehabt hätte – sondern weil sie unvernünftige Eltern hatte.

*A. Rühle*

<!-- S. 159 -->

### Allerhand Beispiele

Auf der Eisenbahn sitzt ein kleiner Junge neben mir. Von der Mutter eifrig behütet, sieht er mit hellen Augen in die Welt. Die schnaubende und dampfende Lokomotive erregt sein besonderes Interesse.

Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, so kniet er auf die Bank. Puff – puff will er sehen, puff – puff! ruft er einmal über das andere aus.

Aber die Mutter leidet nicht, daß er auf der Bank kniet und durch das Fenster Umschau hält. Er soll manierlich dasitzen wie sie selbst und wie die anderen... steif, uninteressiert, stumpfsinnig.

Auf ihre wiederholten Versuche, den Kleinen vom Fenster fortzubringen und auf seinen Sitz zu bannen, sage ich begütigend und mit ermunterndem Lächeln nach dem Kleinen hin: „Ach, er stört ja nicht und sitzt so artig...“

Da entgegnet kurz die Mutter: „Und wenn schon, er soll seinen Willen nicht haben!“

Armer Junge!

\*

„Du ziehst heute dein grünes Kleid an, wenn wir spazierengehen!“ befiehlt die Mutter.

„Ich hätte lieber das weiße, es ist leichter, und ich fühle mich bei der Hitze wohler darin.“

„Du ziehst das grüne an!“

„Aber warum?“

„Darum! – Kein Wort mehr!“

Es ist im Grunde gescheiter, das weiße Kleid anzuziehen – denkt die Mutter im stillen, das Kind hat recht. <!-- S. 160 --> Aber nun hat sie einmal befohlen; es würde, so meint sie, ihrer Autorität schaden, wenn das Kind recht bekäme. Also bleibt es beim grünen, das dick und lästig und unbequem ist.

Was sie für Autorität hält, ist nichts als Eigensinn, und das Kind wird später einmal ein rechter Waschlappen oder ein aufsässiger, widerborstiger Mensch werden.

\*

[Beispiele von Emma Freundlich. — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 161 -->

\*

[Beispiele aus: Hulda Maurenbrecher, Wachstum und Schöpfung. (Verlag von E. Reinhardt, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 162 -->

### Selbständigkeit auch bei schwachen und kränklichen Kindern

[Auszug aus: Nelly Wolffheim, Die erziehliche Beeinflussung und Beschäftigung kranker Kinder. (Verlag von L. Oehmigke, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 163 -->

<!-- S. 164 -->

## Hilf dem Kinde zur Selbsterziehung

Selbsterziehung ist das Größte in der Erziehung. Und das Schwerste. Selbsterziehung setzt das höchste Maß von Einsicht und seelischer Klarheit voraus, erfordert inneres Gleichgewicht und einen starken Willen. Selbsterziehung ist Selbstprüfung, Selbstbesinnung, Selbstzucht. Wer sich selbst zu erziehen vermag, ist sein eigener Herr und sein Diener, ist frei und unter Gesetze gestellt, die er sich selbst gegeben, ist Lehrer und Schüler zugleich. Die höchste Schrankenlosigkeit und die höchste Gebundenheit sind in ihm vereint. Selbsterziehung ist zuerst Selbsterkenntnis. Das Kind muß sich seiner Einsicht, seines freien Willens bewußt sein, die Grenzen seines Handelns kennen und respektieren. Damit wird Selbsterziehung zur Selbstachtung. Das Kind soll Freude, Genugtuung und Stolz empfinden darüber, daß sein Wille ihm gehorcht, daß Triebe und Leidenschaften in seiner Gewalt sind. Selbsterziehung drückt sich so als Selbstbeherrschung aus. „Es gibt keine Anpassung an das soziale Leben, ohne daß dabei die Fähigkeit des Menschen vorausgesetzt wird, sein Handeln aus dem Bereich der <!-- S. 165 --> bloßen instinktiven Reaktion zu erheben und durch seine Vorstellungswelt zu kontrollieren.“ Indem aber so Herrschaft und Freiheit, Zucht und Entschließung, Müssen und Wollen ihre höchste Instanz in der Persönlichkeit des Menschen selbst finden, wird Selbsterziehung zur Selbstbestimmung. Darin liegt die Krönung alles Erziehungswerks.

### Nur ein Kleines haben sie vergessen...

[Auszug aus: Alfred Adler, Heilen und Bilden. (Verlag von Bergmann, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 166 -->

### Die Hilfe wird entbehrt

[Auszug aus: Hermann Hesse, Roßhalde. (S. Fischer, Verlag, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 167 -->

### Die Hilfe wird gewährt

[Auszug aus: Fr. W. Foerster, Jugendlehre. (Verlag G. Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 168 -->

### Das Meisterstück

[Auszug aus: Fr. W. Foerster, Jugendlehre. (Verlag von W. Reimer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 169 -->

<!-- S. 170 -->

## Strafe nur, um zu helfen

Weshalb strafst du dein Kind? Ich weiß, was du auf diese pädagogische Gewissensfrage antworten wirst: weil es ungezogen war, weil du es zu Besserem erziehen willst, weil … Schon gut. Du meinst, es habe sich bei den Strafen immer um Maßnahmen gehandelt, die im Interesse des erziehlichen Zweckes und Erfolgs notwendig und unumgänglich gewesen seien. Erlaube mir, daß ich daran zweifle. Ich will nicht die Frage aufrollen, ob Strafe in der Erziehung überhaupt berechtigt ist oder nicht; noch weniger will ich den extremen Standpunkt vertreten, daß ein Erzieher ohne alle Strafe auskommen müsse. Ich bezweifle nur, daß die Strafen, die du über Kinder verhängst, immer als Erziehungsmittel gewollt waren und als solche gewertet werden dürfen. Ich habe dich nämlich oft beobachtet, im Hause, auf der Straße, bei der Arbeit. Dein kleiner Hans-Guck-in-die-Luft, der neben dir trippelte, sah Blumen, Vögel, Wolken — aber nicht den Weg und den Stein, über den er stolperte; als er auf die Nase fiel, schrie er vor Schreck laut auf — was tatest du? Du sprangst herbei, rissest ihn hoch, <!-- S. 171 -->schaltest ihn laut und schlugst gar auf ihn ein? Um ihn zu erziehen? Um Geschehenes gutzumachen? Nein, aus Nervosität, Unmut, Aerger. Dein Kind spielt Ball und stößt dabei einen Blumentopf vom Fensterbrett; es besorgt dir einen Weg und verliert den Groschen aus der spielenden Hand; es kommt mit Grasflecken im Sonntagskleid, mit Löchern in der Hose nach Hause. Wie schnell bist du beim Strafen, wie locker sitzt deine Hand! Tust du dies alles um der Erziehung willen? Erstrebst du damit einen erzieherischen Zweck, der vorbedacht war? Ich behaupte: nein! Alle diese Strafen sind in neunzig von hundert Fällen nichts anderes als der spontane Ausdruck des Jähzornes, der Wut, der Erregung. Du hast dich nicht in der Gewalt, du bist ein Sklave deines Affekts, bist blind vor Aufregung — darum schimpfst, strafst, schlägst du. Merke das eine: wenn schon Strafe notwendig ist, so darf sie nicht in der Hitze, im Zorn geschehen, sie darf nicht die Entladung deines Unmuts, nicht Aerger, Wut und Rache sein. Strafe nur, um zu helfen, um das Kind aufzurichten und auf den rechten Weg zu bringen.

<!-- S. 172 -->

### Hiebfreudige Eltern mögen sich einmal fragen, …

[Auszug aus: Hermann Weimer, Haus und Leben als Erziehungsmächte (Verlag der C. H. Beck’schen Verlagsbuchhandlung, Oskar Beck, München). — Hier nicht wiedergegeben.]

### Die Schule gleicht vielfach einem kleinen Zuchthaus …

[Auszug aus: Aug. Forel, Die Gehirnhygiene der Schüler (Verlag der Manzschen Hofbuchhandlung, Wien). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 173 -->

### „Na warte, komm nur nach Hause …!“

Der Stein flog durch die Luft, aber er war zu niedrig gezielt. Anstatt den Spatz zu treffen, der auf der Dachrinne saß, fuhr er in das kleine Bodenfenster — kling, klirr.

O Schreck! — Peter war ganz blaß geworden und sah sich um.

Niemand war da, der ihn gesehen hatte. Schnell hinter die Hecke, da war er geborgen.

In diesem Augenblick trat die Mutter durch die Tür und sah eben noch den letzten Rockzipfel des Davoneilenden. Sie hatte es klirren hören, außerdem kannte sie ihren Jungen und seine Streiche. … Die Situation war ihr sofort klar.

Eine Wut überkam sie, daß ihr das Blut ins Gesicht schoß; nun packte sie auch noch der Aerger darüber, daß ihr der Missetäter entlief.

„Na warte“, rief sie zornerfüllt und drohte mit der Hand, „komm nur nach Hause … du sollst deine Prügel kriegen!“

Peter saß klopfenden Herzens hinter der Hecke. Alle Freude und Sorglosigkeit war von ihm gewichen. Die Son<!-- S. 174 -->ne war mit einem Male nicht mehr so hell, die Wiese nicht mehr so bunt. Wenn es nur erst Abend wäre und er in seinem Bett läge … wenn er nur erst die Strafe hinter sich hätte …

Eine Angst quälte ihn, und eine Bitterkeit kroch ihm zum Herzen. Er hatte das Bodenfenster wirklich nicht zerschlagen wollen. Weshalb also sollte er Strafe erleiden? Würde dann das Fenster wieder ganz werden? Und warum war die Mutter gleich so böse? Die Mutter, für die er doch so weiche, so zärtliche Gefühle im Herzen trug. … Er hätte ihr sagen mögen, daß er nichts dafür konnte, daß er nichts Unrechtes tun wollte, daß der Stein — ja, wirklich, der ungeschickte Stein war schuld — daß … Aber er hätte kein Wort hervorgebracht vor Angst, denn immerfort klang es durch sein Sinnen, hart, drohend, schrecklich: Na warte, komm du nur nach Hause …!

### Helfen, nicht rächen

[Auszug aus: S. Troelstra (ohne Quellenangabe). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 175 --> <!-- S. 176 -->

<!-- S. 177 -->

## Erziehe ohne Prügel

Willst du dich und dein Kind nicht erniedrigen, so laß unter allen Umständen beim Erziehen den Stock beiseite. Sage nicht, daß es nicht gehe. Es geht, wenn du willst. Die körperliche Züchtigung hat den Charakter, den schon Comenius kennzeichnete, wenn er den prügelnden Erzieher mit einem Musiker verglich, der sein ungestimmtes Instrument mit den Fäusten bearbeiter, anstatt Ohr und Hand zu gebrauchen, um es zu stimmen. Prügel erniedrigen anstatt zu erziehen, zerstören anstatt aufzurichten und Werte zu schaffen. Sie führen zu Feigheit, Unterwürfigkeit, Willensschwäche und Charakterlosigkeit, verleiten zur Lüge und rufen niedrige Triebe und Instinkte wach, ertöten Scham und Ehrgefühl, ersticken Selbstvertrauen und Persönlichkeitsgefühl. Aller Willensbildung und Erziehung zu sittlicher Freiheit zuwiderlaufend, vernichten sie mit jedem Schlage etwas Gutes, Reines und Edles im Menschengemüte. Das Proletariat, das in seinem Befreiungskampfe einer Welt voll Feinden gegenübersteht, kann zu Kämpfern keine geduckten, feigen, geschwächten und verprügel<!-- S. 178 -->ten Menschen gebrauchen. Es verlangt Persönlichkeiten und Charaktere, aufrechte Naturen mit geradem, gesundem, redlichem Willen, Verantwortlichkeitsgefühl und dem tiefen Drange zur Freiheit. Diese Kämpferscharen müssen aus den Lenden und dem Schoße des Proletariats selbst hervorgehen, müssen genährt werden mit der Idee der Befreiung und emporwachsen in dem Sturmeswehn des Klassenkampfes. Wer einem von ihnen den Willen lähmt, die Tatkraft schwächt, der Kampfesfreude die Flügel knickt, versündigt sich an den Idealen, die im Sozialismus lebendig sind, und an der Zukunft des Menschengeschlechts. Darum fort mit den Requisiten des Mittelalters, der Knute und dem Prügelstock, aus unserer Erziehung!

### Der Großvater

[Auszug aus: Maxim Gorki, Meine Kindheit (Verlag Ullstein & Co., Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 179 -->

### Das Unverständliche

Daß man früher prügelte, wo es galt, Sklaven und Knechte zu erziehen, war begreiflich; auch daß die heutige Gesellschaft, die ihre Existenz auf die Arbeit und Unterwerfung der Massen gründet, in ihren Schulen prügeln läßt — wenigstens die Kinder, die für die Ausbeutung und das Beherrschtwerden bestimmt sind — versteht man noch, wenn sich auch unser sittliches Empfinden dagegen auflehnt und darüber empört. Aber was man nicht verstehen kann, ist: daß im Proletariat, wo alle Flammen der Freiheit lodern und alle Kräfte zu einer besseren Menschwerdung lebendig sind, noch immer die Prügelstrafe bei der Erziehung der Kinder eine, wie es scheint, unvermeidliche und unumgängliche, sicher aber traurige und beschämende Rolle spielt. Hier schleppen Generationen noch die Ketten <!-- S. 180 -->ihrer Knechtschaft und die Erbteile ihrer harten und finsteren Vergangenheit nach.

Otto Rühle, Grundfragen der Erziehung.\
(Verlag Am anderen Ufer, Dresden-Buchholz-Fr.)

### Über das Prügelsystem

[Auszug aus: Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes (Verlag S. Fischer, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 181 --> <!-- S. 182 -->

### Die Erziehung zur Gewalt …

[Auszug aus: Max Winter, Spart die Rute! (Die Sozialistische Erziehung, 2. Jahrg., Nr. 5). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 183 -->

### Vater, nicht Nachrichter!

[Auszug aus: H. Lhotzky, Die Seele deines Kindes (Verlag von Rob. Langewiesche, Königstein i. T.). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 184 -->

## Beschaffe gute Lektüre

Alljährlich um die Weihnachtszeit entsteht auf dem Büchermarkte eine Hochflut von Bilderbüchern und Jugendschriften. Diese Erscheinung geht auf die in Eltern- und Erzieherkreisen allmählich platzgegriffene Erkenntnis zurück, daß Bücher stille Miterzieher der Jugend sind, deren hohe pädagogische Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. In ihnen lebt ein Teil jener Kraft, die auf Geist und Gemüt der Kinder einen intensiven, oft über die Jugendjahre weit hinausgehenden Einfluß auszuüben vermag. Der Wert dieser stillen erzieherischen Mitarbeit hängt natürlich ab vom Werte der Kinderbücher in pädagogischer und künstlerischer Hinsicht. Leider ist es hierin meist recht schlecht bestellt. Unter der Menge der Erscheinungen wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Forderung gerecht, nicht nur unterhaltend und belehrend, sondern auch veredelnd im Sinne des wahren Kunstwerks zu wirken. Vielen ist die redliche Absicht hierzu nicht abzusprechen, aber sie bedienen sich dabei einer unangemessenen und unzweckmäßigen Form. Andere sind aufdringliche Tendenzschriften, die <!-- S. 185 -->das Urteil und die Urteilsfähigkeit des Kindes nachteilig beeinflussen. Andere atmen den Geist widerlich-süßer Sentimentalität und verekeln den Genuß durch salbungsvolle Frömmelei. Noch andere wecken abenteuerliche Gelüste, peitschen die kindliche Phantasie bis zur Zügellosigkeit auf und verrohen das Gemüt. Besonders der Krieg hat nach dieser Richtung hin eine Produktion entfesselt, die jeden Menschenfreund und Erzieher, der an den hohen kulturellen Beruf der jungen Generation glaubt, mit Angst und Entsetzen erfüllen muß. Der patriotische und kriegerische Schund feiert wahre Orgien! Gerade diese Erscheinung und die aus ihr sich ergebenden Gefahren legen allen Eltern erneut und nachdrücklicher als je die Pflicht auf, zur Säuberung des Jugendschriftenmarktes von all dem Unrat und Gift mit Hand anzulegen. Die Kritik allein tut es nicht, es muß auch praktische Auslese geübt und jedes schlechte Buch vom eigenen Hause ferngehalten werden. Prüft sorgfältig und schonungslos! Verwerft jeglichen Schund ohne Rücksicht! Sorgt für gute Lektüre!

<!-- S. 186 -->

### Schundliteratur

[Auszug aus: A. Jensen und W. Lamszus, Unser Schulaufsatz, ein verkappter Schundliterat (Verlag von A. Janssen, Hamburg). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 187 --> <!-- S. 188 -->

### Sozialistische Jugendliteratur

[Auszug aus: H. Ströbel, Jugend, Volk und Literatur (Neue Zeit 1902). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 189 -->

### Wie erfährt man, ob ein Buch gut ist?

Zuerst haben Hamburger Lehrer damit begonnen, die Eltern über den Wert von Kinderbüchern und Jugendschriften zu beraten, indem sie Prüfungsausschüsse damit betrauten, eine Auslese guter Bücher nach Inhaltsstoff und Altersstufen zusammenzustellen. Die Verzeichnisse wurden alljährlich zu Weihnachten ausgegeben. Dann hat sich der Zentralbildungsausschuß der Sozialdemokratischen Partei darangemacht, auf der Grundlage dieser von Lehrern besorgten Verzeichnisse im Verein mit vielen Helfern und Sachverständigen eine mehr nach so<!-- S. 190 -->zialistischen Gesichtspunkten orientierte Auslese zu treffen. Weiter ist seit Jahren der Erziehungs- und Schulverein „Freie Schule-Kinderfreunde“ in Wien um die Versorgung der Jugend mit guter Lektüre bemüht. Er hat eine Buchhandlung eingerichtet, vertreibt Spiele, Lehr- und Lernmittel jeder Art und läßt alljährlich zu Weihnachten Kataloge erscheinen, in denen die Bücher nach Altersstufen und Wissensgebieten geordnet sind. Diese Kataloge sind unentgeltlich zu beziehen („Jungbrunnen“, Wien XIII, Schloß Schönbrunn). In Deutschland wendet man sich am zweckmäßigsten an den Verlag dieses Buches unter genauer Darlegung seines Anliegens. Es wird alle erdenkliche Hilfe geleistet. Die Verzeichnisse oder Kataloge lese man aufmerksam durch, gehe in die nächste Volksbuchhandlung oder Jugendschriften-Ausstellung und lasse sich die gewählten Bücher zeigen. Kommt man da nicht zum Ziele, schreibe man an den Verlag dieses Buches. Jedenfalls lasse man sich von niemand ein Buch in die Hand stecken oder aufschwätzen, das nicht in den Verzeichnissen steht. Nur so ist man sicher, daß man seine sauer verdienten Groschen wirklich für einen guten Zweck zum Nutzen seiner Kinder verwendet.

<!-- S. 191 -->

## Sorge für geschlechtliche Aufklärung

Eltern und Kinder sollen keine Geheimnisse voreinander haben. Das Band innigsten Vertrauens, geknüpft durch unbedingte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, soll beide umschließen. Wie Mann und Frau, so sollen auch Eltern und Kinder eins sein an Leib und Seele. Dieses herzliche Verhältnis schließt jede Unwahrhaftigkeit, jede Lüge aus. Auch dann, wenn es sich um Dinge handelt, über die zu reden den Eltern peinlich ist. Erziehung und Gewöhnung haben uns Aelteren das Geschlechtliche zu etwas Unreinem, Tierischem, Sündhaftem gemacht. Wir vermögen es nicht mehr mit reinen, unbefangenen Augen anzusehen; frivole Gemüter retten sich durch Witze und Zoten über das Unbehagliche und Quälende der Situation hinweg, in die das sexuelle Thema sie versetzt. Dem ernster Gesinnten bleibt nur die Scham. Und doch ist diese Scham nichts anderes als das Eingeständnis innerer Schuld, vielfach gar nur Heuchelei. Von der Heuchelei zur Lüge ist nur ein Schritt. Darum mache dich frei von der törichten, unwahren Scham — zwinge dich, über Natürliches natürlich zu den<!-- S. 192 -->ken. Und bewahre dich und dein Kind vor der Lüge — zwinge dich, von Natürlichem natürlich zu reden. Gib dem Kinde mit aller Liebe und Ruhe, deren du fähig bist, und aller Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit, die deiner Aufgabe entspricht, Aufklärung über Fragen des geschlechtlichen Lebens. Bedenke, wie du vor dem Kinde stehst, wenn es eines Tages erkennt, daß du es belogen hast! Bedenke, wie eine Lüge hundert und tausend andere gebiert, über Haus und Familie hinaus wirkt, die ganze Welt und das ganze Leben vergiften und verpesten kann. Also, sei wahr, sei aufrichtig, schenke klaren Wein ein, auch in peinlichen Dingen. Alle Schwierigkeit ist behoben, wenn du erst mit dir selbst im reinen bist.

### Volle Offenheit!

[Auszug aus: Gustav Wynecken [*sic*], Schule und Jugendkultur (Eugen Diederichs Verlag in Jena). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 193 --> <!-- S. 194 -->

### Eine Mutter hatte ihrem Fritz vom Klapperstorch erzählt

[Auszug aus: Nellie, Mutter und Kind (Verlag der J. Rickerschen Buchhandlung, Gießen). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 195 --> <!-- S. 196 -->

### Der Baldamus erzählt:

[Auszug aus: Oskar Wöhrle, Der Baldamus und seine Streiche (Lese-Verlag, Stuttgart). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 197 -->

### Mutter, woher kommen die kleinen Kinder?

Die werden geboren, mein Liebling.

Was ist denn das: geboren?

Sie wachsen im Leibe der Mutter, bis sie reif und groß genug sind. …

Dann kommen sie heraus?

Sie kommen aus dem Leibe, wie die kleinen Kaninchen und Kätzchen aus dem Leibe ihrer Mutter gekommen sind.

Aber das tut doch weh, Mama!

Gewiß, tut das weh, die Mütter werden oft auch sehr krank davon.

Habe ich dir auch weh getan?

Du auch — aber Mutter denkt nicht mehr daran, sie freut sich, daß du so gesund und brav geworden bist und dein Muttchen lieb hast.

### Vom Apfel, der nicht gegessen wurde

[Auszug aus: B. Nestler, Am Lebensquell. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung (Verlag von Alexander Köhler, Dresden). — Hier nicht wiedergegeben.]

<!-- S. 198 --> <!-- S. 199 -->

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## Gib den Kindern keinen Alkohol

Besteht der Stolz und Reichtum einer Nation in der Kraft, Gesundheit und Lebenstüchtigkeit aller ihrer Angehörigen, so kann es für eine Bevölkerungsklasse — welche es immer sei — keine wichtigere und heiligere Pflicht geben, als für ein gesundes, starkes, lebenstüchtiges Geschlecht zu sorgen. Die Arbeiterklasse hat dazu noch eine besondere Pflicht. Sie braucht vor allem ein Geschlecht, das stark und willig ist, für die Befreiung des Proletariats zu kämpfen, das fähig und ideal genug ist, sich für die Ziele des proletarischen Emanzipationskampfes aufrichtig und hingebungsvoll zu begeistern. Die Revolution der Gesellschaft setzt eine Revolution der Gehirne voraus. Da ruht alle Hoffnung des Proletariats auf den kommenden, auf den noch ungeborenen, nach uns emporsteigenden Generationen. Sie werden die Entscheidungskämpfe ausfechten, den schönen Menschheitsbau aufführen müssen. Sie werden Meister und Gesellen, Werkleute und Kärrner sein, jeder auf seine Art, in der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert. Klare, kluge Köpfe, helle, scharfe Augen, flinke, ge<!-- S. 201 -->schickte Hände und einen aufrichtigen, energischen Willen wird man dazu nötig haben. Wer uns Hirn und Hände, die Augen und den Willen untauglich macht, gefährdet das Werk und ist unser Feind. Der Alkohol ist dieser Feind. Er verhindert, daß die Kinder gesund und kräftig, klug und willensstark werden; er trübt den Geist und lähmt die Entschließung, er zermürbt die Kraft und verdirbt den Charakter. Angesichts der gewaltigen Aufgabe, die dem Proletariat gestellt ist, und angesichts des Heeres von Feinden, die alle danach trachten, die Lösung dieser Aufgabe zu vereiteln — werde nicht du selber noch zum Verderber deiner besten Kämpfer und deines Werkes: Gib den Kindern keinen Alkohol.

### Die Hand aufs Herz!

[Auszug aus: Dr. med. Holitscher, Alkohol und Kind (Verlag: Deutscher Arb.-Abst.-Bund, Berlin). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Die Natur läßt uns die Wahl

[Auszug aus: Prof. Dr. Sticker, Gesundheit und Erziehung (Verlag von J. Ricker, Gießen). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Muß man als Kinderfreund Abstinent sein?

[Auszug aus: Anton Afritsch, Selbsterziehung (Die Sozialistische Erziehung, 2. Jahrg., Nr. 7). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Das Ende

Ich kehrte in einer Dorfschenke ein. Um die Tonbank, hinter der das dicke Bäuchlein des Wirtes geschäftig wackelte, standen Bauern und Arbeiter im Halbkreis. Alle Gläser in den Händen, lachend und in lebhafter Unterhaltung. Als ich Hut und Stock abgelegt und mich niedergelassen hatte, gewahrte ich in dem Trupp einen Mann, der von all den übrigen abstach und wortreich, mit nervösen Gestikulationen, die Unterhaltung führte. Dazwischen zwinkerte er mit seinen glasig-stieren Augen der Schenkmamsell zu, die, an einen Tisch gelehnt, dem Treiben zusah.

Er war ein Stromer, eben von der Landstraße hereingekommen und unter die Schar Gäste geraten; sehr abgerissen in der Kleidung, ohne Kragen, mit zerschlissenen Hosen über den staubigen und abgelaufenen Schuhen. Mehr als die Kluft, die um seinen mageren Körper schlotterte, interessierte das Gesicht: branntweingerötet, bärtig, mit einem geistesabwesenden Blicke und doch nicht unintelligent. Der Typ eines Menschen, der einmal bessere Tage gesehen hat. …

Er erzählte von Buenos Aires, wo er gewesen sein wollte, <!-- S. 205 -->von Nordamerika, den Seereisen, dem Hamburger Hafen … halb neugierig staunend, halb ungläubig hörten ihm die anderen zu.

Und nach und nach … einer rief ihm zu, er bezahle noch ein Glas für ihn … begann der Stromer, immer mehr aus dem Reisebündel seiner Lebenspilgerfahrt auszukramen. Er stamme auch aus einer Gastwirtschaft, sei reicher Leute Kind, niemand habe ihm an der Wiege gesungen, daß er einmal als Landstreicher enden werde.

„Mein Vater war ein guter, aber schwacher Mann … Er konnte nichts vertragen … kein Bier, keinen Wein, keinen Schnaps … und er mußte doch ausgehen, viel ausgehen, nun ja, wie das so ist … da nahm er mich stets mit. Und ich mußte für ihn trinken. Er freute sich, wenn mir das Bier schmeckte … er war stolz darauf, daß ich bald viel vertrug, mehr als ein Erwachsener. … Das ist ein Junge, der in die Welt paßt, sagte er, ein tüchtiger Kerl muß beizeiten etwas Tüchtiges vertragen können. … Der gute Vater, er hat’s nicht schlecht gemeint. Aber er hat mir auf diese Art das Saufen gelernt. … Als er starb, hat er mir ein großes Erbteil hinterlassen. … Aber auch das Saufen … und da habe ich alles versoffen … bin so nach und nach runter gekommen, ganz runter, immer tiefer … bloß durchs Saufen.“

Im Zimmer war es still geworden. Die einen sahen nachdenklich vor sich hin, die andern ließen ihre Blicke, aus denen Mitleid und Bedauern zu lesen war, auf dem Vagabunden ruhen.

Der aber — die magere Hand um das Bierseidel gekrallt — starrte flackernd ins Leere.

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## Schenke dem Kinde keine Mordwaffen

Der Weltkrieg hat uns das grausige Erlebnis des Massenmordes hinterlassen, vor dem wir noch heute im Tiefsten erschauern. Unsere menschliche Natur, sofern sie nicht militaristisch verroht und verwahrlost ist, sträubt sich gegen die Unmenschlichkeiten und Schrecken des Krieges. In unser Gehirn hat sich tief und unverwischbar die Erkenntnis eingegraben, daß das Dahinschlachten von Menschen ein Wahnsinn und ein Verbrechen ist. So sind wir Gegner des Krieges. Wir erheben unsere Stimme gegen Militarismus und andere kapitalistische Kriegsursachen, kämpfen gegen Wettrüsten, Imperialismus, nationalistische Kriegshetze und alle Politik der Gewalt. Wir sind im Innersten entsetzt, daß es — nach einem Worte Wilhelms II. — höchste sittliche Pflicht der Soldaten sein soll, unter Umständen selbst auf Väter, Mütter und Brüder zu schießen. Alles Menschliche in uns schreit auf zur Revolte, alle edlen und reinen Gefühle werden lebendig und drängen zum Protest. Auch unser Kind soll ein Vater-, Mutter- und Brudermörder werden, ausgeliefert dem furchtbarsten Wahn, <!-- S. 207 -->den je menschliche Hirne ersannen? — Nein, niemals! Nie wieder Krieg! … Und da solltest du, alter Gedankenlosigkeit folgend, deinem Kinde zu Weihnachten eine Flinte unter den Christbaum legen, einen Säbel schenken, durch militärische Uniform seinen Sinn bestechen? Eine Flinte, damit es auf Eltern und Geschwister schießen lerne? Einen Säbel, damit es später die Köpfe und Rücken seiner Klassengenossen blutig zu zerhauen verstehe? … Nein, nein — das kannst, das darfst du nicht! Die Barbarei des Krieges darf dein Weihnachtsfest, dein Haus nicht besudeln, das Verbrechen des Mordens darf im Herzen deines Kindes keine Keimstätte und keinen Wurzelboden finden! Sei, indem du verweigerst und versagst, in deinem Hause ein Propagandist friedlichen Kulturstrebens und schöner Menschlichkeit.

### Wir sehen in den Schaufenstern …

[Auszug aus: Wilhelmine Kähler (Leipziger Volkszeitung). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Abrüstung im Spielwarenhaus

[Auszug aus: Helene Scheu-Rieß (Frankfurter Zeitung). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Der Vater

[Auszug aus: Leonhard Frank, Der Mensch ist gut (Max Rascher, Verlag, Zürich). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Der Weihnachtswunsch

Der Vater hatte es kommen sehen, und eines Tages war es heraus.

„Vater, schenke mir bitte zu Weihnachten einen Säbel, einen Helm und eine Flinte!“

„Einen Säbel?“ fragte der Vater, „willst du mich damit totstechen?“

„Ach nein, lieber Vater, nur zum Spielen.“

„Und eine Flinte? Willst du damit deine liebe Mutter totschießen?“

Der Knabe sah erschrocken auf. Anfangs hatte er gemeint, der Vater mache Spaß. Als er aber sein ernstes Gesicht erblickte, wurde ihm klar, daß das Gespräch für den Vater eine sehr ernsthafte Sache war.

„Säbel und Flinte,“ sagte darauf der Vater, „gebraucht <!-- S. 213 -->man nur, um Menschen zu töten. Der Kaiser hat im Kriege viele Millionen Männer töten lassen; er hat auch den Soldaten gesagt, sie sollen selbst Vater und Mutter töten, wenn es befohlen wird. Das fünfte Gebot aber lautet: Du sollst nicht töten!“

„Aber ich spiele doch nur damit, Vater.“

„Willst du mit Säbel und Flinte spielen, womit man Menschen wehtut, Vater und Mutter tötet?“

Der Knabe sah verlegen drein und blieb die Antwort schuldig.

Als einige Tage später der Vater mit dem Knaben durch die Straßen ging und die Feuerwehr dahergesprengt kam, da wußte er, was er dem Knaben zu Weihnachten schenken würde: eine Feuerwehr-Uniform mit Helm und Beil. Und als der Knabe sie zu Weihnachten freudestrahlend in Empfang nahm, sagte der Vater: „Damit wirst du nicht töten und Übles tun, damit wirst du helfen und retten und deinen Mitmenschen nützen, wenn sie in Gefahr und Not sind.“

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## Suche bei Mißerfolgen zuerst die Schuld in dir

Wir wollen kein Wort mehr darüber verlieren, wie schwierig und mühselig das Erziehungswerk ist, wieviel ungezählte Sorgen, Aufregungen und Verdrießlichkeiten es birgt, und wie schließlich der Erzieher bei all seinem Eifer und ernstem Bemühen dankbar und froh sein muß, wenn überhaupt ein Erfolg die unendlichen Aufwendungen und Anstrengungen seines Wirkens lohnt. Wie oft ist er wohl der Entmutigung nahe, wenn alle Wege vor ihm sich in Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu verlieren scheinen. Und wie oft drängt sich ihm der Gedanke auf, daß er zu den harten und gewalttätigen Mitteln der Erziehung greifen müsse, wenn die milden und wohlmeinenden versagen: daß er im Bösen erzwingen müsse, was im Guten nicht gelingt. Es gibt in solchen Stimmungen und verzweifelten Situationen ein Wort von wunderbar beruhigender Kraft: Suche die Ursachen deiner erzieherischen Mißerfolge zunächst nicht, wie man es so leicht zu tun geneigt ist, im Kinde, sondern in dir selbst! Vielleicht hast du eine schlechte Erziehung durch<!-- S. 215 -->laufen und bist, ohne daß du dir dessen bewußt bist, ein recht unerzogener, eigensinniger, heftiger, unverträglicher oder leichtfertiger Mensch geworden, der nun seine Kinder — ganz gegen seine Absicht, aber doch mit der suggestiven Macht seines täglichen Vorbilds — zu denselben Untugenden und Erziehungsfehlern anleitet und gewöhnt. Oder vielleicht war deine Erziehung gut und du bist ein leidlich brav und ordentlich erzogener Mensch — aber die Erziehung liegt um zwanzig, dreißig Jahre zurück, die Zeit des Spinnrads und der Rübölfunzel hat sich gewandelt in eine Zeit des Autos, der Elektrizität und der Luftschiffahrt: glaubst du nicht, daß solche Fortschritte und Umschwünge auch im Erziehungsleben neue Grundsätze, Gesichtspunkte und Ziele zur Geltung gebracht haben? Nun vielleicht bist du mit der Zeit fortgeschritten, so daß du die Bedeutung dieser Wandlung wohl verstehst, aber wenn du deiner Jugend gedenkst und sie in Vergleich stellst zu der Erziehung deiner Kinder, so unterläuft dir doch ein Fehler: du kennst die geistige und seelische Welt der Kinder von damals, aber nicht die innere Welt der Kinder von heute. Das Damals schautest du mit Kinderaugen, das Heute <!-- S. 216 -->mit den Augen des Erwachsenen. Ueberdenke dir diese Gedankengänge und greife an deine Brust: in den meisten Fällen wird es an dir liegen, wenn die Erziehungsarbeit nicht gelingen will.

### Eine Lektion auf dem Kutschbock

Es war bei Kriegsausbruch. Der Lehrer ging zur Stadt, und Bauer Scholz kam mit Pferd und Wagen hinter ihm drein. Der Bauer lud ihn ein, aufzusteigen; nun fuhren sie, zu zweien auf dem Kutschbock, der Stadt zu. Sie sprachen vom Krieg. Wie er die Söhne fortnimmt, die Gatten und Väter aus der Familie reißt, die Pferde aus den Ställen holt …

„Von mir hat auch einer mitgemußt,“ sagte Bauer Scholz nachdenklich, „ein Staatskerl, können Sie glauben, gesund, gut gewachsen und — was die Hauptsache ist — gut gezogen.“

Der Lehrer schaute fragend auf. „Wer denn: einer? Ein Sohn oder ein Gaul?“

„Ein Gaul, ein Brauner,“ verbesserte der Bauer, „ein Staatstier — ach, ich darf nicht daran denken …“

Er ließ den Kopf hängen.

„Gut gezogen — können Sie glauben, das ist die Hauptsache beim Pferde. Sie erziehen Kinder, ’s ist schwer, ohne Frage; aber erziehen Sie mal ein Pferd. Da hat jedes seine Absonderlichkeiten, seine Mucken. Oder soll ich sagen: seinen Charakter? Ich habe Tiere gehabt, mit <!-- S. 217 -->denen war nur fertig zu werden, wenn man sie forsch hielt und fest an der Kandare hatte. Und wieder andere, bei denen mit Güte und Geduld alles zu machen war. Einen Schimmel hatte ich, der ging kerzengerade hoch, können Sie glauben, wenn er nur eine Peitsche sah. Ein einziger Schlag hätte bei ihm alles verdorben. Und einen Fuchs habe ich gehabt, der mußte, ehe er losging, jedesmal erst ein Stück Zucker kriegen. Sonst halfen weder Prügel noch gute Worte. Ja, ja … jedes Tier hat seine Art, und die muß man kennen. Dann läßt sich, können Sie glauben, aus jedem Tier was Rechtes machen. Aus jedem. Wer das nicht fertig bringt, ist selber schuld daran. Nur die richtige Behandlung …“

Der junge Lehrer war nachdenklich geworden. Er dachte an seine Schulklasse … war da nicht auch so mancher Schimmel und Fuchs darunter? Jeder mit seiner Art. Und wie hatte er sie oft behandelt? …

Als er abstieg, drückte er Bauer Scholz die Hand. Die Lektion auf dem Kutschbock, sagte er sich, soll ihren Nutzen bringen — können Sie glauben!

### Salzmanns Symbolum

[Auszug aus: Chr. Gotthilf Salzmann, Ameisenbüchlein (Verlag von Phil. Reclam, Leipzig). — Hier nicht wiedergegeben.]

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### Der beste Erzieher ist die Gemeinschaft

[Auszug aus: A. Jalkotzy, Voraussetzungen zur soz. Erziehung (Die Sozialistische Erziehung, 2. Jahrg., Nr. 4). — Hier nicht wiedergegeben.]

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<!-- S. 223-226: „Inhalt“ (Kapitel und Stücke mit Verfassernamen), hier nicht wiedergegeben; die Gliederung ergibt sich aus den Überschriften. Danach Verlagsanzeigen (Alice Rühle-Gerstel, „Freud und Adler“; Otto Rühle, „Die Sozialisierung der Frau“ und „Grundfragen der Erziehung“; „Am anderen Ufer. Blätter für sozialistische Erziehung“, in Vorbereitung), nicht wiedergegeben. -->

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*Fuente:* transcripción del ejemplar digitalizado de la SLUB Dresden (https://digital.slub-dresden.de/id1671895835): Otto Rühle, *Umgang mit Kindern. Grundsätze · Winke · Beispiele*, Dresden (Buchholz-Friedewald), Verlag Am anderen Ufer, 1924 («20. bis 40. Tausend»; 2.ª edición, muy ampliada respecto del folleto de 1913, que no se ha cotejado), 228 págs. Transcrito desde las imágenes de página (Fraktur), con el OCR de la SLUB como apoyo. El libro es una antología: cada uno de sus treinta capítulos abre con un texto de Rühle y sigue con piezas breves, unas de Rühle (sin firma en el cuerpo; el «Inhalt» de las págs. 223-226 se las atribuye), tres de «A. Rühle» (Alice Rühle-Gerstel), algunas sin autor (probablemente de Rühle) y muchas de otros autores (Zetkin, Foerster, Salzmann, Ellen Key, Gorki, Adler, Tolstói, Leonhard Frank…). Aquí se transcriben íntegros los textos de Rühle, de Alice Rühle y los sin autor; de las piezas ajenas se conservan el título y, entre corchetes, el autor y la procedencia tal como los imprime el libro. Se omiten el «Inhalt» y los anuncios finales. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa; las de las páginas que empiezan dentro de una pieza omitida van tras su línea entre corchetes.
