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Title: Zur Parteispaltung
Description: Vorwärts. Berliner Volksblatt, 33. Jg., Nr. 11, 12. Januar 1916, 1. Beilage.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1916-01-12%20Zur%20Parteispaltung
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# Zur Parteispaltung.

Von Otto Rühle.

Ich will kein Wort verlieren über den Wert der Parteieinheit für den Kampf gegen die feindlichen Gewalten des Proletariats. Kein Wort auch darüber, wie unverantwortlich, ja gewissenlos es wäre, diese Geschlossenheit frivol gefährden oder zerstören zu wollen. Das sind für jeden Parteigenossen, welchem Lager er angehöre, selbstverständliche Erkenntnisse und Urteile.

Aber über Parteispaltung *reden* ist noch nicht Parteispaltung *treiben*. Mag man eine Diskussion über Parteispaltung als verfrüht und verfehlt einsehen, weil sie die Propaganda für Mehrheits- oder Minderheitsauffassung erschwert, mag man sie für klärend und nützlich halten, weil das Aussprechen dessen, was ist, ein elementares Gebot ehrlicher Politik bedeutet und letzten Endes sich doch als das taktisch Richtige erweist — ich erachte den Zeitpunkt für gekommen, wo das Thema Parteispaltung auf die Tagesordnung der Parteidiskussion gesetzt werden muß.

Seit langem schon ist die Parteispaltung vorbereitet. Meinungsverschiedenheiten von rechts und links haben tiefe Gegensätze geschaffen und die Partei in zwei Lager geschieden. Wer nach dem Dresdener Parteitage geglaubt hatte, die revisionistisch-opportunistische Strömung sei abgetan, sah sich getäuscht. Unverkennbar trieb mit jedem Jahre mehr die Gesamtpartei, ohne im allgemeinen die radikale Theorie und Phraseologie aufzugeben, der *reformistischen Praxis* zu. Der entschiedenen Linken wurde es, wie die letzten Parteitage beweisen, immer schwerer, ihre Position zu behaupten. In der Reichstagsfraktion entschied häufig genug die An- oder Abwesenheit *eines* Genossen, ob Beschlüsse im grundsätzlichen oder opportunistischen Sinne gefaßt wurden. Ein unerquicklicher und auf die Dauer unhaltbarer Zustand. Der Krieg brachte die Krönung und den Sieg der opportunistischen Politik. Was normalerweise vielleicht noch Jahre zur Reife erfordert hätte, vollendete sich mit einem Schlage. Die erdrückende Fraktionsmehrheit, gestützt und gedeckt vom Parteivorstand, dem Parteiausschuß, der Pressekonferenz, der Generalkommission und den Zentralvorständen, setzte eine Kriegspolitik durch, die sich *praktisch in nichts unterschied von der Politik der bürgerlichen Parteien und der Regierung*. Anerkennung des Burgfriedens, Bewilligung der Kriegskredite, Bekenntnis zur nationalen Solidarität, Preisgabe der grundsätzlichen Budgetverweigerung, Neuorientierung der Taktik nach opportunistischen Gesichtspunkten — das sind die charakteristischen Momente der neuen Aera in der Partei.

*Damit hatte die Sozialdemokratie aufgehört zu sein, was sie vor dem Kriege war.* Eine neue Partei war offiziell an ihre Stelle getreten. Kolb, der offenste und konsequenteste unter den Opportunisten, gibt das rückhaltlos zu. Die obenauf gekommene Richtung in der Partei, erklärt er, vertritt ein ganz neues System. Der Umschwung ist ein völliger Bruch mit der Vergangenheit. Nur die Minderheit um Liebknecht hält noch die Grundsätze aufrecht, die vor dem 4. August 1914 in der Partei geltend waren.

Es stehen sich also gegenwärtig innerhalb der Partei *zwei Parteien gegenüber*. Die alte (Minderheit) mit den alten Parteigrundsätzen mit dem Ziele der Ueberwindung des Kapitalismus, die neue (Mehrheit) mit dem opportunistischen Prinzip des Reformismus und der Anpassung an den Kapitalismus. Die konsequente Rechte erblickt in der Auffassung der Linken unfruchtbare Negation und hoffnungslose Phantasterei, die konsequente Linke verurteilt die Abkehr der Rechten als Verrat an den Grundsätzen des Sozialismus und Auslieferung des Proletariats an seine Feinde. Zwischen beiden Auffassungen und Lagern ist *keine Verständigung und Ueberbrückung mehr möglich*. Wozu diese Tatsache vertuschen, wozu die Augen vor ihr verschließen?

Nach dem Willen der Mehrheit soll die Kriegspolitik der Fraktion zur dauernd geltenden Parteipolitik werden. Wir haben die Rede Heines in Stuttgart und Davids Proklamation der Blockpolitik vernommen, wir wissen, daß die Stellung der Sozialdemokratie zur Monarchie, zum Militarismus, zur Kolonial- und Weltpolitik einer grundsätzlichen Revision unterzogen werden soll. Kolb erklärt: entweder befolgt die Sozialdemokratie künftig eine konsequent reformistische Politik, oder sie ist auf lange Zeit hinaus bankrott.

Die Minderheit ist entgegengesetzter Auffassung. Sie hält die gegenwärtig von der Mehrheit verfolgte und für die Zukunft propagierte Politik für unverträglich mit den Interessen der Arbeiterklasse, ja geradezu für ein Unglück und für den Bankrott des Sozialismus. Ihrer Ueberzeugung nach führt zur Befreiung des Proletariats einzig der Weg, der bis zum 4. August 1914 beschritten worden ist. Deshalb erstrebt sie mit allen Kräften die Rückkehr zur „alten, bewährten, sieggekrönten Taktik“.

Was soll nun werden?

Nehmen wir an, die *Mehrheit* behauptet sich noch während der ganzen Dauer des Krieges. Soll sich dann die Minderheit andauernd unterordnen und alles über sich ergehen lassen, unbekümmert ob dabei Grundsätze und feierlich beschworene Beschlüsse über Bord geworfen werden und die Interessen der Arbeiterklasse schwersten Schaden erleiden?

Die Unterordnung unter den Mehrheitswillen, entsprechend demokratischer Gepflogenheit, war ratsam und unbedenklich, solange mit einer kurzen Kriegsdauer und der baldigen Abhaltung des Parteitags zu rechnen war. Daran ist, wie die Dinge jetzt liegen, nicht mehr zu denken. Große politische Ereignisse werden sich vollziehen, Entscheidungen werden erfolgen, die für das Proletariat von allergrößter Bedeutung sind. Soll, ja darf sich die Minderheit ausschalten lassen, um ruhig und tatenlos zuzusehen, wie die Mehrheitspolitik — ihrer Ueberzeugung nach — schlimmstes Unheil anrichtet? Oder hat sie nicht vielmehr die Pflicht, ohne Rücksicht auf die formalen Gebote der Disziplin, einzugreifen und aktive Politik in ihrem Sinne zu machen? Diese Frage stellen heißt sie bejahen. Mit ähnlichen Gedankengängen hat Kautsky deshalb eine Sonderaktion der Minderheit begründet und gerechtfertigt; ein Teil der Minderheit hat die Argumente und Schlußfolgerungen in parlamentarische Handlungen umgesetzt. Diese Sonderaktion sehe ich für den *ersten Schritt der Fraktionsspaltung* und — konsequent weitergedacht — auch der *Parteispaltung* an.

Gesetzt den Fall, der nächste Parteitag gäbe der *Mehrheit* recht. Was wird dann die Minderheit tun? Wird sie, nachdem sie bereits im Parlament ihren eigenen Weg zu gehen und Politik auf eigene Faust zu treiben begonnen hat, sich dann dem Mehrheitswirken unterwerfen? Wird sie ihre Ueberzeugung aufstecken, ihre Grundsätze begraben, um den meinungslosen Troß der Opportunisten zu bilden? Davon kann absolut keine Rede sein. Also bleibt nur die *Abspaltung*.

Oder aber angenommen, die *Minderheit* wird während des Krieges noch, spätestens nach dem Kriege zur Mehrheit. Was wird dann die Rechte tun? Wird sie sich zerstreuen und von der radikalen Mehrheit aufsaugen lassen? Wird sie sich den Phantasten, Dogmatikern, Kladderadatschpolitikern löblich unterwerfen, um in Zukunft radikale Politik zu machen? Ausgeschlossen. Der Opportunismus wird keineswegs verschwinden, denn die Bedingungen, die seine Entstehung und Entwicklung begünstigten, werden fortbestehen, vielleicht gar besser werden; der Opportunismus ist eben doch keine bloße Erfindung oder Irrung von Menschen, sondern der — wenn auch schiefe und einseitig betonte — Ausdruck bestimmter ökonomischer und sozialer Voraussetzungen. Bei der Konsequenz, mit der bisher die opportunistische Richtung ihre Ziele verfolgte, ist außer Zweifel, daß sie, kann sie sich in der Fraktion und Partei nicht mehr behaupten, resolut die *Abspaltung* vollziehen wird. Das Auftreten der Legien, David, Heine usw. bestätigt dies.

Wie aber nun, wenn weder im einen noch im anderen Falle die jeweilige Minderheit sich zur *freiwilligen Abspaltung* entschließt? Wenn jede — so oder so — erklärt: Einheit der Partei um jeden Preis!?

Die *Linke*, zum Siege gelangt, kann um ihrer selbst willen den Opportunismus nicht gewähren lassen, kann nicht zugeben, daß die Opportunisten als Vertrauensleute in den Aemtern und Redaktionen, Mandaten und einflußreichen Stellungen verbleiben, wenn anders sie nicht gewärtigen will, daß über kurz oder lang der Opportunismus sie wieder überflügelt und beim nächsten Kriege einen neuen Zusammenbruch herbeiführt. Also muß sie die Minderheit, die sich nicht politisch unterwirft, aus der Partei ausschließen. Mit dem Erfolg, daß diese sich als neue Partei konstituiert. Also *Spaltung*.

Umgekehrt wird die *Rechte* als Siegerin in der Partei keine Minute zögern, sich von der unbequemen Opposition der Radikalen zu befreien. Die Versuche in der Fraktion in dieser Richtung, die Anträge Legien, Giebel usw. gegen Liebknecht zeigen zur Genüge, was zu gewärtigen ist. Die Ausgeschlossenen würden sich natürlich sofort wieder zu einer Partei zusammenfinden. Also *Spaltung*.

Man mag die Dinge drehen und betrachten wie man will, *es bleibt nur die Spaltung übrig*. Und ich halte dies für *das konsequenteste, überhaupt das einzig mögliche Verfahren* zur Beendigung des Konfliktes in der Partei.

Es könnte uns kein größeres Unglück passieren, als wenn nach Monaten und Jahren leidenschaftlichster Parteikämpfe, nach einer beispiellosen Zerrüttung des ganzen Parteilebens, nach tausendfachen persönlichen Herabsetzungen, Verdächtigungen, Verketzerungen und Verunglimpfungen ein Mittel gefunden werden sollte, um all die widerstrebenden Elemente, all die heterogenen Tendenzen wieder unter einen Hut zu bringen. Ich wenigstens würde mich für diesen Einheitsparteibrei, diesen form- und wesenlosen Sumpf entschieden bedanken, denn er wäre nicht nur ein *Sumpf der Grundsatzlosigkeit*, sondern auch der *Charakterlosigkeit*. Für den Kampf wäre damit absolut nichts gewonnen, wohl aber alles verloren. Wie sollte ein solches Monstrum von Partei vor dem Feinde bestehen können. Also keine Rede davon!

Gewiß ist es schwer, sich mit dem Gedanken der Parteispaltung vertraut zu machen. Es ist ein Kampf, der große Opfer fordert. Aber schließlich ist die Partei doch nur das *Werkzeug* zur Verwirklichung des Sozialismus, zur Erkämpfung der Demokratie. *Hauptsache ist und bleibt der Sozialismus.*

Ich weiß mich frei von jeder Schuld, die Spaltung der Partei je frivol gewollt oder gefördert zu haben, deshalb berühren mich all die Anwürfe und Schmähungen nicht, die gegen mich geschleudert werden. Aber ich werde befreit aufatmen, wenn die Spaltung vollzogen ist. Denn nur dann ist, meiner Ueberzeugung nach, wieder ein klarer, entschlossener Kampf für die Ziele des Sozialismus möglich.

[Im Anschluß an den Artikel erklärt die Redaktion des «Vorwärts», sie habe sich verpflichtet gehalten, die Einsendung Rühles «im vollen Wortlaut, allerdings mit einigen formalen, durch die bekannten Gründe gebotenen Aenderungen» wiederzugeben, und widerspricht in einer längeren Nachbemerkung Rühles These von der Unvermeidlichkeit der Spaltung.]

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*Fuente:* Otto Rühle, «Zur Parteispaltung», *Vorwärts. Berliner Volksblatt*, 33. Jg., n.º 11, 12 de enero de 1916, 1.er suplemento, pág. [6] del facsímil. Texto de la transcripción del Marxists’ Internet Archive (según *Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung*, Reihe II, Bd. 1, Berlín, Dietz, 1958, págs. 301 ss.), cotejada íntegramente con la imagen de página del facsímil de la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, titleinfo 105554): restituidos el espaciado del original (en cursiva), la ortografía del impreso (*Ueber-*, *Aera*, *Aemter*, *obenauf gekommene*), la puntuación de «Also bleibt nur die Spaltung übrig. Und ich halte…» y «Anträge Legien, Giebel»; corregida la errata de la transcripción «Kladderadatschpolitikem»; suprimidas las llamadas a las notas de los editores de 1958. Según la propia redacción, el *Vorwärts* introdujo en el texto «algunos cambios formales» por razones de censura; no se conoce el manuscrito. La nota final de la redacción se resume entre corchetes.
