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Title: An die Mitglieder der KPD
Description: Die Aktion, 10. Jg., Heft 1/2, 1920, Sp. 11-14.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1920%20An%20die%20Mitglieder%20der%20KPD
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Paul Levi wirbt noch immer um die Gunst der USP. Die Entrüstung, mit der der Leipziger Parteitag seine Zudringlichkeit zurückwies, hat ihn weder abgeschreckt, noch abgekühlt. Mit der Beharrlichkeit eines hartnäckigen Liebhabers setzt er seine Fensterpromenaden und nächtlichen Serenaden fort. Er schmachtet und lockt, macht Versprechungen und überbietet sich in Anträgen. Aber die USP stellt sich spröde. Sein Anerbieten, einen der 5 Sitze der deutschen kommunistischen Partei in der 3. Internationale an die Kautsky und Däumig abzutreten, hat das Herz der Heißumworbenen noch nicht zu rühren vermocht.

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Wohl ist sie ihm einen Schritt entgegengekommen, aber noch hat sie ihn nicht in ihre Arme genommen. So muß der Preis gesteigert werden. Tut’s ein Ring nicht, tut’s vielleicht ein Perlenkollier. Reicht ein Sitz im Rat der Götter nicht aus, so bietet Paul Levi — jeder Zoll ein Kavalier! — die ganze KPD als Morgengabe dar.

Die „Rote Fahne“ in Berlin, das Organ der Zentrale, brachte einen Artikel, betitelt „USP und die dritte Internationale“. Darin wird der Beschluß des Leipziger Parteitags besprochen und die Stellung der KPD dazu untersucht. Schließlich heißt es:

> „... Wir setzen nun den Fall, ... die USP träte in die dritte Internationale ein. Dann hätten wir in Deutschland zwei Gruppen der dritten Internationale. Das würde nichts auf sich haben, wenn die dritte Internationale wäre wie die zweite: alle vier Jahre ein Kongreß, zwischen zwei Kongressen vier Jahre Zeit, in der kein Mensch die Kongreßbeschlüsse befolgt. Ist aber die dritte Internationale wirklich die lebendige Zusammenfassung aller revolutionären Kräfte, so ist ganz klar, daß in einem Lande unter Umständen zwei Gruppen vorhanden sein können, die organisatorisch getrennt sind, zwei Gruppen auch wohl, die sich kritisieren, aber nicht zwei Gruppen, die sich bekämpfen oder Aktionen allein oder gar gegeneinander machen. Denn das wäre nicht Zusammenfassung, sondern Zersplitterung der revolutionären Kräfte.
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> So ist kein Zweifel, daß, wenn die USP in die dritte Internationale aufgenommen wird, das auf unsere Beziehungen zur USP von Einfluß sein muß, selbst wenn organisatorische Änderungen nicht nötig oder nicht einmal empfehlenswert sein sollten ...“

Gesetzt also den Fall, die USP schließt sich der 3. Internationale an — was dann? Dann gibt es in Deutschland zwei revolutionäre Parteien, die USP und die KPD. Sagen wir also konkret: bis zum 31. Januar gehört die USP der 3. Internationale nicht an. Sie wird von uns als gegenrevolutionär gebrandmarkt, in der Presse, in Flugblättern und Versammlungen der Verachtung und Verurteilung durch die Massen ausgeliefert und aufs heftigste bekämpft. Am 1. Februar erfolgt ihre Aufnahme in die 3. Internationale. Und von Tag und Stund an ist sie, ohne daß sie eine innere Veränderung durchgemacht hat, aus einer Gegnerin eine Kampfgenossin geworden. Wir stehen nicht mehr gegen sie, sondern neben ihr. Sie wird nicht mehr von uns bekämpft und gezüchtigt, sondern nur noch nachsichtig kritisiert und wohlwollend auf Fehler aufmerksam gemacht. Über Nacht ist die feige, unklare, doppelzüngige, verräterische Gegenrevolutionärin eine aufrechte, klare, kühne, kampfbereite Revolutionärin — unsere Kampfgenossin, unsere revolutionäre Zwillingsschwester geworden. Über Nacht — welch eine Wendung durch Paul Levis Fügung!

Vergessen ist die Tätigkeit der unabhängigen Volkskommissare in der Reichsregierung vom November bis Ende Dezember 1918. Vergessen der Verrat der USP bei den Kämpfen in Berlin, Bremen, München und im Ruhrgebiet. Vergessen die Parole der Friedensunterzeichnung und die Auslieferung der Revolution an den Entente-

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Imperialismus — alles vergessen, alles vergeben! Obwohl die USP *nichts* bereut und *nichts* gut gemacht, sich *nicht* geändert, nicht politisch gebessert hat, obwohl sie heute noch wie gestern die Köderung der Massen durch ein kommunistisch frisiertes SPD-Programm betreibt, den Rätegedanken verkitscht, die Diktatur verballhornt und die Revolution zu Tode parlamentiert und organisiert — wird sie doch unsere Kameradin, unsere zweite Hälfte, unser anderes revolutionäres Ich.

Ist das ein Witz? Ein schlechter Scherz? Eine alberne Burleske? — Soll man sich als anständiger Mensch über diese unglaubliche Zumutung empören? — Oder soll man nicht lieber mit dem Knüppel hineinschlagen in das erbärmliche Schachergeschäft, das hier mit dem Proletariat und seinen Interessen, seinen politischen Idealen, seinem Heiligtum und Teuersten getrieben wird?

Da — in der USP — ist ein Cohn am Werke, um seine Partei an Ebert und Noske zu verschachern.

Da — in der KPD — ist ein Levi am Werke, um seine Partei an die Hilferding und Crispien auszuliefern.

In der Tat: auszuliefern.

Zwar rechnet der Artikel der Zentrale vorläufig noch mit der Möglichkeit, daß beide Parteien nebeneinander bestehen. Aber wozu eigentlich? Was scheidet sie noch? Was trennt einen Cohn von einem Levi? Etwa der Parlamentarismus? Oder die Gewerkschaftsfrage? Oder die Internationale? Man wird eher USP-Leute finden, die an grundsätzlicher Klarheit und Konsequenz weit über die KPD-Zentrale hinausragen — es sei nur an die Stellung des linken USP-Flügels zum Parlament, zur Gewerkschaft usw. erinnert. Also wozu zwei Parteien, wenn zwischen USP und KPD kein grundsätzlicher und taktischer Unterschied mehr besteht?

Stillschweigend rechnet auch der Artikel der Zentrale mit einer Fusion. Er wagt es nur noch nicht auszusprechen. Darauf muß die Masse erst allmählich, vorsichtig und klug vorbereitet werden. Die formellen Vorbehalte des Artikels sind nur eine Maskerade. *In Wirklichkeit ist die Verbindung der Parteien ganz ernsthaft ins Auge gefaßt.*

Nicht der Standpunkt der Partei sei dabei maßgebend, sondern der der Revolution. Das sagt dieselbe Zentrale, die die Hamburger Räuber und Mörder schimpft, indem sie ihnen nachsagt, daß sie die Partei aufgeben, zerstören oder an die Arbeiter-Union ausliefern wollten. Die Hamburger denken nicht daran, — aber die Zentrale, die die Hamburger verdächtigt, beschuldigt und in Grund und Boden verdammt, ist selbst bereit, die kommunistische Partei an die USP auszuliefern, zu verschachern, zu verkaufen.

Das wirkliche Gesicht der Zentrale wird immer deutlicher. Die Leitsätze, die sie sich — nach brutaler Entfernung der Opposition — von einer gefälligen Mehrheit bestätigen ließ, waren von vornherein als eine Blankovollmacht für eine Auslieferung der KPD an die USP für die Anbahnung

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eines Kompromisses mit der unabhängigen Gegenrevolution und für die Vorbereitung einer Koalitionsregierung von Ebert und Noske über Cohn und Däumig bis Levi gedacht. Jetzt fällt Schleier um Schleier. Die wahre Absicht der Bonzen, die auf dem Rücken des Proletariats zur Macht emporsteigen wollen, wird immer offenbarer.

Noch ist es Zeit, dem Ehrgeiz und Machtkitzel dieser politischen Streber und Schieber ein Halt entgegenzusetzen. Noch kann der Ausverkauf der KPD an die USP verhindert werden. Doch gilt es rasch und entschlossen zu handeln.

Sofortige Sammlung der Opposition, Beseitigung der Bönzen-Zentrale, Neukonstituierung der kommunistischen Partei — das ist die Forderung des Tages.

Das ist die Rettung vor dem Sumpfe, vor dem Untergange, vor dem Versinken in den Pfuhl der unabhängigen Gegenrevolution!

Ans Werk, ehe es zu spät ist!

Rettet die Partei!

*Otto Rühle*

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*Fuente:* Otto Rühle, «An die Mitglieder der KPD», *Die Aktion*, 10. Jg., Heft 1/2, 1920, col. 11-14. Transcripción hecha sobre el facsímil del volumen digitalizado por Google a partir del ejemplar de la University of California (Internet Archive, DieAktion10jg1920, págs. PDF 12-13); el OCR de archive.org solo sirvió de apoyo. Los comentarios `Sp. n` del código marcan el comienzo de cada columna impresa. El espaciado del original se da en cursiva; la cita de la *Rote Fahne*, compuesta en cuerpo menor, como cita en bloque. Las columnas no llevan fecha; el número no se ha podido fechar con más precisión. Se conserva «Bönzen-Zentrale» tal como está impreso (quizá una mancha sobre la *o*). Precede al artículo, en la col. 11, el final de un artículo de Franz Pfemfert contra la Central del KPD; le sigue un poema de A. Dombrowski, «Hymne an Liebknecht!».
