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Title: Schülerselbstmorde und Schulsünden
Description: Vorwärts (Berlin), Unterhaltungsblatt, Nr. 120, 25. Juni 1908, S. 479-480 (I), und Nr. 121, 26. Juni 1908, S. 483-484 (II).
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1908-06-25%20Sch%C3%BClerselbstmorde%20und%20Schuls%C3%BCnden
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# Schülerselbstmorde und Schulsünden.

Von Otto Rühle.

## I.

<!-- Entrega 1: Vorwärts, Unterhaltungsblatt, Nr. 120, Donnerstag, 25. Juni 1908, S. 479-480 -->

<!-- S. 479 -->

In der Psychologischen Gesellschaft in Berlin hat kürzlich Dr. Gramzow in einem Vortrage über die Psychologie des Selbstmordes erklärt, „daß *die modernen Schülerselbstmorde weit weniger auf pädagogische Mißgriffe, deren Bestreben allerdings nicht hinweggeleugnet werden kann*, als auf das ganze gegenwärtige soziale Milieu zurückzuführen seien“. Die Behauptung ist in dieser Form entschieden falsch. Richtiger dürfte es sein zu sagen, daß die außerordentliche Häufigkeit der Schülerselbstmorde zu erklären ist aus dem Lebensmilieu des Kindes, in dem die Schule eine große und infolge ihrer natur- und vernunftwidrigen Erziehungsmethode verhängnisvolle Rolle spielt. Denn darüber kann bei unvoreingenommener Prüfung der Sachlage gar kein Zweifel mehr bestehen, daß die Schule in der ziemlich abwechselungsvollen Reihe der Motive, die in dem Kinde den furchtbaren Entschluß zu gewaltsamer Vernichtung des Lebens reifen lassen, eine Hauptrolle spielt. Welch ein unbegreifliches, in seiner widerspruchsvollen Tragik erschütterndes Bild: die Schule, die alles Edle, Große, Reine in den Geist und das Gemüt des Kindes senken, den noch leitsamen Willen zu Festigkeit und Tatkraft für den Daseinskampf erziehen, überhaupt den werdenden Menschen durch harmonische Entwickelung aller seiner physischen wie psychischen Anlagen zu entschiedenster, kräftigster und freudigster Lebensbejahung befähigen soll — dieselbe Schule als Ursache verzweifelter Daseinsverneinung, als unerbittliches Motiv bedingungsloser Lebensvernichtung! Man begreift, daß die Pädagogen sich entrüstet und erbittert gegen ein Eingeständnis ihrer Schuld wehren und Argumente aus den Wänden kratzen, um der Wucht dieser Anklage nicht zu erliegen.

Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte man Kinderselbstmorde kaum; aus fast allen Ländern — Preußen, Frankreich, England, Italien usw. — wird dies bezeugt. Nur ganz vereinzelte Fälle, die als etwas Unerhörtes galten, kamen vor; so in Berlin von 1783 bis 1787 ein einziger Fall. Im nächsten Jahrzehnt waren es schon drei. Quetelet, einer der Begründer der Moral- und Sozialstatistik, war der erste, der auf die allmähliche Zunahme der *Kinderselbstmorde* hinwies, und schon um das Jahr 1825 klagte Dr. Casper in seinen „Beiträgen zur mediz. Stat.“: Nirgends zeigt sich die Schattenseite der Kultur wohl greller, als wenn wir die fast unglaublich scheinende Zunahme der Kinderselbstmorde in der neuesten Zeit betrachten. Und 1846 schrieb er in seinen „Denkwürdigkeiten“: Die Kinderselbstmorde sind überall in der Monarchie in der neueren Zeit in so steigender Häufigkeit vorgekommen, daß es ermüdend wäre, auch nur einen Teil solcher Fälle hier bekannt zu machen. Auch andere Statistiker heben bis in die neueste Zeit herauf die Zunahme der Kinderselbstmordziffern hervor, so Heyfelder, Griesinger, Prinzing, Siegert u. a., während Guttstadt, Rehfisch und Baer nicht ohne weiteres diesen Standpunkt teilen, sondern mehr oder weniger der Ansicht zuneigen, daß die Selbstmordhäufigkeit gewiß bedeutend zugenommen habe, der Anteil der Kinderselbstmorde hingegen im allgemeinen der gleiche geblieben sei. Dieser Auffassung steht allerdings die offizielle Statistik entgegen, ganz zu schweigen davon, daß schon die regelmäßige Verfolgung der Tagespresse ohne weiteres eine unzweifelhafte Steigerung der Selbstmordhäufigkeit bei Jugendlichen erkennen läßt. Nach der Statistik kamen in den Jahren 1869—78 im jährlichen Durchschnitt auf 666 028 Kinder ein Selbstmord, während bis zur Periode 1894 bis 1898 diese Ziffer auf 497 815 zurückgegangen ist. Dies bedeutet offenkundig eine *Zunahme der Kinderselbstmorde*. In den drei Jahrzehnten 1869—98 sind allein in Preußen insgesamt 1708 Kinder (1346 Knaben und 362 Mädchen) durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Eine ganz ungewöhnlich hohe Ziffer in dieser trüben Statistik weist das Königreich Sachsen auf. Nach Dr. Krell kamen hier im Jahre 1900 schon auf 100 Selbstmorde ein Kinderselbstmord, 1902 sogar schon auf 42 Selbstmorde. Dabei gilt für die Statistik der Kinderselbstmorde, wie Dr. Baer betont, ganz besonders, „daß ihre Zahl in Wirklichkeit größer ist, als die offiziell ermittelte“.

Ungleich interessanter als die Ermittelung der Selbstmordhäufigkeit ist die *Ergründung der Motive*, die zum Selbstmord führen. Besonders die Kinderselbstmorde stellen ein der wissenschaftlichen Erschließung und Durchforschung noch dringend bedürftiges Gebiet dar; der Psychiatrie und Psychologie, Soziologie und Pädagogik eröffnen sich hier weite Felder zur Betätigung. Ein gesundes, widerstandsfähiges, wohlerzogenes Kind dürfte wohl nur in den allerseltensten Fällen den Gedanken des Selbstmords fassen, „aber nach Hunderttausenden zählen die geschwächten Schößlinge, die mit verminderter Lebensenergie zur Welt kommen, in denen Alkoholismus, Ausschweifung, Krankheit, Art und Ueberarbeitung der Eltern eine geringere Widerstandskraft für den Lebenskampf erzeugten. Oftmals können sorgfältige, liebevolle Erziehung, gute äußere Umstände einen Ausgleich herbeiführen, oft auch bleibt wenigstens der Anstoß zu einem tragischen Abschluß fern. Treten aber an solche Kinder mit den reizbaren Nerven, dem ausgeglichenen, oft überempfindlichen Gemütsleben weitere Schädigungen und Kümmernisse heran, so ist der Weg zur Tragödie vorgezeichnet.“

Es liegt in der Natur des Selbstmordes im allgemeinen wie in seiner gesellschaftlichen Beurteilung im besonderen begründet, daß an ihm mancherlei Momente dunkel zu bleiben pflegen, nicht zum letzten die Ursachen, die sich der nachträglichen Erforschung am leichtesten zu entziehen vermögen. In allen Statistiken über Selbstmordursachen findet sich denn auch die Rubrik: „*Unbekannte Motive*“ und zwar durchgängig mit hohen Ziffern. So waren zum Beispiel unter 936 in den Jahren 1884 bis 1898 im Alter von 10 bis 15 Jahren ausgeführten Selbstmorden 337 (37,4 Proz.) mit unbekannten Ursachen, und Morselli berechnete auf je 1000 Selbstmörder im Alter von unter 15 Jahren in Preußen für die Jahre 1869—72 nicht weniger als 434 Knaben und 319 Mädchen, bei denen die Motive des Selbstmordes nicht zu ermitteln waren. Nun meint Baer, der zwar nicht wie Esquirol eine spezifische Irrsinnsform als Selbstmordmotiv annimmt, aber leicht geneigt ist, *Geistesstörung*, psychopathische Minderwertigkeit und krankhafte Affekte als Hauptursachen der Kinderselbstmorde gelten zu lassen, auch „von den Fällen aus ‚unbekannten Ursachen‘ dürfe ohne jedes Bedenken ein großer Teil als solche angesehen werden, welche den minderwertigen, zweifelhaften, psychopathischen Motiven zugerechnet werden, deren wahrhafter Geisteszustand während des Lebens nicht erkannt worden ist.“ Dem entgegen ist Durand-Fardel der Meinung, daß *Mißhandlung* die häufigste <!-- S. 480 -->Ursache der Kinderselbstmorde bilde; in idealer Konkurrenz hierzu sieht Ferriani, der als bedeutender Kinderpsycholog bekannte italienische Staatsanwalt, „die Furcht vor der Schule“ als das in den meisten Kinderselbstmordfällen ausschlaggebende Motiv an.

Die Furcht vor der Schule! Eine kleine, aber doch so große und leidensvolle Welt tut sich da vor uns auf, eine Welt voll ungezählter Momente der Sorge und Angst, des Kummers und der Mühsal, des Abscheues und Grauens, des Schmerzes und der Verzweiflung, die in ungezählten Schattierungen die Herzen und Hirne der Kinder durchzucken und durchzittern. Da sind kleine bejammernswerte Lohnproletarier, von früh bis spät ins Arbeitsjoch gespannt, die, wenn sie abgehetzt und mit knurrendem Magen in der Schule das einzige Ruheplätzchen einnehmen, das der Tag ihnen bietet, dem Unterricht nicht zu folgen vermögen. Das Lernen wird ihnen zur Qual, der Lehrer, der sie allen Hemmnissen zum Trotz vorwärts bringen will, erscheint ihnen als Peiniger, die ganze Schule mit all ihrer Kälte, ihren Schroffheiten und Martern löst bei ihnen nur Empfindungen der Angst, des Widerstrebens und Schreckens aus, die sich bis zu Lebensüberdruß und Verzweiflung steigern können. Da sind weiter die Kranken, die Abnormen, die Krüppel, deren geistige Schwäche und Minderwertigkeit oft genug nicht erkannt wird, die als „Faulpelze“ und „Faselhänse“ mit Prügeln traktiert werden und denen der Unterricht zur Hölle gemacht wird. Die Enterbten, Heimat- und Elternlosen, die früh ins Leben Gestoßenen, die Hungrigen und Entkräfteten, die vielfach Mißhandelten, erblich Belasteten, Degenerierten und Demoralisierten, Verwahrlosten und frühen Opfer der Zwangserziehung und der Gefängnisse — schier endlos ist der Elendszug. Dazu die feinfühligen Naturen, die Sensiblen und krankhaft Empfindsamen, die von übertriebenem Ehrgeiz Beherrschten und in falschen Vorurteilen Befangenen. Sie alle stellen das Kontingent der jugendlichen Selbstmörder.

## II.

<!-- Entrega 2: Vorwärts, Unterhaltungsblatt, Nr. 121, Freitag, 26. Juni 1908, S. 483-484 -->

<!-- S. 483 -->

Eine Untersuchung speziell der *Schülerselbstmorde* haben Guttstadt für die Jahre 1883—1888 und Eulenburg für die Jahre 1880—1903 vorgenommen. Guttstadt untersuchte 289 Fälle (240 Knaben und 49 Mädchen), davon entfielen 82 auf höhere, 207 auf niedere Schulen. Von ersteren haben sich wegen Examenfurcht, Nichtversetzung und nicht bestandenen Examens 15 Knaben, von letzteren aus denselben Gründen je ein Knabe und ein Mädchen getötet. Sonstige mit dem Schulbesuch zusammenhängende Gründe waren bei fünf Knaben höherer Schulen, acht Knaben und einem Mädchen niederer Schulen für die Tat bestimmend gewesen. Eulenburg stellte aus den Akten des preußischen Kultusministeriums für 1880—1903 insgesamt 1152 Schülerselbstmorde fest; davon 812 Fälle in niederen, 340 in höheren Schulen. In mehr als einem Drittel der Fälle waren Furcht vor Strafe, vor dem Examen, Scham über Nichtversetzung die Beweggründe der Tat; in 10 Proz. der Fälle bildeten Geistesstörung, nervöse Ueberreizung usw. den Grund.

Aus beiden Statistiken geht klar und unzweideutig eine schwere *Schuld der Schule* hervor. Examenplage und Zensurenfurcht, zwei alte Uebel besonders der höheren Schulen, dazu *Furcht vor Strafe*, die in erster Linie die Gemüter der Volksschüler in Schrecken versetzt, treiben einen beträchtlichen Prozentsatz der jugendlichen Selbstmörder in den Tod. Man weiß, daß die Schulprüfungen auf die körperliche Gesundheit vieler Schüler einen zweifellos nachteiligen Einfluß ausüben. Dr. Ignatieff hat gefunden, daß 79 Proz. der von ihm beobachteten Schüler während der Prüfung durchschnittlich 1½ Kilogramm an Gewicht verloren; zu ähnlichen Resultaten kam Dr. Kosinzoff. Ersterer gelangte zu der Ueberzeugung, „daß unter den gegebenen Umständen die Examina in ihrer Wirkung auf den jugendlichen Organismus einer schweren Krankheit vergleichbar seien, welche bedeutende Störungen der Ernährung und der Gewebe zur Folge hat und jedenfalls auch dasjenige Organ nicht unberührt läßt, welches während der Examinationsperiode am angestrengtesten arbeitet, das Gehirn“. Beide Beobachter halten die große nervöse Erregung, in welche die Kinder während der Prüfung geraten, die ihnen den Schlaf, den Appetit raubt und sich in Form von Furcht, allgemeiner Unruhe, gedrückter oder krankhaft gehobener Gemütsstimmung äußert, für sehr verhängnisvoll. Gar viel, bemerkt hierzu noch Dr. Baer, trägt zu der unheilvollen Wirkung die übermäßige Bedeutung bei, die das moderne Familienleben dem Fortkommen der Kinder in der Schule beimißt. Bildet doch in der Familie, namentlich der mittleren und oberen Gesellschaftsklassen, die Zensur, der Schulplatz, die Versetzung der Kinder den Mittelpunkt aller Ereignisse, um die sich zeitweise alles dreht. Steht nun der Schüler in den meist überfüllten Klassen dem pädagogisch und psychologisch nicht immer genügend befähigten Lehrer fremd und ungekannt gegenüber, ist er zeitweise sogar seiner vor- und eingebildeten Meinung preisgegeben, ist der Lehrer häufig wegen Mangels an Zeit und Gelegenheit nicht imstande, die Eigenartigkeit des Schülers kennen zu lernen, so kann es nicht ausbleiben, daß er den einen oder anderen der Schüler falsch beurteilt und durch eine falsche, vielleicht auch ungerechte Behandlung in die Verzweiflung treibt. Man wird also, und auch Siegert teilt diese Meinung, einen Teil der Kinderselbstmorde „aus gekränktem Ehrgeiz“ ebenfalls mit auf das Konto der Schule setzen müssen. Bei Guttstadt sind dies 19 Fälle von 289. Vielleicht auch „religiöse Schwärmerei“, die ja im Religionsunterricht unserer Volksschule eine ausreichende Vorbereitung und Anbahnung findet.

Im übrigen ist durch zahllose von berühmten und hervorragenden Pädagogen, Aerzten usw. (Griesbach, Wagner, Trüper, Kemsies, Axel Key, Mosso, Erismann, Kraepelin usw.) vorgenommene Untersuchungen ein Einblick in den Unterrichtsbetrieb höherer wie niederer Schulen gewonnen worden, der im vollsten Umfange bestätigt, daß „*ein irrationell ausgeführter Schulunterricht einen krankhaften Einfluß auf das Nervensystem auszuüben sehr wohl geeignet ist*“. In unseren Schulen ist leider durchgängig ein solcher „irrationell ausgeführter Schulunterricht“ anzutreffen. Siegert, der selbst Lehrer ist, hält die Unterrichtsziele der Volksschule für zu hoch, eine Ansicht, der wir nicht beipflichten können. Würde durch Beseitigung des Religionsunterrichts den Kindern mehr Freiheit, Zeit und Kraft für wissenschaftliche Stoffe eingeräumt, so wäre die Ueberbürdung des Geistes, die Malträtierung des Gedächtnisses, die Abspannung der Nerven bei weitem nicht so groß wie heute, wo man mit Dogmen die Denkkraft erstickt und mit Bibelsprüchen das Gedächtnis verwüstet. Aber sonst hat Siegert recht, wenn er schreibt: „Wir fordern nur zu oft pädagogisch Nutzloses und psychologisch Unmögliches, Dinge, welche wohl zum augenblicklichen Prahlen, aber nicht zur bleibenden Förderung der Entwickelung des Geistes geeignet sind.... Man werfe die systematisch zusammengeklügelten Lehrpläne ins Feuer und schaffe neue, einfache, von hygienischen Grundsätzen beratene, die mit dem unnützen Gedächtnisballast endgültig aufräumen, die kräftezersplitternde Vielwisserei vermeiden, dem Unterricht einen einheitlichen Zug geben und die Kinderwelt zur edlen Einfachheit und Natürlichkeit im Denken, Fühlen und Wollen zu erziehen vermögen.... Und laßt den Körper nicht die Fortschritte des Geistes bezahlen. Beschafft für die Bildung des Körpers die erforderlichen Mittel und gewährt die hierzu nötige Zeit. Steigert die Körperkraft, stählt die Nerven, bringt Gleichgewicht in die Ausbildung von Körper und Geist. Gebt Raum dem fröhlichen Kinderspiel, der Körperübung in Luft und Sonnenschein. Veranstaltet von Schulwegen Spaziergänge in Wald und Feld... so erzieht ihr Kinder, denen der Selbstmordgedanke auch nicht im Schlafe beikommen kann.“

Alle diese Schattenseiten und Uebelstände des Schulbetriebes wirken aber nicht entfernt so stark, so ängstigend und lähmend auf das Kind ein wie die Furcht vor Strafe. Der abscheuliche Schulbakel, der zur Schande unserer vielgepriesenen Erziehungskunst noch immer Herrschaftsrechte in den Schulkasernen und auf den Schulkasernenhöfen genießt, hat sicherlich die meisten Kinder in den Tod gejagt. „Furcht vor Strafe“ stellt unter den jugendlichen Selbstmördern, namentlich Volksschülern, mit das stärkste Kontingent. Nach den angeführten amtlichen Ermittelungen nahmen sich von 104 in Frage kommenden Volksschülern 43 Proz., von 35 Volksschülerinnen 65 Proz. aus dieser Ursache das Leben. Eulenburg stellt 35 von ihm gesammelte Schülerselbstmordfälle zusammen, von denen in 4 Fällen die Motive unbekannt sind; in 12 Fällen aber bildeten Schläge, Furcht vor Schlägen sowie Drohungen mit Schlägen, Vorwürfe und Zurechtweisungen die Selbstmordursache. Auf höheren Schulen darf nicht geprügelt werden; die oben erwähnte Statistik wies denn auch unter 62 Fällen nur einen einzigen auf, in dem die Furcht vor Schlägen der Anlaß zum Selbstmord war. *Mit dem Stocke treiben Eltern und Lehrer aus den Kindern nicht bloß alle Selbstachtung und Selbständigkeit, alle besseren Herzensregungen und edleren Gefühle hinaus, sie treiben die Bedauernswerten sogar in den Tod.* In zahllosen Fällen, wo Furcht vor Strafe als Selbstmordmotiv in den Statistiken verzeichnet ist, haben eingehende Ermittelungen ergeben, daß es sich immer um *Schulstrafen* handelte. Je roher und ungezügelter die Strafdisziplin des Lebens ist, je mehr das Kind sich vor den harten Züchtigungen und Mißhandlungen des Lehrers ängstigt und fürchtet, desto begründeter ist der Vorwurf, den man diesem System zu machen berechtigt ist. Wenn Eulenburg, Siegert, Gramzow u. a. meinen, es komme nur selten vor, daß der Schule nach dieser Richtung hin ein Verschulden beizumessen sei, so kennen sie die Volksschule nicht oder sind zu sehr Partei, um objektiv zu urteilen.

<!-- S. 484 -->

Wer selbst die Volksschule acht Jahre lang besucht hat, der weiß, daß es da Hiebe knüppeldick regnet und daß oft um lächerlicher Lappalien willen geradezu barbarische Züchtigungen verhängt werden. Alle jene Prügelpädagogen aber sind Mitschuldige an dem namenlosen Elend und Jammer, der in den Kinderselbstmorden — nicht völlig, nein zu einem winzigen Teil — zum Ausdruck gelangt. Und uns dünkt es ein Verbrechen, diese furchtbaren Tatsachen zu verschleiern.

Unsere offizielle Erziehung, an der nur der Besitz interessiert ist, verschlingt — wie die militaristische „Erziehung“, ihre leibhaftige Milchschwester — Hekatomben an Gut, Blut und Leben, die das Volk opfern muß. Die einen aus Ursachen, die ihre Herrschaftsstellung im Klassenstaate mit Kastenordnung und Berechtigungswesen bedingt; die anderen unter dem Drucke der Knechtschaft und Armut, die sie in des Lebens Niederungen verstießen. Ungesundes liegt in beiden, — nur die Beseitigung der klaffenden Gegensätze in der Gesellschaft vermag auch auf diesem Gebiete zu einer Gesundung der Zustände zu führen.

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*Fuente:* *Vorwärts* (Berlín), *Unterhaltungsblatt*, n.º 120, jueves 25 de junio de 1908, pp. 479-480 (I), y n.º 121, viernes 26 de junio de 1908, pp. 483-484 (II) (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/311744 y …/311749). Ids: OR1908-09 (I) y OR1908-10 (II). Las dos entregas llevan el titular «Schülerselbstmorde und Schulsünden. Von Otto Rühle.» y el número romano. Transcrito del OCR de la FES, cotejado con el facsímil en todas las cifras, nombres y pasajes dudosos: el OCR leía mal casi todas las cifras de la primera entrega (corregidas sobre la imagen: 666 028, 1869—98, 1708 [1346 + 362], 1900, 100, 1902, 1846, 10 bis 15, 1000). Se conservan las lecturas del impreso «deren Bestreben» (I; ¿por «Bestehen»?), «337 (37,4 Proz.)» (I; 337 de 936 son el 36 %), «unter 62 Fällen» (II; antes se habla de 82 casos en escuelas superiores) y «Strafdisziplin des Lebens» (II; ¿por «der Schule»?). El nombre del conferenciante es «Gramzow» en la segunda entrega; en la primera el OCR lee «Gremzow». Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
