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Title: Der kindliche Gedankenkreis
Description: Hamburger Echo, Nr. 98, 26. April 1908, Zweite Beilage (S. 9 der Ausgabe im Zeitungsportal).
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1908-04-26%20Der%20kindliche%20Gedankenkreis
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# Der kindliche Gedankenkreis.

Von Otto Rühle.

Nun wandert wieder die muntere Schar der ABC-Schützen mit Ränzel und Frühstücksdose allmorgendlich durch die Straßen der Stadt den Schulkasernen zu. Der erste Weg ins Leben. Und für die Ahnungslosen auch der erste Weg zu Sorge und Ungemach. Es gibt im Leben des Kindes keine Grenzscheide, die einschneidender wäre, keinen Wechsel, der ernsthaftere Bedeutung hätte, als dieser. An die Stelle der Freiheit und Ungebundenheit tritt der Zwang, die Unterordnung unter fremden Willen. Das Spiel wird abgelöst von der Arbeit. Hieß es bisher: ich will, so heißt es jetzt: du mußt! Und was muß ein solch kleines Menschenkind schon alles! Es muß stillsitzen, muß zuhören, muß schweigen und auf Fragen antworten, muß lernen, muß kommen und gehen, alles auf Befehl. Es muß auch allerlei Bekanntschaften machen, mit Tafel und Buch, Feder und Tinte, Wort und Zahl, Buchstabe und Ziffer, vielleicht gar schon mit Rute oder Stock. Das Muß ist eine harte Nuß!

Der Lehrer soll an dem Kinde seine Kunst der Erziehung betätigen. So behauptet man. In Wirklichkeit sind jedoch unsere Schulen keine Erziehungs-, sondern bloße *Unterrichts*anstalten. Die Tätigkeit des Lehrers wendet sich in erster Linie an den Intellekt des Kindes. Darum verlangt er, daß das Kind beim Eintritt in die Schule *unterrichtsfähig* sei. Darunter versteht er *den* Grad physischer, besonders aber intellektueller Entwicklung, der den Schulneuling befähigt, dem Unterricht zu folgen und den aufgenommenen Lehrstoff geistig zu verarbeiten. Hierzu ist neben gesunden Sinnes- und Bewegungsorganen vor allem eine Summe relativ richtiger Vorstellungen und Begriffe erforderlich, denn alles Lernen ist ein Apperzeptionsprozeß, d. h. ein physisch-psychischer Vorgang, der darin besteht, daß sich an vorhandene Vorstellungen in bestimmter Gesetzmäßigkeit neue Vorstellungen angliedern. Ist die Zahl der vorhandenen, also vor dem Schulbeginn erworbenen Vorstellungen des Kindes groß, so sind für viele der in der Folgezeit neu hinzutretenden Vorstellungen bereits Anknüpfungspunkte gegeben. Infolgedessen kann in verhältnismäßig zahlreichen Fällen die Appenzeption vor sich gehen, der Vorstellungskreis des Kindes erweitert sich rasch, das Kind macht geistig schnelle Fortschritte. Dies um so mehr, je klarer die vorhandenen Vorstellungen sind und je sicherer sie im Vorstellungsschatze des Kindes haften. Die Apperzeption ist für die menschliche Psyche, was die Assimilation für den Leib ist. Dieser erhält in Speise und Trank die erforderlichen Nährstoffe zugeführt; mit seinen Verdauungskräften bildet er diese in aufnahmefähige Formen um und scheidet alles nicht Aufnahmefähige als fremdes Element wieder aus. Genau so erwirbt der Geist mit Hülfe der Sinnesorgane seine Nährstoffe. Wie Zelle an Zelle, so reiht und schichtet im allmählichen geistigen Wachstum sich Vorstellung an Vorstellung. Nur was innerlich verwandt ist, vermag sich dauernd zu erhalten; isolierte Vorstellungen gehen mit der Zeit unrettbar wieder verloren. „Ohne Assimilation keine Ernährung, kein Gedeihen des Leibes, — ohne Apperzeption kein geistiger Reichtum, kein wirkliches Leben der Seele.“

Da kein Kind völlig dem anderen gleicht, ist naturgemäß der Vorstellungskreis seinem Umfange wie seinem Inhalte nach bei jedem anders geartet. Jede Individualität bedingt einen eigenen Gedankenkreis. Dazu kommt als weiterer Faktor von Einfluß die Umgebung, in der das Kind aufwächst, also die Oertlichkeit, das gesellschaftliche Milieu, die soziale Stellung und der Bildungsgrad der Eltern, die große, meist unkontrollierbare Menge der geheimen Miterzieher usw. Das Kind der Großstadt hat bei seinem Eintritt in die Schule einen anderen Vorstellungsschatz aufzuweisen als ein Kind vom Lande, ein Hamburger Jung' einen anderen als ein Münchener Bub; das Kind eines Großkaufmanns einen anderen als das eines Arbeiters, das Kind gebildeter und gesitteter Eltern einen anderen als das Kind, das einer verbrecherischen und verwilderten Familie entstammt. Doch nicht bloß die Zusammensetzung, auch die Qualität der Vorstellungen unterscheidet sich nach diesen Gesichtspunkten. Die Stadt mit ihren mannigfaltigen und wechselnden Eindrücken macht das Kind zwar mit vielen Gegenständen bekannt, aber infolge des raschen Wechsels der Eindrücke vermag die Aufmerksamkeit nicht längere Zeit bei dem Einzelnen zu verweilen; die Vorstellungen werden im allgemeinen nur sehr mangelhaft und unvollkommen ausgebildet sein. Das Dorfkind dagegen, in dessen Sinnes- und Erfahrungskreis die Erscheinungen der Außenwelt nicht einem so häufigen Wechsel unterworfen sind, tritt zwar mit weniger Vorstellungen in die Schule, aber diese wenigen sind klar, vollkommen entwickelt und bleiben dauerndes Eigentum. Hier wie dort gibt es natürlich tausend Variationen, und die kindlichen Gedankenkreise weisen nach Umfang und Inhalt eine Mannigfaltigkeit auf, die ins Unendliche geht.

Dem Pädagogen, der, um seinen Unterricht fruchtbar zu gestalten, die Individualitäten der Schüler sorgfältig studieren und erforschen muß, erwächst den Sechsjährigen gegenüber als erste und wichtigste Verpflichtung die: eine genaue, eingehende Analyse der kindlichen Gedankenkreise vorzunehmen. Der Lehrer soll dem Arzte gleichen, der vor der Behandlung seine Patienten gewissenhaft untersucht, um nach dem Befunde und der darauf fußenden Diagnose die Behandlung einzurichten. Aus den Ergebnissen der Analyse lassen sich Grundlagen für die Weiterentwicklung des Kindes, lassen sich Fingerzeige und Gesichtspunkte für die Auswahl und psychologische Durcharbeitung und Vorbereitung der Lehrstoffe für das erste, bis zu einem gewissen Grade auch für das zweite Schuljahr gewinnen.

Seit ein paar Jahrzehnten sind in pädagogischen Kreisen vielfache und umfassende Untersuchungen des kindlichen Gedankenkreises vorgenommen worden. Bahnbrechend wirkten besonders die Bemühungen des Schuldirektors Dr. *Hartmann* in Annaberg im Erzgebirge, der in den Jahren 1880 bis 1884 den Vorstellungsschatz von 1312 sechsjährigen Kindern einer genauen Untersuchung und Analyse unterzog. Sein Vorgehen regte in weiteren Kreisen zur Nacheiferung an, so daß bald aus Plauen i. S., Weimar, Hamburg und zahlreichen anderen Orten Deutschlands, ja sogar Englands und Amerikas Berichte über ähnliche Experimente und deren Ergebnisse vorlagen.

Dr. Hartmann stellte an die Kinder hundert Fragen, die sich auf das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich der Stadt Annaberg, auf Naturereignisse, Zeiteinteilung, die heimatliche Landschaft, auf Verkehrsmittel, Raum-, Zahl- und Farbevorstellungen, Religiöses und Soziales bezogen und zum Schluß, unter sonstigem, zu wissen verlangten, wie viel Kinder Märchen erzählen, Verschen aufsagen, einen Satz nachsprechen oder einen Ton nachsingen konnten, wie viel auf dem Kirchtum oder auf einem Tanzsaal gewesen waren usw. Die Ergebnisse dieser Erhebungen waren *über alle Erwartungen schlecht*. Von den Kinder hatten gesehen: einen im Freien laufenden Hasen nur 16 pZt., ein Eichhörnchen auf dem Baume 13 pZt., eine weidende Schafherde 33 pZt., einen Star vor dem Kasten 12 pZt., eine schwimmende Gans 40 pZt., eine Henne mit ihren Küchlein 28 pZt., den Kuckucksruf hatten gehört 12 pZt., den Gesang der Lerche im Felde 12 pZt., einen im Freien hüpfenden Frosch hatten gesehen 24 pZt., einen Bienenstand 9 pZt., einen Schmetterling auf der Blume 49 pZt., eine kriechende Schnecke 31 pZt., ein Aehrenfeld 22 pZt., ein Kartoffelfeld 54 pZt., einen Teich 70 pZt., eine Wiese 36 pZt., ein Tal 9 pZt., einen Fluß 33 pZt., eine Sandgrube 7 pZt., ein Bergwerk 6 pZt., einen Steinbruch 17 pZt.; es kannten ein Dreieck 10 pZt., ein Viereck 15 pZt., einen Kreis 43 pZt., einen Würfel 39 pZt., eine Kugel 80 pZt., die Wochentage 11 pZt., die Jahreszeiten 8 pZt. Den Zahlenraum von 1 bis 10 beherrschten 66 pZt., etwas von Gott wußten 59 pZt., von Jesus 16 pZt., von biblischen Geschichten 2 pZt., Gebete und Lieder kannten 23 pZt., den Gottesdienst 32 pZt., die Taufe 26 pZt., die Hochzeit 23 pZt.; die Zeit abzulesen verstanden nur 3 pZt. Nur verhältnismäßig wenige der vorhandenen Vorstellungen waren für die Schularbeit als Anknüpfungspunkte zu gebrauchen; die Mädchen erwiesen sich durchgängig reicher an verwendbaren Vorstellungen als die Knaben.

Die Hartmannschen Untersuchungen sind, wie schon bemerkt, in zahlreichen Orten und Ländern mit örtlich gebotenen Abänderungen wiederholt worden; die Ergebnisse waren da und dort dürftiger oder günstiger, im wesentlichen aber *überall dieselben*. In Rothenditmold (Hessen) fanden Henck und Traudt bei 7448 Untersuchungen 4196 brauchbare Vorstellungen (56 pZt.) und ein *Hamburger* Lehrer stellte in seinen Schulklassen fest, daß von 120 Kindern u. a. 49 nie hatten pflügen gesehen, 58 nie eine Schafherde, 70 nie ein wachsendes Veilchen, 90 hatten nie eine Nachtigall gehört, 89 hatten keinen Sonnenaufgang, 33 keinen Sonnenuntergang beobachtet usw. „Die Schulkinder,“ so bemerkte der betreffende Lehrer hierzu, „kennen Theater und Konzert, Ausstellung und Museen, Basare und Warenhäuser, kurzum, die Dinge der Kultur und Ueberkultur, aber die Grundlage aller Kultur, die Anschauungen von den Dingen, von dem Leben in der Natur, sind ihnen weltfremd. Eine Kochausstellung haben sie gesehen, aber fragt sie einmal, wie das allergewöhnlichste unserer Nahrungsmittel, das Brot, entsteht; wer von ihnen kann ein klares, auf Anschauung gegründetes Bild geben? Eine Raubtierfütterung anzusehen, ist ihnen ein Hochgenuß, aber laßt sie einmal erzählen, wie eine Schwalbe sich die Nahrung sucht, wie ein Spätzlein trinkt, und sie werden euch mit großen, fragenden Augen ansehen. Von hunderten und aberhunderten der gewöhnlichsten Dinge und Tätigkeiten haben sie nur Worte, aber keine Anschauung, also auch keine Vorstellung, also auch keinen rechten Begriff.“

Allen Untersuchungen gemeinsam ist das Ergebnis, daß sich in den Gedankenkreisen der Kinder eine gewisse Anzahl konstanter Vorstellungen zeigt. Eine Menge von Vorstellungen ist bei fast allen Kindern vorhanden, eine Anzahl anderer fehlt bei fast allen. Diese Erscheinungen für jeden Ort und für jedes engere oder weitere Gebiet, in dem die Lebensverhältnisse gleich sind, zu ermitteln, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Pädagogik, denn die bei allen Kindern anzutreffenden Vorstellungen haben die *naturgemäße Grundlage für die Anfänge des Schulunterrichts* zu bilden. Nicht minder wichtig aber ist die zweite Aufgabe, *die noch fehlenden Vorstellungen den Kindern so rasch wie möglich zu verschaffen*. Geschieht dies nicht, so operiert der Lehrer im Unterricht nur mit Worten, die Erziehung erschöpft sich im Vor- und Nachsprechen, Auswendiglernen, Aufsagen, Vor- und Nachmachen; die Schule wird zur Papageienschule, die sehr gute Dressurerfolge haben kann, aber niemals im stande ist, Menschen zu bilden. Am sichersten und bequemsten verhilft man den Kindern zu lebendigen Vorstellungen durch weitestgehende Berücksichtigung der Naturanschauung. Unser Schulunterricht spielt sich viel zu viel in Zimmern und Lehrsälen ab, *die Kinder gehören mehr ins Freie*, müssen bekannter werden mit der Natur, und zwar nicht durch Bilder, Präparate, ausgestopfte Tiere und dergleichen, sondern *durch persönliche Anschauung, durch eigenes Erleben, durch Wanderungen in der Umgebung der Städte und selbsttätiges Schaffen*. Je weiter die Kinder bisher davon entfernt blieben, je weniger sie bisher dazu Gelegenheit hatten, desto rascher und gründlicher muß dies nachgeholt werden. Gewiß sind dabei mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, aber sie müssen eben überwunden werden, wenn das Interesse und das Wohl der Jugend dies erheischt. Der Unterricht im Freien muß mehr und mehr den Unterricht in Schulräumen, die gerade für die gesündesten, tüchtigsten und hoffnungsvollsten unter den Schülern wahre Kerker sind, ablösen; die Türen der Schulen müssen geöffnet werden, damit unsere Jugend hinausströmen kann, um *von der Natur und vom Leben für das Leben* unterrichtet und erzogen zu werden. *Ceterum censeo*: Fort mit der Lern- und Wissensschule, her mit der Schule der Erfahrungswirklichkeit, des Schauens und Selbstschaffens, des *Erlebens*!

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*Fuente:* *Hamburger Echo*, 22. Jg., Nr. 98, domingo 26 de abril de 1908, Zweite Beilage, pág. 9 del número, columnas 1-3. Firmado «Von Otto Rühle». OCR del Deutsches Zeitungsportal (Deutsche Digitale Bibliothek, item WEBOPSFEKQB7UGNP3DDNDNOJSC2JMC3K) **cotejado íntegro con el facsímil de la pág. 9** (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19080426/2000/0/00000009.jpg). Todas las cifras comprobadas; el cotejo fijó «1880 bis 1884» (el OCR leía «1881»), «biblischen Geschichten 2 pZt.», «die Zeit abzulesen», «Henck» (por «Heuck»), «anzutreffenden», la división en párrafos y los espaciados, que se dan en cursiva (también *Ceterum censeo*, en Antiqua). Grafías y erratas del impreso conservadas: «Appenzeption», «Hamburger Jung'», «Kirchtum», «Von den Kinder», «im stande». Sin marcas de página: el artículo ocupa solo la pág. 9.
