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Title: Rückgratsverkrümmungen bei Schulkindern
Description: Hamburger Echo, 21. Jahrgang, Nr. 162, 14. Juli 1907, Erste Beilage
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1907-07-14%20R%C3%BCckgratsverkr%C3%BCmmungen%20bei%20Schulkindern
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# Rückgratsverkrümmungen bei Schulkindern.

Von Otto Rühle.

Unter den Krankheitserscheinungen im Schulpflichtalter, die sich unverkennbar als Schulkrankheiten charakterisieren, steht neben der Kurzsichtigkeit die Rückgratverkrümmung obenan. Man spricht von der *Schulskoliose* und versteht darunter die seitliche Verbiegung oder Verkrümmung der Wirbelsäule, die nicht auf entzündlichen Zuständen der Knochen oder zerstörenden Krankheiten, wie etwa der Tuberkulose, beruht, sondern ihren Grund hat in Wachstumsstörungen des Skeletts. Je nach dem Grade und dem Sitze der Verkrümmung unterscheidet man totale Skoliosen, die die ganze Wirbelsäule in Mitleidenschaft ziehen, lumbale, mit der Hauptkrümmung in der Lendengegend, dorsale, mit der Hauptkrümmung in der Brustwirbelsäule, und kombinierte. Wenn man eine in Lausanne gewonne Feststellung verallgemeinern darf, so machen die Totalskoliosen etwa 56 pZt., die lumbalen 20 pZt., die dorsalen 12,7 pZt. und die kombinierten 8,5 pZt. aller Skoliosen aus.

Im allgemeinen fällt auf, daß der Prozentsatz der mit Skoliose behafteten Kinder *ungewöhnlich groß* ist; er beträgt ungefähr ein Drittel vom Hundert, doch liegen auch Angaben bis zu 60 pZt. und sogar darüber vor. Hierbei sind allerdings die Kinder im vorschulpflichtigen Alter mit eingerechnet, doch ist ihr Anteil verhältnismäßig gering. Er beziffert sich nach Dr. Eulenburg auf 8 pZt., nach Dr. Schultheß auf 10 pZt., letzterer meint, man dürfe die Zahl getrost noch höher schätzen, „da die Skoliosen des vorschulpflichtigen Alters, wenn sie nicht auf ganz schwerer Rachitis beruhen, gemäß der langsamen Entwicklung der Deformität meistens verhältnismäßig geringe Grade zeigen und selten Gegenstand ärztlicher Behandlung werden“, jedoch vermag Dr. Schultheß irgendwelche Nachweise für die Richtigkeit seiner Meinung nicht zu erbringen. Die Skoliosen, die im vorschulpflichtigen Alter beobachtet werden, sind meistens angeboren — besonders bei Kindern von Arbeiterinnen, die bis zu ihrer Niederkunft schwere Arbeiten verrichten mußten oder bei ihrer Erwerbstätigkeit zu unvorteilhafter Körperhaltung auch während der Schwangerschaft gezwungen waren — im anderen Falle sind sie durch Rachitis erworben, die ihre Ursache in unzureichender und unzweckmäßiger Ernährung der Kinder, also in der *Armut und sozialen Notlage der proletarischen Schichten* hat. Sie bewirkt bei dem Kinde ungenügende Festigkeit der Knochen und des Zwischenknorpels der Wirbelsäule und schafft damit die Disposition zur Rückgratverkrümmung, die entweder im Hause schon, ganz sicher aber später in der Schule entsteht. Der höchste Prozentsatz von Skoliosen im vorschulpflichtigen Alter wurde von Wisser ermittelt, nämlich 40 pZt., doch ist diese Zahl von keinem anderen Beobachter auch nur annähernd jemals erreicht worden, weshalb die Annahme wohl nicht unberechtigt ist, daß man es hier mit einem Beobachtungsfehler oder mit ganz abnormen Entwicklungsverhältnissen bei Kindern zu tun hat.

Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Rückgratverkrümmungen wird *in der Schule erworben*, wo eine unvernünftige Lehrmethode die Kinder in den Jahren ihrer schnellsten Körperentwicklung verurteilt, tagaus, tagein auf meist ungeeigneten Schulbänken stundenlang still zu sitzen und wo besonders beim Zeichnen-, Rechen- und Schreibunterricht eine gänzlich verkehrte Unterrichtspraxis die Kinder zu schlechter Körperhaltung oft geradezu zwingt. Kein Geringerer als der bekannte Wiener Chirurg, Prof. Lorenz, der durch seine bedeutsamen schulhygienischen Arbeiten, besonders der Erforschung und Behandlung der Skoliose, neue Wege gewiesen hat, bezeichnet in seinem Werke über die Pathologie und Therapie der seitlichen Rückgratsverkrümmungen die Skoliose direkt und mit aller Bestimmtheit als *Schulkrankheit*. Auch Dr. Schultheß, der im allgemeinen einen der Schule freundlichen Standpunkt einnimmt, kann nicht umhin, zu erklären, daß „die linkskonvexe Totalskoliose und die Lendenskoliose bei Mädchen als eine speziell durch den Schulbesuch in hohem Maße begünstigte Form“ zu betrachten sei. Ebenso setzen Hoffa, Schenk, Kocher, Mayr-Fürth u. a. die Hauptschuld an der Entstehung der Skoliose auf das Konto der Schule. Virchow war früher geneigt, dem Hause mehr Schuld beizumessen als der Schule, er hat sich aber später, wie Ettlinger berichtet, durch Besuch in den Schulen davon überzeugt, daß seine Annahme unbegründet war. Nach Dr. Eulenburg bilden sich denn auch 89 pZt., nach Prof. Baginsky 88,7 pZt., nach Dr. Fahrner 90 pZt. aller Skoliosen zwischen dem sechsten und vierzehnten Jahre, und zwar bei Kindern, die die Schule besuchen, so daß mit Recht von einer Schulskoliose gesprochen werden darf. Dies um so mehr, wenn man die Ergebnisse folgender Untersuchungen mit in Anrechnung setzt:

Dr. Mayer-Fürth fand unter 336 Mädchen der Volksschule 189 nicht gerade gebaut. Gleichzeitig ergab sich, daß im Verlaufe der Schulzeit die Zahl und Bedeutung der Skoliosen zunahm. Es waren nämlich im ersten Schuljahr 40 fehlerlos und 31 (43,6 pZt.) fehlerhaft, im zweiten Schuljahr 32 fehlerlos und 42 (56,7 pZt.) fehlerhaft, im dritten Schuljahr 29 fehlerlos und 37 (56 pZt.) fehlerhaft, im vierten Schuljahr 30 fehlerlos und 40 (57,1 pZt.) fehlerhaft und im 5. Schuljahr 16 fehlerlos und 39 (70,9 pZt.) fehlerhaft. Bei zwei Knabenklassen (erstes Schuljahr) zeigten sich zu Beginn des Schuljahres 29 pZt., am Ende aber 55 pZt. Verkrümmungen.

Dr. Krug ermittelte, wie er im Jahrbuch für Kinderheilkunde mitteilt, ebenfalls ein rasches Aufsteigen des Prozentsatzes nach den Klassen, und zwar bei den Mädchen im neunten Altersjahr 11 pZt., im zehnten 16,5 pZt., im elften 28 pZt., im zwölften 27 pZt., im dreizehnten 35 pZt. und im vierzehnten bis sechzehnten 32,5 pZt.; bei den Knaben in denselben Stufen 17, 17,5, 21, 20, 31 und 31,5 pZt.

Eine ganz eklatante Steigerung des Prozentsatzes haben auch Bardenheuer und Castenholz nachgewiesen; sie fanden im ersten Schuljahr 0 pZt., im zweiten 6 pZt., im dritten 19 pZt., im vierten 27 pZt., im fünften und sechsten 32 pZt. Skoliosen.

Von zahlreichen weiteren Untersuchungen sei nur noch eine erwähnt, die in Lausanne von Scholder, Weith und Combe vorgenommen wurde. Nach ihren Resultaten zeigt der Anstieg mit den Altersklassen folgende Reihe: 8. Jahr 9,7 pZt. Mädchen und 7,8 pZt. Knaben, 9. Jahr 20,1 pZt. Mädchen und 16,7 pZt. Knaben, 10. Jahr 21,8 pZt. Mädchen und 18,3 pZt. Knaben, 11. Jahr 30,8 pZt. Mädchen und 24,2 pZt. Knaben, 12. Jahr 30,2 pZt. Mädchen und 27,1 pZt. Knaben, 13. Jahr 37,7 pZt. Mädchen und 26,3 pZt. Knaben, über 13 Jahre 26,8 pZt. Mädchen und 33,3 pZt. Knaben. Der Abfall in der Frequenz bei den Mädchen über dem 13. Lebensjahr erklärt sich daraus, daß zwei Klassen nicht untersucht werden konnten. Besonders bemerkenswert ist, daß die Totalskoliose, die zirka 56 pZt. aller Skoliosen überhaupt umfaßt, am meisten zugenommen hat, nämlich von 4,3 pZt. bis 22,5 pZt. bei den Knaben und von 6,8 pZt. bis zu 14,8 pZt. bei den Mädchen; dieses Ansteigen der Totalskoliose liefert, wie Dr. Schultheß sich ausdrückt, das Hauptmoment im Ansteigen der Skoliosenfrequenz im ganzen.

Was die Häufigkeit des Vorkommens der Skoliose nach den Geschlechtern betrifft, so äußert sich Dr. Erismann, daß zehnmal mehr Mädchen als Knaben daran leiden. Dr. Guillaume fand in Neuchatel unter 350 Knaben 62 (17,7 pZt.), unter 381 Mädchen 156 (40,9 pZt.) mit Rückgratverkrümmungen, von den insgesamt 731 Schülern und Schülerinnen waren 218 in größter Gefahr, für ihr ganzes Leben einen arg verunstalteten Körper zu haben. In den Schulen von Zug fanden sich 15 pZt. der Knaben und 22 pZt. der Mädchen mit Skoliose behaftet. Man hat gemeint, dies rühre vielleicht daher, daß viele Schulmädchen zu Hause ihre kleinen Geschwister tragen müssen, und zwar geschieht dies fast ausschließlich auf dem linken Arme. Dadurch ist der Schwerpunkt des Körpers nach dieser Seite verlegt und infolge der Neigung des Körpers nach rechts ist Gelegenheit zu einer Ausbiegung der Wirbelsäule nach links gegeben. Auch die stets auf dem linken Arme getragenen Kinder neigen sich, namentlich wenn sie muskelschwach oder rachitisch sind, mit der rechten Körperseite gegen ihre Trägerin, und auf diese Weise soll nach Eulenburg die größte Zahl der rachitischen Skoliosen im frühen Kindesalter entstehen. Schildbach glaubt eine Ursache zur Skoliosenbildung darin suchen zu dürfen, daß die Mädchen beim Sitzen die Röcke nach einer Seite schieben und auf dieser daher höher sitzen, so daß der Körper eine schiefe Stellung annimmt. Auch die schweren Büchertaschen, die meist von Mädchen, seltener von Knaben getragen werden, hat man für die Entstehung von Skoliosen verantwortlich gemacht. Uebrigens steht der fast durchgängig erhobenen Behauptung, „alle“ Beobachter hätten „übereinstimmend“ konstatiert, daß Mädchen infolge ihrer schwächeren Skelettbeschaffenheit der Skoliose eher verfallen als Knaben, die Tatsache gegenüber, daß Krug bei den Knaben 26 pZt., bei den Mädchen nur 22,5 pZt., und Wisser bei den Knaben 55 pZt., bei den Mädchen nur 45,6 pZt. als skoliotisch befanden.

Die Skoliose bildet sich, sofern sie funktionellen Ursprungs ist, in der Regel dergestalt aus, daß anfänglich die Ausbiegung der Wirbelsäule nur während der unrichtigen Körperhaltung besteht und sich sofort wieder ausgleicht, sobald die Körperhaltung wieder eine symmetrische ist. Mit der Zeit aber, wenn die schlechte Haltung immer wiederkehrt und vielleicht auch jedesmal längere Zeit hindurch andauert, verliert die Wirbelsäule ihre Elastizität, die Formveränderung der Wirbelsäule überdauert die schlechte Körperhaltung, wird dauernd und verliert sich auch nicht wieder bei aufrechter Haltung. Mit der Zeit kommen dann noch eine Höherstellung der Schulter, ein Schiefwerden der Hüfte und eine Ausbuckelung der Rippen hinzu, in weiterer Folge auch eine Verschiebung der inneren Organe, besonders der Lungen und des Herzens. Ist das erwachsende, schon von der Schulzeit her skoliotische Kind obendrein noch durch seinen Beruf (Schreiner, Bäcker, Bergmann usw.) zu einer schiefen Körperhaltung häufig gezwungen, so entsteht die Berufsskoliose und der Körper kann auf diese Weise in schlimmstem Maße verunstaltet werden.

Die Hauptursache der Schulskoliose ist zweifellos die durch die übliche schiefe Schriftlage und das Schieflegen der Schreibebücher bedingte *schlechte Körperhaltung* beim Schreibunterricht. 90 pZt. der auftretenden Verkrümmungen sind linkskonvex, stimmen also mit der beim Schreiben üblichen Rückenstellung überein. Schenk betrachtet die Totalskoliose einfach als die fixierte Schreibhaltung, seitdem er gefunden hat, daß 80 pZt. aller schreibenden Kinder eine Haltung einnehmen, die der linkskonvexen Totalskoliose entspricht, und selbst der so vorsichtige Dr. Schultheß ist geneigt, diese Art der Rückgratverkrümmung als Schulskoliose gelten zu lassen. Auch Dr. Mayer-Fürth erklärt, „die heute gebräuchliche rechtsschiefe Kurrentschrift ist entschieden ein veranlassendes Moment mit für die Entstehung der seitlichen Wirbelsäulenverkrümmung der Kinder“. Ebenso ist, und darin sind alle Forscher einmütig, die Rechtslage des Heftes zu verwerfen. Sie zwingt dazu, Kopf, Schultern und Arm nach rechts zu schieben, die linke Schulter zu heben und die rechte zu senken. Dadurch verliert die Wirbelsäule ihre aufrechte Haltung und wird nach links gekrümmt. In richtiger Konsequenz dieser Erkenntnis hat deshalb bereits 1891 der internationale schulhygienische Kongreß die Einführung der Steilschrift, mit der naturgemäß gleichzeitig die Rechtslage des Heftes in Wegfall kommt, den Schulbehörden angelegentlichst empfohlen, eine Anregung, die seitdem in vielen Schulen bereits Beachtung gefunden hat, und zwar mit dem Erfolge, daß die Körperhaltung der betreffenden Kinder eine viel bessere geworden ist. Dr. Mayer-Fürth fand folgende Durchschnittszahlen: bei Steilschrift saßen gut 49,5 pZt., fast gut 35,5 pZt., ungenügend 15 pZt.; dagegen bei Schiefschrift gut nur 5,1 pZt., fast gut 33,1 pZt. und ungenügend 61,5 pZt.

Aber damit nicht genug. Die Hauptgefahr für Kinder, die an mehr oder weniger ausgesprochener Skoliose leiden, bildet die *lange Sitzzeit* in der Schule; durch sie wird die abnorme Weiterbildung der abnorm gewachsenen Wirbelsäule begünstigt. Bewegung und Tätigkeit würden den Körper zu Veränderungen seiner Haltung zwingen und damit auch gegen die skoliotische Verbildung einen Ausgleich schaffen; das Sitzen aber macht die Verkrümmung stabil. Es liegt also auf der Hand, folgert hieraus Dr. Küster sehr richtig, daß der geistige Unterricht noch viel mehr als bisher unterbrochen werden muß durch *körperliche Bewegungen*, wie durch Turnen und Spiele im Freien, durch Exerzieren und durch Handfertigkeitsunterricht. Dr. Schultheß fordert ebenfalls Abkürzung der Sitzzeit und weiter, wie unzählige andere mit ihm: strenge Innehaltung der stündlichen Pausen, richtige Beleuchtung der Arbeitsplätze, Beschaffung guten Schulmobiliars (Auswahl unter 200 Schulbanksystemen!) und für erheblich Verkrümmte Einrichtung von Spezialklassen. Dr. Petersen stellte auf der 4. Hauptversammlung des Deutschen Vereins für Gesundheitspflege folgende auf die Frage der Rückgratverkrümmung bezügliche Leitsätze auf: 1. Die Schule soll das Mögliche zur Verhütung der Wirbelsäulenverbiegung leisten: a) durch aktive Gegenarbeit gegen die Entstehung durch Turnen und Turnspiele, b) durch günstige Schulräume und Sitze, durch richtige Folge der Lehrstunden, c) durch Unterweisung der Lehrer über die hauptsächlichen schlechten Angewohnheiten der Schulkinder beim Sitzen. 2. Die Schule soll die frühzeitige Entdeckung der Skoliose herbeiführen, a) indem bei der Aufnahme in die Schule alle Kinder obligatorisch durch den Schularzt untersucht werden, b) indem diese Untersuchungen in regelmäßigen Zeiträumen — wenigstens jährlich einmal — wiederholt werden, c) indem die Lehrer, nachdem ihnen die Augen für diese Dinge geöffnet sind, jedes Kind, das sich eine schlechte Haltung angewöhnt, dem Schularzt zuführen. 3. Die Schule hat an ihrem Teil für die sofortige Behandlung aller Skoliosen zu sorgen, und zwar a) müssen von schulwegen an Stelle der sonstigen Turnstunden obligatorische Skoliosenturnstunden — in entsprechend vermehrter Anzahl — eingerichtet werden, b) für die ohnehin schwächeren Skoliotisten muß Nachmittags ausgiebige Schulfreiheit — je nach dem Fall — gewährt werden, damit die Kinder vor und nach dem Turnen die dringend notwendige Ruhezeit haben, c) die Auswahl der Fälle hat durch den Schularzt zu erfolgen, die zeitweilige Kontrolle und richtige Auswahl der Uebungen ꝛc. muß womöglich spezialistisch vorgebildeten Aerzten übergeben werden, namentlich die schweren Fälle, d) die Turnkurse werden in den vorhandenen Turnanstalten, eventuell in Krankenhäusern an möglichst zahlreichen Orten einzurichten sein, um eine Beteiligung der Kinder auch aus Nachbarorten zu ermöglichen (Freifahrschein — zeitweises Uebersiedeln des Kindes — Anlernen der Mütter ꝛc.), e) als Leiter der Kurse sind weibliche Kräfte zu beschaffen, deren Ausbildung am besten in Krankenhäusern erfolgt, f) die Kosten werden durch kleine Beiträge der nicht ganz Unbemittelten und größere Normalsätze der Bemittelteren, sowie durch Privatkurse der Wohlhabenden aufgebracht; die Kinder mittelloser Leute müssen alles umsonst haben, g) diese Aufgaben der Schule bedürfen dringend einer Ausdehnung auch auf Privatschulen und Pensionate höherer Töchter.

Von all diesen Forderungen ist bisher nur ein ganz *winziger Teil in ganz vereinzelten Fällen* durchgeführt. In Leipzig besteht ein orthopädischer Turnunterricht für Skoliotische, ebenso in Schöneberg bei Berlin seit April 1906. In Mainz werden skoliotische Kinder auf städtische Kosten von orthopädischen Aerzten behandelt. Das ist alles. Zu höheren Leistungen hat sich auf diesem Gebiete der Schul- und Volkshygiene unsere bürgerliche Gesellschaft noch nicht emporzuschwingen vermocht. Die Einführung der Steilschrift, die Beschränkung auf das lateinische Alphabet, die Betonung des schnellen, flüssigen und leserlichen Schreibens an Stelle der heute üblichen Schönschrift haben sich nur immer erst noch als Experiment durchzusetzen vermocht, am hartnäckigsten aber erweist man sich im zähen Festhalten an alten Zöpfen auf dem Gebiete der Schulreform, soweit sie sich auf die Gesamtmethode bezieht und eine Umkehr von der Verstandesschulung zur harmonischen Menschenbildung, vom Drill zur Erziehung, vom passiven Aufnehmen fertiger Wahrheiten zum selbsttätigen Erwerben werdender Geistes- und Seelenschätze erstrebt. Man scheint auch hier, ehe man zu einer Erziehung gelangt, die den Körper aus den Fesseln tyrannischen Zwanges zur Untätigkeit befreit und ihm seine Gesundheit, Frische und Wohlgestalt wiedergibt, das Wort W. v. Humboldts wahr machen zu wollen, daß es in Deutschland immer erst zwei Jahrhunderte dauert, bevor eine Dummheit beseitigt wird.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Rückgratsverkrümmungen bei Schulkindern», *Hamburger Echo*, 21. Jahrgang, Nr. 162, Hamburgo, 14 de julio de 1907, Erste Beilage, pág. 5 del número (columnas 1-3). Transcripción cotejada línea a línea con el facsímil de la página (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, https://pic.sub.uni-hamburg.de/PPN1754726119_19070714/2000/0/00000005.jpg, vía Deutsches Zeitungsportal, item QGTB3UBZCA6KHTJJQ7RTQDXMZGJH65M3); la primera versión se había hecho solo desde el OCR del proveedor. Todas las cifras coinciden con el impreso; corregidos sobre la imagen «4. Hauptversammlung» (no 1.), «Zeichnen-», «Skoliotisten», «werdender», la división en párrafos y el alcance de las cursivas (espaciado). Se conservan las grafías del impreso: «Mayr-Fürth» junto a «Mayer-Fürth», «gewonne», «ein Drittel vom Hundert», «ꝛc.» y «usw.».
