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Title: Das proletarische Kind. Eine Monographie
Description: München: Albert Langen, 1911, XIV/262 S. Gewidmet „Der neuen Generation“.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1911%20Das%20proletarische%20Kind.%20Eine%20Monographie
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<!-- Schmutztitel -->

Das proletarische Kind

<!-- Titelblatt -->

# Das proletarische Kind

Otto Rühle

Eine Monographie

Albert Langen, München

<!-- Copyright 1911 by Albert Langen, Munich -->

<!-- Widmung -->

Der neuen Generation

<!-- Inhaltsverzeichnis -->

<!-- S. VII -->

**Inhaltsverzeichnis**

**Einleitung**, S. 1—4

Die Erforschung des Werdeganges der bürgerlichen Jugend. — Milieu und Entwicklung. — Andere Klassenverhältnisse, andere Entwicklungsbedingungen. — Das proletarische Kind. — Erster Versuch einer Monographie. — Aufgabe dieses Buches.

**Die proletarische Klasse**, S. 5—13

Der mittelalterliche Zunftmeister. — Seine Stellung in der Wirtschaft seiner Zeit. — Die überseeischen Entdeckungen. — Revolutionierung des Wirtschaftslebens durch den Welthandel. — Das Handelskapital. — Stockungen in der Warenversorgung. — Der Kaufmann wird Warenproduzent. — Beginn der kapitalistischen Ära. — Heimarbeit, Kooperation, Manufaktur. — Verlust der sozialen und beruflichen Selbständigkeit des Handwerkers. — Verlust des Berufs und der Produktionsmittel. — Die Maschine. — Erwachen des Klassengefühls. — Klassenbewußtsein. — Erhebung aus der Tiefe sozialen Elends. — Die kollektive Macht der organisierten Selbsthilfe. — Der Klassenkampf. — Das moderne Proletariat.

**Die proletarische Familie**, S. 14—41

*Die Lebensgestaltung des Bürgertums.* Bodenständigkeit und Seßhaftigkeit. — Beruf, Gewerbe, Amt. — Sicherheit und Auskömmlichkeit der Existenz. — Familienverband und Gefühlswerte. — Würden und gesellschaftliche Geltung. — Der goldene Lebensabend.

*Die Lebensgestaltung des Proletariats.* Mangel sozialer Wurzelhaftigkeit. — Fremd in Ort und Land. — <!-- S. VIII --> Besitz- und Berufslosigkeit. — Sklavenarbeit in der Fabrik. — Das Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit. — Sonntagsnachmittagsnatur. — Der Gedanke an das Alter.

*Die Familie als soziale Institution.*

*Die kleinbürgerliche Idylle.* Ernährungs-, Wohnungs-, Lebens- und Erziehungsgemeinschaft. — Mutterschule. — Pflanzstätte aller Kultur. — Vorbereitung auf die Mission der Ehe.

*Die Zerstörung der Idylle.* Der Kapitalismus. — Sprengung „geheiligter Bande“. — Marx. — Schale ohne Kern. — Ein Geschlecht ohne Familiengemeinschaft. — Anteil des Proletariats an der Nation. — Vollblutproletarier. — Sonstige proletarische Elemente.

*Die proletarische Familie.*

*Der Vater.* — Früher Arbeitsbeginn. — Keine Tischgemeinschaft. — Langer Arbeitstag. — Schlechte Entlohnung. — Unterernährung. — Arbeitslosigkeit. — Binnenwanderungen. — Haushaltungsrechnungen. — Das Elend der Landproletarier.

*Die Mutter.* — Erwerbstätige Frauen. — Willige und billige Arbeitskräfte. — Mütter in der Fabrik und in der Heimarbeit. — Beruf und Mutterschaft. — Lohnarbeit und Kindespflege. — Gefahren des mutterlosen Haushaltes. — Das vereinsamte Kind.

*Die Wohnung.* — Unhygienische und übervölkerte Wohnungen. — Mietskasernen, Hinterhäuser, Höfe. — Sombart und Naumann über die Wohnungsmisere.

**Das proletarische Kind**, S. 42—259

**Das Verhängnis seiner Abstammung.** Degenerierte und kranke Eltern. — Keim zum Siechtum als einziges Erbteil. — Lebenskraft und Daseinskampf. — Hunger im Mutterleibe. — Keine Schonung der Schwangeren. — Vom Arbeitsplatze ins Wochenbett. — Von der Geburt überrascht. — Kinder sind Gottessegen. — Das härteste Los. — Tod der Frucht vor der Geburt. — Gewerbliche Gifte und die Vergiftung der <!-- S. IX --> Ungeborenen. — Verwüstung von Gesundheit und Frauenkraft durch Früh- und Fehlgeburten. — Sieche Mütter und siecher Nachwuchs. — Geschwächte, verkümmerte, minderwertige Geschöpfe. — Todeskandidaten.

**Der Tod aus der Milchflasche.** Neuer bethlehemitischer Kindermord. — Statistische Zahlen. — Ein totes Kind und 17 tote Säuglinge. — Frauenerwerbsarbeit und Kindersterblichkeit. — Das kapitalistische Musterland Sachsen. — Familientragödien. — Marx und Beispiele aus England. — Säuglingssterblichkeit in ländlichen Gebieten. — Das Kind der Reichen genießt Schonung. — Je größer die Armut, desto größer die Sterblichkeit. — Statistische Nachweise. — Auch die Mutterbrust ändert daran wenig. — Künstliche Ernährung und Sterblichkeitsziffern. — Ein 350 mal so harter Daseinskampf für das proletarische Kind. — Luft und Sonne. — Straßen mit verschiedener Bauweise und die Ziffern der Säuglingssterblichkeit. — Geburtenhäufigkeit und Kindersterblichkeit. — Dr. Hamburgers Untersuchung.

**Der Makel unehelicher Geburt.** „Hurkinder“. — Volksmoral, die Unschuldige büßen läßt. — Zunahme der unehelichen Geburten. — Unehelichkeit als Ursache sozialer Ungunst. — Totgeburten Unehelicher. — Große Sterblichkeit unehelicher Säuglinge. — Die ungünstige soziale Lage der unehelichen Mütter. — Ziehmütter und Engelmacherinnen. — Haltekinderpflege in Großstädten. — Ungünstigster Erfolg in der Waisenpflege. — Schwere soziale Anklagen. — Angebliche Minderwertigkeit der Unehelichen. — Natürliche Auslese. — Spanns Untersuchungen. — Hoher Anteil der Dienstboten an der unehelichen Mutterschaft. — Besser für das Kind, die Mutter stirbt! — Feiner Kindermord und jahrelanges Sterben. — Die Gesellschaft versagt Hilfe und Schutz. — Uneheliche als gesellschaftliche Last und Gefahr. — Kurzes Lebensausmaß und frühes Grab.

**In der Öde des mutterlosen Haushalts.** Die Mär vom Kindheitsparadies. — Der verwüstete Garten des proletarischen Kindes. — Untersuchungen Dr. Felds. — Crimmitz- <!-- S. X --> schauer Fabrikarbeiterinnenkinder. — Säuglinge ohne jegliche Wartung und Pflege! — Für die anderen kein Heim, keine Erziehung. — Straßenkinder. — Die Zahl der erwerbstätigen Frauen in Deutschland und ihrer unversorgten Kinder. — Der 4. bis 6. Teil aller Arbeiterinnenkinder in der Öde des mutterlosen Haushalts. — Die Mutter nach Feierabend. — Das Kindlein in der Krippe.

**Das körperliche und geistige Manko.** *Die Zwerghaften und Verkümmerten.* — Längenmessungen und Gewichtsprüfungen. — Axel Key, seine Vorläufer und Nachfolger. — Proletarische Kinder sind leichter, kleiner und dürftiger entwickelt als Bourgeoiskinder. — Unterschied von 1—2 Jahreswachstumen. — Untersuchungen in Freiberg, Leipzig, Wien, Dresden, Berlin und Glasgow. — Parallelismus zwischen Körperentwicklung und materiellen Verhältnissen.

*Schulärztliche Untersuchungen.* — Die gesundheitliche Verfassung der Volksschuljugend über alle Begriffe traurig. — Geschwächte Lebenskraft und verminderte Widerstandsfähigkeit. — Ein Mittelschüler 5- bis 10mal so kräftig als ein Volksschüler. — Die Schulanfänger. — Die Zurückgewiesenen. — Die unzureichend Ernährten. — Endloses körperliches Elend.

*Armut als Krankheitsursache.* — Ohrenerkrankungen und Gehörleiden (Prof. Rabe und Prof. Ostmann). — Stottern (Klenke und Berkhan). — Taubstummheit (Brauckmann). — Blindheit. — Zähne. — Körperliche Minderwertigkeit und Ungunst der äußeren Verhältnisse (Dr. Seiffert).

*Die Proletarierkrankheit Tuberkulose.* — Zunahme der Sterblichkeit bei proletarischen Kindern. — Statistik. — Hoher Krankheitsstand. — Düsseldorfer Untersuchung. — Tuberkulose als Wohnungskrankheit. — Mangel an Betten. — Elendsbilder. — Brutstätten der Tuberkulose. — Skrofulose als normale Primärform. — 85 bis 95% aller Volksschulen für Tuberkulose disponiert.

*Krüppelkinder.* — Zählung 1907. — Mangel an Anstalten. — Hoher Anteil des Proletariats. — Krüppelhäufigkeit im Gefolge der Industrie. — Unfälle. — Kinderarbeit und Gefahr der Verkrüppelung.

<!-- S. XI -->

*Schwachsinnige und Idioten.* — Damaschkes Angaben. — Statistische Nachweise. — Ärztliche und pädagogische Fürsorge. — Hilfsschulen. — Das schwachsinnige Kind in der Volksschule. — Verkehrte Unterrichtsweise als auslösendes Moment. — Prügel in der Schule. — Soziale Ursachen. — Schwindsüchtige, minderwertige, trunksüchtige Eltern. — Krankheitslisten schwachsinniger Kinder. — Soziale Notstände. — Dr. Wegner über thüringisches Schwachsinnigen-Elend. — Alkoholismus und im Rausch erzeugte Kinder. —

**„Weiße Salbe“.** Das mahnende Gewissen der Gesellschaft. — Der Kitzel des Wohltuns. — Wohltätigkeitsfeste und Blumentage. — Hinter den Kulissen der Wohltätigkeit. — Sittliche und soziale Gefahren der Wohltätigkeitsfexerei.

*Kindergärten und Kinderhorte.* — Tropfen auf heißen Stein.

*Schulspeisungen.* — Die Grausamkeit, hungernde Kinder zum Lernen zu zwingen. — Umfrage der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. — 179000 Kinder im Winter kein warmes Mittagbrot. — 22000 hungrig zu Bett. — 300000 mit schlechter Konstitution. — Untersuchungen Dr. Bernhards in Berlin. — Erhebungen des Vereins für Kindervolksküchen. — 14000 Kinder in Berlin ohne Frühstück zur Schule. — Private Wohltätigkeit. — Speisungseinrichtungen. — Viel bleibt zu tun. — Großzügige Organisation der Schulspeisungen im Auslande.

*Schulkrankheiten.* — Pflicht der Schule und Pflichtversäumnis. — Mängel der Organisation und der Methode. — Untersuchung von Schulkrankheiten. — Rückgratverkrümmung. — Kurzsichtigkeit. — Stottern und Veitstanz. — „Weiße Salbe“.

**Die Barbarei der Kinderarbeit.** Kapitalismus und Maschine. — Beginn der Kinderausbeutung. — Die Jahre 1820—1840. — Das erste Kinderschutzgesetz. — Selbsthilfe der Arbeiterschaft. — 70 Jahre Kampf. — Das Kinderschutzgesetz 1903/1908. — Berichte der Gewerbe-Inspektionen. — Ergebnis der Berufs- und Gewerbestatistik von 1895. — Enquete von 1898 — Sachsen obenan. — Art der Kinderbeschäftigung. — <!-- S. XII --> Enquete der Lehrerschaft. — Bis zu 80% erwerbstätige Kinder! — Ungeheure Arbeitszeiten und Arbeitsleistungen. — Bettelpfennige als Lohn. — Die Ausbeutung in der Landwirtschaft. — Schule ist Nebensache. — Die unheilvollen Wirkungen der Erwerbsarbeit auf Kinder. — Durchlöcherung des Schutzgesetzes. — Noch immer schreckliche Ausbeutung. — Arbeitskrüppel. — Kindermärkte. — Eine Wanderung des Grauens.

**Der sprichwörtliche Volksschuljammer.** Das Recht auf Bildung. — Die Schule, eine Klasseninstitution. — Wer Geld hat, kann sich Bildung kaufen. — Reiche Aufwendungen für höhere Schulen. — Aschenbrödel Volksschule. — Dürftige Gliederung in Aufbau und Organisation. — Lehrermangel. — Über 3 Millionen Kinder nach den Grundsätzen der Armenverwaltung unterrichtlich versorgt. — Armut ist Knechtschaft. — Die Vernichtung der geistigen und sittlichen Selbständigkeit des Kindes. — Drillschule und Geistesdressur. — Religionsunterricht und Spruchpest. — Die Religion protestiert gegen die religiöse Abrichtung. — Geschichtsfälschungen und hurrapatriotische Tendenzen. — Prügelstrafe.

**Wege zum Laster.** Die Straße als Heimat des Proletarierkindes. — Schule der Unmoral. — Prostitution als Klassenerscheinung. — Ihre historische Silhouette. — Die halbreifen Töchter des Proletariats. — Lockungen und Sinnesreize der Großstadt. — Der Schrei nach Brot. — Wohnungselend und Schlafburschenunwesen. — Berührung mit der Prostitution. — Schlafverhältnisse von Schulkindern. — Enge des Raumes und Mangel an Betten ertöten das Schamgefühl. — Verführung durch Lehrer, Geistliche und andere Personen. — Körperliche Züchtigung, eine sexuelle Gefahr! — Kinderhandel. — Schwester Arend, Polizei-Assistentin in Stuttgart. — Ein Brief, der Bände spricht. — Preußische Fürsorge-Statistik. — Umfrage Gerlings. — Blicke in Abgründe. — Alkoholismus und Unsittlichkeit. — Prostitution aus sozialer Tradition. — Die sittliche Not der Dienstmädchen. — Das Kontingent der Fabrikarbeiterinnen. — Soziale <!-- S. XIII --> Misere immer die Hauptursache. — Das Ende: die Besserungsanstalt.

**In Fürsorge-Mißhandlung.** Pestalozzi-Geist in der Fürsorge. — Laßt alle Hoffnung hinter euch! — Frühere Rechtszustände. — Das Fürsorge-Erziehungs-Gesetz von 1901 in Preußen. — Überweisungsgründe für das proletarische Kind. — Der Anteil des Proletariats. — Gefährdete Berufe. — Wie das Handwerk seine Erzieherpflicht an den Lehrlingen erfüllt. — Mädchen aus häuslichem Dienst. — Geistige Beschaffenheit und Kriminalität der Fürsorgezöglinge. — Vermögenslage der Eltern. — Das familiäre Milieu. — Grundsätze der Anstaltserziehung. — Der Zögling ist Sträfling. — Besondere Lieblosigkeit in der Behandlung sittlich gefährdeter Mädchen. — Billige Arbeitskräfte für die Agrarier. — Unmenschliche Greuel hinter Anstaltsmauern. — Die Blohmesche Wildnis. — Die Hölle von Mieltschin. — Weitere Scheußlichkeiten. — Unerhörte Ausbeutung. — Angaben Agahds. — Wenige erfreuliche Ausnahmen.

**In der Nacht des Kerkers.** Kind und Strafrichter. — Kriminalstatistik der Jugendlichen. — Mendel, Liszt und Wulffen über das heutige Strafsystem. — Mängel und Reformvorschläge. — „Die unten im Volke auch Menschen mit Gefühlen und Schmerzen.“ — Straftaten von Kindern. — Strafmündigkeit und kindliche Psyche. — Gesellschaftliche Ursachen. — Erwerbsarbeit und Kriminalität. — Intellektuelle Verwahrlosung und Strafhäufigkeit. — Statistische Belege. — Der Bücherzettel des 17jährigen Mörders. — Die Ohnmacht der Gesellschaft. — Grausamkeiten, an Kindern im Gefängnis verübt. — Wo der Beamte anfängt, hört der Mensch auf. — Strafvollzug an Jugendlichen in Amerika. — Stammer über die Reformatories. — Der Plötzensee-Prozeß und seine Enthüllungen.

**Das Ende in Verzweiflung.** Kindertragödien und Verzweiflungstaten. — Der grausige Widerspruch. — Zunahme der Selbstmorde Jugendlicher. — Ökonomische Untergründe und soziale Zusammenhänge. — Statistik. — Lebensalter. <!-- S. XIV --> — Motive. — Sachsen mit höchster Kinderselbstmordziffer. — Erwerbselend. — Sektenfanatismus. — Schülerselbstmorde. — Furcht vor Strafe. — Der Bakel in der Schule. — Forel und Gurlitt über Schule und Kinderselbstmorde. — Die gütige Mutter Erde.

**Schluß**, S. 259—262

Die Brut verläßt das elterliche Nest. — Der jugendliche Arbeiter. — Im Kampfe um Lohn und Brot. — Schwere Gefahren und Schädigungen. — Düstere Ahnung und schmerzliche Gewißheit. — Erniedrigung und Aufrichtung. — Die proletarische Bewegung.

<!-- S. 1 -->

## Einleitung

Die Literatur ist reich an Werken, die Aufschluß geben über die Entwicklungsbedingungen des werdenden Menschen und alle Phasen der Entwicklung, die die Generationen in ewiger Verjüngung durchlaufen.

Aber die Darstellung hat immer nur, so weit sie auch die Kreise ihres Beobachtens ziehen mag, den Nachwuchs der *bürgerlichen* Klasse im Auge.

Daß andere Klassenverhältnisse auch andere Existenz- und Entwicklungsbedingungen zeitigen, daß also der *Werdegang der proletarischen Jugend* andere Voraussetzungen zur Grundlage hat, nach anderen Gesetzen sich vollzieht und von anderen Einflüssen und Gewalten bewegende Antriebe und richtunggebende Steuerungen empfängt, ist der Einsicht der Forscher bisher entweder völlig entgangen, oder aber ihnen einer besonderen Berücksichtigung und Würdigung nicht wert erschienen.

Soweit ich die Literatur zu überblicken vermag, hat nur *Sombart* in seiner kleinen feinen Studie über das Proletariat (Die Gesellschaft, I. Bd.) bei der Behandlung der proletarischen Familie auch des proletarischen Kindes gedacht. Sein ästhetisch wie sozialpsychologisch in gleichem Maße reizvolles Werkchen hat nicht nur die Anregung <!-- S. 2 --> zu vorliegender Arbeit gegeben, sondern auch hin und wieder Lichter und Farben seiner glänzenden Darstellung in die düstere Szenerie dieses Buches geworfen. Für sich selbst genommen, ist es weit davon entfernt, auch nur im bescheidensten Ausmaße eine Monographie des proletarischen Kindes sein zu wollen.

So wartet das proletarische Kind noch immer seines wissenschaftlichen Entdeckers und Biographen.

Je selbständiger, selbstbewußter und unabweisbarer nun aber das Proletariat in den Kreis der Kulturfaktoren tritt, die der Gesellschaft unserer Tage das Gepräge verleihen, desto entschiedener heischt die Entwicklung des proletarischen Kindes eine ihrer Eigenart gerecht werdende Erforschung und Beleuchtung.

Unter Zugrundelegung zahlreicher Vorarbeiten und unter teilweiser Heranziehung früherer, jetzt vergriffener Publikationen ist hier — wie ich glaube erstmalig — der *Versuch* gemacht worden, eine *Gesamtdarstellung von Tatbeständen, Verhältnissen und Bedingungen* zu geben, die sich auf die *Entwicklung des proletarischen Kindes* beziehen.

Ein Versuch, — denn das Buch ist in erster Linie nur als eine Sammlung von Beiträgen zu einer Monographie des proletarischen Kindes gedacht.

Ein kurzer historischer Abriß, der auf kleinster Spiegelfläche die charakteristischen Momente des Entstehens der *proletarischen Klasse* aufzufangen sucht, und eine flüchtige, in den entscheidenden Konturen sich erschöpfende Skizzierung der *proletarischen Familie* gehen der eigentlichen Arbeit voran. Sie sollen eine ungefähre <!-- S. 3 --> Vorstellung von dem Milieu vermitteln, dem das *proletarische Kind* entstammt, und von dessen Grunde aus sich sein Schicksal dem Verständnis des Forschers und Beobachters am willigsten und am rückhaltlosesten erschließt.

Eine lückenlose, ausgeglichene, streng einheitliche und in sich geschlossene Darstellung des Stoffes war vorerst noch nicht durchführbar. Sie wird erst möglich sein, wenn man es bei der Verarbeitung des Materials nicht mehr mit gelegentlich und zufällig gewonnenen Ziffern und Tatsachen zu tun hat, sondern mit Resultaten, die durch planvoll und großzügig angelegte und streng wissenschaftlich durchgeführte Forscherarbeit erzielt worden sind, jederzeit auf ihre Sicherheit und Stichhaltigkeit nachgeprüft werden können und so allen Bedingungen der exakten Methode entsprechen. —

Daß das Schicksal des proletarischen Kindes aus diesem Buche wie ein in düsteren und grausigen Farben gehaltenes Gemälde dem Betrachter entgegentritt, ist nicht die Schuld des Verfassers und resultiert nicht aus vorgefaßter Absicht. Mir galt als erste und ernsteste Pflicht die: die *Tatsachen* ohne Beschönigung wie ohne Übertreibung, rein nach ihrem reellen Gehalt, zu buchen und in lebendige Verbindung zu setzen mit den ökonomischen und sozialen Komplexen, denen sie entstammen, und in die sie sich organisch eingliedern.

Es ist eine Wanderung durch Wüsten, Abgründe und Moräste, die in diesem Buche ihre Widerspiegelung findet; eine Welt des Schmerzes und der Qual, die sich vor entsetzten Blicken ausbreitet.

<!-- S. 4 -->

Und der Zweck des Buches ist: Kunde zu geben, Augen zu öffnen und Gewissen zu schärfen. Herzen sollen entflammt und *Hände zur Tat bereit* gemacht werden.

<!-- S. 5 -->

## Die proletarische Klasse

Das moderne Proletariat ist das legitime Kind zweier Wirtschaftsepochen. Es hat den niedergehenden Feudalismus zum Vater und den aufstrebenden Kapitalismus zur Mutter. Seine Geburt fällt etwa in die Mitte des 15. Jahrhunderts.

Bis dahin hatte der mittelalterliche Handwerksmeister den durch das städtische Weichbild begrenzten Markt mit Waren versorgt. Im Kreise seiner Gesellen, die zur Familie zählten, und denen allen früher oder später die berufliche Selbständigkeit winkte, hatte er — ein Patriarch in seinem kleinen Reiche — die Produktion betrieben. Einkauf der Rohstoffe, Herstellung und Verschleiß der Waren, — alles lag in seiner Hand. Zünftlerische Schulung und die Abgeschlossenheit der einzelnen Städte setzten ihn in den Stand, den Ansprüchen der Konsumenten vollauf zu genügen. Der Ertrag seiner Arbeit reichte aus, um ihn die warme Behaglichkeit eines gewissen Wohlstandes genießen zu lassen. Über den von der Stadtmauer umschlossenen Wirtschaftskreis ging sein Betätigungsdrang nur wenig oder gar nicht hinaus.

Da führte das Aufkommen des Welthandels einen bedeutsamen Wendepunkt herbei.

<!-- S. 6 -->

Seit der Erfindung des Kompasses hatte sich der Schiffsverkehr von den Küsten losgelöst und neue Wege über den weiten Ozean gesucht und gefunden. Der Handel hatte einen gewaltigen Aufschwung erfahren. Das Verlangen nach Edelmetallen, die, zu Münzen geprägt, den Warenaustausch beflügeln und den trägen Pulsschlag des Marktlebens beschleunigen sollten, lenkte den Blick nach den sagenhaften Goldländern des Ostens. Und von der Gier nach Reichtum gestachelt und gepeitscht, drang der seefahrende Kaufmann in die fremden Länder ein, raubte sie aus, machte die Bewohner zu Sklaven und Bettlern und führte Ströme von Silber und Gold der Heimat zu.

Das Kaufmannskapital entstand und revolutionierte das gesamte ökonomische und gesellschaftliche Leben.

Nun erwachten tausend neue Bedürfnisse, die gedeckt sein wollten. In den Häusern der Patrizier, den Wohnpalästen des reichgewordenen Bürgerstandes, wuchsen die Ansprüche an das Leben ins Ungeheure. Waren über Waren wurden verlangt; Geschmack, Mode, Prunksucht und Schwelgerei entfesselten einen tollen Wetteifer. Und auf dem Neuland veränderter Lebensformen und Lebensbeziehungen gedieh in üppigem Flor eine Fülle neuer Anschauungen und Ideen, die die alte Denkweise umstürzten und im wohlgeordneten Schrein der geheiligten Traditionen das Unterste zu oberst kehrten.

Dem Handwerksmeister, der durch die enge und strenge Ordnung der Zunft behindert war, den Umfang seines Betriebes wie die Zahl seiner Gehilfen den Bedürfnissen des Marktes jeweilig anzupassen, dem es bei gesteigertem Warenabsatz vor allem an ausreichendem Rohmaterial <!-- S. 7 --> fehlte, wuchs die wirtschaftliche Entwicklung bald über den Kopf. Der Warenmarkt sah sich von der Produktionskraft des Handwerks im Stich gelassen.

Da trat der Kaufmann an die Stelle des Handwerksmeisters. In seiner Hand entwickelte das Geld die wunderbare Fähigkeit, mehr Geld zu hecken. Daß er um so reicher war, je mehr Geld er besaß, — diese Eigenschaft teilte er mit dem Handwerker wie mit aller Welt. Aber daß er, wenn er Geld besaß, alle Chancen hatte, noch reicher zu werden, allein durch die wertzeugende Kraft des Geldes, das war sein Privilegium als Kapitalist, sein ökonomischer Vorsprung vor dem Handwerker. Reich, reicher, immer reicher — welch ungeahnte Perspektiven taten sich da vor ihm auf! Mit der unwiderstehlichen Macht einer Massensuggestion wirkte das Geld auf die Menschen, und sein Glanz ließ vor ihren erstaunten Blicken märchenhafte Zukunftshoffnungen erstehen.

Wie ein Eroberer schritt der Kapitalismus durch die Welt. Noch besaß zunächst freilich die Zunft Kraft genug, ihm jeden Fußbreit Land streitig zu machen. Man gestattete dem Kapitalisten, die Waren aufzukaufen und auf den Markt zu werfen. Aber die Arbeitskräfte der Handwerker durfte er nicht in seine Gewalt bringen. Er war nur geduldet als Verleger der Handwerksprodukte. Bald jedoch schoß er dem Handwerksmeister Rohstoffe vor und erwarb sich damit das Verfügungsrecht über die Ware. Der Zunftmeister wurde zum Lohnarbeiter, die Basis sozialer Selbständigkeit schwand ihm unter den Füßen. Immerhin, die Selbständigkeit des Produzenten blieb ihm. Seine Persönlichkeit, sein Beruf und seine <!-- S. 8 --> Produktionsmittel bildeten eine Einheit, sie gehörten zusammen wie Schnecke und Schneckenhaus.

Da zog der Kapitalismus das weitmaschige Netz der Hausproduktion enger und gewann als konzentriertes Gebilde die Kooperation. Die Isoliertheit der Werkstatt wurde aufgehoben, die Schar der Arbeitskräfte auf ein gemeinsames Arbeitsfeld zusammengezogen und unter das Kommando des Kapitalisten gestellt. Die Kombination der Arbeiten schritt fort zur Kombination der Arbeiter. Ein Erfolg, den der Handwerker mit dem Verlust der eigenen Arbeitsstätte bezahlte. Noch 1770 hatte in England ein kapitalistischer Gemütsmensch für Paupers ein „Haus des Schreckens“ empfohlen, in dem zwölf Stunden Zwangsarbeit geleistet werden sollte; — wenige Jahre später war das Haus da, es hieß Fabrik. Und das Ideal des Braven, berichtet Marx, verblaßte vor der Wirklichkeit.

Noch aber war der zum Fabriksklaven degradierte Handwerker, wenn auch nicht mehr selbständiger, so doch individueller Produzent und Inhaber eigener Werkzeuge. Die Ware, die aus seiner Hand kam, trug das Gepräge seiner Persönlichkeit und war das Abbild seines Wesens.

Da organisierte der Kapitalist die Manufaktur. Der Arbeitsprozeß, bis dahin in der Leistung je einer Produktionskraft konzentriert, wurde durch Zerlegung und Zerspaltung in zahlreiche Teiloperationen auf viele Hände verteilt. Und der Handwerker, aus der harmonischen Geschlossenheit seiner Berufsarbeit herausgelöst, wurde zu einem Teilmenschen zerstückelt, dessen ganzes Arbeitsdasein sich erschöpfte in der millionenfältigen Wiederholung eines <!-- S. 9 --> in grausamer Monotonie zu verrichtenden einzigen Handgriffes. Körperliche Verkrüppelung und geistige Verblödung, gepaart mit sozialer Verschlechterung der Existenz, stellten sich als Folgen der Teilarbeit und der beruflichen Vereinseitigung ein. Jedoch, — war das Los des Manufakturarbeiters auch nicht beneidenswert, konnte der Arme — verstümmelt, vertiert und verelendet — nur noch im geschlossenen Gefüge der Arbeitsgemeinschaft zur Verwendung seiner Arbeitskraft wie zum Bewußtsein der produktiven Einheit gelangen, — mit Haut und Haaren war er dem Kapitalismus dennoch nicht verkauft. Noch besaß und beherrschte er das Werkzeug; noch beruhte die Produktion der Ware auf ihm, dem lebendigen Menschen, und der Erfolg der Arbeit auf der Sicherheit seiner Hand, der Schärfe seines Auges, dem willigen und geschickten Dienst seines Hirns.

Blieb er so vor dem tiefsten Verfall seiner Handwerksherrlichkeit dadurch bewahrt, daß die Entwicklung ihm nicht alles, nicht auch das letzte nahm, so wurde gerade das sein schlimmstes Verhängnis, was sie neu herbeiführte: die Konkurrenz der *ungelernten Arbeiter*.

Seit alters hatte Handwerk einen goldenen Boden gehabt. Die Warenproduktion war ausschließlich Handwerkssache gewesen jahrhundertelang. Im zünftigen Gewerbe wie später auch in der Fabrik. Pfuscher und Störer, Ungelernte und weibliche Arbeitskräfte hatte man nicht geduldet. Auf der sozialen Stufenleiter stand der gelernte Arbeiter immer mindestens eine Stufe über dem ungelernten.

Da pochte mit einem Male der Hergelaufene, der <!-- S. 10 --> Unqualifizierte an die Fabriktore, Einlaß begehrend, um neben dem Gelernten arbeiten zu dürfen. Und das Unerhörte geschah: Der Kapitalist schloß ihm auf. Je entfalteter und vollendeter die Manufaktur war, desto einfacher fielen die Handgriffe aus, die, leicht und rasch erlernbar, eine genaue Kenntnis des jeweiligen Handwerks keineswegs erforderten. Nun zogen in Scharen die verarmten Bauern und ihr hungernder Nachwuchs, deren Scholle und Besitztum der Habgier unersättlicher Junker und Pfaffen verfallen waren, nach den Städten und Industriegebieten, drängten sich in die Fabriken und boten dem Kapitalisten ihre Arbeitskraft zum Verkaufe an. In Scharen brachten auch bankrotte kleinbürgerliche Existenzen, vom Kapitalismus ruiniert und ohne andere Möglichkeit, sich zu behaupten, ihre Ware Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte zum Verkauf. Wahre Fluten von Proletariern ergossen sich aus diesen zwei schier unerschöpflichen Reservoirs, Landwirtschaft und Kleinbürgertum, in den breiten Mahlstrom der kapitalistischen Entwicklung.

In diesem Strudel eines ebenso neuen als verzweifelten Kampfes ums Dasein verlor der Handwerker von ehedem den letzten Halt, als die *Maschine* auftauchte und sich damit dem Kapitalismus die Bahn zu einem ungeahnten Siegeszuge öffnete. Dieses gigantische und kostspielige Werkzeug erwies sich von Anfang an nur den finanziellen Potenzen des Kapitalismus erreichbar. Nun reckte sich das pustende und schnaubende Ungeheuer, oft in kolossalen Dimensionen, in den Sälen und Hallen aus, besorgte die Warenproduktion, bestimmte das Tempo der <!-- S. 11 --> Arbeit, die Methode der Erzeugung, den Rhythmus der Bewegung, die Menge der Produkte. Sie hämmerte und sägte, spann und webte, stanzte und bohrte. Sie hämmerte wie zwanzig, dreißig Schmiede und webte gleich einem hundertfältigen Weber. Sie war der Warenproduzent geworden, leblos zwar und doch aufs äußerste belebt. Das lebendige Menschenwesen sank, aller Produktionsmittel bar und aus der ersten Reihe im Produktionsprozeß verdrängt, zu einem toten Anhängsel der Maschine, einem willenlosen Sklaven ihres eisernen Willens herab. Und wehe ihm, wenn er nicht auf den Blitz gehorchte! Eine grausame Herrin, warf sie nicht bloß den Überflüssigen, den ihre potenzierte Arbeitskraft entbehrlich machte, erbarmungslos auf die Straße, dem Hunger zum Raube, nein, sie zermalmte auch den Ungeschickten, zerriß den Säumigen oder schlug den Unbedachten mit wuchtigem Arm zum Krüppel. Mehr noch. Wie eine mörderische Seuche verwüstete sie Gesundheit und Lebenskraft ungezählter Frauen und Mütter. Wie ein gähnender Moloch verschlang sie ganze Hekatomben blühender Kinder, die ihr die Schergen des Kapitalismus — Profitgier und Elend — mitleidlos in den Rachen trieben.

Im Zeitalter der Maschine erlebte der Kapitalismus seinen glänzendsten und erfolgreichsten Aufschwung. Zugleich, als Kehrseite der Medaille, versank das Proletariat in das trostloseste, materielle Elend.

Wer erinnert sich nicht mit Grauen der unheimlich düsteren Bilder, die Engels in seinem Buche über die Lage der arbeitenden Klassen in England entrollt?

Oder der namenlosen Leiden, von denen Villermé <!-- S. 12 --> in seinem Werke über die französischen Textilproletarier berichtet?

Wer erschauert nicht vor dem Ächzen und Stöhnen der Not, die sich in Hauptmanns Webern zu erschütternden Anklagen verdichtet?

Wessen Herz bliebe ungerührt beim Lesen der Berichte Thuns über die entsetzliche Verwahrlosung des niederrheinischen Proletariats in der kapitalistischen Frühzeit?

Maßlos lange Arbeitszeit, Unterernährung, chronische Schwäche, Verkrüppelungen und Verbildungen aller Art, Hungertyphus, Nachtarbeit, Wohnungsnot, Alkoholismus, geschlechtliche Ausschweifung, Kinderarbeit in ungeheuerlichem Umfange, Arbeitslosigkeit, Unwissenheit und Rohheit, Verkümmerung und Verbitterung des Gemütslebens — immer und überall dasselbe schauerliche Lied ... „Die Frühzeit des Proletariats ist ein absteigender Ast der Entwicklung, ein Prozeß der Zersetzung aller alten Traditionen, Ideale und sittlichen Werte.“

Auf den Tiefstand folgte ein langsamer und allmählicher Aufstieg. Das Auge der Massen entwöhnte sich der stumpfen Blindheit gegenüber der Not ihres Daseins. Erst zaghaft und verstohlen, dann immer deutlicher und ausgesprochener wurde das Klassengefühl lebendig, das sich in Zeiten unerträglicher Not in verzweifelten Ausbrüchen und leidenschaftlichen Exaltationen entlud. Schließlich bildete sich in immer klareren Formen das stolze und frohe Bewußtsein der proletarischen Einmütigkeit, die lebendige Solidarität der Klasse heraus, in der selbstlosen Hingabe an die gewaltige Idee der Emanzipation <!-- S. 13 --> des Proletariats durch eigene Kraft das Ziel und die Erfüllung seiner geschichtlichen Bestimmung erblickend. Und die kollektive Macht der organisierten Selbsthilfe bannte wenigstens die furchtbarsten der sozialen Schrecken, die den Leidensweg des Proletariats umlohen und umdrohen.

Doch noch immer wandern Millionen in den Niederungen und grausigen Abgründen des Elends. Und noch immer steigen Millionen aus dem dunkeln Schoße dieses Elends zu einem sonnenlosen Dasein empor.

<!-- S. 14 -->

## Die proletarische Familie

*Die Lebensgestaltung des modernen Proletariats* ist von der des Bürgertums durchaus verschieden.

Sie unterliegt anderen Gesetzen, basiert auf anderen Voraussetzungen und vollzieht sich in anderen Linien und Formen. Sie hat ihren eigenen Inhalt, ihr eigenes Gesicht, ihren eigenen Rhythmus.

Für das *bürgerliche Element* war es von altersher charakteristisch, daß die soziale Existenz in der Bodenständigkeit der Wirtschaftssubjekte ihre starken Wurzeln hatte. Gleichsam der konkrete Ausdruck dieser Bodenständigkeit war die *Seßhaftigkeit*. Der Kleinbürger besaß immer Haus und Hof; auch der Ärmste verfügte noch über ein Fetzchen Land, ein Hüttchen, ein paar Tiere, „eine Kleinigkeit, an die er sein ganzes Herz hängen konnte“. Nicht selten waren die Besitztitel von den Vorfahren her, viele Generationen durchlaufend, auf den nunmehrigen Besitzer überkommen. Ebenso bildeten *Beruf* und *Gewerbe* häufig ein Stück Familientradition. Sie nährten ihren Mann redlich und auskömmlich, verliehen ihm gesellschaftliche Achtung und Würde und verbürgten im Kampfe ums Dasein eine gesicherte Position. Die <!-- S. 15 --> tägliche Pflichterfüllung erfuhr durch das Bewußtsein, Eigenes zu schaffen und zu mehren, wie durch den Vorteil individueller Bewegungsfreiheit, der sich aus Besitz und Selbständigkeit ergab, eine angenehme Würze. Der *Familienverband* mit engen und herzlichen Beziehungen sorgte, daß der Fonds an Gefühlswerten nicht versiegte. Und nach der Jahre Arbeit und Mühe winkte ein beschauliches *Rentnertum*, ein behagliches Ausruhen auf dem Altenteil, — den Lebensabend im Kreise der Kinder und Enkel vergoldend.

In diesem harmonischen Gleichmaß verläuft das Leben noch immer, soweit bäuerliche und bürgerliche Elemente — Landleute, Handwerksmeister, Bourgeois — in Betracht kommen.

*Wie anders steht der Proletarier da!*

Seine Existenz entbehrt gänzlich der Bodenständigkeit und Wurzelhaftigkeit. Er ist fast immer ein *Fremdling* in dem Orte und der Gegend, wo er lebt und schafft. Eines Tages war er da, hergespült von einer Welle, die ihn hier absetzte; eines Tages wird er wieder fort sein. „Seine Heimat ist die Welt. Er ist ein Allerweltsmensch. Er hat den Erdgeruch verloren, die Konkretheit eingebüßt. Kaum, daß er noch die besondere Sprache bewahrt. Und auch diese verliert er.“ (Sombart) Er hat *kein Haus*, keinen Hof; oft nicht einmal einen eigenen Herd. Seine Habe geht auf einen Handkarren, vielleicht gar in ein armseliges Bündel, das man am Stocke über der Achsel trägt. Wand an Wand mit hundert Familien, in Mietskasernen, die hoch zum Himmel emporragen, in kahlen, öden Straßen, deren Name ihm gleichgültig ist, haust er.

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Er ist ganz arm, lebt von heute zu morgen, aus der Hand in den Mund. Einen bestimmten Beruf, der ihn befriedigen könnte, treibt er nicht. Lernte er wirklich ein Handwerk, so kann er es nicht ausüben, weil ihm die Mittel zur Selbständigkeit fehlten. Nun rackert und tagelöhnert er in der Fabrik. In tausendfältiger Wiederholung mechanischer Handgriffe, deren grausame Monotonie alle Gefühlsbande zerreißt, erschöpft sich seine Kraft. Dabei sind ihm der karge Lohn, die lange Arbeitszeit und die soziale Niedrigkeit seiner Stellung noch nicht das Bedrückendste. Viel schlimmer ist die *Unsicherheit der Existenz*. Täglich, stündlich ist er abhängig vom Zufall, ein Spielball der Laune seines Vorgesetzten. Wie ein Damoklesschwert an dünnem Faden hängt über ihm das Schicksal der Arbeitslosigkeit. Trifft es ihn, dann muß er weiter wandern. Die Straße, den Ort, das Land verlassen. Dieser ewige Wechsel der Arbeitsstätte zerstört jeden Beginn materieller und ideeller Konsolidation. Das bißchen Hausrat wird ruiniert, die paar Spargroschen werden aufgezehrt, neue Aufwendungen sind unumgänglich. Dreimal umgezogen, sagt der Volksmund, ist so gut wie einmal abgebrannt. Dauernde Freundschaften können nicht entstehen, die Bande der Familienverwandtschaft werden immer lockerer. Der Stammbaum ist meist beim Vater schon, spätestens beim Großvater zu Ende. „Arme Leute haben keine Ahnen.“ Die *Beziehungen zur Natur* erschöpfen sich in den flüchtigen Eindrücken, die ein Sonntagsspaziergang über die Peripherie der Vorstadt hinaus vermittelt. „Der Proletarier hat keine besonderen Sitten, wie er keine besonderen Trachten hat, keine landschaftlichen <!-- S. 17 --> Lieder und keine landschaftlichen Speisen; alle seine Sitten und Gebräuche sind Allerweltssitten und Allerweltsgebräuche; auch hierin ist er der Allerweltssohn der neuen Zeit.“ (Sombart.) Er fühlt sich heimatlos, ruhelos, enterbt, um das Glück betrogen, von Gott und Welt verlassen. Grau in Grau malt sich sein Leben. Kein Ausblick, daß es besser werde; daß es die Kinder wenigstens einmal besser haben werden. Kein Hoffnungsstrahl in dieser Öde des Daseins. Kein Ende der Pein. Ach, und das Furchtbarste ... *der Gedanke an das Alter* ...

### Die Familie

Es leuchtet ein, daß unter so neuartigen Existenzbedingungen und Lebensverhältnissen, die sich für Millionen herausbildeten, unter dem Zusammenklange so zahlreicher, von Grund aus gewandelter sozialer Momente die Familie als soziale Institution eine starke *Wandlung und Umwertung* erfahren mußte.

Je mehr die proletarische Klasse sich durchsetzte und ihre soziale Eigenart in immer ausdrucksvollerer Selbständigkeit entwickelte, desto mehr waren die Voraussetzungen für das Entstehen der *proletarischen Familie* gegeben die mit der bürgerlichen Familie bald nicht mehr identisch war. Hielt sie auch an der traditionell gewordenen äußeren Form noch fest, so ging doch der bisherige Inhalt langsam, aber unaufhaltbar verloren.

* * *

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Die Familie, wie sie im westeuropäischen Kulturkreise im Laufe der Jahrtausende von Bauern- und Bürgertum ausgebildet worden ist, bedeutet, wenn wir Sombarts Deduktionen folgen wollen, eine dreifache Gemeinschaft. Als Ernährungsgemeinschaft umschloß sie — und soweit die bürgerliche Klasse in Betracht kommt, umschließt sie noch heute — die materielle Basis, die Quellen der ökonomischen Existenz. Als Wohnungsgemeinschaft verlieh sie der durch Blutsbande bedingten Solidarität ihrer Glieder nach außen hin sichtbaren und wirksamen Ausdruck. Als *Lebens- und Erziehungsgemeinschaft* bildete sie den Schoß für die soziale, geistige und seelische Menschwerdung überhaupt. Die Mutterschule ist allen bürgerlichen Pädagogen der natürliche und selbstverständliche Ausgangspunkt für jegliche, wie sonst auch immer geartete Erziehungs- und Bildungsarbeit; und alles, was Braves, Tüchtiges, Edles und Großes in der Welt je gewaltet hat, verdankt nach bürgerlicher Vorstellung seinen Ursprung der Pflanzschule aller sozialen Kultur, der Familie. „Nur im Familienleben,“ sagt Niemeyer, der vor etwa hundert Jahren als Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle a. S. die Pädagogik seiner Zeit repräsentierte, „können gewisse Eindrücke empfangen und gewisse Gefühle geweckt werden, von welchen zu wünschen ist, daß sie, weil sie die menschlichen sind, in jeder menschlichen Brust tief wurzeln und Stärke gewinnen: Elternliebe, Geschwisterliebe, Sinn für häusliches Glück, Teilnahme an allem, was das Haus angeht.“ In der Familie sind denn auch „die rohen Triebe gebändigt, die zarten Regungen des Herzens geboren worden. Die Selbst<!-- S. 19 -->losigkeit wie die opferfreudige Gesinnung, die Ehrfurcht wie die Zärtlichkeit, das gegenseitige Vertrauen wie das Pflichtbewußtsein, kurz alles, was den tüchtigen, den guten Menschen ausmacht, ist in der Lebensgemeinschaft der Familie geboren.“ (Sombart)

Daß man sich in der bürgerlichen Zeit des hohen sittlichen Wertes und der großen sozialen Bedeutung der Familie bewußt war, lehrt nicht zum letzten die ernsthafte und eindringliche *Vorbereitung*, die jede junge Familie für ihren kulturellen Beruf empfing. Der angehende Vater mußte, bevor er zur Gründung eines eigenen Herdes schreiten durfte, eine lange und gewissenhafte Schule sittlicher Zucht unter Leitung und Überwachung gereifter und erfahrener Männer durchlaufen. Die künftige Mutter empfing im Kreise der elterlichen oder einer fremden Häuslichkeit durch Beobachtung und tätige Anteilnahme an den häuslichen Verrichtungen und Obliegenheiten wenigstens die elementaren Begriffe einer wenn auch handwerksmäßigen, so doch zweckmäßigen und praktischen Erziehung. Wurde dann der Ehebund geschlossen und kamen die Kinder an, so war der Hausstand geordnet, das Nest wohlig durchwärmt, die Wiege bereitgestellt. Und unter den sorgenden Händen des Vaters, den behütenden Augen der Mutter wuchs und blühte die junge Schar.

Die Entwicklung hat von diesem schönen Ideal allen Farbenglanz gestreift. Nicht nur, daß die bürgerliche Familie selbst immer mehr durch die Wirkung destruktiver Tendenzen dem inneren Verfall entgegengeführt wird, — viel wichtiger und augenfälliger ist, daß sich im Proletariat der Charakter der Ehe von Grund aus gewandelt <!-- S. 20 --> hat. Hier hat der Kapitalismus wie ein *rücksichtsloser Zerstörer gehaust*. Er hat, mit Marx zu sprechen, „dem Familienverhältnis seinen rührend sentimentalen Schleier abgerissen, die spießbürgerliche Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt, die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst.“ Die „geheiligten Bande der Familie“ sind gesprengt. Die Ehe im alten bürgerlichen Sinne ist vernichtet. Zwar besteht sie äußerlich noch, aber nur als Gefäß ohne den einstigen Inhalt, als Schale ohne Kern. Zum mindesten hat der Kern seinen materiellen Gehalt, seine ideelle Süßigkeit und Würze, seine kulturelle Keimkraft eingebüßt. Wir müssen uns zu der Tatsache bekennen, die von bürgerlichen Soziologen als eine ungeheuerliche bezeichnet worden ist: *daß im Proletariat ein Geschlecht heranwächst, für das die Familiengemeinschaft so gut wie nicht mehr existiert*, dessen einzelne Glieder auch diesen Zusammenhalt, der Jahrtausende überdauert hat, nicht oder fast nicht mehr kennen.

* * *

Der typische Vertreter der proletarischen Klasse von heute — der Vollblutproletarier Sombarts — ist der *moderne Fabrikarbeiter*. Im deutschen Wirtschaftsleben besteht ein Übergewicht der industriellen Produktion über die landwirtschaftliche; von 1000 erwachsenen Personen leben 563,6 von Industrie, Handel und Verkehr und nur 286,5 von der Landwirtschaft. Die Fabrikarbeiterschaft stellt aber nur das proletarische Kontingent im engsten Sinne dar. In immer breiteren Ringen <!-- S. 21 --> tummeln sich neben ihm noch zahlreiche andere Existenzen und Existenzgruppen unterschiedlichster Art auf demselben Grunde. Sie alle kennzeichnet das Merkmal der Besitzlosigkeit, und der Umstand, daß sie alle vom Verkauf und Ertrag ihrer Ware Arbeitskraft leben müssen, einigt sie zu dem großen Heere der proletarischen Klasse. Ob das Dasein des einzelnen dabei etwas reichlicher aus dem Borne des Erwerbs schöpft, oder ob es ewig um die Qual des nackten Hungers kreist, ändert an der Tatsache selbst nichts. Der Verkauf der Arbeitskraft, und daß aus dem Ertrage dieses Verkaufs die Lebenshaltung bestritten werden muß, bedingt die proletarische Existenz. Je stärker die kapitalistische Entwicklung sich durchgesetzt hat, desto größer ist der prozentuale Anteil des Proletariats an der Nation. Im Deutschen Reiche, wo in den letzten Jahrzehnten der Kapitalismus üppig in die Halme geschossen ist, mag man bei vorsichtiger Schätzung und Berechnung mindestens 70% *der Bevölkerung*, von 65 Millionen etwa 46, als *proletarische Elemente* ansprechen dürfen.

### Der Vater

Die durch die Herrschaft des Privateigentums geweckte und genährte Tradition, im *Vater* das Oberhaupt der Familie zu erblicken, behauptet sich auch noch in den Anschauungen des Proletariats, gestützt durch politische und rechtliche Institutionen, durch die Macht des Herkommens und der Gewohnheit und durch den Beharrungssinn der Masse. Die *Arbeits- und Einkommensverhältnisse* des Vaters bestimmen in erster Linie die ökonomische <!-- S. 22 --> Struktur und den sozialen Habitus der Familie. Diese Arbeits- und Einkommensverhältnisse aber bewegen sich in einer doppelten Angel: *langer Arbeitstag und karger Lohn*.

Im tiefsten Morgengrauen verläßt der Fabrikproletarier sein Bett und seine Behausung. Sein Arbeitstag beginnt sehr früh. „Zwischen schlafenden Kindern beim Schein der Funzel hat er sich notdürftig angekleidet, dann rasch einen Schluck Kaffee hinuntergestürzt, auch das vielleicht nicht einmal, nun eilt er dem riesigen Moloch, der Fabrik, in die Arme, deren schriller Pfiff um sechs Uhr verkündet, daß nun das Einzelleben der Insassen für elf oder zwölf Stunden aufgehört, daß die Herrschaft des Kapitals über Leib und Seele für diesen Tag wieder begonnen hat.“ Der ganze lange Arbeitstag hält ihn von den Seinen fern. Kaum daß er zu Mittag ein kurzes, flüchtiges Beisammensein mit ihnen ergeizen und erhetzen kann. In zahllosen Fällen bekommt er auch da Weib und Kinder nicht zu Gesicht. In der Kantine, im Maschinensaal, in der Baubude oder in einem Schuppen wird Mittag gemacht; oft genug muß er auf einer Promenadenbank, einem Haufen Späne oder der blanken Erde sein armseliges Mahl zu sich nehmen. Die dicke Suppe im Blechtopf, ein Stück Brot, ein Fetzen Wurst, ein Schluck Kaffee oder Bier. Dann ein Viertelstündchen Schlaf. Die Fabrikpfeife ruft. Nun wieder Arbeit bis der Abend kommt. Endlich um sechs, sieben, acht Uhr Feierabend. Todmüde, wie gerädert und zerschlagen, schleppt sich der entkräftete Körper der Behausung zu. Die Kinder sind längst zu Bett; wie sie den Tag verbracht, — wer sollte sich <!-- S. 23 --> jetzt noch darüber den Kopf zerbrechen? Von seiner Arbeit haben sie nichts gesehen; er selbst hat alle Verrichtungen nur mechanisch, ohne innere Anteilnahme und Freude vollbracht. Wie er leer und kalt dabei blieb, konnte er keine belebende Wärme, keine erzieherischen Einflüsse auf sie überströmen lassen. Zudem hat die öde und schwere Körperarbeit auch die Gedanken träge gemacht. Ist das schmale Abendbrot verzehrt, bringt vielleicht ein Pfeifchen noch Genuß. Der organisierte und aufgeklärte Arbeiter liest noch seine Zeitung, seltener ein Buch, vorausgesetzt, daß nicht Sitzungen oder Versammlungen seiner warten. Dann kehrt er erst spät nachts heim. Ein paar kurze Stunden bleiernen Schlafes — im engen Raume und in schlechter Luft —, bis allzubald die harte Pflicht wieder ruft. Und so Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr ... Als eine chemnitzer Zeitung vor Jahren einmal die Frage an ihre Leser richtete, was sie tun würden, wenn sie das große Los gewönnen, kam aus Arbeiterkreisen wiederholt die Antwort: Vor allen Dingen erst einmal gründlich ausschlafen!

Die deutsche Sozialpolitik kennt *keine gesetzliche Begrenzung des Arbeitstages* für erwachsene männliche Arbeiter, wie sie mehr oder weniger vollkommen in England, Nordamerika, Frankreich, der Schweiz, Oesterreich und sogar in Rußland besteht. Nur bei gesundheitsgefährlichen Gewerben kann im Falle überlanger Arbeitsdauer der Bundesrat mit Schutzmaßnahmen eingreifen. Bei einer 1897 veranstalteten Umfrage hielten 54 von 76 Gewerbeaufsichtsbeamten diesen Schutz in 127 Gewerben für erforderlich. Aber die Regierungen haben so <!-- S. 24 --> gut wie nichts getan. Nach wie vor bleibt der deutsche Proletarier jeder auch noch so langen Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Er steht noch immer 20 und mehr Stunden ununterbrochen vor heißen Backöfen, 24 und mehr Stunden vor Dampfkesseln, 30, 32 ja 36 Stunden in dem atemraubenden Brodem von Zuckerfabriken. Solange die wankenden Füße ihn tragen und nicht alle Kräfte ihn verlassen, muß er aushalten.

Dieser zum System erhobene Raubbau an menschlicher Arbeitskraft wird nun keineswegs wettgemacht und ausgeglichen durch eine entsprechende *Entlohnung*. Im Gegenteil: ein interessantes, aber grausames Spiel wirtschaftlicher Gesetze läßt den Preis der Arbeit um so tiefer sinken, je länger die Mühsal des Arbeitstages sich erstreckt. Die Löhne der deutschen Arbeiterschaft sind durchweg so bemessen, daß sie den Ersatz der täglich auszugebenden Arbeitskraft nur höchst unzulänglich gestatten und so zur Unterernährung und damit zur Unterwertung der Arbeitskraft führen. Man halte sich vor Augen, daß von den mehr als 14 Millionen zur preußischen Einkommensteuer herangezogenen Personen fast 85% ein jährliches Einkommen von unter 1500 Mark und mehr als 51% der preußischen Bevölkerung ein Jahreseinkommen von weniger als 900 Mark hatten. Was dies bedeutet, läßt sich unschwer erkennen, wenn man einen Blick auf die vom Reichsgesundheitsamt aufgestellten Minimalforderungen einer normalen Lebenshaltung wirft. Danach kann der Nahrungsbedarf eines Erwachsenen bei mittlerer Arbeit mit einem Aufwand von täglich 60 Pfennigen gedeckt werden, eine Berechnung, die auch mit anderen Taxationen und <!-- S. 25 --> ebenso den Erfahrungen bei Massenverpflegungen, Ernährungen in Anstalten usw. übereinstimmt. Da im Durchschnitt die Arbeiterfamilien aus 3½ Erwachsenen bestehen, müßte eine Familie jährlich 766 Mark für die Nahrung aufwenden. Nimmt man an, daß die Arbeiterfamilie 60% des Einkommens für Nahrung ausgeben könnte, so müßte dieses Einkommen mindestens 1277 Mark betragen. Legt man nun gar die Verpflegungssätze der deutschen Marine der Berechnung zugrunde, so müßte eine fünfköpfige Familie 1047 Mark allein für Nahrung aufwenden können. Nach der jüngsten preußischen Einkommensteuerstatistik betrug aber das Durchschnittseinkommen von 75% aller Abgabenpflichtigen nur 1380 Mark. Diese Ziffern beweisen, daß bei rund zwei Drittel der Bevölkerung *unverkennbare Unterernährung* besteht.

Auch die Lohnstatistiken einzelner Arbeiterkategorien zeigen, daß die Löhne vielfach erheblich *hinter dem Existenzminimum zurückbleiben*. So verdienten 1907 die Bergleute im Oberharz 834 Mark, im Rheinland 860 Mark, in Niederschlesien 990 Mark, in Oberschlesien 1003 Mark, in Mansfeld 1078 Mark, in Halle 1094 Mark, in Siegen-Nassau 1151 Mark, im Saargebiet 1185 Mark. Der an die Bediensteten, Handwerker und Arbeiter im Betriebe der preußischen und hessischen Staatseisenbahnverwaltung 1907 gezahlte durchschnittliche Tagelohn betrug 3,18 Mark, macht bei 300 Arbeitstagen 948 Mark. In Nürnberg erhielten die Tischler Tagelöhne von durchschnittlich 3,87 Mark, die Rollkutscher Wochenlöhne von 24 Mark. Bei Krupp in Essen betrug 1906 der durch<!-- S. 26 -->schnittliche Tagelohn 5,35 Mark, in einer münchner Lokomotivenfabrik in demselben Jahre 4,84 Mark.

Beachtenswert ist noch eine Ziffer, die den Versicherungsergebnissen von 1900 entstammt. Danach hatten in diesem Jahre — wie das Reichsversicherungsamt mitteilte — 6½ Millionen der Versicherten ein jährliches Durchschnittseinkommen von 735 Mark.

Der Effekt all dieser Berechnungen und Nachweise ist immer derselbe: Das Proletariat ist zu äußerster Einschränkung der Bedürfnisse, zu Mangel und Not, ja zu Entbehrung und oft dauernder Unterernährung gezwungen. Selbst der so vorsichtig urteilende Schmoller sagt über die Lohnhöhe des deutschen Arbeiters: „Jahresverdienste für den Mann von 600—1200 Mark, für die Familie, sofern mehrere Glieder mitarbeiten, von 1000—1500 Mark können wohl als ein mittlerer Ausdruck heutiger gewerblicher Löhne gelten“; und er muß zugeben, daß dieses Einkommen für eine ganze Familie „doch kläglich“ ist.

Dabei ist noch ganz außer Berücksichtigung gelassen, daß der Arbeiter nur verhältnismäßig *selten andauernde und unausgesetzte* Arbeitsgelegenheit hat. Nicht nur, daß er bei Erfüllung bestimmter Verpflichtungen (militärischer Übungen) oder in Krankheitsfällen usw. die Arbeit zu unterbrechen gezwungen ist, er sieht sich auch bei Stockungen im Betriebe, Krisen und schlechten Konjunkturen der Gefahr ausgesetzt, jeden Augenblick auf das Pflaster geworfen zu werden. Dazu kommt, daß die Maschine immer mehr Arbeitskräfte entbehrlich macht, immer mehr Menschen, die verdienen müssen, weil sie leben wollen, aus den Betrieben verdrängt. Keine Arbeit aber bedeutet <!-- S. 27 --> keinen Lohn, kein Brot, keine Möglichkeit, zu existieren. In Deutschland wurden 1895 bei der Zählung am 14. Juni 143166 Menschen festgestellt, die arbeiten konnten und wollten, aber durch den Widersinn des kapitalistischen Wirtschaftssystems zur Arbeitslosigkeit verurteilt waren. In demselben Jahre, am 2. Dezember, war die Zahl der Arbeitslosen auf 479000 gestiegen, obwohl das Jahr einen guten Geschäftsgang aufwies. So waren Hunderttausende ehrlicher, fleißiger Menschen ohne jede Schuld dem Hunger und der Not preisgegeben, und heute noch, jeden Tag, weisen Städte wie etwa Berlin selbst in Zeiten der Hochkonjunktur ein Überangebot von mindestens 50000 Arbeitskräften auf, für die die Gesellschaft keine Verwendung hat. Nach der Statistik der deutschen Arbeitsnachweise kamen 1909 auf je 100 offene Stellen durchschnittlich 151 Angebote, im November 1908 sogar 210,6, im Dezember 200,6.

Außer dem Auf und Nieder der Konjunktur zwingen noch zahlreiche andere Momente den Proletarier zur Unterbrechung der Arbeit, zu längerer oder kürzerer Feierzeit, zur Abwanderung nach anderen Arbeitsplätzen. Die jährliche Fluktuation bei den Gewerkschaften läßt nur annähernd den ungeheuren Umfang dieser *Binnenwanderungen* erkennen, und doch betrug sie bei den Buchbindern drei Viertel, bei den Fabrik-, Land- und Hilfsarbeitern zwei Drittel, bei den Zimmerern vier Fünftel und bei den Buchdruckern fünf Sechstel des Mitgliederbestandes. Im Ruhrrevier kam 1906 auf 100 Bergleute durchschnittlich ein Zugang von 57% und ein Abgang von 49%, vereinzelt jedoch, z. B. in Radbod, kamen aber <!-- S. 28 --> auch Zugänge bis zu 129% und Abgänge bis zu 94% vor. In einer Stadt wie Lübeck machen sich bei 4000 Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins alljährlich 15—1600 Ummeldungen infolge Wegzugs, Wohnungswechsels usw. nötig. Nach der Statistik der Invalidenversicherungsanstalten unter Zugrundelegung des Quittungskartenaustausches betrug 1909 die Abwanderung aus Schlesien 101066 Personen, aus Ostpreußen 75500, Posen 74325, Westpreußen 65480, Bayern 54380, Anhalt 51600; die Zuwanderung nach Berlin 119930, Brandenburg 115150, Rheinprovinz 96050, Hansastädten 56900, Westfalen 38000. Der gesamte Wanderverkehr (Zu- und Abstrom) machte für Berlin 245950, für das Königreich Sachsen 199490 Personen aus. In den Jahren 1895 bis 1900 sind hauptsächlich aus dem Osten nach dem Rheinlande, Westfalen und Hessen-Nassau rund 371000 Menschen gewandert. Aus den Dörfern Pommerns sind im Verlaufe der letzten zehn Jahre allein mehr als 156000 Personen nach dem Westen verzogen, um sich in den Industriegebieten und Großstädten Arbeit und Existenz zu suchen. Man hat berechnet, daß alljährlich etwa vier Millionen Menschen ihren Wohnsitz wechseln.

All diese Tatsachen erheischen ernsteste Beachtung, einmal, wenn es sich um die Ermittelung der Einkommens- und Existenzverhältnisse der proletarischen Schichten handelt, sodann aber auch, wenn es gilt, die Lebens- und Erziehungsbedingungen, denen das proletarische Kind preisgegeben ist, nach allen Seiten zu würdigen.

Ein heimatloses Volk, von einer Welle bald dahin, bald dorthin gespült, vom Sturm bald nach dieser, bald <!-- S. 29 --> nach jener Richtung verschlagen, ohne Wurzeln und Wurzelboden, ewig auf der Wanderung, in schmutzigen Wartesälen, noch schmutzigeren IV. Klasse-Wagen, mit Sack und Pack beladen, gehetzt, müde, verzweifelt, — wo soll da eine Erziehung des Nachwuchses, der planlos und nervös all die Irrfahrten mitmachen muß, möglich sein und Früchte bringen können?!

* * *

Vor einigen Jahren sind von der Reichsregierung und gleichzeitig auch vom Deutschen Metallarbeiterverband *Haushaltungsbücher* ausgegeben worden, um an der Hand tatsächlicher Einzelfeststellungen einen Einblick in die Lohn- und Existenzverhältnisse der Arbeiterschaft zu gewinnen. Das auf diese Weise vom Statistischen Amt des Reichs ermittelte Durchschnittseinkommen des deutschen Arbeiters beträgt 1835 Mark, das vom Metallarbeiterverband ermittelte 1856 Mark. Aber diese Summe konnte nur gewonnen werden unter Zuhilfenahme von *Überstunden und Frauen- und Kinderarbeit*. Da wo sich die ganze Lebenshaltung der Familie allein auf dem Einkommen des Mannes aufbaute, waren Einkünfte bis herab zu 780 Mark pro Jahr zu verzeichnen. Auch hier also die Tatsache, daß die proletarische Familie in unendlich vielen Fällen zu chronischer Unterernährung verurteilt ist.

Von interessierter Seite wird nun gern darauf verwiesen, daß in den letztverflossenen Jahren die Löhne der Arbeiter eine teilweise erhebliche *Aufbesserung* erfahren haben. Das soll für einen Teil der Arbeiterschaft, aber nur für einen solchen, nicht bestritten werden. Man soll <!-- S. 30 --> dann aber auch die Kehrseite der Medaille beachten, daß nämlich in nicht wenig Berufszweigen ein ganz horrender Rückgang der Löhne zu verzeichnen gewesen ist. So sind, um nur ein Beispiel hier anzuführen, vom 31. Dezember 1907 bis zum 31. Dezember 1910 nach Veröffentlichungen der Bergarbeiter-Zeitung in sämtlichen deutschen Bergrevieren — mit Ausnahme vom Haller und Klausthaler Salzbergbau- und vom Mansfelder Erzbergbaugebiet — die Löhne derart heruntergegangen, daß insgesamt die Bergleute durch direkte Lohnreduzierungen in den drei Jahren die ungeheure Summe von 148852448 Mark eingebüßt haben, ungerechnet die Verluste, die durch zahlreiche Feierschichten den Belegschaften entstanden sind. Wie solche Lohnrückgänge auf das Einkommen der einzelnen wirken, das zeigen die Lohnlisten der gelernten Bergleute im Ruhrzechengebiet, wo 1907 ein Bergmann 1871 Mark, 1909 aber nur noch 1555 Mark verdiente, gleich einem Rückgang von 17%. Immerhin, anderwärts stiegen die Löhne. So in der Metallindustrie von 1903 bis 1907 um 17,88%. Auch eine von der Dresdner Ortskrankenkasse aufgenommenen, vom reichsstatistischen Amt anerkannte Lohnstatistik, die 62645 männliche Mitglieder umfaßt, wies eine allgemeine Steigerung des Durchschnittslohns während der letzten zehn Jahre um 18,4% nach. Aber in derselben Zeit verteuerten sich — die Aufzeichnungen des Statistischen Amtes der Stadt Dresden zugrunde gelegt — die Lebensmittel um 17,5% im Preise. Außerdem sind Wohnung, Kleidung, Bildungsmittel usw. teilweise ganz beträchtlich teurer geworden. So hat sich die wirtschaftliche Situation des Proletariats keineswegs gebessert; <!-- S. 31 --> einzelne Gruppen sind im Gegenteil noch schlimmer belastet als früher.

Besonders traurig, ja geradezu erbarmungswürdig sind die Einkommenverhältnisse der *Landproletarier*. Aus den Renten, die den Witwen verunglückter Arbeiter bewilligt werden, kann man die den Arbeitern gezahlten Löhne berechnen. In Ostpreußen erhält eine solche Witwe jährlich 72 Mark. Das entspricht einem Lohne von 360 Mark, den der Mann als ganzen Jahresverdienst erhalten hat. In Westpreußen beträgt die Witwenrente 73 Mark, der Jahresverdienst des Mannes also 365 Mark. In Schlesien sinkt er bis auf 348, vereinzelt sogar bis auf 320 Mark herab (Regierungsbezirke Breslau und Oppeln). Im ganzen Reiche ist der Jahresverdienst des landwirtschaftlichen Arbeiters 433 Mark.

Wenn diese unglücklichen Hungerproletarier nicht ein Dasein führen wollen, das ihr Los tief unter das eines Tieres stellt (für Fütterung und Abwartung eines Postpferdes wirft der Fiskus pro Jahr 720 Mk. aus), so müssen Frau und Kinder all ihre Kräfte rückhaltlos mit in den Dienst des Broterwerbs stellen. Aber auch der Haushalt des Fabrikproletariers ist auf den *Mitverdienst der Frau* angewiesen.

### Die Mutter

Das schöne Idyll von der trauten Häuslichkeit, mit der sorgenden Mutter im Mittelpunkte des Familienkreises — „Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder, und herrschet weise im häuslichen <!-- S. 32 --> Kreise“ —, es ist zerstört. Der Kapitalismus hat die proletarische Familie so lange mit den Ruten des Hungers und der Entbehrung gezüchtigt, bis die Hausfrau Herd und Kind im Stiche ließ und sich ihm als Ausbeutungsobjekt darbot. Nun rührt sie ihre Hände in der Industrie, im Gewerbe, im Handel, in der Landwirtschaft. Neben dem Manne zinsend und fronend spinnt sie Garn und webt Tuch, fertigt Kleider, Schuhe, Hüte, Federn, Bänder und Spitzen, heftet Bücher und dreht Zigarren, näht Handschuhe und flicht Körbe, bemalt Porzellan, frisiert Puppenköpfe, verarbeitet Holz, Metall, Papier, Steine und Erden zu allen erdenklichen Waren, steht an den Maschinen und trägt Mörtel auf Bauten, ja pflastert Straßen, schürt Hüttenfeuer und fährt mit in Bergwerke ein. Von 5541517 erwerbstätigen Frauen im Jahre 1882 ist die Zahl auf 6578550 im Jahre 1895 und 9492881 im Jahre 1907 gestiegen. Das bedeutet eine Zunahme von 44,4%, seit 1882 fast eine Verdoppelung. Während von den Männern nicht ganz zwei Drittel (61,01%) im Erwerbsleben stehen, ist von den Frauen mehr als der vierte Teil (26,4%) beruflich tätig.

„Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d. h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse. Es gilt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen.“ (Marx.)

Spezielle Untersuchungen haben ergeben, daß die Frauen <!-- S. 33 --> überall die *schlechtestbezahlte Arbeit* übernehmen und in die *ungünstigsten Arbeitsverhältnisse* gedrängt werden, denen die Männer entfliehen, um ihre Lebenslage zu verbessern. 1887 betrug der Durchschnittslohn der Männer 589,32 Mark, der Frauen 224,26 Mark; 1904 der der Männer 981,38 Mark, der Frauen 321,85 Mark; 1909 der der Männer 1146,22 Mark, der Frauen 369,18 Mark. Mehr als die Hälfte aller weiblichen Erwerbstätigen gehört der Landwirtschaft an; ihr fällt auch der Hauptteil an der starken Zunahme der Frauenarbeit seit 1895 zu. Wie ein Redner auf dem Dresdner Gewerkschaftskongreß berichtete, erhalten auf einem Gute, das Wilhelm II. gehört, die Arbeiterinnen 40 Pfg. *bei einer täglichen Arbeitszeit von 14 bis 17 Stunden*. Die Männer haben die schlechtentlohnte landwirtschaftliche Arbeit mit ihrer langen Arbeitszeit verlassen, um in den Städten und in der Industrie Unterkunft zu finden; an ihre Stelle sind die billigeren und willigeren weiblichen Arbeitskräfte getreten. Relativ am zweitstärksten wuchs der Anteil der Frauenarbeit in Handel und Verkehr. Die Hauptdomänen der industriellen Frauenarbeit bilden noch immer die Textil-, Nahrungs- und Genußmittelindustrie, sowie das Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe. Auch die Heimarbeit setzt zahlreiche Kräfte in Bewegung. Die letzte Zählung konstatiert: eine starke Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit im allgemeinen, eine besonders starke Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit in der Landwirtschaft, eine starke Zunahme der eheweiblichen Erwerbsarbeit, der eine Abnahme des Frauenüberschusses gegenübersteht.

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Die *Lohnverhältnisse* bieten überall ein beschämendes Bild. Mag es sich um eine erzgebirgische Spitzenklöpplerin oder eine elsässische Goldstickerin, eine thüringische Glasperlen- oder Puppenarbeiterin oder eine westfälische Wäschearbeiterin, eine berliner Mäntelnäherin oder eine sebnitzer Blumenarbeiterin handeln, — sie alle bringen ihren Verdienst bei 12 bis 14stündiger, oft 16 bis 18stündiger angestrengtester Arbeit nicht höher als auf 2—300 Mark im Jahr. Bettelpfennige statt Lohn. Almosen, wo redliche und mühselige Arbeit eine ach, so anspruchslose Existenz sichern sollte.

Es ist unschwer zu begreifen, daß die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form schwere soziale Gefahren in sich birgt. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen (46,2%), also beinahe vier Millionen, sind *verheiratet* und damit Sachwalterinnen eines eigenen Haushalts. Für sie bedeutet Erwerbsarbeit ein Doppeljoch: *Haus- und Lohnarbeit*. „Bei der heute üblichen Arbeitszeit, der Schwere und Intensität der Arbeit, ist in vielen Fällen die Erwerbsarbeit allein schon eine Überlastung der Frau; das gleiche gilt in viel tausend Fällen von der Hausarbeit der Arbeiterfrau, die auf alle technischen Errungenschaften der Neuzeit, die für den Bourgeoishaushalt längst eine selbstverständliche Einrichtung geworden sind, verzichten muß, die auch nicht die Wäsche bleichen, die Fenster putzen, die Teppiche klopfen lassen kann, sondern das Tausenderlei des Haushalts und der Kinderpflege und -Fürsorge mit eigener Hand ordnen muß.“ Muß die Frau nun die Doppellast der Arbeit tragen, von der jede einzelne bereits ein Zuviel für sie bedeutet, so wird dem <!-- S. 35 --> Haushalt der wichtigste Stützpfeiler entzogen. Trotz übermenschlicher Anstrengungen ist eine Vernachlässigung des Heims, eine Zerrüttung des Familienlebens unvermeidlich. Bei der Heimarbeit ist es nicht besser. Den ganzen Tag ist die Frau als Sklavin an die Maschine oder den Arbeitstisch gefesselt. Dabei wird die Wohnung zur Werkstätte. Neben der Wiege rackert der Webstuhl. In den Dunst der Speisen mischt sich der Staub der Arbeit und der Schweiß der ungesäuberten Körper. Oft ist Wohnung, Werkstätte, Küche und Schlafgemach ein und derselbe Raum. Beruf und Haushalt vertragen sich ebensowenig miteinander wie Lohn- und Hausarbeit.

Das schwierigste und folgenschwerste Problem aber ist *Beruf und Mutterschaft, Lohnarbeit und Kindespflege*. Es schließt die größten Gefahren für Mutter, Kind und Gesellschaft ein. Sei es, daß verderbliche Einflüsse schon das Kind im Mutterleibe schwächen und krank machen; sei es, daß das Neugeborene der nötigen Wartung und Pflege völlig oder zum großen Teil entbehren muß; sei es ferner, daß Erziehung und Anleitung zum Guten dem Heranwachsenden fehlen. Das Ende ist der physische und moralische Verderb. Die Mutter ist meist den Gefahren gegenüber durchaus nicht blind. Sie sucht die Kinder davor zu bewahren, und Liebe, Angst und Sorge geben ihr oft die verzweifeltsten Mittel an die Hand. Sie bindet die Kleinen im Bettchen fest, setzt sie auf den Fußboden, schließt sie bis zu ihrer Rückkehr ein. Wie oft aber kommt es dann zu jenen gräßlichen Unglücksfällen, von denen täglich die Zeitungen berichten: das Kind verwickelt sich in Kissen und Decken, so daß es erstickt; fällt <!-- S. 36 --> unglücklich aus dem Bett; kommt dem Ofen zu nahe und verbrennt; verbrüht sich mit heißem Wasser oder stürzt in ein Waschfaß; klettert zum Fenster hinaus und bricht sich das Genick.

Doch auch wenn solch schreckliche Fälle nicht passieren, sind Mütter wie Kinder bedauernswert genug. Denn in der *Öde des mutterlosen Haushalts kann keine Erziehung* gedeihen und Früchte tragen. Früh fort, kaum über Mittag heim, erst gegen Abend zurück, — wie sollte die geplagte Mutter da Ruhe und Gelegenheit finden, das Wesen der Kinder zu beobachten, ihre geistigen und seelischen Bedürfnisse zu erforschen und durch die Herzlichkeit des Umgangs ihre Entwicklung zu befruchten! Wie dem Haushalt das Herdfeuer fehlt, so ermangelt das bißchen Familienleben der wärmenden Sonne der Liebe. Ein Glück, wenn die Kleinsten tagsüber in einem Kindergarten oder einer Krippe Aufnahme finden. Sonst müssen sie bei einer Nachbarin die Zeit verbringen oder wachsen unter dem meist nachteiligen Einflusse rückständiger und verdrossener Großmütter heran. Die älteren sind entweder auch schon auf Arbeit oder in der Schule. In den Freistunden ist die Straße ihre Welt. Ihre Mutter ist schon eine gute Mutter, wenn sie die Kleinen rein und ordentlich hält, ihnen ausreichend zu essen gibt, sie in ihrer Nervosität oder Stumpfheit nicht zu arg prügelt und sie nicht betteln schickt. Eine Freundin der heranwachsenden Kinder vermag sie nur in den seltensten Fällen zu werden. Kein Same, von ihrer Hand ausgestreut, schlägt in den jungen Herzen Wurzel. Die Straße muß die Erziehung vollbringen. „Das Schicksal des Proletariers ist im Be<!-- S. 37 -->griffe, sich zu vollenden: erst das Straßenkind ist der legitime Stammhalter aller künftigen Geschlechter dieses heimatlosen Volkes.“

### Die Wohnung

Die Trostlosigkeit des Milieus, dem es erwächst, ist gleichwohl noch einer Steigerung fähig. Sie entspringt dem namenlosen *Wohnungsjammer*, unter dem das Proletariat leidet.

Nach den Forderungen der Hygiene soll das Mindestmaß der Bodenfläche für ein Wohnzimmer 16—20, für ein Schlafzimmer 20—25 qm betragen. Die Wohnungsenquete der berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker stellte 1909 fest, daß es bei den Wohnungen von 4197 männlichen und 3992 weiblichen Mitgliedern nicht erreicht wurde. Dabei handelte es sich hier um Berufsstände in gehobenen sozialen Verhältnissen. Welche Schlüsse darf man aus diesem Resultat auf die Wohnungskalamität im Proletariat ziehen! Zum mindesten entsprechen alle Kellerwohnungen und Dachgeschosse nicht den Anforderungen der Hygiene; da aber kommen schon Hunderttausende und Millionen, die in diesen Löchern und Gelassen Unterschlupf suchen müssen, in Betracht. Im Jahre 1900 lebten in Berlin 91000 Menschen in Kellerwohnungen, in Hamburg 43000, in Breslau 15000, in Altona 12000. Eine Wohnungsenquete der leipziger Ortskrankenkasse von 1904 ergab, daß 50,5% der Männer und 53,6% der Frauen in Wohnungen lebten, die unter 15 qm Bodenfläche hatten. Nimmt man als notwendige <!-- S. 38 --> Mindesthöhe der Aufenthaltsräume 2,85 m an, so bewohnten 35,9% der Männer und 43,2% der Frauen unhygienische Wohnungen. Bei 9,2% der Männer und 12,3% der Frauen betrug die Wohnungshöhe sogar unter 2,50 m. Die berliner Baupolizeiordnung verlangt für Wohnräume eine Mindesthöhe von 2,80 m. Nach der erwähnten Enquete der Ortskrankenkasse der Kaufleute von 1909 blieben die Wohnungen von 1626 Männern und 1471 Frauen hinter dieser Forderung zurück. 62 Männer und 57 Frauen wohnten in Räumen, die weniger als 2,35 m Höhe hatten. Bei 44 Personen waren die Wohnräume nur 1,55 m, bei 10 Personen nur 1,60 m hoch. In München waren 1907 mehr als 25% aller Wohnungen sogenannte Teilwohnungen, in denen 105510 Menschen hausten. Nicht weniger als 14990 Räume empfingen nur indirektes Licht. In 4455 Fällen mußte ein Abort für fünf und mehr Wohnungen genügen. Nur 61,2% der Wohnungen hatten einen abgeschlossenen Vorplatz. „Wer würde es glauben,“ fragt Sombart, „daß eine ganze Anzahl Menschen bei uns heutigentags in Wohnungen kampiert, die überhaupt kein heizbares Zimmer haben? Und doch belehrt uns die Statistik, daß es deren in Berlin über 15000, in Barmen über 8000 usw. gibt. In den meisten deutschen Großstädten wohnt die Hälfte oder annähernd die Hälfte aller Menschen in Wohnungen, die nicht mehr als ein Zimmer umfassen. Von 1000 Bewohnern nämlich in Barmen 490, Berlin 430, Breslau 409, Chemnitz 551, Dresden 374, Görlitz 462, Halle 429, Königsberg i. P. 505, Magdeburg 454, Plauen i. V. 641. Mehr wie zwei Zimmer, darf man annehmen, be<!-- S. 39 -->wohnt nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der arbeitenden Bevölkerung.“

Die amtliche Statistik nennt eine Wohnung *übervölkert*, wenn in einem heizbaren Raume 6 oder mehr in zwei heizbaren Räumen 11 oder mehr Menschen wohnen. Trotz dieser Weitherzigkeit in der Auslegung des Begriffes Übervölkerung kam die Wohnungs- und Bevölkerungsaufnahme von 1900 zu folgenden ungeheuerlichen Resultaten:

| | | |
| --- | --- | --- |
| Berlin | 28227 übervölk. Wohng. | = 60,2% aller W. |
| Breslau | 7156 „ „ | = 70,9% „ „ |
| Hannover | 3387 „ „ | = 65,4% „ „ |
| Magdeburg | 4570 „ „ | = 85,9% „ „ |
| Charlottenburg | 1770 „ „ | = 40,5% „ „ |
| Königsberg | 5426 „ „ | = 151,1% „ „ |
| Halle | 3465 „ „ | = 98,4% „ „ |
| Barmen | 4567 „ „ | = 143,4% „ „ |
| Posen | 3048 „ „ | = 126,2% „ „ |
| Rixdorf | 1926 „ „ | = 85,9% „ „ |

Nimmt man als Mindestmaß des Luftraumes für eine Person 10 cbm, so waren in München 1904 850 Wohnungen mit 5254 Personen überfüllt; bei 15 cbm auf die Person 6124 Personen mit 34438 Personen. Von den Schlafräumen stellten sich bei 10 cbm auf die Person 11029 Räume, in denen 39919 Personen schliefen, und bei 15 cbm auf die Person 42121 Räume, die 128691 Personen als Schlafstätte dienten, als überfüllt heraus.

Dabei muß man bedenken, daß die meisten dieser <!-- S. 40 --> Wohnungen in großen, himmelhohen *Mietskasernen*, in *Hinterhäusern* und auf *Höfen* liegen; daß mitunter Hunderte von Parteien unter demselben Dache hausen, dieselben Treppen und Korridore bevölkern, durch dasselbe Haustor schreiten. In unendlicher Buntheit zusammengewürfelt lebt ein Chaos von Menschen Wand an Wand ein in ebenso unendlicher Buntheit variierendes Leben. Lärm, Streit, Staub, Unruhe, Gestank, Schmutz erfüllen alle Räume und Zugänge. Da wird gewohnt und gekocht, gewaschen und gebügelt, „durch die offenen Fenster dringt der ganze Klatsch, der ganze Zank, alles Klappern, Schwirren, Surren, Summen der Näh- und Schuhmachermaschinen, alles Kindergeschrei, alles Tosen der Maschinerie der Fabrik im Hofraum, aller Dunst und Duft der 40 oder 50 Küchen mit ihrem Talggeruch und ihrer Ranzigkeit; keine Tür kann geöffnet werden, ohne daß neugierige, neidische oder schadenfrohe Blicke eindringen, hier muß das Heim als Hölle, die Kneipe und das Bordell als Himmel erscheinen, können Zuchthaus und Irrenhaus kaum noch Schrecken mehr haben.“ (Sombart) Von den 14 Milliarden, die 9 Millionen männliche und weibliche Arbeitskräfte in der deutschen Industrie als Lohn oder Gehalt verdienen, werden alljährlich 2 Milliarden für Mieten ausgegeben. Was wird dafür geboten? fragte auf dem 2. deutschen Wohnungskongreß 1911 in Leipzig der Pfarrer Naumann, und er gab zur Antwort: „Jene so mühsam zusammengebrachten zwei Milliarden werden so unsystematisch als möglich wieder ausgegeben. *Die Pflege jedes Haustieres, die Anpflanzung jeder Zierpflanze wird systematischer betrieben als die An<!-- S. 41 -->pflanzung der wichtigen Pflanze Mensch.* So klug sind wir, daß wir wissen: im Walde darf eine gewisse Dichtigkeit des Baumbestandes nicht überschritten werden. Bei den Menschensiedelungen haben wir aber das zuträgliche Maximum von Dichtigkeit längst überschritten. Gewiß weisen gegenüber den mittelalterlichen Städten unsere heutigen Städte gewaltige Fortschritte auf. Aber wir haben doch auch gewaltige Rückschritte gemacht. Was haben wir heute in den Städten? *Nur Kasernengenüsse*, nur immer wieder Stein und Straße und Ordnung und Regel. Die Naturwelt ist weit draußen, — eventuell kann sie einmal gelegentlich an einem Sonntagnachmittag besucht werden.“

* * *

Das Milieu, in dem das Dasein des proletarischen Kindes erwacht und sich entwickelt, trägt mancherlei Namen. Es heißt *Entbehrung, mutterloser Haushalt, Wohnungsmisere*, — oft genug alles in einem.

Der Erziehungsboden, der den Wurzeln der bürgerlichen Existenz Kraft und Festigkeit verlieh, ist für den proletarischen Nachwuchs verarmt und versandet. Die Familie kann ihre kulturelle Mission am werdenden Menschen nicht mehr erfüllen.

Sie kann nur als Mittlerin das Elendsschicksal der proletarischen Klasse auf das proletarische Kind übertragen. Kann das soziale Verhängnis von Millionen zum sozialen Verhängnis des Individuums machen. In unendlicher Variierung und Nuancierung. Und in unendlicher Vervielfältigung.

<!-- S. 42 -->

**Das proletarische Kind**

## Das Verhängnis seiner Abstammung

Das Verhängnis seiner Abstammung wird dem proletarischen Kinde zum *Verhängnis seines Lebens*. Schon mit seiner vorgeburtlichen Existenz runden sich die ersten Glieder der endlosen Kette seiner Leiden.

Der durch die Degeneration der Rasse mit den Kennzeichen der Minderwertigkeit behaftete, durch Überarbeit und Unterernährung hart mitgenommene, vielleicht durch Berufsnervosität oder auch Alkoholismus krankhaft geschwächte Körper des *Vaters* und der nicht minder degenerierte, mit den Elendsmalen proletarischer Herkunft gezeichnete, durch zahlreiche Wochenbetten entkräftete Leib der *Mutter*, — welches Erbteil sollen sie dem werdenden Sprößling anders geben können als den Keim eines frühen Siechtums und die Anwartschaft auf ein Plätzchen vom blumigen Kirchhofsacker! Das Minimum an Lebenskraft, womit der Daseinskampf ausgefochten werden soll, bedingt von vornherein ein Fiasko und bedeutet nichts anderes als die Prädestination für das menschliche Elend in aller Gestalt.

Es ist eine in ihrer Grausamkeit furchtbare und erschütternde Tatsache, daß das *Proletarierkind schon im Mutterleibe hungern muß*.

<!-- S. 43 -->

Nach einer auf der Hygiene-Ausstellung in Dresden aushängenden Tafel konsumiert täglich

| | Eiweiß | Fett | Kohlehydrate |
| --- | --- | --- | --- |
| ein Arzt in Deutschland | 112 g | 92 g | 340 g |
| dagegen | | | |
| eine gewöhnl. Arbeiterfrau | 76 „ | 23 „ | 334 „ |
| eine Näherin | 55 „ | 51 „ | 230 „ |

Der Arzt, zu dem man wohl am ehesten das Vertrauen haben darf, daß er weiß, wie die Ernährung mit den Regeln der Gesundheit und Hygiene in Einklang zu bringen ist, verbraucht an Eiweiß und Fett ebensoviel, wie zwei Proletarierinnen zusammen zu verzehren haben. Die Unterernährung tritt hier ganz offenkundig zutage. Unterernährte Frauen und Mütter aber können Kinder, die sie unter dem Herzen tragen, nur unzureichend ernähren. Sie selbst hungern ja. Da muß auch das Kind mit hungern. So schlingt das gemeinsame Elendslos um beide, noch ehe das Kind zum Leben erwacht, die Kette schmerzlicher und qualvoller Kameradschaft.

Bis zur Stunde der Geburt des Kindes ist die geplagte Proletariermutter in den *Bannkreis ihrer häuslichen Pflichten* gefesselt. Ihre Armut versagt ihr jede Schonung, Linderung und Rücksicht, die ihr Zustand erheischt. In ihrem Haushalt entbehrt sie all der Erleichterungen, die die Fortschritte der Technik dem Haushalte der Begüterten gebracht haben. Der Mann, die Kinder, die Küche, die Wäsche, — alles verlangt nach ihrer Arbeitskraft. Dabei kann sie sich vor Schwäche und Hinfälligkeit vielleicht kaum selbst aufrecht erhalten. Mit dem <!-- S. 44 --> Gefühl der Erschöpfung hat sie sich vom Lager erhoben, das sie mit anderen teilen mußte; mit zitternden Knieen verrichtet sie ihre Arbeit. Wer sah nicht schon hochschwangere Frauen der ärmeren Klassen mit allen Zeichen der Qual schwere Lasten heben oder bepackte Körbe tragen, am Waschfaß stehen oder scheuernd stundenlang an der Erde knien? Wem ging nicht die wortelose Sprache tiefen Schmerzes zu Herzen, die aus den bleichen, blutleeren, nervösen Gesichtern dieser Dulderinnen sprach?

Nun schaue man erst in die Werkstätten und Fabriken, wo die Seufzer der Geplagten sich in Mehrwert verwandeln! Am Arbeitsplatz, in der Werkstätte, im Maschinensaal harren sie aus, bis die schwere Stunde gebieterisch sich meldet. Die Sorge um die Erhaltung der Arbeit zwingt sie nicht selten, ihren Zustand zu verbergen. Und immer begleitet ihr Denken und Sinnen die quälende Frage, wie die drohenden Mehrausgaben für das zu erwartende Kind bestritten werden sollen. Wie oft schleppen sich die Ärmsten mit dem letzten Rest von Kraft aus dem Kreise der Mitarbeiterinnen fort, um wenigstens in ihrer Behausung dem Kinde das Leben geben zu können. Und wie oft passiert es, daß bereits unterwegs — auf der Straße, im Hausflur, auf der Trambahn — die Wehen sie niederzwingen und die Geburt sie überrascht. Was die Dichter in schöner Ekstase als das Glück und die Wonne der Mutterschaft preisen, verwandelt das grausame Los der Proletarierin zu einem Martyrium, dem bebende Lippen mit einem Fluche danken.

Ist die proletarische Familie bereits *kinderreich*, so bedeutet jedes neuankommende Kind — von der Bibel <!-- S. 45 --> poetisch als Geschenk und Segen Gottes gepriesen — nur eine *Vermehrung der Not*, eine Ursache weiterer und größerer Sorgen. Kein Jubel begrüßt seinen Lebensbeginn, kein frohes Fest schmückt das Ereignis seiner Geburt. Wie einen ungebetenen Gast, den man lieber gehen als kommen sieht, betrachten den jungen Weltbürger mürrische und vergrämte Gesichter. Hoffentlich stirbt das Wurm bald, das ist der unausgesprochene Wunsch, der sich in den unfreundlichen Blicken malt. Und auch im Herzen der Mutter, mag es sich auch vor innerem Weh zusammenkrampfen, siegt schließlich die von der Not diktierte kühle Berechnung über die zärtlichen Bande der Menschlichkeit. „Die Lebensverhältnisse der Frau eines Arbeiters, die in wenigen Jahren sechs bis sieben Kinder geboren hat, der geringe Mittel und wenig Hilfe zur Verfügung stehen, sind meines Erachtens“ — sagt Prof. T. S. Clouston — „die härtesten aller menschlichen Wesen innerhalb unserer modernen Gesellschaftsordnung.“

Dieses *schwerste Los*, das die Proletariermutter zu tragen hat, findet mit jedem Kinde mehr eine umso schmerzlichere und grausamere Dokumentierung. Und mit jedem Kinde mehr werden die Existenzbedingungen, die sie dem Neugeborenen zu gewähren vermag, ungünstiger, trauriger, aussichtsloser.

Es ist nachgewiesen, daß unzureichende und unzweckmäßige Ernährung in Verbindung mit schwerer Arbeit und dem Mangel an Pflege und Schonung häufig genug *schon in der Schwangerschaft den Tod der Frucht* herbeiführen. Ein hoher Prozentsatz der mehr als 60000 Totgeburten belastet das soziale Konto ohne weiteres, denn <!-- S. 46 --> es steht ziffernmäßig fest, daß in den wirtschaftlich schlechter situierten Schichten der Anteil der Totgeburten um ½% höher ist als in den günstiger gestellten. Nach einer Statistik der Leipziger Ortskrankenkasse, die längere Zeiträume umfaßt, erkrankten von den weiblichen Pflichtmitgliedern während der Schwangerschaft 5,5% an Schwangerschaftsbeschwerden, von den freiwilligen nur 2,1%; 15,5% der Schwangerschaften von Pflichtmitgliedern endeten mit Fehlgeburten, bei freiwillig Versicherten nur 2,5%. Totgeburten hatten die freiwillig Versicherten nur 0,3%, die Pflichtmitglieder 1,7%.

Nicht minder schädlich für den weiblichen Organismus ist die zu *frühzeitige Wiederaufnahme der Arbeit* nach der Entbindung. Der starke Blut- und Säfteverlust kann nicht ausreichend ersetzt werden, Senkungen und Blutungen treten ein, Entzündungen entstehen, und nervöse Störungen, Kopf- und andauernde Rückenschmerzen sind die Folge; oft ist das Ende dauerndes Siechtum. Ein Unglück, wenn solch eine kranke Frau wiederum schwanger wird; sie kann nur Unglück und Unheil gebären!

Bei zahlreichen erwerbstätigen Frauen, besonders in gesundheitsgefährlichen Industrien, kommen Tot- oder Fehlgeburten ungewöhnlich häufig vor infolge der *gewerblichen Gifte*, die wie unheimliche Marodeure wirken. Bei den Hantierungen mit Blei, Jod, Phosphor, Quecksilber, Nikotin, Chrom usw. dringen giftige Gase oder Staubteilchen in den Körper ein, rufen Erkrankungen der Geschlechtsorgane hervor und vergiften die Keimzellen, so daß die Frucht den Tod schon in sich trägt, noch bevor sie zum Leben erweckt ist. Kaup fand, daß in <!-- S. 47 --> einer Metallwarenfabrik von den Arbeiterinnen im Laufe von drei Jahren 52 einmal, 13 zweimal, 7 dreimal, 5 viermal, 6 fünfmal, 1 sechsmal und 2 siebenmal an Bleivergiftung erkrankten. Sternberg stellte fest, daß unter den Arbeiterinnen einer Flaschenkapselfabrik, die stark der Bleivergiftung ausgesetzt waren, die Schwangerschaften bei 30% mit Abort und Frühgeburt endeten. In England waren von 77 Bleiarbeiterinnen 15 kinderlos, 35 hatten zusammen 90 Fehlgeburten. Eine Frau hatte ein einziges lebendes Kind, das in einem Jahre geboren worden war, in dem sie der Bleiarbeit fern blieb. Eine andere hatte acht Fehlgeburten, von vier Kindern starben drei als Säuglinge. Von 78 Wöchnerinnen, die in Schriftgießereien des Regierungsbezirks Wiesbaden tätig waren, hatten nur 37 normal entbunden. In wiener Schriftgießereien waren 12,4% der Hilfsarbeiterinnen der Bleivergiftung ausgesetzt; davon hatten 29% Früh- und Fehlgeburten, außerdem kamen auf 100 Schwangere 15 Anomalien, bei den Druckereiarbeiterinnen 9, den Kartonnagenarbeiterinnen 5,5 und 4 bei den Kleidermacherinnen. Bei Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen sind 65% der lebend geborenen Kinder dem Tode verfallen, noch viel mehr erblicken gar nicht lebend das Licht der Welt. Wie Lily Braun berichtet, ist es eine alte Erfahrung, daß Frauen, die Kinder haben wollen und sich schwanger fühlen, die Tabakfabrik verlassen, während schwangere Mädchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie gezeichnet vom ersten Atemzuge an und trinken sich den Tod aus den Brüsten der Mutter. Ein <!-- S. 48 --> fürther Spiegelbeleger war dreimal mit Arbeitsgenossinnen verheiratet; die Quecksilbervergiftung versagte ihnen den Kindersegen. Zwar hatten alle drei Frauen Kinder, aber keins vermochten sie am Leben zu erhalten. Auch die Mütter fielen sämtlich dem Gifte zum Opfer. In einem anderen Falle hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf Monaten starb. In Zündholzfabriken ist es das Chrom, in Gummifabriken der Schwefelkohlenstoff, unter Blumen-, Wachstuch-, Papier-, Hut- und Tapetenarbeiterinnen das Arsenik, in anderen Berufen und Arbeitsgebieten der Phosphor, das Anilin, die Blausäure, der Schwefel, die schwere gesundheitliche Störungen und Verheerungen unter den erwerbstätigen Frauen hervorrufen und sie unfähig machen für die Mutterschaft. In Plättereien, Glasbläsereien usw. ist es das Gas, das auf das keimende Leben vernichtend wirkt. Entweder das Kind stirbt vor der Geburt, oder aber es wächst als ein skrophulöses, rachitisches, tuberkulöses, schwachsinniges Geschöpf heran. In der Schweiz betrug nach Schuler die Zahl der Totgeburten im Gesamtdurchschnitt 3,9%, bei den Fabrikarbeiterinnen aber 8,2%. „Die Vergiftungsgefahr für die Arbeiterin in all den verschiedenen Branchen ist um so größer bei mangelnden sanitären Einrichtungen und mangelnder Sauberkeit im Betriebe, bei langer Arbeitszeit und niedrigen Löhnen und all den sonstigen sozialen Verhältnissen, unter denen gerade Arbeiterinnen meist leben müssen. Sie ist am schlimmsten für die Heimarbeiterin.“

Nicht immer tötet die Fabrikarbeit, indem sie den <!-- S. 49 --> Leib der Mutter vergiftet, das werdende Kind. Dann aber belastet sie es mit dem Fluche einer *geschwächten, verkümmerten und minderwertigen Konstitution*. Die Fabrikarbeiterinnen gebären durchgängig um etwa 200 Gramm leichtere Kinder als die Hausfrauen. Nach einem Bericht des sächsischen Landes-Medizinal-Kollegiums von 1904 betrug das Durchschnittsgewicht der Kinder von 391 Wöchnerinnen, die bis zur Entbindung gearbeitet hatten, 2931 Gramm, das der Kinder von Wöchnerinnen, die zwei bis drei Monate vorher die Arbeit aufgegeben, 3291 Gramm. In ähnlicher Weise wurde in 634 Fällen ein deutlicher Einfluß dreiwöchiger Arbeitsruhe vor der Geburt auf das Gewicht der Kinder festgestellt. Außerdem fanden sich bei dieser Gruppe nur 0,8% Totgeburten gegenüber 1,4% bei den Frauen, die bis zur Geburt gearbeitet hatten. Nach dem Franzosen Pinard übertraf das Durchschnittsgewicht der Kinder, deren Mütter sechs bis acht Wochen vor der Geburt nicht mehr schwer gearbeitet, um 300 Gramm das Gewicht der Kinder, deren Mütter keine Schonung genossen hatten. Andere Forscher stellten schon bei zehn Tagen Ruhe ein Mehrgewicht von 205 Gramm, bei 26 Tagen gar ein Mehrgewicht von 420 Gramm fest.

Niedriges Gewicht der Neugeborenen bedeutet im allgemeinen *geringe Lebenskraft* und die Wahrscheinlichkeit, im Daseinskampfe bald zu unterliegen. Das Prognostikon wird noch ungünstiger, wenn *hereditäre Belastungsmomente* vorliegen oder latente wie akute Krankheitserscheinungen den körperlichen Gesundheitsstand beeinträchtigen, etwa Skrofulose, Tuberkulose, nervöse Darmschwäche usw. Aus den Lebensverhältnissen der <!-- S. 50 --> proletarischen Klasse ergeben sich hierfür hundertfältig die Voraussetzungen. So sind viele der kleinen Weltbürger, indem sie dem Schoße des Proletariats entsteigen, schon als Todeskandidaten gezeichnet. Und bald sinken sie wieder ins Grab … frühe Kirchhofsblumen, denen die Gesellschaft das Recht zum Leben versagte …

## Der Tod aus der Milchflasche

Tückische Gewalten vergiften und verkümmern den Lebenskeim des proletarischen Kindes im Mutterleibe.

Tückische Gewalten umstellen und umdrohen auch seine Lebenspforte.

Die Milchflasche wird zum Leidenskelche, dessen Trank den jungen Körper durch Krankheiten verwüstet. Und an die Wiege setzt sich als grausiger Kinderwärter der Tod.

Die *Statistik der Säuglingssterblichkeit* entrollt ein düstereres und schreckensvolleres Gemälde als der Bericht des neutestamentlichen Chronisten vom bethlehemitischen Kindermord.

Man muß seine Erinnerung bis in das Dunkel der asiatischen Vorzeit schicken. Bis zu jenem Molochbilde, dessen höllischer Schlund Hekatomben blühender Kinderleiber verschlang.

Heute opfert das Proletariat alljährlich Hunderttausende seines Nachwuchses.

Fast die Hälfte aller Personen, die in Deutschland im Laufe eines Jahres mit dem Tode abgehen, gehören dem Kindesalter an. Und davon wiederum sind rund sieben Zehntel Säuglinge.

<!-- S. 51 -->

In konkreten Zahlen ausgedrückt, heißt dies etwa für das Jahr 1904:

es starben überhaupt 1163183 Menschen,<br>
darunter 560778 Kinder,<br>
und unter diesen 397781 Säuglinge.<br>
Es kommen demnach auf 1000 Verstorbene<br>
480,5 Kinder,<br>
im besonderen 342 Kinder im 1. Lebensjahr.

Vergleicht man die Zahl der in jeder einzelnen Altersklasse Sterbenden mit der Gesamtzahl der in dieser Altersklasse überhaupt stehenden Personen, so macht die Gesamtmenge der Verstorbenen 2% der Gesamtbevölkerung aus. Die der Kinder von 1—15 Jahren 1,4%, die der *Säuglinge aber* 24,3%. Das heißt: *auf jeden Sterbefall*, der ein Kind im Alter von 1—15 Jahren betrifft, kommen *17 tote Säuglinge*.

Aus den seit 1901 von Reichs wegen ermittelten statistischen Nachweisen über die Säuglingssterblichkeit ist zu ersehen, daß durchweg *ein Drittel aller Verstorbenen* im Säuglingsalter stand. Das ist etwa ein Fünftel aller Lebendgeborenen eines Jahres.

In den letzten Jahren haben die Ziffern einen kleinen *Rückgang* erfahren. So sind Kinder unter einem Jahre gestorben

| | |
| --- | --- |
| 1906 | 374636 |
| 1907 | 351046 |
| 1908 | 359022 |
| 1909 | 335436 |

<!-- S. 52 -->

Auf je 100 Lebendgeborene kamen

| | |
| --- | --- |
| 1906 | 18,5 |
| 1907 | 17 |
| 1908 | 17,8 |
| 1909 | 17 |

Am *ungünstigsten* steht hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit Bayern mit 21,7 (im Jahre 1908 ebenfalls 21,7) auf 100 Geborene, am *günstigsten* Lippe mit 10,5 (11,1). In Sachsen betrug die Ziffer 18,8 (20,1), in Baden 17,2 (16,8), in Württemberg 17,2 (18,4), in Preußen 16,4 (17,3). Von den preußischen Provinzen steht am *günstigsten Hessen-Nassau* mit 10,3 (10,8); dann folgen Hannover mit 12,1 (13,1), Westfalen mit 13,0 (14,4) und Schleswig-Holstein mit 13,2 (14,9), während die Ziffer am *ungünstigsten* ist in *Ostpreußen* mit 19,1 (18,1), *Westpreußen* mit 20,4 (20,5) und *Schlesien* mit 21,6 (20,8). Ostpreußen und Schlesien zeigen eine wesentliche *Zunahme der Säuglingssterblichkeit*. In Berlin betrug sie 15,6 gegen 16,8 im Jahre 1908, 16,3 im Jahre 1907 und 17,7 im Jahre 1906.

Geht man den Ziffern im einzelnen nach und beachtet man ihre Verteilung auf die verschiedenen Landesteile und Erwerbsgebiete, so stellt sich die Tatsache heraus, daß immer die Säuglingssterblichkeit dort außergewöhnlich hoch ist, wo die *Frauenarbeit* mehr oder weniger starke Verbreitung gefunden hat. Selbst das Reichsamt des Innern hat sich in einer Denkschrift dem Eingeständnis nicht entziehen können, daß unter den Ursachen der Säuglingssterblichkeit *Mangel an Ernährung und Pflege* <!-- S. 53 --> *der Neugeborenen* — unmittelbare Folgen der Frauenerwerbsarbeit — an erster Stelle stehen.

Wir kennen den geschwächten, blutarmen, abgerackerten Körper der proletarischen Mutter, die Mühsale der Arbeit während der Schwangerschaft und die daraus resultierenden gesundheitlichen Schädigungen, kennen auch das unreife, mangelhaft entwickelte, oft schon bei der Geburt mit dem Todeskeim behaftete proletarische Kind. Wundern wir uns da noch, wenn der Tod unter dem Nachwuchs des Proletariats besonders reiche Ernte hält? Es wäre schier wunderbar, wenn dies nicht geschähe …

Da ist *Sachsen*, das Musterland des Kapitalismus. Mit seiner Frauenarbeit marschiert es an erster Stelle. Aber auch mit seiner Säuglingssterblichkeit. Gegen 17% als dem Reichsdurchschnitt machen die Sterbefälle der Säuglinge bei ihm 18,8% der Lebendgeborenen aus. Da sind die Textilstädte Chemnitz, Glauchau, Meerane, Crimmitzschau, Werdau, Plauen, Olsnitz usw. mit einem Heer von Frauen, die hinter Webstühlen und Strickmaschinen bei zehn-, zwölf- und mehrstündiger Arbeit fronden. Gerade in diesen Industrieorten grassiert die Säuglingssterblichkeit am unbarmherzigsten. Noch vor ein paar Jahren wurden dort folgende Ziffern gewonnen: Chemnitz (Land) 39,2%, (Stadt) 35,6%, Glauchau 33% usw. 1904 stiegen in Chemnitz die Sterblichkeitsziffern allein für Kinder im Alter von sechs Monaten auf 78,8%, in Bromberg im Juli auf 50, im August auf 76%. In Ölsnitz i. V. befanden sich unter den Toten des Jahres 40% Säuglinge. Ähnlich in anderen Städten und Gebieten, wo Frauenarbeit stark vorherrscht. <!-- S. 54 --> In Langenbielau im Eulengebirge starben 54%, in den Bezirken der Berliner Papierindustrie 48%, in Reichenbach i. Schl. 44%, in Ingolstadt 40,9%, in Regensburg 37,4%, in Augsburg 34% der Lebendgeborenen.

Aus diesen Zahlen schluchzt das Weh unzähliger Familientragödien. Wieviel Hoffnungen sind da vernichtet! Wieviel Lebensglück ist in Scherben geschlagen! Oft zittert ein Nachhall dieses Schmerzes lähmend und verdüsternd durch das ganze Menschenleben fort.

Schon *Marx*, der die kapitalistische Entwicklung in England beobachtete und studierte, wies darauf hin, wie die Ungunst der Entwicklung des proletarischen Kindes, besonders im ersten Lebensjahr, gesteigert wird durch das Vorhandensein von Frauenarbeit. Er stellte Registrationsdistrikte mit 9000 Todesfällen auf 100000 lebende Kinder anderen gegenüber, die 26000 und mehr Todesfälle aufwiesen, und legte dar, daß diese hohen Sterblichkeitsraten verschuldet seien durch die außerhäusliche Beschäftigung der Mutter und der daraus entspringenden Vernachlässigung und Mißhandlung der Kinder, durch unpassende Nahrung, Nahrungsmangel, Fütterung mit Opiaten, auch durch die natürliche Entfremdung der Mutter gegen die Kinder, die oft absichtliche Aushungerung und Vergiftung im Gefolge hat.

In solchen Distrikten, in denen ein Minimum weiblicher Beschäftigung existierte, war die Sterblichkeitsrate am niedrigsten. Ja, schon ein *vorübergehendes Nachlassen der Frauenarbeit* brachte sichtliche *Besserung* der Zustände. Während der großen Baumwollkrise, die England in den sechziger Jahren heimsuchte und die Textilbetriebe auf lange Zeit stilllegte, hatten die Fabrikarbeiterinnen <!-- S. 55 --> Gelegenheit, ihre Säuglinge besser zu pflegen; sofort ging die Sterblichkeit der Kleinen zurück. In ganz ähnlicher Weise sank in der Dollfußschen Fabrik in Mülhausen i. E. die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr von 38% auf 25%, nachdem den Müttern eine sechswöchige Schonung vor und nach der Entbindung gewährt worden war. In Gegenden, wo keine Fabrikarbeit für Frauen besteht, beträgt die Säuglingssterblichkeit bei sonst gleichen sozialen Bedingungen kaum 10 oder 11%. Sobald aber die Frauen zur Erwerbsarbeit herangezogen werden, steigen die Ziffern. Auch wenn es sich, wie in Ostelbien, wo die Männer abwandern und die Frauen sich unter den Druck der junkerlichen Fäuste begeben, um landwirtschaftliche Tätigkeit handelt. Sie entzieht dem Kinde die Mutter genau so rücksichtslos wie die Fabrikarbeit. Darum auch dieselben Folgen: Säuglingssterblichkeit in rein ländlichen Kreisen wie Neiße, Striegau, Bolkenhain usw. bis zu 26, 28, 30% und mehr.

Es ist eine gedankenlose Phrase, zu sagen, der Sensenmann kenne keine Rücksicht der Person. Tatsachen beweisen, daß er *gegen die Armut härter und rücksichtsloser* ist als gegen den Besitz. Das reiche Kind *verschont* er, während er die Armen in Schwaden niedermäht. In den aristokratischen Familien Deutschlands sterben nach Ellen Key von 1000 Kindern jährlich etwa 57; in Berlins armer Bevölkerung dagegen 345. Der adlige Sprößling hat also *sechsmal so gute Chancen*, am Leben zu bleiben, als der proletarische. Während die offizielle Statistik die Säuglingssterblichkeit für Berlin auf 18,1% beziffert, stand sie im reichen Tiergartenviertel <!-- S. 56 --> auf 5,2%, auf dem Wedding, dem armen Proletarierquartier, auf 42%. Eine *achtfache Verschlechterung* für die Kinder der Armen! 1905 starben in den westlichen arbeiterfreien Vororten Berlins durchschnittlich 15,06%, im heißen Monat August sogar 27,8%; dagegen in den östlichen Vororten mit überwiegender Arbeiterbevölkerung 23,76%, im August 62,52% sämtlicher Lebendgeborenen im Säuglingsalter. Dr. *Wolff* ermittelte folgende Ziffern:

| Alter | bei Arbeitern | beim Mittelstand | bei Reichen |
| --- | --- | --- | --- |
| bis 1 Jahr | 30,5% | 17,3% | 8,9% |
| 1—2 Jahre | 11,5 „ | 5,5 „ | 1,9 „ |
| 3—5 „ | 13,6 „ | 6,5 „ | 2,6 „ |
| 6—10 „ | 6,8 „ | 3,8 „ | 1,3 „ |
| 11—14 „ | 2,5 „ | 1,1 „ | 0,8 „ |
| | 64,9% | 34,2% | 15,5% |

Für *Bremen* gewann Dr. *Funk*, der Leiter des Statistischen Amtes, für den Zeitraum 1901—1910 folgendes interessante Resultat:

Auf je 10000 Lebende jeder Altersstufe kamen Gestorbene:

| Altersstufen | Wohlhabende | Mittelstand | Ärmere | Insgesamt |
| --- | --- | --- | --- | --- |
| 0 bis 1 Jahr | 489 | 909 | 2558 | 1676 |
| 1 „ 5 Jahre | 28 | 92 | 262 | 156 |
| 5 „ 15 „ | 17 | 25 | 40 | 29 |

Nach einer 1909 in der Kommunalen Praxis veröffentlichten Statistik starben in *Halle* a. S. von je 100 Säuglingen:

<!-- S. 57 -->

| | |
| --- | --- |
| 4,3 | wenn der Vater höherer Beamter, Offizier oder akademisch Gebildeter war, |
| 18,5 | wenn der Vater mittlerer Beamter war, |
| 14,2 | wenn der Vater Unterbeamter oder Unteroffizier war, |
| 13 | wenn der Vater selbständiger Kaufmann, Fabrikant oder Landwirt war, |
| 13 | wenn der Vater Handwerksmeister oder Kleingewerbetreibender war, |
| 11,3 | wenn der Vater Handlungsgehilfe, Kontorbeamter war, |
| 18,9 | wenn der Vater gelernter gewerblicher Arbeiter war, |
| 24,1 | wenn der Vater ungelernter Arbeiter war. |

Nach einer anderen Aufstellung betrug die Sterblichkeit in den Arbeitervierteln *Berlins*: Weißensee 31,9%, Britz 29,3%, Lichtenberg 25,1%; dagegen in dem westlichen Villenort Dahlem 6,67%.

In *Graz* betrug die Sterblichkeit der Säuglinge in den wohlhabenden Klassen 0%, im Mittelstand 4,2%, in den unbemittelten Schichten 35,9%, bei den ganz Armen 59,9%. Nach Dr. *Reck* starben von 1000 Lebendgeborenen vor Ablauf des 5. Lebensjahres bei einem monatlichen Einkommen der Eltern von

| | |
| --- | --- |
| 0—75 Mk. | 413 |
| 75—100 „ | 344 |
| 100—150 „ | 330 |
| 150—200 „ | 272 |
| 200—250 „ | 241 |
| über 250 „ | 230 |

In *Barmen* wurde eine Statistik aufgenommen mit Berücksichtigung des Einkommens der Eltern und der Ernährungsweise <!-- S. 58 --> des Kindes. Es starben von 100 Lebendgeborenen:

| Alter | Einkommen des Vaters bis 1500 Mk.: Brust | bis 1500 Mk.: Flasche | über 1500 Mk.: Brust | über 1500 Mk.: Flasche |
| --- | --- | --- | --- | --- |
| über 3—6 Monate | 5,7 | 37,8 | 3,1 | 17 |
| „ 6—9 „ | 4,3 | 25 | 1,4 | 10,8 |
| „ 9—12 „ | 6,2 | 11,3 | 5,2 | 6 |

„Vergebens drückt die Mutter das mit so vielen Schmerzen zur Welt gebrachte Kind an die Brust; sie sieht es hinsiechen und glaubt vielleicht in ihrer Unwissenheit, die eine unzertrennliche Gefährtin des Elends ist, das wäre eine Schickung des Himmels. Aber dem ist nicht so. Mehr als die Hälfte der Brustkinder und fast zwei Drittel der Flaschenkinder hätten Aussicht gehabt, am Leben zu bleiben, wenn sie eben nicht Proletarierkinder gewesen wären. Die Mutter gibt ihnen ihr Bestes, ihre Gesundheit, ihr Lebensmark, — aber hinter der nährenden Proletariermutter steht das graue Elend, dieses tötet das Kind.“

Die zunehmende Proletarisierung der Volksmassen hat dazu geführt, daß die Ernährung des Neugeborenen durch die *Mutterbrust* mehr und mehr verdrängt worden ist durch die Ernährung mittels Flasche. Einmal, weil die Erwerbsarbeit der Frau nicht gestattet, dem Kinde während der Arbeitszeit die Brust zu reichen; das andere Mal, weil die wachsende Degeneration der Proletarierfrau <!-- S. 59 --> die Stillfähigkeit immer mehr schwinden läßt. In Berlin bekamen 1890 von 100 Säuglingen noch 50 die Brust, heute kaum noch 30. Seitdem man Stillprämien zahlt, mag die Zahl wieder etwas im Steigen begriffen sein. Aber ob die Nahrung, die ein schwacher, unterernährter Körper dem Kinde darbietet, wirkliches Gedeihen sichert und vor den Gefahren des Säuglingsalters zu schützen vermag? Meist hat ja schon das Wachstum des Kindes vor der Geburt der Mutter den letzten Rest ihrer Kraft entzogen.

Wo die Muttermilch fehlt, leistet die Milchflasche mangelhaften Ersatz, oder andere Surrogate treten an ihre Stelle. Sie bereiten dem Tode den Weg.

Trotzdem wäre es verfehlt, der künstlichen Ernährung — wie dies oft geschieht — allein die Schuld der Säuglingssterblichkeit zuzuschieben. Sie ist nur erst eine Folgewirkung des Grundübels, der sozialen Notlage. Wo diese nicht besteht, wirkt auch künstliche Ernährung nicht so verheerend und verderblich. *Praußnitz* hat berechnet, daß an den Sommerkrankheiten von *künstlich ernährten* Säuglingen bei den Reichen 0,27%, beim Mittelstand 5% und beim Proletariat 94,8% verstarben. Das bedeutet, daß für das Proletarierkind der *Daseinskampf 350 mal so hart* war, wie für das Kind der begüterten Klasse.

Ebenso nötig wie Nahrung und Pflege braucht der Säugling zu seinem Gedeihen *Luft und Sonne*. Sie bleiben dem proletarischen Nachwuchs, der in engen Mietwohnungen, licht- und luftarmen Quartieren, schmutzigen Baracken, feuchten Hof- und Kellerwohnungen zur Welt <!-- S. 60 --> kommt, fast völlig versagt. Ist es ein Zufall, daß Chemnitz, die Stadt der höchsten Säuglingssterblichkeitsrate, nicht bloß eine stark entwickelte Frauenerwerbsarbeit, sondern auch ganz ungewöhnlich traurige Wohnungsverhältnisse aufweist? Desgleichen Langenbielau, Augsburg und andere Städte. Man lasse sich einmal die Räume zeigen, deren Luft die armen Würmer Tag und Nacht atmen, und die Betten, in denen sie schlafen. Man mache sich — im Erzgebirge oder in der sächsischen Oberlausitz, im Thüringer Wald oder auf der hohen Rhön, auf dem Eichsfelde oder in der Eifel, im Eulengebirge oder im oberschlesischen Kohlengebiete — bekannt mit den Verhältnissen, unter denen sie leben, essen, trinken, spielen, leiden und — lachen, und man wird die Zwerge mit den greisenhaften Gesichtern, durchsichtigen blutleeren Händchen und rachitischen Beinen als Lebenskämpfer bewundern, die zäh und tapfer um ihren Platz im Dasein ringen und — zwölfmal zu Boden geworfen — sich zum dreizehnten Male erheben, um ein Leben voll Not und Blöße, Hunger und Siechtum weiterzuleben.

Was Luft und Sonne für das Gedeihen des Kindes im ersten Lebensjahr bedeuten, beleuchtet treffend eine Aufstellung Richters von 1888 über Frankfurt a. M. Danach starben in den Stadtvierteln, in denen 22 Menschen auf demselben Raume wohnten, den in den Villenvororten einer einnahm, 37—43% der Geborenen gegen etwa 15% in den letztbezeichneten Vierteln. Dr. Groth in München beobachtete, daß 80,8% der von ihm behandelten Säuglinge in Wohnungen von 1 bis 2 Räumen verstarben, obwohl diese nur 25% aller Wohnungen <!-- S. 61 --> waren. Ein kölner Arzt hat ermittelt, daß die Säuglingssterblichkeit in den Proletariervierteln ebensoweit über den Durchschnitt hinausgeht, wie sie in den Quartieren der Reichen unter ihn herabsinkt. Für Dresden stellte Dr. Meinert fest, daß in Straßen mit geschlossener Bauweise, Hof- und Hinterhauswohnungen der Prozentsatz der Säuglingssterblichkeit 8,5 betrug; bei halboffener Bauweise 2,5, in mustergültigen, rings von freier Luft umspülten Arbeiterhäusern 0. Auch für *Halle* a. S. fand Dr. *Kathe*, der über fünf Jahre die Säuglingssterblichkeit nach Straßen und Stadtvierteln berechnete, daß die Frage der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit in der Hauptsache eine Wohnungsfrage sei. In den engen, stickigen Straßen der Altstadt mit feuchten Höfen und ungesunden Wohnungen starben 47—48,5% der Säuglinge (in einem einzigen Hause 18 Säuglinge!), während die freier gelegenen Straßen mit größeren Wohnungen, besonders die Vereinsstraßen, die eine Gartenstadt im Kleinen bilden, fast gar nicht von der Sterblichkeit betroffen wurden. „Wenn den Arbeitern luftige, gesunde Kleinwohnungen an Stelle der großen Mietskasernen gebaut würden, würde sicher auch die Säuglingssterblichkeit erheblich zurückgehen.“ Die englische Gartenstadt *Bourneville* liefert dafür den Beweis. Dort starben von 1000 Lebendgeborenen 78 gegen 170 im benachbarten Birmingham, wo Luft und Sonne in den Proletariervierteln rare Artikel sind.

Ob zu all den Nachteilen, die die Existenz und das Gedeihen des proletarischen Kindes bedrängen und bedrohen, noch eine soziale Ungunst von besonderer Härte hinzukommt, hängt von der Entscheidung der Frage ab, <!-- S. 62 --> ob zwischen *Geburtenhäufigkeit und Kindersterblichkeit* ein Parallelismus besteht. Dr. Hamburger hat bei 1042 Arbeiterfrauen festgestellt, wie oft jede von ihnen geboren hatte. Es ergab sich, daß ihnen mehr als die Hälfte aller Kinder durch den Tod entrissen worden war, bevor diese das 16. Lebensjahr erreichten, und daß die Verluste mit zunehmender Geburtenziffer stiegen: bei Ehen mit 2 bis 3 Kindern starben ca. 33⅓%, bei Ehen mit 5 Kindern 40%, bei Ehen mit 7 Kindern 46% usw. Daraus schloß Hamburger, daß hohe Geburtenhäufigkeit, wie sie namentlich im Proletariat vorkommt, die Kindersterblichkeit begünstigt. Allerdings hat die Ansicht Hamburgers Widerspruch erfahren, besonders Dr. Geißler hat bei seinem Versuch einer Gegenbeweisführung auf den Landbezirk Zittau verwiesen, der trotz niedriger ehelicher Fruchtbarkeit eine äußerst ungünstige Sterblichkeitsziffer aufweist. Dieses Faktum spricht indes eher für Hamburger als gegen ihn. Bei dem notorischen Weberelend in der Oberlausitz ist es sehr wahrscheinlich, daß die geringe eheliche Fruchtbarkeit dieselbe Degeneration und physische Erschöpfung verschuldet, die auch den lebendgeborenen Kindern schon das Todesmal aufdrückt. Daß zahlreiche, rasch aufeinander folgende Geburten den Körper der Mutter so zu schwächen vermögen, daß diese gar nicht mehr imstande ist, lebensfähige Kinder zur Welt zu bringen, bedarf nach all dem, was über Ernährung und Lebenshaltung der Proletarierin gesagt ist, keines Beweises mehr. So scheint sich Dr. Hamburgers Behauptung zu bestätigen: daß die gesteigerte Fruchtbarkeit des Schoßes der proletarischen Mutter nur den Kirchhofsacker segnet.

<!-- S. 63 -->

## Der Makel unehelicher Geburt

Die dunkeln Schatten, die der Fittich des Todes auf die armselige Wiege wirft, weichen nicht, auch wenn die ersten Lebenskämpfe ausgefochten sind.

Das proletarische Kind bleibt das Stiefkind des Schicksals.

Sein Los gestaltet sich besonders traurig, wenn das Verhängnis seiner proletarischen Abstammung gepaart ist mit dem Verhängnis *unehelicher Geburt*.

Wenn je Unschuldige für das Tun anderer gelitten und gebüßt haben nach der furchtbaren Drohung des grausamen Sinaiwortes, daß die Sünde der Väter heimgesucht werde an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, dann sind es die in freier Liebe Gezeugten.

Seit dem Zeitpunkte, da die außereheliche, wenn auch sonst von innigsten und reinsten Herzensneigungen getragene Hingabe eines Weibes an den Mann vom Volksempfinden und der öffentlichen Moral als Entehrung betrachtet wurde, tragen sie im Urteil der Gesellschaft das Mal der Ächtung und Schande an der Stirn. „Hurkindern“ gegenüber war jeder Schimpf erlaubt; das Recht versagte ihnen den vollen Umfang seiner Wohltaten; die Türen der Zunftwerkstätten waren ihnen versperrt; in den Herbergen und Schenken hatten sie ihren Platz neben dem Schinder, Henker und den übrigen bescholtenen Gewerben. Bis in die neueste Zeit hat sich ein beschämender Rest dieser mittelalterlichen Vorurteile und moralischen Rückständigkeiten erhalten. So wurden an einem Dezemberabend 1905 in dem elsässischen Orte Gebweiler plötzlich <!-- S. 64 --> alle Lichter auf den Straßen für eine Stunde ausgelöscht, weil an dem Tage im Orte ein uneheliches Kind geboren worden war. So besteht in dem Duodezländchen Reuß ä. L., wo ein seniler Fürst höchst eigenhändig ungezogenen Kindern die entblößte Kehrseite zu peitschen liebte, das unglaubliche Gesetz (von 1854), das unehelich Geschwängerte bei Vermeidung empfindlicher Strafen zwingt, spätestens im vierten Monate ihren Zustand persönlich bei der hohen Obrigkeit, d. h. einem höhnisch oder lüstern blinzelnden Schreiber oder Kanzlisten, unter Angabe intimer Details anzuzeigen. So bleiben in zahlreichen Städten Kinderbewahranstalten für uneheliche Kinder gesperrt. So besaß in Dortmund ein Rechtsanwalt die Herzensroheit, vor dem Schwurgericht zwei Wüstlinge, die ein Mädchen vergewaltigt, damit zu verteidigen, daß er das Mädchen zu belasten versuchte, indem er ausführte: das Mädchen sei unehelicher Geburt und alle Unehelichen seien „erfahrungsgemäß“ insofern erblich belastet, als sie große fleischliche Neigung offenbarten.

Im Deutschen Reiche werden alljährlich etwa 180000 *uneheliche Kinder* geboren (1907: 179177; 1906: 177060). Während die Gesamtzahl aller Geburten abnimmt, ist die Zahl der unehelichen Geburten in *absoluter Zunahme* begriffen. In durchschnittlich zehn Jahren hat die eheliche Fruchtbarkeit um 9,2% ab-, die uneheliche um 11,4% zugenommen. Infolgedessen vergrößert sich der relative Anteil der Unehelichen an den Geborenen beständig. Das bedeutet: nicht allein das Wachstum der proletarischen Klasse innerhalb der Volksgesamtheit, sondern auch die Zunahme der unehelichen <!-- S. 65 --> Herkunft bringt für einen immer größer werdenden Prozentsatz von Kindern eine *soziale Verschlechterung* oder aber zum mindesten die Aussicht einer Verschlechterung ihrer sozialen Entwicklungsperspektiven mit sich.

Schon im Mutterleibe ist das uneheliche Kind dem ehelichen gegenüber ebenso benachteiligt wie das proletarische gegenüber dem bürgerlichen. Wie nun erst, wenn das uneheliche Kind zugleich ein proletarisches ist! Während 1904 bei ehelich Geborenen 97,1% lebend und 2,9% tot geboren wurden, gab es bei den unehelichen 95,9% Lebende und 4,1% Tote. Abgesehen von kriminellen Ursachen, die hier eine Rolle spielen, ist das stärkere *Auftreten von Totgeburten* bei Unehelichen (in Hamburg 6,1%, Lübeck 5,6%) sicher von dem Umstande verschuldet, daß die unehelichen Mütter meist bis zum äußersten Termin auf Erwerb ausgehen müssen und sich weniger Schonung gönnen können als die ehelichen.

Mit dem höheren Prozentsatze der Totgeburten hält die *größere Sterblichkeit der unehelichen Säuglinge* gleichen Schritt.

Von den 1904 im Reiche verstorbenen 397781 Säuglingen waren 52809 unehelicher Geburt. Es starben im Durchschnitt vor und während der Geburt 5% der Unehelichen und 3% der Ehelichen. Verglichen mit den jeweiligen Geburtsziffern entfielen auf 100 eheliche Geburten 18,6, auf ebensoviel uneheliche 31,4 Todesfälle. Danach erreichten von den Ehelichen mehr als vier Fünftel, von den Unehelichen nur etwa zwei Drittel das erste Lebensjahr. Auf den Todesfall eines ehelichen Kindes kamen Todesfälle Unehelicher in Frankfurt a. M. 2,33, <!-- S. 66 --> in Hamburg und Vororten 2,17, in Berlin 1,77, in Leipzig 1,54 usw. Im Jahre 1905 schwankte in 39 deutschen Großstädten die Sterblichkeit der unehelichen Säuglinge zwischen 22,1% der Lebendgeborenen in Dresden und 49,6% in Dortmund.

Daß die Gefährdung der Unehelichen größer ist als die der Ehelichen, hat seine hauptsächlichste Ursache darin, daß die uneheliche Mutter in den allermeisten Fällen in *erheblich ungünstigerer wirtschaftlicher Lage* lebt, in höherem Maße als die verheiratete an der Fabrik- und Berufsarbeit beteiligt ist und sich ihrem Kinde, selbst wenn sie an ihm mit großer Liebe hängen würde, in nur sehr ungenügendem Maße widmen kann. Das Kind wandert in die Hände von *Ziehmüttern*, wo es meist infolge mangelhafter Nahrung, unverständlicher Behandlung, ungesunder Wohnung und ungenügender Reinlichkeit dem körperlichen oder geistigen Elend verfällt, bis der Tod es daraus befreit. Nicht selten sind auch die Fälle, in denen, oft in stillschweigendem Einverständnis mit der unehelichen Mutter, die Hexenkünste der *Engelmacherei* dem armen Wurm das Ende bereiten.

Die Ziehkinderpflege ist besonders in Großstädten weit verbreitet; sie wird wenig überwacht, ist meist schlecht organisiert und bildet so für die Säuglingssterblichkeit einen ergiebigen Boden. Doch auch da, wo das Ziehkinderwesen geordnet ist, sind die Resultate nicht befriedigend. So war in Leipzig bei vorzüglicher Organisation und Überwachung des Haltekinderwesens zwar ein Rückgang in der Sterblichkeit von 33,4% (1904) auf 28,5% (1906) zu verzeichnen, im Durchschnitt jedoch hielt sich die Sterblichkeit <!-- S. 67 --> der Unehelichen stets um 10% höher als die der Ehelichen, „ein Ergebnis, an dem — wie das leipziger Ziehkinderamt erklärt — auch die Beaufsichtigung und Pflege nicht viel ändern konnte“. Noch gravierender ist folgende Gegenüberstellung:

Es starben von 100 Lebendgeborenen

| | | |
| --- | --- | --- |
| in Charlottenburg | 41,9% | im 1. Monat stehende Pflegekinder |
| | 24,6% | Haltekinder vor Ablauf des 1. Jahres |
| im berliner Kinderasyl | 59,7% | der Pfleglinge im 1. Lebensjahr |
| | 45,42% | im 2. Jahre des Bestehens. |

Die Sterblichkeit zeigte also in Berlin einen Rückgang seit Errichtung des Asyls, gleichwohl stand sie — im Asyl! — immer noch höher als unter den charlottenburger Halte- und Pflegekindern.

Nach Dr. Neumanns Statistik von 1896 zeigte in Berlin die Haltepflege in der zweiten Hälfte des 1. Monats etwas ungünstigere, im ganzen 2. Monat ungefähr gleiche Sterblichkeit wie die Privatpflege, späterhin dauernd ungünstige Zahlen. Die Sterblichkeit der unentgeltlich verpflegten Kinder stand der allgemeinen Sterblichkeit sehr nahe. Am *allerungünstigsten* war der Pflegeerfolg in der *Waisenpflege*.

Den schweren sozialen Anklagen, die aus diesen Tatsachen sprechen, ist das Gewissen der Öffentlichkeit mit *Einwänden* begegnet. Die Unehelichen, so hat man erklärt <!-- S. 68 -->, sind als Nachkommen moralisch minderwertiger und degenerierter Eltern mehr oder weniger schwer erblich belastet und in ihrer Lebenstüchtigkeit geschwächt, daher von vornherein zu hoher Sterblichkeit prädestiniert. Dem *widersprechen* aber alle Beobachtung und Erfahrung. Gewiß gibt es unter den Unehelichen physisch und psychisch Entartete, aber nicht mehr als unter den Ehelichen. Dagegen ist die Lebenskraft bei den Unehelichen, da sie meist aus innigem Liebesverkehr hervorgehen und ihre Eltern in der Blüte der Jahre stehen, durchweg robuster als bei den Ehelichen. Besonders auf dem Lande, wo der voreheliche Beischlaf vielfach die Regel ist, die Ehe erst eingegangen wird, wenn das erste Kind auf dem Wege oder bereits geboren ist und die Anerkennung des unehelich geborenen Kindes durch den Vater bereitwillig erfolgt. Spann hat in seiner gründlichen Untersuchung für Frankfurt a. M. nachgewiesen, daß die Vaterschaftsanerkennungen am relativ günstigsten bei den Arbeiterinnen, Haushälterinnen und Berufslosen ist. Kommt es zu keiner Heirat der unehelichen Mutter mit dem Vater ihres Kindes, so findet sie dennoch in einer außerordentlich großen Zahl von Fällen einen anderen Ehemann. Sehr häufig werden Mutter und Kind auch, nach mancherlei Auftritten zwar, von der Familie der jungen Mutter aufgenommen. In den höheren sozialen Schichten dagegen bedeutet der außereheliche Verkehr einen meist unverzeihlichen Verstoß gegen die Moral „der Gesellschaft“ Aus ihrer Stellung entlassen, von den Eltern verstoßen, gesellschaftlich gemieden, sieht sich die uneheliche Mutter der höheren Stände einer großen wirtschaftlichen, sozialen <!-- S. 69 --> und moralischen Gefährdung gegenüber. Was die Männer in diesen Kreisen betrifft, so herrscht unter ihnen die Moral, daß man ein Mädchen, das man verführt hat, nicht heiratet. Spann weist für Frankfurt a. M. nach, daß der Prozentsatz der Vaterschaftsanerkennungen umso geringer ist, je höher die soziale Schicht der Mutter rangiert. Der außereheliche Umgang erfolgt also in den höheren sozialen Schichten ungleich leichtfertiger als in den niederen. Die Gefahr einer Degeneration wird somit für die Früchte dieses Geschlechtsverkehrs entschieden größer sein, während die eigentlichen proletarischen Sprößlinge unter den Unehelichen eine urwüchsige Lebenskraft mitbringen. Übrigens sind die ledigen Mütter in Frankfurt a. M. zu 43,6%, in Berlin zu 36,6%, in Dresden zu 38,5%, in Wien zu 30,5% Dienstmädchen, gehören also einem Stande an, dem im allgemeinen mehr Gesundheit und Frische eigen ist als physische Schwäche und Entartung. Auch Spann erkennt an, daß nach seinen Beobachtungen „bei den Unehelichen die Rasse in körperlicher Hinsicht eine bessere sei“ und soziale Ursachen die hohe Sterblichkeit der Unehelichen bedingen. Rosenfeld und Neumann haben diese Tatsache bestätigt.

Es handelt sich somit bei der großen Mehrheit der unehelichen Väter und Mütter nicht um verkommene, degenerierte Individuen, sondern um lebenstüchtige, gesunde Menschen, die wohl imstande wären, einen kräftigen Nachwuchs zu erzeugen und zur Welt zu bringen, hätten sie nicht unter *ungünstigen sozialen Verhältnissen* zu leiden, und würden nicht die Kinder schon in die entwicklungshemmenden Einflüsse ihres Elends hineingeboren. Haben diese das Glück, in Verhältnisse zu kommen, die <!-- S. 70 --> denen der Ehelichen ähnlich sind, so stehen sie in ihrer Entwicklung, wie Spann bezeugt, diesen in keiner Weise nach. Bleiben sie aber in den typischen Verhältnissen der Unehelichen, so geht es mit ihnen körperlich wie seelisch rasch bergab. Dabei ist es — so will es die grausame Unnatur der heutigen Gesellschaftsordnung — *für sie besser, wenn die Mutter stirbt*, als daß sie am Leben bliebe, ohne sich zu verehelichen. Es ist die Gesellschaft, die hier würgt und tötet, nicht die Natur.

Entrinnt das Kind den Klauen des Todes, so oft nur, um den Qualen eines langsamen, mitunter jahrelangen Sterbens ausgeliefert zu sein. Es bildet den dunklen Punkt in der Vergangenheit der Mutter, den Makel ihrer gesellschaftlichen Ehre; oder der Stiefvater empfindet das Vorhandensein des Kindes als den Schandfleck der sonst so sorgsam behüteten bürgerlichen Existenz. So wird es verleugnet und versteckt, in den Ecken herumgestoßen und als überflüssig, als Fremdling und Eindringling behandelt. Am besten, man brächte es aus der Welt! Aber keinen Mord, keinen Todschlag, dazu ist man zu feige. Feinere, verstecktere, schleichende Mittel müssen zum Ziele führen: *mangelhafte Ernährung, körperliche Verwahrlosung*, absichtliche Schädigung der Gesundheit, *barbarische Mißhandlungen*. Die Ursachen der oft entsetzlichen Kindermißhandlungen gehen vielfach auf die Unehelichkeit der bedauernswerten Kinder zurück. In Wien waren von 51 mißhandelten Kindern, die in einem Jahre auf Ersuchen oder mit Hilfe des Gerichts den Eltern fortgenommen und in fremde Obhut gebracht werden mußten, 44 unehelich geboren.

<!-- S. 71 -->

Überstehen die Geplagten auch dieses Martyrium, so wird das Los meist nicht besser und hoffnungsvoller. Die *Gesellschaft* tritt ihnen überall *hindernd* in den Weg und verstopft die Nährquellen gedeihlicher Entwicklung. So geht die übergroße Zahl von ihnen in *Kranken- und Siechenhäusern* zugrunde, rückständige Gemeinden lassen sie unter den Alten in elenden Armenhäusern verkommen oder stecken sie zu Bauern, wo sie geschunden, überanstrengt und bis aufs Blut ausgenützt werden, daß sie Greise schon im Kindesalter sind, stets erschöpft und bald an der Verblödungsgrenze. Andere wandern in Arbeits- und Besserungsanstalten, wo ein muffiger Geist und meist herzlose Behandlung alles Edle in ihnen auslöschen und ersticken. Die übrigen werden in *Gefängnissen, Zucht- und Irrenhäusern* lebendig begraben.

Nur vereinzelt sind die Fälle, in denen man den Ringenden und Hilfesuchenden die rettende Hand reicht, um sie vor gänzlichem Versinken in die Kloaken des Elends, des Lasters und der Schande zu bewahren und dem Leben, der Menschheit zurückzugeben.

Aber wie *kurz* ist auch da meist das *Ausmaß ihres Lebens*! Der Tod mit seinem düsteren Schwarm von Sendboten und Helfern schreitet stets an ihrer Seite. Der geschwächte Körper, die untergrabene Gesundheit, die degenerierte Konstitution sind den Stürmen des Lebenskampfes nicht gewachsen. So wartet ihrer ein frühes Grab. Während nach Spanns Bericht von 100 ehelichen Knaben in Frankfurt a. M. 66 in das 20. Lebensjahr eintraten, erreichten von den Unehelichen nur 18 dieses <!-- S. 72 --> Alter. In Berlin wurden von 100 Ehelichen 53, von ebensoviel Unehelichen nur 13 zwanzig Jahre alt. Nur 36,8% der Unehelichen waren für den Militärdienst tauglich.

Neben der körperlichen geht die geistige und moralische Minderwertigkeit einher. Was Wunder, daß zu dem Heer der Schwachsinnigen und Idioten die Unehelichen ein gewaltiges Kontingent stellen, — daß die *Welt der Verbrecher*, Dirnen, Landstreicher, Zuhälter usw. aus ihren Reihen in hohem Maße Nachfolge wirbt!

Hunger, Verwahrlosung, Entbehrung, Mangel an Erziehung, Verachtung und Zurücksetzung — eine ganze Skala düsteren menschlichen Elends malt sich in dem Lose der Unehelichen. Es ist das *potenzierte proletarische Elend*. Der Jammer der proletarischen Abstammung und der proletarischen Existenz, gesteigert durch eine unverschuldete, aber bis zur Unerträglichkeit schmerzvolle soziale Komplikation.

## In der Öde des mutterlosen Haushalts

Poeten singen vom Kindheitsparadies und Träumer fabulieren vom goldenen Märchenlande der Jugend.

Nüchternen Forschern aber drängt sich die Überzeugung auf, daß der Kindheitszustand von der Jugend selbst keineswegs als Glück empfunden wird.

Es ist nur die süße Resignation, die, eine Verschwenderin von Licht und bunten Farben, den Erwachsenen das entschwundene Jugendland verklärt.

Die Gegenwart ist grau und banal, oft häßlich und <!-- S. 73 --> von rauher Außenseite. Auch für das Kind, das unter glücklichen Bedingungen seinen Lebenslenz verbringt, birgt sie schon viele Leiden, Schmerzen und Gefahren.

Wieviel mehr erst für das Kind, dem vom ersten Tage seines Lebens an Armut und Sorge finstere Wegbegleiter waren! Da wird das Jugendland zu einer düsteren Welt des Kummers und der Qual.

Die Mietskaserne seine Heimat. Die enge, dumpfe Stube sein Aufenthalt. Der kahle Hof sein Ausblick. Die Straße sein Tummelplatz.

Kein Garten mit Blumen, Sandhaufen, Lauben und Spielgeräten. Keine Wiese am Bach. Kein Wald mit seinen lockenden Wundern und Geheimnissen.

Der Vater in der Fabrik. Die Mutter in der Fabrik. Die älteren Geschwister in der Fabrik. Zu Hause Unordnung, Schmutz und Öde. Der Ofen kalt. Der Brotschrank verschlossen. Kein liebes Wort, das ihm entgegentönt. Keine milde Hand, die zärtlich es umfängt. In dieser Trostlosigkeit bleibt nur die Straße.

Wie unsagbar traurig es um die Pflege und Wartung der proletarischen Jugend bestellt ist, welche ungeheure Vernachlässigung und Verwahrlosung auf diesem Gebiete des häuslichen Pflichtkreises der Frau besteht, bestehen muß, weil die Verhältnisse dazu zwingen, das hat mit wuchtiger Eindringlichkeit eine *Untersuchung Dr. Felds* über die Kinder der in Fabriken arbeitenden Frauen der erschrockenen Mitwelt vor Augen geführt.

Dr. Feld ist durch den großen *Crimmitzschauer Streik* um die Jahreswende 1903/04 angeregt worden, den Arbeitsverhältnissen in der Textilindustrie sein Augenmerk <!-- S. 74 --> zuzuwenden; besonders war es ihm darum zu tun, die Versorgungs- und Verpflegungsverhältnisse derjenigen Kinder kennen zu lernen und genau festzustellen, deren Mütter sich infolge ihrer Fabrikarbeit nicht selbst um die Beaufsichtigung, Wartung und Erziehung des Nachwuchses kümmern konnten. Er ermittelte nun, daß in den Spinnereien und Webereien Crimmitzschaus zirka 2000 Arbeiterinnen tätig waren, und zwar etwa 800 Ledige, 971 Verheiratete, 242 Verwitwete, Getrenntlebende und Geschiedene. Von 1209 für die Zählung in Betracht kommenden Frauen hatten 732 insgesamt 1462 Kinder, während 477 kinderlos waren. Dazu kamen noch Kinder von Ledigen, so daß die Gesamtzahl der zu versorgenden Kinder 1605 betrug. Von den 1462 Kindern waren 567 (38,8%) noch nicht 6 Jahre alt, 895 (61,2%) standen im Alter von unter 14 Jahren. Die Feststellungen über Art und Umfang der Versorgung dieser Kinder ergaben nun, daß 39,2% von Großmüttern und 26,5% von *fremden Personen* (benachbarten Frauen usw.) beaufsichtigt und verpflegt wurden. Das heißt: in zahlreichen Fällen sah die Großmutter, die nicht in demselben Hause, oft nicht einmal in derselben Straße wohnte, nur ab und zu einmal nach dem Rechten; in anderen Fällen gestattete eine entferntere Verwandte oder gutherzige Nachbarin, die selbst einen Haushalt und Kinder zu versorgen hatten, daß die fremden Kinder bei schlechtem Wetter oder wenn sonst die Verhältnisse es geboten, sich in ihrer Wohnung mit aufhalten durften. Von einer wirklichen Überwachung und sorgfältigen Pflege konnte weder so, noch so die Rede sein. Darauf deutet auch schon der <!-- S. 75 --> Umstand hin, daß diese Versorgung bei 32,2% der Familien ganz unentgeltlich, bei 23,6% gegen eine Vergütung von höchstens 2 Mk. wöchentlich erfolgte. Dabei war *ein Fünftel* der auf diese Weise „versorgten“ Kinder noch nicht ein Jahr alt, ein Sechstel 2—3 Jahre, fast ein Drittel 4—6 Jahre, ein weiteres Drittel 7—10 Jahre, fast ein Viertel 11—14 Jahre.

Etwas günstiger lagen die Verhältnisse bei den Kindern, die im frühesten Alter sich in „Ziehe“ befinden, später „tagsüber Verpflegung“ erhalten und erst mit zunehmendem Alter unter „Aufsicht“ gestellt werden, bis sie auch dieser entwachsen. Aber auch bei ihnen bleibt noch unendlich viel zu wünschen übrig; denn bei einem wöchentlichen Verpflegungssatze von 1—3 Mk. und einem Ziehgelde von 2—4 Mk., wie sie die Statistik als durchweg üblich feststellt, sind den Aufwendungen für das Wohl des Pfleglings naturgemäß sehr enge Grenzen gezogen. Zumal dann, wenn die Verpflegung, wie hier, noch einen Gewinn für die Pfleger abwerfen soll. Und wäre die Fürsorge auch die unter solchen Umständen denkbar beste, sie könnte die von der mütterlichen Liebe und Geduld getragene Pflege im eigenen Heim nie ersetzen.

Während von Verwandten 49,7% der Kinder unter 6 und 31,5% der Kinder von 7—14 Jahren versorgt wurden, befanden sich 39,3% der Kinder unter 6 und 17,2% der Kinder von 7—14 Jahren in fremden Händen. Den *Kinderbewahranstalten* wurden nur 4,6 resp. 2,6% der Kinder anvertraut. Die geringe Inanspruchnahme dieser an sich nützlichen Institution ist auffällig. Sie hat ihren Grund darin, daß die Anstalten vielfach <!-- S. 76 --> von den Wohnungen der Eltern zu weit entfernt liegen, und daß ihre Tore sich den Kindern erst öffnen, wenn die Mütter längst in der Fabrik sind. Auch müssen die Kinder sauber gewaschen und gekleidet in der Anstalt erscheinen, — wer aber soll diese Arbeit besorgen, wenn die Mutter früh schon vor sechs Uhr in die Tretmühle muß, während das Kind noch im Schlummer liegt. Aufgeklärte Arbeiter werden auch von dem frömmelnden und muffigen Geiste abgestoßen, der die meist unter kirchlichem Einfluß stehenden, von privater Wohltätigkeit begründeten Bewahranstalten beherrscht. Zur Kennzeichnung dieses Geistes besteht z. B. in Crimmitzschau die unglaubliche, aber echt christliche Bestimmung, daß unehelichen Kindern — die der Wohltat der Bewahranstalt in erster Linie bedürften — die Aufnahme zu versagen ist. Infolgedessen befanden sich, als Dr. Feld seine Untersuchungen anstellte, 6,3% der unehelichen Kinder von Fabrikarbeiterinnen *ohne alle und jede Aufsicht und Pflege*.

Dasselbe entsetzliche Los hatten 50% der Kinder von Verwitweten und 30,9% aller Kinder überhaupt. 5,8% der über Tag sich völlig selbst überlassenen Kinder standen in dem zarten Alter von noch nicht einem Jahre. Grausamste Tatsache: *Säuglinge in der Wiege Tag für Tag ohne Pflege, ohne Wartung, ohne mütterliche Versorgung!* Kein Hauch von Liebe darf sie wärmen, keine zärtliche Hand sie streicheln, kein Mund sie küssen. Niemand, der sie in den Schlaf wiegt, der ihnen Lieder singt, der mit ihnen lacht; niemand, der sie reinigt, ihnen die Kissen rückt, ihre kleine hungernde Seele durch Spiele und Tändeleien belebt und erquickt. Die Wohnung <!-- S. 77 --> ist leer und verschlossen. Kein Mensch atmet in ihr außer dem kleinen, hilflosen Wurm. Die Mutter rackert in der Fabrik...

Von den übrigen völlig unversorgten Kindern standen 5,2% im Alter von 2—3, 7,6% im Alter von 4—6, 32% im Alter von 7—10 und 64,6% im Alter von 11—14 Jahren. Auch für sie gab es keine sorgende und behütende Mutterhand den ganzen langen Tag. Kein wohliges Heim, keine traute Häuslichkeit. Und keine Hilfe, keinen Rat in den vielen kleinen Sorgen dieser jungen Jahre. Keinen Beistand bei den Schularbeiten. Keine verständnisvolle Seele, zu der ein übervolles Herz einmal seine Zuflucht nimmt...

Was ist für sie Ordnung? Was verstehen sie unter geregelter Lebensführung? Wer erzieht sie zu Sauberkeit, Pünktlichkeit, ernsthafter Pflichterfüllung? Wie soll ein Kind unter solchen Verhältnissen körperlich gedeihen? Wie soll in dieser liebearmen Sphäre eine Gemütsbildung möglich sein? Und wie eine Erziehung zur Sittlichkeit, zur Willensstärke, zum Charakter?

Sie ist ein Heer früh Enterbter und Ausgestoßener, diese arme Proletarierbrut. In den Ecken und Winkeln kauert und steht sie herum. Bei fremden Leuten sucht sie Unterschlupf. Auf Märkten und Bahnhöfen, in Speichern und Markthallen, am Hafen, in Parks, vor Schaubuden treibt sie sich herum. Wie Blätter, die der Wind zu Haufen zusammentreibt und wieder zerstreut. Wie Sperlinge, die überall und nirgends sind. Die Straße ist ihre Welt...

Die Lehrer klagen über schlechtes Betragen, mangelhaften Fleiß, Schulversäumnisse... Wer ist daran schuld? Etwa die Kinder?

<!-- S. 78 --> Die Spießbürger schreien über die Verrohung der Jugend, und die Pfaffen beklagen die allgemeine sittliche Verwilderung... Wer trägt die Verantwortung? Etwa jene Unglücklichen, die das Leben zu früh zwischen seine Fäuste nahm?

Die Gerichte brechen den Stab über Unredliche und Unsittliche, die, noch der Schule nicht entwachsen, mit allen Lastern vertraut sind... Wer stieß sie in den Sumpf? Und was habt ihr, was hast du getan, um sie zu bewahren? —

Crimmitzschau ist nicht der einzige Ort, wo solche Abgründe gähnen. Zwar hat es ein besonders rücksichtsloses Fabrikantentum, und die Ausbeutung, die von ihm geübt wird, steht im Geruche äußerster Schrankenlosigkeit und brutalster Härte. So haben seine sozialen Tatbestände den Charakter von Schulbeispielen angenommen. Doch anderwärts liegen die Verhältnisse nicht besser.

Bei einer Bevölkerung von mehr als 60 Millionen hatte 1907 das Deutsche Reich etwa 31 Millionen weibliche Personen, wovon fast der dritte Teil, nämlich 9492881 *auf eigenen Erwerb angewiesen* waren. Das ist seit 1895 eine Zunahme 2814519. Von der Gesamtzahl der arbeitenden Frauen war fast die Hälfte (46,2%) Ehefrauen; und ferner gab es 278387 verheiratete Fabrikarbeiterinnen, gegen 1895 eine Zunahme von 97,7%. 2808864 arbeitende Frauen lebten noch in ehelicher Verbindung, die anderen waren verwitwet, verlassen oder geschieden. Zu diesen Frauen gehören *mindestens ebensoviele Kinder* im schulpflichtigen Alter. Nach früheren Gewerbeinspektionsberichten betrug die Zahl der unter <!-- S. 79 --> sechs Jahre alten, von Fabrikarbeiterinnen zu versorgenden Kinder in Oppeln 46,3%, Magdeburg 40,6%, Zittau 44%, Kassel 51,6%, Wiesbaden 51,2%, Gießen 47,5%, Erfurt 48,9%, Hildesheim und Lüneburg 42,3%, im ganzen Reiche durchschnittlich 47,1%. Ohne jegliche Aufsicht, Wartung und Pflege waren nach den Berichten von 1899 in Liegnitz 13,1%, Kassel 17,4%, Offenbach 13,1%, Magdeburg 18,2% und Darmstadt 26,6%. *Der vierte bis sechste Teil* aller Arbeiterinnenkinder hatte also kein Heim, keine Pflege und Erziehung, keine Mutter.

Kommt sie, die Vielgeplagte, am Abend aus der Fabrik nach Hause, beginnt für sie die zweite Arbeitsschicht. Der vernachlässigte Haushalt verlangt ihre Kraft. Bei 75%, wie die crimmitzschauer Statistik zeigt, bei 55—75%, wie Dr. Rose Otto in ihrer Untersuchung über die Fabrikarbeit verheirateter Frauen festgestellt hat, muß er von ihr allein versorgt werden. Für die Kinder, deren verlangende Arme sich ihr entgegenstrecken, bleibt nur ein Bruchteil der Fürsorge und Mühewaltung übrig. Und unter der Last der endlosen Arbeitsplage erstickt gar oft im Mutterherzen selbst die Güte und Liebe...

In der christlichen Mythe knieen die Frommen vor dem Kindlein im Staube, es anzubeten und mit den Ehren eines himmlischen Königtums zu überschütten.

In der Wirklichkeit dieses Lebens tritt die christliche Gesellschaft der Armen Kind, das in Ställen geboren wird und in Krippen gebettet liegt, mit Füßen, reißt ihm die Mutter fort und gibt es rücksichtslos allen Zufälligkeiten und Gefahren preis.

<!-- S. 80 -->

## Das körperliche und geistige Manko

Die Kinder der Reichen gedeihen in Sonne und Sättigung zu Schönheit, Fülle und Kraft.

Die schmalen und blassen Kinder der Armut aber sind wie welke und verkümmerte Pflanzen auf einem dürftigen Acker. Kraftlose Schößlinge, die alle Zeichen unzulänglicher Wachstumsbedingungen und liebloser sozialer Temperatur an sich tragen.

Der Kapitalismus, der die Verelendung, den Hunger, die Bresthaftigkeit und die Degeneration zu Massenerscheinungen gemacht hat, schafft aus dem Nachwuchs seiner Opfer ein Heer von Zwerghaften, Engbrüstigen, Krüppeln, Siechen, Minderwertigen...

Erbarmungslos schlägt er die Jugend des Proletariats mit der furchtbaren Geißel gesundheitlichen Ruins.

Doch nicht da ist er am grausamsten, wo er mit jähem Ruck Daseinshoffnungen auslöscht und Menschenblüten knickt, sondern da, wo er dem Überlebenden alles entreißt, was nötig wäre, um ihn ein volles Menschenleben ausleben zu lassen. Wo er das Dasein zu einem jahrzehntelangen Ringen mit dem Hunger, dem Siechtum, dem Tode macht, um den endlichen Sieg des Lebenskämpfers schließlich in einen Pyrrhussieg zu verkehren. Lassen wir zunächst die Zwerghaften aufmarschieren.

### Die Zwerghaften und Verkümmerten

Seit Jahrzehnten haben Mediziner und Pädagogen an Schulkindern Messungen, Untersuchungen und Gewichtsprüfungen <!-- S. 81 --> vorgenommen, um die Wachstums- und Entwicklungsverhältnisse während der Schuljahre festzustellen. Die Resultate haben überraschende, zum Teil erschreckende Aufschlüsse darüber gegeben, in welch hohem Maße die proletarische Jugend in bezug auf ihre körperliche Entwicklung unter der Ungunst ihrer sozialen Verhältnisse zu leiden hat und infolgedessen hinter den von der bürgerlichen Jugend erreichten Zielen zurückbleibt.

Vor etwa dreißig Jahren stellte der schwedische Physiologe *Axel Key* im Auftrage einer Kommission in großem Umfange schulhygienische Untersuchungen an, deren Ergebnisse er in einem epochemachenden Werke niederlegte. Er behandelt darin unter anderen auch die Frage, wie sich das Körperwachstum nach Länge und Gewicht von Kindern ärmerer Klassen zu dem von Kindern bessersituierter Eltern während der Zeit des Schulbesuchs verhält. Wörtlich führt er aus: „Daß *die Kinder ärmerer Klassen in Länge und Gewicht geringer* sind als die gleichalterigen besserer Stände ist erwiesen. Überall ist der Unterschied zugunsten der Bessersituierten vorhanden. Das Resultat des Vergleichs beweist in auffallender Weise den großen Einfluß, den die Lebensumstände auf Zunahme und Entwicklung des Kindes ausüben.“ Aus beigegebenen Tabellen waren im einzelnen die Unterschiede in der Körperkonstitution zwischen Bourgeois- und Proletarierkindern ersichtlich gemacht. Bei den Knaben betrug der Längenunterschied vom achten bis zehnten Lebensjahre bis zu 6 cm, vom elften bis fünfzehnten Lebensjahre bis zu 5 cm, bei den Mädchen bis zu 3 cm. Der Gewichtsunterschied belief sich bei den Knaben vom achten bis <!-- S. 82 --> zehnten Jahre bis zu 3 kg, vom elften bis fünfzehnten Jahre bis zu 5 kg, bei den Mädchen bis zu 3 kg.

Die Konstatierungen Axel Keys erregten großes Aufsehen, obwohl sie nicht viel Neues boten, konnte sich doch Key selbst schon auf Untersuchungen älteren Datums berufen. Mehrere Jahrzehnte vor ihm hatte der belgische Statistiker *Quetelet* ähnliche Aufnahmen mit ähnlichen Ergebnissen gemacht. Auch in *Dänemark* hatte eine 1882 eingesetzte offizielle Kommission verschiedene auf die Entwicklung der Kinder bezügliche Fragen geprüft, indem sie an mehr als 29000 Kindern höherer wie niederer Volksschulen in den Städten und auf dem Lande Messungen anstellte, mit einem Erfolg, der später Axel Key bei Konstatierung des Unterschiedes zwischen der Körperkonstitution wohlhabender und ärmerer Kinder zu der Bemerkung bestimmte, auch die dänische Kommission habe solche Resultate ermittelt. Weiter hatten früher bereits Florence *Keller* und *Bowditsch*-Boston in Amerika Körpermessungen an Kindern vorgenommen; letzterer in 24595 Fällen mit Unterscheidung der Nationalität und des Standes der Eltern. In England unterzog sich Ch. *Roberts* dieser Arbeit an 22000 Erwachsenen und Knaben unter Berücksichtigung der sozialen Bedingungen; auch er fand, daß die Kinder wohlhabender Familien durchweg höhere Längenmaße zeigten als die armen. In geringerem Umfange führte Prof. *Pagliani*-Turin Messungen an 2000 Personen im Alter von drei bis neunzehn Jahren aus, doch fand auch er den verderblichen Einfluß ungünstiger Lebensverhältnisse auf die Entwicklung der Kinder bestätigt. In Deutschland nahmen <!-- S. 83 --> zuerst *Kotelmann* in Hamburg, *Landsberger* in Posen und *Carstadt* in Breslau Schülermessungen vor. Ihnen folgten, angeregt durch Axel Keys Werk, Michailow-Erisman in Zentralrußland, Kosmorski in Warschau, Schmid-Monard in Halle a. S., Schmidt in Saalfeld, ferner Oppenheimer, Zeising, Russow usw. Fast alle Beobachter stimmen darin überein, daß die Kinder ärmerer Bevölkerungsschichten in bezug auf Längen- und Brustmaße wie die gesamte Körperkonstitution den Kindern wohlhabender Klassen gegenüber entschieden benachteiligt sind.

Einige Messungen und ihre Ergebnisse verdienen besondere Beachtung.

Im Jahre 1886 untersuchten der Medizinalrat Dr. *Geißler* und der Kandidat Uhlitzsch im Schulinspektionsbezirk *Freiberg* i. S. die Größenverhältnisse der Schulkinder. In dem Bericht hierüber findet sich eine Tabelle, die die Größe der Bergmannskinder mit der von freiberger Bürgerschülern vergleicht. Sie zeigt augenfällig, daß *die armen Proletariersprößlinge ohne Ausnahme dürftiger entwickelt* waren als der Nachwuchs des bessersituierten Bürgerstandes. Sie waren mit zehn Jahren durchschnittlich 5,1 cm, mit vierzehn 4,7 cm, in den anderen Jahren mindestens 2,3 cm kleiner; die Mädchen durchgängig bis zu 5,1 cm. „Es dürfte zu ersehen sein,“ sagt der Bericht, „welchen Einfluß die Lebensverhältnisse, in denen die Kinder aufwachsen, auf die Entwicklung des Körpers auszuüben imstande sind... Es bestätigt sich wieder die Äußerung des französischen Statistikers und Arztes Villermé, daß nämlich der Mensch um so größer wird und sein Wachstum um so schneller <!-- S. 84 --> seine Vollendung erreicht, je reicher unter sonst gleichen Umständen das Land, je allgemeiner der Wohlstand ist, je besser die Kleidung, die Wohnung, besonders aber die Nahrung, und je geringer die Not, die Anstrengungen, die Entbehrungen sind, die man in der Kindheit und Jugend erfährt.“

Weniger wertvolle Aufschlüsse nach dieser Richtung bietet eine von dem früheren leipziger Abgeordneten Prof. *Hasse* aufgenommene Statistik über die Wachstumsverhältnisse der Volksschüler von *Leipzig-Gohlis*, weil sie auf einen Vergleich zwischen Proletarierkindern und den Kindern bürgerlicher Familien nicht eingeht. Immerhin stellt sich die Tatsache heraus, daß ein gohliser Volksschüler einem berliner Bourgeoiskind im Längenmaß um zwei volle Jahreswachstume zurücksteht.

Für *Wien* stellte Dr. *Telecky* fest, daß die Kinder armer Leute 3 kg weniger wiegen, durchschnittlich 7½ cm kleiner sind und 5 cm schmäleren Brustumfang haben als die Kinder vermögender Eltern.

Unter den *dresdner* Schulkindern hat der Lehrer *Graupner* sehr sorgfältige Messungen vorgenommen. Nach seinem auf dem Schulhygiene-Kongreß in Nürnberg 1904 erstatteten Bericht besuchten in Dresden 13000 wohlhabende Kinder die Bürgerschulen und 44000 minderbemittelte die Bezirksschulen. Nachstehend die durchschnittliche Größe für das erste Schuljahr:

| | Bürgerschule | Bezirksschule |
| --- | --- | --- |
| Knaben | 117,4 cm | 112,7 cm |
| Mädchen | 116,2 „ | 112,3 „ |

<!-- S. 85 --> für das achte Schuljahr:

| | | |
| --- | --- | --- |
| Knaben | 150 cm | 147 cm |
| Mädchen | 153,7 „ | 150,7 „ |

Im allgemeinen sind die Bürgerschüler den Bezirksschülern um *ein Jahreswachstum* voraus. Handelt es sich um Stadtteile mit großen sozialen Unterschieden, so beträgt der Vorsprung sogar *zwei* Jahreswachstume. Die Bezirksschüler erreichen erst im dritten Schuljahr die Größe, die die Bürgerschüler beim Eintritt in die Schule aufweisen. Der Parallelismus von Körperentwicklung und sozialem Milieu ist also auch durch diese Untersuchung überzeugend erwiesen.

Des weiteren sei eine sehr gründliche Arbeit von Dr. *Rietz* erwähnt, die sich auf *berliner* Verhältnisse bezieht. Dr. Rietz untersuchte die Schüler und Schülerinnen von drei Gymnasien, einer höheren Mädchenschule und vier Gemeindeschulen, insgesamt 5134 Kinder, auf Längenmaß, Brustumfang und Gewicht. Da er die einschlägige Literatur kannte und sich über die Verschiedenartigkeit der bisher bei bürgerlichen und proletarischen Kindern erzielten Befunde klar war, berechnete er die von Kindern wohlhabender Eltern herrührenden Ergebnisse gesondert von denen ärmerer Kinder. Der Effekt war, daß auch seine Befunde große Unterschiede in der Körperentwicklung *zuungunsten der Schlechtersituierten* ergaben. „Knaben wie Mädchen der höheren Schulen sind durchschnittlich um 5 bis 6 cm größer und 3 bis 5 kg schwerer als ihre Altersgenossen in den Gemeindeschulen“. In einzelnen Fällen beträgt der Längenunterschied bei den <!-- S. 86 --> Knaben bis zu 9,4 cm, bei den Mädchen bis zu 7,1 cm. „Die Kinder der wohlhabenden Klasse sind unverhältmäßig schwerer als die der ärmeren, zweifellos infolge besserer Ernährung. Es ergibt sich, daß die Kinder wohlhabender Eltern sich mehr durch das Gewicht auszeichnen, die Kinder ärmerer Eltern dagegen durch eine geringere Länge sich bemerkbar machen.“ Auch der mittlere Brustumfang ist bei den ärmeren Kindern um durchschnittlich 3 cm enger als bei den reicheren. In dem Verhältnis zwischen Gewicht und Länge „spricht sich deutlich die Verzögerung in der Entwicklung ärmerer Kinder aus; es ist, als ob ihre Zahlenkolonne (in der Statistik) um ein Jahr nach abwärts verschoben wäre“. Die Wahrnehmung, daß *die Armen den Reichen um mindestens ein Jahreswachstum in der körperlichen Entwicklung nachstehen*, findet somit erneut ihre Erhärtung.

Schließlich sei noch ein *Bericht des schottischen Unterrichtsdepartements* über die körperliche Entwicklung der Schulkinder in *Glasgow* erwähnt. Es wurden 72857 Schulkinder — 36883 Knaben, 35974 Mädchen — gewogen und gemessen. Davon lebten 8% der Kinder in Wohnungen, die nur aus einem Zimmer bestanden, 58% in Wohnungen von zwei Zimmern, 24% in Wohnungen von drei Zimmern, 10% in Wohnungen von mehr als drei Zimmern. Das Resultat der Messungen war, daß die Kinder, die *aus engen Wohnungen* kamen, sowohl an Gewicht wie an Höhe den Kindern aus geräumigen Wohnungen *nachstanden*. Die Zahl der gemessenen Kinder ist so bedeutend und die <!-- S. 87 --> Ergebnisse sind so gleichmäßig, daß daraus der Schluß gezogen werden darf, daß die körperliche Entwicklung der Kinder hauptsächlich von den materiellen Verhältnissen abhängt.

Weil die Ungunst der sozialen Umwelt dem proletarischen Kinde Nahrung, Pflege, Luft und Sonne raubt, bleibt die volle Entfaltung und das Gedeihen gehindert, das Wachstum gelähmt und die Verkümmerung wird zu einem bitteren Geschick.

### Schulärztliche Untersuchungen

Ungleich gravierender noch gelangt die geringere Lebenstüchtigkeit und der mangelhaftere Gesundheitszustand der proletarischen Jugend zum Ausdruck in den *Ergebnissen schulärztlicher Untersuchungen*, die leider erst seit wenig Jahren und vorerst auch nur in relativ beschränktem Umfange eingeführt sind.

Die Berichte der Schulärzte lassen erkennen, daß es um die gesundheitliche Beschaffenheit der Volksschuljugend *über alle Begriffe* schlecht bestellt ist.

Das Totalbild der körperlichen Konstitution weist bei den Kindern ärmerer Schichten fast durchweg *geschwächte Lebenskraft und verminderte Widerstandsfähigkeit* auf. Der Prozentsatz der Kinder mit schlechter Konstitution, schreibt Bloh in der „Pädag. Reform“, ist *fünf-, selbst zehnmal größer* als in den Mittelschulen. In der Tat zeigten, wie genaue schulärztliche Untersuchungen ergeben haben, die Schulanfänger in Nürnberg einen *dreimal*, in Frankfurt a. M. einen <!-- S. 88 --> *achtmal* so schlechten Gesundheitszustand als die gleichalterigen Besucherinnen der höheren Mädchenschule. In Braunschweig hatten 8,8% aller Schulanfänger eine schlechte körperliche Konstitution. In Leipzig, wo der Stadtbezirksarzt 1910 insgesamt 9877 Kinder untersuchte, war die Körperbeschaffenheit der Kinder mittel oder schlecht: bei 39,9% in den höheren, bei 44,1% in den einfachen Bürgerschulen und bei 55,7% in den Bezirksschulen. Ganz ähnlich haben frühere Untersuchungen eine Verschlechterung des Konstitutionsbefundes mit absteigendem Schulrange ergeben. So hatten nach Dr. Poetters Veröffentlichungen von leipziger Schulkindern in den Bürgerschulen 54,7%, in den Bezirksschulen nur 43,5% eine gute Konstitution; dagegen waren mittel oder schlecht von den ersteren nur 45,3%, von letzteren 56,5%. Durchschnittlich waren 40% und mehr ärztlich behandlungsbedürftig. In Apolda machten nur 33% der Kinder einen gesundheitlich guten Eindruck. In Wilkau waren in einem Jahre nur 9,8% der erstmalig untersuchten Knaben und 27,4% der Mädchen gesund, im anderen Jahre gar nur 5,7% der Knaben und 33,6% der Mädchen; 90,2 resp. 94,3% der Knaben wiesen irgendeine Krankheit, ein Gebrechen oder einen körperlichen Mangel auf.

Vielfach ist die ungünstige Körperbeschaffenheit direkt als Folge *unzureichender Ernährung* erkennbar. Im Bericht der Charlottenburger Schulärzte von 1906 heißt es, daß die Erkrankungen und konstitutionellen Minderwertigkeiten im Schülermaterial auffallend zahlreich durch *Unterernährung* bedingt seien; gehörte doch <!-- S. 89 --> Anämie mit nicht weniger als 462 Fällen zu den am häufigsten behandelten Krankheiten. In Offenbach waren von 2116 Kindern 37% *mangelhaft genährt*; sie zeichneten sich durch allgemeine Schwäche, Magerkeit, schlaffe Muskulatur, blasse Gesichtsfarbe und schmalen Wuchs unvorteilhaft vor den übrigen aus. In Stuttgart stellte Stadtarzt Dr. Gaspard bei 18,9% der Kinder *unbefriedigenden Ernährungszustand* fest. In Berlin untersuchte Dr. Bernhard die Ernährungsverhältnisse von 3700 Kindern seines Schulkreises und stellte fest, daß nur 42,7% der Knaben und 39,1% der Mädchen gut oder befriedigend genährt waren. Eine krankhafte konstitutionelle Anlage wurde 1907—1908 bei 12,9% der berliner Schulneulinge konstatiert. „Die Ursache für die Kränklichkeit,“ schreibt Prof. Dr. Hartmann im schulärztlichen Jahresbericht 1905—1906, „ist hauptsächlich *in ungünstigen häuslichen Verhältnissen, in ungenügender Ernährung, mangelhafter Pflege, schlechten Wohnungsverhältnissen* zu suchen.“

Von bemerkenswerten sonstigen Ergebnissen der schulärztlichen Untersuchungen, die das physische Elend der Proletarierjugend beleuchten, seien einige wenige angeführt. In Berlin wiesen von 33000 Schulneulingen 31,6%, in Nürnberg 50%, in Dresden 50,5%, in Leipzig über 40% körperliche oder geistige Fehler und Krankheiten auf. In Wiesbaden, dem Eldorado der Hochfinanz und Aristokratie, waren von 883 Schulrekruten nicht weniger als 583 mehr oder weniger krank; in einem anderen Jahre von 985 sogar 748, gleich 76%. Die Mittelschulen wiesen nur 42,3% auf. Als körperlich mangelhaft <!-- S. 90 --> entwickelt wurden bei den Mittelschülern 2,4%, bei den Volksschülern 5,6% befunden. In Radebeul bei Dresden waren von 200 schulärztlich untersuchten Kindern 185 mit Skrofulose, 160 mit Zahnfäule, 21 mit Kurzsichtigkeit, 18 mit Nasenpolypen, 12 mit Mandelerkrankungen, 12 mit Schwerhörigkeit usw. behaftet. In Schöneberg bei Berlin konnte von 1555 Kindern kaum ein einziges als völlig gesund bezeichnet werden. In Arnstadt waren 40% der Schülerinnen krank, davon augenleidend oder kurzsichtig 110, ohrenleidend 65, nasenkrank 22, herzleidend 27, mit Krankheiten der Luftwege behaftet 31, magen- oder darmkrank 14, nervenleidend 44, knochen- oder gelenkkrank 19, bleichsüchtig, skrofulös und rachitisch 80, mit Sprachfehlern behaftet 17, allgemein körperschwach 8, an Krankheiten der Lymphgefäße leidend 14. Und diese kranken, schwachen Mädchen sollen einst ein gesundes und lebenstüchtiges Geschlecht zur Welt bringen!

### Armut als Krankheitsursache

Einsichtige Ärzte wissen, daß zahlreiche Krankheitserscheinungen durch die besonderen Widrigkeiten und Lebensumstände des proletarischen Milieus eine augenfällige Steigerung erfahren.

So stellte z. B. Prof. Rabe fest, daß *Ohrenerkrankungen und Gehörleiden* bei Volksschülern viel verbreiteter sind als bei Schülern höherer Lehranstalten. Die Ursache hierfür erblickte er in den *elenden sozialen Verhältnissen*, in denen das Proletariat zu leben <!-- S. 91 --> gezwungen ist. Zu der Gruppe der schwersten und hartnäckigsten Ohrenleiden stellt das Kindesalter gegen 40%, fast ausschließlich Proletarierkinder. Prof. Ostmann-Marburg fand, daß in den von einer starken Arbeiterbevölkerung bewohnten Dörfern der nächsten Umgebung Marburgs verhältnismäßig die meisten Ohrenerkrankungen unter allen von ihm untersuchten Bezirken vorhanden waren. Die Bevölkerung ist arm und in hohem Grade unsauber. Eine Folge dieser Verhältnisse ist das häufige Auftreten von Infektionskrankheiten, in deren Verlauf sich nicht selten Ohrenkrankheiten entwickeln. So stieg in einzelnen Ortschaften die Zahl der Ohrenerkrankungen bis auf 55%.

Mit Bezug auf das *Stottern* steht fest, daß Rachitis und Skrofulose, die Krankheiten der feuchten Kellerwohnungen und lichtarmen Hinterhäuser, eine unverkennbare Prädisposition für das Leiden schaffen. Klencke meint sogar, daß das Stottern eine Symptom- und Reflexerscheinung offenen oder versteckten Skrofelleidens sei. Coën stimmt ihm bei. Noch weiter geht Berkhan, der die Rachitis als Hauptursache des Stotterns bezeichnet und dies *ein Leiden der ärmeren Bevölkerung* nennt.

*Taubstummheit* geht nach den Untersuchungen von Moos, Lemcke und Uchermann vielfach auf Rachitis und Skrofulose zurück. *Brauckmann* erklärt: „Was die sozialen Verhältnisse angeht, so ist es eine Tatsache, daß *die ärmeren* und ungebildeten Volksschichten einen größeren Prozentsatz Taubstummer liefern als die wohlhabenden und gebildeten. Mangelhafte Ernährung und <!-- S. 92 --> ungesunde Lebensweise der Eltern und der Kinder, überhaupt schlechte hygienische Verhältnisse, schaffen im erhöhten Maße Disposition zu Krankheiten, welche Ohrenleiden im Gefolge haben, und mangelhafte Pflege der Kinder läßt die Verheerungen weiter um sich greifen, umso mehr, als es an Ärzten, welche mit der Behandlung von Ohrenleiden genügend vertraut sind, noch vielfach fehlt.“

Von der *Blindheit* sagt ein altes Sprichwort, daß sie die Tochter der Armut sei. In der Tat entstammen von sieben blinden Kindern immer sechs *armen* Eltern. Von den Ursachen stehen nach Prof. Magnus körperliche Leiden, in erster Linie Typhus, Masern und Scharlach, sodann Verletzungen und Unachtsamkeiten in der Handhabung gefährlicher Instrumente obenan. Das meist nur schlecht behütete Kind proletarischer Eltern ist infolgedessen der Gefahr der Erblindung in viel höherem Maße ausgesetzt als das Kind begüterter Stände und Klassen.

Mit Bezug auf die Gesundheit der *Zähne* wurde in Straßburg i. E. festgestellt, daß von 10661 untersuchten Kindern nur 165 ein gutes Gebiß hatten. 252552 Zähne hätten vorhanden sein müssen, nur 67,3% waren vorhanden und davon 43% gesund. Die Zahnpflege liegt, wie umfangreiche Statistiken beweisen, allgemein sehr im argen. Eine zweite Untersuchung in Straßburg ergab, daß bei 2000 Mädchen 31,9%, bei 2000 Knaben 30,5%, also etwa ein Drittel aller Zähne, krank waren. Ein völlig gesundes Gebiß hatten nur 42 Mädchen (2,1%) und 62 Knaben (3,1%). In einem anderen Jahre waren von allen Zähnen, die vorhanden sein sollten, zwei Drittel <!-- S. 93 --> krank oder nicht vorhanden, und von den vorhandenen war wiederum mehr als die Hälfte krank. In *Dresden* wurden von der zahnhygienischen Zentralstelle 47000 Schulkinder untersucht, auf jedes Kind kamen im Durchschnitt 7½ kranke Zähne, d. h. jeder dritte Zahn war krank. In *Hagen* i. W. stellten zwei Zahnärzte fest, daß von 5000 Schulkindern nur 254 (5%) ein gesundes Gebiß hatten; alle übrigen zählten zusammen 30000 erkrankte Zähne, das sind durchschnittlich 6 bis 7 bei jedem Kinde. Weiter betrug die Prozentzahl der Kinder mit erkranktem Gebiß in Aschaffenburg 99% (der erkrankten Zähne 33%), Berlin 99% (31%), Freiburg 99% (35%), Halle 94% (22%), Hamburg 98%, Hannover 93% (27%), Rudolstadt 93% (28%), Schleswig-Holstein (19 Städte) 92%, Straßburg (1903) 97,5% (31%), Augsburg 99,4%. Alles in allem haben die schul- und zahnärztlichen Untersuchungen ergeben, daß 78 bis 99% aller Schulkinder kranke Zähne haben. In *Straßburg* fand man sogar in Kleinkinderschulen bei 646 Kindern von 3 bis 6 Jahren nur 91 gesunde Gebisse, wohl aber 2949 kranke Zähne, darunter 778 mit eiternden Wurzeln. 17 Kinder hatten schon 30 kariös bleibende Zähne, die erst ein halbes Jahr im Munde sich befanden. Bei 3 Kindern waren sämtliche 20 Zähne krank, und 27 hatten je 10 bis 15 kranke Zähne. 15 Kinder waren mit eiternden Schwellungen und 4 mit Fisteln behaftet. Welch große Gefahr der hohe Prozentsatz kranker Zähne für die Gesundheit der Kinder in sich schließt, läßt die Tatsache erkennen, daß kariöse Zähne im Kindesalter eine *Haupteintrittspforte für den Tuberkelbazillus* bilden.

<!-- S. 94 --> All diese Angaben, mit denen das zu Gebote stehende Material keineswegs auch nur in den Hauptsachen erschöpft ist, beweisen mit erschütternder Eindringlichkeit, daß der Gesundheitszustand der Proletarierjugend ein grauenhaftes Bild darbietet. „In einer unendlich großen Zahl von Fällen,“ schreibt Privatdozent Dr. Seiffert, „beruht die körperliche Minderwertigkeit der Kinder nicht auf ursprünglicher Minderwertigkeit der Keimstoffe, sondern ausschließlich auf der Ungunst der äußeren Verhältnisse. So ist das Kleinbleiben der Kinder der Armen, ihre Anämie, Rachitis und Skrofulose sehr häufig ausschließlich die Folge ihrer unzulänglichen Ernährung, entweder schon im Mutterleibe oder nach der Geburt, und Tausende von elenden Kindern könnten noch zu kräftigen, normalen Menschen gemacht werden, wenn man sie rechtzeitig unter gute Lebensbedingungen versetzen könnte.“

### Die Proletarierkrankheit

Als eine unheimliche Würgerin wütet die *Tuberkulose* unter den Kindern der Armen. Schlimmer als Pest und Cholera schreitet sie, ihre furchtbare Geißel schwingend, durch die Massenquartiere des Proletariats, Opfer über Opfer heischend. Während Wissenschaft und Sozialhygiene ihren Verheerungen unter der erwachsenen Bevölkerung wenigstens zum Teil erfolgreich entgegengetreten sind, mordet sie unter der schulpflichtigen Jugend der armen Klassen um so grausamer und unerbittlicher.

Die *Tuberkulosesterblichkeit* betrug auf 10000 Kinder im Alter von 5—10 Jahren

<!-- S. 95 -->

| | beim männlichen | weiblichen Geschlecht |
| --- | --- | --- |
| 1876 | 3,60 | 4,75 |
| 1902 | 3,62 (+ 0,56%) | 5,32 (+ 11,6%) |
| im Alter von 10—15 Jahren | | |
| 1876 | 4,06 | 7,38 |
| 1902 | 4,08 (+ 0,49%) | 7,61 (+ 3,1%). |

Nach Dr. Kirchner betrug 1905 die Tuberkulosesterblichkeit der Schulkinder

fast 60% der Todesfälle an ansteckenden Krankheiten<br>
„ 25% der Gesamtsterblichkeit der Schulkinder.

In *Preußen* starben an Tuberkulose von je 10000 Kindern

| | | |
| --- | --- | --- |
| des 6.—10. Lebensjahres | 1876 | 8,35 |
| | 1902 | 9,94 (+ 19%) |
| „ 11.—15. „ | 1876 | 11,44 |
| | 1902 | 11,69 (+ 2,1%). |

In *Berlin* starben

| | | |
| --- | --- | --- |
| im 6.—10. Lebensjahre | 1876 | 10,69 |
| | 1902 | 12,55 (+ 17,4%) |
| „ 11.—15. „ | 1876 | 10,47 |
| | 1902 | 12,97 (+ 24%). |

Von dem Kampfe gegen die Tuberkulose hat demnach *die proletarische Jugend bis jetzt nicht das mindeste profitiert*.

Die Sterblichkeitsziffer läßt aber nicht ohne weiteres die Krankheitsziffer erkennen. Diese ist vielmehr ungleich höher.

Von sämtlichen Schülern der düsseldorfer Volksschulen wurden alle chronisch lungenleidenden oder sonst <!-- S. 96 --> auf Tuberkulose verdächtigen neben einer eingehenden körperlichen Untersuchung mittels der Pirqutschen Impfung geprüft; es reagierten nicht weniger als 46%, die somit als tuberkulös befunden wurden. Wie sehr die Krankheit durch das soziale Milieu der Kinder bedingt war, zeigen folgende Zahlen: 53,3% der Tuberkulösen waren Kinder *einfacher Arbeiter*, 39% Kinder von gelernten Arbeitern, Handwerkern und Kleingewerbetreibenden, 7,5% von kleinen Beamten und Angestellten. Aus großen Familien (mit sechs Köpfen und mehr) stammten 61,1%, 63,1% hatten *kein eigenes Bett*. Bei 56,3% konnte eine erbliche Belastung durch die engere Familie, bei 87,9% durch die weitere Verwandtschaft nachgewiesen werden. Wie infizierten sich aber die familiär nicht belasteten Kinder? Durch die enge Berührung auf Fluren, Treppen und Höfen der dichtbewohnten Arbeiterquartiere, die den armen Kindern als Spiel- und Tummelplätze dienen müssen. Wohl auch durch den stundenlangen Aufenthalt in überfüllten Schulklassen, wo schlechte Luft und Staub den Lungen schaden und das anhaltende Sitzen mit gefalteten Händen die Atmung behindert.

In erster Linie wird die Ansteckung freilich in der *Familie* erfolgen. Denn die Tuberkulose ist nicht bloß Proletarierkrankheit, sondern auch *Wohnungskrankheit*. Das enge und lange Beisammensein der Kinder mit tuberkulösen Eltern oder Geschwistern in gemeinsamen Räumen, ja das Schlafen mit ihnen in gemeinsamen Betten bietet tausendfache Möglichkeiten einer Krankheitsübertragung. Die berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute und Apotheker — also von besserbezahlten Berufen — hat in <!-- S. 97 --> einer Wohnungsstatistik festgestellt, daß 700 ihrer lungenkranken männlichen Mitglieder und 617 lungenkranke Frauen in Familien, 200 Männer und 133 Frauen in Schlafstellen wohnten, und zwar in kleinen, engen Räumen, die sie mit vier bis sechs Personen teilen mußten. 748 kranke Männer und 853 kranke Frauen mußten außerdem noch andere Personen in ihr Bett mit aufnehmen. Davon waren 132 Männer und 151 Frauen lungenkrank. In Leipzig teilten nach einer Untersuchung der Ortskrankenkasse, die sich auf 1700 Kranke erstreckte, 41 lungenkranke Männer und 9 lungenkranke Frauen ihr Bett mit anderen. In Kottbus stellte die Ortskrankenkasse fest, daß 160 Lungenkranke mit anderen Personen das Zimmer, mit 14 Erwachsenen und 19 Kindern auch das Bett teilen mußten. Bei einer Ermittelung der Familien- und Wohnungsverhältnisse der in Grabowsee behandelten lungenkranken Männer fand Dr. de la Kamp, daß 46% der Ehefrauen und 19% der Kinder ebenfalls lungenkrank waren, 63% der Kinder waren skrofulös, hatten also alle Aussicht, früher oder später auch tuberkulös zu werden. Dem „Naturarzt“ schrieb ein Volksschullehrer: „Von meinen 50 Schülerinnen schlief die Mehrzahl, etwa 32, mit den Eltern zusammen; 11 zu je 3; 4 zu je 4 in einem Bette. In einem Falle lagen 5 in einem Bette. In einer Familie fand ich in einem Bett 4 Kinder, von denen ein Mädchen, meine kleine blasse Schülerin, schwer lungenkrank war. In der Nacht hustete das Kind so stark, daß es die anderen Geschwister im Schlafe störte. Eine verdorbene übelriechende Luft, wie sie in diesem Raume herrschte, mußte Gift für die kranke Lunge des <!-- S. 98 --> Kindes sein. Am Heiligabend starb das Kind im Krankenhause. An demselben Tage gebar die Mutter einen Knaben, der ebenfalls im Säuglingsalter starb. In dieser Familie kamen 30 Pf. Tagesverdienst auf den einzelnen Kopf.“ Noch grausiger ist das Elendsbild, das ein Krankenkontrolleur von einer Hofwohnung in der Liebigstraße in Berlin schildert: Die Wohnung besteht aus Stube (4 m lang, 3,60 m breit, 3 m hoch) und Küche. Die Luft ist fast unerträglich, der Fußboden ohne Farbe und schwarz von Schmutz. Lumpen und Abfälle lagen in den Ecken. In der Stube schlafen sieben Personen. Auf dem Sofa, auf dem ein Strohsack liegt, und das durch zwei davorstehende Stühle verbreitert ist, schlafen vier Knaben, je zwei nebeneinander, mit einem leichten Bett ohne Bezug zugedeckt, während in dem einen Bett Mann und Frau liegen. In einem Kinderwagen liegt ein Kind von vier Wochen, an Tuberkulose erkrankt. Es schreit Tag und Nacht, die Geschwister fahren den Wagen, an Pflege fehlt es gänzlich. Der Mann ist an Rheumatismus erkrankt und arbeitsunfähig. Die Frau näht in der Küche Säcke, um Brot zu schaffen. Sie verdient bei 10—12stündiger Arbeitszeit 0,75—1 Mk. Geheizt wird selten, je nachdem Geld für Feuerung vorhanden ist.

Solch gräßliches Wohnungselend, gepaart mit Entbehrung, Krankheit, Schmutz, schwerer Arbeit und allen sonstigen Schrecknissen und Mühseligkeiten, die die geplagte Kreatur nur zu tragen vermag, schafft wahre *Brutstätten* für die Tuberkulose und überliefert Tausende und Zehntausende aus den Reihen der Jugend dem Rachen der mörderischen Seuche.

<!-- S. 99 --> Zahlreiche Forschungen neuerer Zeit, besonders die von Dr. Herrfurth, haben denn auch bestätigt, daß in erster Linie *Volksschüler*, und da wieder die Kinder der ärmsten Leute, am stärksten von der Tuberkulose heimgesucht werden. Sie verfallen ihr bis zu 94%. Auf einer Konferenz über Hygiene und Frauenstimmrecht (Dresden 1911) beklagte in ihrem Referat über Kinderschutz und Jugendfürsorge Frl. A. v. Welczeck, daß die soziale Fürsorgearbeit die Kinder von 2 bis 6 Jahren ganz unberücksichtigt lasse, „dabei stehe auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen fest, *daß die Durchseuchung des Volkes mit Tuberkulose bereits bei Beginn des schulpflichtigen Alters abgeschlossen sei*“.

Vorbereitet wird die Tuberkulose im Kindesalter meist durch die *Skrofulose*, die, darüber sind sich die Ärzte so ziemlich einig, als die normale Primärform der Tuberkulose anzusehen ist. Die Skrofulose ist die typische Krankheit der Proletarierjugend. Ein Kainsmal ihrer Abstammung und Attribut ihrer Klasse. In Hamburg stellten 1908 die Schulärzte fest, daß von 77000 untersuchten Kindern 15000 blutarm und skrofulös waren. In Mannheim kamen nach dem Bericht der Armenverwaltung 1906 nicht weniger als 277 Kinder unter 14 Jahren neben nur 5 Erwachsenen wegen Skrofulose in stadtärztliche Behandlung. In Berlin stellte Dr. Ritter bei *90% aller von ihm untersuchten Kinder Skrofulose* fest. Und auf dem ersten Tuberkulosekongreß in Berlin bestätigte er die Mitteilung, die Dr. Petruschky-Danzig unter großer Bewegung der Versammlung gemacht hatte, nämlich daß *85% aller Kinder als mit <!-- S. 100 --> den Keimen tuberkulöser Erkrankung behaftet* anzusehen seien. Andere Ärzte haben dieser furchtbaren Feststellung beigepflichtet und zahlreiche Untersuchungsresultate haben sie immer wieder teils im vollen Umfange, teils in erheblichem Maße bestätigt. So kamen in Mannheim 1906 neben 349 Erwachsenen schon 196 Kinder unter 14 Jahren wegen Tuberkulose auf Verwendung der Armenverwaltung bei den Stadtärzten zur Behandlung. Im münchner Pathologischen Institut wurde die Häufigkeit der Tuberkulose im Kindesalter *bis zu 48,8%* festgestellt. In Rathenow konstatierte der Schularzt bei 57 von 136 Kindern (42%), in Kirchberg, einem erzgebirgischen Industrieort, bei 38 von 71 Kindern (54%) tuberkulöse Erkrankungen. Ein grauenhaftes Schauspiel, dieses Massensterben der proletarischen Jugend!

### Krüppelkinder

In dem langen Leidenszuge der „wegemüden, ungeheuren erdfahlen Volkschaft“, der sich an unseren geistigen Augen vorüberwälzt, wollen schließlich auch die *Krüppelkinder* nicht vergessen sein.

Ein Heer von Krummen und Lahmen, Schiefen und Buckligen, Hinkenden und Halben stolpert, humpelt, kriecht und schlenkert herauf... „Zerrissene Glieder und entstellte Mienen...“

Auf Anregung der deutschen *Zentrale für Krüppelfürsorge* ist 1906—1907 von den Regierungen der deutschen Bundesstaaten eine *Krüppelzählung* vorgenommen worden. Sie ergab 89782 jugendliche Krüppel. <!-- S. 101 --> Dabei haben Bayern mit 10244, Baden mit 2919 und Hessen mit 1436 nur die schulpflichtigen Krüppel gezählt. In den übrigen Staaten wurden alle Kinder bis zum zurückgelegten vierzehnten Lebensjahr berücksichtigt. Preußen allein zählt 52000, Sachsen 10000 jugendliche Krüppel. Dr. Bisalski, der die Ergebnisse der Zählung bearbeitet hat, teilt mit, daß die häufigsten Krüppelleiden Lähmung (16,4%), Tuberkulose (15%), Skoliose, namentlich Verkrüppelung der Wirbelsäule (12%) und Rhachitis (9,5%) sind. 6556 Kinder haben außer der Verkrüppelung noch andere Leiden und Gebrechen, sind also taubstumm, blind usw. Weiter waren 8481 (8,5%) schwach- oder blödsinnig. Mehr als die Hälfte der Unglücklichen bedarf unter allen Umständen der Hilfe der Allgemeinheit, die ihnen aber nicht gewährt wird. Man hat Milliarden für Panzerschiffe, Kolonialabenteuer und Zivillisten, aber nicht für die Forderung der Humanität, 53000 Krüppelkindern ein Heim und eine unter ärztlicher Aufsicht stehende Pflegestätte zu schaffen. Von den 39 *Anstalten*, in denen nur 3300 Krüppel untergebracht sind, ist keine einzige durch den Staat ins Leben gerufen worden.

Die bedauernswerten Kinder, die so zu Tausenden in vollster Hilflosigkeit den rauhen Stürmen des Lebens überlassen sind, rekrutieren sich in überwiegender Zahl aus dem *Nachwuchse des Proletariats*. Unter den 1512 verkrüppelten Kindern des Samariterhauses in Cracau bei Magdeburg entstammten nur 83 bemittelten Familien. Bei den übrigen unbemittelten waren weit weniger Verletzung und Verstümmelung, fehlerhafte <!-- S. 102 --> Geburtsanlage oder Mißbildung die Ursachen des Gebrechens, als vielmehr Krankheiten aller Art und mangelhafte Pflege. Scharlach, Diphtherie, vor allem Tuberkulose, die Krankheit des Proletariats, nicht minder auch Rachitis, die in feuchten Kellerwohnungen gedeiht und schlecht gepflegte und fehlerhaft ernährte Kinder befällt, legten meist den Keim zu körperlichen Deformationen. Durch tuberkulöse Zerstörung der Rückenwirbel entstehen hochgradige Buckelbildungen, durch Muskelschwäche flache Rücken, durch rachitische Erweichung von Wirbelknochen runde Rücken, durch rachitische Krümmungen der Wirbelsäule Skoliosen, durch tuberkulöse Zersetzungsprozesse die gefürchteten Hüftgelenksentzündungen, usw. Wir sehen sie vor uns, die mißgestalten Zwerge mit spitzem Höcker oder breitem Buckel, dünnen Beinen und rachitischen Händen, die sich in grotesken Verrenkungen bewegen. Sie beleidigen unser Auge, sie quälen unser Schönheitsgefühl, sie rufen unsern Sinn für Ebenmaß und edle Form zu lautem Protest auf. Und doch möchten wir uns zu ihnen niederbeugen voll Tröstung und Hilfe, die man ihnen kalt und mitleidlos versagt. Mindestens 80%, so heißt es in einem Aufruf, an dessen Spitze der Oberpräsident der Rheinprovinz zeichnete, könnten von „diesen armen Geschöpfen, die zum Teil *in drückendster Armut ein menschenunwürdiges Dasein* fristen“, noch geheilt und gebessert werden, wenn der Staat, der sie zu Krüppeln werden ließ, sich ihrer erbarmte. Oder ist es nicht der Staat, der der kapitalistischen Produktion weitesten Spielraum und schrankenlose Entfaltung gestattet, so daß Millionen von Menschen durch Überarbeit, Unterernährung, elende <!-- S. 103 --> Wohnungsverhältnisse, unhygienische Lebensweise und mangelhafte Pflege in Krankheitsfällen physisch zugrunde gerichtet werden? Daß sie unfähig werden, gesunden Nachwuchs zu erzeugen? Daß die Frauen, durch anhaltende und gesundheitsschädliche Erwerbsarbeit geschwächt und krank gemacht, keinem gesunden Kinde mehr das Leben schenken können? Ist es Zufall, daß Sachsen, das Land mit stärkster Frauenarbeit, nicht bloß die höchste Säuglingssterblichkeit, sondern auch die größte Krüppelhäufigkeit aufweist? Die Amtshauptmannschaft Dresden mit 2654, Leipzig mit 2283, Chemnitz mit 2065, Zwickau mit 2616, Bautzen mit 813 Krüppelkindern — sind dies nicht entsetzliche Zahlen! Dabei sind 665 Kinder zudem noch schwachsinnig, 63 blödsinnig und 856 asylbedürftig!

Im Fabriksaal steht die schwangere Arbeiterin bis zum letzten Tag, ja zur letzten Stunde vor der Geburt des Kindes. Die andauernde gebückte Stellung biegt die zarten Knochen des werdenden Menschleins zur Unform — ein Krüppel wird geboren.

Auf dem Bau rackert die Zuträgerin trotz ihres schonungbedürftigen Zustandes. Ein Stoß gegen den Unterleib — das Kind wird ein Krüppel.

In den chemischen Gifthütten, wo gesundheitsschädliche Gase und Dünste die Luft verpesten, stellen sich bei den Frauen krankhafte Vorgänge in der Gebärmutter ein. Nach vielen Fehlgeburten endlich eine ausgetragene Frucht, — aber behaftet mit dem Mal des Krüppeltums.

Das gesunde Kind umdrohen Infektionskrankheiten, Rachitis, Tuberkulose, Nervenschwäche, immer die Gefahr einer Verkrüppelung in ihrem Gefolge führend, und was <!-- S. 104 --> sie schließlich verschonen, fällt dem Unfall als Beute zu. In Bayern allein waren nach der angeführten Statistik von 9637 Krüppelkindern 2572 durch Unfälle zu ihrem Gebrechen gekommen; davon 1362 in der Landwirtschaft. Und alle ohne Ausnahme Kinder der armen Bevölkerung. Unter den in der Landwirtschaft verunglückten schwerverletzten Arbeitern des Jahres 1999 befanden sich 2381 Kinder unter 16 Jahren.

Häufig bedarf es eines Unfalls gar nicht, um Siechtum und Krüppelhaftigkeit zu erzeugen. Es ist sattsam bewiesen, daß allein die Erwerbsarbeit der Kinder ausreicht, um den Organismus so zu schädigen und Prädispositionen für körperliche Verbildungen zu schaffen. In den Berichten der Lehrer zur Statistik über die Ausbreitung der *Kinderarbeit* wird mitgeteilt, „daß die Mädchen schief werden und die Knaben in der Schule nicht sitzen können.“ In Greiz fielen die erwerbstätigen Kinder durch bleiches und kränkliches Aussehen auf, waren engbrüstig, hatten krummen Rücken, litten an den Augen, büßten an geistiger Frische und Spannkraft ein, wurden stumpf und interesselos. In Baden beobachtete man, daß Kinder infolge zu langen Stehens bei der Arbeit lahm wurden; einem dieser unglücklichen Wesen mußte ein Bein abgenommen werden. Zahllose Berichte erklärten, „daß sich die Folgen der *übermäßigen Ausnützung der Jugendkraft* im späteren Leben durch vorzeitigen Eintritt körperlicher Schwäche und Erwerbsunfähigkeit geltend macht“. Von Kindern, die in Ziegeleien arbeiteten, wurde berichtet: „Wer zwei Jahre Steine abgetragen hat, ist im Leben zu nichts mehr zu gebrauchen.“ Aus Textilgebieten wurde <!-- S. 105 --> darauf hingewiesen, daß dort die abnorm große Zahl verkrüppelter Personen allgemein auffalle. Von Hütejungen teilte Sanitätsrat Dr. Heynacher-Graudenz mit, daß sie sich durch ihre elende körperliche Entwicklung von anderen Kindern auffallend unterschieden.

### Schwachsinnige und Idioten

Die tückischen und finsteren Unheilbringer, die als Trabanten der Armut und des Elends den Leib der proletarischen Jugend verwüsten, gehen auch an dem Geiste der Armen nicht spurlos vorüber.

Ohne ausreichende Ernährung des Körpers keine Spannkraft und Leistungsfähigkeit des Geistes; ohne Pflege und Sonne keine Reife, keine Schönheit des Intellekts und der Empfindungswelt.

Kümmerlich wie der Leib, der sein Beherberger ist, bleibt der Geist im Schatten proletarischer Lebensverhältnisse eine Frucht stiefmütterlicher Entwicklung. In den dumpfen Kammern des Elends wachsen die Scharen schwachsinniger Kinder heran.

Damaschke hat vor Jahren die Zahl der im deutschen Reiche vorhandenen schwachsinnigen und schwachbefähigten Kinder, die in Volks- und Privatschulen sitzen, obwohl sie in Hilfsschulen gehörten, auf etwa 60—70000 beziffert. Das wären ca. 0,8% aller Schulkinder, sicher zu wenig als zu viel. Nach einer Zusammenstellung von Kalischer, der 1897 in zehn berliner Gemeindeschulen eine Untersuchung aller geistig zurückgebliebenen Kinder anstellte, und dem für diesen Zweck alle diejenigen Kinder <!-- S. 106 --> der drei unteren Klassen zugeführt wurden, die mehr als einmal sitzengeblieben waren, ergab sich, daß unter 10132 Kindern sich 116 geistig Minderwertige befanden, gleich 1,5%. In Hamburg zählte man 1891 unter 66000 Schülern 342 Minderwertige, das sind nur 0,51%. Etwa derselbe Prozentsatz (0,52%) wurde in Frankfurt a. M. festgestellt, wo man unter 19401 Kindern 102 Minderwertige ermittelte. Dagegen ergab in Sachsen-Meiningen eine Untersuchung von 40000 Schulkindern 0,82% geistig Abnorme, nämlich 330. Ein Vergleich dieser Zahlen untereinander ist kaum erlaubt, da die Grundsätze für die Auswahl der Schwachsinnigen in den verschiedenen Städten verschieden gewesen sind. Unbestritten aber steht fest, daß die Zahl der schwachsinnigen und schwachbegabten Kinder ganz erheblich ist. Besonders in der Volksschule. Ja, Statistiken beweisen sogar — so die von Dillner-Plauen i. V. und Hofacker-Düsseldorf —, daß dort die Zahl in der Steigerung begriffen ist, eine Tatsache, der auch der vorsichtige und zurückhaltende Dr. Laquer-Frankfurt a. M., der als anerkannte Autorität auf dem Gebiete der Erforschung nervöser und seelischer Anomalien gilt, nichts entgegenzusetzen vermag.

Gegenüber dem angeborenen Schwachsinn ist die ärztliche Kunst so gut wie machtlos. Da bleibt nur ärztliche und pädagogische Fürsorge übrig, die am besten in hierzu bestimmten Anstalten erfolgt. In der Volksschule sind Hilfsklassen oder besondere Hilfsschulen einzurichten, die alle Schwachbefähigten aufnehmen und in selbständigen Kursen nach eigenen Methoden weiter behandeln. Seit 1867 hat man in zahlreichen Städten <!-- S. 107 --> etwa 200 oder mehr solcher Hilfsschulen ins Leben gerufen, in denen rund 20000 Kinder unterrichtet werden. Diese Versorgung ist, wenn man sich der Zahlen Damaschkes erinnert, völlig unzureichend; die Leistungen werden amtlich als „durchweg genügend, zum nicht geringen Teil sogar recht gut“ zensiert, doch ist es Tatsache, daß nur ganz verschwindend wenige Kinder aus den Hilfsschulen wieder in die Volksschule zurückversetzt werden können.

Die Schwachsinnigen und Schwachbegabten, die in der Volksschule verbleiben müssen — sei es, weil überhaupt keine gesonderte Versorgung für sie besteht, weil diese nicht genügt, oder weil die Auswahl der Kinder nicht gewissenhaft genug erfolgte —, haben meist ein wenig beneidenswertes Los. Der pädagogischen Durchschnittsbildung des Volksschullehrers sind namentlich die leichteren Grade des Schwachsinns nur schwer erkennbar, deshalb werden nur zu häufig die Ursachen für mangelhafte Leistungen des Kindes in dessen Faulheit, Trotz und Widerspenstigkeit gesucht, während im Grunde das abnorme Gehirn die Verantwortung trägt. Alle Register des Zwanges, der Schulzucht und des Schulstrafsystems werden gezogen; der Schulprügel tritt in Tätigkeit, und das Kind leidet entsetzlich. Wer selbst die Volksschule besucht und die Barbarei des dort herrschenden Prügelsystems beobachtet oder gar am eigenen Leibe erfahren hat, kann ein Lied singen von den empörenden Versündigungen, die oft von bequemen oder rohen Schullehrern im Namen der Kultur an bedauernswerten Kindern verübt werden.

<!-- S. 108 --> Der erworbene Schwachsinn kann mancherlei Ursachen haben. Auf höheren Schulen kommt er häufig vor infolge Überreizung der Nerven durch Überbürdung mit wissenschaftlichen Arbeiten. In der Volksschule ist es weniger geistige Überbürdung, als vielmehr die Einseitigkeit der von Grund aus verkehrten Unterrichtsmethode, die zur Schwachsinnigkeit oder aber in den weitaus meisten, milder liegenden Fällen zur Stumpfheit des Intellekts führt. An anderer Stelle ist dies im einzelnen nachgewiesen worden. Die im Wesen des Kindes liegende Aktivität wird erstickt, die Sinne verlieren die ursprüngliche Schärfe und Funktionsfähigkeit, die geistige Selbständigkeit geht zurück, eine Entwöhnung des Denkens tritt ein. „Der Troß unserer Schulen,“ sagt Pestalozzi, „gibt uns nicht nur nichts, er löscht auch das noch in uns aus, was die Natur verlieh, und über das der Wilde in einem Maße verfügt, von dem wir uns kaum eine Vorstellung machen können.“

Die meisten und gewichtigsten Ursachen der Schwachsinnigkeit gehen auf soziale Momente zurück. Das Heer der Schwachsinnigen ist ein Heer von Anklägern gegen die heutige Gesellschaftsordnung.

Es steht fest, daß die Schwachsinnigen in überwiegender Mehrzahl Arbeiterkinder sind, daß ein hoher Prozentsatz von ihnen unehelich geboren ist, ein anderer schwindsüchtigen, minderwertigen oder trunksüchtigen Eltern entstammt. Dr. Cassel-Berlin, der 129 minderwertige Kinder untersuchte, stellte fest, daß 62% von ihnen erst nach dem zweiten Lebensjahr laufen, 44% erst nach dem dritten Lebensjahr sprechen gelernt hatten. Der schlechte <!-- S. 109 --> Ernährungszustand macht die armen Geschöpfe äußerst empfänglich für allerhand Krankheiten; es finden sich bei ihnen in gesteigerter Häufigkeit Darmkatarrh und Brechdurchfälle, Skrofeln, Englische Krankheit, Bronchialkatarrh, Schwindsucht, Lungenentzündung, Krankheiten der Augen und Ohren, des Gehirns, schlimme Folgen des Keuchhustens, ebenso von Diphtherie, Masern, Scharlach usw. In solchen geschwächten und siechen Körpern bleibt für die Entwicklung des Hirns und der Geistesgaben nicht viel übrig. Das schlecht mit Blut versorgte Gehirn bleibt im Wachstum zurück, die Nerven sind mangelhaft ernährt, leiden an Überreizung infolge Schwäche und funktionieren nicht wie bei gesunder Verfassung. Man sehe sich einmal die Krankheitslisten der Schwachsinnigen an! Kalischer fand in Berlin bei 255 dieser Unglücklichen: 191 skrofulöse Drüsenschwellungen, 164 Gaumen- und Rachenmandelvergrößerungen, 80 abgelaufene Mittelohrentzündungen, von denen 9 noch eiterten, 19 abgelaufene skrofulöse Augenentzündungen, 14 Sprachstörungen, 17 mal Kopfschmerz und Migräne, 15 mal Schwachsichtigkeit, 15 mal sonstige Sehstörungen, 11 mal Schielen, 8 Herzfehler, 3 Wirbelverkrümmungen, 15 mal nervöse Schwerhörigkeit, 6 mal veitstanzähnliche Zuckungen, 2 mal Epilepsie, 2 mal Lähmung, 2 mal Erkrankung des inneren Auges, 3 mal Tiefstand des oberen Augenlides; außerdem fanden sich mehrere Fälle von leichterem Lungenkatarrh, vereinzelte schwere Herzfehler, ausgeheilte Knochentuberkulose, ein Fall vererbter Syphilis, ein Fall von akutem Stumpfsinn infolge Verletzung usw. Alle Leiden und Krankheiten der Welt schienen dieses Häuflein <!-- S. 110 --> unglücklicher Menschenkinder überfallen zu haben. Und wie dürftig ist dabei ihr physischer Habitus, wie zwerghaft ihr Wuchs! Dr. Hofacker fand unter 121 Hilfsschutzzöglingen auffallend viele mit mangelhafter Körperentwicklung; seine Messungen ergaben, daß 95 (78%) den normalen Durchschnitt ihres Alters nicht erreichten. Die soziale Ungunst, die den Leib in der Entwicklung beeinträchtigt hatte, war auch dem Geiste ein Verkümmerer gewesen. Dr. Schmid-Monard berichtet von Hilfsschulbesuchern in Halle a. S., daß sie in Länge und Gewicht durchschnittlich um 1 bis 1½ Jahre rückständig waren. Als Ursachen der körperlichen Minderwertigkeit bezeichnete er bei 40% Alkoholismus, Prostitution usw., bei 33⅓% elende Verhältnisse, bei den übrigen schwere Krankheiten, Kopfverletzungen usw. Von den 38 nicht genügend bildungsfähigen Kindern in Plauen i. V. (1893) litten je 1 an Basedowscher Krankheit, Veitstanz, tiefer Verblödung, chronischer Hornhautentzündung, 2 an Augenbildungsfehlern, 2 an Hirn- und Rückenmarksleiden, 9 an Schwerhörigkeit und noch bestehenden Ohrenkrankheiten, 9 an Nasen- und Rachenkrankheiten, alle an allgemeiner Schwäche, Skrofulose, Rachitis und konstitutionellen Veränderungen. 1894 wurde bei 30 Hilfsschülern gefunden: 9 mal Schwerhörigkeit, 11 mal Skrofulose, 1 mal chronische Nasen- und Rachenerkrankung, 3 mal Augenkrankheit, 6 mal Erkrankung des Zentralnervensystems (darunter 3 mal Epilepsie), 12 mal schwere Ernährungsstörungen. In der Vorgeschichte dieser 30 Kinder ließ sich in 7 Fällen Rachitis, in 3 Diphtherie, in 3 Lungenentzündung, in 5 Krämpfe, in 2 Fällen erbliche Belastung nachweisen.

<!-- S. 111 --> Zieht man zur Vervollständigung des düsteren Bildes das diese Krankheitslisten gewähren, noch in Betracht, daß die Kinder einen großen Teil ihres Lebens in engen und feuchten Wohnungen, in dumpfer und übler Luft verbringen, daß ihnen geregelte Hautpflege und Körperbewegung fehlt, daß sie vielfach hungern müssen, und daß frühzeitige Erwerbsarbeit ihre Kraft schnell verbraucht, so bekommt man etwa einen Begriff von der Schwere des Elends, das auf dem Schicksal dieser armen Geschöpfe lastet.

Ein Beispiel aus dem Leben vermittelt hierzu ein Stück Anschauungsunterricht von seltener Eindringlichkeit. In der „Zeitschrift für Schulgesundheitspflege“ teilte Dr. Wegener-Wasungen i. Th. mit, daß in der Nachhilfsklasse der dortigen Stadtschule 25 Knaben und 10 Mädchen untergebracht seien, obwohl der ganze Ort nur 587 Volksschulbesucher zähle. Die Ursachen dieses ungewöhnlich hohen Prozentsatzes Schwachsinniger (6%!) seien in den außerordentlich traurigen sozialen Verhältnissen jener Gegend zu suchen. Auf einen unsäglich kümmerlichen Verdienst angewiesen, lebe ein großer Teil der meist aus Heimarbeitern bestehenden Bevölkerung nur von Brot, Kartoffeln und Schnaps. Um den Lebensunterhalt zu erschwingen, sitzt die ganze Familie mit Einschluß der kaum der Wiege entwachsenen Kleinen in einem engen Raume, der als Werkstatt, Wohn- und Schlafstube und Küche diene, von früh bis in die Nacht, um Masken, Atrappen usw. zu bemalen oder fertig zu machen oder in der Schuhmacherei zu helfen. Neben erwachsenen Männern und Frauen trinken Schnaps auch schon die Schulkinder, <!-- S. 112 --> ja sie genießen ihn mit Zucker vermischt aufs Brot gestrichen. Selbst den Säuglingen wird Schnaps mit Zucker in die Gummisauger gefüllt, damit sie gut schlafen und bei der Arbeit nicht stören. Vererbung und die elende, unzureichende und naturwidrige Ernährung haben im Verein mit ungesunden Wohnungen und früher Erwerbsarbeit den hohen Prozentsatz körperlich degenerierter und schwachsinniger Kinder verschuldet. Drüsen, englische Krankheit, Blutarmut, chronische Magenkatarrhe sind die immer wiederkehrenden Krankheiten, Skrofulose ist allgemein, die Tuberkulose findet reiche Ernte, und an Größe und Gewicht stehen die Hilfsschüler um 3 bis 4 Jahren hinter ihren Altersgenossen der Normalklassen zurück, an geistiger Reife oft noch mehr.

Man wende nicht ein, daß diese Schilderung zu schwarz gemalt sei, oder daß sie eine Ausnahme bilde. Im Eulengebirge, auf dem Eichsfelde, im Erzgebirge, in der Eifel kann jeder, der bei seinen Wanderungen nicht bloß in Naturschönheiten schwelgt und die Spielschachtel-Romantik der ach so malerischen Hütten- und Bergdörfer genießt, sondern auch in die verborgenen Tiefen des Volkslebens eindringt, ähnlichen Elendsbildern zu Hunderten und Tausenden begegnen.

Daß der Alkoholismus, der immer im Gefolge der sozialen Not anzutreffen ist, das Gehirn schwächt und namentlich bei Kindern in hohem Maße die geistige Kapazität beeinträchtigt, ist bekannt und erwiesen; ebenso die Tatsache, daß schon durch die Trunksucht der Eltern eine Vergiftung und Schwächung des Lebenskeimes erfolgen kann. Die Erzeugung im Rausch ist nach der <!-- S. 113 --> Überzeugung vieler Mediziner, besonders Psychiater, die sicherste Ursache der Geistesschwäche des künftigen Kindes. Bourneville fand unter 1000 Idioten Alkoholismus des Vaters in 471, der Mutter in 84, beider in 65 Fällen, insgesamt also in 62% der Fälle Alkoholismus als Ursache der Imbezillität. Dabei konnte in 57 Fällen mit Sicherheit, in 24 mit Wahrscheinlichkeit Trunkenheit während des Zeugungsaktes nachgewiesen werden. Dahl fand, daß 50 bis 60% der Idioten von trunksüchtigen Eltern abstammen; Howe berechnete 48,3%. Die Insassen der deutschen Irrenanstalten sollen bis zu 60% Kinder von Trinkern sein. Sorgfältige Statistiken aus wiener, leipziger und bremer Schulen haben den Nachweis erbracht, daß die schwächsten und leistungsunfähigsten Schüler diejenigen sind, die alkoholische Getränke in größeren oder kleineren Mengen genießen. In weingesegneten Gegenden urteilen die Lehrer über die Güte der einzelnen Jahrgänge: Je besser der Wein, desto dümmer die Kinder.

Nun wird zwar auch in wohlhabenden Kreisen Alkohol in reichlichen Mengen konsumiert, so daß man einwenden könnte, die durch Alkoholismus hervorgerufene Schwachsinnigkeit treffe nicht bloß die proletarische Jugend. In der Tat beweisen die zahlreichen Trottel aus wohlsituierten Familien, daß die Natur zwar eine harte, aber demokratische Vergelterin ist. Allein in der heutigen Gesellschaft vermögen Stand, Besitz und Konnexionen das Verdikt der Natur zu mildern oder gar aufzuheben. Kretinismus ist bekanntlich für denjenigen, der auf eine lange und stolze Ahnenreihe zurückzublicken vermag oder <!-- S. 114 --> mit goldenem Schlüssel Türen zu öffnen weiß, die anderen Sterblichen verschlossen bleiben, kein Hindernis für die Karriere. Selbst die höchsten Ämter stehen ihm, wenn er sonst Glück hat, offen. Das Proletarierkind hingegen hat unter der Elendsbürde des Schwachsinns, die doppelt schwer auf ihm lastet, bitter zu leiden. Wie ein finsterer Alp hält sie den Willen und die Kraft der Entwicklung gelähmt; wie ein Bleidach liegt sie über seinem Wesen, jeden Ausblick versperrend und jeden Aufstieg vereitelnd.

## „Weiße Salbe“

Von Zeit zu Zeit kommt der Gesellschaft das Maß ihrer Sünden und Pflichtvergessenheiten zum Bewußtsein. Dann schlägt ihr das *Gewissen*. Was soll sie tun, um den Ankläger zu beschwichtigen? Sie klebt ein Pflaster auf die Wunden, die den Volkskörper zerstören, und verabreicht „weiße Salbe“. Das hilft zwar nichts, aber der Anblick wird erträglicher. Außerdem erweckt es den Anschein, als ob die Gesellschaft wirklich helfen wolle. Sie spendet nicht, sie übt nicht Barmherzigkeit und ist kein aufopfernder Samariter — bewahre. Sie wirft nur von ihrem Überflusse ein paar armselige Brocken hin. Aber das Mahnen des Gewissens wird beruhigt, und die ach, so billige Absolution ist bald erkauft. Obendrein bereitet das „*Wohltun*“ einen so angenehmen *Kitzel*. Ein neuer *Sport*, eine interessante Abwechslung. Es tut so gut, ein Wohltäter zu sein.

Man ladet zu *Wohltätigkeitsfesten* mit Spiel <!-- S. 115 --> und Tanz, veranstaltet Basare mit Sekt und Flirt, arrangiert Bälle und Kabarettabende voll pikanter und erlesener Genüsse — alles zum Wohle der Armen. Man sitzt an reichen Tafeln und ißt mit vollen Backen, man dreht sich zu den Klängen der Musik und klatscht den Sängerinnen Beifall, man taucht unter in einen Strudel von Vergnügungen und berauscht sich an ausgelassenen Freuden — alles für die Armen. Neuerdings ist es Mode geworden, die Wohltaten in Riesendimensionen zu betreiben und zu Massenaktionen zu entfalten. Man veranstaltet *Margaretentage*, verwandelt die Straßen in Blumengärten und läßt ein Heer von Damen und Dämchen der vornehmsten Kreise auf das Publikum los um es mit mehr oder weniger Grazie oder Aufdringlichkeit nach allen Regeln der Kunst auszuplündern. Alles im Interesse und zum Wohle unglücklicher, armer Kinder.

So edlen Herzensregungen im einzelnen der Entschluß, einem Dürftigen zu geben, entspringen mag, und so sympathisch auch das Bemühen berührt, das Elend armer Kinder durch Hilfeleistungen zu lindern, so *verletzend und abstoßend* wirkt jede Aktion, die, ohne von wahrem sozialen Empfinden diktiert und von schonendstem Taktgefühl geleitet zu sein, die Wohltätigkeit nur zum Deckmantel für zahllose Leidenschaften und häßliche menschliche Schwächen benutzt. Gerade bei den Kinderhilfstagen und Wohltätigkeitsveranstaltungen, deren lärmende Aktionen breiteste Kreise ziehen, feiern Eitelkeit und Vergnügungssucht, Ehrgeiz und Putzsucht, Streberei und Liebedienerei wahre Orgien! Die *moralischen Schädigungen* im Gefolge solcher Veranstaltungen sind <!-- S. 116 --> größer als ihre heilsamen Wirkungen. Eine Erklärung, die von zahlreichen auf dem Gebiete sozialer Fürsorge hervorragend tätigen Personen unterzeichnet wurde, kennzeichnete die auf Schaustellung und Nervenkitzel berechnete Wohltätigkeitsfexerei der honetten Gesellschaft sehr treffend, indem sie betonte, daß „solche Veranstaltungen den Sinn für absichtsvolle und wohlüberlegte Wohlfahrtsarbeit schwächen und die Erziehung der besitzenden und hilfsfähigen Volksklassen zu tieferem Verständnis und ernsterer Auffassung unserer sozialen Verhältnisse erschweren.“ Weiter heißt es: „Die Wohlfahrtsorganisationen, denen vor allen anderen die Pflicht obliegt, das Gewissen aller Stände gegenüber dem von ihnen erkannten Elend zu wecken und zu schärfen, stellen diese Pflicht zurück, indem sie äußere Anreizungen benützen, um eine Gebelaune anzuregen, die nichts weiß von der Arbeit am Elend selbst; sie helfen dazu, *das soziale Verantwortlichkeitsgefühl zu verflachen*, anstatt es zu vertiefen. Für die jungen Helferinnen bedeutet der Blumentag, der ohne Festlichkeiten irgendwelcher Art keinen Erfolg haben kann, eine *Verwirrung der sittlichen und sozialen Auffassung*. Soziale Verpflichtung soll ihnen zu einem ernsten Begriff werden, der die innere Hingabe der Persönlichkeit erfordert, nicht zu einem Fest, bei dem äußere Anreize und Vergnügungen nicht entbehrt werden können. Die der Hilfe Bedürftigen werden durch diese Art der Sammlung verletzt. Wir sollen ihrer Not mit heiligem Ernst begegnen und die Hilfe, die wir ihnen bringen wollen, nicht von öffentlichen Veranstaltungen abhängig machen, die nicht von solchem Ernst getragen sind. Auch <!-- S. 117 --> der Geber wird in gewissem Sinne irregeleitet. Er soll geben aus ehrlichem Mitgefühl und Verständnis für soziale Fürsorge heraus, nicht im Festgetriebe dem Impuls eines Augenblicks folgend. In unserer sozial gerichteten Zeit muß vermieden werden, bei Beschaffung der notwendigen Mittel zu Wohlfahrtszwecken, Vergnügungssucht, Eitelkeit und Ehrgeiz zu wecken oder zu nähren. Es müssen Wege gesucht, und es können erfahrungsgemäß auch Wege gefunden werden, auf denen ernster Wille geweckt, gestärkt und zu segensreichen sozialen Taten geführt wird.“

Auch wenn die Leistungen der Gesellschaft über Wohltätigkeitsfeste und Kinderhilfstage hinausgehen, vermag sie — besonders wenn die Kinder des Proletariats das Objekt ihrer Bemühungen sind — nicht mehr zu bieten als „weiße Salbe“.

### Kindergärten

Der Umstand, daß Millionen von Ehefrauen und Müttern erwerbstätig sein müssen und dadurch ihrer natürlichen und nächsten Aufgabe, Pflegerinnen und Erzieherinen ihrer Kinder zu sein, entzogen werden, legt der Gesellschaft die Pflicht auf, durch Einrichtung von *Kindergärten und Kinderhorten* einen Ersatz für die verloren gegangene Heim- und Erziehungsstätte zu schaffen. Der Nutzen der Kindergärten ist so einleuchtend und bekannt, daß er hier nicht näher nachgewiesen zu werden braucht. Nicht nur, daß der Kindergarten eine außerordentlich wichtige Einrichtung sozialer Fürsorge darstellt, er ist auch die erste und bedeutsamste Vorschule <!-- S. 118 --> für die dem Unterricht und der Erziehung dienenden Anstalten. Was aber ist in dieser Hinsicht bisher getan worden? *Staatliche Kindergärten gibt es überhaupt nicht.* Die Fürsorge der Gemeinden ist die denkbar mangelhafteste und nachlässigste. Soweit Kindergärten bestehen, sind sie private Gründungen, zum Zwecke des Erwerbs geschaffen, oder Veranstaltungen kirchlicher und humanitärer Vereinigungen; in den allermeisten Fällen dienen sie kaum einem anderen Zwecke als der Muckerei, dem Seelenfange und der religiösen Intoleranz. Ein „freier Kindergarten“ in Charlottenbnrg wurde polizeilich geschlossen, weil er, da er „religiöse und patriotische Bildungselemente“ nicht genügend berücksichtigte, „der Heranbildung der Kinder zu staatstreuen und religiösen Menschen hinderlich sei und den Boden für eine spätere leichtere Aufnahme sozialdemokratischer Ideen vorbereite.“ Die Zahl der behördlich zugelassenen Kindergärten ist so gering, und ihre Ausstattung ist so dürftig, daß sie, selbst wenn sie Musterinstitute wären, dem vorhandenen Bedürfnis nur zum kleinsten Teile gerecht werden könnten.

### Kinderhorte

Um dem unversorgten Kinde eine Zuflucht, eine Heimstätte zu bieten, wo es die Zeit verbringen kann, die es nicht in der Schule verlebt, hat private Wohltätigkeit auch die *Kinderhorte* geschaffen, deren es 1910 in 108 Städten 455 gab, und in denen 26713 Kinder versorgt wurden. Gewiß eine ganz annehmbare Leistung, aber was sind <!-- S. 119 --> 27000 gegen Hunderttausende, die all und jeder Pflege und Versorgung entbehren! Und wo bleibt die Hilfe des Staates, der Gemeinden? Wenn eine Gesellschaftsordnung die Familien auseinanderreißt, die Mutter in die Fabrik treibt, anstatt sie am häuslichen Herd und im Kreise der Kinder zu lassen, — hat dann nicht die Gesellschaft die Pflicht, durch ihre Organisationen Einrichtungen zu schaffen, die den gefährlichen Folgen derartiger sozialer Erscheinungen entgegenwirken und sie verhindern! Muß es nicht verletzen und als eine Demütigung wirken, wenn der Proletar das als Wohltat empfängt, was ihm als Recht zustünde, ohne bitten und Danke schön sagen zu müssen!

### Schulspeisungen

Die Gesellschaft hätte auch die Pflicht, hungernde Kinder, die sie zum Lernen zwingt, zu speisen, sobald die Eltern hierzu nicht in der Lage sind. Es ist eine Grausamkeit, arme Kinder geistig anzuspannen, während sie der Hunger quält. Es ist Hohn und Heuchelei, ihnen von Gottes Güte zu predigen angesichts der unverschuldeten Armut und Erniedrigung, die von allen Seiten in ihr junges Leben hineingähnen. Tausende von Familien sind zufolge ihrer Notlage, zufolge der Arbeitsverhältnisse, die Vater und Mutter in die Fabrik zwingen, zufolge sonstiger widriger Umstände nicht imstande, den Kindern regelmäßig eine Nahrung zu verabreichen, die nach Qualität und Quantität als ausreichend betrachtet werden könnte. So bleiben die bedauernswerten Kinder wie in ihrer Wartung und Beaufsichtigung, so auch in ihrer Ernährung unversorgt. <!-- S. 120 --> Sie müssen hungern, betteln oder stehlen. Mit nüchternem Magen gehen sie zur Schule. Das Hirn soll arbeiten, während der Hunger im Leibe quält und nagt. Und der Mund soll beten: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich …

Die Zentralstelle für Volkswohlfahrt hat 1908 durch eine Umfrage den Stand der häuslichen Speisung der Volksschuljugend festzustellen versucht und dabei erfahren, daß im Winter 22000, im Sommer 36000 Kinder kein Frühstück erhielten. Die Ursachen waren zuweilen Übereilung und Hast der Kinder, meistens *Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit der Eltern, frühe Beschäftigung der Mutter* außer dem Hause, gelegentlich auch Nachlässigkeit. Viel schlimmer steht es mit dem warmen Mittagsbrot. *179000 Kinder* (4,9%) erhalten nach der Umfrage im Winter des Mittags nur einen kalten Imbiß, im Sommer sind es etwa 113000. Die Zahlen würden noch erheblich größer sein, wären nicht im Sommer 40000, im Winter 73000 Kinder von privater Seite oder durch öffentliche Fürsorge mit einem warmen Mittagsmahl bedacht worden. Kein Abendessen erhielten im Winter etwa 15000, im Sommer 22000 Kinder; sie mußten also hungrig zu Bette gehen! Vielleicht, um auch am Morgen noch des Frühstücks zu entbehren. Unter den städtischen Schulkindern wurden infolgedessen ca. 300000 mit schlechter Konstitution vorgefunden — kein Wunder bei solch schrecklicher Ernährungsnot! In Hamburg betrug die Zahl der Kinder ohne warmes Mittagsbrot 13,8%, in Nowawes 15,4%, in Wandsbek und Stötteritz über 20% der befragten Kinder. Und in Hamburg gab es auch für 3,2%, <!-- S. 121 --> in Wandsbek für 9%, in Eisleben für 2,3% abends keine warme Mahlzeit. Dafür konstatierten die schulärztlichen Untersuchungen in Hamburg unter 77000 Kindern 15000 Blutarme, Skrofulöse und schlecht Genährte.

Vor ein paar Jahren hat der schon erwähnte berliner Arzt Dr. *Bernhard* die Ernährungsverhältnisse von 8451 Kindern geprüft und dabei gefunden, daß 578 Kinder vor dem Gang zur Schule kein Hausfrühstück eingenommen hatten, 40 davon längere Zeit hindurch; daß ferner 186 Kinder kein Schulfrühstück mitgenommen hatten, davon 22 längere Zeit hindurch; endlich daß 538 Kinder in der Mittagsstunde die Hauptmahlzeit entbehren mußten, sie durch Suppe, Stullen usw. ersetzten und erst am Nachmittag oder am Abend ihr „Mittagbrot“ aßen oder überhaupt keins bekamen. Bezüglich der Ursachen dieser Mängel teilt Bernhard Zahlen mit, die geradezu Verblüffung erregen müssen. Er sieht als festgestellt an, daß bei den 578 Kindern ohne Hausfrühstück in 10 Fällen Krankheit der Mutter, in 28 Fällen Armut der Eltern (meist infolge von Arbeitslosigkeit), in 63 Fällen gewerbliche Arbeit der Kinder (vor dem Unterrichtsbeginn), in 108 Fällen nervöse Zustände (Appetitlosigkeit, Erbrechen), in 369 Fällen Nachlässigkeit der Eltern oder Kinder die Ursache war. Ähnlich hat er bei den 186 Kindern ohne Schulfrühstück als Ursache nur 25 mal Armut, daneben 17 mal nervöse Zustände und 144 mal Nachlässigkeit herausgezählt. Über die Ursachen des Fehlens einer Mittagsmahlzeit finden sich keine Angaben. Die Verhältnisse sind im Sommer kaum besser als im Winter, aber die Ursachen Krankheit, Armut und gewerbliche Arbeit sind im Winter merklich

<!-- S. 122 --> zahlreicher als im Sommer vertreten. Daß die Nachlässigkeit — besonders bei Müttern — vielfach eine Folge von Schlaffheit und Entkräftung des Körpers infolge langer Entbehrung und Unterernährung, ungenügender Bewegung in frischer Luft, übermäßiger Haus- und Erwerbsarbeit, häufigen Wochenbetten usw. ist, bedarf der Erwähnung, um das Ergebnis der Umfrage in das richtige Licht zu rücken.

Die bereits erwähnten Erhebungen der Zentrale für Volkswohlfahrt haben die Ziffern der Bernhardschen Statistik noch übertroffen. Waren nach Bernhard in Berlin 1,4% der Schulkinder ohne Frühstück, so nach jenen Erhebungen in Danzig 1,5%, in Weißenfels 2%, in Lüneburg 2,9%, in Hohenlimburg 4,3%. Auch in Elberfeld, Dortmund, Oberhausen war der Prozentsatz der hungernden Schulkinder größer als in Berlin. Weiter wurde ermittelt, daß 2,9% der berliner Gemeindeschüler — ungefähr soviel wie in Hamburg — weder mittags noch abends ein warmes Mahl hatten.

Noch schlimmer ist das Resultat einer Erhebung des *Vereins für Kindervolksküchen* von 1907, nach dem in Berlin 14000 Kinder ohne Frühstück waren, darunter 9904 schulpflichtige.

Was zur Linderung dieser Not bisher getan worden ist, steht weit hinter den Leistungen anderer Staaten auf diesem Gebiete sozialer Fürsorge zurück. Anfangs hat man sich bei Regierungen und Behörden unter nichtigen Vorwänden auf das entschiedenste und hartnäckigste gesträubt, der hungernden Armut eine sättigende Spende darzureichen. Schließlich haben aber die zunehmende Degeneration <!-- S. 123 --> der Massen, die Abnahme der Militärtauglichkeit und der wachsende Einfluß der Arbeiterorganisationen den Widerstand gebrochen, so daß die maßgebenden Stellen heute wohl oder übel der Lösung dieser Frage nähertreten müssen. Die *private Wohltätigkeit*, die schon lange im stillen und mit bescheidenen Mitteln wenigstens die ärgsten der Fälle zu mildern bemüht ist, findet so immer mehr in kommunalen Aufwendungen eine Rückenstütze und wertvolle Kräftigung ihrer Leistungsfähigkeit.

Nach der Statistik der Zentralstelle für Volkswohlfahrt besitzen jetzt 201 deutsche Städte *Speisungseinrichtungen*, namentlich die süddeutschen Staaten sind den übrigen weit voraus. Bei 72% der Städte sind die Träger der Einrichtungen private Organisationen, die vielfach von den Gemeinden unterstützt werden. Bei 28% sind städtische Behörden selbständig vorgegangen. Ein erstes und zweites Frühstück und auch alle drei Mahlzeiten zusammen werden fast nur in preußischen Städten gegeben. Der Prozentsatz der Schulkinder, die ein Frühstück zu Beginn des Unterrichts erhalten, ist für Preußen etwas höher (2,8%) als für die Gesamtheit der deutschen Städte (2,5%), für das Mittagessen jedoch tiefer (1,4%) als im Reich (1,6%). Die Wohltat der Speiseeinrichtungen kommt in den Städten, die solche besitzen, durchschnittlich 5,5% aller Schulkinder zugute, ein Prozentsatz, der erkennen läßt, wie unzureichend die öffentliche Fürsorge auf diesem Gebiete im gegenwärtigen Stadium noch ist. In Berlin erhielten von 230000 Schulkindern nur 11000 ein erstes Frühstück und gar nur 4000 ein Mittagessen, während mindestens 9800 der Mittagsspeisung bedürftig <!-- S. 124 --> waren. In Hamburg konnten nur 1,6% der Kinder versorgt werden; in anderen Städten ist der Prozentsatz offenbar noch geringer. Ganz abgesehen davon, daß unendlich viele Orte überhaupt keine Schulspeisung haben; denn die Statistik der Zentralstelle erstreckt sich lediglich auf 525 Städte mit über 10000 Einwohnern, von denen 487 die Fragebogen beantworteten und nur 201 über Schulspeiseeinrichtungen verfügten. Es bleibt also noch *ungeheuer viel zu tun*, zumal auch die vorhandenen Institutionen oft nur ein paar Wochen oder Monate funktionieren. Bloß 32 Städte verabreichten erstes oder zweites Frühstück oder auch Mittagessen das ganze Jahr hindurch; bei 28% dauerte die Speisung nur 3 bis 4 Monate, 50 Orte hielten über diesen Punkt mit Angaben zurück. In 22 Städten wird von „zahlungsfähigen“ Eltern ein Ersatz der Kosten verlangt. In 54 Städten wird zu Anfang des Unterrichts an einen Teil der Schulkinder Milch und Brot verabreicht. In 86 Städten gibt es für die bedürftigen Kinder ein Mittagessen.

Die Gesamtkosten der Schulspeisungen betrugen 1908 etwa 585000 Mk. Wieviel mehr in dieser Hinsicht geleistet werden kann, zeigen die ungleich großzügigeren und leistungsfähigeren Schulspeise-Organisationen anderer Staaten und ausländischer Städte. So gab Paris allein 1904 für die Speisung hungernder Kinder 1463252 Fr. aus, und die Ausgaben Londons 1908 für denselben Zweck betrugen 1240000 Mk. Der ganze Zweig sozialer Fürsorge ist in Frankreich wie in England durch Gesetze geregelt und durch die Behörden organisiert. Schon dieser Umstand sichert seinem Wirken ein entschiedenes Übergewicht <!-- S. 125 --> über die zusammenhangslosen Bemühungen der in buntester Mannigfaltigkeit wirkenden Institutionen in Deutschland.

### Schulkrankheiten

Zur Linderung und Beseitigung der furchtbaren *gesundheitlichen Zustände*, besonders unter der *proletarischen Jugend*, könnte die Schule manche wertvolle Mitarbeit leisten. Sie hat sogar die Verpflichtung hierzu, denn sie soll das Kind, als das werdende Glied der Gesellschaft und den künftigen Träger der neuen Generation, vor allem auch körperlich erziehen. Dieser Aufgabe ist sie sich teils gar nicht, teils nur in sehr unzureichendem Maße bewußt. Ihre Organisation wie ihre Unterrichtsmethode weisen in großer Anzahl Mängel und Verkehrtheiten auf, die *schwere Schädigungen der Gesundheit* unserer Jugend zur Folge haben. Zu einer Zeit, da weder die Lungen noch die Wirbelknochen des Rückgrats genügend entwickelt sind, da sowohl das Großhirn wie die peripheren Nervenpartien noch des Abschlusses in der Ausbildung und Reife warten, wird das Kind zur Teilnahme an einem Unterricht gezwungen, der den lebendigsten Trieb gerade dieser Periode, den Bewegungs- und Tätigkeitstrieb, völlig lahmlegt, der nicht das geringste zur Schärfung und Übung der Sinne tut, der die für die Gehirnbildung ungemein wichtige Handgeschicklichkeit ausschaltet, der infolge des beständigen Sitzzwanges die Lungen, Muskeln und Sehnen verkümmern läßt, den Stoffwechsel nachteilig beeinflußt, die Blutzirkulation stört <!-- S. 126 --> und alle frohen Lebensgeister im Kinde ertötet. Ein Heer von Müden und Kranken, Bleichsüchtigen und Blutarmen, Lungenschwachen und Nervösen wächst in der stickigen Schulluft heran, nicht aber ein gesundes, frisches, lebenstüchtiges Geschlecht. Wo die Schule lindern, heilen, aufrichten sollte, macht sie krank, *weckt Leiden und erzeugt Siechtum*. Es ist keine boshafte Erfindung schulfeindlicher Ärzte, eine ganze große Reihe teilweise recht hartnäckiger und gefährlicher Leiden unter den Sammelbegriff *Schulkrankheiten* zu rubrizieren. Und es ist keine Übertreibung oder einseitige Darstellung, zu behaupten, daß von diesen Schulkrankheiten der Körper des Kindes um so schlimmer in Mitleidenschaft gezogen wird, je mehr seine Widerstandsfähigkeit durch schlechte Ernährung und Pflege, Kinderkrankheiten und frühe Erwerbsarbeit gelitten hat.

Der schwedische Physiologe Axel Key untersuchte 10000 Schüler auf Schulkrankheiten: Nervosität, Kopfschmerz, Bleichsucht, Veitstanz usw. Dabei ergab sich, daß sich vom Schlusse des ersten bis zum Schlusse des zweiten Schuljahres die Zahl der schulkranken Kinder verdoppelt hatte. Das erste Schuljahr wies 17,6%, das letzte 50% schulkranke Kinder auf. Nervosität und Kopfschmerz steigerten sich vom ersten zum zweiten Schuljahr um das Siebenfache. In Dänemark gelangte man zu ähnlichen Ergebnissen. In Halle a. S. untersuchte *Schmid-Monard* 8000 Knaben und Mädchen verschiedener Schulen. Dabei stellte er fest, daß die Schulkrankheiten im Alter von 11 bis 13 Jahren 30% der Knaben und 40% der Mädchen, im Alter von 16 bis 17 Jahren aber 60 bis <!-- S. 127 --> 70% der Kinder ergriffen hatten. In den ersten drei Monaten des Schulbesuches nahm das Gewicht der Volksschülerinnen um 1½ Pfd. ab; im ersten Schuljahr betrug die Zunahme 1 kg weniger als bei gleichalterigen Kindern, die die Schule nicht besuchten. Ebenso blieb das Längenmaß um 2,1 cm hinter dem der Nichtschüler zurück. Ähnliche Beobachtungen machte *Quirsfeld*-Rumburg; 21% aller Schüler hatten im ersten Schuljahr einen Gewichtsverlust bis zu 3 kg, 54% hatten am Ende des vierten Schuljahres ihre ursprüngliche Muskelstärke gänzlich eingebüßt. *Hertel* konstatierte bei Sechsjährigen nach dem Schuleintritt erhebliche Beeinträchtigungen der Atmung, des Blutumlaufs und des Stoffwechsels. *Zappert*-Wien bestätigt diese Befunde an der Hand eigener Untersuchungen. Besondere Beachtung verdienen die Rückgratverkrümmungen, die zumeist eine Folge des ewigen Sitzens auf den Schulbänken sind. Der Prozentsatz der mit ihnen behafteten Kinder nimmt mit jedem Schuljahr zu. So stellte Mayer-Fürth für das erste Schuljahr 43,6%, für das fünfte aber 70,9% fest; Krug 11% für das neunte und 35% für das dreizehnte Schuljahr; Bardenheuer 0% für das erste und 52% für das sechste Schuljahr usw. Lorenz, Hoffa, Schultheß u. a. bezeichnen die Rückgratverkrümmung als eigentliche Schulkrankheit, obwohl unter den durchschnittlich 33⅓% der Kinder, die sie aufweisen, auch solche mit angeborener Rückgratverkrümmung anzutreffen sind. Dr. Eulenburg berechnet diese auf 8%, Schultheß auf 10%. Die angeborenen Rückgratverkrümmungen finden sich besonders bei Kindern von Arbeiterinnen, die bis ihrer Niederkunft schwere Arbeiten verrichten mußten <!-- S. 128 --> oder bei ihrer Erwerbstätigkeit zu unvorteilhafter Körperhaltung auch während der Schwangerschaft gezwungen waren. In anderen Fällen sind sie durch Rachitis erworben, die ihre Ursache in unzureichender und unzweckmäßiger Ernährung der Kinder, also in der *Armut und sozialen Notlage der proletarischen Schichten* hat. Sie bewirkt bei dem Kinde ungenügende Festigkeit der Knochen und des Zwischenknorpels der Wirbelsäule und schafft damit die Disposition zur Rückgratverkrümmung, die entweder im Hause schon, ganz sicher aber später in der Schule entsteht.

Daß die Schule besonders auch *Kurzsichtigkeit und Augenleiden* hervorruft, hat Prof. Cohn schon vor mehr als einem Menschenalter in seinem Buche „Die Augen von 10060 Schulkindern“ nachgewiesen. Er stellte für Dorfschulen 1,4%, für Elementarschulen 6,7%, für Töchterschulen 7,8%, für Knaben-Mittelschulen 10,3%, für Realschulen 19,7% und für Gymnasien 26,2% Kurzsichtige fest mit dem Bemerken, daß der Grad der Kurzsichtigkeit mit der Anzahl der Schuljahre zunimmt. Seine Resultate sind durch die Ergebnisse ungezählter augen- und schulärztlicher Untersuchungen bestätigt worden. Man nimmt an, daß etwa 20% aller Volksschüler ein anormales Sehvermögen aufzuweisen haben, wovon ein beträchtlicher Teil seine Ursache in nervösen Störungen hat. Fand doch Dr. Saenger-Hamburg unter 30000 Patienten der Poliklinik 1029 nervöse Kinder, bei denen eine Beeinträchtigung im Sehen infolge nervöser Störungen vorlag, ohne daß die Kinder sich dessen in allen Fällen bewußt waren. Und Dr. Gelpke-Karlsruhe ermittelte in <!-- S. 129 --> den Klassen für Schwachbefähigte nur 30% Schüler mit gesunden Sehorganen, woraus er schloß, daß Sehstörungen sehr oft eine Ursache geringer Leistungen in der Schule seien. Bekannt ist auch, daß der Schulstaub nicht selten Augenentzündungen leichterer und schwerer Art hervorruft; Dr. Schmidt-Rimpler hat dem Follikularkatarrh direkt den Namen Schulkatarrh gegeben. Statistische Erhebungen über die Verbreitung des *Stotterns* haben ergeben, daß auf das Alter von 6 bis 7 Jahren 6%, auf das von 7 bis 8 Jahren 10%, auf das von 11 bis 12 Jahren 15% Stotterer entfallen, daß die Ursachen dieser rapiden Zunahme auf zunehmende Nervosität zurückzuführen sind, und daß die Schule eine Hauptquelle für das eine wie für das andere Leiden ist. „Wenn man bedenkt,“ sagt der Sprachheillehrer Gutzmann, „daß Kinder, die bis zum sechsten Lebensjahre sich frei und fröhlich herumgetummelt haben, die bis dahin keine Sorge kannten, die tun und lassen konnten, was ihnen beliebte, die sich an Spielen erfreuten, daß diese Kinder jetzt plötzlich mindestens drei Stunden an einem Vormittag stillsitzen und auf die Worte des Lehrers intensiv achten sollen, so wird man verstehen, daß diese Zumutung in der Tat unter Umständen eine schwere Schädigung im Gefolge haben kann. Es gibt sogar sehr kräftige Kinder, die nicht imstande sind, die plötzliche Veränderung ohne Schädigung ihres körperlichen Zustandes zu ertragen … Mir scheint, daß durch die heutigen Verhältnisse eine Prädisposition zur Erwerbung nervöser Übel gelegt wird, und daß die größte Zahl der Kinder an den Störungen körperlicher und seelischer Art lange Zeit zu leiden hat … Es würde zu weit führen, auf

<!-- S. 130 --> alle Einzelheiten hier einzugehen; ich erwähne sie nur, um die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung und der Entstehung nervöser Sprachstörungen infolge des Schuleintrittes zu erklären.“

So arbeitet ein verfehlter Schulbetrieb Hand in Hand mit der sozialen Verelendung an der Zerstörung der Gesundheit und Lebenstüchtigkeit des proletarischen Nachwuchses.

Man ruiniert, wo man helfen sollte. Man quacksalbert, wo nur gründliche Kuren Heilung versprechen. Man lindert, wo volle und rückhaltlose Hilfe geboten ist. Man spielt und tändelt mit Wohltätigkeit, ißt und tanzt für die Armen und verkauft für unglückliche Kinder mit wehleidigem Augenaufschlag Margareten … „Weiße Salbe …“

## Die Barbarei der Kinderarbeit

Was unter den zermalmenden Schritten des Massenelends der frühesten Kindheit sein flackerndes Leben nicht ausgehaucht hat, das geht später in den Schwitzhöllen der Hausindustrie und in den Tretmühlen der Fabriksklaverei, in Schnitzerstuben und Werkstätten, beim Lastenschleppen und Treppenaufundniederjagen, auf Viehtriften und Rübenäckern, hinter dem Klöppelsack und der Drehbank, dem Farbennapf und der Töpferscheibe, dem Webstuhl und dem Stanzhammer, beim Spulen, Spinnen, Wirken, Sticken, Häkeln, Stricken und Abrippen allmählich, stückweise, aber mit unerbittlicher Sicherheit zugrunde.

<!-- S. 131 -->

… Und tausend Kinder siehst du stehen,<br>
Die still an einem Stricke drehen,<br>
Früh alt vor Hunger und Gebrest,<br>
Und siehst die Väter sich erheben,<br>
Alle, die häßlich müssen leben,<br>
Damit es Schönheit könne geben …

Die schwache Brust, die hüstelnde Lunge, der sieche Körper, die verkrüppelten Glieder, — sie sind die Erbteile der Not wie die Folgen der Arbeitsqual, in die den Armen von frühester Jugend an sein Elend zwingt.

Die Geschichte des Kampfes um die Befreiung der Jugend vom Joche der kapitalistischen Ausbeutung ist eins der schmachvollsten Blätter in der ganzen Geschichte des Kapitalismus. Eines siebzigjährigen leidenschaftlichen Ringens hat es bedurft, um gesetzliche Bestimmungen zu erwirken, die das Kind befreien sollten von dem furchtbaren Lose der Erwerbsfron, in die es verfallen war, seit die *Anwendung der Maschine* in den Kreisen des industriellen Unternehmertums den Heißhunger nach der billigen Arbeitskraft der Jugend entfesselt hatte. „Jede Schranke von Sitte und Natur, Alter und Geschlecht, Tag und Nacht wurde zertrümmert … Das Kapital feierte seine Orgien.“ Und die Opfer dieser Orgien waren nächst den Frauen die unmündigen *Kinder der Armen*, deren Mörder vor keinem Gericht je zur Rechenschaft gezogen wurden.

Das kapitalistisch und industriell am weitesten fortgeschrittene *England* wirkte vorbildlich auf Deutschland, sowohl was die Ausbeutung wehrloser Kinder anbetrifft, wie auch in der späten und mangelhaften Gesetzgebung zu ihrem Schutze.

<!-- S. 132 --> Die Jahre 1820 bis 1840 waren in *Deutschland* die Zeit der *schlimmsten und schrankenlosesten Kinderausbeutung*. Kinder von 6 Jahren wurden in elfstündiger Nachtarbeit beschäftigt oder arbeiteten für 2 bis 3 Silbergroschen von früh 7 Uhr bis abends 8 Uhr. Um während des Essens nicht pausieren zu müssen, wurde ihnen die karge Mahlzeit in einem Blechtopfe um den Hals gehängt. Damals genau so wie heute behauptete das Unternehmertum, die deutsche Industrie könne die Konkurrenz mit dem Auslande nicht aushalten, wenn die Kinderarbeit mit ihren billigen Löhnen verboten werde. Die Macht des Kapitals reichte weiter als der Schrei der Kinder. Sogar ein Arzt, der um ein Gutachten befragt wurde, erklärte, indem er sich als Menschenfreund bekannte, daß er in achtzehnstündiger Fabrikarbeit keine Schädigung für den kindlichen Organismus erblicken könnte. Erst als Ende der zwanziger Jahre von der Militärbehörde festgestellt worden war, daß die „Fabrikgegenden ihr Kontingent zum Ersatz der Armee nicht mehr vollständig stellten“, fanden die Leiden der ausgebrüteten Kinder an höchster Stelle ein geneigtes Ohr und endlich gesetzlichen Schutz.

1839 wurde das *erste Kinderschutzgesetz* erlassen, das die Fabrikarbeit für Kinder unter 9 Jahren verbot und die tägliche Arbeitszeit bis zum 16. Lebensjahre auf 10 Stunden beschränkte. Aber nach englischem Muster blieb dieses Gesetz, ebenso wie die später folgenden, nur ein papierener Schutz. Eine Überwachung gab es nicht, die Behörden dachten gar nicht daran, den Unternehmern irgendwie unbequem zu werden. Auch die obligatorische <!-- S. 133 --> Einführung der Fabrikinspektion 1878 änderte daran nur wenig.

Da blieb der Arbeiterschaft nur die *Selbsthilfe* übrig. Und diese erfolgte durch ihre politischen und wirtschaftlichen Organisationen. 1867 brachte von Schweitzer, der Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, zum ersten Male einen Entwurf im Norddeutschen Reichstage ein, der das *Verbot der Kinderarbeit* für alle Unternehmungen mit mindestens 10 Lohnarbeitern in Fabriken, Hausindustrie, Verkehrsgewerbe und Landwirtschaft forderte. Aber der Entwurf kam nicht einmal zur Verhandlung. Zu Anfang der siebziger Jahre wurden dann weitere Vorstöße gegen die Kinderausbeutung unternommen, in der Presse, in Versammlungen und im Parlament. 1877 lag dem Reichstage ein Antrag auf Verbot jeglicher Kindererwerbsarbeit vor, dem die bürgerliche Mehrheit mit hartnäckigem Widerstande begegnete. Seine Forderung ist heute noch unerfüllt. Das *Kinderschutzgesetz* von 1903 mit der Novelle von 1908 hat die schlimmste Kinderausbeutung eingeschränkt und manche grauenhaften Zustände gemildert, — trotzdem fronden noch immer Zehn- und Hunderttausende von Kindern im Erwerbsjoch, sogar in Fabriken und Bergwerken. Die gesinnungstüchtigen Arbeitgeber wissen das Gesetz zu umgehen oder sich Vergünstigungen durch Regierungen und Behörden zu verschaffen. Nach den Berichten der Gewerbeinspektion betrug die Zahl der in *Fabriken* beschäftigten Kinder 1905: 10245, 1906: 10847 und 1907: 13054, also in zwei Jahren eine Steigerung um fast 3000. Dabei beziehen sich diese Ziffern nur auf <!-- S. 134 --> jene Bundesstaaten, in denen die Volksschulpflicht mit dem 13. Jahre aufhört und 14jährige Kinder in die Fabriksklaverei eingeschirrt werden können. Doch auch in anderen Staaten finden Kinder in Fabriken noch Verwendung; in Mansfeld werden sogar Kinder unter 14 Jahren mit ausdrücklicher Genehmigung der Regierung unter Tag beschäftigt.

Nach den Ergebnissen der Berufs- und Gewerbestatistik vom 14. Juni 1895 waren im Deutschen Reiche 214954 Kinder unter 14 Jahren „*erwerbstätig im Hauptberufe und im Hausgesindedienst*“, davon in der Landwirtschaft 135125, in der Industrie 38267, im häuslichen Dienst 33501 usw. Diese Zahlen brachten aber keineswegs den vollen Umfang der damals existierenden Lohnsklaverei Jugendlicher zum Ausdruck, denn einmal umfaßte die Statistik nicht die gesamte Kinderarbeit, sondern nur die Erwerbstätigkeit „im *Hauptberufe* und im Hausgesindedienst“, das andere Mal waren die aufgeführten Zahlen nur „Minimalzahlen“. Doch so unvollkommen das Bild auch sein mochte, in seinem Gesamteindrucke, und mehr fast noch in seinen krassen Details übte es eine erschütternde Wirkung aus. 1575 Kinder, darunter 122 Mädchen, arbeiteten in Ziegeleien, 2075 in Schlossereien, 2107 in Tischlereien, 1803, darunter 103 Mädchen, in Bäckereien, 792 in der Tabakindustrie, 2272, darunter 120 Mädchen, als Maurer, 617 als Zimmerer, 340 als Stellmacher, 519 als Klempner, 464, darunter 220 Mädchen, in der Verarbeitung edler Metalle, 492 in der Herstellung von Maschinenapparaten. 135 jugendliche Proletarier waren tätig in der Erzgewinnung, 241 in <!-- S. 135 --> Hüttenwerken, 196, darunter 15 Mädchen, in der Eisengießerei; 274 Kinder, darunter 62 Mädchen, mußten in Kohlengruben ihre Gesundheit und ihr Jugendglück dem Kapital zum Opfer bringen, 225, darunter 14 Mädchen, in Torfgruben, 302, darunter 44 Mädchen, in Steinbrüchen, 271 in Glashütten, 94 in Spiegelglaswerken, 248 in Bierbrauereien und Schnapsbrennereien, 435 in Buchdruckereien, 385 in Getreidemühlen, 485 in Sattlereien und Riemereien, 426 in Strickereien und Wirkereien; 895 frondeten als Stubenmaler, 490 als Steinmetzen, 141 als Bürstenmacher, 372 als Buchbinder, 192 als Korbmacher, 250 als Böttcher, 119 als Dachdecker, 334 als Porzellanarbeiter usw. Kein Beruf, der zu schwer, zu aufreibend, zu gefahrvoll für die schwachen, unentwickelten Arbeitskräfte der Kinder gewesen wäre.

Die Ergebnisse dieser Statistik waren dem preußischen Junkertum sehr verdrießlich, stand doch die *Landwirtschaft* mit der größten Zahl ausgebeuteter Kinder an erster Stelle. Flugs erteilten die allmächtigen Itzenblitze und Köckeritze der Regierung den Befehl, im Reiche Erhebungen über die gewerbliche Kinderarbeit anstellen zu lassen unter ausdrücklicher Schonung der Landwirtschaft, des Obst-, Garten- und Weinbaues und des Gesindedienstes. Mit dieser Enquete, die vom Januar bis April 1898 aufgenommen wurde, sollte ein Trumpf gegen die Industrie ausgespielt werden. Drei Jahre zögerte die Regierung, ehe sie die Ergebnisse zu veröffentlichen den Mut fand. Ergebnisse, die bei aller Lückenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit so *grauenhaft* waren, so *himmelschreiende Zustände* enthüllten, daß <!-- S. 136 --> ihre Betrachtung nur Tränen des Zorns und der Empörung erpressen konnte.

*Über eine halbe Million* ins Arbeitsjoch gespannter, abgetriebener und ausgemergelter Proletarierkinder marschierte in schauerlicher Prozession vor den entsetzten Blicken der Mitwelt auf. Ein Zug von Hamburg bis Bremen, von München bis Regensburg. 532283 Kinder hatte man ermittelt, die, unter 14 Jahren, außerhalb der Fabriken erwerbsfähig waren. Rechnete man hinzu noch die 135125 jugendlichen Lohnarbeiter der Landwirtschaft, die 33501 Erwerbstätigen im häuslichen Dienst und schließlich die kleinen Fabrikproletarier, deren Zahl sich beharrlich jeder genauen Feststellung entzieht, — und setzte man obendrein den Umstand in Rechnung, daß all diese Ziffern nur Minimalergebnisse darstellten und die Erhebungen im einzelnen oft ganz unglaublich mangelhaft und oberflächlich ausgeführt worden waren, so durfte man behaupten, daß es rund *eine Million Kinder* waren, — der achte Teil der damals im Deutschen Reiche überhaupt vorhandenen Schulkinder — deren erbarmungswürdiges Schicksal in Gestalt dieser furchtbaren Zahlen durch die Rubriken und Kolumnen der Statistik schritt. Eine stattliche Hekatombe, die das deutsche Proletariat dem Moloch Kapital in den glühenden Rachen der Ausbeutung warf.

*Sachsen*, das Land der höchsten Frauenerwerbsziffer, stand mit 137831 erwerbstätigen Kindern (22,80% aller Schulkinder) in der Statistik obenan. Ihm folgten Sachsen-Altenburg mit 19,24%, Schwarzburg-Rudolstadt mit 16,42%, Sachsen-Meiningen mit 16,40%, Koburg- <!-- S. 137 --> Gotha mit 15,16%, Reuß ä. L. mit 13,54%, Stadt Berlin mit 12,83%, Schwarzburg-Sondershausen mit 10,65% usw. abwärts bis 0,58% in Waldeck. Preußen zählte 269598 gewerblich tätige Kinder; von den einzelnen Provinzen standen Rheinland mit 50183 und Schlesien mit 48456 an erster Stelle; Berlin wies 25146 erwerbstätige Kinder auf, Bayern 12997 (durch Polizeiorgane ermittelte, daher sehr unsichere Zahl), Württemberg 19546 (davon 12000 „geschätzt“), Baden 28788.

Nach der *Art der Beschäftigung* verteilten sich 57,64% auf die Industrie, 25,52% auf Austragedienste, 6,75% auf gewöhnliche Laufdienste, 4,06% auf Gast- und Schankwirtschaften, 3,31% auf den Handel usw. In der Industrie entfiel nahezu die Hälfte aller Kinder (143710 von 306823) auf die Textilindustrie. In den Spinnereien und Webereien wurden 79138 gezählt, die in der Hauptsache mit Spulen beschäftigt waren; davon allein 34145 in Sachsen. In der Häkelei und Stickerei waren 22149 tätig, davon 11601 in Sachsen; in der Posamentenfabrikation 26691, die fast ausschließlich (23643) dem sächsischen Kapitalprotzentum die Taschen füllen helfen mußten. Von anderen Industriezweigen zählten die meisten erwerbstätigen Kinder: Ziegeleien in Baden, Fabrikation von Porzellan und Glaswaren in Sachsen-Meiningen, Puppenköpfen in Schwarzburg-Rudolstadt, Uhrketten in Oldenburg, Spitzen in Sachsen usw. Von Arbeiten, die für Kinder gesundheitsschädlich sind und von der Statistik selbst als „für Kinder ungeeignet“ bezeichnet wurden, waren anzutreffen Steinklopfen, Marmorstein-, Steinbruch-, Steinmetz- und Steinhauerarbeiten,

<!-- S. 138 --> Steinschleifen und Steinpolieren (insgesamt ca. 1300 Kinder), Ziegelei- und Maurerarbeiten, Schmiede- und Schlosserarbeiten, Brettersägen, -tragen und -packen. Ferner das Mahlen von Farbe und Erde in Töpfereien, Glasieren von Ton und Klopfen von Blei, das Reinigen von Fellen, die Knopfmacherei, Tabak- und Zigarrenfabrikation und das Arbeiten in den Griffelhütten und Schieferbrüchen. Speziell als augenschädlich gilt die Perlenstickerei, das Zupfen und Sortieren von Saffran, das Bemalen von Porzellan bei Lampenlicht, das Pelzkämmen und -klopfen usw. Das Kapital hatte kein Erbarmen mit den zarten Leibern der jugendlichen Proleten: eingesperrt und eingepfercht in dunstige, schlechtventilierte, stauberfüllte, qualmige, rußige, lichtlose Räume, angeschmiedet an die Kette unerbittlichen Arbeitszwanges oft bis tief in die sinkende Nacht hinein, bei qualvoll einförmiger geisttötender Tätigkeit mußten sie ihm, um sich vor dem Verhungern zu retten, unter Ächzen und Schmerzensschreien ihren Tribut entrichten.

Die gemarterten Körper der Kinder, die stumme Klage ihrer glanzlosen, müden Augen und vor allem die stumpfe, lethargische Schwäche ihres früh zerrütteten Geistes hatte schließlich auch unter der *Lehrerschaft* die Stimme des Erbarmens geweckt. Sie ließ es nicht mit wehleidigem und ach, so billigem Bedauern getan sein. Wiederholt waren Einzelversuche unternommen worden, um von der Kinderarbeit in einzelnen Städten oder Landesteilen ein Bild zu gewinnen. Aber die Ergebnisse „hielten bald wieder einen tiefen Schlaf in den geheimnisvollen Ecken staubiger Aktenspinde oder standen in Gefahr, in den <!-- S. 139 --> Schulchroniken oder in irgendeinem pädagogischen Blatte zu vermodern.“ Da nahm der Deutsche Lehrerverein 1898 auf dem Lehrertage in Breslau eine gründliche und großzügige *Erörterung der Kinderarbeitsfrage* vor und veranstaltete im Anschluß daran eine Umfrage über Art und Umfang der gewerblichen und landwirtschaftlichen Kinderarbeit in Deutschland. Diesem energischen und tatkräftigen Eingreifen der Lehrerschaft ist es zu danken, daß der namenlose Jammer der Kinderausbeutung endlich in seiner ganzen Nacktheit enthüllt wurde.

Während der Umfang der gewerblichen Kinderarbeit nach amtlichem Bericht für das ganze Reich auf 6,53% berechnet war, stellte die Lehrerenquete für Großstädte 10—13% erwerbstätige Knaben und 6—9% Mädchen, für ausgesprochene Industriestädte 30—50%, ja für Industriedörfer sogar bis zu 80% *erwerbstätige Kinder* fest. Hier ein paar Einzelziffern: Chemnitz 25% Knaben, 22,2% Mädchen; Dresden 17% Kinder; Halle 22,2% Knaben, 18,2% Mädchen; Langensalza 25% Kinder; Posen 27,5% Knaben, 14,4% Mädchen; Altenburg 34,5% Knaben, 36,6% Mädchen; Gera 11,4% Kinder; Hohenstein-E. 53,6% Kinder; ebenso Langenbielau, Schmölln 38% Knaben, 43,7% Mädchen; Sonneberg 28,19% Kinder; im Meininger Oberland: Schalkau 49,26%, Rückerswind 54,28%, Neuenbau 62,50%, Hämmern 63,80%, Neufang 66,43%, Forschengereuth 72,11%, Mengersgereuth 78,09% und Schichthöhn 80,34%.

Man hält den Atem an und das Herz krampft sich zusammen: *80% und mehr erwerbstätige Kinder!* <!-- S. 140 --> In Chemnitz jeder vierte, in Altenburg jeder dritte, in Hohenstein-Ernstthal jeder zweite Knabe ein Arbeiter! In Schmölln jeder fünfte siebenjährige Knabe und jedes dritte achtjährige Mädchen im Arbeitsjoche. Und dazu die *Arbeitszeiten!* Im Sonneberger Bezirk wird nach den Angaben der Enquete vor Weihnachten oft die ganze Nacht durchgearbeitet; der glitzernde Christbaumschmuck, der von hier aus in alle Welt geht, besteht aus kristallisierten Kindertränen. In Sachsen-Koburg-Gotha dauert die übliche Arbeitszeit 7—10 Stunden. In Hamburg arbeiten 810 Kinder bis nach 8 Uhr, 150 davon bis Mitternacht; in Anhalt wird unter großen Anstrengungen bis 10 Uhr abends gerackert; in Reuß ä. L. kommen die Kegeljungen nie vor 2 bis 3 Uhr nachts nach Haus. In Meiningen sind die Kinder in vier Schulgemeinden bis 9 Uhr abends, in acht bis 10 Uhr, in dreizehn bis 11 Uhr, in acht bis 12 Uhr nachts, in drei bis 2 Uhr, in zwei bis 3 Uhr, in einer bis 4 Uhr morgens zur Arbeit gezwungen. Für andere wieder heißt es früh aus dem Bett! In Charlottenburg mußten 20 kleine Frühstücksträger — im Winter! — schon vor 4 Uhr morgens und 175 zwischen 4 und 5 Uhr ihr Tagewerk beginnen. Dabei fand man in Charlottenburg 12stündige, in Chemnitz sogar 13stündige Arbeitszeit für Kinder. In Preußen allein wurden 110682 Kinder täglich länger als drei Stunden ausgebeutet, die Zahl der mit Arbeit überlasteten Kinder schätzte Agahd auf wenigstens 150000. In Köln arbeiteten 173 Kinder bis zu 44, in Halle 8 bis zu 50 und 5 bis zu 60 Stunden die Woche; in Braunschweig 9 Kinder bis zu 48 Stunden, in Chemnitz 153 mehr als <!-- S. 141 --> 13 Stunden pro Tag. In Halle waren 64 Kinder zwei- und dreifach beschäftigt, in Berlin an einer Schule 21%. In Charlottenburg mußten 119 Knaben und 52 Mädchen am Vor- und Nachmittag (einschließlich Früh- und Nachtarbeit) tätig sein. In Gera schuftete ein Semmelträger früh von 4½ bis 6 Uhr, dann ging er zur Schule, darauf war er von 12 bis ½2 Uhr als Laufbursche tätig; von 2 bis 4 Uhr hatte er wieder Schule, von ½5 bis 9 Uhr ging er abermals an die Arbeit; den Schluß bildeten die Schularbeiten. Welch ein gequältes Menschendasein spricht aus diesem Arbeitstage! Semmel- und Zeitungsträger hatten zu steigen: 82 in einer Stunde bis zu 20 Treppen, 51 bis zu 40 und 7 bis zu 60 Treppen; in 2 Stunden 44 bis zu 25 Treppen, 56 bis zu 50, 22 bis zu 75, 1 bis zu 80, 1 bis zu 90 und 1 sogar *bis zu 120 Treppen*. In einem Falle waren von einem Kinde von früh 3½ Uhr an in vier Stunden 56 Treppen zu steigen und 4000 Meter Wegs zurückzulegen — dann begann der Schulunterricht — und nach diesem der weitere Arbeitstag. In Braunschweig mußte ein achtjähriger Junge in der Woche 30 Stunden lang Jutesäcke nähen, ein 13jähriges Mädchen täglich 11—13 Stunden. Ein 9jähriges Mädchen hatte bis 2 Uhr nachts Stühle zu flechten. In Schlesien mußten die Kinder zum Schachtelmachen früh um 4 Uhr aus dem Bett, abends dauerte die Arbeit bis 8 oder 9 Uhr, war Not am Mann sogar noch länger. In Chemnitz war ein Mädchen von früh 7 bis ½9 Uhr abends, also 13½ Stunden, ein anderes von früh 6½ bis 7 Uhr abends, also 12½ Stunden im Dienst, die wöchentliche Arbeitszeit betrug <!-- S. 142 --> durchschnittlich 70 bis 74 Stunden. Rechnet man hierzu noch 24 Stunden Schulunterricht, so ergeben sich Arbeitszeiten von 94 bis 98 Stunden in der Woche oder 13 bis 14 Stunden pro Tag, den Sonntag als vollen Tag eingerechnet und ohne die Zeit für die Schularbeiten. Ein noch nicht ganz 9 Jahre alter Schüler in Chemnitz mußte von 10 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends „ohne besondere Mittagspause“ einen Handwagen ziehen. Andere mußten 9 Stunden mit Grünwaren hausieren, 10½ Stunden dem Vater beim Kohlenabladen helfen, 9 Stunden Tabak abrippen, 10 Stunden häkeln, 11 Stunden Knöpfe annähen usw. „Mehr als 200 solch krasser Fälle könnte ich aufzählen,“ bemerkt der Schuldirektor Tippmann-Chemnitz in seiner Erläuterung zu dieser grauenvollen Statistik. Ebenso lieferten andere Landesteile Material in endloser Menge und erdrückender Schwere.

Dabei werden von den Kindern bei diesen unerhörten Arbeitsleistungen nur *Bettelpfennige* verdient. Man höre, wie man sie entlohnt: in Reuß ä. L. 2 bis 2½ Pf. pro Stunde, in Sachsen-Koburg-Gotha 4 bis 80 Pf. pro Tag, in Siegen i. W. 50 bis 60 Pf. bei 11 bis 12stündiger schwerer Arbeit in Steinbrüchen; in Charlottenburg hatten 36% der Kinder einen Monatsverdienst bis 4 Mk., pro Tag also 13⅓ Pf., wenige bis zu 5 und noch weniger bis zu 10 Mk. bei 60 Stunden Arbeit die Woche. In der Puppenindustrie wurde die Arbeit der kleinen fleißigen Proletarier mit 10 und 12 Pf., in anderen Orten mit 18, 24 und 30 Pf. pro Tag bezahlt. Für Papierarbeiten gab es 20 bis 50 Pf., in einem Orte nur 4 (vier) Pf. pro Tag. Für Korbflechtereien und <!-- S. 143 --> Metallverarbeitungen 15 bis 30 Pf., für Holzschnitt 20 bis 60 Pf., in der Knopfindustrie 4 bis 30 Pf., in der Schneiderei, Schuhmacherei, Drechslerei, Kistenbauerei und im Buchhandel 7 bis 17 Pf. täglich, in der Buchbinderei 3 bis 20 Pf., Glaserei, Weberei, Stellmacherei 4 bis 40 Pf., Bäckerei und Fleischerei 7 bis 40 Pf. pro Tag usw. So wurde der Verlust von Kindheit, Freiheit, Sonne und Jugendglück durch ein paar elende Kupferdreier aufgewogen, um die man obendrein noch mit den armen Geschöpfen feilschte.

Die *Landwirtschaft* steht in diesem Frevel am Heiligsten des Volkes der Industrie um nichts nach. Die gerühmten „patriarchalischen Verhältnisse“ auf dem Lande sind ein Segen nur für die Besitzenden. Die Besitzlosen drückt ein beklagenswerteres Helotentum darnieder als in den Fabriken. Denn dem Industrieproletar steht das Recht zur Organisation und damit die Möglichkeit zur Abwehr allzu unerträglicher Bedrückung zur Seite. Auch genießt er die Vorteile ungleich größerer sozialpolitischer Fortschritte. Der Landproletarier ist noch Höriger, der kein Koalitionsrecht besitzt und dem eine lächerlich dürftige Sozialpolitik das mittelalterliche Verhältnis zum „gnädigen Herrn“ nicht zu mildern vermag. Dementsprechend ist auch das Los der ländlichen Proletarierjugend über die Maßen traurig. In der Provinz Posen verrichteten in einer Klasse von 55 Schülern nur 2 keine landwirtschaftlichen Arbeiten; 20 hatten das Elternhaus mit 6 Jahren, 2 mit 7, 1 mit 8 und 2 mit 9, die anderen mit 10 Jahren verlassen, um seitdem in fremdem Dienst tätig zu sein. In einer anderen Schule waren sämtliche Kinder <!-- S. 144 --> beschäftigt, in einer dritten 210 von 294, in einer vierten 55 von 56, in einer fünften 66 von 80. In einer Schule im Kreise Lissa arbeiteten von 65 Schülern 32 bei den Eltern, 12 bei fremden Leuten, die übrigen waren zur Arbeit noch zu klein. 38 der Kinder, darunter 13 Mädchen, mußten das Vieh hüten, die übrigen 6 verrichteten Feldarbeit, und zwar von früh 4 Uhr bis zur Schulzeit, dann vom Schluß des Unterrichts bis zu Beginn der Dunkelheit. Die hauptsächlichsten Arbeiten der Landjugend sind Rübenziehen, Kartoffelausnehmen, Heu- und Getreideernte, Hopfen- und Tabakbau, Torfgraben, Steineablesen, vor allem aber Viehhüten. Dadurch erfahren die Kinder, wozu der liebe Gott sie aufs Land gesetzt hat. Es ist, nach der Meinung des Freiherrn von Hammerstein, eine überaus verdienstliche Tätigkeit, „dahin zu wirken, daß die Kinder in dem Glauben groß werden, daß es nötig ist, auf dem Lande zu arbeiten, Vieh vernünftig zu warten und Kühe zu melken“. *Die Wissenschaft ist Nebensache*, denn der dümmste Arbeiter ist dem Junker der liebste. In Mecklenburg wurden nach Agahd von 6514 Kindern in 345 Landschulen mehr als die Hälfte, nämlich 3375, zu landwirtschaftlichen Arbeiten dispensiert. In manchen Gegenden waren von den Schülern über 11 Jahre bis zu 90% befreit. 41% gingen in Dienst, 44% wurden Hirten, darunter 129 Mädchen. Auch in Preußen pflegt die Beurlaubung von Kindern in großem Umfange zu erfolgen, um den Agrariern das Geschäft der Kinderausbeutung so einträglich als möglich zu machen. Allein im Bezirk Breslau waren 1897 in 27 Schulen 810 Kinder vom Unterricht befreit. Überhaupt in der <!-- S. 145 --> Landwirtschaft tätig waren nach der Statistik von 1895 unter 12 Jahren 24164 Knaben und 6440 Mädchen, von 12 bis 14 Jahren 69957 Knaben und 34564 Mädchen. Daß der Beginn der Ausbeutung mit dem sechsten Lebensjahre durchaus nicht selten ist, beweist eine von Agahd angeführte Tabelle, nach der 209 Kinder mit dem sechsten, 360 mit dem siebenten, 1883 mit dem achten, 933 mit dem neunten, 85 mit dem zehnten Lebensjahre zu arbeiten begannen. Bei Wind und Wetter, Sonnenbrand und Regen, auf feuchtem Acker und nassen Viehtriften, der Körper durchfroren, die Hände von Frost, Nässe und Schmutz aufgeplatzt, daß sie bluteten, — so wird die Verfassung der armen Kinder geschildert. „Die Kinderarbeit in der Landwirtschaft,“ sagte einmal Fürst Bülow in einem seiner Rundschreiben, „ist nicht nur zulässig, sondern sogar nützlich und empfehlenswert.“ Nützlich und empfehlenswert für die Junker und Agrarier; in bezug auf die Kinder sind Arbeitsanforderungen, wie sie die Statistiken enthüllt haben, und Arbeitsleistungen, wie die mitgeteilten, direkter Kindermord.

Man schaue sich doch die Berichte der Lehrer über die zerstörenden *Wirkungen der Erwerbsarbeit* am Körper und Geiste der Kinder an!

Siechtum, Krüppelhaftigkeit, blasse Gesichtsfarbe, Bleichsucht, Engbrüstigkeit, Brustleiden, Kurzsichtigkeit, Verkrümmung des Rückgrats, Schiefwuchs usw., — das sind die Leidensmale, womit die armen Opfer gezeichnet sind. „Die Mädchen werden schief,“ so heißt es in den Berichten, „die Knaben können in der Schule nicht sitzen.“ In Greiz fielen die erwerbstätigen Knaben durch bleiches

<!-- S. 146 --> und kränkliches Aussehen auf, waren engbrüstig, hatten krumme Rücken, litten an den Augen, büßten an geistiger Frische und Spannkraft ein, wurden stumpf und interesselos. Zahllose Berichte weisen darauf hin, „daß sich die Folgen der übermäßigen Ausnutzung der Jugendkraft im späteren Leben durch vorzeitigen Eintritt körperlicher Schwäche und Erwerbsunfähigkeit geltend machen.“ In Baden beobachtete man, daß Kinder infolge zu langen Stehens lahm wurden; einem dieser unglücklichen Wesen mußte ein Bein abgenommen werden. Von Kindern, die in Ziegeleien arbeiteten, wurde berichtet: „Wer zwei Jahre Steine abgetragen hat, ist im Leben zu nichts mehr zu gebrauchen.“

Mit der körperlichen Schädigung Hand in Hand geht die geistige und sittliche. Kinder, die abgespannt, nach unzureichender Ruhepause (vielleicht zu dreien im Bett und zu acht oder zehn in einer engen Kammer), oder aber gar nach schwerer Arbeitsleistung zur Schule kommen, sind unfähig, dem Unterricht zu folgen. Sie können den dargebotenen Lehrstoff weder aufnehmen noch verdauen; intellektuelle Fortschritte sind meist ganz unmöglich. Die Schulresultate spiegeln denn auch den verhängnisvollen Einfluß der Erwerbsarbeit auf das kindliche Geistesleben und seine Entwicklung wider. In Berlin wurden 1902 aus der vierten Schulklasse entlassen 1713 Mädchen und 1588 Knaben, aus der fünften 764 Mädchen und 750 Knaben, aus der sechsten 170 Mädchen und 183 Knaben und aus der siebenten 7 Mädchen und 14 Knaben. Sie waren zum großen Teil von Kindesbeinen an Lohnsklaven; übermäßige Arbeit im frühesten <!-- S. 147 --> Alter schon hatte ihre geistige Kraft versiechen lassen. In Rixdorf waren in der zweiten Klasse von den Sitzenbleibern 75% Erwerbstätige. In Hannover erwies sich die Hälfte der erwerbstätigen Schüler als unternormal in bezug auf die geistigen Fortschritte. In Charlottenburg ließ sich in 488 Fällen, in Barmen in 1465 Fällen eine direkte Schädigung für die Geistesentwicklung durch Erwerbsarbeit nachweisen. Von Mühlhausen wird berichtet, daß „21 Kinder beinahe blödsinnig“ seien, 27 Kinder stumpfsinnig; von Schmölln, daß 100 Erwerbstätige nur mittelmäßig fleißig, 19 „notorisch faul“, 137 wenig aufmerksam, 20 ganz unaufmerksam seien. Ungezählte andere Berichte lauten ähnlich. Direktor Tippmann-Chemnitz schreibt: „Daß die früh vor dem Unterricht Beschäftigten oft in letzter Minute erst zur Schule kommen, daß sie nicht selten zu spät, mitunter auch gar nicht erscheinen, ferner ihre Schulsachen oft nicht in Ordnung haben, ist eine altbekannte Tatsache. Was lesen wir hierüber in den Listen? „Keine Zeit zur Lösung der Hausaufgaben“, „Schularbeiten oft nicht gefertigt“, „Schularbeiten häufig schlecht gefertigt“, „flüchtig gearbeitet“, „Hausfleiß ganz mangelhaft“, „memoriert schlecht“ usw. Und wie steht es um die geistige Anteilnahme am Unterricht? Die Urteile der Klassenlehrer lauten in überaus zahlreichen Fällen: „Unaufmerksam“, „sehr zerstreut“, „zerfahren“, „teilnahmlos“, „nachlässig“, „träge“, „matt“, „tot“, „muß angetrieben werden“, „abgearbeitet“, „abgespannt“, „sehr abgespannt“, „furchtbar abgetrieben“, „schläft oft ein“, „verschlafen“, „trotz hoher Befähigung infolge Abspannung oft nicht imstande, dem Unterricht zu folgen“ …

<!-- S. 148 --> Man muß Atem schöpfen — es ist entsetzlich! „Trotz hoher Befähigung infolge Abspannung oft nicht imstande, dem Unterricht zu folgen“ … Da will jedes Wort einzeln gelesen, in seinem ganzen furchtbaren Gewicht betont, in seiner vollen erschütternden Tragik erfaßt sein … Es ist entsetzlich!

Das Bild des Jammers wird noch trostloser, wenn man hierzu auch die Gefahren *sittlicher Verkommenheit* und Verwilderung mit in Ansatz bringt, die aus der Erwerbsarbeit sich ergeben. An anderer Stelle sind sie des Näheren dargelegt; sie bestehen in gleichem Maße für die industriell tätigen Kinder wie für die kleinen Landproletarier. Die giftige Atmosphäre, die das Blumenmädchen der Großstadt in der Gesellschaft betrunkener Lüstlinge oder der Laufbote in Bordellen atmet, verdirbt auch die „Unschuld vom Lande“ und macht sie mit den Lastern und Verirrungen früher Demoralisation vertraut. Aus Brandenburg berichtet Pastor Wittenberg: „Die kürzlich konfirmierten Hütemädchen geben sich zum größten Teile rückhaltlos preis“, und unter den Mädchen, die der Fürsorgeerziehung überwiesen werden müssen, sind 48% ehemalige Dienstmädchen, die fast sämtlich vom Lande oder aus kleinen Städten stammen. Von Hütejungen wird berichtet, daß sie fast allgemein durch die Langeweile zu Diebstahl, Tierquälerei, Baumfrevel, Zerstörung von Vogelnestern usw. verführt werden. Bei anderen Erwerbstätigen treten als Folgeerscheinungen Mangel an Ordnungsliebe, Neigung zum Vagabondieren, Geldvertun und Stehlen, Hang zur Lügenhaftigkeit, Onanie und andere Untugenden zutage. Ferner gehört es durchaus nicht zu den Seltenheiten, <!-- S. 149 --> daß Knaben am frühen Morgen — wie direkte Beobachtungen bestätigen — von Dirnen verschleppt werden. So erklärt sich auch der Ausspruch der Bäckermeister gelegentlich einer anderen amtlichen Enquete, daß sie ihre Lehrlinge zum Frühstückaustragen nicht verwenden könnten, wegen der damit verbundenen sittlichen Gefahren.

Das *neue Kinderschutzgesetz* hat den grauenhaften Zuständen ein wenig Einhalt getan. Doch eben nur wenig. Es ist so durchlöchert, so dehnbar, so wenig von dem sittlichen Ernste der Aufrichtigkeit erfüllt und in geschickter Hand für jede Willkür so nachgiebig, daß es die Skrupellosen und Pfiffigen unter den Unternehmern geradezu zur Übertretung anreizt. Man behauptet einfach, das Gesetz nicht zu kennen, und setzt sich frivol und dreist über seine Bestimmungen hinweg; die Polizeiorgane sind — das weiß man nur zu gut — in diesen Dingen überaus nachsichtig, und die Richter lassen selbst bei schweren Verletzungen des Gesetzes eine unbegreifliche Milde walten. Die verhängten Strafen sind so lächerlich gering und stellen eine so offenkundige Verhöhnung des Geistes dar, von dem das Gesetz diktiert ist, daß sie allgemein in kapitalistischen Kreisen als Prämien empfunden werden. Das Kind genießt infolgedessen durch das Gesetz nur einen äußerst mangelhaften Schutz vor den Polypenarmen der Ausbeutung.

Es soll hier nicht der Versuch gemacht werden, eine Statistik der unübersehbar großen Anzahl von Fällen aufzustellen, in denen das Gesetz täglich und stündlich fast überschritten wird. Nur einige aus der erdrückenden Menge willkürlich herausgegriffene Beispiele sollen zeigen, <!-- S. 150 --> wie trotz des viel- und lautgepriesenen Kinderschutzes die maßloseste Ausbeutung der Jugend noch immer üppig gedeiht.

Im Aachener Landkreise werden 3- und 4jährige Kinder mit dem Aufnähen von Knöpfen, Haken und Ösen beschäftigt. Für drei Dutzend wird ein Pfennig bezahlt; die Kinder verdienen täglich 8 bis 10 Pf., müssen dafür aber den Zwirn noch liefern.

In Bergwerken arbeiten noch etwa 4000 Kinder unter 16 Jahren unterirdisch. Trotz ausdrücklichen Verbotes des Gesetzes sogar Kinder unter 14 Jahren. 1902 waren dies in Preußen nur 40, 1903 schon 71 Kinder. Im Mansfeldischen werden die Kinder vorzeitig aus der Schule entlassen, um in den Gruben arbeiten zu können. „In Sizilien,“ so führte ein Redner auf dem preußischen Bergarbeiter-Delegiertentag 1905 aus, „müssen Knaben schwere Erzkörbe zutage tragen, halb nackt wegen der großen Hitze. Im Mansfelder Revier ist es noch schlimmer. Im wirklichen Sizilien können die Knaben ihre schwere Arbeit wenigstens aufrecht tun; im deutschen Sizilien müssen sie den Hund, in dem das Erz von der Strecke zur nächsten Förderstelle geschafft wird, bei einer Schachthöhe von höchstens 35 cm kriechend an einem Stricke hinter sich herziehen (Vielfaches Hört! hört!). Auch in Mansfeld haben die Knaben nichts weiter an als eine Hose, um ihre Scham zu bedecken, ein Hemd kennt man da nicht. Eine Ministerialverordnung von 1879 hat der Mansfelder Gewerkschaft das Privileg erteilt, Kinder unter 16 Jahren unter Tag zu beschäftigen, weil die Abbauverhältnisse angeblich so ungünstig sind, daß nur mit Hilfe der Kinderarbeit der Betrieb aufrecht <!-- S. 151 --> erhalten werden könne. Das ist natürlich Unsinn. Aber selbst, wenn es wahr wäre, so wäre ein Bergbau, der ohne Ausbeutung der Kinder zugrunde gehen müßte, nicht wert zu existieren. (Sehr richtig!) Ist es doch in Mansfeld nichts Seltenes, daß Kinder unter 14 Jahren schon Unfallrentner sind. (Hört! hört!) Auch ihr Leben haben Kinder unter 14 Jahren schon auf dem Schlachtfelde des Bergbaues eingebüßt. (Erneutes Hört! hört!)“

In den Bezirken Königsberg und Allenstein wurden nach Angabe der Gewerbeberichte 1909 nicht selten während der Schulferien Kinder in Fabriken beschäftigt; in einzelnen Fällen 9½ Stunden täglich und darüber.

In den Kringelbäckereien eines Ortes in Schleswig wurden 12- bis 13jährige Kinder während des Sommerhalbjahres täglich bis zu 10 Stunden beschäftigt. Sie erhielten nur zweimal wöchentlich je 3 Stunden Schulunterricht.

In Harburg waren unter 469 Kindern 110 in einer gesetzlich verbotenen Weise beschäftigt. Aus den Listen waren 118 Verstöße gegen das Kinderschutzgesetz ersichtlich.

Im Regierungsbezirk Düsseldorf wurden allein in Barmen 178, in Krefeld 362 in gesetzwidriger Weise beschäftigte Kinder ermittelt. Besonders schwere Verfehlungen kamen in Duisburg vor, wo allein 73 Personen wegen Übertretung des Gesetzes bestraft werden mußten. In Köln wurde festgestellt, daß von den gewerblich tätigen Kindern 43,3% gesetzwidrige Beschäftigungen ausführten.

In einem Vororte von Berlin waren von 44 beschäftigten Kindern 38 in gesetzwidriger Weise tätig, vielfach schon täglich von 4½ Uhr an.

<!-- S. 152 --> Nach den schlesischen Gewerbeberichten von 1905 mußte in zwei Bezirken in 100 Übertretungsfällen Strafantrag gestellt werden. In zwei anderen Bezirken waren zusammen 1225 Kinder gewerblich tätig; Arbeitskarten fehlten bei 597, sonstige Verstöße gegen die Vorschriften des Gesetzes wurden bei 748 und eine durch die gewerbliche Tätigkeit veranlaßte gesundheitliche oder sittliche Schädigung wurde bei 108 Kindern festgestellt. Von einem der erwerbstätigen Knaben teilte der Lehrer mit: „Leistung im Unterricht trotz guter Anlagen unter mittelmäßig. Oft zerstreut und unaufmerksam. Vater im Zuchthause. Muß mit einem Lohn von 50 Pf. für zwei Tage eine starke Familie mit ernähren helfen. Arzt hat Herzkrankheit festgestellt.“ Vielfach ermöglichte das Gesetz nicht, gegen schwere Ausbeutung der kindlichen Arbeitskraft vorzugehen. Z. B. wenn Bäcker nicht die Kinder, sondern deren Eltern zum Austragen von Backwaren angenommen hatten und die Eltern dann den Kindern die Arbeit übertrugen. Auch beim Heranziehen zu kirchlichen Diensten. „Das frühe Aufstehen an Wochentagen,“ so besagen die Berichte der Lehrer über den Ministrantendienst, „verkürzt den Kindern die ihnen nötige Nachtruhe. Der überlange Sonntagsdienst nimmt ihnen mitunter fast die ganze Ruhe und Erholung des Sonntags. Das Zusammenfallen von Kirchendienst und Schule entzieht die Kinder oft lange der Schule und beeinträchtigt den Lernerfolg.“

Im Bezirk Posen wurden 22 Kinder, darunter einige im Alter von 7—12 Jahren, beim Aufstapeln von Hartsteinziegeln während der Schulferien täglich 10 Stunden <!-- S. 153 --> lang bei einem Lohn von 30—50 Pf. beschäftigt. Der Unternehmer wurde zur Anzeige gebracht und mit — 6 Mk. Geldstrafe belegt. In einer Tonziegelei waren drei Schulknaben im Alter von 12 Jahren während der Schulferien 11½ Stunden gegen einen Lohn von 60 bis 65 Pf. tätig. Der Ziegeleibesitzer mußte 32 Mk. Strafe zahlen. Auf einem Zimmerplatze war ein 13jähriger Knabe neben einem anderen jungen Manne täglich 11 Stunden beschäftigt worden. Der Arbeitgeber wurde mit 25 Mk. bestraft.

In Leipzig stieß ein Herr nachts auf einen 9jährigen Knaben, der zwischen Musterkoffern und Kisten im Toreingange eines Hotels vor Ermattung umgesunken war. Als man ihn geweckt, aufgerichtet und gestärkt hatte, erzählte er von zu Hause: Vater sitzt, Mutter geht auf Arbeit, fünf kleine Geschwister noch daheim, ein Schlafbursche und zwei Schlafmädchen; *früh um 6 Uhr beginnt die Arbeitszeit des Kindes und abends 9 Uhr und manchmal auch noch später endet sie. 15stündige Arbeitszeit für ein 9jähriges Kind!* … Früh Wasser ansetzen und Kaffee kochen, Stiefel putzen, Treppe waschen, Kohlen tragen, Geschwister anziehen, Schulweg, 4 Stunden Schule, hier die Gedanken zusammennehmen, während der kleine Körper noch matt ist von ungenügender Nachtruhe, wieder nach Hause hetzen, die kleinen Geschwister versorgen, ein bißchen kaltes Essen hinunterwürgen, von neuem in die Schule, Schularbeiten zu Haus und dann treppauf, treppab Zeitungen tragen, bis der kleine Körper den Tribut versagt …

Nicht selten geschieht es, daß Kinder bei ihrer Erwerbsarbeit <!-- S. 154 --> zu *Krüppeln* werden. Mansfeld mit seinen fürchterlichen Zuständen wurde schon erwähnt. Im Bezirk Breslau verlor ein Kind beim Bedienen einer Wurstmaschine in einer Fleischerwerkstatt vier Finger; im Bezirk Frankfurt a. O. ein Mädchen bei Handreichung an der Kreissäge drei Finger. In Braunschweig mußte einem in der Jutefabrik Vechelde beschäftigten 15jährigen Knaben, der seit seinem neunten Jahre in der Fabrik tätig war, der Arm abgenommen werden, nachdem infolge einer geringfügigen Unfallverletzung Blutvergiftung eingetreten war.

Ist so der Schutz der industriell und gewerblich tätigen Kinder äußerst unzulänglich, so genießen die in der *Landwirtschaft* beschäftigten Kinder einen Schutz überhaupt nicht. Das Gesetz hat für sie keine Geltung. Die Agrarier haben es verstanden, jeden Versuch, den Schutz der gesetzlichen Bestimmungen auch auf die Landwirtschaft auszudehnen, zu hintertreiben. So sind die Kinder nach wie vor der Arbeitsfron, der Überanstrengung, den traurigen Folgen einer schrankenlosen Ausbeutung erbarmungslos ausgeliefert. Gerade aber sie bedürften des schützenden Armes der Behörden in besonderem Maße, denn an Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit stellt die agrarische Profitgier alles in den Schatten. Wie auf den Junkerdomänen Ostelbiens die Kinderausbeutung in Blüte steht, und mit welcher Intensität sie durchgeführt wird, zeigt die Auskunft eines pommerschen Landlehrers über den Wochen- und Tagesarbeitsplan eines 12jährigen Jungen: 3. Märzwoche: 4½ Uhr auf. Stallarbeit (Ausmisten helfen, Wassertragen, Füttern) bis 7½ Uhr. Schule. Über Mittag Holzhauen und Rübenstampfen. Nachmittags <!-- S. 155 --> Arbeit in der Scheune (Strohabtragen). Gegen Abend Füttern, Torfabtragen, Wassertragen. Im ganzen 7 bis 8 Stunden gearbeitet. Sonntags 3 Stunden. 4. Märzwoche: Ungefähr die gleiche Arbeit. Dauer der Beschäftigung etwas länger, weil die Tage zunehmen. 1. Aprilwoche: Mehrarbeit wegen Erkrankung des Knechts. 56 Stunden in der Woche. 2. Aprilwoche: Morgens Stallarbeit, alsdann Gartenarbeit. Nachmittags Kornboden gereinigt. Regelmäßige Arbeit: täglich Kartoffeln von Keimen befreien bis 8 Uhr abends. Arbeitsdauer in der Woche 60 Stunden. 3. Aprilwoche: Morgens Stallarbeit. Außer der Schulzeit Faschinen aus Weiden gebunden zum Wegebessern. Feldarbeit. Hausarbeit. Und so fort bis in den Spätherbst hinein, oft 8 bis 14 Stunden täglich. Um die Ausnutzung der kindlichen Arbeitskraft noch mehr zu steigern, geht das Streben der Junker dahin, den Unterricht nach Möglichkeit einzuschränken. Vieh hüten, Rüben zupfen und Ställe ausmisten erscheint ihnen verdienstlicher und notwendiger als die Pflege des Wissens. Der Abgeordnete Gamp forderte im preußischen Junkerparlament, daß der Unterricht auf die Stunden von 6 bis 9 Uhr früh verlegt werde. „Dann, meine Herren,“ so erklärte er unter dem Beifall der Rechten, „befänden sich die kleinen Bauern in der Lage, ihre Kinder und die Kinder der ländlichen Arbeiter fast den ganzen Tag auszunützen, und das, meine Herren, wäre für sie ein großer Vorteil.“ Ohne daß die Gampsche Forderung verwirklicht worden ist, trägt die Schulbehörde doch den Wünschen der Agrarier im weitesten Umfange Rechnung. Es erfolgen Dispensationen von Kindern für die Heuernte, die Jagd, das Kartoffelausnehmen; <!-- S. 156 --> Rübenferien werden gehalten, oft erfährt der Unterricht tage- oder gar wochenlang Unterbrechungen, damit die Kinder Buch und Tafel mit Rechen und Hacke vertauschen können.

Ähnliche Zustände sind auch in *Süddeutschland* ermittelt worden. So ergab eine von der bayrischen Regierung über die Kinderarbeit im nördlichen Frankenwald aufgenommene Statistik, daß in einem einzigen Bezirk (Teuschnitz) von 3210 Schulkindern 549 (17%) gegen Lohn beschäftigt waren; 9% waren noch nicht 12 Jahre alt, und 7% dienten als Viehhirten. Dabei sind die vielen, die das Vieh ihrer Eltern hüteten, gar nicht berücksichtigt. Die Beschäftigung erstreckte sich durchaus nicht auf die Schulferien; vielmehr waren 143 Kinder, darunter 80 unter 12 Jahren, bis 34 Wochen im Jahre als Dienstboten tätig, vorzugsweise beim Viehhüten. Die Möglichkeit der sittlichen Schädigung der Kinder durch die Entziehung des elterlichen Einflusses und durch die Eingliederung in die Gesellschaft von erwachsenem Gesinde liegt hier viel näher als sonst, weil im Frankenwalde nach amtlicher Feststellung noch vielfach die Sitte besteht, daß männliche und weibliche Dienstboten in einem gemeinsamen Raume schlafen. Auch die hygienischen Verhältnisse, unter denen die Kinder das Viehhüten besorgen müssen, sind nach Angaben des Bezirksarztes Dr. Heißler die denkbar traurigsten; die Kleidung ist meist äußerst mangelhaft, so daß sie bei ungünstiger Witterung keinen hinreichenden Schutz gewährt; statt 10 Stunden Schlaf, wie ihn die kindliche Natur verlangte, gibt es gewöhnlich nur 5 bis 6 Stunden Ruhe. Dr. Heißler betont, daß nur die große <!-- S. 157 --> Armut die Eltern dazu zwingt, ihre Kinder dieser unerhörten Ausbeutung zu überliefern.

Seinen furchtbarsten und erschütternsten Ausdruck findet das Elend des Hütekinderwesens wie der Kinderausbeutung überhaupt in dem *Kindermarkt*, der alljährlich in Friedrichshafen abgehalten zu werden pflegt. Ein Mitarbeiter der „Mannheimer Volksstimme“, der vor ein paar Jahren den Ort aufsuchte, um Augenzeuge der empörenden Vorgänge zu sein, entwirft von dem aller Kultur und allen Kinderschutzbemühungen spottenden modernen Sklavenhandel, der dort getrieben wird, eine Schilderung, die hier unverkürzt wiedergegeben sei:

In den ersten Frühstunden des 28. Oktobers fuhr ich nach *Friedrichshafen* am Bodensee, dem Sammelplatz der „*Hütekinder*“, um einmal mit eigenen Augen diesen unwürdigen Sklavenhandel anzuschauen. In zahllosen Scharen waren die armen Buben und Mädchen aus Tirol, die den Sommer über bei den Bauern des badischen und württembergischen Schwarzwaldes, der Alb und des Allgäus das Vieh gehütet und andere landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet hatten, zusammengeströmt, um in gemeinsamem Schub auf den Winter wieder in ihre Heimat zurückbefördert zu werden. Und wahrhaftig, ich habe kaum einmal etwas Menschenunwürdigeres gesehen. Seit dem frühesten Morgen lungerten zahlreiche Kinder, darunter *noch nicht zehnjährige*, in den Straßen herum. Die Bauern der Umgebung bringen die Kinder zeitlich früh in die Stadt, und nur einen einzigen Arbeitgeber konnten wir beobachten, der bis zur Ankunft der Geschäftsführer des Hütekindervereins, der Landecker <!-- S. 158 --> *Geistlichkeit*, bei seinem Hütekind, einem etwa zehnjährigen Mädchen, blieb. Alle übrigen waren vor und nach Ankunft der Geistlichen allein, weil ja diese, von Ravensburg kommend, mit Geldwechseln und Fahrtvorbereitungen zu tun hatten. Stundenlang saßen die Kleinsten völlig unbeweglich und trübselig auf ihren Kleidersäcken. Widerlich und beschämend für Tirol und und die Veranstalter dieses Sklavenverkaufes war das Treiben jener größeren Kinder, die schon wiederholt „dussa“ gewesen sind. Unter Gejohle, Schreien und Mundharmonikaspiel durchzogen sie die Stadt, alle eine Zigarre in der Hand, die findige Geschäftsleute den Kindern bei ihren Einkäufen schenkten, nachdem sie sich freilich früher durch eine ganz gewissenlose Übervorteilung diese elenden, nur ratenweise zu rauchenden Zigarren doppelt und dreifach bezahlen ließen.

Viele größere Buben, die den ganzen Tag nur von dem mitgegebenen kalten Mundvorrat lebten und dazu ungewöhnlich zechten, waren stark angeheitert. Kaum vierzehnjährige Mädchen und nicht viel ältere Burschen liebelten ganz ungeniert zum Gaudium der gedankenlosen Gaffer auf offener Straße, ja, selbst vor dem Wirtshause „Zum goldenen Rat“, wo das geistliche Komitee seine Geschäfte verrichtete. Vielen Kindern konnte man einen erschreckenden Grad von *Roheit und sittlicher Verwahrlosung* von den Augen ablesen. Wer jedoch weiß, wie und unter welchen Verhältnissen die Kinder fern vom Elternhause den Sommer verleben, wird dies begreiflich finden. Alle Kinder, die wir fragten, erklärten, daß sie jeden Tag um halb vier Uhr früh, während der Heuernte <!-- S. 159 --> *um drei Uhr aufstehen* mußten und zwischen acht und *neun Uhr abends erst schlafen gehen* durften. Jeden Tag unausgeschlafen und zumeist im *Stall* beschäftigt, beobachten diese sinnlich gereizten Kinder viel zu früh das Geschlechtsleben der Tiere, und wenn man dabei an das schlechte Beispiel denkt, das die erwachsenen Dienstboten durch unflätige Redensarten den Kindern geben, kann man sich die Vorgänge selbst vorstellen, die sich auf einsamen Weideplätzen und in den geschlossenen Unterstandswagen zwischen Hütebuben und -mädchen abspielen. Auch wir konnten uns das rohe und freche Benehmen vieler Kinder während des Tages und am Abend beim Einschiffen erklären.

Die Ankunft in Bregenz und die Behandlung der Kinder durch die Leiter läßt es als einen Skandal erscheinen, daß die Regierung den Transport der Hütekinder nicht bewacht. Wie das Vieh wurden die Kinder *in die Wagen zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges hineingepreßt* und mit einer warmen Wurst und einem Brot, das einzige Mal während des ganzen Tages und der Nacht, durch den Verein abgespeist. In einem großen Krautkübel brachte ein bregenzer Metzger die Würste auf einem kleinen Brückenwagen und führte sie zu den Waggons, in denen die Kinder *gleich den Tieren einer Menagerie* eingepfercht waren, und aus denen sie schreiend und bittend ihre Hände streckten. Empörung erfaßte die zahlreichen Zuschauer über diesen Vorgang und besonders über den Leiter dieses Kindertransports, einen *landecker Kooperator*, der nach dieser Mahlzeit die Kinder in die Waggons einsperren <!-- S. 160 --> ließ, um selber mit den anderen geistlichen Begleitern und einigen oberinntaler Lehrern, die sich zu Transportdiensten hergaben, in den Gasthof „Zur Krone“ zu gehen.

Endlich, nach 11 Uhr nachts, setzte sich der Zug unter Gejohle und Pfeifen der Jugend in Bewegung, und fort ging's über den Arlberg der lieben Heimat zu. Auf fast allen Stationen stiegen Kinder aus, der größte Teil der Kinder wurde in Landeck und Imst von den wartenden Eltern oder Verwandten abgeholt. Immer leerer wurden die Wagen, bis endlich in Innsbruck zwei Mädchen im Alter von zwölf und vierzehn Jahren aus Matrei und zwölf Buben aus der Riesengasse, St. Nikolaus und Mariahilf, also aus Innsbruck stammend, als letzte dem Kindersklavenzug enstiegen.

Meine Beobachtung und gewonnene Einsicht, daß Kinder für *das doppelte Gewand und einen Lohn zwischen 40 und 120 Mark*, welchen sie sich trotz Vertrag oft beim Austritt *erstreiten müssen*, den *Sommer über förmlich verkauft und sittlicher Verwahrlosung anheimgegeben werden*, zwingen mich, mit aller Energie bei den Landesbehörden und der Regierung dahin zu wirken, daß mindestens *Kinder unter vierzehn Jahren nicht mehr fortziehen dürfen*. Die sittliche Verwahrlosung und Verrohung, die Bedrohung der Gesundheit der Kinder durch Verwendung zur schwersten Arbeit und Bedienung gefährlicher landwirtschaftlicher Maschinen, wodurch jedes Jahr einige zu Krüppeln werden, lassen mich hoffen, daß auch bürgerliche fortschrittliche Männer für die Beseitigung dieses das Ansehen der beteiligten <!-- S. 161 --> Länder schwer herabsetzenden Kindersklavenhandels eintreten werden.

* * *

Eine Wanderung des Grauens durch ein verwüstetes Kinderland … So sieht das Paradies der proletarischen Jugend aus! Das ist ihre „goldene Märchenwelt“, von der die Dichter singen! … Das Herz bebt von dem namenlosen Jammer, dessen entsetzter Zeuge es gewesen …

Es glühen die Feuer. Die Essen dampfen. Durch das Rasseln und Surren der Räder, das Hämmern und Schmieden, Stampfen und Dröhnen, — durch das Klappern der Tretmühle in den Werkstätten, das Keuchen und Seufzen in den Höhlen der Heimindustrie, das Rackern und Quälen auf Feldern und Triften klirren die Ketten, an die der Nachwuchs des Proletariats geschmiedet ist.

Und tausend Kinder siehst du stehen.<br>
Die still an einem Stricke drehen,<br>
Früh alt vor Hunger und Gebrest …

## Der sprichwörtliche Volksschuljammer

War es bisher der physische Mensch, der sich unter dem rauhen Klima seines sozialen Milieus der Verkümmerung und Verelendung ausgeliefert sah, so beginnt nun auch der *geistige* Mensch Not zu leiden und sich seiner Benachteiligung und Vernachlässigung durch die Gesellschaft unter schmerzlichen Empfindungen bewußt zu werden.

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Daß es heute nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten das beklagenswerte Schicksal der Armut ist, für das ganze Leben einer Aussperrung des Geistes überliefert und in die Nacht dumpfer Unwissenheit gebannt zu sein, dankt sie nicht dem segnenden Walten einer gütigen Vorsehung oder der Einsicht und Seelengröße wohlwollender Potentaten, wie eine in religiösen und dynastischen Vorurteilen befangene Geschichtsschreibung dies darstellt. Sie dankt es vielmehr den harten Geboten der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die im Interesse des fortschreitenden Industrialismus eine höhere geistige Anteilnahme auch des Arbeiters an der Produktion, und im Interesse des modernen Staates ein höheres Bildungsniveau auch für die breiten Volksschichten zum Zwecke ihrer Verwendung im Heere wie in der Verwaltung fordern mußten. Das *Recht auf Bildung* wurde verkündet; die Schulen erfuhren eine Reform an Haupt und Gliedern; die Schulpflicht gelangte zur Einführung; nun war auch die große Masse, dieser blinde Hödur, von der lähmenden und niederdrückenden Macht geistiger Finsternis befreit.

In der Praxis freilich zeigte sich bald, daß jedes theoretische Recht eine wächserne Nase hat. Der Besitz wußte sie zu seinem Vorteil zu formen. Er schuf aus der Schule ein Klasseninstitut; für die Besitzenden die höheren Bildungsstätten mit freieren wissenschaftlichen Auffassungen, geschulteren Lehrkräften, weiteren Bildungszielen, kleinen Klassen, reicheren Lehrmitteln; für die Armen dagegen die Volksschule mit dem Übergewicht religiösen Ballasts, überfüllten Klassen, mangelhaft ausgebildeten <!-- S. 163 --> und schlecht besoldeten Lehrkräften, niedrigen Bildungszielen, der Herrschaft des Bakels und der ganzen Menge jener teils beschämenden, teils abstoßenden Charakterzüge, die die Volksschule im Bewußtsein und Gefühl der Öffentlichkeit zur Armenschule gestempelt haben.

Soweit sich die *stiefmütterliche Behandlung der Volksschule* durch den Staat in Mark und Pfennigen darstellen läßt, sollen ein paar ziffernmäßige Angaben als beweiskräftige Belege hier angeführt sein.

Von den Gesamtaufwendungen, die 1906 für das Volksschulwesen im Deutschen Reiche gemacht wurden, entfielen auf einen Volksschüler durchschnittlich 54 Mark. Im einzelnen betrugen die Leistungen in der Provinz Posen 40, Westpreußen und Schlesien 42, Hessen-Nassau 63, Schleswig-Holstein 67, Berlin 99, in der ganzen preußischen Monarchie 48 Mark für den Volksschüler; in Bayern 55, Sachsen 58, Hamburg 88 Mark. Dagegen leisteten Staat und Gemeinden in Preußen nach Ausweis der Statistik von 1909 für einen Schüler höherer Lehranstalten, deren Tore dem proletarischen Nachwuchs verschlossen bleiben, jährlich 159 Mark, also das Dreifache der für einen Volksschüler aufgewendeten Summe. Die Verteilung war im einzelnen ungleichmäßig; es kamen auf einen Realprogymnasiasten 85, einen Oberrealschüler 110, einen Realgymnasiasten 114, einen Realschüler 133, einen Gymnasiasten 204, einen Progymnasiasten 235 Mark im Jahr. Noch viel höher sind die Zuwendungen, die der Staat für Hochschüler auswirft; so empfing nach dem Etat von 1909 jeder Besucher der Technischen Hochschulen 702, jeder Student 709 Mark <!-- S. 164 --> durchschnittlich pro Jahr aus Mitteln des Staates für seinen Bildungsgang.

Die Ungerechtigkeit in der Verteilung öffentlicher Gelder für Bildungs- und Schulzwecke je nach der sozialen Rangstufe tritt noch augenfälliger und aufreizender in den *Leistungen der Gemeinden* zutage. Nach einer Vergleichung, die allerdings nicht neuesten Datums, nichtsdestoweniger aber beweiskräftigt ist, kamen in Rixdorf auf einen Volksschüler 44, einen Realschüler 90 Mark; in Spandau auf einen Volksschüler 26, eine Besucherin der höheren Mädchenschule aber 87 Mk.; in Charlottenburg auf einen Volksschüler 93, einen Realgymnasiasten 150, einen Oberrealschüler 162 Mk.; in Witten auf einen Volksschüler 46, eine Mädchenschulbesucherin 216, einen Realgymnasiasten 255 Mark; in Elberfeld auf einen Volksschüler 49, einen Besucher höherer Lehranstalten aber 169 Mark usw.

Wie sehr die Volksschule selbst in einer Stadt wie Leipzig, wo das öffentliche Bildungswesen gewiß nicht das schlechteste ist, benachteiligt wird, geht aus einer 1908 von der Leipziger Lehrerzeitung aufgemachten Berechnung hervor. Die Stadt Leipzig bezahlt für einen Knaben, der 8 Jahre lang die Volksschule besucht, 8 × 65,47 Mark = 523,76 Mark, dazu 2 Jahre Fortbildungsschule, 2 × 28,14 Mark = 56,28 Mark; zusammen also 580,04 Mark. Für einen Realschüler zahlt die Stadt 3 Jahre lang den Zuschuß für die Volksschule, 3 × 65,47 Mark = 196,41 Mark und 6 Jahre lang den Zuschuß für die Realschule, 6 × 171,37 Mark = 1028,22 Mark, insgesamt also 1223,63 Mark. Für einen Realgymnasiasten 3 Jahre Zuschuß <!-- S. 165 --> für die Volksschule und 9 Jahre den Betrag für die Petrischule = 2039,81 Mark. Ein Gymnasiast kostet, wenn er die Thomasschule besucht, 2610,75 Mark, wenn er das Nikolaigymnasium besucht, 3088,20 Mark. Man vergleiche: *ein Volksschüler 500, ein höherer Schüler 3000 Mark aus öffentlichen Mitteln.* Das ist das Gesicht der Klassenschule!

Soviel über die finanziellen Aufwendungen. Aber noch ein paar andere Ziffern sind zur Kennzeichnung der äußeren Volksschulverhältnisse von Wert.

Es gab im Deutschen Reiche 1906 insgesamt 60584 Volksschulen mit 9737262 Schülern und Schülerinnen, die von 166597 Lehrkräften uuterrichtet wurden. *Auf eine Lehrkraft* kamen mithin 58 Schüler; im Königreich Sachsen 61.

In demselben Jahre zählte das *deutsche Heer* 499378 Soldaten, 24687 Offiziere und 75062 Unteroffiziere. Während ein Volksschullehrer 58 Kinder unterrichten mußte, entfielen auf einen Offizier zur Ausbildung im Durchschnitt weniger als 25, auf einen Unteroffizier weniger als 7 Mann. Das ist der Klassenstaat als Kulturstaat!

Höchst mangelhaft und rückständig ist die *Gliederung des Schulwesens in Aufbau und Organisation.* So wurde 1906 der neunte Teil aller Kinder Preußens (683627) in einklassigen Schulen (13566) unterrichtlich versorgt. Mehr als eine Million Kinder (1111826) gingen in Halbtags- und sonstige zweiklassige Schulen. Unter 37761 Schulen gab es nur 544 achtklassige mit 428438 Kindern.

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Nur gar erst der *Lehrermangel!* Würde man in Preußen die von einer Lehrkraft zu unterrichtende Kinderzahl auf 30 bemessen — das ist etwa die Forderung der fortgeschrittenen bürgerlichen Pädagogik und entspricht den Verhältnissen in außerdeutschen Staaten — so wären *rund 100000 weitere Lehrkräfte erforderlich*, in ganz Deutschland mehr als 150000. Dabei wäre an eine Besetzung der 1906 wegen Mangels an Lehrkräften unbesetzten 3233 Stellen und eine Hebung der 7873 Halbtagsschulen (gegen 2879 im Jahre 1882!) noch gar nicht gedacht. 1901 mußten 1255922 Schulkinder in 8815 Schulen und 16127 Klassen so unterrichtet werden, daß auf die Klasse in einklassigen Schulen mehr als 80, in Halbtagsschulen mehr als 90, in zwei- und mehrklassigen Schulen mehr als 70 Kinder kamen. 22,15 % wurden demnach *in überfüllten Schulen* unterrichtet; im schwarzen Münsterlande 47,9 %, in Oppeln 44,4 %, in Arnsberg 40,8 %. Fast 100000 Kinder saßen in Klassen bis zu 120 Kindern; 53 Klassen wiesen bis zu 180, 16 bis zu 200 und 14 bis zu 236 Schülern auf. Dabei mußten obendrein 104082 Schulklassen durch 88246 Lehrkräfte versorgt werden, so daß 16000 Klassen *keinen Lehrer* hatten. 1906 war diese Ziffer auf 18000 gestiegen; 36000 Klassen mußten ihren Lehrer mit anderen Klassen teilen. *Mehr als drei Millionen Kinder* wurden nicht nach den schon 1828 aufgestellten Grundsätzen des Volksschulunterrichts, sondern nach den *Grundsätzen der Armenverwaltung* und noch schlechter versorgt.

In Sachsen ist es um die äußere Verfassung des <!-- S. 167 --> Volksschulwesens nicht besser bestellt. 1906 kamen auf eine Lehrkraft 65,6 Schüler; 5,48 % aller Schulkinder (fast 43000) saßen in Klassen mit mehr als 80 Schülern; 211 Klassen zählten mehr als 100 Schüler, darunter befanden sich Klassen mit 171 und 174 Schülern. In 191 zweiklassigen Schulen mit über 34000 Kindern hatte ein Lehrer durchschnittlich 90 Kinder, in 119 Schulen 112, in 19 Schulen sogar 126 Kinder zu unterrichten. Auf 1 Lehrer kamen über 132 Kinder.

Ebenso schlimm liegen die Zustände in *Württemberg*, Baden, *Braunschweig* usw., von Mecklenburg und den thüringischen Raubstaaten mit ihrer sprichwörtlichen Schulverwahrlosung gar nicht zu reden.

Die *höheren Schulen* sind von diesem trostlosen Zustande unberührt. Da fehlt es nicht an Lehrkräften, da gibt es auch keine überfüllten Klassen. 1904 z. B. unterrichteten in Preußen 10723 Lehrer 191446 Schüler höherer Lehranstalten. Auf eine Lehrkraft kamen demnach 17 bis 18, in den Gymnasien nur 15 bis 16 Schüler.

Die Ströme der Wissenschaft spotten aller physikalischen Gesetze und geographischen Erfahrungen. Auf den Höhen und Graten der Gesellschaft fließen sie breit und tief und majestätisch dahin. Sobald sie aber in die weite Ebene der proletarischen Niederungen gelangen, verwandeln sie sich in armselige Rinnsale und seichte Lachen. Und während sie dort durch ihre klare, helle Flut erquicken und dem Dürstenden Labung spenden, vermag hier oft schon der Anblick der trüben, abgestandenen Pfützen Widerwillen und physischen Ekel zu erregen.

Es ist hier nicht der Platz, die Organisation und <!-- S. 168 --> Wirksamkeit des heutigen offiziellen Erziehungssystems mit allen ihnen anhaftenden Mängeln, Unzulänglichkeiten und Verkehrtheiten einer erschöpfenden kritischen Darstellung zu unterwerfen. Aber um zu zeigen, wie sehr gerade das proletarische Kind unter der Bildungspfuscherei und Erziehungstyrannei der Volksschule leidet, müssen wenigstens die markantesten Züge der *offiziellen Pädagogik* festgehalten und die fühlbarsten ihrer Nachteile und Schwächen unterstrichen werden.

Die Volksschule ist Armenschule. Das Los der Armut aber ist die Knechtschaft. „Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben,“ erklärte ein hoher Würdenträger der katholischen Kirche. — „Wenn man Sklaven will, ist man ein Narr, wenn man das Volk zu Herren erzieht,“ sagte Friedrich Nietzsche. So sind sich geistliche und weltliche Berater der besitzenden Klasse einig in der Erkenntnis, daß geistige Selbstständigkeit und Freiheit eine Gefahr für Herrschaft und Ordnung des Besitzes bedeuten. Was Wunder, daß die Volksschule das Schwergewicht ihres pädagogischen Wirkens in der *Vernichtung der geistigen und sittlicher Selbständigkeit* des Kindes zu erblicken hat. Der Wille muß gebrochen werden! ist erstes Gebot. Und jeder tüchtige Lehrer dieses Systems vertritt den Grundsatz: Erst Gehorsam, dann Liebe! Gehorsam aber bei 60, ja 80 und mehr Kindern in der Klasse läßt sich nur erreichen durch *Zwang, strenge Disziplin, Drill.* So wird die Volksschule zur Drillschule, die Erziehung zur Abrichtung, der Lehrer zum Stockmeister. Und das Kind zu einem geistig wie seelisch aufs greulichste mißhandelten Geschöpf.

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„Ich möchte Sie einmal,“ schreibt der aus dem Volksschullehrerstande hervorgegangene, angesehene bremer Pädagoge Prof. Bräutigam, „in eine Art *Zuchthaus der Gegenwart* führen; Sie werden erstaunt sein über den Titel, den es führt: es heißt die moderne Schule … Ja, die moderne Schule hat in Wahrheit heutzutage in einzelnen ihrer Lebensregungen eine große Ähnlichkeit mit einem Zuchthause … Wenn nur die ‚Zuchthäusler‘ reden dürften! Und wenn nur die, welche die Sklavenketten tragen, nicht so abgestumpft wären, daß sie ihre Unfreiheit gar nicht mehr als schimpflich empfinden!“

Die *Drillschule* legt den Geist des Kindes in lähmende Fesseln. Jede freie und eigene Regung ist verpönt; selbständig zu sein gilt fast als Verbrechen. Eine Unmenge trockenen und toten Wissensstoffes stürmt schon vom ersten Schultage an auf den noch unentwickelten Intellekt ein, der völlig darunter begraben wird. Zahlreiche Physiologen, es sei hier nur an Mosso erinnert, sind der Überzeugung, daß ein Kind von 6 bis 9 Jahren noch gar nicht die Reife des Gehirns besitzt, um ohne Gefahr für seine weitere Entwicklung lesen, schreiben und rechnen zu lernen, Gebete und Verse zu memorieren, sich in religiösen Gedankengängen und der krausen Logik von Bibelsprüchen zu bewegen, kurzum, die Aufgaben zu erfüllen, die heute der Schulunterricht an das Kind dieses Alters stellt. Besonders das erste Schuljahr ist geeignet, den Geist und das Gehirn zu verbilden. Das Schreib- und Lesezentrum entwickelt sich zu stark auf Kosten der übrigen Gehirnpartien. Die Tätigkeit der sensorischen Nerven findet kein Gegengewicht durch die der motorischen, <!-- S. 170 --> die rezeptive Arbeit keins durch die produktive, zu der die kindliche Natur drängt. Der Geist des Kindes wird nur mit den Wassersuppen des ödesten Verbalismus gespeist. Worte, nichts als Worte. Dazu Ziffern, Zahlen, Formeln — alles abstrakte Größen, tote Begriffe. Das blutfrische, rotbackige Leben ist wie abgeschlossen, die reale Welt mit ihren tausend bunten Dingen und unerschöpflichen Bildungswerten ist wie mit Brettern vernagelt. Zwischen den vier kahlen Wänden der Schulgefängnisse, in deren muffigen, stickigen Räumen die Sitzbänke wie aufgeklappte Kindersärge nebeneinander stehen, wird gepaukt und gedrillt, gefragt und geantwortet, vorgesagt und nachgeplappert, eingeprägt und aus dem Gedächtnis aufgesagt, — ein Heer von „drillenden, kujonierenden und malträtierenden Menschendressierern“, wie Gurlitt die Lehrer nennt, treibt sein Unwesen. Ob klug oder beschränkt, schnell oder langsam, phantasievoll oder nüchtern, intellektuell oder praktisch — jeder Schüler muß mit den übrigen in derselben Zeit dasselbe Quantum Wissen aufnehmen, dasselbe Pensum abhaspeln, dieselben Aufgaben lösen und dasselbe Ziel erreichen. Kein Individualisieren, kein Eingehen auf die Eigenart des Einzelnen, keine Anpassung der Stoffdarbietung an das Bedürfnis des Kindes! Wie sollte dies auch möglich sein bei 60, 80, 100, 200 Kindern! Da wird alles Dressur! Im Dozieren, Repetieren, Rubrizieren, Registrieren, Kontrollieren, Paradieren und Examinieren erschöpft sich das Wesen dieser impotenten „Du sollst und mußt“-Pädagogik. „Wo die Schule ist,“ sagt Artur Bonus, „da singt kein Vogel mehr, da wächst kein Gras mehr; dafür erstrecken sich <!-- S. 171 --> langgezogene Drahtspaliere.“ Und in der „Jugend“ war der Vers zu lesen, der das Urteil Bräutigams über die Schule bestätigt:

Ein Zuchthaus ist die Schule,<br>
Kein Haus gesunder Zucht —<br>
Kein Wunder, daß der Schüler<br>
Das Schinderhaus verflucht!

Natürlich entsprechen die *Resultate* dem Geiste der Schule. Fließend und richtig lesen können nur die wenigsten Kinder, wenn sie die Schule verlassen. Unter Tausenden ist kaum einer imstande, seinen Gedanken schriftlich wie mündlich korrekt und formschön Ausdruck zu geben. Über die mangelhaften Erfolge im Rechnen wird selbst in Lehrerkreisen bitter Klage geführt. Das Schreiben ist meist nur ein mehr oder weniger unbeholfenes Nachmalen; der Schreibunterricht stellt viel zu hohe Anforderungen, denn in wenig Jahren müssen acht Alphabete gelernt werden. Die Naturwissenschaften, die in den Mittelpunkt des ganzen Unterrichts gehörten, werden nur wenig berücksichtigt und obendrein sehr einseitig behandelt; in den Landschulen existieren sie kaum. Im Anschauungsunterricht treibt man den Unfug, im Schulzimmer zu lehren, anstatt die Kinder hinauszuführen in Wald und Feld, auf die Straßen und in die Werkstätten. Unsere Schulen kennen keinen Unterricht in Gesundheitspflege. Auch Rechts- und Bürgerkunde wird nicht gelehrt. Non scholae, sed vitae — die alte Weisheit wird zum blutigsten Hohn verzerrt.

Dafür erzieht die Volksschule um so eifriger und konsequenter zur *Frömmigkeit* und zum *Patriotismus.*

<!-- S. 172 -->

Dem *Religionsunterricht* ist im Lehrplan der Volksschule ein breiter Raum gewährt. Für Preußen schreiben die „Allg. Bestimmungen“ vor, daß bereits auf der Unterstufe, also bei 6 nnd 7jährigen Kindern, wöchentlich 4 Stunden der Religion gewidmet sein sollen, während auf Geschichte, Erdkunde und Naturlehre keine einzige Stunde entfällt. In der Aufzählung der Unterrichtsfächer steht die Religion an erster Stelle. 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffs für den evangelischen Schul- und Konfirmationsunterricht durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Danach müssen die Kinder auswendig lernen: 20—40 Sprüche aus dem Alten, 100—110 Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder und den Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen kleinen Katechismus. Das sind insgesamt etwa 180 Bibelverse und ebensoviele Kirchenliederstrophen. Dabei bedeutet dies, wohlgemerkt, nur das Minimum. Die eingeführten Religionsbücher enthalten durchweg mehr Memorierballast, so Armstorff 327, Ostwald und Luchs 253 Sprüche usw. Der religiöse Memorierstoff der berliner Gemeindeschulen fordert laut Lehrplan schon von 10 bis 11jährigen Kindern 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut der ersten drei Hauptstücke und 5 Psalmen mit zusammen 45 Versen. Für Religion sind 6, für Rechnen nur 2 Stunden in der Woche angesetzt. Im Königreich Sachsen fordert der Lehrplan für Volksschulen evangelischer Konfession die 5 Hauptstücke, 168 Gesangbuchstrophen, <!-- S. 173 --> 150 Bibelsprüche, 35 Choralmelodien und den hauptsächlichsten Inhalt von 140 biblischen Geschichten. Dabei ist dies, wie ausdrücklich hervorgehoben wird, nur das Minimum. Der sächsische Lehrplan widmet dem Religionsunterricht 27½ Seite, aber Geschichte, Erdkunde, Naturlehre und Naturgeschichte zusammen tut er auf 26 Seiten ab. Noch schlimmer teilweise liegen die Verhältnisse in anderen Staaten. So erhält ein stuttgarter Volksschüler in 7 Jahren 476 Religionsstunden mehr als ein berliner Volksschüler, 600 mehr als ein dresdner, 880 mehr als ein mannheimer und 780 mehr als eine preußische Töchterschülerin. Überall ist Schwarz Trumpf, und die armen Kindergehirne sind durch Gesetz und Staatsgewalt gezwungen, sich durch den Spuk alttestamentlicher Mords-, Diebs- und Ehebruchsgeschichten und das Hazardspiel einer ebenso abgeschmackten als frivolen Schuld- und Sühnemoral verwüsten zu lassen.

Kein Mißverständnis: Diese Kritik richtet sich keineswegs gegen die Religion. Die scheidet hier vollständig aus dem Kreise der Betrachtung aus. Nur ihr Mißbrauch, ihre Vergewaltigung und Verzerrung soll getroffen werden. Gerade der wahrhaft Religiöse wird sich, weil Religion etwas so Feines, Intimes, Persönliches ist, daß sie nur geahnt und gefühlt, niemals aber gelehrt und auswendig gelernt werden kann, gegen den heutigen Betrieb unseres Religionsunterrichtes in der Schule wenden und wenden müssen. Tiefe und ehrliche religiöse Naturen wie Pastor Kalthoff, Pfarrer Bonus, nicht zuletzt Graf Leo Tolstoi, der letzte wahre Christ, haben dies auch getan; teilweise mit leidenschaftlich erregten Worten. „Die <!-- S. 174 --> Schule ist ein umgekehrter König Midas,“ sagt Artur Bonus, „unter dessen Fingern alles Gold zu Staub wird. Sie ist imstande, schließlich auch die *besten und höchsten Gegenstände* den Kindern zu verekeln, vor allem den Religionsunterricht, in dessen sokratischer Luft kein Geheimnis atmen kann, in dem alles Höchste und Tiefste platt gefragt wird.“ Und der greise Tolstoi faßte sein Urteil in die zornigen Worte: „Der Religionsunterricht ist das *größte Verbrechen am Kinde*, das man sich überhaupt denken kann!“

So kommen gerade die Edelsten und Besten, aus ihrer tiefen Ehrfurcht vor dem wahrhaft Religiösen, zur Ablehnung eines Unterrichtsbetriebs, der das Göttliche im Menschen noch mit den Augen jener Weltanschauung betrachtet, die mit Tintengläsern nach dem Teufel warf.

Neben der Weckung und Befestigung des Glaubens an die himmlischen Autoritäten fällt der Volksschule die Aufgabe zu, der Jugend des Volkes die tiefe Kniebeuge vor dem Glanze *irdischer Autoritäten* beizubringen. Die Erziehung zum Patriotismus hat die Schulen zu Tummelplätzen politischer Demagogie gemacht.

Im *Geschichtsunterricht* erschließt man den Kindern keinen Einblick in eine Welt- und Kulturgeschichte, die erkennen läßt, daß alles Geschehene das Produkt einer durch wirtschaftliche Notwendigkeiten bedingten Entwicklung ist. Im Gegenteil. Man lenkt den Blick von dieser Erkenntnis ab und richtet ihn auf zufällige Persönlichkeiten, die eine verlogene Geschichtsdarstellung zu Überlebensgröße aufgeblasen hat. Man färbt die charakteristischen Momente objektiven historischen Werdens durch <!-- S. 175 --> den Anstrich nationaler, konfessioneller und politischer Tendenzen. Man schreckt selbst vor offenkundigen Fälschungen und dreisten Geschichtslügen nicht zurück, nur um Potentaten und Dynastien in hellerem Lichte erstrahlen zu lassen. Könige und Schlachtenlenker sind die Wohltäter der Menschheit, Kriege sind die großen Wendepunkte der Geschichte, im Mordspatriotismus gipfelt alle nationale Tugend. Hoch der Militarismus! Mit Gott für König und Vaterland! Hurra!

Die Volksschule ist die Pflanzstätte des säbelrasselnden *Patriotismus.* Sie soll die Jugend zu Kanonenfutter zurechtkneten und für die Luft des Kasernenhofes vorbereiten. Darum spielt in der Volksschule auch die *Prügelstrafe* eine so unheimliche Rolle. Während auf allen höheren Schulen die körperliche Züchtigung entweder völlig beseitigt oder auf ein kleines Minimum zurückgedrängt worden ist, sieht sich das proletarische Kind, das die Volksschule besucht, täglich und stündlich der Gefahr ausgesetzt, aufs schwerste gezüchtigt, wenn nicht gar gemißhandelt zu werden. Man macht sich keinen Begriff davon, was heute noch von prügelnden Pädagogen an Roheit, Gewalttätigkeit, Rücksichtslosigkeit und Barbarei geleistet wird. Damit schlägt man in dem werdenden Menschen alles tot, was Menschliches in ihm sich regt; alles Gute, Reine und Edle. „Welche kochende Bitterkeit und Rachgier,“ sagt Ellen Key, „welche hündisch kriechende Schmeichelei ruft nicht die körperliche Züchtigung hervor! Sie macht den Feigen feiger, den Trotzigen trotziger, den Harten härter! Sie stärkt die beiden Gefühle, die die Wurzel von fast allem Bösen in der Welt sind, Haß und Furcht.“

<!-- S. 176 -->

Die Volksschule wird von 95 % *aller Kinder* besucht. In ihrer dürftigsten und niedrigsten Gattung, der einfachen Volksschule, die auch Gemeinde- oder Bezirksschule heißt, empfängt die Jugend des Proletariats ihre Bildung und Erziehung. Ihr ist die Schule nur eine Etappe mehr in der großen Leidensschule ihres Lebens. Ihr Ungemach, ihre Benachteiligung, ihre Härten und Schrecken lassen sie in nichts unterschieden sein von dem Gesamtbild der ganzen Daseinsmisere.

## Wege zum Laster

Hat der Kapitalismus das körperliche Leben des proletarischen Kindes zu einem Martyrium, das geistige Leben zu einer Wüste gemacht, so schafft er alle Bedingungen, um das sittliche Leben in einen Morast zu verwandeln.

Er raubt den Eltern die Möglichkeit zur Erfüllung ihrer erzieherischen Pflichten und Obliegenheiten. Er löst das Band der Familiengemeinschaft und zerstört die Heimstätte, in der bisher die sittlichen Werte des Menschen reiften.

*Die Straße ist die Heimat des proletarischen Kindes* geworden. Hier verbringt es den größten und besten Teil seiner Jugend. Hier empfangen seine Sinne Nahrung und wachsen seine Kräfte. Die Luft, die es hier atmet, wird seinen späteren inneren Menschen mitbestimmen.

Jedermann weiß, daß die Straße nur selten ein Erzieher zum Guten ist. Wäre sie nur ein Brutnest für Rüpeleien und tolle Streiche, brauchte man ihr erzieherisches <!-- S. 177 --> Fiasko nicht tragisch zu nehmen. Aber dadurch, daß sie Augen und Ohren der Straßenkinder zu Pforten der Roheit und Gemeinheit, Niedrigkeit und Verworfenheit macht, wird sie zu einer *Schule der Unmoral* und des sittlichen Verderbs, ja oft zu einem Pfuhl der Schande und des Lasters.

Margarete Beutler betrachtete einmal Proletarierkinder auf dem Spielplatze, wie sie lachten, bauten, spielten und sich tummelten. Da fiel ihr Blick auf ein Mädchen, und in einigen ergreifenden Verszeilen zeichnete sie die Tragik der Lebensbahn, die des Kindes wartet:

„Dies Mädchen, wie ihr keck die Zunge geht,<br>
sie sprach wohl nie ein Kindernachtgebet;<br>
Noch trägt sie unbewußt ihr Lumpenkleid —<br>
wie lange noch — dann kommt auch ihre Zeit,<br>
dann schlingt sie schmutzge Bänder sich ins Haar<br>
und bietet lachend ihre Reize dar —<br>
und ein paar Jahre roher Lust, dann hat<br>
der Tod sie lieb auf sündger Lagerstatt.“

. . . .

Hat der Kapitalismus die Prostitution auch nicht erzeugt, so dankt diese doch ihren Aufschwung, vor allem ihre gesteigerte Fähigkeit zu sozialer Verwüstung dem Zeitalter, dem er den Namen und das historische Gepräge gibt. Was der Kapitalismus berührt, treibt er ins Riesenhafte. Auch auf dem Gebiete des käuflichen Liebesgenusses, wo der Leib des Weibes zur Ware wird, bringt er diese Tendenz zur Geltung. Und nicht nur dies; er hat auch das Antlitz des sozialen Gespenstes, das durch die Jahrhunderte schreitet, zur widerlichsten Fratze verzerrt.

Als gesellschaftliche Kategorie ist die Prostitution <!-- S. 178 --> eine *Klassenerscheinung.* Immer hebt sich ihre historische Silhouette ab von dem Hintergrunde einer Welt des Besitzes und der Besitzlosigkeit. „Das Klassenprinzip ist die Wurzel der modernen städtischen Prostitution. Das Klassenprinzip schließt wirtschaftlich mächtige und ohnmächtige Klassen ein, es zerstört das Gefühl der menschlichen Gemeinsamkeit zwischen den Angehörigen der verschiedenen Klassen, es schwächt die Idee der Verantwortlichkeit im geschlechtlichen Verkehr ab, es treibt die rein menschlichen Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander.“ Je größer die *sozialen Gegensätze* sich gestalten und je unüberbrückbarer sie werden, desto ergiebiger wird der Boden für die Prostitution.

Da sind unglückliche Geschöpfe, die von arbeitsunfähigen, vielleicht auch arbeitsscheuen Eltern auf den Bettel geschickt werden oder durch den Verkauf von Zündhölzern oder Blumen ein paar Pfennige verdienen müssen, um dem ärgsten Hunger zu wehren. Übernächtig und wankend vor Müdigkeit durchwandern die blassen Gestalten mit ihrem armseligen Trödel die qualmigen Lokale, in denen oft roheste Genußsucht schamlose Orgien feiert. Hungernd und frierend sitzen sie auf den Treppen und Fluren der Bierhallen und Tanzkneipen, hocken an den Straßenecken oder kauern in Torfahrten, um Vorübergehende mit ihrer Ware zu belästigen oder um eine Gabe zu bitten. Nach Hause dürfen sie nicht kommen, bevor nicht der Vorrat verkauft ist, — da naht sich ihnen die Schande, die mit raffinierten Künsten arbeitet. Und rasch geht es auf schiefer Ebene abwärts in die Kloaken des Lasters und der Verworfenheit …

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Da sind die *halbreifen Töchter des Proletariats.* Der Trostlosigkeit des mutterlosen Haushalts und dem grauen Elend der Mietskaserne entfliehend, bevölkern sie die Straße. In glänzenden Schaufenstern lockt Putz und bunter Flitter; aus festlichen Sälen klingt verführerische Musik; in strahlenden Karossen fährt das lachende Leben vorüber. Ohren und Augen saugen sich voll von Glanz und Glück; ihre Sehnsucht umfaßt eine strahlende Welt, die ihnen — o Fluch der Armut! — ewig verschlossen und vorenthalten sein soll. Aber hat nicht der Arme auch ein Recht auf Glück? Soll er immer nur an der Schwelle stehen und von weitem hineinschauen dürfen in das Lichtmeer, in den Festsaal des Lebens und des Reichtums, die Hände pressend auf das stürmisch klopfende Herz, um seinen heißen Schlag zu ersticken? Da fällt dem Mädchen „das Fräulein“ ein, das daheim Tür an Tür mit ihnen wohnt. Es hat Spitzenwäsche und seidene Kleider, elegante Hüte und Schmuck die Menge; es lebt von feinen Diners und süßen Leckereien, fliegt von Ball zu Ball und empfängt feine Herren zu Besuch. Welch ein beneidenswertes Los! In der Brust des Mädchens, dem das Schicksal so stiefmütterlich war, regt sich eine brennende Sehnsucht nach Glück und Liebeslust, es bricht die Kette und stürzt sich hinein in den Strudel. Der schwache Widerstand gegen Versuchung und Verführung ist bald gebrochen, und die Schlammwellen tragen sie rasch davon …

Wenn man den Ursachen der Prostitution nachgeht, stellt sich heraus, daß immer die *soziale Misere* die tiefere Wurzel bildet, mögen auch sonstwelche andere zufällige <!-- S. 180 --> Umstände die schließliche Auslösung der Bedingungen herbeigeführt haben. Die ökonomische Not verschuldet den Alkoholismus und die Verwahrlosung, zerstört die Gesetze der Moral und die Gefühle der Schamhaftigkeit. Der Hunger, der den Vater zum Dieb und die Mutter zur Kupplerin macht, er macht die Tochter zur Dirne. Hessen erzählt in seinem Buche über die Prostitution in Deutschland von einem littauischen Kutscher, der die vier bildsauberen Töchter einer armen Familie mißbrauchte. „Die Eltern waren so arm, daß das hübsche Ding oft Hunger litt und er sich die Gunst schon der Fünfzehnjährigen dadurch erwerben konnte, daß er ihr von seinem Brote zusteckte.“ Ein Fall von Hunderttausenden.

Man hört den *Schrei nach Brot*, wenn man aus den statistischen Ziffern der preußischen Fürsorgeerziehung liest, daß 76,1 % der Familien der Fürsorgezöglinge 1902 ein Einkommen bis zu 900 Mk. hatten. 1901 waren dies gar 77,8 %. Kein Einkommen bezogen 1901 beinahe 8 % und 1902 mehr als 7 %. Im erstgenannten Jahre waren 14,5 %, im nächsten 11,5 % als orts- und landarm verzeichnet. Welche Unsumme von bitterster Not spricht aus diesen Zahlen!

Aber noch aus anderen Quellen wird der schmutzige Strom der Prostitution gespeist. Alle ernsthaften Sozialpolitiker richten einmütig ihre Anklagen gegen das *Wohnungselend*, das besonders in Großstädten zu einem schweren sozialen Notstand geworden ist. Seine beredteste und zugleich abstoßendste Verkörperung ist die Mietskaserne, die wir kennen gelernt haben. Der Wucher des Hausagrariertums, besonders den minderbemittelten und <!-- S. 181 --> armen Bevölkerungsschichten gegenüber, erzwingt das enge und engste Zusammenleben oft heterogenster, vom Zufall zusammengewürfelter Elemente, das *Schlafburschenunwesen* und die Berührung der Jugend mit der Prostitution. Es wurde schon gesagt, daß in Großstädten wie etwa Berlin Prostituierte, die der Kasernierung nicht unterworfen sind, Tür an Tür mit proletarischen Familien wohnen, Aufgang, Flur und Treppen mit diesen gemeinsam benutzen und vor den Augen der Kinder ihrem Gewerbe nachgehen. „Der Schmutz der Prostitution spritzt fast auf die Kinderseelen.“ Ein Sensationsprozeß in Berlin, der vor Jahren einmal in die schauerlichen Tiefen des proletarischen Elends hineinleuchtete, ergab die skandalösen Tatsachen. In einer von Hunderten von Familien bewohnten Mietskaserne im Norden Berlins mühten sich arbeitsame Proletarier in ehrlichem Tagewerk um Brot für sich und die Ihren, und Wand an Wand mit ihnen trieben Dirnen und deren Zuhälter ihr Metier mit einer Ungeniertheit und Schamlosigkeit, daß in dieser vergifteten Atmosphäre keine sittliche Scheu, keine noch so flüchtige Röte des Schamgefühls aufkommen konnte. Die Kinder der Proletarier besorgten für die noblen Flurnachbarinnen kleine Botengänge, verweilten oft bei ihnen auf Besuch, nannten die Prostituierte „Tante“ und den Ludewig „Onkel“ und nahmen an gelegentlichen kleinen „Festlichkeiten“ teil. So wie hier gestaltet sich das Zusammenleben in tausend anderen Fällen.

Gefährlicher für die Kinder ist noch der Einfluß familienfremder Elemente, die als *Schlafburschen oder -mädchen* in den häuslichen Kreis aufgenommen werden.

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1880 gab es in Berlin 59087 Schlafgänger, die sich auf 32298 Haushaltungen verteilten (15,3 %). Eine Haushaltung hatte 34, eine 11, eine 10, 1663 je einen Schlafgänger. 15065 Familien besaßen nur einen heizbaren Raum, gleichwohl hatten 6953 von ihnen noch einen Schlafburschen, 4132 je ein Schlafmädchen, 1790 je zwei männliche, 607 je einen männlichen und einen weiblichen, 721 je zwei weibliche, 357 je drei männliche Schlafgänger. In einem Falle kampierten bei einem mit Kindern reich gesegneten Ehepaar in einem Raume sieben Schlafburschen und ein Schlafmädchen. In einem andern Falle hatte eine Frau in ihrem Wohnraume zehn Schlafburschen. 1885 war die Zahl der Schlafgänger in Berlin auf 84687, 1890 auf 95365 angewachsen. 1895 kamen auf 1000 männliche Personen 77,2, auf ebensoviel weibliche 26 Schlafgänger. Davon waren 39,2 % in Wohnungen aufgenommen, die nur aus einem heizbaren Raume bestanden; 50 % in Wohnungen mit zwei, 7,7 % mit drei und 2,5 % mit vier Zimmern. Im ganzen Reiche zählte man 1895 mehr als 5,8 Millionen in anderen Familien lebende Fremde. Sie verteilten sich in Leipzig auf 30 %, in Berlin auf 23 %, in München auf 31 %, in Breslau auf 20,7 % der Wohnungen. In Leipzig waren 27137 Kinder dem Einfluß des Schlafgängerunwesens ausgesetzt; 5000 Familien hatten Schlafburschen in Wohnungen mit nur einem heizbaren Zimmer. Höchstens ein heizbares Zimmer und sechs oder mehr Bewohner gab es nach der Volkszählung von 1900 in Berlin 7060, Hannover 3238, Magdeburg 4501, Charlottenburg 1723, Königsberg i. Pr. 5302, Altona 2001, Halle a. S. 3390, Barmen 4399, <!-- S. 183 --> Posen 2961. In Chemnitz waren in ca. 5000 Fällen bis zu 13 Personen gezwungen, in je einem Zimmer zu schlafen. In München beherbergten 1907 über 29000 Wohnungen Aftermieter, dabei herrschte bei einem Drittel dieser Wohnungen Bettmangel.

Das sind ungesunde Zustände, die große sittliche Gefahren in sich bergen. Treffend weist Schmoller darauf hin, daß die Gesellschaft der unteren Schichten des großstädtischen Fabrikproletariats durch die Wohnungsverhältnisse mit zwingender Notwendigkeit zum Zurücksinken auf ein Niveau der Barbarei und Bestialität, der Roheit und des Rowdytums nötigt, das unsere Vorfahren schon Jahrhunderte hinter sich hatten.

In seiner „Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters“ schildert Bromme einen Vorfall, der drastisch die Gefahren aufdeckt, denen die Sittlichkeit des proletarischen Kindes durch das Schlafgängertum ausgesetzt ist. Bei seiner Mutter wohnten zwei Mädchen in Logis, die der lesbischen Liebe ergeben waren. „Eines Abends“ — Bromme war noch ein Knabe — „lag ich auf dem Sofa und schlief, als ich plötzlich von meiner Mutter geweckt wurde. ‚Willi, ob du nicht mit der Frau schlafen willst, sie kann nicht gut allein schlafen?‘ Es war das am zweiten Tage, nachdem sie bei uns eingezogen war. Ich war erstaunt über diese unerhörte Zumutung, die sich so ganz harmlos anhörte. Später habe ich es mir genau überlegt. Wer weiß, was das Weib mit mir gemacht hätte! Denn eines Tages besuchte uns ihr früherer Mann, und da erkundigte sich die Mutter nach ihr. Der meinte nun, sie sei ein Weib wie jedes andere, aber mannstoll <!-- S. 184 --> und könnte einen kräftigen Mann in ein bis zwei Jahren zugrunde richten. Da ihr der Mann nicht genüge, so halte sie sich noch an Mädchen.“ Der Knabe Bromme war empört darüber, daß er mit einer Frau in einem Bette schlafen sollte. Später — als Vater — mußte er sich darein fügen, daß seine Tochter wegen Mangels an Betten jahrelang mit dem Großvater zusammenschlief. Er selbst hatte auch ein Kind mit im Bett, die Mutter gar zwei, selbst im Zustande hoher Schwangerschaft.

In Breslau hatten von 3206 Schlafräumen nur 25 mehr Betten als Personen, 783 gleich viel Betten und Personen, und 2398, also fast drei Viertel aller Schlafräume, weniger Betten als Personen. In den übervölkerten Wohnungen hatten von 10000 Personen nur 171 den Genuß eines eigenen Bettes.

In Hannover hatten 1904 von den 2152 Bewohnern eines 97 Häuser mit 550 Wohnungen umfassenden Blocks nur 45,1 % ein eigenes Bett. Dabei waren die Bewohner keineswegs die Allerärmsten. Wenn man Sofa, Kinderwagen usw. mit als „Bett“ gelten ließ, war jedes Bett durchschnittlich mit 1,6 Personen belegt. Es teilten je ein Bett: ein Schlafbursche und ein Knabe; eine Mutter und ihr erwachsener Sohn; ein erwachsenes Mädchen und eine Schlafgängerin, ein erwachsener Sohn und zwei unerwachsene Töchter; eine erwachsene Tochter, deren Kind und eine Schlafgängerin; eine Frau und ein ihr fremdes Kind. In 18 Fällen konnten die Schlafräume nur aufgesucht werden, indem man den Schlafraum anderer Personen passierte.

In Berlin untersuchte Dr. Bernhard die *Schlafverhältnisse* <!-- S. 185 --> von Schulkindern und stellte fest, daß nur 40 % in einem Bett allein schliefen, 6 % sogar mit mehr als einer Person zusammen. In der 8. Klasse der 84. Gemeindeschule schliefen von 55 Kindern 16 mit zwei, 1 mit drei Personen in demselben Bett. Ebenso in der 8. Gemeindeschule 1 Kind mit drei Geschwistern. Dr. Philippsohn berichtet über 200 Kinder, von denen 40 % allein, 60 % mit 1—4 Personen schliefen, und zwar 5 Knaben von 6—13 Jahren mit der Mutter, 2 Mädchen von 6—13 Jahren mit dem Vater, 11 Knaben mit der Schwester und umgekehrt, 17 Mädchen mit den Müttern, 8 Knaben mit den Vätern, 29 Mädchen mit Schwestern, 35 Knaben mit Brüdern, 2 Kinder mit Großmüttern und 1 Kind mit drei Brüdern und einer Schwester. Der Kontrolleur einer Krankenkasse fand einen 16jährigen an Influenza und Halsentzündung erkrankten Jungen in einer kleinen Stube, wo zwei Betten von vier Personen benutzt wurden. Er selbst teilte sein Bett mit einem Scharlachkranken.

In Fürth ermittelte ein Lehrer einen Fall, wo ein Knabe das Nachtlager mit einem Bruder und zwei Schwestern teilen mußte. Die Schlafstube gewährte nur Raum für zwei Betten, die achtköpfige Familie mußte in zwei Betten, auf dem Sofa und dem Fußboden kampieren.

Das ist das Fürchterliche, daß selbst im eigenen Haushalt der Proletarier sein Kind nicht vor sittlichem Verderb zu bewahren vermag. Ob er gleich beide Hände über das Wohl des Kindes gebreitet hält, — der Wohnungsjammer und die Not, die ihn Aftermieter ins Haus zu nehmen zwingt, vereiteln sein redlichstes und aufrichtigstes <!-- S. 186 --> Bestreben. Und was nützen alle guten Ermahnungen, alle Moralpredigten und schönen Vorsätze, wo die *Enge des Raumes und der Mangel an Betten* zu intimsten körperlichen Berührungen geradezu zwingt! Da muß das Schamgefühl frühzeitig abgestumpft, der Widerstand gegen das Unsittliche geschwächt und der Boden für moralische Korruption vorbereitet werden.

Zu welch unheilvollen Konsequenzen hat schon das Zusammenschlafen von Kindern beiderlei Geschlechts mit Erwachsenen in einem Raum, in einem Bett geführt! Daß sich zwölf und vierzehnjährige Kinder vor Gericht wegen Blutschande verantworten müssen, passiert gar nicht so selten, und doch ist dies eine furchtbare Anklage gegen die Gesellschaft, die hier ihre Pflicht versäumte. Die Familie, ehedem die Pflanzstätte edlen Wesens, ist zum Herde schlimmster Demoralisation geworden. Die Geburt der Kinder vollzieht sich vor den Augen der Größeren. Die diskreten Pflichten der Mutterschaft werden von neugierigen Blicken begleitet. Oft genug sind Kinder sogar Zeugen sexueller Vorgänge, ganz zu schweigen von den schmutzigen Redensarten, die ihr Ohr aus dem Munde ungebildeter und frivoler Schlafburschen auffängt. In einem Falle, den der Landesrat Schmidt in seinem Referat über Wohnungsnot und Fürsorgeerziehung auf der 5. Generalversammlung des rheinischen Vereins zur Förderung des Arbeiterwohnungsbaues erwähnte, schliefen drei Kinder mit ihren Eltern in einem Bett; die dem Trunke ergebenen Eltern führten in Gegenwart der Kinder geschlechtlichen Verkehr. In einem anderen Falle teilten drei Kinder zwischen 10 und 16 Jahren mit ihrem Vater <!-- S. 187 --> eine Stube und ein Bett. Der Vater machte sich an dem ältesten der Kinder der Blutschande schuldig. In einem dritten Falle gab sich die Mutter in dem einen zur Verfügung stehenden Raume mit fremden Männern in einer Weise ab, die jeder Beschreibung spottet. In einem vierten Falle hausten miteinander Eltern, zwei Töchter unter 14 Jahren, zwei Söhne im Alter von 18 und 21 Jahren, eine Tochter mit drei unehelichen Kindern in einem Raume von 36½ qm und zusammen zwei Betten. „Die Kinder, die ihren Eltern entzogen und der Fürsorgeerziehung überwiesen wurden, lebten vielfach unter geradezu *menschenunwürdigen Wohnungsverhältnissen*, wie sie grauenerregender nicht gedacht werden können.“ Kein Wunder, daß dann die Zeitungen aller Augenblicke von entmenschten Vätern berichten, die sich an ihren Kindern fleischlich vergingen, von Großvätern, die in seniler Lüsternheit an ihren Enkeln zu Sündern wurden, von Brüdern, die ihre Schwestern schändeten und schließlich schwanger machten, von Einmietern und Familienfremden, die an den unreifen Kindern ihrer Logisleute ihre perversen Lüste befriedigten. Der italienische Staatsanwalt Ferriani, ein großer Kinderpsychologe, konnte bei Feststellung der Vorgeschichte minderjähriger Prostituierter, wie Adele Schreiber berichtet, in der überwiegenden Anzahl der Fälle Schändung und Defloration in frühen Jahren konstatieren. Unter 460 Minderjährigen waren 14 zwischen 8 und 10, 22 zwischen 10 und 12, 30 zwischen 12 und 14, 60 zwischen 14 und 16 Jahren entehrt worden. Die Einführung in die Schule der Unzucht hatte bei den meisten noch viel früher begonnen. Die englische <!-- S. 188 --> Kinderschutzgesellschaft sah sich genötigt, in zehn Jahren für etwa 12000 Kinder einzutreten, die teils von den eigenen Verwandten, teils von Schlafgängern mißbraucht worden waren. Wie erschreckend groß mag nun erst die Zahl der an Kindern verübten Verbrechen sein, die nie ans Tageslicht gelangen, aber schließlich doch in ihren Konsequenzen — in der Form der Prostitution — in die Erscheinung treten, ohne daß sich ihre Ursachen erkennen und nachweisen ließen.

Ganz besonders empörend ist die Tatsache, daß unter den Verführern und Schändern von Kindern die *Jugenderzieher und Geistlichen* mit in erster Reihe stehen. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht in den Blättern zu lesen wäre, daß Lehrer wegen Sittlichkeitsvergehens an den ihnen anvertrauten Kindern zu vielfach recht erheblichen Strafen verurteilt worden sind. Oft haben diese Wüstlinge jahre- und jahrzehntelang ihr schändliches Wesen getrieben, haben ganze Generationen moralisch ruiniert, ganze Städte und Dörfer verseucht. Der Fall Bock in Berlin stellt in dieser Beziehung geradezu ein Kulturdokument dar. Knaben wie Mädchen werden geschlechtlich mißbraucht; Waisenkinder, Taubstumme, Blinde, Schwachsinnige bleiben von der Brunst dieser Unmenschen nicht verschont. Und immer ist die Gefahr für das Kind um so größer, je tiefer der Vater in seiner sozialen Stellung rangiert. Wehe dem Armen, wenn er ohne die zuverlässigsten und erdrückendsten Beweise gegen die Majestät eines Schulmonarchen seine anklagende Stimme erheben wollte!

In diesem Zusammenhange mag auch darauf hingewiesen <!-- S. 189 --> sein, daß *körperliche Züchtigungen*, wie sie in Schule und Haus leider noch immer an der Tagesordnung sind, zu den Faktoren zählen, die der Prostitution Jugendlicher sehr häufig erfolgreich vorarbeiten. Wer ein Kind prügelt, verletzt dessen Ehrgefühl, stumpft es ab und macht es gleichgültig gegen Berührungen seines Körpers. Fortgesetzte, täglich sich wiederholende Prügelei kann bei Mädchen wie eine Erziehung zu sittlicher Schwäche, zur Ehrlosigkeit und zu sexueller Entartung wirken, ganz abgesehen davon, daß Züchtigungen bei manchen Naturen — Lehrern wie Schülern — eine starke geschlechtliche Erregung hervorzurufen vermögen. Die Fälle sind nicht so selten, wo der Lehrer beim Prügeln wie der Schüler beim Geprügeltwerden eine perverse Lust empfinden, die zu einer Verirrung im Geschlechtsleben führt oder aber davon zeugt, daß eine solche Perversität bereits bestand.

Ungleich größer ist indes der Prozentsatz der Kinder, die durch die *Verführungskünste* gewissenloser Lüstlinge der Prostitutionsarmee fortgesetzt als Rekruten zugeführt werden. Man erinnere sich der Skandalaffäre Sternberg, der Schmutzprozesse, die Vorgänge im Rheinland, in Bremen und Leipzig, auf Helgoland usw. betrafen. Die goldene Jugend der Bourgeoisie, Offiziere, Kommerzienräte, Staatsstützen und Tugendwächter aller Grade und Würden waren daran beteiligt. Von diesen schändlichen Vorgängen und ihren Schauplätzen aus ziehen sich oft schnurgerade Fäden zu dem Treiben des internationalen Mädchenhandels, der dafür sorgt, daß immer „frische Ware“ auf dem Fleischmarkte vorhanden ist. Wie sollten sonst die zahlungsfähigen Nabobs ihre perversen Feinschmeckergelüste <!-- S. 190 --> befriedigen? Die Enthüllungen der „Pall Mall Gazette“ vom Jahre 1885, die bis in die allerhöchsten Kreise der englischen Aristokratie grelle Blitzlichtreflexe warfen, sind wohl noch in allgemeiner Erinnerung. Durch den Mädchenhandel werden alljährlich Hunderte von Mädchen in zartem Alter verlockt und verschleppt, betäubt und betrunken gemacht, schließlich in Bordelle gebracht und durch Anwendung rohester Gewalt zur Prostitution gezwungen oder einzelnen Kunden zugeführt. „Junge, frische Ware“ wird immer gut bezahlt; ein Händler erzählte in der englischen Gerichtsverhandlung, daß er einen Kunden habe, der alle 14 Tage drei unberührte Mädchen jugendlichsten Alters zum festen Preis von 140 Mark beziehe. Daß oft verderbte Mütter die Lehrmeisterinnen der Töchter werden, ist bekannt. Bei den Fürsorgezöglingen Preußen 1901 wurde festgestellt, daß bei 52,3 % die Mutter Unzucht trieb, bei 45,1 % der Vater, die Mutter oder beide bestraft waren.

In Stuttgart war vor Jahren die auch schriftstellerische hervorgetretene Schwester *Henriette Arendt* als Polizei-Assistentin tätig. Sie hatte es sich zur Hauptaufgabe gemacht, dem schamlosen Kinderhandel zu unsittlichen Zwecken, wie er sich in verdächtigen Adoptivgesuchen und Angeboten in der Presse zeigt, energisch zu Leibe zu gehen. Ihre Bemühungen hatten auch über Erwarten Erfolg. Da bemerkte Schwester Arendt zu ihrer Überraschung, daß sie bei ihrer vorgesetzten Behörde keineswegs die Unterstützung fand, die sie erwartet hatte, und deren sie zu erfolgreicher Fortsetzung ihrer Tätigkeit bedurfte. Ja man legte ihr direkt Schwierigkeiten in den Weg und <!-- S. 191 --> suchte ihren Eifer zu lähmen. Schließlich erging an das Stadtpolizeiamt folgende vom Stadtrat Dr. Rettich unterzeichnete Weisung:

> *Es wäre dringend erwünscht, daß die Arendt mit laufenden Geschäften so bedacht würde, daß sie keine Zeit dazu findet, „lange Zeit hindurch den Annoncen in den Tageszeitungen nachzugehen“.* Dafür hat sie der Gemeinderat nicht angestellt, ganz abgesehen davon, daß diese Adoptionsgeschichten *eine altbekannte Misere* sind. Das Mißliche bei der Sensationsschriftstellerei der Arendt ist das, daß sie regelmäßig dabei mit ihrer amtlichen Eigenschaft als „Polizeiassistentin in Stuttgart“ krebsen geht und so die Stadt Stuttgart in den Verruf bringt, als ob alles, was sie findet, spezifisch stuttgarterisch ist. — Mir persönlich vollständig gleichgültig, aber in weiten Kreisen mißfällig bemerkt ist auch das, daß sie, wie keine andere irgendwo und irgendwie bekannte Person fortgesetzt *Material zur Schlechtmachung der bestehenden Gesellschaft liefert. Jeder andere Polizeibeamte usw. könnte das ebensogut, alle anderen sind aber zu taktvoll dazu und — zu gut dienstlich gezogen.*

Dieser Brief spricht Bände, darf man mit dem „Vorwärts“ ausrufen. Der Kinderhandel, „eine altbekannte Misere“, — aber wehe der Beamtin, die sich dieser Misere annimmt. Was geht sie der Bordellskandal an! Weiß sie nicht, daß hohe Herrschaften die Orgien der Bordelle schätzen. Ja, wenn Bordelle für das gewöhnliche Volk wären! Und diese Person untersteht sich, Material zur Schlechtmachung der bestehenden Gesellschaft <!-- S. 192 --> zu liefern! Sie zerrt das Elend, das Verbrechen aus den dunklen Höhlen ans helle Sonnenlicht, sie zeigt aller Welt, wie es in den Tiefen der menschlichen Gesellschaft aussieht! Jeder andere Polizeibeamte könnte das „ebensogut“, denn es ist nur zu wahr, was sie spricht und schreibt. Aber es darf nicht wahr sein, das Volk darf nicht erfahren, wie tief und verheerend die Fäulnis in seinem Marke wühlt …

Auch die preußische Fürsorgestatistik hat den Schleier etwas gelüftet. 1909 wurde festgestellt, daß von den in Fürsorgeerziehung gebrachten schulpflichtigen Mädchen 132 (9,6 %) der Unzucht ergeben waren, gegen 94 im Jahre 1908. 5 hatten schon geboren oder befanden sich im Zustande der Schwangerschaft. 126 der Mädchen hatten Schwestern, die Prostituierte waren. Auf die schulentlassenen weiblichen Zöglinge kamen 1016 der Unzucht Ergebene (66,5 %), darunter 106, die bereits geboren hatten oder schwanger waren, 101 mit Syphilis. Wegen Gewerbsunzucht hatten bereits 62 Vorstrafen erlitten. In Berlin befanden sich 1902 unter 190 der Fürsorgeerziehung überwiesenen Mädchen 131, die der Prostitution ergeben waren (68,5 %).

Auf eine *Umfrage Gerlings* bekannten von 5183 befragten Dirnen 1255, daß sie schon als elternlose halbe Kinder dem Laster in die Arme getrieben worden seien. 1441 gaben Hunger, Arbeitslosigkeit und Elend, 280 Verführung durch Liebhaber als Ursache an.

Alle *Berichte von Fürsorgeheimen*, Rettungsanstalten, Asylen usw. berichten von weiblichen Zöglingen, die, in zerrütteten Familien, an der Seite sich prostituierender Mütter, im Kreise lasterhafter und sittlich entarteter <!-- S. 193 --> Angehöriger aufgewachsen, in frühester Zeit schon moralisch zugrunde gerichtet worden sind. Da sind unglückliche Geschöpfe, die von den eignen Eltern in zarter Jugend schon in die Schande gestoßen, für elendes Geld verkauft, zum Feilbieten ihres unreifen Körpers angehalten und angelernt wurden, so daß sie mit 10, 12 und 14 Jahren bereits regelrecht die Prostitution betrieben. Da sind andere, die mit 12 Jahren schon geschlechtlichen Verkehr mit den eigenen Brüdern hatten und sich zu derselben Zeit auch anderen für Geld hingaben, die mit 14 Jahren laut gerichtlicher Feststellung als bescholten galten und sich als Dirnen auf Hafenschiffen herumtrieben. Da sind junge Mütter von 12, 13 und 14 Jahren, die noch selbst unreife Kinder sind, und Mädchen in noch geringerem Alter, die sich auf der Straße den Männern anbieten. In Leipzig wurde ein Drogist wegen Sittlichkeitsverbrechens verhaftet, auf dessen Treiben man dadurch aufmerksam geworden war, daß sich vor seinem Laden oft mehr als 10, 12 und 14 Schulmädchen stritten und prügelten, weil jede *zuerst an die Reihe* der von ihm geschlechtlich Mißbrauchten kommen wollte. In Hamburg wurde ein Bäckerlehrling von 17 Jahren festgestellt, der drei uneheliche Kinder hatte. In Berlin gibt es nahezu an 1000 Jünglinge im Alter von 14—20 Jahren, die sich mit Homosexuellen prostituieren, in München und anderen Großstädten geht die Zahl in die Hunderte.

Wenn man die Aufzeichnungen aus Magdalenenanstalten und anderen Fürsorge- und Besserungsinstituten überfliegt, die Kampffmeyer in seiner Schrift über die Prostitution veröffentlicht, tut sich eine schier überwältigende <!-- S. 194 --> Fülle sozialen Elends auf: Vater tot, Mutter tot, Vater dem Trunke ergeben, Mutter übel beleumundet, uneheliches Kind, Vater im Gefängnis, Mutter übt einen schlechten Einfluß aus usw. Von den Eltern der Fürsorgezöglinge Preußens standen 1901 etwa 38 % und 1902 ziemlich 32 % unter der Gewalt lasterhafter Gewohnheiten und Neigungen.

Obenan rangiert die *Trunksucht* mit 89,8 %. Die Domäne der Schnapspest sind die östlichen Provinzen, die Hauptsitze des Junkertums. Es ist statistisch nachgewiesen, daß in keinem anderen Gebietsteile des Reiches der Alkohol so stark das Volksleben beeinflußt wie im Osten, speziell in Posen. Der Magistrat der Stadt Posen hat berechnet, daß allein die Stadt bei vorsichtigsten Annahmen jährlich mit mindestens 260000 Mark an Ausgaben für durch Alkoholmißbrauch erzeugte Krankheiten und Gebrechen belastet ist. Auch der Zusammenhang zwischen dem Geist und Körper degenerierenden Fuselgenuß und der Prostitution ist hier unschwer zu erkennen. Nirgends im preußischen Staate sind die Animierkneipen so verbreitet, nirgends zeigt sich die Prostitution so offen und schamlos wie in Posen und Westpreußen. Selbst kleinere Städte können sich der großstädtischen Freudenhäuser rühmen, obwohl Armut und Elend in diesem Landstrich überall zu Hause sind. Ein sehr beträchtlicher Teil der Prostituierten in den deutschen Großstädten stammt, wenn nicht aus den frommen Städten des Rheinlands (Köln, Aachen, M.-Gladbach), so aus den genannten Provinzen.

Nächst dem Alkoholismus kommt in den ländlichen, <!-- S. 195 --> besonders den ostelbischen Gebieten eine gewisse *soziale Tradition* der Prostitution zu Hilfe. Die absolute Knechtung des Landvolkes unter die Launen und Lüste der Herrenklasse hat seit Jahrhunderten die Frauen und Töchter der Bürger und Kleinbauern zu gefügigen Lustobjekten der „gnädigen Herren“ herabgewürdigt. Die sozial-ethische Sphäre, die das jus primae noctis zeitigte, übt noch immer einen unheilvollen Einfluß auf die Beziehungen der Geschlechter aus. Nirgends, schreibt Hessen in seinem Buche über die Prostitution in Deutschland, ist die prinzipielle Käuflichkeit des Frauenleibes der Prostitution so weit entgegengekommen, wie in den östlichen Provinzen Preußens, und nirgends haben sich die verwöhnten Triebe der sogenannten Oberklasse derart gewissenlos und brutal zur Erniedrigung ihrer Opfer ausleben dürfen. Die Roheit des Tones bei einem großen Teil dieser armen Mädchen ist nichts als das Echo der Roheit, mit der ihnen von seiten ihrer Käufer gewohnheitsmäßig begegnet worden ist. Hierzu kommen die skandalösen Wohnungsverhältnisse, unter denen das Landproletariat im Osten vegetiert. In elenden Baracken werden Schnitter, Sachsengänger, Rübenleute usw. untergebracht, Knechte schlafen im Stalle zwischen dem Vieh, Männer und Weiber, junge Burschen und kaum der Schule entwachsene Mädchen, sogar Schulkinder liegen in einem Raume neben- oder übereinander, sind Ohrenzeugen gröblichster Schmutzereien und oft genug Augenzeugen sexueller Vorgänge. Sie atmen die scheußliche Stickluft dieser Unmoral nicht ohne die schließliche Folge einer meist unheilbaren seelischen Vergiftung.

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Um den ungünstigen Verhältnissen im Elternhause, wo Not und Armut ständig zu Gaste wohnen und eine anregende Geisteskost nie über die Schwelle kommt, zu entfliehen, tritt das Arbeiterkind meist früh schon selbständig in den Kampf ums tägliche Brot. Das Mädchen sucht sich eine Dienstbotenstelle oder geht in die Fabrik, wo auch der Knabe Beschäftigung findet. Hier wie dort lauern ernste sittliche Gefahren.

Die *Dienstmädchen* stellen, nach dem Ausweis aller Statistiken, das stärkste Kontingent der eigentlichen Prostitution. Weinhausen beziffert ihren Anteil 1900/01 auf 60 %. Meist vom Lande oder aus Kleinstädten kommend, sind sie gutartig, vertrauensselig, unerfahren und werden so leicht eine Beute der Verführung. Dann aber verleitet die eintretende Reaktion gegen den ungewohnten Freiheitsverlust sie selbst zu gelegentlichen Torheiten. Es wird ihnen im Hause nicht gestattet, offen mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben weder Zeit, noch einen anständigen Raum dafür. Harmlose Jugendfreuden, zwanglosen geselligen Umgang, Ausflüge an arbeitsfreien Tagen gibt es nicht. Da bleiben nur die paar späten Abendstunden zu einem Plauderstündchen im dunklen Torweg, zu einer Promenade in den Anlagen. Beherztere empfangen Besuche in der engen Kammer, wo es ohne körperliche Berührungen gar nicht abgeht, oder machen sich bei Nacht und Nebel davon, um auf Ballsälen ein paar Stunden toller Lust zu genießen. Man lese in Georg Hermanns „Kubinke“ nach, wie sich im Leben des Dienstmädchens ganz von selbst die Dinge entwickeln, die ihm schließlich den typischen-sexuellen Einschlag geben. Wie oft wird <!-- S. 197 --> auch das Dienstmädchen ein Opfer der Begierden ihrer Dienstherren oder der früh verdorbenen Söhne ihrer Herrschaft. Lily Braun erzählt, daß ihr eine Frau begegnete, die das Verhältnis ihres Sohnes mit dem Stubenmädchen mit der Begründung duldete: Dabei bleibt er wenigstens gesund! Am gefährdetsten ist die Sittlichkeit der Mädchen in den Hotels und Pensionen der Badeorte, wo die Reisenden und Kurgäste zu den persönlichen Dienstleistungen, die sie sich durch ein Trinkgeld sichern, die Befriedigung ihrer sinnlichen Wünsche oft als etwas Selbstverständliches betrachten. Die meisten Dienstmädchen kehren aus der Saison oder aus den Städten mit einem Kinde aufs Land zurück. Auch die mit der geringen sozialpolitischen Einsicht der Hausfrauen, der schlechten Behandlung und allgemeinen Rechtlosigkeit der Mädchen zusammenhängende häufige Stellungslosigkeit ist oft eine Vorschule der Prostitution. Schon 1847 beklagte Groß-Hoffinger die Rücksichtslosigkeit des „Auf die Straße Setzens“ und wies auf die großen moralischen Gefahren hin, die dem Kinde der Armen in seiner Hilflosigkeit daraus entstehen können. Es ist seitdem nicht besser geworden.

Eine berliner Statistik von 1874 konstatierte, daß von je 100 Prostituierten 36 *ehemalige Dienstmädchen* waren. 1898 fand Behrend in Berlin 51,3 %. Auch Blaschko ermittelte eine Zunahme der Dienstboten unter den Prostituierten. Eine amerikanische Berechnung zählt 47 %. Von den 3000 Dienstmädchen, die es 1854 in Leipzig gab, behauptete eine damals erschienene Schrift, daß der dritte Teil der geheimen Prostitution huldige. <!-- S. 198 --> Hessen hält diese Angabe für glaubhaft nach dem, was er selbst über die Zugänglichkeit der leipziger Mädel von Studenten usw. gehört hat. Der Anteil der Dienstmädchen an der Gesamtzahl der unehelichen Mütter scheint dies vollauf zu bestätigen.

Bei der *jugendlichen Fabrikarbeiterin* sind es andere Momente, die sie der Prostitution in die Arme führen. Zunächst der meist erschreckend niedrige Lohn, der oft nicht ausreicht, auch nur die allernötigsten Mittel zum Leben zu beschaffen. Was soll ein Mädchen mit 3, 4, 6 oder auch 8 Mark die Woche beginnen? Da bleibt nur die Preisgabe des Körpers übrig — ein Ausweg, auf den es nicht selten von gemütsrohen und frivolen Chefs verwiesen wird. Sodann fehlt der Fabrikproletarierin fast immer das Heim, das eigene Zimmer. Sie ist Schlafmädchen und hat außer der Nacht nicht einmal Anspruch auf das Bett; in ihm ruht sich tagsüber vielleicht ein Nachtschichter aus, oder der Raum, in dem es steht, ist Werkstätte, Küche, Kinderstube oder dgl. So ist sie nach des Tages Last und Mühe gezwungen, sich noch ein paar Stunden herumzutreiben. Findet sie einen Liebhaber, so bringt sie ihn gelegentlich mit nach Hause, um dort mit ihm zu verkehren, ungeniert vor den Augen der Mitbewohner und kleinen Kinder. Der Zwang, täglich die intimsten Dinge vor aller Augen zu verrichten, hat sie aller Scham entkleidet. In der Fabrik wechselt sie im Beisein der Männer und junger Burschen ihre Kleider und legt das Korsett ab. „Es war mir das Peinlichste,“ erzählt Bromme, der als 14jähriger Junge in die Steinnußknopffabriken Schmöllns kam, „daß sich die Mädchen ganz ohne Scheu <!-- S. 199 --> vor mir jungem Burschen und dem etwa 30 Jahre alten, noch ledigen Spritzer auszogen, das Korsett ablegten und in die Arbeitskleidung schlüpften. Darunter war auch ein schwangeres Mädchen, das sich ebenso umkleidete. Das Schlimmste aber war die Unterhaltung … Ich bekam da Dinge zu hören, die ich nie in meinem Leben gehört hatte.“ In manchen Industrien, z. B. in der Textilbranche, führt die Arbeit zu unvermeidlichen körperlichen Berührungen zwischen männlichen und meist jüngeren weiblichen Personen. Was da an Unsittlichkeiten vorkommt, ist nicht mit Worten zu sagen. Wie oft fällt die Arbeiterin auch, namentlich wenn sie jung und hübsch ist, ihrem Chef, dem Werkmeister oder Buchhalter zum Opfer. Sie findet keine Arbeit oder hat die Entlassung zu befürchten, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft auch ihre Ehre verkauft. So wird sie zur Dirne; vielleicht auch, weil ihre eigene Sehnsucht nach Glück und Genuß ihr keinen anderen Weg zeigt, und weil sie doch auch ein kleines Zipfelchen vom Himmelreich der Liebe für ihr armes, freudloses Leben erfassen und erraffen will.

Verführung, Verhältnis, Stellungslosigkeit, Mutterschaft, Sittenkontrolle, Bordell — das sind die Etappen, auf denen sich dann das fernere Elendsschicksal vollendet.

Ist die Prostitution ohnehin eine häßliche und bösartige Krankheitserscheinung am Volkskörper, so löst sie, wenn Kinder und Jugendliche ihrer verderblichen Infektion verfallen, und wenn die soziale Not für diese Verheerung immer und immer wieder neue Voraussetzungen liefert, Empfindungen und Gefühle aus, die zu den unerträglichsten und quälendsten gehören.

<!-- S. 200 -->

Den loyalen Staatsbürger freilich stört dies nicht. Er singt täglich seinen Psalm auf die Herrlichkeit der gottgewollten Ordnung, faltet die Hände über dem Bauche und hört zu Weihnachten mit pharisäischem Augenaufschlage zu, wie der Pfaffe salbungsvoll erklärt, die Christenheit bete das Kindlein in der Krippe an, alle Jahre, alle Tage …

Kommt ihm aber ein von der Gesellschaft verstoßenes, geschändetes und in den Schmutz getretenes Kind unter die Augen, Erbarmung heischend, damit es den Weg wieder zurückfinde zu seinem verlorenen Jugendlande und nicht untergehen müsse im Kot der Schande, — da fährt er empor, spuckt aus, schlägt ein Kreuz und ruft nach dem Gendarmen. Fort mit dem Balg! Sperrt die Hure ein! Steckt sie in eine Besserungsanstalt!

Dann wendet er sich zufrieden an seinen Gott. „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie diese da …“

## In Fürsorgemißhandlung

*Fürsorgeerziehung* — ein Wort voll tröstlicher Milde und Aufrichtung. Man fühlt einen warmen Hauch von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Denkt an *Pestalozzi*, als er auf dem Neuhof die verkommenen und verwahrlosten Bettelkinder um sich scharte, und erinnert sich seiner überquellenden Liebe und Güte, als er, ein barmherziger Samariter, unter den Waisenkindern in Stanz wirkte. „Alles, was ihnen an Leib und Seele Gutes geschah, ging aus meiner Hand. Jede Hilfe, jede Handbietung in der Not, jede Lehre, die sie von mir <!-- S. 201 --> erhielten, ging unmittelbar von mir aus. Meine Hand lag in ihrer Hand, mein Auge ruhte in ihrem Auge. Meine Tränen flossen mit den ihrigen, und mein Lächeln begleitete das ihrige. Sie waren außer der Welt, sie waren außer Stanz, sie waren bei mir, und ich war bei ihnen. Ihre Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige. Ich hatte nichts, ich hatte keine Haushaltung, keine Freunde, keine Dienstboten um mich, ich hatte nur sie. Waren sie gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich stand an ihrer Seite. Ich schlief in ihrer Mitte. Ich war am Abend der Letzte, der ins Bett ging, und am Morgen der Erste, der aufstand. Ich betete und lehrte noch im Bett mit ihnen, bis sie einschliefen. Sie wollten es so. Alle Augenblicke mit Gefahren einer doppelten Ansteckung umgeben, besorgte ich die beinahe unbesiegbare Unreinlichkeit ihrer Kleider und ihrer Personen …“ Welche Fülle von Liebe und Hingabe, Aufopferung und Selbstverleugnung spricht aus diesen Worten! Glücklich die Jugend der Armen, wenn ihr am Rande der Verwahrlosung und des Verderbens in unserer Fürsorgeerziehung ein solcher Pestalozzi erstünde! …

*Laßt alle Hoffnung hinter Euch!* Da atmet kein Hauch hilfreich-tröstender Liebe, da taut kein Segen milder Vergebung und Versöhnung auf Fehlende und Irrende hernieder, da weckt kein froher Pulsschlag erneute Kraft zur Hoffnung und zum Vertrauen in den endlichen Sieg des ernstlichen Wollens. Diese „Fürsorge“ hat mit Pestalozzis Geist und Güte nichts gemein. In der Uniform des Aufsehers und Büttels schreitet sie einher; <!-- S. 202 --> mit Flüchen und rohen Worten treibt sie auf Feldern und in düstern Werkstätten zur Arbeit an; auf kahlen Höfen mit Glasscherben auf den Mauern oder in öden Gelassen mit Gitterfenstern bis zum vierten Stock waltet sie hart und lieblos ihres Amtes … Dunkle Karzer … Gummischläuche … die neunschwänzige Katze und der Prügelstock … Wasser und Brot und dazu das Bibelbuch. Dieses ekle Gemisch von plärrender Gottseligkeit und kieselharter Herzensroheit, selbstgerechter Frömmelei und perverser Brutalität, Knute und Halleluja — diese widerliche Frucht eines Systems, das eine einzige große Versündigung am Recht des Kindes verkörpert, ist es, was sich — von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen — heute bei uns Fürsorgeerziehung nennt.

Bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches mußte das Kind erst zum Verbrecher geworden und verurteilt sein, ehe die Einleitung der Zwangserziehung möglich war, und dann scheiterte sie meist an der nur unklar geregelten Kostenfrage. Das Bürgerliche Gesetzbuch ging nun einen Schritt weiter und räumte dem Vormundschaftsgericht das Recht auf Einleitung der Zwangserziehung ein, wenn die Eltern oder der Vormund das geistige oder leibliche Wohl des Kindes dadurch gefährden, daß sie das Recht der Sorge für die Person des Kindes mißbrauchen, das Kind vernachlässigen oder sich eines ehrlosen und unsittlichen Verhaltens schuldig machen. Die Regelung der Zwangserziehung, die man — um einen Schleier über die eiternde Wunde zu decken — in Fürsorgeerziehung umgetauft hat, ist den Landesgesetzgebungen überlassen worden. Aus diesem Mangel resultiert <!-- S. 203 --> die bedauerliche Erscheinung, daß in den verschiedenen Bundesstaaten die Durchführung des Fürsorgezwecks nach den verschiedensten Gesichtspunkten geregelt ist.

In Preußen trat 1901 das *Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minderjähriger* in Kraft. Nach ihm kann ein Minderjähriger, der das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, der Fürsorgeerziehung überwiesen werden, um sein völliges sittliches Verderben zu verhüten. Die Voraussetzung einer strafbaren Handlung ist hierzu nicht erforderlich. Der Richter beschließt von Amts wegen oder auf Antrag, der vom Landrat oder in Stadtkreisen vom Gemeindevorstand und dem Vertreter der Polizeibehörde zu stellen ist. Vor der Beschlußfassung sollen die Eltern oder gesetzlichen Vertreter des Minderjährigen, der zuständige Geistliche und der Lehrer gehört werden. Ist der Beschluß auf Fürsorgeerziehung ergangen, erfolgt diese entweder unter öffentlicher Aufsicht und auf öffentliche Kosten in einer geeigneten Familie oder in einer „Erziehungs- oder Besserungsanstalt“ und endet durch Beschluß des zuständigen Kommunalverbandes, wenn der Erziehungszweck erreicht oder die Erreichung des Zweckes anderweit sichergestellt ist, sonst mit der Großjährigkeit.

Die Aussicht, der Fürsorgeerziehung überwiesen zu werden, sind für das *proletarische Kind* ungleich größer als für das Kind bürgerlicher Kreise. Durch die Not der Eltern, die zur Erwerbsarbeit, zum Zusammenwohnen mit unlauteren Elementen zwingt, zu laxen moralischen Auffassungen oder gar zu Unredlichkeiten führt, wird seine sittliche Verfassung verderblich beeinflußt. <!-- S. 204 --> Das schlechte Beispiel der Straße, der Umgang mit schlechterzogenen Gespielen, die eigene Erwerbstätigkeit usw. lassen ihm vielerlei Versuchungen und Gefahren entstehen. Die Gerichtsbeschlüsse arbeiten fast durchweg nach Schema F. Der Wortlaut der Voraussetzungen, unter denen das Gesetz eine Fürsorgeerziehung zuläßt, wird einfach aus dem Gesetz abgeschrieben. Keinerlei Eingehen auf die Jugendgeschichte des Kindes, auf die sozialen Verhältnisse seiner Erzieher und seine eigenen, kein Eingehen auf die Ursachen, die die Erzieher zur Vernachlässigung oder das Kind zur Verübung unmoralischer Handlungen bestimmt haben, belastet den Instanzenzug. Der schematische Bureaukratismus beherrscht die Beschlüsse. Er behandelt die Zöglinge aktenmäßig. Wer da meint, in Fürsorgeanstalten schicke Gesetz und Richter nur die fast hoffnungslos Verwahrlosten, hat keine Ahnung von dem Inhalte des Gesetzes und der Praxis seiner Durchführung. Es bedarf nicht des *geringsten eigenen Verschuldens*, keiner Straftat, keiner unehrenhaften oder unsittlichen Handlung. Um so schlimmer, daß den Gerichtsbeschlüssen eingehende Gutachten von Ärzten und Pädagogen, tiefere Begründungen der Ursachen völlig fehlen. So geschieht es, daß der Begriff der sittlichen Gefährdung, der den Ausgang der Fürsorgemaßnahmen bildet, ungeheuer variiert auftritt. Bedeutet nicht schon die Tatsache der Arbeitslosigkeit für Jugendliche unter Umständen eine sittliche Gefahr? Und die Unstetigkeit der Arbeit, die Unsicherheit der Existenz?

In der Tat ist unter den Fürsorgezöglingen die Zahl der „mit verschiedenen Arbeiten“ Beschäftigten bis <!-- S. 205 --> zum Jahre 1909 ganz erheblich gewachsen. Obenan stand der Beruf der Laufburschen mit 364 Zöglingen im Jahre 1908 und 287 im Jahre 1909, die Kategorie der Gelegenheits- und Fabrikarbeiter mit 208 im Jahre 1908 und 420 im Jahre 1909. Auch das Bauhandwerk wie alle Arten Saisonarbeit sind mit hohen Anteilen vertreten. So kamen 1909 aus dem Maurer- und Zimmerergewerbe 94, aus dem Stande der Kellner und Hausdiener 58, der Bergleute 90 Fürsorgezöglinge. Daß die Landwirtschaft ebenfalls ein beträchtliches Kontingent stellt, kann den nicht wundern, der die Verhältnisse kennt, die dort demoralisierend auf die beschäftigten Kinder einwirken. Aber daß der Anteil der Handwerkslehrlinge durchweg auffallend hoch ist und erst von 1908 bis 1909 wieder eine Steigerung um 8,6 % bei den Knaben und 1,7 % bei den Mädchen aufweist, wird alle Lobredner der patriarchalischen Verhältnisse im Handwerk überraschen. Schon 1902 klagte der ministerielle Bericht, daß sich ein großer Teil der Fürsorgezöglinge aus dem Handwerkerstande rekrutiere, ein Zeichen dafür, daß das Handwerk *seinen Aufgaben gegen die Lehrlinge nicht im vollem Maße gerecht* werde. Die nächsten Jahre haben keine Verbesserungen, sondern Verschlechterungen gebracht. Nur ein paar Zahlen:

| | 1904 | 1909 |
| --- | ---: | ---: |
| Bäcker, Konditoren | 80 | 111 |
| Schmiede, Schlosser | 89 | 163 |
| Tischler, Drechsler, Korbmacher | 38 | 48 |
| Maler | 9 | 34 |

<!-- S. 206 -->

| | 1904 | 1909 |
| --- | ---: | ---: |
| Sattler, Tapezierer | 12 | 24 |
| Klempner | 14 | 23 |
| Barbiere, Friseure | 15 | 22 |

„Es ist bezeichnend,“ so bemerkte hierzu der Abg. Ströbel im preußischen Abgeordnetenhause, „daß gerade diejenigen Handwerke, in denen der Arbeiterschutz die geringsten Fortschritte macht, in denen patriarchalische Willkür am wenigsten durch Organisationen eingeschränkt ist, das stärkste Kontingent stellen.“

Die 35,4 % der Fürsorgezöglinge, die dem Handwerkerstande entstammen, werden aber noch übertroffen durch die 40,7 % der noch schulpflichtigen und 49,3 % der schulentlassenen Mädchen, die *aus häuslichem Dienst* kamen. Auch diese Ziffern lassen erkennen, daß die gerühmte erziehliche Einwirkung des Dienstverhältnisses auf das Kind — mit den mehr als 100jährigen Gesindeordnungen als Basis — in ihren Resultaten keineswegs die Bedeutung rechtfertigt, die ihr von ihren Befürwortern beigemessen wird. Der Anteil der vorher gewerblich tätigen weiblichen Zöglinge ist ebenfalls gestiegen, wie folgende Übersicht zeigt:

| | 1904 | 1909 |
| --- | ---: | ---: |
| Fabrik- und Zigarrenarbeiterinnen | 143 | 257 |
| Verkäuferinnen | 16 | 53 |
| Schneiderinnen | 33 | 47 |
| Kellnerinnen | 19 | 27 |

Über die *geistige Beschaffenheit* der Fürsorgezöglinge teilt die Statistik von 1909 mit, daß 11,9 % <!-- S. 207 --> geistig nicht normal waren. Davon stammten 7,9 % von geistesschwachen, epileptischen oder geisteskranken, 24,2 % von trunksüchtigen und 5,9 % von der Unzucht ergebenen Eltern ab. Fast die Hälfte der geistig Anormalen (40 %) waren also körperlich belastet oder Produkte ihrer schlechten familiären Verhältnisse. 41 % (im Durchschnitt der Jahre 1901 bis 1909 sogar 48 %) hatten die Schule nur sehr unregelmäßig besucht, 12,5 % konnten trotz Schulbesuchs weder schreiben noch lesen.

Bezüglich der *Kriminalität* der Kinder wurde für 1909 konstatiert, daß von 5487 Strafmündigen 427 Schulpflichtige und 1890 Schulentlassene gerichtlich bestraft waren. Es waren Gefängnisstrafen bis zu 4 Jahren verbüßt worden. Unter den Delikten stand Diebstahl mit 1502 Fällen obenan. Von den Eltern der Kinder waren 2849 (42,4 %) gerichtlich bestraft.

Die Nachweise über die *Vermögensverhältnisse der Eltern* ergaben für 1907, daß 75 %, für 1909, daß 58,8 % der Eltern weniger als 900 Mark Jahreseinkommen hatten. 1906 war etwa ein Sechstel, 1909 mehr als ein Fünftel aller Eltern von Fürsorgezöglingen orts- oder landarm. 7,8 % waren 1909 ohne jedes Einkommen. Gerade diese in größter wirtschaftlicher Notlage befindlichen Familien stellten, wie der amtliche Bericht ausdrücklich hervorhebt, auch die höchste Zahl der Fürsorgekinder.

In soziale Abgründe führt die Statistik den Blick bei Erörterung des *familiären Milieus*, dem die Fürsorgekinder entwuchsen. Da waren im Durchschnitt der Jahre 1901 bis 1909 mehr als 16 % aller Kinder unehelich <!-- S. 208 --> geboren. Allein von den 6721 für das Jahr 1909 in Betracht kommenden Familien von Fürsorgezöglingen waren in 2009 (29,9 %) die Eltern schlechten Neigungen ergeben (Trunksucht, Unzucht usw.). In 16,8 % der Fälle handelte es sich um den Vater, in 6,2 % um die Mutter, in 6,9 % um beide Teile. Bei den Vätern überwog die Trunksucht mit 90,9 %, bei den Müttern die Unzucht mit 51 %. 27 Mütter standen unter Sittenkontrolle. Unter den noch schulpflichtigen weiblichen Fürsorgezöglingen waren 132 (9,6 %), die wegen Unzucht aufgenommen worden waren; 5 davon hatten bereits geboren oder waren schwanger, 6 waren mit erworbener Syphilis behaftet, 126 hatten Dirnen zu Schwestern. Von den schulentlassenen männlichen und weiblichen Zöglingen 1909 waren 58 wegen Sittlichkeitsvergehens, 4 wegen Blutschande, 3 wegen widernatürlicher Unzucht und 62 wegen Gewerbsunzucht vorbestraft. „Unter 80 Aktenstücken, die einen Einblick in die grauenvollen häuslichen Verhältnisse der Fürsorgezöglinge erlauben,“ sagte Landesrat Schmidt auf der Generalversammlung des rheinischen Vereins für Arbeiterwohnungsbau, „reden 40 von Blutschande, schwerer Kuppelei, gewerbsmäßiger Unzucht.“

Ähnliche düstere Bilder rollt eine württembergische Statistik von 1905 auf. Da gab es Kinder, deren Vater ein vielbestrafter Trunkenbold war, deren Mutter wegen Gewerbsunzucht, Diebstahls, Schwindeleien und Arbeitsscheu mehr als zwanzig Vorstrafen hatte, deren Geschwister bis zu sechs an der Zahl gleichfalls in Zwangserziehung standen. Es fanden sich Fälle, wo der Vater wegen wiederholter Sittlichkeitsvergehen an der eigenen Tochter <!-- S. 209 --> im Zuchthause saß, während die Mutter ihr Kind bis spät in die Nacht in Wirtshäuser geführt und zur Unzucht angeleitet hatte. Andere waren der Aufsicht einer trunksüchtigen Großmutter anvertraut, die 9 uneheliche Kinder geboren hatte. Trunksucht, Arbeitsscheu, Diebstahl und Gewerbsunzucht spielten in den Personalbogen und Strafregistern der Eltern eine unheimliche Rolle. Und in dieser fürchterlichen Atmosphäre reifte die Tragik des Geschicks der der Fürsorgeerziehung überlieferten Kinder.

Die *Erziehungsgrundsätze in den Anstalten*, die zur „Besserung“ der Fürsorgezöglinge bestimmt sind, und nicht weniger in den „geeigneten“ Familien, sind diktiert von der Auffassung, die die wohlanständige bürgerliche Gesellschaft von der Verwahrlosung der Jugend und den ihr zugrunde liegenden Ursachen hat. Es ist die oberflächlichste und beschränkteste Auffassung, die sich denken läßt. Die satte Moral des Besitzes will nichts wissen von einer sozialen Pflichtvergessenheit, einer Schuld der Gesellschaft gegenüber dem Individuum. Sie pocht auf ihre bequeme Theorie vom freien Willen, die es ihr leicht macht, die Bürde der Verantwortung, die das Gewissen der Gesellschaft zu belasten hätte, dem Konto der Armen zuzuschieben. Man läßt den Armen schuldig werden, dann übergibt man ihn der Pein.

So trägt die Fürsorgeerziehung trotz aller schönen Worte und trotz allem guten Willen unverkennbar den Charakter der Strafe, der harten Sühne für einen begangenen Rechtsbruch. *Der Zögling ist Sträfling.* Was Erziehung sein sollte, ist Zwang, Vergeltung und Peinigung. Die Hebung des Zöglings auf einen höheren <!-- S. 210 --> sittlichen Standpunkt, das Bemühen, ihn der Gesellschaft geläutert und um sittliche Werte bereichert zurückzugeben, tritt bedenklich zurück vor den Merkmalen der Strafe, die das ganze System zur Schau trägt. Die schöne Aufgabe, den Zwang unnötig und überflüssig zu machen, ihn zu überwinden, eine Arbeits- und Schaffensfreudigkeit zu erzielen und den Zwang in Freiwilligkeit umzuwandeln, bleibt ganz unberücksichtigt. Im Gegenteil, der Zwang wird systematisch bis ins Kleinste und Einzelnste durchgeführt, zur Quälerei gesteigert, bis ins Unmenschliche übertrieben, und barbarische Zuchtmittel, oft ohne Maß, Schonung und Verständnis angewandt, dienen dazu, die wehrlosen Opfer dieses Systems im Innersten zu empören und aufzureizen, alle niederen Instinkte zu entfesseln und auch den letzten Rest des Guten in ihnen zum Verlöschen zu bringen.

Besonders in der *Behandlung von Mädchen*, die als sittlich Gefährdete oder Prostituierte in Fürsorgeerziehung kommen, feiert die Lieblosigkeit — vereint mit muckerisch-prüdem Pharisäismus — wahre Orgien. Man hält sie zwei bis sechs Jahre wie Gefangene fest, als ob sie mindestens einen Totschlag begangen hätten, und spickt die sonnenlose Öde ihres verfehlten Daseins täglich mit tausend ausgesuchten Bosheiten. Der berliner Arzt Dr. Hammer, ein guter Kenner dieses dunklen Gebietes, berichtet, daß er von der Erzielung eines selbständigen Handelns, von Heranbildung frei denkender und zielbewußt dem Edlen zustrebender Charaktere in den Fürsorgeanstalten nichts bemerken konnte. Vom Morgen bis zum Abend wird die Zeit des Zöglings genau nach Vorschrift <!-- S. 211 --> benutzt. Nicht nur die Arbeitzeit ist streng geregelt, auch die Zeit und Art der Erholung. Meist wird sogar der Briefwechsel streng kontrolliert. Es ist den Mädchen jahraus, jahrein unmöglich, aus den Räumen der Anstalt sich zu entfernen. Sie werden nicht mit dem Leben der Weltstadt bekannt gemacht, sie genießen nicht die Wohltaten der Schüler, denen Sehenswürdigkeiten gezeigt, mit denen Ausflüge veranstaltet werden. Oft werden die Mädchen bestraft, wenn sie sich bei der Hausarbeit umsehen oder wenn sie mit Nachbarinnen sprechen. Stundenlang sollen sie am Tage stumm einer eintönigen Handarbeit sich widmen, nur sehr kurze Zeiträume dürfen sie sich unterhalten. Eltern und Verwandte werden nur selten, zuweilen nur alle paar Wochen, zum Besuche zugelassen. Während in jedem Haushalt und draußen im Leben eine Haupteinwirkung durch den Umgang der Geschlechter untereinander erreicht wird, fehlt in Fürsorgeanstalten den Mädchen jeder Männerverkehr, ob geschlechtlich oder nicht. Selbst die Aufgaben des Arztes, die Handlungen des Geistlichen werden vielfach dem weiblichen Geschlecht übertragen. Als Frucht dieser Erziehung tritt infolgedessen die erworbene Homosexualität erschreckend häufig auf. Sind doch die Frauengefängnisse und Fürsorgeanstalten die Brutstätten der erworbenen gleichgeschlechtlichen Liebe. Als Erziehungsmittel bedient man sich der Ordnung, der Arbeit, des Zwanges und meist der Religion. Außer Körperstrafen gibt es Einzelhaft, Nahrungseinschränkung und Entziehung des Besuchs als Strafmittel. Die Arrestlokale sind zuweilen wegen ihrer Kälte, stets wegen ihrer Einsamkeit gefürchtet. Die furchtbarste <!-- S. 212 --> Strafe ist die Verlängerung der Erziehungshaft über zwei Jahre hinaus. Eine derartige Maßnahme ist wohl häufig der Grund zum Entweichen aus der Anstalt. Im Verlauf der Jahre 1901 bis 1909 sind durchschnittlich 5 % der Mädchen entwichen, die nur zum Teil wieder eingeliefert werden konnten. Einen besonderen Grund hierfür bildet auch das Bedürfnis, den Geschlechtstrieb, der übermächtig angeschwollen ist, zu befriedigen. Fast alle Fürsorgezöglinge ergeben sich wenige Stunden nach dem Entweichen aus der Anstalt der zügellosesten Befriedigung des Liebestriebes und stürzen sich in den Sumpf der großstädtischen Ausschweifung. „Obgleich ich Dutzende von Fürsorgemädchen kennen lernte, konnte ich kein einziges ermitteln, das durch diese Art Anstaltserziehung einen gefestigten Charakter gewonnen hätte. Auch konnte ich kein Mädchen finden, das die Anstaltserziehung als eine Wohltat angesehen hätte. Auch sah ich nicht, daß die Mädchen außer Haus- und Handarbeiten ein sie nährendes Handwerk erlernt hätten.“ Im besonderen Maße sind die Erziehungserfolge bei Prostituierten problematisch. „In den wenigen Fällen,“ so heißt es im Bericht der Landesbehörde von Westpreußen von 1905, „in denen der Versuch gemacht wurde, die Prostituierten in Dienst zu geben, schlug er fehl. Bei ihnen handelt es sich in Wahrheit nur um eine Bewahrung vor weiterem Fall bis zum 21. Lebensjahr und um die Vornahme eines körperlichen Reinigungsprozesses.“ Ebenso urteilt Prof Dr. Blaschko, ein hervorragender Sachkenner anf diesem Gebiet, indem er erklärt: „Die zumeist unter konfessioneller Flagge segelnden Rettungshäuser erfüllen ihren Zweck in <!-- S. 213 --> der Regel nicht oder nur in einem bescheidenen Umfange, da die dort übliche allzu starke Betonung des religiösen Moments nur bei einer verschwindenden Minderzahl der Prostituierten geeigneten Boden findet, die Mehrzahl aber abstößt. Auch ist die Zwangsarbeit nicht geeignet, die gerade für die Prostituierten außerordentlich notwendige Erziehung zur Selbständigkeit zu fördern.“

Die *Behandlung der jungen Burschen* ist um nichts anders. Sie krankt an denselben Fehlern und weist infolgedessen dieselben Mißerfolge auf. „Die Hoffnungen auf das Gesetz,“ sagt Geheimrat Plaschke, „sind arg enttäuscht. In einem Jahre und in einem Bezirke in Schlesien wurden 5 Fürsorgezöglinge wegen Mordes verurteilt. Die Burschen begingen die größten Verbrechen, nur um aus den Anstalten herauszukommen. Selbst unter den Erziehern herrscht die Meinung, daß die Zöglinge es in den Anstalten schlimmer haben als in den Gefängnissen.“ Zwar erhalten sie eine Art Fortbildungsschulunterricht, aber die Hauptsache ist doch die Leistung schwerer körperlicher Arbeit bei harter Behandlung und minimalster Freiheit. Der Wille soll gebrochen, das „sündige Fleisch“ abgetötet werden. Und *die Agrarier brauchen billige Arbeitskräfte.* In den Ausführungsbestimmungen des Gesetzes heißt es: Bei der Erziehung ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß die Zöglinge der Verwahrlosung entnommen, zu religiös-sittlichen Menschen erzogen und zu brauchbaren Arbeitern, vorzugsweise für die Landwirtschaft, ausgebildet werden. Also eine Liebesgabe an die Junker, dargebracht in Gestalt billiger menschlicher Arbeitskräfte! Selbst der Direktor <!-- S. 214 --> des hamburger Waisenhauses machte auf dem Fürsorgetage in Breslau den Leitern der Besserungsanstalten den Vorwurf, daß sie mehr dafür sorgten, die selbstverschuldete Leutenot der Agrarier zu mildern, als ihre Schutzbefohlenen für den späteren Kampf ums Dasein tüchtig zu machen. Denn darauf, daß die Zöglinge eine Tätigkeit ausüben lernen, die sie später, wenn sie wieder freie Menschen geworden sind, in den Stand setzt, sich wirtschaftlich zu erhalten, nimmt kein Mensch Rücksicht. In der wohlauer Erziehungsanstalt waren, um nur ein Beispiel hier anzuführen, 1906 von 210 Zöglingen 48 in der Gärtnerei, 12 in der Küche, 10 in der Waschküche, 27 in der Stall- und Landwirtschaft, 55 im Wiesen- und Wegebau und 12 als Burschen oder Boten beschäftigt; nur 42 wurden in einem Handwerk ausgebildet. Nun stammt aber der überwiegende Teil der Zöglinge aus den Großstädten und Industriezentren, wo das Kapital dafür sorgt, daß die Arbeiterfamilie meist nicht in der Lage ist, ihre Kinder zu erziehen. Diese Kinder werden geradezu gewaltsam der Landwirtschaft mit ihren traurigen Löhnen und erbärmlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen zugeführt. Arbeitstiere für das Agrariertum sollen sie werden. Die Erfahrung lehrt, daß sie nur kurze Zeit nach der erlangten Freiheit auf dem Lande aushalten. Sie kehren zur Stadt zurück, vermehren die Zahl der ungelernten Arbeiter, erhöhen das Angebot und drücken damit die Löhne, bis sie schließlich in das Heer der unglücklichen Gelegenheitsarbeiter oder völlig in den Sumpf des Lumpenproletariats versinken. Das ist das Resultat der Fürsorgeerziehung — an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

<!-- S. 215 -->

Es gibt nun freilich auch Fälle, in denen die Verwahrlosung physiologisch bedingt ist, indem ihr körperliche Anomalien, Krankheitserscheinungen usw. zugrunde liegen. Solche Verwahrloste und Gefährdete gehören in die Hände von Ärzten, nicht aber in Besserungsanstalten. An ihnen kann die vielleicht gut gemeinte, aber verkehrte und unzweckmäßige Arbeit von Laien zu großem Unheil führen.

Das *proletarische Kind* steht den Unzulänglichkeiten und Zweckwidrigkeiten des heutigen Fürsorgesystems gegenüber *völlig schutzlos* da. Es muß seine Jugend und Freiheit, sein Recht auf Glück und seine Zukunft zum Opfer bringen, damit die wahrhaft Schuldigen ihr mahnendes Gewissen beschwichtigen. Ja mehr noch, es muß stillhalten, wenn die Organe der öffentlichen Fürsorge an ihm die schändlichsten Verbrechen begehen. Man durchblättere die zehnjährige Geschichte des preußischen Fürsorgegesetzes, und mit Entsetzen und Grausen wird man eine Summe von Schamlosigkeiten und Barbareien, Ruchlosigkeiten und Abscheulichkeiten aufsteigen sehen, die das Herz erbeben und den Atem stocken lassen.

Obenan die himmelschreienden Vorgänge in der Blohmeschen Wildnis und der Hölle von Mieltschin.

In der Provinzial-Fürsorgeerziehungsanstalt bei Glückstadt, die *Blohmesche Wildnis* genannt, waltete der Hausvater Colander mit seiner Frau wie ein Henker seines Amtes. Schlechtes, verdorbenes Essen und die unmenschlichsten Prügel waren an der Tagesordnung. Die Mädchen mußten Hemden, Hosen und Strümpfe tragen, die aus rohen Zuckersäcken — noch mit dem Stempel der Fabrik versehen — gefertigt waren. Gewechselt wurde <!-- S. 216 --> die Wäsche, wenn sie in Fetzen vom Leibe gefallen war, oft erst nach acht bis neun Wochen. Der ganze Körper war meist furchtbar zerscheuert. Geschlagen wurden die Kinder bis zur Besinnungslosigkeit. Manche wurden dann noch an die Kette gelegt, die tief ins Fleisch einschnitt. In der Arrestzelle war es kalt und feucht, tagelang gab es keine Nahrung, bestenfalls Wasser und Brot; die Fesselung erfolgte so, daß der Gepeinigte, ohne weder stehen noch liegen zu können, wie ein hilfloser Krüppel an der Erde lag. Bei den Züchtigungen mußten sich die Mädchen nackt ausziehen, über die Bettstelle oder einen Schemel legen, dann wurde vom Hausvater, seiner Frau oder einem Mädchen, oft abwechselnd und mit aller Wucht mit einem langen Rohrstock oder dem dicken Ende einer Peitsche geschlagen. Ein Mädchen wurde im Winter von früh 6 bis abends 6 Uhr auf den Hof gestellt, nur mit dem Hemd bekleidet und — weil es ins Bett uriniert hatte — in jeder Hand ein schweres Bettpolster haltend, auf dem Kopfe ein nasses Bettlaken. Ein Mädchen wurde an den Haaren zur Erde gezogen und solange geschlagen, bis es dort vorhandenen Menschenkot mit dem Munde aufnahm. Ein drittes mußte aus dem gebrauchten, ungesäuberten Nachtgeschirr Kaffee trinken. Einem vierten wurde der Zopf mit einem Draht an der Stuhllehne angebunden und mit einem Feldstein beschwert, zwischen Brust und Kinn wurde ein Holzkeil gezwängt. Einer fünften wurde das Nachtgeschirr über den Kopf gestülpt, so daß der Inhalt über Gesicht, Hals und Körper lief; ohne den Unrat abwischen zu dürfen, mußte das Kind im Hof stehen, wo infolge der Kälte Topf und Inhalt <!-- S. 217 --> am Kopfe anfroren. Mehrere der Gepeinigten, die gesund in die Anstalt gekommen waren, verstarben nach kurzer Zeit infolge Darm- und Lungentuberkulose, doch weder der Kreisarzt, noch die Aufsichtsbehörde nahmen davon Notiz. Als schließlich die grauenhaften Vorgänge das Gericht beschäftigten, kam das Scheusal Colander mit acht Monaten Gefängnis davon, die er in dem von seinem Vater geleiteten Strafgefängnis Glückstadt verbüßen durfte.

Ein ihm gleichwertiger Fürsorgepfleger mit Henkergrundsätzen und Hunnengesinnung war der Pastor Breithaupt in *Mieltschin*. Die Anstalt, die dem Evangelischen Verein für Waisenpflege gehörte und der Germanisierungspolitik in der Ostmark dienen sollte, hat nur wenige Monate bestanden. Aber was in dieser kurzen Zeit dort an körperlichen und geistigen Qualitäten zerstört, an moralischen Werten zugrunde gerichtet worden ist, ist unübersehbar. Der zur Leitung eingesetzte Pastor besaß nicht die elementarsten pädagogischen Kenntnisse und Fähigkeiten; er hatte ein paar Jahre als Hilfsprediger gearbeitet und hielt sich zum Jugenderzieher auf so schwierigem und verantwortungsvollem Posten hinlänglich qualifiziert. Seine Gehilfen waren Handwerker oder Kaufleute, die in ihrem Berufe gescheitert, mit den Strafgesetzen in Konflikt gekommen oder auch dem Alkoholteufel verfallen und dann bei Bodelschwingh gerettet worden waren. Und diesen Elementen vertraute der Dezernent des Berliner Magistrats 100 Kinder zur Fürsorgeerziehung an! Die armen Wesen wurden schlechter behandelt wie wilde Tiere. Ihr Aufenthalt in Mieltschin war eine Hölle. Wegen geringster Kleinigkeiten wurden furchtbare Mißhandlungen verhängt. <!-- S. 218 --> Ein Junge aß während der Arbeit: 75 Stockhiebe. Beim 74. Schlag verzählte er sich, da begann die gräßliche Prozedur von neuem, bis er nach dem 149. Hiebe wie tot davongetragen wurde. Einem Zögling ging vor Angst der Kot ab: 50 Hiebe. Ein anderer mußte im Arrestlokal urinieren: 50 Hiebe. Ein dritter sprach bei der Arbeit: 50 Hiebe. Ein vierter setzte sich beim Kartoffelschälen: 50 Hiebe. Ein fünfter nahm sich eine Stulle, weil er argen Hunger hatte: 50 Hiebe. Ein sechster aß eine der Zwiebeln, die er pflanzen sollte: 50 Hiebe. Zwei Zöglinge, die auf einem auswärtigen Gehöft arbeiteten, fanden zwei Eier, die sie verzehrten: jeder 100 Peitschenhiebe. Ein geistig minderwertiger Zögling entwendete einen Brotbeutel und versteckte die Brote: 50 Hiebe. Geprügelt wurde mit einer starken Reitpeitsche, dem Krückstocke, einem Gummiknüppel. Meist in Gegenwart der übrigen Kinder, die mitzählen mußten. Und oft von Hochwürden selbst, bis ihn der Ekel vor dieser Henkerarbeit erfaßte. Der Exekution schaute auch wiederholt mit Behagen die Anstaltsschwester zu. Ein Arzt war nie zugegen. Einmal lud der Pastor den Wirtschaftsinspektor ein, da es „einen besonderen Spaß“ gebe. Ein Knabe erhielt erst Faustschläge gegen den Kopf, dann wurde er an einen Baum gebunden, den Rücken gegen den Stamm. Hierauf hagelte es Hiebe auf Kopf, Brust und Leib. Dann wurde das gemarterte Opfer umgedreht und die Rückseite mit Schlägen bearbeitet, bis es ohnmächtig wurde. Da goß man ihm Wasser über den Kopf und die Folter ging von neuem los. Den Schluß machten 50 Hiebe über dem Schemel. Insgesamt hatte der zerfleischte Körper des unglücklichen Kindes <!-- S. 219 --> 200 Hiebe ertragen. Und die gefühlvolle Schwester Olga schaute lächelnd zu. Waren die Exekutionen vorüber, dann flogen die Gemarterten tagelang bei Wasser und Brot in dunkle Keller, wo sie ohne Matratze und Decke auf den Fliesen liegen mußten, mit Hand- und Fußschellen gefesselt und ohne Nahrung zu erhalten. Ärzte, die einige der mißhandelten Zöglinge nach deren Flucht aus der Anstalt untersuchten, fanden nach Wochen noch eiternde Wunden, blutunterlaufene Flecke, dicke Beulen und tiefe, große Narben. In dem Prozeß, der die Schandtaten Breithaupts vor aller Welt bloßlegte, nahm der Staatsanwalt 57 Fälle schwerer Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Anstiftung dazu an; doch erachtete er eine strafbare Handlung nur dann als vorliegend, wenn mehr als 50 Hiebe verabfolgt worden waren. Sonst wäre die Zahl der Fälle in die Tausende gegangen. Der Unmensch fand milde Richter, er kam mit 9 Monaten Gefängnis davon.

Ob die Greuel der Blohmeschen Wildnis und der Hölle von Mieltschin verallgemeinert werden dürfen? Die Offiziellen und Offiziösen wehren und verwahren sich dagegen. Und doch mehren sich die Zeichen dafür, daß auch anderwärts das Los der Fürsorgekinder nicht viel besser ist.

So hatte sich in *Dresden* die Oberin des Kinderheims von Vincentius-Verein, das Verwahrlosten und Waisenkindern das Elternhaus ersetzen soll, wegen zahlreicher, teilweise sehr roher Überschreitungen des Züchtigungsrechts zu verantworten. Sie wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt und mußte ihr Amt niederlegen.

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Ebenfalls in Dresden hatte der Verein für Kinderfreunde zu seiner Belehrung und Orientierung einen Rundgang durch verschiedene staatliche, städtische und private Besserungsanstalten unternommen und dabei auch Zutritt zu der von der Stadt Dresden geleiteten Anstalt „Marienhof“ erhalten. Der Eindruck war derart ungünstig, daß der Verein sich in einer Eingabe an den Oberbürgermeister wandte. Der Direktor hatte erklärt, daß er die Anstalt als Strafanstalt betrachte, in der „jugendliche Subjekte bestraft, mit Konsequenz zur Arbeit angehalten und durch Abschreckung auf andere Bahnen geführt werden sollten“. Jedes Recht auf Erbarmen wurde nicht nur den in Einzelhaft befindlichen Zöglingen, sondern auch 7- bis 14jährigen Kindern, die erzogen werden sollten, rundweg abgesprochen; jede Freude, selbst die geringste Zerstreuung war ihnen versagt. Der Direktor zeigte den Besuchern die kleinen, offenstehenden Schränkchen der Knaben und tadelte den Aufseher, weil er kleine aufgelesene Holzstückchen, womit die Knaben spielten, darin duldete, wobei er ausdrücklich hervorhob, daß der Aufenthalt in der Anstalt durchaus nichts Erfreuliches haben dürfe. Von empörender Härte zeugten dabei die Strafen: 30 Stockhiebe vor versammelter Klasse für Knaben und Mädchen. Natürlich waren die Erfolge der Anstalt gleich Null. Der famose Herr Direktor wurde später, nachdem er noch jahrelang unter den Augen des Rates die armen Kinder gequält, seines Amtes enthoben und wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen an den ihm anvertrauten Zöglingen, zu längerer Gefängnisstrafe verurteilt.

In *Greifswald* standen acht Insassinnen des dortigen <!-- S. 221 --> Mädchenheims wegen Meuterei und Sachbeschädigung vor Gericht. Dabei kam heraus, daß der Leiter der Anstalt — ein Pastor Jahn — im Einverständnis mit dem Landeshauptmann und dem Kuratorium Mädchen von 16 bis 21 Jahren überlegte und verprügelte. Außerdem war es üblich, die Mädchen mit Ohrfeigen, Zellenarrest bei Wasser und Brot, wochenlangem Entziehen des Waschwassers und Abschneiden der Haare zu bestrafen.

Aus einer unter städtischer Verwaltung stehenden Erziehungsanstalt in *Barmen* wurde bekannt, daß die Kinder mit Peitschenhieben und Kostabzug bestraft wurden. Ein langjähriger Angestellter erhielt wegen Sittlichkeitsverbrechen an Anstaltszöglingen ein Jahr Gefängnis, ein anderer wegen Diebstahls vorbestrafter Erziehungsgehilfe 3 Monate Gefängnis, weil er einen Zögling das Sparkassenbuch gestohlen hatte.

Schlimme Mißhandlungen drangen aus der Handwerkerbildungsanstalt zu *Gemünd* (Reg.-Bez. Aachen), wo etwa 150 Fürsorgekinder untergebracht sind, in die Öffentlichkeit. Eine beliebte Strafe ist der „Jungfernkranz“; dabei werden die Kinder mit Stricken am Tisch befestigt, durch einen Mundknebel am Schreien verhindert und dann mit 100 und mehr Hieben bedeckt.

Die Liste ließe sich ins Unendliche verlängern. Überall waltet in diesen Fürsorgeerziehungsanstalten der finstere Geist der Härte und Roheit, der sich in oft bestialischen Martern und greuelvollen Schreckensszenen auslebt. Und das unglückliche Opfer dieses unheilvollen Systems ist immer und immer das proletarische Kind.

Neben Prügelqual und Muckerei herrscht in den <!-- S. 222 --> Anstalten die rücksichtsloseste und krasseste *Ausbeutung kindlicher Arbeitskraft*. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die eigentliche Aufgabe des Fürsorgeerziehungsgesetzes darin besteht, den Agrariern unter dem Deckmantel sozialer Wohlfahrtspflege billige und willige Arbeitskräfte zuzuführen. Zahlreiche Fälle aus dem Osten, wo man Kinder um harmloser Jugendstreiche willen in Fürsorgeerziehung steckt, sie dort ohne ersichtlichen Grund jahrelang festhält und in der Fron der Landwirtschaft ohne Entlohnung in grausamster Weise ausbeutet, bis sie das 21. Lebensjahr erfüllt haben, bestätigen ganz offenkundig diese kulturwidrige Tendenz.

Aber auch das Industriekapital hungert nach Kinderfleisch. Seitdem das Kinderschutzgesetz die früher maßlos geübte Ausbeutnng der Unmündigen etwas erschwert, spannt man die Fürsorgezöglinge in den Dienst der Profitmacherei. Nach Angaben *Agahds* gab es 1904 in Deutschland ca. 800 nichtstaatliche Erziehungsanstalten, wovon 683 neben andern Zöglingen auch Fürsorgekinder aufnehmen. Der Aufwand der Anstalten erfordert jährlich 11 bis 12 Millionen Mark, die in der Hauptsache auf privatem Wege, aus Stiftungen, durch Sammlungen aufgebracht werden. Der Ertrag reicht aber nicht aus, um die Erziehungsanstalten in den Stand zu setzen, ihren erzieherischen Aufgaben wirklich gerecht zu werden. Daher sind in zahlreichen Anstalten die Einrichtungen äußerst primitiv, die *Kost ist dürftig*, die *Leitung mangelhaft*, weil nebenamtlich, die *Erziehungsgrundsätze* sind veraltet, das schlecht besoldete, auf dem Wege des Inserats gewonnene Personal ist gar nicht oder nur mangelhaft vorgebildet. <!-- S. 223 --> Der Leiter einer großen Erziehungsanstalt hat über das Gros dieser Anstalten das vernichtende Urteil gefällt: „Für den Strafzweck fehlt diesen Anstalten recht viel, für den unter dem Fürsorgegesetz aber immer maßgebenden Erziehungszweck *fehlt ihnen nicht viel weniger als alles*.“ Die größte Zahl der Anstalten ist infolge des Mangels an Mitteln direkt auf *Kinderarbeit* angewiesen, nicht allein, daß die Kinder, um Personal zu sparen, alle für die Anstalt erforderlichen Arbeiten verrichten müssen, nein, damit die Anstalt ihre Existenz überhaupt fristen kann, greift man zur *Ausbeutung* der kindlichen Arbeitskräfte, die natürlich, soll sie ergiebig sein, *rein kapitalistisch betrieben* werden muß. „Kein Geld in der Anstalt — Folge: Geld verdienen! Geld verdienen! — Folge: gewerblich arbeiten. Gewerblich arbeiten — Folge: Teilarbeit, mechanische Arbeit, Akkordarbeit, lohnende Arbeit oder Arbeit um jeden Preis. Wechsel in der Beschäftigung muß fehlen, da nur der Eingearbeitete viel schafft. Arbeitserziehung und gewerbliche Kinderarbeit sind diametrale Begriffe.“

In einer Anstalt müssen, wie Agahd berichtet, die Knaben *Federn zupfen* und die Mädchen *Decken knüpfen*; „im Winter sind das die gewöhnlichen Arbeiten“. In einer zweiten hat man „für die kleinsten Jungen“ das *Bemalen von Bleisoldaten* für eine Fabrik eingeführt. „Jeder Junge hat sein Töpfchen mit Farbe und einen Pinsel. Der eine gibt dem Pferd seine Farbe, ein zweiter legt ihm einen Sattel auf, ein dritter zieht dem Reiter Uniform an usw.“ Die Buchbinder liefern Schreibhefte, binden Bücher ein, heften Broschüren und liefern <!-- S. 224 --> allerlei Papparbeiten. Der Eintritt in die Schuhmacherabteilung ist freiwillig. Es wird nicht bloß altes *Schuhwerk ausgebessert*, sondern auch neues gefertigt. Dabei versorgt man nicht bloß die eigene Anstalt, sondern auch andere staatliche Institute. Auch von der *Schneiderabteilung* werden nicht bloß die Bedürfnisse der Anstalt gedeckt, sondern auch andere Anstalten mit Kleidung versorgt. Die *Stricker* fertigen neue Strümpfe, jedoch nur im Winter. Ebenso wird das *Korbmachen* nur im Winter betrieben. Das gleiche gilt vom *Strohflechten*, wo man Strohmützen, Strohdecken und Strohsohlen anfertigt. Wie intensiv in dieser philantropischen Musteranstalt die Kinderausbeutung betrieben wird, zeigt die Tagesordnung: Sommer und Winter wird um 5 Uhr aufgestanden. Von 5—6 Uhr Ankleiden, Bettmachen, Waschen, erstes Frühstück. 6 bis 7 Uhr Arbeitsstunde zum Lösen der Schulaufgaben. 7 Uhr Morgengebet. Dann gehen die Nachmittagsschüler bis 11¾ Uhr an die Arbeit, die von einer halbstündigen Frühstückspause unterbrochen wird. Die Vormittagsschüler kehren nach dem Gebet das ganze Haus, erhalten um ¾8 Uhr ihr zweites Frühstück und werden dann von 8—12 Uhr unterrichtet. Um 12 Uhr wird gegessen, dann ist Freizeit bis 1 Uhr. Jetzt gehen die Vormittagsschüler an die Arbeit bis 6½ Uhr, zwischendrein ist Vesperpause. Die Nachmittagsschüler haben von 1—4 Uhr Unterricht, vespern und gehen an die Arbeit. Um 7 Uhr ist gemeinsam Abendmahlzeit, worauf im Winter bis 8, im Sommer bis 8½ Uhr Freizeit ist. Dann kommt das Abendgebet, und hierauf geht's ins Bett. Über den Erfolg dieser Fürsorgeausbeutungsanstalt <!-- S. 225 --> ist zu bemerken, daß von 107 Entlassenen einer starb, 4 zurückgenommen werden mußten, 6 in eine Korrektions-, 2 in die Strafanstalt kamen. Von den 94 „gut“ Entlassenen waren fünf Jahre später 15 in der Strafanstalt.

Von weiteren Anstalten wird berichtet: „In der schulfreien Zeit werden die Kinder mit *Gemüselesen* — Bohnen, Linsen, Kaffee, — und mit *Stuhlflechten* beschäftigt …“ „Nachmittags ist Arbeitszeit. Außer den Hausarbeiten kommen in Betracht: *Saal- und Feldarbeiten*. Unter den ersteren spielt das *Sortieren* von Bohnen, Kaffee usw. eine große Rolle. Auch das *Pflügen* besorgen Knaben. *22 werden vor den Pflug gespannt* …“ „Die Arbeit besteht in Landwirtschaft, Gärtnerei, Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei, Sattlerei, Buchbinderei, Bürstenbinderei, Korbflechten, Küchenarbeit und verschiedenen anderen vorfallenden Arbeiten. Die Jungen sind in bestimmte Gruppen eingeteilt, die einzelne Gruppe wird immer mit derselben Arbeit beschäftigt …“ „Die *ganze Zeit* außer den Sonntagen und einer halben Stunde der Werktage ist mit Schule und Arbeit vom Morgen bis Abend ausgefüllt. Auf diese Weise ist *keine Zeit für körperliche Übungen, Spielen und andere Zerstreuungen übrig*. Man sieht selten die Knaben spielen, auch hörte ich *kein einziges Mal ein frisches, herzliches Lachen*.“

Es sind Bilder von *Strafanstalten*, die sich hier dem entsetzten Auge entrollen. Von Fürsorge, Erziehung, Aufrichtung und Heilung keine Spur. Oft nicht einmal der Wille zum Guten, wieviel weniger die Kraft und das Vermögen. Vereinzelt mag es Ausnahmen davon geben, <!-- S. 226 --> gelegentlich wohl sogar rühmliche Ausnahmen, — wer dächte nicht an die Anstalt „Am Urban“ in Zehlendorf-Berlin und ihren vortrefflichen Direktor Plaß! — im allgemeinen jedoch herrscht jene Form der spezifisch christlichen Jugendfürsorge und Fürsorgeerziehung vor, bei der man durch das salbungsvolle Pathos der Predigten und Andachten und das Plärren der Lobgesänge mit stillem Schauder das Ächzen gequälter, abgerackerter Menschenwesen und das Sausen der Knute über striemenbedeckte Körper hört …

## In der Nacht des Kerkers

Das sind die sonnenärmsten und trostlosesten Kapitel im Buche der sozialen Schattenbilder: *Gerichtssaal* und *Gefängnis*. Von ihnen gilt das Wort, das Freiligrath von der *Wüstensteppe* sagt: Sie liegt vor Gott in ihrer Leere wie eine leere Bettlerfaust.

Im deutschen Reiche werden alljährlich im Durchschnitt etwa 50000 Jugendliche wegen Vergehen gegen Gesetze oder behördliche Verordnungen verurteilt. Die Ziffer ist in beständigem Steigen begriffen. In den letzten Jahren waren es etwa 54000, 1899 noch 47500, 1895 erst 44000. Von 1882 bis 1905 hat die Zahl der Verurteilten um 26% zugenommen.

„*Von Rechts wegen*“ haben die Richter ihren Spruch über all diese unglücklichen Sünder gefällt.

„*Von Rechts wegen*“ vertrauern Zehntausende, denen die Sonne und die Lust der Jugend gehört, hinter Kerkergittern und Gefängnismauern die beste Zeit ihres Lebens.

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Fühlt man denn nicht, daß dieses harte, starre „Von Rechts wegen“ eine brutale Vernichtung unzähliger Hoffnungen ist, daß die dürren, trockenen Zahlen der Kriminalstatistik eine barbarische Zerstörung von tausend wertvollen Lebenskeimen und Menschenknospen bedeuten?

Es fehlt nicht an Stimmen aus den Kreisen der Juristen, Kriminalpsychologen und Pädagogen, die das heutige Verhältnis zwischen *Kind und Strafrichter* als ungesund und unerträglich, als eine Gefahr für die Jugend, das Volk und seine kulturelle Entwicklung bezeichnen und die mit Anregungen und Vorschlägen einer Reorganisation der Zustände förderlich sein wollen. Schon vor mehr als zehn Jahren hat Prof. Dr. *Mendel* die Überzeugung ausgesprochen, daß von all den jugendlichen Verbrechern „ein nicht kleiner Prozentsatz zu Unrecht bestraft“ werde. Von ihnen sei, so führte er aus, die strafbare Handlung meist in einem Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit begangen, zum mindesten habe ihnen bei Begehrung der Tat die zur Erkenntnis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht gefehlt (§ 51 StGB.). Die krankhafte geistige Schwäche, die auf einer angeborenen oder in der Kindheit erworbenen Hemmung der Entwicklung des Gehirns beruhe, werde sehr oft nicht genügend gewürdigt, besonders dann nicht, wenn kein Angehöriger und kein Verteidiger durch die Vorgeschichte des Angeklagten dessen geistigen Defekt beweise. Dies gelte namentlich von der recht erheblichen Zahl von Epileptikern. Wenn unter den erwachsenen Strafgefangenen etwa 5% Epileptiker gezählt würden, von denen sicher <!-- S. 228 --> nur ein sehr kleiner Teil als zurechnungsfähig zu erachten sei, so sei die Zahl dieser unter den Schutz des § 51 StGB. fallenden Epileptiker unter den Jugendlichen sicher noch größer. Zwar wüßten derartige Kranke sehr wohl, was gut und böse sei, sie könnten wohl auch die zehn Gebote hersagen, wüßten auch, daß man nicht stehlen dürfe, und daß man bestraft werde, wenn man es tue, aber all diese Dinge hätten für sie nicht die Bedeutung eines sittlichen Gesetzes erlangt. Diesen unzweifelhaft Geisteskranken reihe sich eine andere Spezies jugendlicher Verbrecher an, deren Denken von Jugend an ebenfalls eine abnorme Richtung angenommen habe, ohne daß sie jedoch im Sinne des Gesetzes als geisteskrank zu betrachten seien. Es handle sich hier um jene unglücklichen Menschen, die als Krüppel mit entstellenden Krankheiten, Sprachfehlern, nervösen Störungen usw. geboren seien, in der Schule den Gegenstand des Spottes und des Hänselns bildeten, im elterlichen Hause zurückgesetzt oder gar hart behandelt wurden, infolgedessen von Jugend an die ganze Welt als sich feindlich gesinnt betrachteten und so in der Verbitterung gegen diese älter wurden. Nach ihrer Entlassung aus der Schule scheiterte der Versuch, selbst das Brot zu verdienen, meist infolge des körperlichen Zustandes. Ihre strafbaren Handlungen erschienen ihnen als Rache gegen jene Allgemeinheit, gegen die sie im Zustande der Notwehr sich verteidigen zu müssen glauben. Eine weitere Kategorie von jugendlichen Verbrechern sei durch Beispiel, schlechte Gewöhnung und Erziehung, den Einfluß verbrecherischer, sittlich entarteter, alkoholistischer Eltern und schließlich auch durch mangelhafte <!-- S. 229 --> Einrichtungen der Gesellschaft auf die schiefe Bahn gedrängt worden.

So Prof. Mendel, dem sich in neuerer Zeit Prof. Dr. *Liszt*, Dr. *Wulffen* u. a. angeschlossen haben. Ihre für ein tieferes Erfassen und Verstehen des Problems der Kriminalität der Jugendlicheu gewiß beachtenswerten Ausführungen haben unsere in Formalismus erstickte und in bedenklichem Selbstgefühl befangene Strafrechtspflege fast völlig unberührt gelassen. Zudem revoltiert gegen den Geist der *Reformvorschläge* der Geist des ganzen Systems. Die Organisation und Verhaudlungspraxis unserer Gerichte, der Schematismus der forensischen Technik, die Zusammensetzung der Gerichtshöfe, die Überlastung der Richter, die Vorherrschaft der Formalien usw. gestatten gar keine sorgfältige Untersuchung der tiefer liegenden Voraussetzungen und Motive des strafbaren Handelns. Mau will auch diese Gründlichkeit nicht, weil dann die Staat und staatliche Ordnung erhaltende und stützende Tendenz der Gerichte in eine Anklage gegen deu Staat und die Gesellschaft sich verkehren würde. Schon durch die Unfähigkeit des aus bürgerlichen, meist wohlhabenden Familien sich rekrutierenden Richterstandes, sozial zu fühlen und den Angeklagten aus der Denk- und Empfindungswelt seiner Klasse heraus zu verstehen, wird jeder Versuch zu solch unerwünschter Gründlichkeit vereitelt. Für diese „Hüter der Gerechtigkeit“ trifft im allgemeinen mit mehr oder weniger Gewicht zu, was der Abg. *Heine* im Reichstage einmal von den Richtern des oberschlesischen Industriebezirks im besonderen sagte: „Ich habe auf Grund meiner Erfahrungen den Eindruck, daß <!-- S. 230 --> man das Gefühl dafür verloren hat, daß *die unten im Volke auch Menschen mit Gefühlen und Schmerzen* sind.“ Erschreckend, ja oft geradezu empörend ist es, zu sehen, mit welch abstoßender Handwerksmäßigkeit vor den Schranken des Gerichts „Fälle erledigt“, Urteile gesprochen, Menschen für „schuldig befunden“ und Kinder in die Nacht der Kerker geworfen werden. Zahllose Menschenblüten werden geknickt, Lebenshoffnungen ausgelöscht, Existenzen vernichtet. Doch das Gesetz will sein Recht haben. Pereat mundus!

Wie unendlich oft sind die mit Gesetzesschärfe gerochenen „*Straftaten*“ *der Kinder* nichts weiter als harmlose, unüberlegte Handlungen oder lose Streiche, Ausflüsse kindlichen Übermuts, Akte des Leichtsinns, der Fahrlässigkeit oder Unerfahrenheit. Die Gerichte aber kennen kein verzeihendes Verstehen, keine Nachsicht, keine Menschlichkeit.

In *Aachen* sperrte man einen Knaben ins Gefängnis, weil er auf der Straße um Geld „gekullert“ hatte und die Eltern den polizeilichen Strafbefehl nicht bezahlen konnten.

In einer anderen Stadt mußten mehrere Knaben das Herunterwerfen unreifer Kastanien hinter Schloß und Riegel büßen.

In *Friedrichsfelde* erhielt ein 14jähriger Lehrling zwei Tage Haft, weil er zu arm war, um sich die für den Fortbildungsschulunterricht erforderlichen Lernmittel zu beschaffen.

In *Beuthen* und *Duisburg* verurteilte man 12jährige Kinder zu der furchtbaren Strafe von einem Jahr Gefängnis, weil sie Steine auf die Schienen gelegt <!-- S. 231 --> hatten, um zu sehen, wie die Lokomotive „hopse“. Die Bonner Borussen kamen zu derselben Zeit, als die Duisburger Verurteilung erfolgte, mit 50 und 80 Mark Geldstrafe davon, obwohl sie einen Eisenbahnzug überfallen, Fensterscheiben zertrümmert, Wagenabteile demoliert, die Lokomotive beschädigt und die Beamten geohrfeigt hatten.

Der Bericht über die preußische Fürsorgetätigkeit im Jahre 1909 konstatiert, daß 275 schulpflichtige Kinder bereits Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren erlitten hatten.

Die *Strafmündigkeit* des Kindes beginnt mit dem zurückgelegten 12. Lebensjahre. Dieser Zeitpunkt ist zum mindesten für die proletarische Jugend entschieden zu früh gewählt. Bei vielen mit krankem Körper geborenen, schlecht genährten und gepflegten, unter widrigen sozialen Verhältnissen aufgewachsenen Kindern weist das Gehirn mit zwölf Jahren noch nicht die geistige und sittliche Reife auf, die Schutz vor dem Strafrichter zu gewähren vermag. Wir hörten ja, daß das proletarische Kind in seiner Entwicklung um ein, zwei, ja drei Jahreswachstume hinter der bürgerlichen Jugend zurücksteht. Überdies lehrt die Psychologie, daß selbst bei normal entwickelten Menschen die ethischen Vorstellungen erst nach Abschluß der Gehirnentwicklung und Durchmessung der Pubertätsperiode zur vollen Ausbildung gelangt. Auf der Erfassung des ethischen Begriffs aber beruht in der Hauptsache die strafrechtliche Verantwortung des Individuums. „Das zwölfjährige Kind“, sagt der Staatsanwalt Dr. Wulffen, ein Befürworter der Heraufsetzung des Strafmündigkeitsalters, „hat noch kein Verständnis für die soziale und ethische Bedeutung der Straftat und der Strafe, es begreift <!-- S. 232 --> nur, daß die letztere die Folge und Wirkung der ersteren ist. Es hat sich in Schule und Haus moralische Urteile anderer angelernt, deren tieferen Sinn es noch nicht begreift, weil sein eigenes ethisches Bewußtsein, sein Gewissen, noch in der Entwicklung begriffen ist und noch mehr einem Instinkt ähnelt. Der Zwölfjährige steht noch jenseits von Gut und Böse … Dem Mangel an ethischem Bewußtsein entspricht das noch ungezügelte Triebleben des Kindes. Es handelt in der Hauptsache auf Grund unmittelbarer sinnlicher Impulse. Neben den guten Anlagen regen sich die schlechten Triebe, die es von der Natur durch Zufall oder Vererbung auf den Lebensweg mitbekommen hat. Der Affekt behauptet seine Herrschaft. Der menschliche Egoismus tritt unverhüllt auf und macht sich mit allen Mitteln, mit Gewalt und List, Rechthaberei und Lüge, Güte und Bosheit geltend; der Neid kann nicht niedergekämpft werden … Die unreinen Gedanken und Triebe, die keiner Menschenseele erspart bleiben, mit Erfolg zu zügeln, will erst dem reifenden Intellekt gelingen, der die Forderungen des Sittengesetzes begreift und jenen Anfechtungen eine zur Charakterbildung erstarkende Willenskraft entgegenzusetzen vermag … Hiezu kommt aber noch, daß bis zum 14. Jahre, ja oft darüber hinaus, die ethische und intellektuelle Entwicklung in den verschiedensten Zeitmaßen vorwärts schreitet. Der ganze körperliche Organismus des Kindes ist in steter Veränderung, im Wachstum begriffen. Der Intellekt muß fortwährend neue Begriffe und Vorstellungen aufnehmen. Vielfältige Krankheiten hemmen den Fortschritt der Entwicklung. Es gibt Perioden des Stillstandes, ja der Rückwärtsbewegung, dann wieder <!-- S. 233 --> Zeiten des eilenden Fortschritts. So unerschöpflich die Natur in der Hervorbringung menschlicher Individualitäten ist, so vielgestaltig sind die Wege und so auseinanderliegend die Zeitmaße, innerhalb denen sie ihr Wunderwerk in der Kinderseele vollendet …“

Diese kindliche Psychologie muß man kennen, und die sozialen Verhältnisse besonders der proletarischen Jugend dazu, um zu verstehen, wie es möglich war, daß innerhalb dreier Jahre, von 1899 bis 1901, folgende Verurteilungen Jugendlicher erfolgen konnten: 90 Mädchen und 1495 Knaben vom 12. bis 14. Jahre wegen *gefährlicher Körperverletzung*. 9 Mädchen und 230 Knaben des gleichen Alters wegen *Hausfriedensbruches*. 44 Mädchen und 1969 Knaben wegen *Sachbeschädigung*. 15 Mädchen und 227 Knaben wegen *Unzucht*, 10 Knaben wegen *widernatürlicher Unzucht*! 8 Mädchen und 2 Knaben wegen *Blutschande*!! 1 Mädchen und 1 Knabe wegen *Kuppelei*!! 2 dreizehnjährige Mädchen wegen *Abtreibung*! 1 vierzehnjähriges Mädchen wegen *Ehebruchs*!! 5 Knaben wegen Rückfallbetruges. 13 Knaben und Mädchen wegen Untreue. 190 Knaben und 41 Mädchen wegen Urkundenfälschung. 30 Knaben und Mädchen wegen Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen betreffend die Sonntagsruhe und den Ladenschluß. 2 Knaben wegen *Majestätsbeleidigung*! 33 Knaben und 8 Mädchen wegen *Religionsvergehen*! 162 Knaben und 4 Mädchen wegen *fahrlässiger Körperverletzung*! Will man behaupten, daß alle diese unglücklichen Geschöpfe „geborene Verbrecher“ seien? Oder daß ihre Delikte nur die Resultate ihrer „sittlichen Verderbnis“ darstellten? Diese Erklärung <!-- S. 234 --> wäre zu oberflächlich und zu bequem, als daß sie ernst genommen werden könnte. Man grabe tiefer, und man wird die *gesellschaftlichen Untergründe* entdecken, auf denen die Taten erwuchsen. Ist es Zufall, daß der weitaus größte Teil der verurteilten Kinder aus armen Familien stammt? Blutschande, Abtreibung, Ehebruch, — steigen da nicht unwillkürlich die entsetzlichen Wohnungsverhältnisse des Proletariats vor unseren Blicken auf, das Schlafgängertum, der Mangel an Betten …? Vergehen gegen die Sonntagsruhe, Untreue, Urkundenfälschung und Betrug, — sehen wir da nicht vor uns das abgehetzte und ausgebeutete Heer der Bäckerjungen, Hausburschen, Laufboten, Rollmöpse, der kleinen Hausierer, Streichhölzer-, Blumen- und Hampelmann- und Fliegentütenverkäufer? Und dann, was soll es heißen, wenn man Kinder wegen Gotteslästerung, Hausfriedensbruch oder Majestätsbeleidigung verurteilt? Stellt sich eine solche Rechtsprechung nicht auf eine Stufe mit den mittelalterlichen Gerichten, die sogar Tiere verurteilten? Eine unheimliche demoralisierende Macht ist der *Hunger*. Wer nie seine Krallen in den Eingeweiden gefühlt hat, kann nicht ermessen, zu was für Taten er selbst den sittlich gefestigten, wohlerzogenen, besonnenen und aller Konsequenzen sich bewußten Menschen fähig macht. Nun gar erst das körperlich wie geistig verwahrloste, schlecht erzogene, ewig hungrige Kind der Armen!

Daß die *Erwerbsarbeit der Kinder* vielfach direkt oder indirekt die Ursache zu Gesetzesverletzungen ist, darf als eine erwiesene Tatsache gelten. Von den in der Strafanstalt Plötzensee internierten jugendlichen Strafgefangenen <!-- S. 235 --> waren nach einem Bericht des Anstaltslehrers Erfurt 70% früher erwerbstätig, in Straußberg 71%. Von den in England zur Zwangserziehung abgegebenen Kindern waren nach Lens 67% ehemalige Straßenverkäufer, die schon frühzeitig mit verdienen mußten und dabei allen Gefahren ihres Metiers ausgesetzt waren. In der Kriminalstatistik für das Jahr 1891 heißt es, „daß in Gebieten mit hoher industrieller Entwicklung und ausgedehnter Verwendung jugendlicher Arbeitskräfte auch die Kriminalität der Jugendlichen im Verhältnis zu der der Erwachsenen hoch ist“, und Dr. Neumann meint im Handbuch der Hygiene, daß dies — abgesehen von der aus den äußeren Arbeitsverhältnissen sich oft unmittelbar ergebenden moralischen Gefährdung — auf sittliche Schädigung durch frühzeitige Kinderarbeit hinzudeuten scheine. Nicht alle erwerbstätigen Kinder sind verdorben, schreibt Agahd, aber sittlichen Gefahren sind die meisten ausgesetzt. Notdürftig genährte Kinder verfallen leicht der Versuchung zum Diebstahl. Wieviel Unterschlagungen aus Not mögen vorkommen. Wie oft mag der Semmelbeutel vom Frühstücksträger selbst entwendet werden, — der kleine Bruder daheim ißt auch gern einmal Weißbrot. Man sehe sich doch den moralischen Anschauungsunterricht an, den der Laufbursche unter halbwüchsigen Arbeitern in der Werkstatt, der Kegeljunge unter halbbetrunkenen Kegelbrüdern, der Zapfbursche in der Schankwirtschaft, der Kuhjunge oder Kleinknecht in den landwirtschaftlichen Betrieben, das dienende Mädchen unter Knechten und Mägden genießt. „Welche Dinge“, sagt Dr. Tippmann, „hört und sieht es da bei seiner Beschäftigung! Wie wird es mit Verhältnissen <!-- S. 236 --> bekannt und lernt auf Erscheinungen achten, die seinem Auge besser noch lange verborgen geblieben wären! Darf es uns dann wundernehmen, wenn sein sittliches Gefühl abgestumpft, wenn seine moralische Widerstandsfähigkeit geschwächt wird? Hat es Gelegenheit, oft Untreue und Betrug zu beobachten, so wird sich in den meisten Fällen auch bei ihm der Hang zu Lug und Trug herausbilden; führt es seine Tätigkeit regelmäßig zusammen mit rohen, unanständigen Menschen, so werden Roheit und Flegelhaftigkeit auch bald an ihm zu beobachten sein … Eine ganze Reihe von Fällen habe ich im Laufe von drei Jahren zu erledigen gehabt oder sind durch das Gericht der Schule zur Kenntnis gebracht worden, in denen Laufburschen oder in einem Geschäft Tätige ihre Arbeitgeber betrogen haben. Augenblicklich schweben Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft gegen nicht weniger als vier Schüler meiner Anstalt. Einer hat aus dem Geschäft, in dem er arbeitete, Waren gestohlen, ein anderer hat als Laufjunge aus der Ladenkasse mehrfach größere und kleinere Geldbeträge genommen und einkassierte Gelder unterschlagen, die beiden anderen haben in einer Buchhandlung fortgesetzt Buchdiebstähle ausgeführt — Gelegenheit macht Diebe.“ Finden die so gefährdeten Kinder in der Familie keine starke Stütze, greift keine energische und geschickte Erziehung bewahrend und bessernd in ihren Wandel ein, so geht es rasch auf abschüssiger Bahn weiter, und manchem von ihnen öffnen sich die Pforten des Gefängnisses bald überhaupt nicht mehr.

Zur Vernachlässigung durch die Familie kommt beim proletarischen Kind als weiteres erschwerendes Moment <!-- S. 237 --> die *Vernachlässigung durch die Schule*. Als vor ungefähr zehn Jahren von Kutten- und Bäffchenträgern der Vorwurf erhoben wurde, das Aufsteigen des Volkes zu höherer Bildung führe zur Sittenverderbnis, wies die deutsche Lehrerschaft nach, in wie hohem Maße gerade umgekehrt *der intellektuelle Tiefstand des Volkes den besten Nährboden für Unmoral und sittliche Verwilderung* bilde. Aus den ziffernmäßigen Nachweisen für diese Tatsache seien nur einige hier wiedergegeben: Von den am 1. Oktober 1884 in den preußischen Gefängnissen vorhandenen und bis 31. März 1897 eingelieferten männlichen Strafgefangenen waren aus Ostpreußen 5,82% mehr vorhanden als man nach der Bevölkerungsziffer hätte erwarten sollen, aus Westpreußen 19,8%, Posen 39,6%, Schlesien 75,9% und Berlin, dem großen Sammelbecken für den Osten, 70,9% mehr. Dagegen in allen anderen Provinzen weniger, in Hannover und Westfalen sogar bis zu 50%. Dieselbe Erscheinung ließ sich bei den weiblichen Strafgefangenen nachweisen: Ostpreußen 30,1%, Westpreußen 8,6%, Posen 95,03%, Schlesien 122,8% mehr. Im Westen ist die Kultur älter, die Schule hat länger und intensiver gewirkt, dank ihrer im allgemeinen viel besseren Verfassung, daher das höhere sittliche Niveau. Im Osten dagegen, in den Junkerdomänen, wo der Mensch nur als Arbeitstier gilt, das keinen Anspruch auf Kultur und Gesittung hat, herrscht ein erschreckender moralischer Tiefstand. Noch ein paar Zahlen aus der Kriminalstatistik belegen dies: 1897 wurden im Regierungsbezirk Oppeln wegen Hausfriedensbruch 1135 Personen verurteilt, der zwölfte Teil der <!-- S. 238 --> wegen dieses Delikts in Preußen überhaupt verurteilten Personen; wegen Nötigung und Bedrohung 918 Personen (15% der Verurteilungen im ganzen Staat) und wegen gefährlicher Körperverletzung 5269 Personen (10% der Gesamtziffer). Dieser selbe Regierungsbezirk Oppeln hat nun aber auch so ziemlich die traurigsten Schulverhältnisse in der preußischen Monarchie. In 132 Schulen kamen auf 1 Lehrer über 100 Kinder, in 76 bis 110, in 36 bis 130, in 21 bis 160 und in einer Schule sogar 166. Ein anderes Beispiel: Wegen schwerer Körperverletzung und Meineids kamen 1898 in Sachsen 72,3 bzw. 1,5, in Berlin 126,8 bzw. 2,7 auf je 10000 Personen zur Verurteilung, dagegen in dem mit viel schlechteren Schul- und Bildungsverhältnissen gesegneten Posen 232,3, in Bayern gar 295,6. Aus Österreich, England und Amerika ließen sich ähnliche Belege mit teilweise noch gravierenderer Beweiskraft heranziehen, um zu zeigen, daß die Schulverhältnisse für die Kriminalität — in erster Linie der Jugend — von mitbestimmendem Einfluß sind. Jede Unterlassungssünde der Gesellschaft rächt sich bitter; die Verwahrlosten erheben sich gegen die Verwahrlosung. Das kann sogar aus den edelsten Motiven geschehen und doch zu unheilvollem Ausgange führen, wie ein Fall aus Wien bewiesen hat, wo ein 17jähriger Lehrling eine Greisin mit einem Hammer erschlug, um ihr 180 Gulden zu rauben, die er zum Ankauf von Büchern verwenden wollte. Man fand bei ihm zwei Zettel, auf denen seine Wünsche verzeichnet standen. Wie klein, wie unschuldig, und doch wie verlockend reich war die Welt, die sich in diesen Wünschen malte:

<!-- S. 239 -->

| Bücher. | fl. | kr. |
| --- | ---: | ---: |
| Die Kaninchenzucht | 1 | — |
| Die Geflügelzucht | 1 | 40 |
| Aquarium | 1 | 28 |
| Die eßbaren Pilze der böhmischen Wälder | — | 40 |
| Das Einsieden, die Behandlung und Ausnützung des Obstes | 2 | — |
| Das Düngen der Obstbäume | | |
| Die Metalle und deren Gewinnung | 4 | — |
| Chemisch-technisches Handbuch | 5 | 20 |
| Das Beizen und Lackieren des Holzes | 2 | — |
| Taschenbuch | 10 | 40 |
| Elektrotechnischer Führer | 16 | 40 |
| Konstruktion und Behandlung der Elektromotoren | 3 | 80 |
| „ „ „ Akkumulatoren | 3 | 60 |
| Die Elektrizität und deren Anwendung | 6 | — |
| Musterbriefsteller | 4 | — |
| | 61 | 48 |

**Meine Kleidung und Wäsche.**

| | | fl. |
| ---: | --- | ---: |
| 1 | Winterrock | 20,— |
| 1 | Sonntagsgewand | 20,— |
| 2 | Arbeitsanzüge | 15,— |
| 2 | Sonntagshemden | 4,— |
| 6 | Arbeitshemden | 9,— |
| 6 | Paar Gatien (Unterhosen) | 9,— |
| 6 | Paar Fußsocken | 2,— |
| 6 | Kragen | 1,— |
| 30 | Summe | fl. 80,— |
| | <!-- S. 240 --> Transport | fl. 80,— |
| 3 | Krawatten | 1,— |
| 2 | Paar Manschetten | —,50 |
| 6 | Handtücher | 6,— |
| 6 | Stück weiße Taschentücher | 1,— |
| 6 | rote Sacktücher | 1,— |
| 1 | Sonntagshut | 3,— |
| 1 | Arbeitshut | 2,— |
| 2 | Hosenträger | 1,— |
| 1 | Paar Sonntagsschuhe | 7,— |
| 2 | Paar Arbeitsschuhe | 10,— |
| 1 | Paar Hausschuhe | 1,— |
| 1 | Paar Lederhandschuhe | 2,— |
| 1 | Paar Baumwollhandschuhe | —,50 |
| 1 | Uhr für die Arbeit | 3,— |
| 1 | Uhr für Sonntag | 10,— |
| 1 | Kleiderbürste | —,50 |
| 2 | Stiefelbürsten | —,50 |
| 1 | Schuhwichsbürste | —,20 |
| 1 | Zahnbürste | —,20 |
| 1 | Spiegel | —,30 |
| 1 | Kamm | —,30 |
| 1 | Regenschirm | 2,50 |
| 1 | Stock | —,50 |
| 1 | Paar Manschettenknöpfe | —,50 |
| 6 | Kragenknöpfe | —,10 |
| 81 | Summe | fl. 134,60 |

Dem armen Tischlerjungen, der aus Böhmen gebürtig war und eine elende Schule besucht hatte, erschienen diese <!-- S. 241 --> paar bescheidenen Wünsche auf Bücher und Kleider unerfüllbar, so daß er um ihretwillen zum Verbrecher wurde. Es ist nichts Ausschweifendes in seinen Wünschen; keine Abenteuerlust, keine Habgier, keine niedere Genußsucht sprechen aus ihnen. Nur ein paar Bücher will er haben, die sein Interesse an der Natur verraten, ein paar ordentliche Kleidungsstücke, die er längst haben würde, wenn er nicht ein armer Teufel wäre. Sie schienen ihm unerreichbar; er verdiente nichts, und niemand nahm sich seiner an. Und da ihm auch kein väterlicher Rat zur Seite stand, der sein Wohl bedacht und das Ungestüm der Wünsche auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt hätte, verfiel der sonst gut geartete Knabe auf den abscheulichen Gedanken, die alte Frau zu töten, die er kannte, und die so viel besaß, daß er kaufen konnte, wonach sein Herz sich sehnte. Nicht ohne Grund ist der Fall hier in breiter Ausführlichkeit behandelt; er soll vor aller Blicken die Ursachen eines Verbrechens aufzeigen, das die Gesellschaft hätte vermeiden können, wenn sie sich ihrer Pflicht auch gegen die letzten ihrer Glieder voll bewußt gewesen wäre. So haben sträfliche Vernachlässigung eines wissensdurstigen Geistes, materielle Not und mangelhafte Fürsorge in der Altersperiode, wo die Fürsorge am nötigsten ist, zu einer unseligen Tat geführt.

Es ist, von welcher Seite man auch an das Problem herantreten mag, immer letzten Endes die *Gesellschaft*, die aus dem Widerstreit ihrer ökonomischen und sozialen Verhältnisse jeden Tag das Verbrechen in tausend Formen neu gebiert. Weil sie sich an der Jugend versündigt, versündigt sich die Jugend wieder an ihr.

<!-- S. 242 -->

Die Gesellschaft ist denn auch, das bestätigt die aufgestellte Behauptung, zu vollkommener *Machtlosigkeit dem Verbrechen gegenüber* verurteilt. Je mehr Gesetze sie schafft, je eifriger sie die Strafbestimmungen verschärft und differenziert, je strenger sie über die Respektierung der Gesetze wacht, desto gewaltiger schwillt das Heer der Straffälligen an, desto komplizierter und kostspieliger gestaltet sich der Apparat der Gerichtsbarkeit und des Strafvollzugs, desto größer wird die Zahl der Korrektionsanstalten, Gefängnisse und Zuchthäuser. Bei Gefahr der Vernichtung ihrer eigenen Existenz darf die kapitalistische Gesellschaft das Bestreben ihrer Strafjustiz nicht darauf gerichtet sein lassen, den Ursachen der Vergehen und Verbrechen auf den Grund zu gehen, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsleben, sozialer Ordnung und Verbrechertum zu erforschen und die letzten Quellen der Verbrechen ernstlich zu verstopfen. Sie müßte denn ihr ganzes Wesen verleugnen, alle wirtschaftlichen Voraussetzungen und sozialen Prinzipien ihrer Existenz und damit sich selbst aufgeben. Daher beschränkt sie ihre Tätigkeit dem Verbrechen gegenüber auf die Beseitigung der Symptome. So wenig sie den Gefährdeten zu bewahren, den Strauchelnden zu halten vermag, ist sie imstande, den Gefallenen aufzurichten, den Versinkenden wieder emporzuheben. Das Deprimierende dieses Zustandes absoluter Ohnmacht, das doppelt schwer ins Gewicht fällt bei einem Staatswesen, dessen Regierung fortgesetzt auf ihre Autorität pocht und felsenfest an ihre göttliche Sendung glaubt, offenbart sich besonders grell und erschütternd, sobald Jugendliche dieser Strafjustiz zum Opfer fallen. Hier, <!-- S. 243 --> wo die Kräfte der Erziehung einzusetzen hätten, um Unreines aus dem Wesen der Kinder auszuscheiden, Edles in sie einzupflanzen, Tüchtiges aus ihnen zu machen, versagt die hirn- und seelenlose, brutale, aller sittlichen Momente entbehrende Polizei- und Strafgerichtspraxis vollständig. Anstatt die Irrenden und Fehlenden zu erziehen, mit Liebe und Freude zu umgeben, mit Vertrauen zu sich selbst zu erfüllen und sie zu höherer Menschwerdung emporzuführen, damit sie als nützliche Glieder der Gesellschaft ihre Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst des Menschenwohls und Kulturfortschritts zu stellen vermögen, legt man ihnen ausgesuchte Qualen auf, schließt sie von der Welt ab, überliefert sie der Einsamkeit und hält sie in einem demoralisierenden System der Folterung und Peinigung gefangen. „Die Grausamkeit, die man bei Tag und bei Nacht an Kindern im Gefängnisse verübt,“ schreibt Oskar Wilde aus dem Zuchthause in Reading, „ist unglaublich für alle, die sie nicht selbst mit angesehen haben und die Brutalität des Systems nicht kennen. Die Menschen unserer Zeit wissen nicht, was Grausamkeit ist. Sie halten sie für eine Art schreckliche, mittelalterliche Leidenschaft. Aber die Grausamkeit des Alltags ist nichts weiter als Dummheit. Sie ist der gänzliche Mangel an Fähigkeit, sich ein Bild von den Dingen zu machen — des Verstandes. Sie ist in unseren Tagen die Folge der stereotypierten Systeme, der harten und festen Gesetze, der Dummheit. *Wo im modernen Leben der Beamte anfängt, hört der Mensch auf.* Die Autorität ist ebenso gefährlich für die, die sie ausüben, wie für die, gegen die sie ausgeübt wird. Die Gefängnisbehörde und <!-- S. 244 --> das System, das sie durchführt, ist die ursprüngliche Quelle der Grausamkeit, die an einem Kinde im Gefängnis verübt wird. Die Behandlung der Kinder ist *schrecklich*, besonders wo es sich um Leute handelt, die die besondere Psychologie der Kindesnatur nicht verstehen. Ein Kind kann eine Bestrafung, die von einem einzelnen Individuum, so vom Vater oder vom Vormund, ausgeht, verstehen und sie mit einem gewissen Grad von Fügsamkeit ertragen. Was es aber nicht verstehen kann, das ist eine Bestrafung von seiten der Gesellschaft. Es kann sich nicht vorstellen, was das ist: die Gesellschaft … Jedes Kind ist dreiundzwanzig Stundeu von vierundzwanzig in seiner Zelle eingesperrt. Dies ist das Schreckliche an der Sache. Daß ein Kind dreiundzwanzig Stunden im Tag in eine dunkle Zelle gesperrt wird, ist ein Beispiel für die Grausamkeit der Dummheit. Wenn ein Individuum, ein Vater oder Vormund, etwas der Art einem Kinde antäte, würde er streng bestraft werden. Der Schutzverein gegen die Kinderquälerei würde sich der Sache annehmen. Auf allen Seiten würde sich die lebhafteste Entrüstung über solche Grausamkeit erheben. Aber unsere eigene gegenwärtige Gesellschaft tut selbst noch Schlimmeres, und für ein Kind, das von einer unverständlichen abstrakten Gewalt so behandelt wird, für deren Ansprüche es keinen Verstand hat, ist solches viel schlimmer, als wenn es von seinem Vater oder seiner Mutter oder sonst einem Bekannten geschähe. Die unmenschliche Behandlung eines Kindes ist immer unmenschlich, von wem sie auch zugefügt wird. Aber die unmenschliche Behandlung, die von der Gesellschaft ausgeht, ist für das Kind schrecklicher, <!-- S. 245 --> weil es gegen sie keine Berufung gibt. Ein Vater oder ein Vormund kann gerührt werden, so daß er das Kind aus dem dunkeln, öden Raum, in dem es eingesperrt ist, herausläßt. Aber ein Aufseher kann das nicht … Das Kind also, das von Leuten, die es nie gesehen hat, und von denen es nichts weiß, seinen Eltern entrissen wird, das sich in einer öden und abstoßenden Zelle befindet, das von fremden Gestalten beobachtet wird, das von den Vertretern eines Systems, das es nicht verstehen kann, kommandiert und abgestraft wird, wird dem ersten und schlimmsten unter den Gefühlen, die das Gefängnisleben hervorbringt, zum Raub: dem Gefühl des Schreckens. Der Schrecken eines Kindes im Gefängnis ist grenzenlos … Wahr ist auch, daß das Kind im Gefängnisleben sehr verdorben wird. Aber nicht durch die Gefangenen, wie viele behaupten, — in Wahrheit geht der einzige wirklich menschliche Einfluß, der im Gefängnis ausgeübt wird, von Gefangenen aus (ihre Heiterkeit unter schrecklichen Umständen, ihre Sympathie füreinander, ihre Bescheidenheit, ihre Liebenswürdigkeit, ihr freundliches Lächeln, mit dem sie sich beim Begegnen begrüßen, die völlige Ruhe, mit der sie sich in ihre Strafe fügen, alles das ist ganz wundervoll) — vielmehr geht der verderbliche Einfluß auf das Kind aus von dem ganzen Gefängnissystem, vom Direktor, dem Geistlichen, den Aufsehern, der öden Zelle, der Isolierung, der empörenden Ernährung, den Gefängnisvorschriften, der Art, wie die Disziplin ausgeübt wird, dem ganzen Leben.“

Die erschütternde Darstellung der Gefängnisqual Jugendlicher aus der Feder Wildes, der selbst hinter <!-- S. 246 --> Kerkermauern Jugend, Glück und Ruhm begraben mußte, hat in der bürgerlichen Gesellschaft Europas nur ein schwaches Echo der Besinnung, Einsicht und Umkehr geweckt. Zwar haben wir die bedingte Begnadigung, vereinzelt auch Jugendgerichtshöfe erhalten, aber noch sind uns der Formalismus und die Buchstabengerechtigkeit der Gerichtshöfe, die Weltfremdheit der Richter und die aus ihrem sozialen Milieu erklärliche Klassenjustiz, noch sind uns die Fäuste der Polizeigewalt, die Zweckenstiefel der Gefängnisdisziplin, die Marterinstrumente eines mittelalterlichen Strafvollzugs geblieben, die das Gefängniswesen zu einer großen bureaukratischen Abtötungsmaschinerie machen.

Das demokratische Amerika ist uns hierin weit voraus. Vor allem hat es sich eine Reform des Strafvollzugs an Jugendlichen angelegen sein lassen. In den „Reformatories“ wird nicht von Schuld und Sühne, Vergeltung und Niederbeugung gepredigt. „Der Bursche oder das Mädchen haben gefehlt, es wird ihnen hier lediglich die letzte Gelegenheit an die Hand gegeben, auf den ordentlichen Weg zu kommen. Für das Leben sollen die Insassen erzogen werden, nichts in ihnen Lebendiges darf daher erstickt werden, vielmehr sind neue Lebensaufgaben ihnen zu reichen.“

Im Anschluß an den *internationalen Gefängniskongreß* in Washington haben die Vertreter verschiedener Staaten eine Studienreise durch amerikanische Gefängnisse gemacht, worüber Stammer berichtet. Er zollt der Behandlung der Jugendlichen in bezug auf Organisation und Methode das höchste Lob. Die Gefangenen <!-- S. 247 --> in den Reformatories sind bei Tage zusammen, nachts in Einzelhaft. Zu Hunderten machen die Jugendlichen bei Tage nach Klavierbegleitung ohne Kommando in einem Turnsaal Freiübungen. „Der Wille wird unterordnet, der Körper gebogen, die Muskeln gesteift, die Sehnen gereckt. Die Musik spielt immer weiter, taktmäßig schreiten die Übungen fort, es gibt kein Nachklappen, weil der Rhythmus alle erfüllt, und keine Disziplinlosigkeit, weil die Massensuggestion alle mit fortreißt … Als die Übung beendet war, blickte man in helle Augen. Wogender Atem und feuchte Haut bestätigten, daß hier kein Spiel getrieben, sondern Kraft geweckt und Arbeit geleistet war.“ In hellen, luftigen Arbeitssälen wird gearbeitet. Planmäßig wird das individuelle Bedürfnis der Ausbildung zugrunde gelegt. Es wird eine tüchtige Berufsausbildung erstrebt — Schlosser, Tischler, Setzer, Maurer usw. —, es soll keine bezahlte Arbeit geleistet werden. Wer nicht alle Kräfte anstrengt, wird mit „Zeitverlust“ bestraft; das heißt er muß länger in der Anstalt bleiben. Für die Freizeit ist Spiel und Zeitunglesen gestattet.

Noch vollkommener sind die Präventivmaßnahmen: Knaben- und Mädchenschulen, landhausartig gebaut, denen von den Jugendgerichten Kinder von 10 bis 16 Jahren überwiesen werden, die sich an den Gesetzen versündigt haben. Frische, blühende Kinder bewohnen zu je 20 die Häuschen, unter der Pflege eines Hausvaters und einer Hausmutter, die sie in allen Zweigen einer Industrie oder der Land- und Hauswirtschaft ausbilden. Jedes Haus bildet eine Familie. Keine Mauern, keine Gitter; <!-- S. 248 --> Freiheit ringsum, Veranden, Blumen, Haustiere. Man treibt Tier- und Obstzucht; alljährlich werden auf einer Ausstellung die besten Tiere prämiiert. „Man muß es gesehen haben, wie ein kleiner Strick von 16 Jahren das selbst gezogene Fohlen im Geschirr vorfuhr, wie ein anderer, kaum drei Käse hoher Junge mit seinem preisgekrönten Bullen fertig wurde, ein dritter mit seinen Milchkühen Triumphe einheimsen konnte, ein anderer mit seinen Tauben, seinen edelrassigen Hunden, seinen fast zentnerschweren Melonen. Ein sprühendes Leben, ein Vorwärtsstreben und Vorwärtsdrängen teilte sich einem jeden von uns ausnahmslos mit. Ein Rechtsanwalt aus Kiew versicherte mir, ihm seien Tränen in die Augen getreten; mir selbst war es nicht anders gegangen. Das hier zur Durchführung gebrachte System ändert den Lebenszweck der Kinder, denn es schafft einen Lebenszweck. „Das Beste, was ich Ihnen zeigen kann, sind meine Jungens,“ konnte stolz der Leiter der Anstalt sagen, und wenn man den Kindern in die Augen sah, erfaßte man es und verstand die sich allgemein mitteilende innere Bewegnng. 50 solcher kleiner Kinderkolonien waren in der Industry vorhanden, sie bedecken einen Raum von etwa sechs Kilometer Länge und vier Kilometer Breite. Jede Kolonie … hat ihre Feld- und Viehwirtschaft, die sie gleich Farmern selbst bestellt und besorgt.“ Man denke bei dieser Schilderung eines preußischen Strafanstaltsbeamten an die teuflischen Fürsorgeanstalten der deutschen Prügelpastoren und vergleiche diese mißhandelte und vernichtete Jugend mit den freien Jungens der amerikanischen Besserungsschulen, mit ihrem „etwas reichlichen Luxus“ <!-- S. 249 --> der Bauausführung, den Lehn- und Schaukelstühlen in den Wohnzimmern der „Sträflinge“, dem Bilderschmuck an den Wänden, der achtstündigen Arbeitszeit.

Das System der unbestimmten Verurteilung findet bei Stammer bedingungslose Zustimmung. „Wer bei uns das Strafhaus betritt,“ schreibt er, „geht ein ohne einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft. Das Gericht hat das Strafmaß festgesetzt …, *hundertfach variierend nach Provinz und Gau, Auffassung, Erfahrung und Gewohnheit*. Das Urteil ist gesprochen und den Delinquenten alle Hilfe abgeschnitten; auch die Hilfe aus sich selbst heraus durch eiserne Kraft und Läuterung des Willens und Wollens … Dieser lähmenden, monotonen, bedrückenden Folge unseres bestimmten Strafurteils stehen gegenüber die segensreichen Folgen der unbestimmten Verurteilung in Amerika … In der unbestimmten Verurteilung liegt der Schlüssel zu der guten Disziplin, die in den amerikanischen Gefängnissen anzutreffen ist; Dunkelarrest und Fesselungen oder gar Peitsche und Knute gibt es — wenigstens in den Reformatories — überhaupt nicht. Das Kollegium des Anstaltsgerichts erkennt auf „Zeitverlust“ bis zum Höchstmaß von je sechs Monaten für jede Disziplinlosigkeit, und das ist heilsamer und wirkt geräuschloser als Kettengeklirr.“

Zur unbestimmten Verurteilung gehört die bedingte Entlassung. „50 bis 60 Gefangene werden im Durchschnitt monatlich aus den Reformatories auf Parole entlassen und zirka 10 Gefangene wegen schlechten Betragens monatlich wieder zurückgeholt. Monatlich muß ein jeder über sich und sein Ergehen an die Anstaltsverwaltung <!-- S. 250 --> berichten, er darf sich des Telephons dazu bedienen, und telephonisch wird gegebenenfalls auch kontrolliert, ob die Angaben richtig sind. Drei bis vier Jahre dauert die Parole. Wer sie gut übersteht, ist endgültig frei und erhält vom Gouverneur seines Staates den Bürgerbrief.“

Den amerikanischen Fortschritten auf dem Gebiete des Gefängniswesens und Strafvollzugs hat Deutschland nichts an die Seite zu setzen. Erst vor ein paar Jahren ließ der große Plötzensee-Prozeß die Außenwelt Blicke werfen in die schauerliche Nacht unserer großen Strafanstalten, in denen noch die Tortur von Keller- und Lattenarrest geübt wird und die „vierte Form“ der Beköstigung selbst robuste Naturen langsam und qualvoll zugrunde richtet. Die bejammernswerte Jugend, die in diese steinernen Gräber geworfen wird, ist für alle Zeit der Menschheit und der Kultur verloren.

## Das Ende in Verzweiflung

Wenn das arme Proletarierkind von allem Lebensmut verlassen ist, wenn alle Wege ins Trostlose sich verlieren und alle Hoffnungssterne verlöschen — dann bleibt ihm noch *eine Zuflucht, eine Rettung*: es macht seiner Daseinsqual *mit eigener Hand* ein jähes Ende.

„Wem es nicht paßt, der kann gehen!“ So lautet der protzig-freche Zuruf, den der kapitalistische Brotherr seinen Arbeitssklaven ins Gesicht schleudert, wenn sie an der Kette zu rütteln wagen, an die sie geschmiedet sind.

<!-- S. 251 -->

„Wem es nicht paßt, der kann gehen!“ So höhnt auch das Schicksal in seiner unergründlichen Erbarmungslosigkeit den Ratlosen, Verzweifelten zu.

Und das Proletarierkind, dessen Lebenskraft zu zermürben wenige kurze Jahre dieser göttlichen Welt genügt haben, es antwortet kurz entschlossen, trotzig kurz und bündig wie sein Vater: „Gut, so gehe ich!“

Dann berichten die Tagesblätter von *Verzweiflungstaten*, die das Herz erbeben machen. Meist nur fünf, sechs Zeilen im nüchternsten Reporterstil, und doch schließen sie die Tragödie eines ganzen Menschenlebens in sich …

Da hat sich ein Kind aus Furcht vor Strafe erhängt … dort hat sich ein zweites aus dem Fenster gestürzt … ein drittes, viertes hat sich ertränkt, erschossen, vergiftet, vom Zuge überfahren lassen …

„Welch *grausiger Widerspruch* liegt darin, daß ein Kind, zum freud- und unschuldsvollen Lebensgenuß eigens bestimmt, selbstmörderisch durch eigene Hand aus dem Leben scheidet. Nur die allerwenigsten Menschen werden zum Nachdenken über die entsetzliche Tragik dieser Tatsache und über die schwere Anklage gegen die Gestaltung des modernen Gesellschaftslebens angeregt.“

Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts kannte man Kinderselbstmorde kaum; aus fast allen Ländern — Preußen, Frankreich, England, Italien usw. — wird dies bezeugt. Nur ganz vereinzelte Fälle, die als etwas Unerhörtes galten, kamen vor, so in Berlin von 1788 bis 1797 ein einziger Fall. Im nächsten Jahrzehnt waren es schon drei. Quetelet, der Schöpfer der statistischen Massenbeobachtung, <!-- S. 252 --> wies als erster auf die allmähliche *Zunahme der Kinderselbstmorde* hin. Und 1825 klagt Dr. Casper in seinen Beiträgen zur medizinischen Statistik: „Nirgends zeigt sich die Schattenseite der Kultur wohl greller, als wenn wir die fast unglaublich scheinende Zunahme der Kinderselbstmorde in der neuesten Zeit betrachten“ und 1846 in seinen Denkwürdigkeiten: „Die Kinderselbstmorde sind überall in der Monarchie in der neueren Zeit in so steigender Häufigkeit vorgekommen, daß es ermüdend wäre, auch nur einen Teil solcher Fälle hier bekanntzumachen.“ Es war kein Zufall, daß diese Erscheinung parallel ging mit der rapiden Entwicklung des Kapitalismus und der gewaltigen Ausdehnung der industriellen Frauen- und Kinderarbeit, die, wie wir wissen, für das Proletariat ganz neue Formen der Lebensgestaltung schufen. Die Statistik sah wohl die Tatsache des Anwachsens der Kinderselbstmordziffern, aber sie erkannte nicht die ökonomischen Untergründe und sozialen Zusammenhänge, deren Ausdruck diese sind.

In den Jahren 1869 bis 1873 kam im jährlichen Durchschnitt auf 666028 Kinder ein Selbstmord, in den Jahren 1894 bis 1898 schon auf 497815 Kinder. Allein in Preußen sind in den drei Jahrzehnten insgesamt 1708 Kinder (1346 Knaben und 362 Mädchen) durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Eine ganz ungewöhnlich hohe Ziffer in dieser trüben Statistik weist das Königreich Sachsen auf; hier kam im Jahre 1900 nach Dr. Krell auf 100 Selbstmorde, 1902 sogar schon auf 42 Selbstmorde ein Kinderselbstmord. Dabei gilt für die Statistik der Kinderselbstmorde, wie Dr. Baer betont, in <!-- S. 253 --> besonderem Maße, „daß ihre Zahl in Wirklichkeit größer ist als die offiziell ermittelte.“

Dem *Lebensalter* nach stehen die meisten der jugendlichen Selbstmörder zwischen dem 13. und 15. Jahre, bei den Knaben ca. 43%, den Mädchen ca. 75%. Dies dürfte auf die beginnende Geschlechtsreife und die damit zusammenhängende Einwirkung auf das Seelen- und Gemütsleben zurückzuführen sein, wodurch die Auslösung vorhandener Dispositionen erleichtert wird. Im allgemeinen tritt die Neigung zum Selbstmord bei Knaben früher auf als bei Mädchen; bis herab zu 3½ Jahren sind Fälle von Selbstmord bekannt, und keineswegs vereinzelt.

Ungleich wichtiger als die Ermittelung der Selbstmordhäufigkeit ist die Ergründung der *Motive*, die zum Selbstmord führen. Besonders die Kinderselbstmorde stellen ein der wissenschaftlichen Durchforschung und Erschließung noch dringend bedürftiges Gebiet dar. Dem Psychiater und Psychologen, Soziologen und Ethiker, Pädagogen und Nationalökonomen, nicht zuletzt dem Politiker und Gesetzgeber, eröffnen sich hier weite Arbeitsgebiete.

Ein gesundes, widerstandsfähiges, wohlerzogenes Kind, so hat man gesagt, wird wohl nur in den allerseltensten Fällen den Gedanken des Selbstmordes fassen. Mag sein. Aber, wo haben wir gesunde, widerstandsfähige, wohlerzogene Kinder in einer Zeit, da der Kapitalismus Gesundheits- und Lebenskraft, Familie und Erziehung für Millionen und Abermillionen von Grund aus zerstört? „Nach Hunderttausenden zählen die geschwächten Schößlinge, <!-- S. 254 --> die mit verminderter Lebensenergie zur Welt kommen, in denen Alkoholismus, Ausschweifung, Krankheit, Armut und Überarbeitung der Eltern eine geringe Widerstandskraft für den Lebenskampf erzeugten. Oftmals können sorgfältige, liebevolle Erziehung, gute äußere Umstände einen Ausgleich herbeiführen, oft auch bleibt wenigstens der Anstoß zu einem tragischen Abschluß fern. Treten aber an solche Kinder mit den reizbaren Nerven, dem unausgeglichenen, oft überempfindlichen Gemütsleben weitere Schädigungen und Kümmernisse heran, so ist der Weg zur Tragödie vorgezeichnete.“ Die *Lebensbedingungen des Proletariats* sorgen dafür, daß für seinen Nachwuchs in zahllosen Fällen die Tragödie sich vollendet. Mögen Geisteskrankheit, psychopathische oder konstitutionelle Minderwertigkeit, angeborene oder erworbene Schwäche des Nervensystems oder krankhafte Affekte zur Tat führen, oder mögen die Veranlassungen dazu von außen her an das Kind herantreten, — immer wird man zuerst an das soziale Milieu des Kindes denken müssen, wenn man sich anschickt, die Schleier zu lüften, hinter dem ein düsteres Schicksal alle jene dünnen Lebensfäden zerriß.

*Sachsen*, das Land der ökonomischen Ausbeutung par excellence, bietet mit seiner ungewöhnlich hohen Kinderselbstmordziffer beachtenswerte Fingerzeige. Marschiert es nicht schon mit seiner Säuglingssterblichkeit an der Spitze? Ist in seinen Industrien nicht der höchste Prozentsatz Frauen der Erwerbsfron versklavt? Weist es nicht eine Kinderarbeit von wahrhaft erschreckendem Umfange auf? Und die Unehelichen, die Kranken, die Schwachsinnigen, die sittlich Gefährdeten und Verwahrlosten — wo begegneten <!-- S. 255 --> wir ihnen in größeren Heerlagern und unübersehbareren Marschkolonnen? Ein Wunder fürwahr, wenn Sachsen nicht auch mit seiner Kinderselbstmordhäufigkeit an erster Stelle stünde! Die Segnungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems lassen den Körper dieses kleinen, bienenfleißigen und doch so geplagten Volkes aus tausend schmerzvollen Wunden bluten. Besonders die Elendsgebiete der Hungerindustrien — der Weber im Mülsengrunde und in der Oberlausitz, der Spitzenklöpplerinnen, Posamentenmacher und Spielwarenschnitzer im Erzgebirge, der Blumenarbeiterinnen und Strohhutnäherinnen in der Sächsischen Schweiz — eröffnen wahre Abgründe physischer und psychischer Degeneration.

Da wächst ein schwaches, sieches, zwerghaftes, durch chronischen Hunger, Krankheit und frühe Arbeit verkümmertes Geschlecht heran, bei dem religiöse Schwarmgeisterei, Sektenfanatismus, Spiritismus und ähnlicher Unfug einen nahrhaften Wurzelboden finden und religiöser Wahnsinn in allen Variationen gedeiht. Schon 10- und 12jährige Kinder treten als Medien auf, werden als himmlische Sendboten bewundert, zerrütten ihre Nerven und legen schließlich Hand an sich. Andere sind von Geburt an schwachsinnig oder gelangten zu diesem unseligen Erbteil der Armut infolge Krankheiten konstitutioneller oder infektiöser Art, durch Schädeltraumen, Alkoholismus des Vaters, Unterernährung usw. Schwachsinnigen Kindern aber ist die Schule — jeder weiß, warum — ein Ort des Schreckens und der Pein. Sie können dem Unterricht nicht folgen, genügen den Ansprüchen des Lebens nicht, werden von ihm, weil er die <!-- S. 256 --> Ursache des Mißerfolgs nicht erkennt, als „Faulpelze“ und „Dummköpfe“ gescholten, verhöhnt, gestraft, mit Prügeln traktiert. Zu Hause bleibt nicht genug Zeit für die Schulanfgaben; da heißt es spulen oder abrippen, Schachteln machen, klöppeln oder Kinder warten. Eines Tages ist das arme Geschöpf seiner Marter entflohen. Es treibt sich planlos umher, meidet die elterliche Wohnung, schwänzt die Schule, wagt sich nicht zurück, wird von Furcht und Angst gepackt, weiß weder aus noch ein, — da macht es Schluß mit seinem Leben. Was soll der Schrecken ohne Ende, besser ein Ende mit Schrecken!

Die letzte *auslösende Ursache* ist fast immer ein melancholischer Affekt, eine aufs äußerste gesteigerte Schmerz- und Unlustempfindung. Rohe Züchtigung, harte und ungerechte Behandlung durch grausame Eltern oder gewissenlose Pfleger, die der Psyche des Kindes verständnislos gegenüberstehen, lassen oft blitzschnell den *Entschluß zur Tat reifen*. In anderen Fällen genügt schon die Androhung oder Erwartung einer Strafe, die Schande über eine Unart oder ein Verbrechen, die Verzweiflung über ein Unglück. Durand-Fardel vertritt die Ansicht, daß Mißhandlung die häufigste Ursache der Kinderselbstmorde bilde; Ferriani, der bedeutende italienische Kinderpsychologe, erblickt in der Furcht vor der Schule das in den allermeisten Selbstmordfällen ausschlaggebende Motiv. Vielleicht drücken beide, Durand-Fardel und Ferriani, ein und dieselbe Sache durch zwei verschiedene Namen aus.

Eingehendere Untersuchungen speziell der *Schülerselbstmorde* haben Guttstadt und Eulenburg auf Grund umfangreicher Materialien vorgenommen und dabei gefunden, <!-- S. 257 --> daß Examenplage, Versetzungsfieber und Zensurenangst einen beträchtlichen Prozentsatz jugendlicher Personen in den Tod treiben. Aber diese Wirkungen treten in der Hauptsache nur bei Schülern höherer Lehranstalten also Kindern der Bourgeoisie, auf. Da spielen Ehrgeiz, Scham über Nichtversetzung, gesteigerte Nervosität in der Examenszeit usw. eine große Rolle. Wenn man dagegen die jugendlichen Selbstmörder der Volksschulsphäre ins Auge faßt und den Anteil der Schule an der Ursache ihres traurigen Schicksals untersucht, konzentriert sich die Menge und Vielartigkeit aller Einwirkungen schließlich in dem einen Motiv: *Furcht vor Strafe*. Der abscheuliche Schulbakel, der zur Schande unserer gepriesenen Erziehungskunst noch immer Herrschaftsrecht in den Schulkasernen und auf den Schulkasernenhöfen genießt, hat sicherlich die meisten Kinder in den Tod gejagt. Es ist bezeichnend, daß in einer offiziellen Statistik Preußens von 1883/88 nur zwei Kinder aus höheren Schulen, wo nicht geprügelt wird, dagegen 68 Kinder aus Volksschulen (43% der Knaben und 65% der Mädchen) verzeichnet sind, die „aus Furcht vor Strafe“ in den Tod gingen. Auch in anderen Statistiken hat sich bei genauerer Nachprüfung herausgestellt, daß es sich in zahllosen Fällen, wo „Furcht vor Strafe“ als Selbstmordmotiv angegeben war, immer um Schulstrafen gehandelt hat. Baer teilt sieben Fälle mit, daß sich Kinder, die die Schule geschwänzt hatten, aus dem Fenster stürzten. Eulenburg stellt 35 von ihm gesammelte Selbstmordfälle von Schülern zusammen, wovon bei 12 Schläge, Furcht vor Schlägen, Drohungen mit Schlägen usw. die Selbstmordursache <!-- S. 258 --> bildeten. Wer aufmerksam und regelmäßig Zeitungen liest, kann fast jeden Tag Meldungen und Feststellungen begegnen, die in gleicher oder ähnlicher Weise die Schule belasten. „Je roher und ungezügelter die Strafdisziplin des Lehrers ist,“ führt Baer aus, „je mehr das Kind sich vor den harten Züchtigungen und Mißhandlungen ängstigt und fürchtet, desto begründeter ist der Vorwurf, dem man diesem System wegen des Vorkommens von Kinderselbstmorden zu machen berechtigt ist.“ Und Eulenburg schreibt: „Die Beziehung des Schülerselbstmordes zur Schule ist die allertraurigste, wenn die Furcht vor der Schulstrafe die Kinder in den Tod treibt.“

Die zünftige Pädagogik ist geflissentlich bemüht, sich von der *schweren Anklage* nach Möglichkeit rein zu waschen. Aber wer selbst die Volksschule besucht hat oder auf andere Weise zu Einblicken in den Lehrbetrieb dieser Abrichtungs- und Drillanstalten gelangt ist, der weiß, daß da Hiebe wie das tägliche Brot sind, und daß oft um nichtigster Lappalien willen und aller pädagogischen Einsicht entgegen die barbarischsten und kränkendsten Züchtigungen verhängt werden. Prof. Forel sagt: „Die Schule gleicht vielfach einem kleinen Zuchthause oder einer Strafanstalt für Kinder. Statt daß man die Kinder anzieht, tut man alles, um sie davon abzustoßen … Verbote umgeben den Aufenthalt in diesem Kinderzuchthause.“ Und Prof. *Gurlitt* schreibt: „Man fragt, woher die vielen Schülerselbstmorde kommen? Mit größerem Rechte könnte man fragen, weshalb so wenige vorkommen. Denn zu ertragen ist unsere Schule doch eigentlich für niemanden. Wenn die Jugend nicht mit einer guten Portion <!-- S. 259 --> von Leichtsinn und mit einer schier unverwüstlichen Lebensfreudigkeit ausgestattet wäre, so würde sie nicht einzeln, sondern in Gruppen den Tod suchen.“ Das sind nur wenige, aber unerschrockene und ehrliche Stimmen, die einer erschütternden Wahrheit mit schlagenden Worten Ausdruck geben.

Die schwerste Schuld trägt freilich das System der sozialen Ordnung, das die Klassenschule als Zwangsinstitut zu geistiger und seelischer Knechtung des proletarischen Nachwuchses und den Prügelpädagogen als ihren Repräsentanten schuf.

In frühen Kindheitstagen ohne die wärmende Sonne, die glücklicheren Kindern den Lebensfrühling vergoldet, dann immerfort um das heilige Recht des Menschen an seiner Jugend betrogen, belastet mit der Mühsal schwerer und harter Sklaverei, besudelt mit dem Kote des Lasters — endet das proletarische Kind, noch unerblüht und unentfaltet, aber doch schon von rauhen Stürmen zerzaust, entblättert und gebrochen im Schoße der gütigen Mutter Erde, die es liebevoll aufnimmt, warm und weich zudeckt und die Züge des Entsetzens und der Verzweiflung von dem bleichen greisenhaften Antlitz wischt …

## Schluß

Früher als die bürgerliche Jugend wird das proletarische Kind flügge und verläßt das Nest der elterlichen Fürsorge und Obhut, — einer Fürsorge, die nicht immer seinen Hunger zu stillen und seine Blöße zu decken vermochte, einer Obhut, die es blutenden Herzens den <!-- S. 260 --> Gefahren der Einsamkeit, den Verführungen und schlechten Einflüssen der Straße überlassen mußte.

Mit dem *Austritt aus der Schule* hört das proletarische Kind auf, Kind zu sein. Es wird *jugendlicher Arbeiter*. Verdient Lohn. Gewinnt eine gewisse wirtschaftliche Selbständigkeit. Steht bald allein auf eigenen Füßen. Den Familienverband braucht es ökonomisch nicht mehr. Darum will es ihm auch kein Opfer an Freiheit und Selbständigkeit mehr bringen. Es verläßt die Wohnung der Eltern und bezieht eine Schlafstelle. Und während die Jugend der wohlhabenden Bevölkerungsschichten noch jahrelang die Pflege und Überwachung durch Familie und Elternhaus genießt, stehen Millionen von Knaben und Mädchen *im Kampfe um Lohn und Brot*. In großen Scharen bevölkern sie Werkstätten, Fabriksäle, Arbeitsplätze und Kontore. Für sie gibt es keine Vorbereitung für den Lebensberuf, keinen Besuch einer höheren Schule, keine Erziehung zur Hausfrau durch Institute und Pensionate. Für sie heißt es nur: arbeiten, verdienen!

Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, in die sie gelangen, setzen sie den größten körperlichen, geistigen und sittlichen *Schädigungen und Gefahren* aus. Der unersättliche Malstrom der Industrie verschlingt, was ihnen an gesundheitlicher Widerstandskraft, geistiger Selbstständigkeit und Eigenart und sittlichem Vermögen aus dem Jammer der Kinderjahre verblieben ist. Der Staat hat noch keinen durchgreifenden Schutz der arbeitenden Jugend gegen die kapitalistische Ausbeutung geschaffen. Eine einzige reichsgesetzliche Verordnung bestimmt, daß <!-- S. 261 --> Jugendliche unter 16 Jahren in gewerblichen Betrieben mit mehr als zehn Arbeitern nicht länger als 10 Stunden täglich arbeiten dürfen. Zehn Stunden täglich und 14—16jährige Kinder — das nennt sich Jugendschutz! Das Profitinteresse des Kapitals verhöhnt alle Gebote der Hygiene und tritt alle Forderungen der Pädagogik mit Füßen. Dabei genießt die große Masse der im Handwerk beschäftigten Jugendlichen noch nicht einmal diesen armseligen Schutz. „In dem Verzweiflungskampfe des untergehenden Kleinhandwerks um seine Existenz spielt die Lehrlingszüchterei und Jugendausbeutung eine große Rolle. Arbeitszeiten im Handwerk mit dem goldenen Boden von 14, 15 Stunden täglich sind keine Seltenheit. Im Handelsgewerbe liegen die Verhältnisse gleich traurig. Wohnt der Jugendliche in Kost und Logis, so weiß er nie, wann die Arbeit anfängt und wann sie aufhört. Von der Lage der jugendlichen Landarbeiter braucht nicht gesprochen zu werden. Arbeitszeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, im Winter noch länger. Keinerlei Freiheit und Rechte.“ So lebt die arbeitende Jugend Deutschlands, ungeschützt und maßlos ausgebeutet, unter unsäglich traurigen Verhältnissen. Ein paar Wochen und Monate genügen, um dem jungen Menschen, der eben noch die Kinderschuhe austritt, die *düstere Ahnung* seiner Schuljahre zur schmerzlichen und niederdrückenden *Gewißheit* werden zu lassen: daß er zum Arbeiten und Beherrschtwerden bestimmt ist, daß er als lebenslänglicher Lohnarbeiter im Schatten der Sorge und der Not durch ein hoffnungsloses Dasein schreiten muß, daß das graue fahle Elend des elterlichen Haushalts, dem er aufatmend <!-- S. 262 --> entflohen, früher oder später zum Elend seines eigenen Haushalts werden wird …

Da erfährt das Schicksal seiner Klasse in ihm seine Wiederholung und Verjüngung: Aus dem Bewußtsein der Erniedrigung erwachen ihm im tiefsten Innern tatkräftige Impulse der *Aufrichtung und Erhebung*.

Er wird die Ketten zerbrechen! Sein Schicksal meistern! Eine bessere Zukunft erkämpfen!

Und auf schnurgeradem Wege mündet seine Gefühls- und Gedankenwelt ein in den Strom der großen *proletarischen Bewegung* …

<!-- Druck von Hesse & Becker in Leipzig. Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim. Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de la Library of the University of Wisconsin digitalizado por Google y publicado en Internet Archive (archive.org, `bub_gb_HxtVAAAAMAAJ`; la p. XIV del índice, que falta en esa digitalización, se toma de otra versión del escaneo del mismo ejemplar, con el mismo código de barras 89085120574: archive.org, `dasproletarisch01rhgoog`; las pp. 1-5, la «Einleitung» y el comienzo de «Die proletarische Klasse», que faltan en las dos versiones de ese escaneo, se toman del ejemplar digitalizado por la ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, Kiel/Hamburg, digi.econbiz.de, PPN 1933894164, `urn:nbn:de:zbw-retromon-275782`): Otto Rühle, *Das proletarische Kind. Eine Monographie*, München, Albert Langen, 1911 (copyright 1911; impreso por Hesse & Becker en Leipzig), XIV/262 págs. Texto establecido a partir de un OCR Fraktur propio (tesseract) de las imágenes de 300 ppp, corregido página a página sobre las imágenes, con todas las cifras y tablas cotejadas; el OCR de archive.org, inservible, no se ha utilizado. Las pp. 1-5, que Google no escaneó, se han transcrito desde las imágenes de 300 ppp de la ZBW, con un OCR Fraktur propio (tesseract) solo como apoyo. Se omiten las hojas de biblioteca y de Google, y las hojas preliminares que el escaneo repite. La *s* larga (ſ) se transcribe *s*; el texto espaciado, en cursiva; se conservan la ortografía y las erratas del impreso. Existe una segunda edición «völlig neu bearbeitete und erweiterte», München, Albert Langen, 1922, 373 págs. (OR1922-01), que es una reelaboración completa y no se ha utilizado aquí. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa del original.
