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Title: Der Sandhaufen
Description: Vorwärts (Berlin), Unterhaltungsblatt, Nr. 135, 14. Juli 1910, S. 539-540. Besprechung von Hans Dragehjelm, «Das Spielen der Kinder im Sande». Gezeichnet «O. R.».
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1910-07-14%20Der%20Sandhaufen
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<!-- S. 539 -->

# Der Sandhaufen.

Ist die Sonne die beste Kinderwärterin, so ist der Sandhaufen des Kindes liebster Spielkamerad. Mehr als dies: man hat ihn sogar den größten Pädagogen genannt. In der Tat gehen von ihm ganz außerordentliche erzieherische Wirkungen aus. Er trägt dem Beschäftigungstriebe, der das Lebenselement des Kindes ausmacht, im weitesten Maße Rechnung und lehrt unvermerkt, aber eindringlich den Gebrauch der Sinne. Besonders der für die Gewinnung klarer Empfindungen und scharf ausgeprägter Eindrücke so wichtige Tastsinn erfährt erhöhte Förderung. Das Kind gelangt zu einer frischen und unmittelbaren Auffassung des Körperlichen und wird zur Aktivität tatkräftig angeleitet. Seine Welt liegt dort, wo es sich mit seinen Fingern und Händen betätigen, wo es aus eigener Kraft schaffen, bauen, produzieren kann. Nicht bloß, daß es dabei die Gesundheit stärkt und Muskelkräfte entwickelt, es entfaltet auch seine Phantasie und eignet sich unwillkürlich und mühelos eine große Anzahl von physikalischen und mathematischen Grundsätzen an. Ein Reichtum von Gestalten und Formen tut sich auf dem Sandhaufen dem kindlichen Geiste auf, eine Fülle von Tatsachen und Wahrheiten, Erscheinungen und Ereignissen tritt seiner Vorstellungswelt entgegen. Und wahre Ströme von Glück quellen aus den Seelen der Kinder hervor! Willst du heitere, schaffende, glückliche Kinder sehen, suche sie auf den Sandhaufen der Gärten und Spielplätze, dort findest du sie, wenn nirgends sonst.

So ungeheuer fruchtbar die Bücherproduktion auf dem Gebiete der Pädagogik ist, über das *Spielen der Kinder im Sande* gab es bisher noch kein Buch, das in theoretischer wie praktischer Hinsicht ausreichend und zuverlässig orientiert hätte. Nun hat der dänische Schulmann Hans Dragehjelm mit einer überaus instruktiven Publikation diese Lücke ausgefüllt.[^1] Er behandelt zunächst die pädagogische Seite des Themas, indem er die Bedeutung des Sandspielens für die Entwicklung der körperlichen und intellektuellen Anlagen des Kindes erörtert. Dann wendet er sich dem praktischen Teile zu: wie Sandspielplätze angelegt werden müssen, was im Hause und von den Frauen für die im Sande spielenden Kinder zu tun ist, wie Sand, Spieltische, Unterlagen und Ueberdachungen beschaffen sein sollen usw. Einige allgemein interessierende Angaben und Ausführungen seien hier wiedergegeben.

Der einfache Sandhaufen ohne irgendeine Einrichtung ist nicht zu empfehlen. Ist er zu groß, kann er für die Kleinen gefährlich werden, da der Sand nachgeben und sie verschütten kann. Ist er zu klein, wird er bald breitgetreten und beim Zusammenbringen mit Erde und Schmutz vermischt. Zweckmäßig ist deshalb ein *Holzrahmen*, der den Sand von allen Seiten einfaßt. Noch besser bewährt sich ein Bassin, das beim Spielen den Sand zusammenhält und bei genügender Tiefe auch eine ziemlich große Menge Sand aufnehmen kann. Bezüglich der äußeren Form sind alle möglichen Abwechselungen beliebt, wenn sie nur regelrecht und sonst ansprechend sind. Dagegen sind die verschiedensten Systeme nicht alle gleichwertig im Gebrauch. Das Betonkästen-System z. B. besitzt den Mangel, daß es bei anhaltend nasser Witterung den Sandbehälter leicht in einen Wasserbehälter verwandelt. Praktischer ist da eine Asphalt-, Beton- oder Zementfliesen-Unterlage mit einem auf Pfählen ruhenden Holzrahmen darüber. Die Unterlage ist in der Mitte etwas erhöht und fällt nach den Seiten zu ab. Zwischen Unterlage und Holzrahmen bleibt eine Spalte von etwa 25 Zentimeter Höhe, durch die alle Feuchtigkeit hindurchsickern kann. Die Vorzüge eines solchen Sandbehälters bestehen darin, daß bei Regenwetter das Wasser schnell abläuft, dabei eine Waschung des Sandes vornimmt und die verbrauchten und zu Staub verwandelten Teile des Sandes durch die Spalte hinwegführt. Um den kleineren Kindern den Zutritt zum Sande leichter zu machen, empfiehlt sich nötigenfalls die Anbringung einer Stufe an einer der äußeren Seiten. Der Sandkasten soll eine Größe von 6 bis 8 Quadratmeter haben. Ueber dem Rahmen sind in Höhe von 50 bis [¿60?] Zentimeter Spieltische anzubringen, die gelegentlich unterbrochen sein müssen, damit der Zugang zum Sande freibleibt. Falls nicht täglich unter dem Tische eine gründliche Reinigung vorgenommen wird, sammelt sich dort soviel Schmutz, Laub, Papier usw. an, daß sich ganze Bakterienherde entwickeln. Dazu kommt, daß diese niedrigen Tische beim Spielen sehr unbequem sind und keine gute Körperhaltung gestatten, auch bleibt der mittlere Teil der Tischplatte meist unbenutzt. Ungleich besser ist es da, wenn sich die Spieltische bankartig den ganzen Holzrahmen entlang um den Sandhaufen herumziehen. Hat der Sandspielplatz keine Ueberdachung, so sollte dort in der Nähe eine Schutzhütte vorhanden sein, die bei Regenschauern Zuflucht gewährt. Einen äußerst gefälligen und praktischen Aufenthaltsort dieser Art gibt es auf dem großen Spielplatze im Humboldthain in Berlin. Im Großen Garten in Dresden liegt in der Nähe des Sandbehälters ein an der Erde gut befestigter Baumstamm, auf dem die Kleinen, wenn sie im Sande genug gearbeitet haben, von dem einen Ende zum andern balancieren können. Diese gute Idee verdient Nachahmung. Nicht zu vergessen ist schließlich, daß an heißen Tagen der Spielsand in Anlagen und auf Spielplätzen öfter mit Wasser besprengt werden muß, da sonst die trockenen Staubteilchen den Lungen der Kinder schaden.

In den romanischen Ländern bringt man dem Sandspielen der Kinder noch so gut wie gar kein Interesse entgegen, während es sich in einer Anzahl anderer Länder, besonders in den germanischen, sorgfältiger Pflege erfreut. Dragehjelm hat auf einer Studienreise durch Deutschland nach dieser Richtung hin Beobachtungen gesammelt und sich durch die statistischen Kommissionen der deutschen Lehrerschaft genauere Angaben verschafft. Weiterhin ist er durch Anfragen bei Behörden, Schulfachleuten und maßgebenden Persönlichkeiten im Auslande zu einem reichhaltigen Material an Aus<!-- S. 540 -->künften, Bildern, Statistiken usw. gelangt, das er nun in seinem Werke veröffentlicht.

Ueber die einschlägigen Verhältnisse in *deutschen Städten* geben 73 Fragebogen-Beantwortungen Auskunft. Danach hat München 120 Spielplätze mit je 1—20 Sandplätzen, Breslau 15 bis 20, Cassel 10—15, Karlsruhe, Görlitz und Stetitn je 12 Spielplätze mit einem oder mehreren Sandhaufen. Hamburg stellte 1908 in den öffentlichen Anlagen 83 Sandkästen auf; der ca. 100 000 Quadratmeter große Spielplatz auf dem Köhlbrand hatte an einem Tage im Juli 1908 mehr als 9700 Besucher. Dresden hat 48 Spielplätze mit insgesamt 72 Sandkästen; Hannover 14 Plätze mit insgesamt 15 Sandhaufen; Chemnitz 25 Spielplätze. In Leipzig, Essen, Lübeck, Heidelberg, Stuttgart, Düsseldorf u. a. sieht es recht dürftig um die Versorgung der Jugend mit Spielsand aus. Zahlreiche Städte, darunter Berlin, haben die Fragebogen, offenbar aus gutem Grunde, überhaupt nicht beantwortet.

Im Auslande weist den erfreulichsten Aufschwung *Amerika* auf, wo man die gewaltige Bedeutung der praktischen Selbsttätigkeit für Erziehungszwecke immer mehr erkennt und das gesamte Schulwesen auf die von Fröbel geschaffene methodische Basis zu stellen strebt. Die zahlreich vorhandenen Spielplätze sind in den verschiedenen Städten verschiedenen Verwaltungsbehörden unterstellt. In einer großen Anzahl von Städten werden sie völlig von philanthropischen Vereinen unter teilweiser Mitwirkung der Oeffentlichkeit verwaltet. Ein organisiertes Spielsystem ist im Werden begriffen. Chicago hat bereits 11 Millionen Dollar aufgewandt, um sein Spielplatzsystem zu modernisieren. Neben Sandbassins hat man kleinere Teiche mit künstlichem Strande angelegt und Schuppen, Pavillons und Hallen errichtet, von wo aus Mütter und Wärterinnen dem Spiel der Kinder zuschauen können.

Wenn sich, wie Dragehjelm behauptet, gegenwärtig die Anzeichen dafür mehren, daß sich in der Versorgung der Jugend mit Sandspielplätzen eine Wendung zum Bessern vollzieht, so darf man dies wohl als ein Symptom der großen Bewegung betrachten, die das ganze Erziehungswesen immer mächtiger erfaßt und die zum Ziele hat: die Verdrängung des in einseitiger Verstandesschulung sich erschöpfenden Lern- und Unterrichtssystems der Gegenwart durch die Erziehung des ganzen Menschen mit Hilfe des Spiels, der Selbsttätigkeit, der produktiven Arbeit.

O. R.

[^1]: Das Spielen der Kinder im Sande von Hans Dragehjelm. Mit 32 Abbildungen und 2 Skizzen. Uebersetzung von Alf. Dietrich. Preis 2,50 Mk., kart. 3 Mk. Tillges Verlag Leipzig.

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*Fuente:* *Vorwärts* (Berlín), *Unterhaltungsblatt*, n.º 135, jueves 14 de julio de 1910, pp. 539-540 (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/314361). Firmado al final «O. R.» (comprobado en el facsímil). Transcrito del OCR de la FES, cotejado con el facsímil en el titular, la firma, la nota y las cifras de la p. 540 (Breslau 15 bis 20, Cassel 10—15, Hamburg 1908, Hannover 15). La altura de las mesas («50 bis 66» en el OCR) no se ha podido leer en la imagen, manchada en esa zona, y se da como conjetura. Erratas conservadas: «Stetitn». La nota con asterisco del original se da como `[^1]`. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
