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Title: Psychische Alterstypen
Description: Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 52, 15. März 1906, S. 206-207; gezeichnet: O. R.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1906-03-15%20Psychische%20Alterstypen
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<!-- Encabezamiento: «(Nachdruck verboten.)». Firmado al final: «O. R.» -->

# Psychische Alterstypen.

Es ist eine uralte Beobachtung, daß bei normaler Entwickelung des Menschen parallel mit dem körperlichen Wachstum auch die geistige Reife zunimmt. Mit jeder Altersstufe verändert sich das Bild der menschlichen Psyche, und je nachdem die medizinische und pädagogische Erfahrung zur Unterscheidung gewisser allgemeiner Altersstufen geführt hat, unterscheidet auch die Psychologie, je nach den Formen, die das Denken, Fühlen und Wollen auf diesen Altersstufen annimmt, sogenannte *psychische Alterstypen*. Es liegt nahe, daß die Berücksichtigung der Alterstypen für die Erziehung des Kindes von größter Bedeutung ist.

Die Einteilung der Menschen in junge und alte, unmündige und mündige entbehrt der wissenschaftlichen Bedeutung, auch die bekannte Dreiteilung: Kindheit, Jugend, Alter ist noch laienhaft. Erst in der Erkenntnis, daß das 6.—7. Lebensjahr als Zeitpunkt des Zahnwechsels und das 14. Lebensjahr als Beginn der Geschlechtsreife richtige Wendepunkte in der Entwicklung des Menschen bedeuten, zeigen sich Spuren wissenschaftlicher Beobachtungs- und Forschungsarbeit. Die Namen *Solon* und *Hippokrates* kennzeichnen diese Periode. Verhältnismäßig spät erst kam man dazu, sich über den Anfang der dritten Altersstufe zu einigen; im sechsten Jahrhundert nach Roms Erbauung setzte man das 25. Lebensjahr hierfür fest. Vier Altersstufen: Kindheit, Jugend, Mannes- und Greisenalter besang *Horaz* ein Jahrhundert vor Christi Geburt.

Bei den Germanen spielte seit alters die Siebenzahl eine Rolle. Wir kennen die Einteilung der Ritterlaufbahn in Stufen von je sieben Jahren, wir wissen, daß der Schulbesuch auf sieben, jetzt zum großen Teil acht Jahre bemessen wurde.

Als erst Pädagogen und Psychologen sich über die Wichtigkeit der Altersstufen klar zu werden anfingen und demgemäß der Entwickelung des Kindes eine sorgfältigere Beobachtung widmeten, kamen bald verschiedene Methoden auf, nach denen die Altersstufen bemessen wurden. Amos *Comenius* (1591—1670) unterschied von der Geburt an sechsjährige Perioden: Mutterschoß, Muttersprechschule, Lateinschule, Akademie. Der Physiologe *Burdach* (1770—1847) legte den Stufen als Einheit die Dauer des Fruchtlebens von 40 Wochen zu Grunde; zu gleicher Zeit wandte der Theologe *Schwarz* (1766—1837) der Frage der Alterstypen große Aufmerksamkeit zu: sein „System der Erziehung“ ist nichts anderes als eine Entwickelungsgeschichte des Menschen, wobei die Altersstufen in ihren physischen wie psychischen Typen die einzelnen Abschnitte bestimmen. Auch der Theologe *Denzel* (1773—1838) stellte in seiner Weise „Hauptperioden der geistigen Entwickelung“ fest. *Jean Paul* (1763—1825) fördert in seinem Erziehungswerke „Levana“ reiches Material zur Theorie der Alterstypen zu Tage, ebenso *Fröbel*, der Begründer der Kindergärten (1782—1852), in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts“. Zu derselben Zeit machte die pädagogische Schriftstellerin Albertine de *Necker-Saussure* in einem Werke den Versuch, die ganze Erziehungsarbeit am Kinde nach den einzelnen Stufen von dessen seelischer Entwickelung anzuordnen, und *Herbert* (1776—1841) unterschied in seinem Buche „Umriß pädagogischer Vorlesungen“ vier Altersstufen: die ersten drei Lebensjahre, das vierte bis achte Lebensjahr, das Knaben- und das Jünglingsalter. Andere Pädagogen zerlegten die achtjährige Schulzeit in weitere Stufen von zwei, vier und wieder zwei Jahren.

So schätzbar diese und ähnliche Gaben alle sind, bemerkt hierzu Hartmann in Reins Encyklopädie, einen Mangel zeigen sie schließlich alle: sie übergeben das eigentlich Wertvolle, nämlich das Beobachtungsverfahren und das Beobachtungsmaterial, mit Stillschweigen. Man weiß also nicht, worauf sich die allgemeinen Behauptungen und Sätze stützen.

Die Basis wurde erst zuverlässiger, als es der Psychologie gelungen war, zu einer tieferen Kenntnis der Funktionen des Kindergehirns und einem genaueren Einblicke in die Entwickelung des jugendlichen Seelenlebens zu gelangen.

Schon 1787 hatte der Marburger Professor *Tiedemann* auf Grund der Beobachtungen seines 1781 geborenen Sohnes genaue Aufzeichnungen über „Die Entwickelung der Seelenfähigkeit bei Kindern“ gemacht, doch fanden diese erst 75 Jahre später in Deutschland Beachtung, als sie in französischer Uebersetzung zum zweitenmal erschienen. Inzwischen hatte Charles *Darwin* sorgfältige Beobachtungen über die Entwickelung seines Sohnes gesammelt, doch bevor die Publikation erschien (1877), tauchte auf dem Büchermarkte eine Schrift von *Löbisch*: „Entwickelungsgeschichte der Seele des Kindes“ auf, die jedoch wenig beachtet wurde, bis 1856 das Schriftchen „Kind und Welt“ aus der Feder des Rudolstädter Arztes Berthold *Sigismund* erschien, das von bahnbrechender Bedeutung war. Auch diese Schrift geht auf Beobachtungen zurück, die der Verfasser an seinem Söhnchen gemacht hatte. Als er aber, wie er im Vorwort berichtet, seine Aufzeichnungen mit den an anderen Kindern gemachten Beobachtungen verglich, bemerkte er so wesentliche Abweichungen und Verschiedenheiten, daß er sich entschloß, Beobachtungsbogen an eine Anzahl Mütter abzugeben und die so gewonnenen Resultate mit den seinen zu verarbeiten, um auf diesem Wege zu allgemein gültigen Gesetzen der menschlichen Entwickelung zu gelangen. Aehnlich ging *Kurtmann* vor, der in seinem „Tagebuch der Erziehung“ Formulare zum Eintragen von Beachtungsergebnissen veröffentlichte, worin er besonders die ersten sechs Lebensjahre berücksichtigte: die Säuglings-, die Naivitäts- und die Naseweisheitsstufe. Später erschienen noch *Kußmauls* „Untersuchungen über das Seelenleben des neugeborenen Kindes“ und in Frankreich *Perez'* bedeutendes Werk „Die Psychologie des Kindes“ (1878), bis 1882 Professor *Preyer* mit seinem epochemachenden Buche „Die Seele des Kindes“ alle bisher auf dem Gebiete der Kinderpsychologie geleisteten Arbeiten in den Schatten stellte. Ausgehend von Beobachtungen und Experimenten, die sich auf die Entwickelung seines Sohnes bezogen, bildete er die biographische Methode in mustergültiger Weise aus, um sodann zur vergleichenden Methode überzugehen. Sein Werk wurde grundlegend für alle weiteren Arbeiten auf dem Gebiete der Kinderbeobachtung und Kinderforschung, besonders auch im Auslande, wo Compayré in Frankreich, Sully in England und Stanley Hall in Nordamerika auf dem vorhandenen Material weiterbauten, auf neuen Wegen zu neuen Ergebnissen gelangten und die Wissenschaft über das Seelenleben der Kinder zu einer beachtenswerten Höhe der Entwickelung führten.

Damit war auch in großer Menge Material gewonnen, um in der Frage der psychischen Alterstypen klarer sehen und sicherer scheiden zu können. Man wurde sich einig darüber, daß die Zeit *vor Beginn der Schulpflicht* in zwei dreijährige Entwickelungsstufen zerfällt, während die *eigentliche Schulzeit* sich in vier Stufen gliedert, deren erste und zweite in der Regel zwei Lebensjahre umfassen; die letzten beiden sind von unbestimmter Dauer.

In den ersten drei Lebensjahren, die sich als *erste* Entwickelungsstufe charakterisieren, steht das Kind fast völlig unter der Herrschaft der Sinne. Mit der Aeußerung des Selbstbewußtseins beim Kinde tritt es in die *zweite* Entwickelungsperiode ein. „Das normale Kind ist jetzt etwa drei Jahre alt. Es verhält sich nun nicht mehr bloß aufnehmend, sondern auch reproduzierend. Es fängt an zu vergleichen, zu unterscheiden, nachzuahmen und zu kombinieren, Vorstellungsgruppen und -reihen zu bilden. Die Einbildungskraft regt sich, das Denken beginnt. Aus dem Anschauungskreis heraus gestaltet sich der Gedankenkreis. Das Kind spielt jetzt viel sinniger und

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selbständiger als zuvor, weiß sich zu unterhalten, auch wenn es allein ist, ist wißbegierig, hat hundert Einfälle. Es fragt viel und hört gern Geschichten erzählen, am liebsten solche, die seiner Einbildungskraft freien Spielraum gestatten. Auch wird es vorsichtig, aufmerksam und empfänglich für Lob und Tadel. Das Ehrgefühl erwacht, das sittliche Urteil meldet sich. Der Verkehr mit Altersgenossen wird ihm immer lieber, und da es gleichzeitig Gefallen an allerlei Beschäftigung findet, so sagt ihm der Aufenthalt in einem Kindergarten recht wohl zu.“ Diese Entwickelungsstufe, die sich bis zum Ende des sechsten Lebensjahres hinzieht, ist für die psychische Entfaltung und Reife des Kindes von allergrößter Wichtigkeit. Hier gilt es, den Anschauungskreis zu bilden, den der Lehrer beim Eintritt des Kindes in die Schule als vorhanden voraussetzen muß. Denn das Kind soll unterrichtsfähig sein, d. h. es soll über einen gewissen Grad intellektueller Reife verfügen, der es befähigt, dem Unterricht zu folgen und den dargebotenen Lehrstoff geistig zu verarbeiten. Dazu bedarf es einer Menge richtiger Vorstellungen und Begriffe, die dem neu hinzukommenden Wissensstoffe als Anknüpfungspunkte dienen können. Je größer der Vorstellungsschatz im vorschulpflichtigen Alter ist und je klarer und sicherer die einzelnen Vorstellungen ausgeprägt sind, desto leichter wird das Kind in der Schule begreifen und lernen, desto rascher wird sich sein Vorstellungs- und Gedankenkreis erweitern. Erfahrungsgemäß sind die meisten unserer Kinder, wenn sie zur Schule kommen, sehr arm an brauchbaren Vorstellungen, daher die Forderung, durch rege Spieltätigkeit, viel Bewegung in der freien Natur, Verkehr mit Kindern und — wenn irgend möglich — durch den Besuch eines gut geleiteten Kindergartens den Kindern auf bequeme und angenehme Weise zu einer größeren Summe brauchbarer Vorstellungen zu verhelfen.

Etwa vom siebenten Lebensjahre an bis zur Beendigung des achten steht das Kind auf der *dritten* Stufe der Entwickelung, die im Grunde nur eine Uebergangsstufe ist und sich im übrigen als Stufe der freien Einbildungskraft und des kindlichen Vertrauens kennzeichnet.

Ungleich wichtiger ist die *vierte* Stufe, auf der das mechanische Gedächtnis sich entwickelt. „Die Fähigkeit, erworbene Vorstellungen in ihrer ursprünglichen Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge wieder ins Bewußtsein zurückzurufen, eine Fähigkeit, die für die gesamte weitere geistige Entwickelung des Menschen von höchster Bedeutung ist, erreicht schließlich einen so hohen Grad der Stärke, daß man wohl sagen darf, das Kind steht jetzt hinsichtlich seiner geistigen Entwickelung unter der Herrschaft des mechanischen Gedächtnisses.“ (Hartmann). Der Knabe macht sich auf dieser Stufe durch große Beweglichkeit und Wildheit, Streitsucht, Rechthaberei und Neckerei bemerkbar; das Mädchen fällt durch sein verärgertes, zanksüchtiges und schmollendes Wesen auf. Der Erzieher muß sehr auf der Hut sein, um nicht durch Inkonsequenzen oder Schwächen, die von den Kindern sofort entdeckt und gründlich ausgebeutet werden, seine Autorität und damit seinen Einfluß gänzlich zu verlieren.

Die *fünfte* Altersstufe ist die des „aufstrebenden Verstandes und eines durch zunehmende sittliche Einsicht beeinflußten Verhaltens“, der sich als *sechste* die Stufe des „vorherrschenden Verstandes und eines durch sittliche Ideen bestimmten Handelns“ anschließt. Das ist die Zeit, in der die Kinder — wie man sagt — verständiger werden, die Bildung psychischer Begriffe macht rasche Fortschritte und die Herrschaft des Verstandes tritt immer entschiedener hervor. Zugleich festigt sich der Wille, die Energie gewinnt an Stärke, es bilden sich sittliche Maßstäbe und Grundsätze, die ganze Entwickelung wird in diesem Stadium beherrscht von einem erhöhten Streben nach Vollkommenheit.

Bemerkenswert ist noch, daß mit den Lebensaltern auch die Temperamente des Menschen zu wechseln pflegen. Lotze hat in seinem „Mikrokosmus“ dem Kindesalter das sanguinische, dem Jünglingsalter das sentimentale, der Mannheit das cholerische und dem Alter das phlegmatische Temperament als natürliche Stimmung zugeteilt.

In der bürgerlichen Wissenschaft über die psychischen Altersstufen findet sich *eine* Feststellung nicht, obgleich sie ganz allgemein bekannt ist, nämlich die, daß die psychische Entwickelung des Kindes in vielen Stücken in demselben Maße beeinträchtigt wird, in dem die körperliche *unter der Ungunst der sozialen Verhältnisse* zu leiden hat. Diese Konstatierung interessiert uns in ganz besonderem Grade. Vereinzelt liegt schon wissenschaftliches Material vor, das in dieser Hinsicht Stützpunkte bieten könnte. An eine systematische Erforschung der Zusammenhänge zwischen physischer und psychischer Entwickelung *unter veränderten sozialen Bedingungen* ist die bürgerliche Kindespsychologie noch nicht herangetreten. Das *proletarische* Kind wartet seines Biographen noch. —

O. R.

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*Fuente:* «Psychische Alterstypen», *Unterhaltungsblatt des Vorwärts*, Nr. 52, Berlín, 15 de marzo de 1906, págs. 206-207; firmado «O. R.» (atribuido a Otto Rühle en la bibliografía de Stecklina, 2002). Transcripción hecha a partir de las imágenes de las páginas del número completo digitalizado por la Friedrich-Ebert-Stiftung (collections.fes.de, Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, titleinfo/308892), de resolución modesta, con el OCR de la fuente como apoyo. Se respetan la ortografía y los nombres tal como se imprimieron («Herbert», por Herbart; «Kurtmann»; «Beachtungsergebnissen»; las fechas de Burdach), y la falta de signo entre «verständiger werden» y «die Bildung», que se ha suplido con una coma. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
