---
Title: [Rede im Reichstag über das erwerbstätige Kind]
Description: Verhandlungen des Reichstags. XIII. Legislaturperiode, I. Session, Bd. 292: Stenographische Berichte, 209. Sitzung, Montag, 9. Februar 1914, S. 7125-7129. Rede in der zweiten Beratung des Reichshaushaltsetats für 1914, Etat für das Reichsamt des Innern (Statistisches Amt), über die unveröffentlichte Erhebung von 1904 über die Lohnbeschäftigung von Kindern in Haushalt und Landwirtschaft.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1914-02-09%20%5BRede%20im%20Reichstag%20%C3%BCber%20das%20erwerbst%C3%A4tige%20Kind%5D
---


<!-- Intervención en la segunda lectura del presupuesto del Reich para 1914, presupuesto de la Oficina Imperial del Interior, capítulo de la Oficina Imperial de Estadística, a continuación del discurso del diputado Sivkovich sobre la estadística escolar. Rühle retoma su pregunta n.º 45 de enero de 1913 sobre la encuesta de 1904. Preside el Dr. Kaempf; le responde el secretario de Estado del Interior, Delbrück. -->

<!-- S. 7125 -->

Meine Herren, bei Beratung des Gesetzes betreffend die **Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben** hat der Reichstag am 23. März 1903 eine Resolution angenommen:

> den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, zum Zwecke von Erhebungen über den Umfang und die Art der Lohnbeschäftigung von Kindern im Haushalt sowie in der Landwirtschaft und deren Nebenbetrieben ihre Gründe, ihre Vorzüge und Gefahren insbesondere für Gesundheit und Sittlichkeit sowie wegen zweckmäßiger Bekämpfung dieser Gefahren mit den Landesregierungen in Verbindung zu treten und die Ergebnisse der Ermittlungen dem Reichstag vorzulegen.

In Verfolg dieser Resolution hat am 15. November 1904 eine Erhebung über Umfang und Art der Kinderarbeit in häuslichen, forst- und landwirtschaftlichen Diensten während der Zeit vom 14. November 1903 bis 15. November 1904 stattgefunden. Das gewonnene Material ist aber bis heute, obwohl inzwischen 10 Jahre verstrichen sind, der Öffentlichkeit vorenthalten geblieben.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

Nur Bayern und Lippe haben die Veröffentlichung, und auch diese nur auszugsweise, vorgenommen.

Als ich vor etwa Jahresfrist mir die Anfrage erlaubte, weshalb die Veröffentlichung noch nicht erfolgt sei, wurde von Herrn Ministerialdirektor Dr. Caspar eine etwas merkwürdige, etwas ausweichende Antwort gegeben. Man habe — so hieß es da — die Erhebungen in zwei Teile zerlegt: erstens in solche nach Umfang und Art und zweitens in solche nach Gründen, Vorzügen, Gefahren usw. Hierüber habe man die Landesbehörden, die Schul- und Medizinalverwaltungen sowie fachkundige Personen hören und Gutachten von den Bundesregierungen einfordern müssen, und dieses Material sei von mehreren größeren Bundesstaaten noch nicht eingegangen; sobald es eingegangen sei, werde man die weitere Bearbeitung des Materials vornehmen, worauf die Veröffentlichung erwartet werden könne.

Diese Antwort des Herrn Regierungsvertreters wurde im Reichstage mit lebhaften „Hört-Hört-Rufen“ begleitet. In der Tat war sie auch auffällig und aufsehenerregend genug. Wie zahlreiche Zuschriften an mich und Äußerungen der Presse beweisen, hat sie auch in weitesten Kreisen der Bevölkerung lebhaftes Befremden erregt. In 10 Jahren war also unsere Bureaukratie, deren Fleiß, Pflichttreue und Eifer in hellen Tönen gerühmt wird, nicht in der Lage, dieses außerordentlich wichtige Material über Umfang und Art der **landwirtschaftlichen Kinderarbeit** der Öffentlichkeit zu unterbreiten! 10 volle Jahre brauchte man, um Ärzte, Lehrer und Verwaltungsbeamte zu hören, wie sie über Nutzen, Schaden, Gefahren usw. der landwirtschaftlichen und häuslichen Kinderarbeit denken. Ob man eine so ungewöhnlich lange Zeit auch gebraucht haben würde, um ein paar Gutachten und Sachverständigenäußerungen auch über Fragen und Dinge zu erhalten, an deren Erledigung die besitzende und herrschende Klasse interessiert ist, darf mit Recht bezweifelt werden.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Wenn nun aber die Erledigung des zweiten Teils so viele Schwierigkeiten bereitet, weshalb — entsteht die Frage — nahm die Regierung dann nicht eine Veröffentlichung des ersten Teils, also des gewonnenen Ziffernmaterials vor? Man wende nicht ein, daß das nicht angängig sei. Die bayerische Regierung hat bewiesen, daß dies zu machen ist, und die Beachtung, die gerade die von der bayerischen Regierung veröffentlichten Ziffern gefunden haben, hat gezeigt, daß man damit der Öffentlichkeit einen ganz unzweifelhaften Dienst erwiesen hat. Die Feststellungen über Umfang und Art der Kinderarbeit in den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben stehen auch in gar keinem Zusammenhange mit den Feststellungen über Ursachen, Gefahren, Vorzüge und Nachteile der Kinderarbeit: sie lassen sich vollständig isolieren und sehr wohl selbständig veröffentlichen und auch betrachten. Ja, die Öffentlichkeit hat meiner Auffassung nach ein hohes Interesse daran, sich aus dem Ziffernmaterial selbständig und unbeeinflußt ein Bild zu verschaffen, ein Urteil zu gewinnen und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen;

*(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)*

denn die Gefahr, daß die Regierungen das von ihr zusammengetragene Beurteilungsmaterial, das in der Hauptsache aus amtlichen Quellen gewonnen ist, dazu benutzen wird, das ganze Problem der landwirtschaftlichen Kinderarbeit unter eine Beleuchtung zu rücken, die den herrschenden Kreisen in Preußen und Deutschland ganz besonders günstig ist, ist nicht von der Hand zu weisen.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Die Regierung hat also keinen stichhaltigen Grund, die Veröffentlichung des Materials bis jetzt zu verzögern, oder aber, wenn sie doch einen Grund hätte, dann meiner Auffassung nach nur den, auf den kein Geringerer als Konrad Agahd, der bekannte Sachverständige in Fragen der Kinder-

<!-- S. 7126 -->

arbeit, im „Enzyklopädischen Handbuch für Kinderschutz und Jugendfürsorge“ hingewiesen hat; er schreibt da:

> Die Statistik liegt seit Jahren druckreif im Statistischen Amt des Deutschen Reiches vor. Sie stellt der Kinderfreundlichkeit des Klein- und Großagrariertums augenscheinlich ein so schlechtes Zeugnis aus, daß eine gesetzliche Regelung der Materie, an welche die Regierungen im Hinblick auf die bestehende Leutenot in der Landwirtschaft nur zögernd herantreten, unumgänglich notwendig erscheint.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

Damit scheint Konrad Agahd den Kern der Sache getroffen zu haben. Die Statistik hat aller Wahrscheinlichkeit nach ein so gewaltiges, so gravierendes Material gegen die landwirtschaftliche Kinderarbeit erbracht, daß man es nicht zu veröffentlichen wagt aus Angst vor dem Junkertum. Die Öffentlichkeit würde sich, so fürchtet man, mit großer Entrüstung und gewaltigem Nachdruck gegen das Fortbestehen der landwirtschaftlichen Kinderarbeit im heutigen Umfange wenden, wenn erst die Ergebnisse der Statistik bekannt werden, und ein gesetzliches Verbot der Kinderarbeit in der Landwirtschaft wäre dann unaufschiebbar. Das aber würde den Zorn der Junker hervorrufen.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Darum zögert man, darum wartet man mit der Veröffentlichung.

*(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)*

Darum läßt man Jahre verstreichen, läßt das Material, das vor 10 Jahren gewonnen worden ist, veralten, läßt die Kinder mit ihren Arbeiten auf den Äckern und Viehtriften sich weiter abrackern, wenn nur der Profit der Agrarier nicht geschmälert wird.

Daß es sich bei der landwirtschaftlichen Kinderarbeit um eins der traurigsten und empörendsten Kapitel der menschlichen Ausbeutung handelt, das weiß jeder, der sich damit beschäftigt oder die Wirkungen und Folgen der Kinderarbeit am eigenen Leibe zu spüren bekommen hat. Zum Überfluß haben die **Veröffentlichungen** des in **Bayern** ermittelten **statistischen Materials** diesen Beweis erneut erbracht. Zunächst ist die Zahl der landwirtschaftlich beschäftigten Kinder über alles Erwarten groß. Während die Berufszählung 1895 für das ganze Reich 135 125 landwirtschaftlich beschäftigte schulpflichtige Kinder ergab, hat sich herausgestellt, daß allein in Bayern 1904 über 100 000 landwirtschaftlich beschäftigt waren. Nimmt man dasselbe Verhältnis für das ganze Deutsche Reich an, so muß es in der Landwirtschaft rund zwei Millionen ausgebeutete Kinder, ohne die eigenen Kinder, geben.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

In der Tat schätzte auch Dr. Anton Retzbach schon 1902 im „Oberrheinischen Pastorenblatt“ die Zahl der landwirtschaftlich beschäftigten Kinder genau so groß, auf rund zwei Millionen. Von den 100 500 auf Bayern landwirtschaftlich erwerbstätigen Kindern entfallen 26 954 auf den Hütedienst, 34 076 auf das Kartoffelernten, 32 586 auf Traubenlesen und Hopfenpflücken; dazu kommen dann noch 45 992 auf häusliche Dienste; 4270 Kinder, darunter 40 Mädchen, wurden als Jagdtreiber verwendet.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

Im Sommer haben 16 000, im Winter 1000 Kinder 4 bis 8 Wochen gegen Lohn gearbeitet, reichlich 9000 im Sommer und 2400 im Winter 23 bis 26 Wochen und 10 000 über 26 Wochen.

Daß in Preußen, Mecklenburg, Sachsen, Baden und anderswo die Verhältnisse nicht besser, vielleicht eher noch trauriger sind, darüber kann gar kein Zweifel bestehen bei denen, die die Verhältnisse kennen. Aber es wäre doch wertvoll gewesen, hierüber durch eine amtliche Statistik sicheres und zweifelsfreies Material in die Hand zu bekommen. So ist man auf gelegentliches Material, besonders auf **Feststellungen** und **Äußerungen aus Lehrerkreisen,** angewiesen. Die Lehrer haben allerdings ausgezeichnete Gelegenheit, die Wirkungen der landwirtschaftlichen Kinderarbeit aus nächster Nähe zu beobachten. Ich habe hier die Äußerungen zahlreicher Lehrer, von denen ich eine aus der „Preußischen Lehrerzeitung“ mit Genehmigung des Herrn Präsidenten verlesen darf:

> Wie verläuft denn eigentlich ein Tag in diesem Kinderparadies für die Kinder in normalen Zeiten? Mann und Frau gehen gegen 5¼ Uhr zur Arbeit. Dann müssen die Kinder natürlich aufstehen, damit die Mutter die Kleinen noch schnell zur Schule waschen und fertigmachen kann. Die größeren Kinder müssen die Wohnung in Ordnung bringen und manchmal auch noch das Vieh besorgen. Nun werden Schularbeiten gemacht. Um 7 Uhr beginnt für die größeren Kinder die Schule, die gewöhnlich bis 10 Uhr dauert; die kleinen Kinder haben von 10 bis 12 Uhr Unterricht. Die kleinen Kinder müssen in der Zeit von 7 bis 10 Uhr oft Gras, Brennesseln usw. für das Vieh besorgen; kommen die größeren aus der Schule, dann haben sie Holz zu zerkleinern, Futter für das Vieh zu kochen und das Mittagessen vorzubereiten. Die Eltern kommen um 12 Uhr nach Hause und gehen mit den Kindern gegen 2 Uhr zur Arbeit, die je nach der Jahreszeit um 7, 7½ oder 8 Uhr endigt; ich habe schon oft gesehen, daß siebenjährige, ja sechsjährige Kinder ländliche Arbeiten auf dem Gutsacker oder in der Forst verrichten. Die Kinder müssen einfach verdienen helfen, da es für die Eltern schwer hält, sie in ordentlicher Weise zu ernähren, wenn die Familie stark ist. Kommen die Kinder dann des Abends nach Hause, so müssen sie oft noch einmal aufs Feld, um Futter für das Vieh zu suchen. Dann ist es bei der Rückkehr meistens 9 Uhr geworden; daß ein Kind dann keine Schularbeiten mehr anfertigt, wer wollte es ihm verdenken? Schlimmer als in diesen normalen Zeiten ist es für die Kinder während der Ferien, die doch wohl zur Erholung da sein sollen. Die Zeit der Getreide- und Kartoffelernte stellt an die Kinder ganz bedeutende Anforderungen, sodaß sie oft blaß und abgearbeitet nach den Ferien zur Schule kommen, um sich bis zu den nächsten Ferien zu erholen! Wann wird endlich ein Gesetz kommen, das die 10- bis 12stündige ländliche Arbeit der Kinder, wofür sie oft nur 50 Pfennig im Tagelohn bekommen, wenigstens dem Semmelaustragen morgens oder dem Zeitungsaustragen abends gleichstellt? Über das Kinderelend auf dem Lande könnten die Landlehrer ganze Bände schreiben, und wenn die armen Kinder auch öfter den Sonnenschein haben als die Stadtkinder, so kennen sie doch den Sonnenschein der Jugend fast nie!

Das ist die Stimme eines Lehrers. Dutzend- und hundertfach ließen sich diese Stimmen vermehren. Auch die Stimme von Ärzten verdient gehört zu werden. Ich habe hier die Auslassungen, die der amtliche Schularzt des Fürstentums Lippe, Medizinalrat Dr. Volkhaus in Detmold, veröffentlicht hat. In einem Berichte über die Beschäftigung von Kindern in landwirtschaftlichen Betrieben schreibt er:

> Ich möchte einen Unterschied machen zwischen denjenigen Schulkindern, die tagsüber nur einige Stunden in landwirtschaftlichen Betrieben be-

<!-- S. 7127 -->

> schäftigt sind, und denjenigen, die dauernd auf Monate den Landleuten in Kost und Wohnung übergeben werden. Gegen ersteres kann man wohl nichts einwenden;

— darüber, meine ich, ließe sich streiten —

> das andere aber möchte ich bitten, strikte zu untersagen. Es fehlt ja jegliche Kontrolle. Wer leistet Gewähr dafür, daß die Kinder nur zum Futterholen und zum Füttern und Hüten von Vieh benutzt werden? Bei dem schleichenden Leutemangel oder wenn Gefahr im Verzuge ist, wird sich keiner besinnen, auch stramme und schwere Arbeit von ihnen zu verlangen, der ihr schwacher Körper auf die Dauer nicht gewachsen ist. Es mangelt ihnen ferner die nötige Zeit zum Spielen; keiner hält sie zum Lernen an. Es fehlt ihnen die elterliche Liebe; sie werden ihren Geschwistern und Eltern entfremdet. Auch die sittlichen Gefahren sind sehr groß für solche Kinder; denn man weiß doch, welch derber Ton oft in den Gesindestuben herrscht. Es haben mir Lehrer erzählt, daß solche Kinder ermüdet am Morgen zum Unterricht kommen, demselben entweder nicht folgen oder gar einschlafen. In einer Schule wurden folgende Angaben gemacht: ein zehnjähriger Junge hat dieses Frühjahr drei Nächte hintereinander im Schweinestall wachen müssen und nur eine Stunde Schlaf gehabt. In derselben Schule hat ein anderer Knabe voriges Jahr und dieses Jahr zweimal mehrere Wochen lang eine um die andere Nacht im Schweinestall aufpassen müssen. Beide Knaben haben dann mit Erlaubnis des Lehrers in der Schule geschlafen. In einer andern Schule hieß es: viele Kinder sind bei den Bauern übermäßigen Anstrengungen ausgesetzt. Sie haben keine Zeit zu den Schularbeiten, müssen früh heraus und spät zu Bett und sind daher schläfrig. Einem anderen Knaben hat der Lehrer Geld zu Seife gegeben, da er sich ständig hat im Teiche waschen müssen. Ein anderer Lehrer derselben Schule erklärte, er habe stets für derlei Kinder Seife bereit liegen. In einer anderen Schule wurde infolge der landwirtschaftlichen Arbeiten geradezu über Abnahme der Intelligenz bei den älteren Kindern geklagt usw.

Wenn über die Abnahme der Intelligenz besonders geklagt worden ist, so kommt das den Wünschen der junkerlichen Arbeitgeber entgegen; denn nach deren Auffassung ist ja der dümmste Arbeiter der beste. Aber auch die Regierungen scheinen sich nicht für verpflichtet zu halten, durch einen geordneten und straff durchgeführten Schulunterricht das geistige Niveau der bedauernswerten in der Landwirtschaft schwer ausgebeuteten Kinder zu heben. Es erfolgen Dispensationen aller Art für Heuernte, Jagd, Kartoffelausmachen, es werden Rübenferien abgehalten. Oft erfährt der Unterricht tagelang und wochenlang Unterbrechungen, damit Buch und Tafel mit Hacke und Rechen vertauscht werden können.

In wie hohem Maße besonders die preußische Regierung die dienstbereite Helferin des Agrariertums ist, dafür sind die Vorschriften für die Erteilung der **Hüteerlaubnis an Schulkinder** ein geradezu klassisches Beispiel. Es erhalten nach den Bestimmungen der preußischen Regierung den Hüteschein Schulkinder von 11 Jahren, und zwar in der Zeit vom 15. Mai bis zum 1. November. Voraussetzung soll dabei sein, daß das Kind arm ist, daß es sich gut geführt hat, und daß es gute Leistungen in der Schule aufzuweisen vermag,

*(hört! hört! bei den Sozialdemokraten)*

gute Leistungen in einer Halbtagsschule vielleicht mit 150 und mehr Kindern, die alle von demselben Lehrer versorgt werden müssen. Kein Wort steht in diesen Bestimmungen über die Dauer der Arbeitszeit. Dabei ist bekannt, daß gerade in der Landwirtschaft während des Sommers die Arbeitszeit eine ganz unmenschlich lange ist. Sie dauert im Sommer in der Regel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, durchschnittlich 16, 17, 18 Stunden; 11 Jahre alte Kinder müssen diese unmenschlich lange Arbeitszeit durchmachen, oft wochenlang, monatelang, ja oft mehrere Jahre hintereinander, solange sie noch Kinder sind, und die Arbeitslast und Arbeitsqual auf dem Felde hat nichts von der Poesie, womit gedankenlose Schwärmer das Hirtendasein zu umkleiden pflegen. Nicht bloß, daß den Kindern alle Freiheit zu Spiel und Geselligkeit geraubt ist, sie sind auch Wind, Regen und allen Unbilden der Witterung ausgesetzt, werden sehr oft von den landwirtschaftlichen Arbeitgebern mißhandelt. Dazu kommt die Vereinsamung, der sie überliefert sind. Da jede ablenkende geistige Tätigkeit fehlt, verfallen sie leicht geschlechtlichen Verirrungen oder verüben Baumfrevel, Tierquälereien, oder kommen zu anderen schlimmen Dingen. Wie der Pastor Wittenberg in seinem bekannten Buche über die Sittlichkeit auf dem Lande aus Brandenburg berichtet, „geben sich die kürzlich konfirmierten Hütemädchen zum größten Teil rückhaltlos preis“, und es ist kein Zufall, daß unter den Mädchen der Fürsorgeerziehung 48 Prozent ehemalige Dienstmädchen sind.

Bezüglich der körperlichen Beschaffenheit der in der Landwirtschaft beschäftigten Kinder hat Dr. Heynacher in Graudenz nachgewiesen, daß die körperliche Konstitution der Hüteknaben allgemein ganz außerordentlich schlecht sei. Bezüglich der Gesundheitsverhältnisse der Mädchen teilte mir erst dieser Tage ein vielbeschäftigter Frauenarzt mit:

> Es ist erschreckend, in welcher Weise junge Mädchen, sogenannte Kleinmägde, durch die schweren Arbeiten im Stalle und durch Lastentragen im Unterleib zugerichtet werden. Es gibt keine bäuerliche Kleinmagd, die nicht an den Folgen traumatischer Arbeitsschädigungen unterleibsleidend wäre. Das ist meine langjährige Erfahrung. Die Kleinmägde von kaum 14 Jahren müssen bei karger Kost meist Männerarbeit verrichten, lernen nichts fürs Leben und sind wahre Arbeitstiere.

Die unmenschlich lange Arbeitszeit findet nicht einmal an allen Sonntagen eine Unterbrechung; denn nach den Bestimmungen der preußischen Regierung ist der Arbeitgeber nur verpflichtet, die Kinder zweimal im Monat am Gottesdienst teilnehmen zu lassen. Die Stelle des Vaterunsers, für Hütekinder ins Ostelbische übersetzt, lautet: Du sollst alle 14 Tage einen halben Feiertag heiligen. An den anderen Sonntagen verschlägt es nichts gegen Gottes Gebot und gegen die christliche Moral, daß man die Kinder wie an Wochentagen 16 bis 18 Stunden arbeiten läßt.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

Und wie steht es mit dem **Schulbesuch?** Auch hierüber hätte eine amtliche Statistik genau Auskünfte zu geben. Die Regierung ordnet an, daß **Hütekinder** die Schule wöchentlich an zwei Vormittagen besuchen müssen, und diese zwei Vormittage, die für Hütekinder fast durchweg den ganzen Unterricht ausmachen, werden vom Kreisschulinspektor „unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse“ ausgesucht. Nun denke man an die rückständigen und mangelhaft organisierten und gegliederten Schulen Ostelbiens, an die überfüllten Schulklassen, an den Lehrermangel, an die Dürftigkeit des Lehrplans. Man stelle sich weiter den schlechtbesoldeten und überlasteten Lehrer, die übermüdeten Kinder vor, die vor Beginn des Unterrichts oft schon 3 bis 4 Stunden tätig gewesen sind, und man

<!-- S. 7128 -->

wird begreifen, warum es den armen Geschöpfen nie möglich ist, den Bann der geistigen Finsternis zu durchbrechen, den die Profitgier der Ausbeuterklasse über sie verhängt hat.

Ich führe alle diese Dinge an, meine Herren, um zu zeigen, wie notwendig es ist, hierüber durch eine Statistik nähere und umfassendere Auskünfte zu erhalten. Was uns bis jetzt an Tatsachen zu Gebote steht, fordert so laut und so eindringlich die Beseitigung des heutigen Zustandes,

*(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)*

daß es einer Unverantwortlichkeit gleich kommt, einer Gewissenlosigkeit, noch länger mit der Veröffentlichung des statistischen Materials zu warten.

*(Glocke des Präsidenten.)*

[Präsident Dr. Kaempf: der Redner dürfe der Regierung nicht vorwerfen, daß sie beinahe gewissenlos sei, indem sie das Material nicht veröffentliche. *(Zuruf des Abgeordneten Rühle.)* — Aber mit andern Worten!]

Es sind hier Menschenwerte in Gefahr, und es handelt sich um den Schutz des Kostbarsten der Nation, um den Nachwuchs des Volks, an dem unerhörter wirtschaftlicher Raubbau getrieben wird, indem er der körperlichen, geistigen und sittlichen Verwahrlosung ausgeliefert wird.

Diese Gefahren drohen noch eine Steigerung zu erfahren, denn die **Landwirtschaftskammern** suchen den Umfang der **Kinderarbeit** nach Möglichkeit zu erweitern. So heißt es im Jahresbericht von 1904 der Landwirtschaftskammer von Westpreußen:

> Dem fortschreitenden Arbeitermangel wußten die landwirtschaftlichen Arbeitgeber neuerdings erfolgreich mit vermehrter Beschäftigung von Kindern entgegenzutreten. Dieses Aushilfemittel gegenüber der Arbeiterkalamität hat sich namentlich zur Erntezeit als sehr wirksam erwiesen.

*(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)*

Die Beseitigung des Arbeitermangels soll also durch Vermehrung der Kinderarbeit und Verkürzung des Schulunterrichts erreicht werden. Es ist noch nicht genug, daß in Preußen der zehnte Teil aller Kinder in einklassigen Schulen unterrichtet wird, daß nahezu eine Million Kinder in Halbtags- und Zweiklassenschulen geistig verkümmert, daß Millionen von Kindern in überfüllten Klassen nur dem Namen nach einen Unterricht erhalten, und daß es möglich war, die Zahl der Halbtagsschulen von 2879 auf 7873 zu vermehren, sondern es soll noch eine weitere Verschlechterung der Zustände erfolgen. Rübenziehen ist anscheinend wichtiger als Lesen und Schreiben. Der Herr Abgeordnete von Gamp hat sich vor einigen Jahren zum Sprachrohr dieser junkerlichen Wünsche in diesem Hause gemacht, indem er die Verlegung des Schulunterrichts auf 6 bis 9 Uhr morgens verlangte. Dann befänden sich, so führte er aus, die Kleinbauern in der Lage, ihre Kinder und die Kinder der landwirtschaftlichen Arbeiter fast den ganzen Tag auszunützen, und es wäre für sie ein großer Vorteil.

In Süddeutschland hat der Mangel an Arbeitskräften, der, wie wir wissen, durch schlechte Behandlung und schlechten Lohn verschuldet ist, dazu geführt, daß förmlich **Kindermärkte** abgehalten werden, besonders **in Friedrichshafen,** wo Kinder aus Vorarlberg in Tirol unter Führung von Geistlichen an Bauern für den ganzen Sommer verdingt werden. Ich habe hier die Schilderung eines Kindersklavenmarktes, der das Widerlichste und Empörendste ist, was ich jemals über dieses Kapitel gelesen habe. Der Mitarbeiter der „Mannheimer Volksstimme“, der vor ein paar Jahren den Ort aufsuchte, um Augenzeuge der empörenden Vorgänge zu sein, entwirft von diesem Kindersklavenhandel in Friedrichshafen folgende Schilderung, die ich mit Erlaubnis des Herrn Präsidenten Ihnen vorzulesen mir gestatte:

> In den ersten Frühstunden des 28. Oktober fuhr ich nach Friedrichshafen am Bodensee, dem Sammelplatz der „Hütekinder“, um einmal mit eigenen Augen diesen unwürdigen Sklavenhandel anzuschauen. In zahllosen Scharen waren die armen Buben und Mädchen aus Tirol, die den Sommer über bei den Bauern des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, der Alb und des Algäus das Vieh gehütet und andere landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet hatten, zusammengeströmt, um in gemeinsamem Schub auf den Winter wieder in ihre Heimat zurückbefördert zu werden. Und wahrhaftig, ich habe kaum einmal etwas Menschenunwürdigeres gesehen. Seit dem frühesten Morgen lungerten zahlreiche Kinder, darunter noch nicht zehnjährige, in den Straßen herum. Die Bauern der Umgebung bringen die Kinder zeitlich früh in die Stadt, und nur einen einzigen Arbeitgeber konnten wir beobachten, der bis zur Ankunft der Geschäftsführer des Hütekindervereins, der Landecker Geistlichkeit, bei seinem Hütekind blieb. Alle übrigen waren vor und nach Ankunft der Geistlichen allein. Stundenlang saßen die Kleinsten völlig unbeweglich und trübselig auf ihren Kleidersäcken. Widerlich und beschämend für Tirol und die Veranstalter dieses Sklavenverkaufes war das Treiben der größeren Kinder. Unter Gejohle, Schreien und Mundharmonikaspielen durchzogen sie die Stadt, alle eine Zigarre in der Hand.

*(Glocke des Präsidenten.)*

[Präsident Dr. Kaempf: es führe zu weit, so viele Zeitungsartikel vorzulesen; er bittet den Redner, sich mehr an das Thema „Statistisches Amt“ zu halten. *(Sehr richtig! rechts.)*]

Ja, ich möchte gerade aus der Verlesung dieser Stimmen und dieser Berichte von Augenzeugen nachweisen, wie ungeheuer notwendig es erscheint, daß das von den Regierungen ermittelte Material endlich der Öffentlichkeit übergeben wird — das Material, das bis jetzt zehn Jahre im Archiv des Statistischen Amts lagert und von dessen Veröffentlichung ungeheuer viel für die Entscheidung darüber abhängt, was künftighin zur Beseitigung solcher Mißstände und haarsträubenden Vorkommnisse geschehen soll.

*(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)*

Ich folge dem Verlangen des Herrn Präsidenten und breche die Verlesung ab. Nur auf die Schlußsätze möchte ich noch verweisen, in denen der Berichterstatter und Augenzeuge sagt, daß es die Aufgabe der ganzen Nation sein müsse, diese himmelschreienden Zustände eines solchen Kindersklavenhandels zu beseitigen.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Nun sind wir der Meinung, daß es sich nicht bloß um die Beseitigung dieses Kindersklavenhandels handeln kann, sondern um die Beseitigung der Kindersklaverei überhaupt.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Ihr Bestehen ist nach unserer Auffassung eine Versündigung nicht bloß an den reifenden Kräften und wachsenden Werten der Gegenwart, damit greift man auch verwüstend und zerstörend in die Zukunft hinein.

Es wird soviel von Jugendpflege geredet, und gerade die Kreise, die die Aufrechterhaltung dieser Zustände ver-

<!-- S. 7129 -->

schulden, unterhalten sich über körperliche Ertüchtigung, fordern die Erhaltung der Volkskraft . . .

*(Glocke des Präsidenten.)*

[Präsident Dr. Kaempf bittet den Redner wiederholt, sich an das Thema zu halten. *(Bravo!)*]

Das war nur ein Vordersatz, dem ich sogleich den Schlußsatz zugefügt hätte, wenn der Herr Präsident nur einen Augenblick zu warten die Liebenswürdigkeit gehabt hätte.

*(Glocke des Präsidenten.)*

[Präsident Dr. Kaempf verbittet sich jede Kritik seines Verfahrens. *(Lebhaftes Bravo.)*]

In diesen Worten sollte keine Kritik liegen.

[Präsident Dr. Kaempf: es liege aber eine Kritik darin, und er verbitte sie sich. *(Lebhaftes Bravo.)*]

Es war nur der Versuch, zu rechtfertigen — —

*(Glocke des Präsidenten.)*

[Präsident Dr. Kaempf bittet den Redner, sich seinen Anordnungen zu fügen. *(Bravo!)*]

Wenn man also von Jugendpflege spricht, dann meine ich, daß die beste Jugendpflege darin liegt und nur darin liegen kann, daß man die Jugend vor Ausbeutung schützt, daß man sie nicht solch unwürdigen Zuständen der Ausbeutung unterwirft.

*(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)*

Man soll der Jugend des Volkes den Schutz zuteil werden lassen, den jede junge Pflanze genießt, den man jedem Nutztier und Zuchttier, jedem Fohlen im bäuerlichen Gutshof gewährt. Namens meiner Fraktion — und ich darf wohl hoffen: der übergroßen Mehrheit dieses Hauses —

*(na! na! bei den Sozialdemokraten)*

spreche ich die bestimmte Erwartung aus, daß eine recht baldige, schleunige Veröffentlichung des Materials über den Umfang und die Art der landwirtschaftlichen Kinderarbeit erfolgt, damit mit den Vorarbeiten für den Schutz auch der landwirtschaftlich ausgebeuteten Jugend endlich begonnen werden kann.

*(Beifall bei den Sozialdemokraten.)*

---

*Fuente:* Verhandlungen des Reichstags, XIII. Legislaturperiode, I. Session, Bd. 292, 209. Sitzung (9. Februar 1914), S. 7125-7129. Transcripción hecha a partir del facsímil digital de la Bayerische Staatsbibliothek (Digitale Sammlungen, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00003388?page=531), leyendo las imágenes; un OCR propio (tesseract) sirvió de apoyo. Se transcriben solo las intervenciones de Rühle; las del presidente, Dr. Kaempf, se resumen entre corchetes, y se conservan las anotaciones taquigráficas de las reacciones de la sala. Las citas, compuestas en el acta con sangría, van como bloques citados (en la del Dr. Volkhaus, Rühle intercala un inciso propio, que va fuera del bloque); la negrita reproduce la del acta. Se conservan las irregularidades del impreso («die Regierungen das von ihr zusammengetragene … benutzen wird», «Vorarlberg in Tirol», «Algäus», «einer Unverantwortlichkeit gleich kommt»). Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
