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Title: Sexualmoral und „Sexualreform“
Description: Die Aktion, 11. Jg., Heft 41/42, 15. Oktober 1921, Sp. 581-585.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1921-10-15%20Sexualmoral%20und%20%E2%80%9ESexualreform%E2%80%9C
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# Sexualmoral und „Sexualreform“

*Von Otto Rühle*

## I

Die Moral ist eine *soziale* Angelegenheit. Moralische Auffassungen und Gesetze werden weder von himmlischen noch irdischen Autoritäten den Menschen diktiert; ebensowenig kann ein Einzelner sagen: Ich schaffe mir für meinen individuellen Gebrauch dieses moralische Gebot, es gilt für mich und danach lebe ich. Er wird sich in der Gesellschaft nur behaupten können, wenn er sich dem *Moralkodex der Gesellschaft* unterwirft oder seine moralischen Spezialgebote mit diesem irgendwie in Einklang bringt.

Das Leben der Gesellschaft wird beherrscht von *ökonomischen* Interessen. Vorwiegend solchen, die sich aus der Existenzsicherung und Artfortpflanzung ergeben. Daraus folgert, daß die Moral, als Ausdruck gesellschaftlicher Lebensnotwendigkeiten, *ökonomisch orientiert* ist.

„Alle Gesellschaftstiere“, sagt Müller-Lyer (Der Sinn des Lebens, S. 42), „haben *soziale* Instinkte, die den anderen fehlen: sie haben die Neigung, aufeinander fortwährend aufmerksam zu sein, um sich nie aus den Augen zu verlieren; das Leben des Herdengenossen bis zu einem gewissen Grade zu achten; sich friedlich zu vertragen; die anderen nachzuahmen; sich gegenseitig anzuziehen; sich dem Ganzen unterzuordnen oder wenigstens die eigenen Interessen mit denen der Gesellschaft in Einklang zu bringen usw. Bei den höher organisierten geselligen Tieren kommt noch hinzu der Trieb, die anderen zu verteidigen, sich unter Umständen für sie aufzuopfern; Mitleid oder Sympathie zu empfinden; und das Ehrgefühl (oder wenn man will die Eitelkeit), von den Genossen geachtet oder wenigstens nicht verachtet zu werden. Alle diese *sozialen* Triebe verdienen die Bezeichnung *moralische* Triebe. Zusammengenommen machen sie die *Moral der Rasse* aus. Denn *sozial* handeln und *moralisch* handeln ist genau dasselbe.“

Die sozialen Triebe sind weiterentwickelt worden aus der Not der Selbsterhaltung. Nur so konnte sich die aus schwächlichen Einzelwesen bestehende Horde im Kampf ums Dasein behaupten. Denn eine Verbindung vieler zu Schutz und Trutz ist gleichsam ein Organismus höherer Art, ein *Übertier*. Und das Prinzip der Vereinigung, des sozialen Zusammenwirkens wurde das Prinzip der höheren Tierrasse, das, unterstützt und in seiner Auswirkung gesteigert durch das Mittel der Sprache, diese zum Herren der Erde erhob.

Als *Reflex der ökonomisch-sozialen Daseinsbedingungen* begleitete die Moral das Menschengeschlecht durch alle Phasen und Wandlungen seines Entwicklungsganges. „Durch ihre sozialen, moralischen Instinkte, die als köstliche Früchte die Sprache und die Vernunft hervorsprießen ließen, waren die Menschen imstande, das Prinzip der Vereinigung immer weiter auszubilden, sich zu immer großartigeren und festeren, schließlich staatlichen Verbindungen zusammenzuschließen. Und alle menschlichen Fortschritte waren von da ab verursacht durch die Fortschritte in der *Vergesellschaftung*, d. h. in der immer intensiver, immer geregelter und planvoller werdenden Wechselwirkung einer stets wachsenden Zahl von Individuen. Denn nicht seiner individuellen Kraft und Herrlichkeit verdankt der Mensch seine Größe, seine Überlegenheit über das Tier und seine Herrschaft auf Erden, sondern seiner Zusammenfügbarkeit mit andern, dem einheitlichen Zusammenwirken der Vielen, die sich als Elementargebilde in einen Organismus höherer Ordnung eingliedern und ein immer gewaltiger werdendes, sich schließlich über die ganze Erde erstreckendes System ineinanderspielender Kräfte darstellen“ (Müller-Lyer, Der Sinn des Lebens, S. 47).

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Mit dem Aufkommen des *Privateigentums* zerriß die menschliche Gesellschaft in zwei Lager. Die besitzende Klasse machte sich zur herrschenden, unterwarf die besitzlose, beherrschte Klasse ihrem ökonomischen Interesse, ihrer gewandelten Sozialordnung und zwang ihr ihre Ideologie auf.

Damit war die *Moral in den Dienst der herrschenden Klasse gestellt*. Als *moralisch* galt von nun an, was der herrschenden Klasse *nützte*, als *unmoralisch*, was ihr *schadete*. Diesen ausgesprochenen Klassencharakter trägt die Moral noch heute, ja heute deutlicher als je.

*Du sollst nicht töten!* wenn dadurch das Leben eines Bourgeois oder eines der kapitalistischen Profitwirtschaft nützlichen Elements gefährdet wird. Aber du *darfst töten* durch Ausbeutung, Brot- und Wohnungswucher, Kinderarbeit, ungenügenden Unfallschutz, *darfst töten*, wenn es sich um streikende oder revoltierende Proletarier handelt, als Sipo, Noskewiter oder Orgeschmann, *mußt töten*, wenn das Kapitalinteresse der nationalen Konkurrenten zur Erhaltung oder Steigerung des Profits die Menschenschlächterei eines Krieges braucht.

*Du sollst nicht stehlen!* weil dadurch der Besitz der Reichen in Gefahr gerät und das Prinzip der Heiligkeit des Privateigentums ins Wanken kommt. Aber du *lebst vom Diebstahl*, wenn du Kapitalist bist, der täglich seine Arbeiter um den Mehrwert bestiehlt, der die Zwischengewinne des Handels einsteckt oder an der Börse sich Wucherzinsen ergaunert. Je mehr du stiehlst, desto größer dein Ansehen, deine Macht, deine Bewunderung.

Und so weiter.

Immer hat die Moral heute ein *Doppelgesicht*: eins für den vollen und eins für den leeren Geldbeutel. Da der volle schwerer wiegt, liegt bei ihm die Entscheidung.

## II

Zwischen *Sexualität* und Moral ist ein Parallelismus eo ipso insofern gegeben, als beide die gleiche soziale Basis haben, von der sie ausgehen, und die gleiche ökonomische Orientierung, der sie unterworfen sind.

In der bürgerlich-kapitalistischen Welt ist die *monogamische Ehe die einzige Legitimierung des Sexualverkehrs*. Die Ehe selbst aber ist „der *Besitz* eines menschlichen Wesens für lebenslängliche ausschließliche geschlechtliche Dienstbarkeit“ zu dem Zwecke, *legitime Erben zu schaffen*. Sie entstand im Zusammenhange mit dem Privateigentum, das sie bedingte. Das *Privateigentum an Produktionsmitteln* hatte zur Folge den *Privathaushalt*, die *Privatfamilie*, die *Privatehe*, die *Privatfrau*. Die Monogamie ist die ins Geneonomische übertragene Tendenz individuellen Besitzes und der individuellen Besitznutznießung. In der Geneonomie spiegelt sich die Ökonomie. Und alle Phasen und Wandlungen in der Geschichte der *Eheformen* sind zu unterst Phasen und Wandlungen in der Geschichte der *Besitzformen*. Immer ist das sexuelle Verhältnis der Geschlechter zueinander der Spiegel des Verhältnisses der Menschen zum materiellen Besitz.

Weil das *uneheliche Kind* durch Erbansprüche das Privateigentum mit Zersplitterung bedrohen und damit überhaupt seinen *Fortbestand gefährden* könnte, ist es *moralisch* geächtet und rechtlos gemacht.

Weil die *uneheliche Mutter* sich dem sozialen Gebot, nur in der Ehe — dem einzigen erlaubten Sexualverhältnis — zu gebären, entzieht und Kinder in die Welt setzt, die durch Erbansprüche und Gleichstellungsforderungen den *Besitz beunruhigen*, gilt sie als *unmoralisch* und verfällt der gesellschaftlichen Verachtung.

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Weil der Homosexuelle ein anderes Sexualverhältnis eingeht, als dem Interesse des auf *legitime Vererbung bedachten Besitzes* entspricht, wird er als Feind der sozialen Ordnung, also als *unmoralisch* angesehen und dementsprechend behandelt.

Weil die *Fruchtabtreibung* die Erhaltung und Ausbreitung des profitbringenden Familienvermögens gefährden kann und überdies die im Intersese des Kapitalprofits notwendige *proletarische Reservearmee* auf dem Arbeitsmarkte zum *Nachteil des Besitzes* zu verringern droht, stellt sie ein Vergehen gegen die von der herrschenden Klasse diktierte und kontrollierte Sozialordnung dar; deshalb ist sie als *unmoralisch* verpönt und unter Strafe gestellt.

Weil die *Prostitution*, obschon notwendiges Produkt sozialer Gegebenheiten und geradezu Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Monogamie, das Sanktuarium dieser Monogamie täglich verhöhnt und ad absurdum führt, die *aus Wirtschaftsinteressen gebotene ausschließliche Sexual-Legitimität der Ehe* aufs schwerste gefährdend, verfällt sie der *moralischen* Verurteilung und behördlichen Verfolgung.

So besteht in allen Fragen und Ausdrucksformen der Sexualität und der Moral, weil sie *Exponenten des nämlichen Wurzelkomplexes*, der sozialen Ökonomie, sind, ein inniger Konnex.

Die Zentralsonne der Ökonomie wirft durch das Prisma der sozialen Organisation eine reiche Skala von Farben, in deren jeder sie lebt und mit der Kraft ihrer Grundtendenz bestimmend wirkt.

## III

Der Umsturz des ökonomischen und sozialen Systems zieht nach sich den Umsturz der geltenden Moral.

Und umgekehrt: eine grundsätzliche Revolutionierung der heutigen Moralordnung ist *nicht denkbar ohne gleichzeitige oder vorangehende Revolutionierung des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftsapparates*.

Familie, Ehe, Sexualleben, Sexualmoral tragen in Struktur und Funktion heute die Tendenz des kapitalistischen Besitzinteresses und sind durchtränkt von bürgerlich-kapitalistischer Ideologie.

Die ökonomisch-soziale Revolution wird, indem sie ihr Ziel, den Sozialismus, erreicht hat, diesen gesellschaftlichen Kategorien neue Funktionen zuweisen, sie für diesen Zweck mehr oder weniger umbilden und mit einer neuen Ideologie beseelen.

Es wird eine *Revolution der Gesellschaftsmoral, des Sexuallebens, der Eheform und der Sexualethik* geben.

Und alle Probleme, um die sich heute der bunte Schwarm der Ehe-, Moral- und Sexualreformer ewig vergeblich mit den harmlosen Mitteln der Symptom-Retouche bemüht, werden ihre *glatte und selbstverständliche Lösung* finden.

## IV

In Berlin fand Mitte September eine gut beschickte *Internationale Tagung für Sexualreform auf wissenschaftlicher Grundlage* statt.

Schon der Kongreßtitel verriet die falsche Grundeinstellung zum Problem und das schiefe Programm zu seiner Behandlung.

Gibt es schon keine Sexual„*reform*“, die die Sexualnöte unserer Zeit zu beheben vermöchte, so gibt es noch weniger eine Sexualreform „*auf wissenschaftlicher* Grundlage“.

Die Wissenschaft kann Revolutionen wie Reformen vorbereiten, unterstützen, begründen, rechtfertigen, ausbauen; <!-- Sp. 584 --> kann wertvolle Hilfsarbeit leisten — aber eben nur *Hilfsarbeit*. Sie kann nicht die *Grundlage* bilden.

Die Grundlage ist *ökonomisch-sozialer* Natur und als solche eine *politische* Angelegenheit.

„Sexualrevolution auf politischer Grundlage“ hätte der Kongreßtitel heißen müssen, wenn es sich um mehr als eine sexual-ethische Bodenreform gehandelt hätte. Aber davor schreckten die mit dicken politischen Scheuklappen versehenen bürgerlichen Herrschaften zurück. „Politik“? — Hat mit Sexualfragen nichts zu tun! Und gar „revolutionär“? — Um Gottes willen! Wir sind Vertreter der „voraussetzungslosen“ Wissenschaft, der politischen Neutralität, der Objektivität im luftleeren Raume! *Nur* Wissenschaftler, Ärzte, Juristen, Pädagogen, *keine* Politiker, *noch weniger* Revolutionäre ...

Ach nein, sie waren keine Revolutionäre, diese harmlosen Sexual-Pazifisten, die sich über die Bedeutung der inneren Sekretion und Steinachs Forschung, über künstliche Befruchtung und Sterilisierung, über Psycho-Analyse und das Recht der sexuellen Minderheiten, über Prostitution und Sexualpädagogik unterhielten. Tüchtige Ärzte mit teilweise verblüffenden Resultaten aus ihrer anatomischen, klinischen, histologischen und sexual-pathologischen Praxis; wortreiche Juristen mit Petitions-Vorschlägen und Paragraphen-Abänderungsanträgen für die drohende Rückwärts-Reform des Reichsstrafgesetzes; wohlmeinende Pädagogen mit den reichlich überständigen Halbheiten eines philiströs-liberalen Sexual-Aufklärichts für die Jugend ... alles Suchende, Forschende, Vorwärtswollende auf ihrem Gebiet, oppositionelle und radikale Elemente innerhalb ihres Milieus, nur leider nicht das, worauf es ankommt: *keine Revolutionäre!*

So turmhoch die Magnus Hirschfeld, Anton Nyström, Helene Stöcker, Rutgers und Rosenthal über dem Gros ihrer Klassengenossen stehen mögen, sie stecken doch noch tief, tief im Bürgerlichen und kommen als ernstliche Faktoren für die wirkliche Sexualrevolution gar nicht in Betracht. Einer von ihnen, Prof. Frhr. v. Ehrenfels-Prag, nahm mit überraschender Geste einen revolutionären Anlauf in dem Bekenntnis: Die auf kapitalistischem Besitz- und Erbrecht beruhende bürgerliche Monogamie ist historisch überwunden; die neue Ehe wird eine sozialistische sein. Doch kaum war ihm das Wort entfahren ... Tags darauf hufte er mit schlotternder Angst vor seiner Courage so energisch und ostentativ zurück, daß er sogar den Widerspruch eines Teiles seiner bürgerlichen Kombattanten herausforderte.

Und doch hatte er, so kläglich das Bild seines Rückzugs war, *sachlich* recht: man kann das uneheliche Kind dem ehelichen nicht völlig gleichstellen, *wenn man nicht den Bestand der bürgerlichen Ehe ernstlich gefährden will*. Es wäre die Aufgabe des Kongresses gewesen, die *ganze* Konsequenz dieser Erkenntnis zu ziehen: Man kann dem Problem der Unehelichkeit, der Prostitution, der Homosexualität, der ungewollten Mutterschaft usw. überhaupt nicht beikommen, *wenn man nicht den Bestand der gesamten bürgerlichen Ordnung gefährden will*. Oder noch einfacher formuliert: *Man kommt aus den Sexualnöten dieser Zeit nicht heraus ohne Revolution!*

Der Kongreß zog diese Konsequenz nicht, konnte sie nicht ziehen, denn er war bürgerliches Element, bürgerliche Angelegenheit, bürgerliches Reformgerede.

Und man kann dem Bürgertum, solange es noch *eine* Möglichkeit zum Leben hat, nicht ernstlich zumuten, daß es sich mit eigener Hand entleibe.

So bestätigte der Kongreß, daß von all den Professoren und Doktoren, Ärzten und Juristen, Schulmeistern und <!-- Sp. 585 --> emanzipierten Damen, mögen sie sich noch so wichtig und anspruchsvoll gebärden, *nichts, absolut nichts* für die Um- und Neugestaltung der Moralordnung und des Sexuallebens der Zukunft zu erwarten ist.

Das Proletariat wird auch hier alle Arbeit selber vollbringen müssen.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Sexualmoral und „Sexualreform“», *Die Aktion*, 11. Jg., Heft 41/42, 15 de octubre de 1921, col. 581-585. Transcripción hecha a partir de las imágenes del volumen digitalizado por Google (ejemplar de la University of California) en archive.org (DieAktion11jg1921, págs. PDF 287-289), con el OCR del Internet Archive solo como apoyo. Se conservan la ortografía y las erratas del original («Intersese», «hufte … zurück»); se corrigen sin indicarlo dos letras mal impresas («bis zn» por «bis zu», «Professoren» con una letra borrosa). Las cursivas reproducen el espaciado del original; los números de los apartados (I-IV), que en el original van solos en una línea, se dan como encabezados. Los comentarios `Sp. n` del código marcan el comienzo de cada columna impresa.
