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Title: Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage, Januar 1913
Description: Erziehungs-Beilage „Das proletarische Kind“, hg. von Otto Rühle, Januar 1913; hier nach der Ausgabe der Arbeiter-Zeitung (Essen), Nr. 5, 7. Januar 1913. Unsignierte Beiträge.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1913-01%20Das%20proletarische%20Kind.%20Erziehungs-Beilage%2C%20Januar%201913
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<!-- Das Beilageblatt ist im Faksimile auf die Seiten der Zeitung aufgeklebt; es umfaßt vier Seiten ohne gedruckte Seitenzahl (S. [1]-[4] = Seiten 1-4 des Faksimiles). Kopfleiste: „Das proletarische Kind. Januar. Erziehungs-Beilage. 1913“. -->

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> Der Erzieher muß in die unterste Hütte des Elends hinabsteigen, den Armen in seiner dunklen Stube, seine Frau in der Küche voll Rauch und sein Kind am fast unmöglichen Tagewerk sehen. Dann erst kann er seine Pflegebefohlenen recht beurteilen und individuell behandeln.
>
> Joh. Heinrich Pestalozzi.

## Das ländliche Proletarierkind.

Wenn vom Land und Landvolk die Rede ist, denkt man an grüne Felder und Wälder, springende Quellen und reine, würzige Luft; an kernfeste Menschen mit muskulösen Armen, roten Backen und geradem, ehrlichem Sinn. Alles ist urwüchsig, gesund, lebenstüchtig. Und gar erst die Jugend der Landbevölkerung ersteht vor unserem geistigen Auge im Bilde der erdgeborenen Frische und Natürlichkeit, der unverwüstlichen Lebensfreude und überschäumenden Kraft. Wie sollte es auch anders sein? Milch und [Schwarz]brot, Butter, Eier, Rahm, Obst — soll das keine [gesu]nden, kräftigen, tüchtigen Kinder geben? Dazu die Luft, die Freiheit, die Bewegung, die ganze wunderbare Atmosphäre des Landlebens, des Bauerntums. …

In der Phantasie der Poeten und der Einbildung der Großstädter sieht die Idylle des Landlebens verlockend aus, und die Vorzüge des Körpers mögen der idealisierten Landbevölkerung ebenso kleidsam sein wie die Tugenden ihrer unschuldsvollen Seele. In rauher Wirklichkeit aber verblassen all die Farben und Reize zu *banaler Alltäglichkeit und herber Nüchternheit*. Ja, die Kraft und Frische wandeln sich bei näherem Zusehen nicht selten zu Elend, Rückständigkeit, Schwäche und Unkultur. Man denke an die Luftscheu der Bauernstuben, an die Unergründlichkeit der Wege und den Morast der Höfe, an den Mangel all und jeder Hygiene, an die Unappetitlichkeit unzähliger Lebensgewohnheiten, an die Stumpfsinnigkeit des geselligen und geistigen [Ve]rkehrs. Bei *Kindern* findet man noch „das [¿quälende?] Wi[ckel]band und den erdrückenden Ballast der Kinderbetten, die Schmutzerei mit dem vorgekauten Essen und den vom mütterlichen Kaubrei gefüllten Schnuller“. Ueberhaupt Reinlichkeit, Gesundheitspflege, Hygiene auf dem Lande und in der Pflege der Kinder! Und dazu die Diät! So kommt es, daß meist die ländliche Jugend durchaus nicht kräftig und forsch aussieht, sondern eher elend, spitz und von dürftiger Entwicklung. Ausgenommen die Sprößlinge der Großbauern und Junker, die noch immer üppig ins Kraut schießen.

Wie schlecht es um die Kinder der ärmeren Schichten auf dem Lande bestellt ist, weist Dr. med. *Kaup* in seiner Schrift über *Ernährung und Lebenskraft der ländlichen Bevölkerung* nach. Danach ist die Gesundheit und Lebenstüchtigkeit nicht bloß des Landproletariats, nein, auch eines großen Teiles der Bauernschaft völlig untergraben, eine Erscheinung, die ihre Hauptursachen in der Verschlechterung der Ernährungsverhältnisse auf dem Lande hat. Die junkerliche Teuerungs- und Wucherpolitik hat den ärmeren Klassen wie in der Stadt so auf dem Lande große Lasten aufgebürdet und die Lebenshaltung gewaltig verteuert. Der kleine Bauer muß, um sich über Wasser zu halten, alles zu Gelde machen, was die Wirtschaft an Erträgnissen liefert: Milch, Butter, Eier, Käse, Obst, Geflügel, Honig; das Hausschlachten hört auf, die Schweine werden verkauft, die Fettmilch wandert in die Molkerei, dem Bedarf der Familie dienen die minderwertigen Ueberbleibsel oder die Surrogate, die aus der Stadt nach dem Lande verkauft werden. Bauernfrauen, die Butter auf den Wochenmarkt bringen, nehmen Margarine mit nach Hause. Dazu kommt eine starke Zunahme der Frauen- und Kinderarbeit in der Landwirtschaft; unglaubliche Leistungen werden von schwachen Arbeitskräften in ganz jungen Jahren schon verlangt. Für das Gesinde hat die Auflösung des alten patriarchalischen Verhältnisses, die Entwicklung des landwirtschaftlichen Großbetriebs unter Zuhilfenahme technisch-industrieller Errungenschaften, die Produktion für den großen Markt usw. mancherlei persönliche Nachteile gebracht. Alle diese Faktoren haben eine allgemeine körperliche Verelendung, eine Degeneration erzeugt, unter der der Kleinbauer oft vielleicht noch schlimmer leiden mag als der Landarbeiter, am schlimmsten aber die ländliche Jugend.

Die erwähnte Schrift von Dr. Kaup enthält hierfür eine Menge von Nachweisen und Belegen. So schreibt aus dem Kreise *Marienburg* ein Arzt: „Man findet neuerdings gerade unter der Landbevölkerung ungeheuer viel blutarme Kinder, viel mehr als in der Stadt.“ Ein anderer Arzt berichtet aus dem Kreise *Rosenberg*: „Ich hege die Befürchtung, daß eine Zunahme der Molkereien zu einer offenkundigen Unterernährung führt oder schon geführt hat. In manchen Bauerndörfern findet man eine ganze Reihe blutarmer, schlecht genährter Kinder.“ Aus dem Landkreise *Graudenz* erfährt man, daß „bei den Wiederimpfungen sich sehr viele blaß aussehende, mangelhaft ernährte Kinder finden“, und aus dem Kreise *Neustadt*: „Die Bevölkerung ist unterernährt und überarbeitet, schon die Schulkinder. Die Kinder sind viel krank, dann werden Mehl und andere Surrogate verabreicht.“ Aus der Landschaft *Angeln* (Flensburg) berichtet ein Arzt, daß sich „ein großer Umschwung zum Schlechteren vollzogen hat, der insbesondere die landwirtschaftlichen Arbeiter, in erster Linie die Säuglinge, aber auch die heranwachsenden Kinder und Frauen trifft.“ Ein Lehrer aus dem Kreise *Schleswig* teilt mit: „Nicht einmal die Kinder erhalten süße Milch. Die Ernährung der kleinen Leute, der Kätner und auch mancher Bauern ist teilweise recht mangelhaft. In der Schule sind oft schlecht aussehende Kinder zu finden.“ Aehnlich äußert sich ein Arzt aus dem Kreise *Süder-Dithmarschen*: „Auffallend ist die Häufigkeit von Bleichsucht, Zahnkaries, Tuberkulose.“ Aus dem *Rheinland* wird mitgeteilt, daß seit Einführung der Molkereien der Milch- und Butterkonsum im Hause abgenommen hat, daß die Ernährung und körperliche Entwicklung zurückgeht, besonders bei den Kindern, und daß Rachitis und zahlreiche <!-- S. [2] -->
Kinderkrankheiten stark verbreitet sind.“ Von *Weilheim* (Oberbayern) heißt es: „Man begegnet in vielen Landschulen bleichen, blutarmen und schlecht genährten Kindern.“ Im gleichen Sinne wird von *Wolfratshausen* (München) berichtet: „Schöne, gut genährte Kinder sind selten.“ Und von *Schwabmünster* (Schwaben) liegt folgender bemerkenswerter Bericht vor: „In den 28 Schulen des Bezirks wurden 1908 3831 Kinder untersucht. Bei 11 Prozent wurde Blutarmut, bei 1 Prozent ein auffallend schlechter, bei 60 *Prozent ein mittelmäßiger* Ernährungszustand festgestellt. Der Grund hierfür liegt in unzweckmäßiger Ernährung. Durch die in allen Gemeinden entstandenen Molkereien wird der letzte Tropfen Milch von der überwiegenden Menge der Bevölkerung in den Molkereien zu Gelde gemacht, und statt den Kindern in jüngeren Jahren reichlich Milch als Nahrungsmittel zu reichen, erhalten diese Nahrungsmittel, die von dem jungen Organismus schlecht assimiliert werden. Statt einer Milchsuppe, namentlich am Abend oder am Morgen, erhalten die Kinder eine Suppe aus Schwarzbrot mit Wasser gekocht. Bei dieser Ernährung ist es kein Wunder, wenn die körperliche Entwicklung der Kinder langsam und mangelhaft fortschreitet. Nur bei 28 Prozent der Kinder wurde eine gute, bei 61 Prozent eine mittelgute und bei 5 Prozent eine direkt schlechte Körperbeschaffenheit festgestellt.“

Alle diese Angaben, die sich unendlich vermehren ließen, beweisen und bestätigen, daß auch die Jugend der Landbevölkerung, die in Deutschland etwa zwei Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmacht, empfindlich notleidet, ja zum Teil in besorgniserregender Weise der physischen Entartung und dem gesundheitlichen Verfall preisgegeben ist. Aus hohlen Backen schreit die Not um Hilfe. Aber in den müden, glanzlosen Kinderaugen flammt kein Fünkchen von Hoffnung auf, daß diese Hilfe den Bedrängten von denen kommen werde, die ihnen die Not geschickt haben. Die Armen werden sich selber helfen müssen.

## Die Saugflasche.

Der natürliche Nahrungsquell für das neugeborene Kind ist die *Mutterbrust*. Die stillende Mutter stellt nicht nur das friedlichste und lieblichste Bild des Glückes und Reichtums der Mutterschaft dar, sie bietet auch die sicherste Bürgschaft für die Erhaltung und gedeihliche Entwickelung des Nachwuchses. Der poetische Zauber, der sie umfließt, eint sich mit einem überaus schätzenswerten volkswirtschaftlichen Realgewinn. Darum muß — rein aus generativen Zweckmäßigkeitsgründen — die Erhaltung und Steigerung der *Stillfähigkeit der Mütter* eine der wichtigsten Aufgaben für ein Volk sein.

Wissenschaftliche Untersuchungen und praktische Experimente haben ergeben, daß nahezu jede Frau stillfähig sein kann, vorausgesetzt, daß sie in bezug auf Ernährung, Ruhe, Schonung und Pflege unter die denkbar günstigsten Verhältnisse gestellt wird. Für Millionen Frauen der erwerbstätigen Schichten sind diese denkbar günstigsten Verhältnisse dank der *Teuerungspolitik*, des *Steuerdrucks*, der *Frauenerwerbsarbeit*, der *Arbeitslosigkeit* usw. nicht vorhanden. In dem Maße, in dem sich die Lebens- und Erwerbsverhältnisse besonders für die rein proletarischen Kreise verschlechtert oder doch schwieriger gestaltet haben, hat die Stillfähigkeit der Mütter abgenommen. Erst in jüngster Zeit ist durch Stillprämien, Wochenbeihilfen, erweiterten Wöchnerinnenschutz usw. dem sinkenden Prozentsatz wieder etwas emporgeholfen worden.

Versagt oder versiegt die Mutterbrust, muß zu Ersatz gegriffen werden, in erster Linie zu *Tiermilch*. Alle Ersatznahrung für Säuglinge ist aber minderwertig, sehr oft sogar schlecht und direkt gesundheitsgefährlich. Ihre größte Gefahr besteht darin, daß sie durch Bakterien leicht zersetzt wird und — im bakteriell verseuchten Zustande genossen — im Magen und Darmkanal des Säuglings schwere *Verdauungskrankheiten* hervorruft. Die Zahl der an solchen Verdauungsstörungen leidenden und schließlich auch zugrunde gehenden Säuglinge ist sehr groß; sie mag in Deutschland Hunderttausende betragen.

Wollte man freilich die Gesamtzahl der alljährlich im Deutschen Reiche versterbenden Säuglinge auf das Konto der Verdauungskrankheiten setzen, so wäre dies eine Uebertreibung, die ein falsches Bild liefert. Es sprechen auch andere Ursachen ein gewichtiges Wort mit. Sehr lehrreich ist in dieser Hinsicht die bayrische Statistik. In Bayern, das eine ungewöhnlich hohe Säuglingssterblichkeit aufweist, starben nach dem Statistischen Jahrbuch für 1911

- 12 108 Säuglinge (27,7 Prozent) an angeborener Lebensschwäche und Bildungsfehlern,
- 11 180 Säuglinge (25,5 Prozent) an Magen- und Darmkrankheiten,
- 4141 Säuglinge (9,5 Prozent) an Brechdurchfall.

Von 62,7 Prozent der überhaupt gestorbenen Säuglinge waren also fast die Hälfte nicht an Verdauungsstörungen, sondern an *angeborener Lebensschwäche* zugrunde gegangen. Er handelt sich hierbei um eine Erscheinung, die in der Hauptsache auf soziale Mißstände zurückgeht und zu vermeiden gewesen wäre, wenn es den schwangeren Müttern nicht an der erforderlichen Ernährung, Pflege und Schonung gefehlt hätte.

Immerhin erlag mehr als die Hälfte der Säuglinge den Verdauungskrankheiten. Läßt man diesen bayrischen Prozentsatz für das ganze Reich gelten, so bedeutet dies, daß fast 200 000 Säuglinge dieser Sterblichkeitsursache ihren frühen Tod zu verdanken haben. Eine Zahl, ungeheuerlich genug, um energische und gründliche Maßnahmen gegen diesen Massenmord ins Werk zu setzen.

In dem Bemühen, dieser unabweisbaren Pflicht zu genügen, ist die Reichsregierung auf eine sehr merkwürdige Idee verfallen. Sie hat die Hauptursache der Säuglingssterblichkeit in der *Saugflasche* entdeckt und plant nun einen grimmigen Feldzug gegen diese Uebeltäterin. Das heißt: nicht gegen die Saugflasche überhaupt, sondern gegen die in manchen Gegenden und Haushaltungen üblichen Arten *mit Glasrohr oder Gummischlauch*. Von ihnen sagt sie, daß sie schwer zu reinigen seien, und so leicht eine Brutstätte für Mikro-Organismen bildeten; Milchreste, die in den Röhren und Schläuchen haften geblieben seien, gelangten in zersetztem Zustande in den kindlichen Magen und riefen dort unmittelbar schädliche, ja gesundheitsgefährliche Wirkungen hervor. So werde die Saugflasche eine Art Kindermörder, dem mit der ganzen Rücksichtslosigkeit des Gesetzes zu Leibe gegangen werden müsse.

Es ist zuzugeben, daß die *Reinigung* der Rohr- und Schlauch-Saugflasche *schwieriger* ist, als der einfachen Milchflasche mit Gummihut. Zugegeben sei auch, daß diese schwierigere Reinigung oft ungenügend geschieht oder gar unterbleibt. „Aus Mangel an Zeit und Verständnis“, wie die Regierung sehr richtig bemerkt, „oft wohl auch aus Scheu vor Beschädigung der Flaschen.“ Es fragt sich nur, ob die einfache Saugflasche, die der Regierung als einwandfrei und ungefährlich erscheint, in dieser Richtung größere Vorteile und eine größere Gewähr für die Vermeidung der Schädigungen bietet.

Reinlichkeit ist eine Frage der *Zeit*, des *Verständnisses* und des *Wohlstandes*. Man kann in drei Stunden und in drei Zimmern sauberer sein als in einer Stunde und in einem Zimmer. Die Mutter, die *Zeit* und *Verständnis* genug besitzt, um sich der Pflege des Säuglings gewissenhaft zu widmen, wird reinlicher sein können als die Mutter, die zehn Stunden des Tages in der Fabrik steht, daneben noch die Last des Haushalts auf sich ruhen hat und sich die paar Minuten für die Abwartung des Kindes rauben und abgeizen muß. Eine Rohrsaugflasche erfordert 6 bis 8 mal des Tages je 10 bis 15 Minuten zur Reinigung; während des Trinkens bleibt der Säugling sich selbst überlassen. Die einfache Saugflasche mag zur Reinigung jemals nur 1 bis 2 Minuten erfordern; aber während des Trinkens — 6 bis 8 mal je 15 bis 20 Minuten — muß die Mutter dabeistehen und die Flasche halten. Hat nun eine Mutter, wie die Regierung annimmt, in zahlreichen Fällen keine Zeit, die Rohrsaugflasche zu reinigen, so wird sie erst recht keine Zeit haben, die einfache Saugflasche zu halten. Und umgekehrt: hat die Mutter Zeit, die einfache Saugflasche während des Trinkens 6 bis 8 mal je 15 bis 20 Minuten zu halten, so wird sie auch Zeit genug haben, die Rohrsaugflasche 6 bis 8 mal des Tags je 10 bis 15 Minuten lang zu reinigen. So oder so — *nicht die Art der Saugflasche* ist entscheidend, sondern die Frage: *hat die Mutter Zeit und Verständnis für die Reinigung der Flasche?* Ganz abgesehen von der noch viel wichtigeren Frage: *hat die Mutter überhaupt* <!-- S. [3] -->
*Milch*, und gute, keimfreie Milch, um den Säugling zu nähren? Die Beantwortung dieser Fragen wäre für die Mütter wertvoller und für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit zweckmäßiger gewesen.

Wenn sich die Regierung bei ihrem Vorstoß gegen die Rohrsaugflasche auf die *Gutachten von Aerzten* beruft, so muß von jedem, der diese Gutachten zu hören Gelegenheit hatte, erklärt werden, daß sich die Aerzte fast durchweg nicht auf sichere Feststellungen und exakte Nachweise, sondern lediglich auf Vermutungen und persönliche Ansichten stützen. Weder tatsächliche noch statistische Beweismittel stehen ihnen zu Gebote. Außerdem haben sich Aerzte sehr oft schon geirrt; man denke an die unzähligen, einander widersprechenden Ansichten und Behauptungen bei vielen Krankheiten, z. B. Tuberkulose, Krebs usw.; man denke auch an die famosen ärztlichen Gutachten, die namens der Wissenschaft oft von berühmten Autoritäten beigebracht werden, wenn es gilt, einem armen Rentenempfänger die kärgliche Rente zu entziehen oder herabzuquetschen. Ueberdies ist auffällig, daß weder Bock in seinem Buche: „Vom gesunden und kranken Menschen“, noch Ammon in seinem Werke: „Die ersten Mutterpflichten“ (41. Aufl.), weder Medizinalrat Bornträger (aus dem preußischen Ministerium des Innern) in seinem Buche: „Ueber den Geburtenrückgang in Deutschland“, noch der Geh. Obermedizinalrat Prof. Dr. Dietrich (aus dem preußischen Kultusministerium) in seiner Arbeit über Säuglingssterblichkeit auf die angebliche Schädlichkeit der Rohrsaugflasche auch nur mit einem Worte hinweisen. Bekannt ist auch, daß unsere Aerzte bezüglich der Säuglingspflege und Säuglingskrankheiten auf den Universitäten *keine, auch nicht die geringste Ausbildung* erfahren. Sie sind auf diesem Gebiet ebensogut Laien wie jeder andere.

Noch ein paar Tatsachen springen ins Auge:

*Rumänien* hat eine außerordentlich große Säuglingssterblichkeit, trotzdem fast nur mit der Mutterbrust genährt wird.

Die *Schweiz* hat eine sehr geringe Säuglingssterblichkeit, obwohl fast nur künstliche Ernährung vorkommt.

*Norwegen* und *Schweden* zeichnen sich durch geringste Säuglingssterblichkeit aus, obwohl mangelhafte Gesetze zum Schutze des Säuglings und der Mutter bestehen und der stärkste Export von Rohrsaugflaschen dorthin geht.

*Frankreich* besitzt ein Gesetz, das Rohr- und Schlauch-Saugflaschen verbietet, trotzdem ist eine Verminderung der Säuglingssterblichkeit nicht eingetreten, wohl aber ein erheblicher Geburtenrückgang.

Die *Bekämpfung des Alkoholismus*, wie in Norwegen, die *Beratung und hygienische Belehrung der Mütter*, wie in der Schweiz, vor allem aber die *Beschaffung guter Milch, ausreichender Zeit, menschenwürdiger Wohnungsverhältnisse, ausgedehnteren Mutterschutzes, günstigere Ernährungs- und Erwerbszustände* sind die Mittel, durch die eine *wirkliche Bekämpfung und Verminderung der Säuglingssterblichkeit* möglich ist.

Auch die beste Saugflasche nützt nichts, wenn der Säugling geschwächt und krank zur Welt kommt, der Wartung und Pflege entbehren muß, minderwertige Milch erhält und in Schmutz verkommt.

Dagegen wird in der Hand einer *verständigen, reinlichen Mutter*, die Liebe zum Kinde und Zeit zu seiner Pflege hat, auch die Rohrsaugflasche kein Unheil anrichten, sondern sich als ein recht brauchbares und zweckmäßiges Requisit der Kinderpflege erweisen.

So stellt sich der Kampf gegen die Saugflasche als ein *Täuschungsmanöver* nach bekanntem Muster dar. Man lenkt die Aufmerksamkeit auf Nebendinge, um die wahren Ursachen zu verbergen. *Das herrschende System der Ausbeutung und Knechtung der Massen, die Regierungen*, die es stützen, *die Mehrheitsparteien der Parlamente, die Gewalthaber* in Reich, Staat und Gemeinde, die *Lobredner* der göttlichen Weltordnung und *Nutznießer der kapitalistischen Wirtschaft* — sie sind die wahrhaft Schuldigen an dem Schrecken und der Kulturschande des modernen „bethlehemitischen Kindermordes“.

<!-- Omitido: «Das erste „Mama“», relato tomado de Meta Schoepp, «Mein Junge und ich» (Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt, Berlín), págs. [3]-[4]. -->

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## Umgang mit Kindern.

### Laß auch kleine Mittel wirken!

Für den erzieherischen Erfolg ist es oft von größter Bedeutung, daß der Erzieher in der Wahl der anzuwendenden Mittel das richtige Augenmaß bekundet. Man kann sich da, wie auch sonst im Leben, gewaltig vergreifen. Manche Väter meinen, daß der Erfolg durch große Lungenkraft und ein dröhnendes Organ zu erzielen sei, darum hauchen sie selbst bei nichtigen Anlässen ihre Kinder mit der Stentorstimme eines Rekrutenfeldwebels an. Und bei Müttern besonders begegnet man der üblen Gewohnheit, daß sie sich bei jeder Lappalie in endlose Strafpredigten hineinräsonieren. Solche Erziehungsmethoden sind nicht bloß Energieverschwendungen, sie verderben meist auch mehr als sie nützen. Obendrein machen sie den Erzieher lächerlich, denn wer mit Kanonenkugeln nach Spatzen schießt, gibt immer eine komische Figur. Nur wer kein Verständnis für die feineren Schwingungen und Stimmungsnüancen des kindlichen Seelenlebens, kein pädagogisches Taktgefühl, keine Geduld und Selbstzucht besitzt, wird in diesen Erziehungsfehler verfallen. Mache dir zum Grundsatz: *stets erst die kleineren und feineren Werkzeuge und Messerchen deiner Erziehungswerkstatt zu gebrauchen*, ehe du zu Axt und Keule greifst oder gar das gröbste Geschütz auffährst. *Ein Blick, eine Geste, ein Wort* wirken zu Zeiten Wunder. Sie können beglücken und erschüttern, ungeahnte Kräfte auslösen und bis zur tiefsten Demütigung strafen. Schon mancher, bei dem weder ernsteste Ermahnungen noch strengste Zucht, weder Moralpredigten noch Prügel etwas fruchteten, ist durch ein *einziges* Wort zu einem braven, tüchtigen Menschen geworden. Ein gutes Wort findet immer eine gute Statt.

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### Wie ein schmerzliches Bedauern auf Flegel und Faulpelze wirkte.

In der Lateinstunde hatten wir einen Lehrer, der schon damals in die Gummizelle gehörte, in die man ihn später stecken mußte. Er tobte, schrie und gestikulierte — und wir im Zeichen der Flegeljahre: es ist unglaublich, welche Szenen sich da oft im Unterricht abspielten. Natürlich wurde nichts gelernt. Absolut nichts.

Eines Tages war der Lateinlehrer krank. Darob große Freude in Israel.

Doch was geschah? Der Direktor ließ mitteilen, daß er die Stunde vertretungsweise halten wolle.

Der Direktor? War das möglich? Ein altes todkrankes Männlein, das sich nur selten einmal von seinem Schmerzenslager erhob — jene graue, gebeugte Gestalt, die, wenn sie einmal durch die Räume schritt, beinahe gespensterhaft wirkte und allen ehrfürchtiges Grauen einflößte — dieser Direktor wollte die Lateinstunde halten.

Er war ein glühender Lateiner, dessen Seele sich in schwungvollen lateinischen Oden auslebte. Wie sollten wir vor ihm bestehen können? Waren wir Taugenichtse überhaupt dieses Opfer wert?

Da schritt er durch die Tür.

Gleich der erste, der übersetzen sollte, versagte. Der zweite radebrechte konfuses Zeug. Der dritte stammelte etwas Unverständliches. Der vierte schwieg sich aus, der fünfte, sechste …

Der Alte versuchte erst, nachzuhelfen. Stellte Hilfsfragen und übersetzte stückweise selbst. Ließ nichts unversucht.

Doch bald wurde ihm klar, daß hier Hopfen und Malz verloren war.

Noch heute sehe ich seine bekümmerten Augen und fühle seine Blicke auf uns brennend ruhen. Wir wagten nicht aufzublicken …

„Sie haben wohl nicht präpariert?“ fragte seine tonlose Stimme den ersten.

„Nein, Herr Direktor.“

„Und Sie auch nicht?“ zum zweiten.

„Nein.“

Und so fort, den dritten, vierten …

Wieder der lange, traurige Blick aus umflorten Augen. Und im Ton der Worte eine tiefe Milde der Bekümmernis.

Da klappte der Alte sein Buch zu, hüllte seinen dürren Leib in den Mantel, erhob sich und sagte seufzend: „Das ist recht schade. Ich hatte mich so auf die Stunde gefreut.“

Und mit müden Schritten schlürfte er hinaus.

Wir schämten uns, einander ins Gesicht zu sehen. Und jeder schämte sich vor sich selbst.

Von Tag und Stund an war die üble Horde der Flegel und Faulpelze wie umgewandelt. Wehe dem, der in Zukunft sein Lateinpensum nicht präpariert hatte.

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<!-- Omitido: «Das ganze Geheimnis der Erziehung …», cita de Ludwig Gurlitt, «Erziehung zur Mannhaftigkeit». -->

## Schlaglichter.

Die *höchsten Säuglingssterblichkeitsziffern* finden sich in Ober- und Niederbayern (42 Proz.!). Dort herrschen auch noch die stärksten Vorurteile gegen das Bruststillen der Kinder. Besonders die verlogene Prüderie, die von der Geistlichkeit gezüchtet wird, verwehrt den Müttern das Säugen. Nach einem Orte in Oberbayern hatte — wie Prof. von Ranke erzählt — eine Frau von „über Land her“, wie man im Volksmund sagt (aus der Pfalz), geheiratet. Sie stillte ihr Kind selbst, obwohl dies als etwas Verpöntes und Unsittliches galt. Prof. von Ranke sah sie so vor ihrem Hause sitzen, als zwei Frauen vorübergingen. Sie stießen sich an und eine sagte zur andern voller Entrüstung: „Da schau einmal die Ueberland an!“ — In einem andern Orte säugte eine Hündin ihre Jungen vor der Hundehütte, die an der Dorfstraße stand. Die Bevölkerung nahm daran Anstoß und man brachte es soweit, daß die *säugende Hündin von ihrem Platze entfernt* werden mußte.

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Man muß die *Luft und den Gestank in Berliner Höfen* kennen, um die Freude zu verstehen, die ein armer, blasser Berliner Junge empfand, als er an einem Sommertage mit mehreren seiner Leidensgenossen durch die Freundlichkeit eines Wohltätigkeitsvereins nach dem Grunewald gefahren wurde. Er war — wie dem Organ der Bodenreformer mitgeteilt wird — das erstemal im Walde, sprang und hüpfte wie besessen umher und rief atemlos vor Vergnügen einmal über das andere: „Hier — hier riechts — — *hier riechts nach gar nischt!* — —“

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Wie *Fabrikarbeit in Kinderjahren* den Menschen geistig abzustumpfen und moralisch zugrunde zu richten vermag, davon erzählt Rob. Hunter (Das Elend der neuen Welt) ein erschütterndes Beispiel: Ein Vagabund, den ich einmal kennen lernte, hatte fünf Jahre lang, von seinem 11. bis 16. Jahre, in jeder Sekunde zwei Handgriffe machen müssen, das sind 23 760 000 mechanische Handgriffe in einem Jahre. Zur Zeit, als ich ihn kennen lernte, war er 35 Jahre alt, ein niedergebrochener, dem Trunke ergebener Mensch. Aber er erinnerte sich dieser Sklavenzeit so genau, daß er mir sagte, „er habe für alle Sünden, die er jemals beginge, *durch jene fünf Jahre vorausgebüßt*“.

## Bücherschau.

Otto Rühle. Grundfragen der Erziehung. Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. Stuttgart. 50 Pf. 96 Seiten.

Inhalt: I. Theoretische Grundlagen und soziale Voraussetzungen der Erziehung. II. Die Erziehungspraxis im Hause. III. Unterricht und Erziehung in der Schule und die Schulforderungen der Sozialdemokratie. IV. Die Erziehung im nachschulpflichtigen Alter.

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Für die Redaktion verantwortlich: Otto Rühle, Halle a. S.

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*Fuente:* *Das proletarische Kind. Erziehungs-Beilage*, enero de 1913, suplemento mensual editado por Otto Rühle y publicado con varios diarios socialdemócratas (Görlitzer Volkszeitung, Volkswacht de Breslau, Volksbote de Stettin, Volksblatt de Halle, Märkische Volksstimme de Cottbus, Arbeiter-Zeitung de Essen); transcrito desde el facsímil de la edición de la *Arbeiter-Zeitung* (Essen), n.º 5, 7 de enero de 1913, ULB Bonn / zeit.punkt NRW, con el OCR del portal solo de apoyo. Piezas sin firma, atribuidas a Rühle como editor (Stecklina 2002, secc. 1.6.2); el pie del suplemento lo da como responsable de la redacción. Se omiten el relato «Das erste „Mama“» (de Meta Schoepp, *Mein Junge und ich*) y la cita de Ludwig Gurlitt («Erziehung zur Mannhaftigkeit»), con un comentario en su lugar; se conservan el lema de Pestalozzi y la cita de Robert Hunter, que forman parte de piezas de la redacción. El suplemento no lleva paginación impresa: `S. [n]` = página n del facsímil. El espaciado del original se da en cursiva. Dos pliegues del papel en la pág. [1] tapan algunas letras, restituidas entre corchetes («[Schwarz]brot», «[gesu]nden», «[Ve]rkehrs», «das [¿quälende?] Wi[ckel]band»). Se conserva la errata «Er handelt sich» (por *Es*).
