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Title: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, Juni 1913
Description: Erziehungs-Beilage „Das proletarische Kind“, hg. von Otto Rühle, Juni 1913; hier nach der Ausgabe der Arbeiter-Zeitung (Essen). Unsignierte Beiträge.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1913-06%20Das%20proletarische%20Kind.%20Erziehungs-Beilage%2C%20Juni%201913
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<!-- El suplemento ocupa cuatro páginas sin paginación impresa (en el facsímil, dos imágenes de doble página giradas: la primera reúne las págs. [4] y [1], la segunda las págs. [2] y [3]). Cabecera: «Das proletarische Kind · Juni · Erziehungs-Beilage · 1913». -->

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> Die Fehler, die zu tief dir waren eingeprägt,
> Sie plagen dich noch lang, wenn du sie abgelegt;
> Zum Vorschein kommen sie an deinen Kindern wieder,
> Und durch Erziehung kämpfst du sie noch einmal nieder.
>
> Fr. Rückert.

## Die Spruchpest.

Spricht man von der Lern- und Drillschule, so denkt man unwillkürlich an die Plage des Auswendiglernens, das auf allen Schulen mit Eifer geübt wird; in erster Linie an das *Memorieren biblischen Lernstoffes*, den Gott als Mittel besonderer Menschenquälerei den Pädagogen in Stadt und Land gegeben zu haben scheint. Eine wahre Spruchpest wütet noch immer in den Schulen, die Gehirne der Kinder verderbend, ihr Gedächtnis verwüstend, ihre Herzen vergiftend. Und mit hartnäckiger Zähigkeit halten alle, die an der Verblödung und Verängstigung des Volkes ein Interesse haben, wie an der religiösen Unterweisung und Abrichtung, so auch an dem greulichen Schulübel des Auswendiglernens fest.

In *Preußen* forderten die „Regulative“, daß 180 Sprüche auswendig gelernt werden mußten. Die „Allgemeinen Bestimmungen“ von 1872, die noch immer die Stelle eines preußischen Volksschulgesetzes vertreten, enthalten keine ausdrückliche Angabe bezüglich der Zahl, wohl aber fühlte sich die Merseburger Regierung 1886 veranlaßt, zu verordnen, daß die Gesamtzahl der zu lernenden Sprüche auch in mehrklassigen Schulen 180 nicht übersteigen solle. Wie muß da die Spruchpest gewütet haben! Einige der verbreitetsten Religionsbücher enthalten denn auch eine weit größere Anzahl von Sprüchen; Armstorff z. B. 327, Ostwald und Lucks 253. Vor Jahren haben die vereinigten Provinzial-Synoden Preußens auf ihrer Tagung eine Einigung dahin erzielt, daß für alle Schulen mindestens 110 Sprüche aus dem neuen, 20 bis 40 aus dem alten Testament, sechs Psalmen, 20 Kirchenlieder und die fünf Hauptstücke aus Luthers Katechismus, außerdem der Wortlaut der biblischen Geschichten als religiöser Memorierstoff vorgeschrieben sein sollen.

Im Königreich *Sachsen* fordert der Lehrplan für die Volksschulen evangelischer Konfession die fünf Hauptstücke, 168 Gesangbuchstrophen, 150 Bibelsprüche, 35 Choralmelodien und 140 biblische Geschichten. Das ist das Minimum, wie ausdrücklich vermerkt ist. In den vielumstrittenen „Zwickauer Thesen“ verlangt die sächsische Lehrerschaft unter Punkt 6: „Der religiöse Lehrstoff ist nach pädagogisch-psychologischen Grundsätzen neu zu gestalten und *wesentlich zu kürzen*, der Lernzwang zu mildern.“ Auf der Vertreterversammlung des Sächsischen Lehrervereins 1912 wurde von den vereinigten Religionskommissionen gewünscht, daß man die Kinder nur solche Sprüche und Lieder lernen lassen möchte, „die besonderen Wert für das spätere Leben des Kindes haben“; die Lernstoffe seien der Bibel, dem Gesangbuch und der weltlichen Literatur zu entnehmen; insgesamt kämen 60 Sprüche mit 102 Versen und 14 Lieder mit 51 Strophen in Betracht.

Drückt sich in diesen Vorschlägen und Forderungen auch eine nicht unbedeutende Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes aus, so ist damit das Uebel doch *noch keineswegs beseitigt*. „Es ist ein Unding“ — heißt es in der bekannten Denkschrift der Bremer Lehrer gegen den Religionsunterricht — „die Kinder mit Bibelsprüchen und Gesangbuchversen zu plagen, in denen fast jedes Wort ihnen unverständlich ist, und es raubt ihnen alle Lust und Liebe zur Sache, wenn sie unaufhörlich acht Jahre hindurch dieselben Stoffe aufs neue durcharbeiten müssen.“ Gegen solche Kraft- und Zeitvergeudung, die obendrein eine geradezu barbarische Quälerei der Kinder darstellt und mit der Verwüstung des Gedächtnisses und der Korrumpierung des Intellekts bezahlt werden muß, erheben alle aufgeklärten Menschen, alle Freunde der Jugend und einer vernünftigen Erziehung entschiedensten und lautesten Protest, und fordern *die völlige Beseitigung dieser Auswendiglernerei*.

Als Luther vor 400 Jahren den Katechismus schrieb, konnte er nicht ahnen, daß diese grobschlächtige und dabei doch durchaus abstrakte Zusammenfassung der protestantischen Glaubenslehre durch Jahrhunderte *das Kreuz und der Leidensquell für Legionen von Kindern* werden würde, die eine zum Rasendwerden blödsinnige Pädagogik zwingt, ihn auswendig zu lernen. Diesterweg hat ihn „das abstrakteste aller Schulbücher, das jemals geschrieben worden ist“, genannt; „wer ihn liest und sich nicht entsetzt, wenn er zugleich an ein Kind denkt, das ihn auswendig lernen soll, an dessen Verstand zweifle ich, denn es ist *das für die Kinder furchtbarste aller Bücher*“.

Nicht geringer ist meist die Qual, die das Memorieren *von biblischen Geschichten* bereitet, deren verschrobene Satzkonstruktionen, veraltete Ausdrücke und unverständliche Bilder und Vergleiche dem kindlichen Geiste völlig ungenießbar sind. Der Lehrer Meyer-Markau hat über zweihundert vorzugsweise hebräische Namen aus dem Religionsbuche von Armstorff zusammengestellt; sollte man es für möglich halten, daß deutschen Kindern zugemutet wird, so viele Namen einer fremden Volksgeschichte seinem Gedächtnis einzuverleiben? Man sagt, die Religion sei notwendig *der Sittlichkeit willen* — nun gut, *wird man sittlich besser*, wenn man Ahab von Ahas, Elieser von Eleasar, Abimeleck von Abimelech unterscheiden kann, wenn man von Moabitern, Midiamitern und Amalekitern, von der Hexe zu Endor oder von Bileams Eselin zu berichten weiß? Was hat das mit Sittlichkeit zu tun? Und was soll sich das Kind denken, wenn es lernt: „Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blute“, oder: „Gib mir, mein Sohn, dein Herz, und laß meinen Augen deine Wege wohlgefallen.“ *Garnichts* kann sich das Kind denken, es sei denn etwas Törichtes. *Hier hört alle und jede Berechtigung des Auswendiglernens wie der Religionsunterweisung überhaupt auf*, hier hat man es mit bloßer Wortdrescherei zu tun, hier wütet die Spruchpest verheerend wie eine Seuche.

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„Man zerbricht sich“, so schrieb einmal der Pfarrer Bonus, „den Kopf darüber, weshalb Luther so unpopulär unter uns geworden ist. *Weil jedes seiner Worte vom Schulekel trieft.* … Wem die Schule acht bis zwölf Jahre lang mindestens zweimal wöchentlich alle Höhen und Tiefen der Religion „erklärt“ hat, *der hat für Zeit und Ewigkeit genug daran.* …“ „Dieses duft- und weihelose Ding, das die Kinder dann Religion nennen“, so fügte Pfarrer Kalthoff hinzu, „verfolgt sie unter diesem Namen ihr Leben lang. *Es erregt ihnen ein Gefühl der Angst und Beklemmung* in der Erinnerung an die *seelischen Torturen*, die sie einst auf den Schulbänken in den sogenannten Religionsstunden durchgemacht haben. …“

Aus der ganzen Misere des Religionsunterrichts und dem Jammer der Memorierplage führt nur *ein* Weg zur Befreiung: *Fort mit dem Religionsunterricht aus der Schule!*

## Geschlechtliche Aufklärung.

Sehr früh regt sich im Kinde der Drang, das Geheimnis von der Herkunft des Menschen zu ergründen. Es sind recht heikle Fragen, die solch kleine Wißbegierde in aller Unschuld und Naivität an Vater oder Mutter richtet. „*Woher kommen die kleinen Kinder?*“ „Mutter, wie bin ich auf die Welt gekommen?“ Zunächst geht man einer Antwort vielleicht dadurch aus dem Wege, daß man den kleinen Frager auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. „Wenn du größer bist, erzähle ich dir, wie du zur Welt gekommen bist.“ Diese Taktik ist gewiß nicht falsch, wenn man die Gewißheit hat, daß das Kind sich inzwischen nicht an eine andere Person um Auskunft wenden wird. Rousseau und Salzmann meinten, daß es ein idealer Zustand sei, wenn es gelänge, das Kind bis zu den Jahren der Mannbarkeit in Ungewißheit über geschlechtliche Dinge zu erhalten. Aber dieser ideale Zustand kann nur in ganz seltenen Fällen erreicht werden, daher ist die Taktik des Vertröstens immer ein gewagtes Experiment. Rousseau betonte dann auch schon: „Wenn es nicht möglich ist, das Kind bis zum 16. Lebensjahre unwissend zu erhalten, so sorge, daß es bis zum zehnten aufgeklärt wird.“ Sehr bald tritt das Kind, das sich wirklich vertrösten ließ, mit drängender Ungeduld wieder an die Eltern heran und verlangt Aufschluß. Und wie lautet nunmehr in neunundneunzig von hundert Fällen die Antwort der Eltern? — „*Die kleinen Kinder bringt der Klapperstorch.*“ Der wißbegierige kleine Frager ist verwundert und macht sich allerlei Gedanken über das Wie und Wo und Was, vielleicht hat er auch noch ungezählte Fragen an die Eltern zu stellen: ob der Storch das Kind tragen könne, ob er es nicht fallen lasse, ob die Kinder in dem Teiche nicht frieren, ob sie schwimmen können, ob der Storch auch im Winter die Kinder bringt usw. Sei es, daß man all diese Fragen beantwortet, sei es, daß man dem Kinde zu schweigen gebietet, die Sache ist und bleibt den Eltern auf alle Fälle peinlich und sie sind froh, wenn die Kinder nicht wieder daran rühren.

Das ist *ein ungesundes und unwahres Verhältnis* zwischen Eltern und Kindern. Die Erziehung des werdenden Menschen erfordert vor allem Wahrheit, darum schulden wir unseren Kindern einen Einblick in die Dinge des Lebens, wie sie wirklich sind, wenn wir wünschen wollen, daß das künftige Geschlecht tüchtig werde für die Erfordernisse und Aufgaben des Lebens. „Wie können wir es verantworten, die Kinder in Blindheit und Unwissenheit oder, was noch schlimmer ist, in völliger Verkennung von Zusammenhängen und Tatsachen aufwachsen zu lassen, die nicht Schuld und Sünde bedeuten, sondern die Ergänzung und Vollendung des Lebens, und die eines Tages einen Platz in dem Leben eines jeden beanspruchen werden und beanspruchen sollen?“ In den meisten Fällen schenkt das Kind zunächst den Eltern Glauben. Aber bald wird es von anderer Seite — durch Spiel- und Schulkameraden, Freunde oder Freundinnen, Dienstboten oder Erwachsene — *über den wirklichen Sachverhalt aufgeklärt*. Diese Aufklärung fließt nie aus lauteren Quellen, erfolgt nie in wohlmeinender Absicht, besteht nie in einer sachlichen, wissenschaftlich objektiven und vorurteilsfreien Einführung in das eigenartige und entlegene Gebiet, ist auch nie von dem sittlichen Ernste getragen, dessen sie erfordert, wenn die
sittliche Reinheit des Kindes trotz erfolgter Aufklärung gewahrt bleiben soll. Das Kind wird durch diese zufällige, unkontrollierbare Aufklärung, die im Grunde ja nie eine wirkliche Aufklärung ist, weder nach der intellektuellen, noch nach der sittlichen Seite gefördert, wohl aber erleidet es in zahllosen Fällen schweren Schaden für das ganze Leben.

*Unter proletarischen Lebensverhältnissen* stößt der Versuch, das Kind bis zum Beginn der Geschlechtsreife in völliger Unkenntnis über geschlechtliche Dinge zu halten, von vornherein auf unüberwindliche Schwierigkeiten, da die schlechten Lebens- und Wohnungsverhältnisse, unter denen das Proletariat leidet, zu Aufklärern wider Willen werden. In engen Räumen wohnen, leben, arbeiten, schlafen Erwachsene und Kinder, Frauen und Männer, Familienfremde und Schlafburschen dicht zusammengepfercht beieinander. Dabei ist es unvermeidlich, daß die Kinder im frühen Alter schon Dinge zu sehen und zu hören bekommen, die ihnen in diesem Alter und in dieser Form besser unbekannt blieben.

Später treten die Kinder aus dem Hause in die Welt. *Die Zeit der Geschlechtsreife* stellt sich ein und weckt in ihnen vorher nie gekannte Empfindungen und Gefühle. Das Geschlechtsleben fängt an, in ihrem Dasein eine gewichtige Rolle zu spielen. Aber die Aufklärung, die sie hierüber empfangen haben, ist sehr mangelhaft und widerspruchsvoll, voller Lücken und Unbestimmtheiten, und entbehrt ganz der naturwissenschaftlichen Grundlage, ohne die man zu einer wirklichen Aufklärung auf diesem Gebiete überhaupt nicht gelangen kann; auch ist sie in der Regel stark mit Schmutz durchsetzt, eben ein Produkt prüder Geheimniskrämerei und schlüpfriger Winkelaufklärung. Für das Verhalten der Kinder in dieser bedeutsamen Periode ihrer Entwicklung jedenfalls ohne allen Nutzen, wohl aber voller Gefahr und Schaden.

Und wie notwendig braucht das Kind gerade in diesen Jahren eine unbefangene Aufklärung, einen wohlwollenden Freund, Berater und Bewahrer! Die Selbstbefleckung hat unter Kindern und Halbreifen ungeheure Verbreitung und ist oft die Ursache körperlichen und geistigen Verfalls. Es wird behauptet, daß Onanie häufig als Ersatz für entbehrte Liebe entstehe, also bei Kindern, deren Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit nicht die genügende Befriedigung findet oder in einer harten, lieblosen Umgebung auf Abweisung und schlecht angebrachte Strenge stößt. Um das Kind seiner verderblichen Gewohnheit zu entreißen, ist neben hygienischen Maßnahmen viel Liebe und besonders ernste sachliche Aufklärung über die geschlechtlichen Dinge erforderlich. In ihrem Unverstande gibt sich die Jugend meist bereits bei beginnender Geschlechtsreife auch dem geschlechtlichen Verkehr hin. Sehr oft stellen sich da Krankheiten aller Art ein, die nicht bloß für den einzelnen, sondern für ganze Familien und Generationen zu einer Quelle des Unglücks und Verderbens werden können. Mögen alle diese Erscheinungen zu einem erheblichen Teile sozialen Uebelständen geschuldet sein, die durch Unzulänglichkeiten und Widersinnigkeiten unseres Wirtschaftssystems bedingt sind, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß sie wesentlich gemildert und in ihren Wirkungen abgeschwächt werden könnten, wenn die heranwachsende Jugend über sichere und ausreichende Kenntnis in den Fragen und Vorgängen des geschlechtlichen Lebens verfügte.

Die Hauptschwierigkeit des Problems liegt in dem *Wie der Aufklärung*. Es ist selbstverständlich, daß die Eltern die erste Auskunft zu geben haben. Aber wie? Weil sie meist selbst unrein über die Sache denken und in Vorurteilen befangen, in falsche Scham verstrickt sind, halten sie es für ein unmögliches Beginnen, frei und ohne Erröten oder Lächeln, unzweideutig und voll heiligen Ernstes über die Dinge des Geschlechtslebens zu reden. Hier hat der Erzieher vor allem erst sich selbst zu erziehen und in Zucht zu nehmen! Keine frivole und schmutzige Gesinnung, keine unwahre Prüderie, kein zimperliches und affektiertes Getue, kein Lächeln und keine Schlüpfrigkeiten — *ernste, liebevolle Sachlichkeit*, die von den Dingen redet, als wären sie das Selbstverständlichste und Natürlichste von der Welt. Darin liegt die Lösung des Problems. *Ein paar praktische Beispiele* am Schluß dieser Beilage zeigen, wie eine erste, schlichte Aufklärung beschaffen sein kann. Ueber die weitere Belehrung reiferer Kinder wird gelegentlich noch mehr zu sagen sein. Wer in der *Literatur* sich

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über die Frage der geschlechtlichen Aufklärung unterrichten will, dem seien folgende Bücher empfohlen:

*Mutter und Kind.* Wie man heikle Gegenstände mit Kindern behandeln kann. J. Rickersche Verlagsbuchhandlung in Gießen. Geb. 75 Pf.

*Maria Lischnewska.* Die geschlechtliche Belehrung der Kinder. Sauerländers Verlag in Frankfurt am Main. 50 Pf.

*K. Metta.* Wie belehren wir unsere Kinder über das Geschlechtsleben? W. Möllers Verlag, Berlin. 20 Pf.

*Dr. Siebert.* Das Buch für Eltern. I. Teil (für die Mütter heranreifender Töchter) 1,50 M. II. Teil (für die Väter heranreifender Söhne) 1,50 M. III. Teil (praktische Anleitung) 3 M. Verlag von Seitz u. Schauer in München.

*Otto Rühle.* Die geschlechtliche Aufklärung der Kinder. 2. Auflage. 20 Pf. Buchhandlung der „Bremer Bürger-Zeitung“.

*Am Lebensquell.* Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung. Herausgegeben vom Dürerbunde. Betrachtungen, Ratschläge und Beispiele als Ergebnisse des Dürerbund-Preisausschreibens. Geb. 4,50 Mark.

Die Bücher können durch jede Volksbuchhandlung bezogen werden.

## Stotternde Kinder.

Das Stottern ist eine Art *Sprechangst*, die von einer *Zwangsvorstellung* ausgeht. Ihre Grundlage ist *Nervosität*. Die Ursache des Stotterns liegt also nicht, wie man früher glaubte, in einem zu kurzen Zungenbändchen oder zu starker Zungenwurzel, in zu reichlichem Gehirnwasser oder in einem Krampf der Atmungsorgane, sondern im Zentralnervensystem, im Gehirn. Natürlich kann es vorkommen, daß Mißbildung des Gaumens, der Zunge, der Zahnreihen usw., also organische Fehler und Leiden, irgendwelche Sprechstörungen hervorrufen, aber diese Fälle sind zunächst selten und haben mit dem eigentlichen Stottern nichts zu tun. Beim Stottern bildet immer Nervosität die Voraussetzung; sie kann *ererbt* oder *erworben* sein, letzteres besonders durch Kinderkrankheiten (Diphtherie, Scharlach, Masern, Keuchhusten, Lungenentzündung), durch Traumen (Verletzungen des Nervenapparats, Gehirnerschütterung, Stoß, Fall), durch Alkoholmißbrauch, Onanie und anderes.

Da sich Nervosität vererben läßt, kann auch *Stottern erblich* sein. Viele Stotterer haben Eltern, die ebenfalls stottern oder in jüngeren Jahren einen Sprachfehler hatten. Manchmal setzt das Leiden Generationen aus oder taucht in Seitenlinien der Verwandtschaft auf. Nach Coen sind 11 Prozent, nach Liebmann 25 Prozent, nach Denhardt sogar 77,5 Prozent aller Stotterer erblich belastet.

Erworben wird das Stottern häufig durch einen Schreck, einen Sturz, einen Unfall, auch durch Stöße in den Rücken, Schläge auf den Kopf usw. In all diesen Fällen liegt das sogenannte *traumatische Stottern* vor, d. h. irgend eine Verletzung des Nervensystems hat zu einer sprechlichen Funktionsstörung geführt, die, sobald sie von dem Betroffenen erkannt wird, sich zum Stottern entwickelt.

In wie hohem Maße Kinderkrankheiten durch Erzeugung von Nervosität das Stottern hervorrufen, dafür hat Gutzmann Nachweise erbracht. Er fand bei 300 Stotterern als Ursache Dyphtherie in 6 Prozent, schwere Masern in 4,6 Prozent, Scharlach in 1,6 Prozent, Influenza in 1 Prozent und Typhus in 0,3 Prozent der Fälle; Scharr stellte bei 8 von 17 Fällen Keuchhusten als Ursache fest. Etwa 30 Prozent aller stotternden Schulkinder haben vergrößerte Rachenmandeln und 70—80 Prozent atmen falsch oder ungenügend.

Eine erhebliche Prädisposition für die Erwerbung des Stotterns wird auch durch *Rhachitis und Skrofulose*, die Krankheiten der feuchten Kellerwohnungen und lichtarmen Hinterhäuser, geschaffen; Klencke meint sogar, daß das Stottern eine Symptom- und Reflexerscheinung offenen oder versteckten Skrofelleidens sei, und Coen stimmt ihm bei. Noch weiter geht Berkhan, der die Rhachitis als Hauptursache des Stotterns bezeichnet und dies ein Leiden der ärmeren Bevölkerung nennt.

Wohlgemerkt: *nie* sind Krankheiten oder Verletzungen die *direkte* Ursache zum Stottern, sie schaffen vielmehr nur die *Disposition, die geeignete psychische Grundlage*, auf der das Stottern entstehen kann.

In den allermeisten Fällen entwickelt sich das Stottern daraus, daß der Sprechende *ohne seine Absicht beim Sprechen stecken bleibt* — gleichgültig, ob infolge eines Stoßes, Schlages, Schrecks oder infolge von Angst, Verlegenheit, Zorn, Ueberhastung oder Ermüdung. Er bleibt stecken und das beunruhigt ihn. Vielleicht zunächst nur einen Augenblick. Gelegentlich passiert ihm dies wieder. Aufs neue wird er unruhig, jetzt schon stärker. Er sagt sich: Was ist das? Du hast doch sonst dergleichen nicht bemerkt. Nimm dich zusammen! — Nun fängt er an, nervös zu werden. Er wartet darauf, zeigen zu können, daß er glatt und ohne Störung sprechen kann. Da — bei der Unruhe und Aufregung — bleibt ihm ein drittes Mal, vielleicht bei demselben Laut oder Wort, die Sprache weg. Nun ist er geliefert. Jetzt redet er sich ein, daß er kein S oder M sprechen oder nicht Quark oder Lotte sagen könne. Er übt und probiert, es geht vortrefflich, solange er allein ist; soll er aber vor anderen, in Gesellschaft, in der Schule die Worte sprechen, so befällt ihn die Angst, daß es mißlingen könnte, er zaudert und zittert, die Kehle ist ihm wie zugeschnürt, er hat Herzklopfen — und es mißlingt. Nun wird seine Stimmung immer gedrückter, er verzweifelt und macht sich Vorwürfe; du stotterst! sagt er sich, und Scham wie Angst bemächtigen sich seiner. Ist er unbeobachtet, spricht er fließend; tritt er aber unter Menschen, so gerät er in die alte Depression. Er achtet nicht auf den Atem, er preßt und drückt auf die Stimme, er verzerrt das Gesicht und fuchtelt mit den Armen — alles nützt ihm nichts: *solange er in der Zwangsvorstellung lebt, daß er stottere, wird er tatsächlich stottern*; die Sprechangst ist es, die ihn zum Stotterer macht.

Auf demselben Wege, wie der Stotterer zu seinem Leiden gelangt ist — nur in umgekehrter Richtung —, kann er davon befreit werden. Das ist die einzige sichere Methode der Stotterheilung. Keine operativen Eingriffe, keine Lese- und Lautierübungen, keine mechanischen Hilfsapparate — wohl aber seelische Beeinflussung, Stärkung des Selbstvertrauens, Erhöhung des Kraftbewußtseins, Beseitigung der Nervosität durch gute Luft, Ruhe, Hautpflege und zweckmäßige Ernährung und Beschäftigung, alles zu dem Zwecke, *die Zwangsvorstellung zu beseitigen*.

Ist sie beseitigt, hört auch das Stottern auf.

## Umgang mit Kindern.

### Sorge für geschlechtliche Aufklärung!

Eltern und Kindern sollen keine Geheimnisse voreinander haben. Das Band innigsten Vertrauens, geknüpft durch unbedingte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, soll beide umschließen. Wie Mann und Frau, so sollen auch Eltern und Kinder eins sein an Leib und Seele. Dieses herzliche Verhältnis schließt jede Unwahrhaftigkeit, jede Lüge aus. Auch dann, wenn es sich um Dinge handelt, *über die zu reden den Eltern peinlich ist*. Erziehung und Gewöhnung haben uns Aelteren das Geschlechtliche zu etwas Unreinem, Tierischem, Sündhaftem gemacht. Wir vermögen es nicht mehr mit reinen, unbefangenen Augen anzusehen; frivole Gemüter retten sich durch Witze und Zoten über das Unbehagliche und Quälende der Situation hinweg, in die das sexuelle Thema sie versetzt. Dem ernster Gesinnten bleibt nur die Scham. Und doch ist diese Scham nichts anderes als das Eingeständnis innerer Schuld, vielfach gar nur Heuchelei. Von der Heuchelei zur Lüge ist nur ein Schritt. Darum mache dich frei von der törichten, unwahren Scham — *zwinge dich, über Natürliches natürlich zu denken*. Und bewahre dich und dein Kind vor der Lüge — *zwinge dich, von Natürlichem natürlich zu reden*. Gib dem Kinde mit aller Liebe und Ruhe, deren du fähig bist, und aller Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit, die deiner Aufgabe entspricht, Aufklärung über Fragen des geschlechtlichen Lebens. Bedenke, wie du vor dem Kinde stehst, wenn es eines Tages erkennt, daß du es belogen hast! Bedenke, wie eine Lüge hundert und tausend andere gebiert, über Haus und Familie hinaus wirkt, die ganze Welt und das ganze Leben vergiften und verpesten kann. Also, sei wahr, sei aufrichtig, schenke klaren Wein ein auch in peinlichen, heiklen Dingen. Alle Schwierigkeit ist behoben, wenn du erst mit dir selbst im Reinen bist.

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### Mutter, woher kommen die kleinen Kinder?

Die werden geboren, mein Liebling.

Was ist denn das: geboren?

Sie wachsen im Leibe der Mutter, bis sie reif und groß genug sind …

Dann kommen sie heraus?

Sie kommen aus dem Leibe, wie die kleinen Kaninchen und Kätzchen aus dem Leibe ihrer Mutter gekommen sind.

Aber das tut doch weh, Mama!

Gewiß, tut das weh, die Mütter werden oft auch sehr krank davon.

Habe ich dir auch weh getan?

Du auch — aber Muttchen denkt nicht mehr daran, sie freut sich, daß du so gesund und brav geworden bist und dein Muttchen lieb hast.

<!-- Omitido: «Eine Mutter hatte ihrem Fritz vom Klapperstorch erzählt», con la indicación «Aus: Nellie, „Mutter und Kind“. (Verlag der Rickerschen Buchhandlung, Gießen.)» -->

<!-- Omitido: «Vom Apfel, der nicht gegessen wurde», con la indicación «Aus: Am Lebensquell. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung. (Verlag von Alexander Köhler, Dresden.)» -->

## Schlaglichter.

Aus Konstanz am Bodensee wurde vor einiger Zeit berichtet, daß ein Schüler, Sohn eines Fuhrknechtes, der Vater von acht Kindern ist, auf seinem Weihnachtswunschzettel den einzigen, aber beredten Wunsch geschrieben hatte: *Ein großes gutes Stück Brot.*

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In einer anderen Schule hatte ein Kind einen Schulaufsatz zu schreiben: „Was mir träumte.“ Es erzählte, wie es mit seinen Geschwistern in einem feinen Hause gewohnt habe. „*Und jedes von uns durfte in einem eigenen Bette schlafen.*“ Dieser Fall erinnert an einen ähnlichen, der ebenso wie dieser die menschliche Not in Kinderseelen spiegelt. Ein Lehrer sprach über den König. Märchen und Märchenbücher tauchten vor der so leicht empfänglichen Kinderphantasie auf, Reichtum und Pracht und Ueberfluß. Willig ging der Lehrer, ohne in Patriotismus zu verfallen, auf das Märchenthema ein, baute Luftschlösser mit seinen Zöglingen. Plötzlich, als er zu anderem übergehen wollte, hob ein Knabe die Hand, noch etwas vorzubringen, was er weiß vom König. Zaghaft, traurig, verbittert floß es aus dem Munde des Kindes: „*Bei Königs hat jedes ein Bett!*“ Blitzartig war die schöne Märchenpoesie in nackte, kahle, rauhe Wirklichkeit gewandelt ….

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Zur Armut die Demut, die Knechtseligkeit. So will es das System, das in der Volksschule die Kinder des Proletariats zu willigen Ausbeutungsobjekten zurechtkneten läßt. Als sich die Tochter Wilhelms II. mit dem Prinzen von Cumberland verlobte, forderte eine Lehrerin der 219. Mädchen-Gemeindeschule in Berlin die Schülerinnen auf, *vor das im Schulzimmer aufgehängte Bild der Braut* zu treten, einen Knix zu machen und zu sagen: *Wir gratulieren!*

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Der berühmte Pädagoge Basedow († 1790) hatte in seiner Mustererziehungsanstalt „Philanthropin“ in Dessau die Bestimmung getroffen, daß Ungehorsam und Trotz als Krankheiten anzusehen und zu behandeln seien. Infolgedessen wurden *widersetzliche Kinder jedesmal zu Bett geschickt* — ein Verfahren, das sich aufs beste bewährte.

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*Fuente:* *Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage*, junio de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la Arbeiter-Zeitung (Essen), ULB Bonn / zeit.punkt NRW (el OCR del portal es inservible para este número). Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2); al pie de la última página: «Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Dresden-Hellerau». Se omiten dos textos ajenos de la sección «Umgang mit Kindern», tomados de libros de otros autores (Nellie, *Mutter und Kind*; *Am Lebensquell*, del Dürerbund), señalados con comentarios en su lugar. Las marcas `S. [n]` indican la página del suplemento (sin paginación impresa). El espaciado del original se da en cursiva. Se conservan las grafías «Midiamitern», «Abimeleck», «Dyphtherie».
