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Title: Der Schulgarten
Description: Vorwärts (Berlin), Unterhaltungsblatt, Nr. 146, 30. Juli 1909, S. 583-584. Ohne Verfassernamen.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1909-07-30%20Der%20Schulgarten
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# Der Schulgarten.

Die auf das Prinzip der Arbeit begründete Freilicht- und Luftschule der Zukunft wird ohne geräumige, zweckmäßig angelegte und der freien kindlichen Betätigung offenstehende *Schulgärten* nicht auskommen können. Ein Schulgarten ist als Unterrichtsmittel wie als Erziehungsgelegenheit gleichermaßen wichtig und trägt ganz außerordentliche Bildungswerte in sich. Er ist es auch, der neben der Werkstätte und dem Schulspaziergang der neuen Schule in der Hauptsache ihre Eigenart vermittelt und ihren Charakter verleiht.

Die Schulgärten von heute sind mit den künftigen nicht zu vergleichen. Ihre Anlage und Aufgabe erschöpft sich darin, Arsenale natürlicher Anschauungsmittel für den botanischen Unterricht zu sein. Ursprünglich waren sie auch anders gedacht. Schon die Tatsache, daß Philantropisten die Väter des Schulgartengedankens waren, läßt dies erkennen. Besonders Campe, der Verfasser des Robinson, ließ sich die praktische Förderung der Erziehung durch Gartenarbeit angelegen sein. Dann kam Fröbel mit der Idee des Kindergartens. Man fing an, Schulgärten einzurichten; 1848 an der höheren Töchterschule in Worms, 1855 in Stoys Institut in Jena. Aber der Eifer ließ bald nach; die Entwickelung der Volksschule zu einer Lern- und Drillanstalt war der Bewegung nicht günstig. Lüben begnügte sich — als einer der wärmsten Befürworter des Schulgartens —, „eine kleine Anlage zur Heranzucht der am meisten hervortretenden und die Abteilungen des Pflanzenreiches am besten veranschaulichenden heimischen Gewächse“ zu fordern. Aehnlich Roßmäßler. In diesem Sinne hat sich denn auch späterhin die Schulgartenfrage in Deutschland entwickelt. 1875 wurde im Humboldthain in Berlin ein 4 Hektar großer Schulgarten angelegt. Magdeburg erhielt im Herrenkrugpark seinen Zentralschulgarten, der aus 25 Hektar Anlagen, 7 Hektar Baumschulen und 20 Hektar botanischen Pflanzungen besteht; weiter wurden Schulgärten eingerichtet in Leipzig 1888 (130 Ar), Breslau 1889 (208 Ar), Mannheim 1888 (20 Ar), Dortmund 1890 (2 Hektar), Köln 1891 (2 Hektar), Altona 1891 (14 Ar), Karlsruhe 1894 (70 Ar), Stolberg, Stettin u. a. In Oesterreich ist die Schulgartenfrage seit 1869 gesetzlich geregelt; es bestehen dort etwa 18 000 Schulgärten, die am vollendetsten eingerichtet in Steiermark zu finden sind. Schweden zählte 1894 etwa 4670 Schulgärten, doch ist deren Pflege neuerdings zurückgegangen. In Belgien, Frankreich, der Schweiz, besonders in Amerika wenden pädagogische Kreise, sowie staatliche und städtische Behörden der Schulgartensache seit Jahren erhöhte Aufmerksamkeit zu.

Gleichwohl bleiben die Schulgärten überall in ihren Leistungen weit hinter dem zurück, was die Schule von ihnen fordert. Gar nicht zu reden von den Aufgaben, die ihnen die Arbeitsschule der Zukunft stellen wird. Denn in ihrem Organismus werden die Schulgärten nicht bloße Pflanzenspeicher und botanische Magazine, nicht Anlagen für das Auge und Objekte der Betrachtung sein, nein, sie werden Arbeitsplätze und Versuchsfelder, Betätigungsgebiete für die Hand und den kindlichen Wirklichkeitssinn bilden, werden in lebensvolle Wechselbeziehung zu allen Formen des Erlebungsunterrichts treten. Nicht bloß die Pflanzenkunde wird aus ihnen schöpfen, auch Tierkunde, Erdkunde, Geologie, Anschauungs-, Formen-, Zeichen- und plastischer Unterricht werden in ihnen auf ihre Rechnung kommen. Je größer und mannigfaltiger ein solcher Garten, umso vielseitiger seine Verwendbarkeit. Er ersetzt als lebendige Beobachtungs- und Erfahrungsquelle neben der Werkstatt und der freien Natur alle unsere künstlichen Lehrmittel. Er schließt eine kleine Welt in sich, die sich der Erkenntnis und dem Gemüt des Kindes in tausend Formen und Farben offenbart.

Wie ein großer, modernen Anforderungen entsprechender Schulgarten am zweckmäßigsten eingerichtet wird, darüber hat der Leiter des Dresdener Schulgartens, Lehrer *Herrmann*, aus seiner mehrjährigen Praxis bemerkenswerte Ratschläge erteilt. Da der Schulgarten am besten seinen Zweck erfüllt, wenn er ein Abbild der Natur und der Arbeitsgebiete der Menschen ist, sind die aufzunehmenden Pflanzen nach ihrer natürlichen Zusammengehörigkeit, nach Lebensgemeinschaften, zu ordnen. Also: ein Feld mit Getreidearten, Gemüse- und Futterpflanzen, Gespinst-, Oel- und Färbpflanzen und Feldunkraut; eine Wiese mit einer Mischung verschiedener Grassamen, worunter scharfer Hahnenfuß, Wucherblume, Gänseblume, Wiesenschaumkraut, Löwenzahn, Himmelschlüssel und Glockenblume als Charakterpflanzen nicht fehlen dürfen; sodann ein Stück Wald, in Laub- und Nadelwald gesondert, mit Unterholz, Sträuchern, Beerenobst und Blumen, bei den Waldbäumen ist der Zusammenhang zwischen Gestein und Pflanze in der Weise darzustellen, daß man neben die Bäume eine Probe des Gesteins ihrer Standorte legt. Hierauf folgen ein Obst- und ein Gemüsegarten, dann ein Beet Arzneipflanzen und schließlich ein Blumengarten. Bei Anlage eines Berges sind geographische, geologische und botanische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Am dankbarsten ist die Nachbildung einer heimatlichen Bergform. Je nach der Landschaft wird man einen tafelförmigen Sandsteinberg, einen gewölbten Basaltberg, den sanft geschwungenen Rücken des Granit- oder Gneisberges oder den steilen Gipfel des Klingsteinberges aufführen. Die Bepflanzung wird in erster Linie die heimatliche Bergflora berücksichtigen; erst später wird man auch die fernere Bergflora hinzunehmen. Der geographische Gesichtspunkt findet besonderen Ausdruck in Reliefdarstellungen im großen Maßstabe aus Lehm, Ton, Beton oder dergleichen. So ist das sächsische Bergland mit dem Egertal, der Harz mit dem Brocken, das Riesengebirge in seiner ganzen Ausdehnung, das Berner Oberland u. a. eine beliebte Darstellung. Auch Plänerlagerungen, ein Hochmoor, ein geologischer Durchschnitt usw. lassen sich leicht ausführen. Ist die Berganlage groß genug, so windet sich nach der Mitte zu ein Pfad hinauf. Auch ein Wasserfall darf nicht fehlen. Bei genügendem Platze legt man ein gesondertes Alpinum an, bei dessen Aufbau ein bestimmtes alpines Motiv nachgebildet wird. Am Fuße des Berges findet der Teich seinen Platz. Auch er erhält Form, Umrisse und Bepflanzung am besten nach einem natürlichen Vorbilde. Angegliedert wird ein Sumpf und eine Sumpfwiese. In gesonderten Anlagen werden zuletzt noch Kalk-, Sand-, Salzpflanzen und Kryptogamen <!-- S. 584 -->untergebracht.

Systematik, Pflanzenbeschreibung und Nutzanwendung können aber das Gebiet des botanischen Unterrichts nicht erschöpfen. Eine Kenntnis der wichtigsten Lebensvorgänge muß hinzukommen. Daher ist es notwendig, daß die gegenseitige Abhängigkeit von Bau und Lebenstätigkeit erkannt und der Schüler mit der Zweckmäßigkeit im Leben der Pflanzen bekannt gemacht wird. Der Schüler muß in jeder Blume ein lebendiges Wesen, ihm verwandt, nach gleichen Gesetzen und Lebensbedingungen tätig, erkennen. Diesem Zwecke dienen im Schulgarten die biologischen Abteilungen. In ihnen werden die Erscheinungen der Ernährung, fleischfressende Pflanzen, Schmarotzer, Wasseraufnahme, Schattenpflanzen, Schutzeinrichtungen, Erscheinungen des Wachstums, Verbreitung, Fortpflanzung, Reizbewegungen und eine Blumenuhr zur Darstellung gebracht.

Was der Schulgarten dem Schüler sein soll, hat schon Campe mit wenig Worten ausgesprochen: „Der Garten des Schülers ist weder angelegt worden, um die Augen der Vorübergehenden auf sich zu lenken, noch um große Einkünfte daraus zu ziehen, sondern um beim Anbau desselben zu lernen.“ Die Schüler sollen die Beete selbst bebauen und der Lehrer soll praktisch mit ihnen arbeiten. Beim Graben und Hacken, Pflanzen und Beschneiden, Düngen und Okulieren hätte er tausendfach Gelegenheit, die Kinder in das Leben der Natur, in die Geheimnisse des Werden und Vergehens einzuführen, so daß sie zu lebensvollen und unverlierbaren Anschauungen und Eindrücken gelangten. Indem er gärtnerte, pflanzte, säete und beschnitte, Furchen zöge und Früchte erntete, könnte er zugleich mit den Kindern sprechen und messen, zeichnen und rechnen, beobachten und konstruieren, Geometrie und Physik, Botanik, Zoologie und Chemie, Physiologie und Geographie treiben. Dabei würden Auge und Ohr, Hand und Fuß gebildet, der Körper bewegt, Gemüt und Wille erzogen, die Freude am Schönen und an der Natur geweckt und genährt; Fleiß, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Ausdauer und Geduld würden gefördert, soziale Gefühle rege gemacht und der Gemeinsinn tatkräftig entwickelt. So wäre der Schulgarten ein Sammelpunkt freudigster und fruchtbarster Erziehungsarbeit und Unterrichtsbemühung. Aber die Jugend wird bis zur sozialistischen Zukunftsschule warten müssen, bevor sie zum Genuß dieser idealen Bildungsgelegenheit gelangt. Bis dahin ächzt und stöhnt sie im harten Joche der Drillschule weiter.

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*Fuente:* *Vorwärts* (Berlín), *Unterhaltungsblatt*, n.º 146, viernes 30 de julio de 1909, pp. 583-584 (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/313135). **Sin firma** (comprobado en el facsímil: ni bajo el titular ni al final); atribuido a Rühle por Stecklina 2002 («atribuido por reimpresión», según la bibliografía del archivo); Rühle había publicado ya un «Der Schulgarten» en el *Hamburger Echo* del 7-8-1904. Transcrito del OCR de la FES (bueno), cotejado con el facsímil en el titular, las cifras y los nombres: corregidos «1848», «1855», «Leipzig 1888» y «18 000» (OCR «1343», «1355», «1883», «13 000»). «Stoys» corrige «Stohs» del OCR (Karl Volkmar Stoy, pedagogo de Jena). Erratas del impreso conservadas: «des Werden und Vergehens», «säete», «beschnitte». Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
