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Title: Die Lehrer im Kampfe gegen die Schundliteratur
Description: Vorwärts (Berlin), Unterhaltungsblatt, Nr. 104, 2. Juni 1908, S. 415-416.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1908-06-02%20Die%20Lehrer%20im%20Kampfe%20gegen%20die%20Schundliteratur
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<!-- S. 415 -->

# Die Lehrer im Kampfe gegen die Schundliteratur.

Von Otto Rühle.

Mit der deutschen Lehrerversammlung, die Pfingsten dieses Jahres in Dortmund tagen soll, wird auch die Hauptversammlung der *Vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse für Jugendschriften* verbunden sein. Es sind dafür zwei Vorträge in Aussicht genommen über das Geschlechtliche in der Jugendlektüre und über die Frage der Altersmundart in der Jugendschrift; außerdem hat sich eine besondere Sitzung mit der Wirksamkeit der Ausschüsse während der zwei letztverflossenen Jahre und sonstigen geschäftlichen Angelegenheiten zu befassen. Um für diese Beratungen rechtzeitig die Grundlage vorzubereiten und das geeignetste Ausgangsfeld zu gewinnen, erstattet bereits jetzt in der „Jugendschriften-Warte“ der derzeitige Vorsitzende des Vorortausschusses Hamburg, Herm. L. Köster, den *Geschäftsbericht* für [¿1906?]/08. In Anbetracht der Aufmerksamkeit, mit der die Jugendschriftenfrage — als ein organischer Bestandteil der Erziehungsfrage — besonders seit den letzten Jahren innerhalb unserer Parteikreise verfolgt und gefördert wird, darf für die Berichterstattung über die Tätigkeit und die Erfolge der Lehrer-Prüfungsausschüsse bei sozialdemokratischen Zeitungslesern zweifellos lebhaftes Interesse vorausgesetzt werden.

Köster konstatiert zunächst die betrübende und für den Kulturstand unserer Zeit beschämende Tatsache, daß die letzten Jahre auf dem Gebiete der Jugendliteratur eine wüste Produktion *scheußlichsten Bücherschundes* gezeitigt haben, eines Schundes, der in illustrativer wie literarischer Hinsicht gleichermaßen mächtig war und verheerend wirkte. Einbruchs-, Entführungs- und Verführungsgeschichten, in denen Detektive wie Sherlock Holmes, Pinkerton und Nick Carter die Hauptrollen spielen, Erzählungen von Buffalo Bill, Texas Jack, Sitting Bull und anderen Helden des wilden Westens, Berichte von Meutereien und grausigen Ueberfällen, nicht zu vergessen die phantastischen Ausschlachtungen der Herero- und Hottentotten-Metzeleien sind wie Pilze im nassen Sommer aus der Erde geschossen. Kein Wunder! Fand nicht ein Sherlock Holmes mit seiner gewaltsamen und abgeschmackten Hintertreppenromantik auf der Bühne den begeisterten Beifall gerade der — wie Schmock zu berichten pflegt — allerhöchsten Herrschaften? Und machte nicht ein Schmarren wie „Der Hund von Baskerville“, umjubelt von dem Kunstmob der „gebildetsten“ und „distinguiertesten“ Stände, einen wahren Triumphzug durch die ganze Welt? Was stöhnt und heulmeiert ihr also, wenn schließlich das verwahrloste, um alle Bildung und Erziehung betrogene Proletarierkind an denselben Dingen Gefallen findet? Gewiß ist dies traurig; aber wenn das Pferd schon Zaum und Zügel tragen soll, darf es nicht beim Schwanze aufgezäumt werden.

Nun haben es die Jugendschriften-Ausschüsse der Lehrerschaft an zahlreichen Orten nicht an Versuchen fehlen lassen, das gefährliche Unkraut aus dem Garten der Literatur und Kunst auszurotten und die Jugend vor einer moralischen und ästhetischen Vergiftung nach Möglichkeit zu bewahren. Aber die angewandten Mittel erwiesen sich als *nutzlos*. „Die Mächte, die die Verbreitung der Schundliteratur fördern, klagt Köster, sind mächtiger als wir. Die Hauptmacht ist das Geld. Sie äußert sich zunächst in dem großen Verdienst, den der Verkäufer einheimst. Ein Berliner ‚Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst‘ (Berlin SO., Naunynstraße 38), das Porträts von Kaiser Wilhelm II., patriotische und religiöse Kunstblätter vertreibt, die von etwa 20 königlichen Regierungen und anderen hohen Behörden empfohlen werden, teilt mit: ‚Wir sind bereit, Ihnen unsere Serien Texas Jack und Sitting Bull à 5½ Pf. pro Bändchen zu liefern. Wenn es sich um größere Bezüge handelt, so würden wir Ihnen mit besonderen Vergütungen nähertreten können.‘ Bei einem Verkaufspreise von 10 Pf. ergibt das einen ganz hübschen Verdienst. Die Jungen aber brauchen, wenn sie ein gelesenes Heft in Tausch geben, nur 5 Pf. zu bezahlen. Wie ist diesem Schund zu begegnen? Nach der Polizei zu rufen, hat keinen Zweck; den Kindern das Lesen dieser Schmöker einfach zu verbieten, nützt ebenso wenig. Vielleicht könnte ein Sachverständigenausschuß nützen, der sich aus Mitgliedern aller Parteien zusammensetzt und der trotzdem nicht zur Wirkungslosigkeit verdammt zu sein brauchte, da bei diesen Heften Parteifragen oder Fragen der Weltanschauung nicht in Betracht kommen. In der Verurteilung dieser Bücher werden die Gebildeten aller Parteien einig sein. Vielleicht kann bei größeren Jungen helfen, wenn man ihnen einmal solche Geschichten in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit zeigt; denn die Hefte enthalten einen solchen Blödsinn, daß man ihn bei einigem Geschick auch Kindern zum Bewußtsein bringen kann. Man kann auch vielleicht erreichen, daß es den Kindern zur Ehrensache wird, solche Hefte nicht zu lesen.“

Im großen ganzen aber war der Kampf ergebnislos. Er wird auch, so fährt der Bericht ziemlich kleinlaut und betreten fort, immer ein vergeblicher sein, wenn es nicht gelingt, „guten, fesselnden Lesestoff zu den gleichen billigen Preisen und den gleichen günstigen Bezugsbedingungen zu liefern, so daß den Kindern überall die guten Sachen in den Weg treten, wie jetzt die schlechten. Unsere ‚billigen Ausgaben‘, die mindestens 50 Pf. kosten, sind viel zu teuer. Auch die Schülerbibliotheken genügen heute nicht entfernt. Was nützt es, wenn das Kind zu Weihnachten einmal ein gutes Buch bekommt, oder wenn es alle vier Wochen oder noch seltener sich eins aus der Schülerbibliothek holen darf, und es verdirbt sich Tag für Tag den Magen mit den 10- und 20 Pf.-Heften? Da verliert es bald den Geschmack an guten Schriften, weil sie nicht interessant, nicht wüst genug sind, während ich aus vielfachen Mitteilungen weiß, daß Kinder, deren Geschmack nicht überreizt ist, sogar an Stifters stillen Geschichten großen Gefallen finden können. Durch eine weitere Ausgestaltung der Schülerbibliothek, vor allem auch durch eine sorgfältige, planmäßige Einführung der Massenlektüre würde man vielleicht bei vielen eine Schutzwehr errichten können.“

Das ist alles, was Köster an Maßnahmen gegen die afterliterarische Verseuchung der Jugend in Vorschlag zu bringen vermag. Eine schwache Leistung, fürwahr, und ein schwacher Trost! Was sollen die paar Pillen und Pflästerchen, die er verschreibt, ernstlich ausrichten gegen eine Epidemie von dem Umfange und der verheerenden Kraft der Schundliteratur? Auf so bescheidene und unzulängliche Palliativmittelchen verfällt so ziemlich jeder erste Beste, der nur einmal flüchtig das Elend der Jugendliteratur überdenkt; sollte ein Mann, wie Köster, der seit Jahr und Tag in ernsthaftester und tiefgründigster Weise das in Rede stehende Problem studiert, nicht besseren Rat wissen, nicht wirksamere Abhilfen vorzuschlagen haben?

Ohne Zweifel — ist doch sein unermüdlicher Kampfeseifer, den er seit mehr als einem Jahrzehnt in den vordersten Reihen der bürgerlichen Jugendschriftenbewegung betätigt, auf demselben Erkenntnisboden erwachsen, den vor zwanzig Jahren sein Waffengefährte Heinrich *Wolgast* in klarer, unzweideutiger Weise abgesteckt und gekennzeichnet hat. „In dem Elend, welches die Jugendschriftstellerei über uns heraufgebracht hat — so leitete Wolgast damals sein epochemachendes Buch ‚Das Elend unserer Jugend<!-- S. 416 -->literatur‘ ein — ist nichts tröstlicher als die Einsicht, daß die Lektüre der Kinder *immer in ursächlichem Zusammenhang mit den herrschenden Erziehungsgrundsätzen gestanden hat*, die ihrerseits Produkte der geschichtlichen Entwickelung sind.“ Und im weiteren legt er bündig und überzeugend dar, wie die große geschichtliche Umwälzung, die sich in unseren Tagen auf dem Gebiete der Arbeit vorbereitet, auch grundstürzende Umschwünge im Erziehungswesen, in der Kunst und künstlerischen Genußfähigkeit, auf allen Gebieten kulturellen Lebens zur Folge haben muß.

Die Erkenntnis dieser inneren sozialen Zusammenhänge gibt nun auch den Schlüssel an die Hand für die Auffindung der Ursachen wie der wirksamen *Bekämpfungsmethoden des Jugendschriftenelends*. Unsere Kinder lesen heute Buffalo Bill und Sherlock Holmes mit derselben Gier, mit der ihre Eltern den Schinderhannes und die Bluttaten Rinaldinis verschlungen haben, weil die Schule beide, Kinder wie Eltern, in der *grauenhaftesten* Weise verwahrlosen und verkümmern ließ. Wo bleibt die Erziehung zur Schönheit, die Anleitung zum ästhetischen Genuß, die Bildung des Geschmacks, die Kultur des reinen seelischen Empfindens? Macht man nicht tagtäglich die Jugend des Proletariats mit allen erdenklichen Scheußlichkeiten und Blutrünstigkeiten völkermörderischer Kriege bekannt? Liegt nicht System in dem hohlen, aber phrasenschwülstigen mordspatriotischen Drill der Volksschule? Wird nicht von Amts wegen den Kindern trotz ihres Sträubens und Widerwillens eine vergiftete und verlogene Moral eingepaukt? Ist nicht der Wissensunterricht so entsetzlich fad, geistlos, verknöchert und langweilig, daß die kindliche Phantasie, sobald sie dieser tötlichen Enge zu entfliehen vermag, nur Genüge zu finden vermeint, wenn sie in Uebertreibungen schwelgen, in Ungeheuerlichkeiten Orgien feiern kann? Der wahre Grund, warum die Schundliteratur so üppig gedeiht und bei der Jugend so empfängliche, so aufnahmebereite Kostgänger findet, ist in dem *unbeschreiblichen Jammer der heutigen Schule und Schulerziehung* zu suchen. Verbessert ihr die Schule, gebt ihr der Jugend Schönheit und Kultur, bildet ihr die Augen und Herzen, zündet ihr die Sehnsucht nach dem Edlen und wahrhaft Beglückenden in jungen Menschengemütern an, so werdet ihr ein Geschlecht heranwachsen sehen, das voll Ekel und Widerwillen die Schundschwarten von sich wirft wie Kot, mit dem es sich zu besudeln fürchtet. *Das Elend der Jugendliteratur ist* — auf die kürzeste Formel gebracht — *das Elend der Schule*; und mit dem Ende des Schulelends wird das Ende für das Elend der Jugendliteratur gekommen sein.

Wer wie Köster sich über diese Zusammenhänge klar ist, sollte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sie anderen einzuprägen; er sollte auch in seinem Geschäftsbericht nicht unausgesprochen lassen, was tiefere Einsicht und ernstere Pflicht ihm auszusprechen gebietet. Viele seiner Mitarbeiter würden dann vor der Täuschung bewahrt werden, alles Heil einzig und allein zu erwarten von dem Ausbau der Bibliotheken, der Aufstellung neuer Verzeichnisse, der Sichtung und Nachprüfung älterer Befunde, der Veranstaltung von Massenlektüre usw. So ehrlich gewollt und wertvoll im einzelnen diese Tätigkeiten immer sein mögen, für das Ganze bedeuten sie nichts, wenn ebendieses Ganze darüber vergessen oder aus dem Auge verloren wird. Allen diesen müßte Köster immer und immer wieder, mit jedem Male lauter und eindringlicher das Ceterum censeo in die Ohren schreien: Revolutionierung der Schule! Fort mit Drill und Bücherkram! Her mit der Arbeit, der Wirklichkeit und dem Leben für die Erziehung!

Aus dem übrigen Inhalt des Berichts, der alle das große Publikum gar nicht interessierenden Einzelheiten gewissenhaft notiert, ist nur eine Stelle noch bemerkenswert. Sie betrifft das vom *sozialdemokratischen Bildungsausschuß* herausgegebene Jugendschriftenverzeichnis. Köster sagt da: „Solange der Bildungsausschuß aus dem Verzeichnis der Prüfungsausschüsse auswählt, wie er das mit wenigen Ausnahmen bisher getan hat, bedeutet sein Verzeichnis für die literarische Bildung der Arbeiterjugend natürlich keine Gefahr. Aber ob der Ausschuß immer die Kraft haben wird, sozialdemokratische Tendenzschriften abzulehnen? Oder ob er nicht doch Schriften annehmen wird gerade wegen ihrer sozialdemokratischen Tendenz? auch wenn es beim literarischen Wert hapert?“ Es ist nicht recht verständlich, aus welchen Motiven heraus Köster zu diesen Bemerkungen kommt. Welche Spur von Rechtfertigung hat Köster für sein Mißtrauen und seine Zweifel? Vergißt er ganz, daß die *Lehrerschaft* in München es war, die dadurch, daß sie der „patriotischen (!) und religiösen Tendenz“ Existenzrecht in der Jugendschrift einräumte, die Sozialdemokratie zur Herausgabe eines eigenen Jugendschriftenverzeichnisses nötigte? Und weiß Köster nicht, daß in der Sozialdemokratie schon zu einer Zeit, da noch kein Mensch an ihn dachte, von Marx und später von Kautsky die Erörterung und Propagierung sozialdemokratischer Grundsätze und Ideen in der Jugendschrift aufs entschiedenste abgelehnt worden ist? Würde er, als ein Mann mit geläutertem ästhetischem und sittlichem Gefühl, es nicht als taktlos und unfein empfinden, wollten wir achselzuckend und naserümpfend von ihm sagen: „Ob Köster nicht doch Schriften annehmen wird gerade wegen ihrer patriotischen und religiösen Tendenz? auch wenn es beim literarischen Werte hapert?“

Erwähnen wir zum Schluß noch, daß zwei Zeitschriften, die der Jugendschriftensache dienten, eingegangen sind und daß Weihnachten 1907 das Verzeichnis der Vereinigung in 80 000, das Hamburger Auswahlverzeichnis in 240 000 Exemplaren verbreitet wurde (6500 an Einzeladressen, 400 ins Ausland, 700 an Buchhändler), so ist das Wesentliche aus dem Inhalte des Geschäftsberichts erschöpft.

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*Fuente:* *Vorwärts* (Berlín), *Unterhaltungsblatt*, n.º 104, martes 2 de junio de 1908, pp. 415-416 (FES, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie; https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/311664). Firmado «Von Otto Rühle». Transcrito del OCR de la FES (bueno, con errores de letra y de espaciado), cotejado con el facsímil del número (imágenes de 1000 píxeles de ancho, legibles en ampliación) en el titular, la firma, los precios, las cifras finales y los pasajes dudosos. El año del informe de Köster (OCR «1gOS/08») no se lee en la imagen y se da como conjetura. Las cursivas reproducen el espaciado del original, según lo deja ver el OCR. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
